Es sei hier auf eine weitere Bedeutung der Storchfabel hingewiesen, die zeigt, daß in ihr selbst der Familienroman in nuce enthalten ist. Wenn der Storeh die Kinder erst bringen muß, so gehören sie ja ursprünglich nicht den Eltern (zur Familie) und dieser Umstand dient sowohl den eigenen Abkunitsphantasien wie auch besonders gerne zur Ausschaltung der stören- den Konkurrentschaft der Geschwister, deren Erseheinen oder Nichterscheinen (Verschwinden oder Erscheinen in einem anderen Hause) dann ganz iu der Willkür des Menschen zu liegen scheint. Man vgl. z. B. dazu die Abkunfts- phantasien von Binswangers Bgtientin Irma (Jahrb. I, S. 294), die sich erinnert, mit 3 oder 4 Jahren immer behauptet zu haben, „daß sie dem Storch sicher zu schwer gewesen sei, deswegen habe er sie bei ihrer Mutter niedergelegt und nicht in dem benachbarten Palais. Eigentlich sei sie eine Prinzessin”: So ermöglicht die Storehfabel dem Familienroman eine vielseitige Ent- faltung und das zähe Festhalten der Kinder an dieser von den Erwachsenen verächtlich als „Ammenmärchen” beiseite geschobenen Tradition ist nicht zum geringsten Teil darin begründet, daß es dem Kinde eben gestattet, die Rolle der Eltern zu der bloß zufälliger Pflegepersonen zu degradieren, die weiter keinen Anspruch an das Kind haben, 152 STORCHFABEL UND TOTEMISMUS.
punkte könnte man auch die Einführung dieses Motivs parodi- stisch auffassen, indem das Kind mit verstellter Unwissenheit das Storchmärchen von den Eltern annimmt und in überlegener Weise hinzusetzt: Wenn mich ein Tier hat bringen können, so hat es mich auch säugen können. (Motiv des Dummstellens.) Es ist hier die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß das Tier überhaupt einen Teil seiner totemistischen Überschät- zung der Tatsache verdanken mag, daß es die Sexualvorgänge so offen verrät, während die Eltern bestrebt sind, sie zu ver- heimlichen. Wenigstens scheinen alle unsere Erfahrungen aus der individuellen Entwicklungsgeschichte auf diesen Zusammen- hang hinzuweisen, den insbesondere die analytische Durch- leuchtung der Tierphobien nahelegt'). Und so käme auch im totemistischen Vatertier neben der feindselisen Auffassung vielleicht eine zärtliche Sehnsucht zu ihrem Recht, welche die komplizierte Rolle des Vaters in ähnlicher Offenheit dargeboten wünscht wie die primitivere und nicht zu verbergende?) Auf- gabe des mütterlichen Tieres.
Wir könnten die Untersuchung nach der psychologischen Bedeutung des Mythus von der Geburt des Helden nicht als abgeschlossen betrachten, wenn wir nicht auch seine Beziehungen zu gewissen Geisteskrankheiten hervorheben würden, die auch jedem psychiatrisch nicht Geschulten auf- gefallen sein werden. Unsere Heldenmythen decken sich nämlich in vielen weSentlichen "Zügen mit den Wahnideen gewisser geisteskranker Personen, die an Verfolgungs- und Größenwahn leiden, den sogenannten Paranoikern.‘ Das Wahnsystem solcher Personen ist im Kern häufig wie unser Mythus aufgebaut und läßt daher, so unzugänrglich es auch 1) Vgl. Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrb. f, psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, Bd. I, 1, 1909, 8. 3/4 u. 8. 52, 2) In manchen Mythen heißt es verräterisch, die Mutter „verbarg” das Kind (etwa drei Monate lang), bis dies nicht mehr möglich war.
DER ABKUNFTSWAHN DER PARANOIKER. 153 m Dig m selbst psychoanalytischen Bemühungen ist, auf die gleiche psychische Motivierung wie der analysierbare neurotische Familienroman schließen. So behauptet der Paranoiker etwa, „die Leute, deren Namen er trage, seien nicht seine wirklichen Eltern, er sei tatsächlich der Sohn einer fürstlichen Person, habe aus einem geheimnisvollen Grunde beseitigt werden sollen und sei deswegen als Kind seinen ‚Eltern’ zur Pflege über- geben worden. Seine Feinde wollen nun die Fiktion aufrecht erhalten, daß er niederer Abkunft sei, um seine berechtigten Ansprüche auf die Krone oder große Reichtümer zu unter- drücken”!).
Wir haben diese innige Verwandtschaft unseres Mythus mit dem Wahngebilde des Paranoikers schon formal festgestellt in der Charakterisierung des Mythus als paranoides Gebilde, die nun auch inhaltliche Bestätigung im Abkunftswahn findet: Der auffällige Umstand, daß die Paranoiker den ganzen Roman offen erzählen, kann uns nicht mehr rätselhaft sein, seitdem uns die tiefgreifenden Untersuchungen Freuds gezeigt haben, daß sich die durch Analyse bewußt zu machenden Phantasien der Hysteriker inhaltlich bis ins Einzelne mit den Klagen ver- foleter Paranoiker decken und daß uns der identische Inhalt auch als -Realität in den Veranstaltungen Perverser zur Be- friedigung ihrer Gelüste entgegentritt‘). Beim Paranoiker olfen- bart sich aber auch deutlich der egoistische Charakter des 1) Abraham, a.a. O. S. 40. — Von einem ähnlichen Wahn bei einem Findelkind berichtet Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, S. 74.
Ich selbst hatte einmal Gelegenheit, die Wahnidee einer jungen Mutter, daß ihr das Kind vertauscht worden sei, analytisch zu studieren, und glaubte als Grundlage ihren eigenen — in die nächste Generation ver- schobenen — Familienroman vermuten zu dürfen (Mutteridentifizierung). (Die Analyse wurde leider durch den Krieg unterbrochen.) Der Kinder- tauseh, der hier in wahnhafter Form auftritt, erscheint im Heldenmythus als typisches Motiv (vgl. Kyros u. a.). Siehe auch den Hinweis auf das Salomonische Urteil (5. 127).
2) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Wien u. Leipzig 1905, S. 24, Anm., dann: Psychopathologie des Alltagslebens, 2. Aufl. Berlin 1907, 8. 115, Anm., und: Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität, a un Wi — 154 PSEUDOLOGIE UND HOCHSTAPELEI.
mm nm mm nn ganzen Systems, Für ihn ist die Erhöhung der Eltern, die er vornimmt, lediglich ein Mittel seiner eigenen Erhöhung und er stellt auch in den Mittelpunkt seines ganzen Systems in der Regel nur das Resultat des Familienromans mit dem apodiktischen Ausspruch: ich bin der Kaiser (oder Gott). Er setzt sich jedoch damit — in der Symbolik des Jraumes und des Mythus gesprochen, die aber auch die Symbolik jeder anderen, selbst der „krankhaften” Phantasietätigkeit ist -— nur an die Stelle des Vaters, womit ja auch der Held seine Auf- lehnung gegen den Vater abschließt. Beide können das aber, weil der Konflikt mit dem Vater, der nach dem Inhalt des Mythus auf die Verheimlichung der sexuellen Vorgänge zurück- geht, in dem Moment illusorisch, wird, wo der Knabe selbst erwachsen, selbst Vater geworden ist. Die aufdringliche Gebärde, mit der sich der Paranoiker an die Stelle des Vaters setzt also selbst Vater wird, mutet wie eine Illustration zu der häufigen Entgegnung an, die der kleine Knabe auf eine Zurecht- weisung oder Vertröstung seiner störenden Neugierde bereit hat, in den Worten: Warte nur, bis ich selbst Papa bin, werde ich alles das wissen. Der Paranoiker ist gleichsam ein Mensch, dem die Auflösung seines individuellen Konflikts mit dem . Vater’) und die Rechtfertigung im Massenprodukt des Mythus nicht gelungen ist, der aber auch an dem Versuch einer indi- viduellen Lösung dieser Aufgabe scheitert.
Vom Paranoiker, dessen Phantasie ihm die Realität wahnhaft ersetzt, unterscheidet sich der pathologische Lügner durch die wenigstens partielle Einsicht in die Unwahrheit dessen, was er an Stelle der Realität setzen möchte. Der Pseudo- logist ist imstande, den Familienroman mit dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit zu erzählen und wo er Glauben findet, da spricht die Gesellschaft von Hochstapelei, ohne daran zu denken, wie nahe verwandt die phantastische Lüge dem Wahn ist?). Derartige Fälle beschäftigen daher häufig die Irrenärzte und die Gerichte.
1) Siehe Freud: Jahrb, f. Psa. III, 1911, 5. 9ff. 2) Gewisse Bedingungen ihrer Entstehung untersucht Helene Deutsch: Über die pathologische Lüge. Int. Zeitschr. f, Psa. (im Druck).
Es sei hier nur der Fall einer Frau von Hervay kurz erwähnt, weil an ihn Alfred Freiherr v, Berger einige feinsinnige psycho- logische Bemerkungen geknüpft hat (Feuilleton der „Neuen Freie Presse? vom 6. November 1904, Nr. 14.441), die sich zum ‘leil mit unserer Auffassung des Heldenmythus berühren. So schreibt Berger: „Ich bin überzeugt, daß sie sich allen Ernstes für die uneheliche Tochter einer, aristokratischen russischen Dame hält. Wahrscheinlich rerte sich schon in der ersten Jugend in ihr der Wunsch, einen vornehmeren und glänzenderen Milieu durch die Geburt anzugehören, als demjenigen, von dem sie sich umgeben sah...So erwuchs aus dem Wunsch, eine Prinzessin zu sein, der Wahn, sie sei gar nicht die wirkliche Tochter ihrer Eltern, sondern das Kind einer vornehmen Dame, welche die Frucht ihres Fehltrittes der Welt verbarg, indem sie sie als Tochter eines Taschenspielers aufwachsen ließ...Einmal in diese Einbildung verstrickt, mußte sie jedes rauhe Wort, das sie kränkte, jede zufällige doppelsinnige Äußerung, die sie auffing, vor allem aber die Abneigung, die Tochter dieser Paares zu sein, als Beglaubigung ihres romanhaften Wahnes deuten und so wurde es zur Aufgabe ihres Lebens, sich die soziale Position, um die sie sich betrogen fühlte, zurückzuerobern. Als die mit zäher Energie betriebene, zuletzt tragisch abschließende Durchführung dieses Gedankens stellt sich ihre Biographie dar”!).
Einen weiteren Schritt auf der asozialen Bahn vom Para- noiker, der den Konflikten mit der Realität durch das Dis- simulieren auszuweichen sucht, und dem Pseudologisten, der als Hochstapler zum sozialen Lügner wird, bedeutet der wirki) Der weibliche Typus des Familienromans, wie er uns in diesem Falle von seiner asozialen Seite entgegentritt, ist vereinzelt auch als Heldenmythus überliefert. So wird von der späteren Königin Semiramis erzählt (bei Diodor II, 4), ihre Mutter, die Göttin Derketo, habe sie aus Scham in einer öden, felsigen Gegend ausgesetzt, wo sie von Tauben ernährt und von Hirten gefunden wurde, die das Kind dem Aufseher der königlichen Herden, dem kinderlosen Simmas schenkten, der sie wie seine eigene Tochter aufzog. Er nannte sie Semiramis, was in der syrischen Sprache Taube bezeichnet. Ihre weitere Karriere bis zur Alleinherrschaft, die sie ihrer männlichen Energie verdankte, ist ja historisch bekannt.
Andere Aussetzungssagen werden von Atalante, Kybele und Aörope erzählt (v. Roscher).
re 156 DER ATTENTÄTER (ANARCHIST) lich Asoziale.e Wie nämlich in der Äußerung der inhaltlich identischen Phantasien dem Hysteriker, der sie verdrängt hat, der Perverse gegenübersteht, der sie verwirklicht, so steht such dem kranken, passiven Paranciker, der eben den Wahn zur Korrektur der ihm unerträglichen Wirklichkeit braucht, der Aktive, der Verbrecher gegenüber, der die Wirklichkeit nach seinem Sinne zu ändern versucht: das ist für diesen speziellen Fall der Anarchist?). Auch der Held beginnt ja, wie seine Ablösung von den Eltern zeigt, seine Laufbahn im Gegensatz zur alten Generation; er ist Empörer und Erneuerer zugleich, er ist Revolutionär. Jeder Revolutionär ist aber ur- sprünglich eigentlich ein ungehorsamer Sohn, ein Aufrührer gegen den Vater®).(vgl. dazu den Hinweis Freuds im Anschluß an die Deutung eines „revolutionären Traumes”, Traumdeutung, 2. Aufl., S. 153, Anm.). Während aber der Paranoiker, seinem passiven Charakter entsprechend, Verfolgungen und Beein- trächtigungen zu leiden hat, die in letzter Linie vom Vater auszehen und denen er sich dadurch zu entziehen sucht, dab er sich selbst an die Stelle des Vaters, des Kaisers, setzt, bleibt der Anarchist dem heldenhaften Charakter darin treuer, daß er bald selbst zum Verfolger der Könige wird und, ganz wie der Held, schließlieh den König tötet.
Zum Verständnis des psychologischen Mechanismus dieser Einstellung bietet uns der Familienroman einen direkten Zugang wie ich an einigen mir zufällig bekannt gewordenen Beispielen 1) Bekanntlich gibt es unter den Anarchisten nicht wenige Paranoiker, wie diese anderseits oft Verbrecher (gemeingefährlich) werden können. Vel. bes. Penta: Parrieida paranoieo. Giorn. per i mediei periti ete. 1897.
2) Das ist besonders in den griechischen Göttermythen deutlich, wo der Sohn (Kronos, Zeus) erst den Vater beseitigen muß, bevor er die Herr- schaft antreten kann, Die Form der Beseitigung, nämlich die Entmannung, ist offenbar der stärkste Ausdruck der Auflehnung gegen den Vater, zugleich aber der Beweis ihrer sexuellen Herkunft. Über den Revanchecharakter der Entmannung sowie die infantile Bedeutung des ganzen Komplexes vgl. man Freud: „Über infantile Sexualtheorien” und „Analyse der FPhobie eines fünf- jährigen Knaben” (Il. e.).
Neuestens zum ganzen Thema: Paul Federn, Die vaterlose Gesellschaft. Zur Psychologie der Revolution. Wien 1920.
UND SEIN FAMILIENROMAN. 157 ao gr U zeigen konnte?). Sei es, daß die späteren Anarchisten oder Atten- täter als ausgesetzte (uneheliche) Findelkinder, denen einer oder beide Elternteile fehlten, den Anfang des Familienromans wirk- lich erleben und aus diesem Erleben heraus auch den sonst in der Phantasie vollendeten Familienroman realisieren mußten, wie beispielsweise der Anarchist Luccheni u.a. Sei es, daß der Familien- roman sonst irgendwie schicksalhaft ihr Leben beeinflußte wie bei Charlotte Corday, die sich über die Tatsache, daß ihr Vater ein verarmter Edelmann war, durch Phantasien ihrer hohen Abkunft von sagenhaften schottischen Königen hinweg- setzte?): In jedem Falle sehen wir das Verhältnis zu den Eltern in früher Kindheit entscheidend gestört?) und zwar in ganz ähnlicher Weise, wie es sich der Neurotiker phantasiert und wie es der Mythus für die Urzeit supponiert. Nur glaubt der Attentäter, sich für die Gesellschaft an ihren Führern zu rächen, während er sich in Wirklichkeit selbst am eigenen erhöhten Vater rächt, was die Gesellschaft auch durch Verurteilung der Tat zu erkennen gibt. Wenn man aber den Helden derselben Tat wegen feiert‘), ohne sich um ihre psychische Motivierung Der Familenroman in der Psychologie des Attentäters. Internat.
Zeitschr. f. Psa. I, 1913. 2) Ihr Biograph Henri d’Almeras faßt auf Grund derartiger Züge ihre Tat als Ausfluß hysterischer Stimmung, — Man vgl. auch die Schilderung ihrer einsamen Jugend durch Michelet (Die Frauen der Revolution, Langen, München).
3) Man vgl. die folgende Bemerkung von Eduard Bernstein über den bekannten Anarchisten Most: „Was ihm fehlte, war der innere Halt, ein Mangel, der vielleicht darauf zurückzuführen ist, daß er als Knabe sehr früh die Mutter verlor, die Stiefmutter haßte und im Vater den Komödianten verachtete. So mißlich es ist, aus persönlichen Er- fahrungen und seien ihrer noch so viele, allgemeine Schlüsse zu ziehen, so kann ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß so oft mir auf meinem Lebensweg Persönlichkeiten begegneten, die amgleichen Mangel litten, nähere Unterhaltung über ihre Jugend stets ergab, daß sie mit den Eltern in keiner seelischen Beziehung gestanden hatten.” (Aus einem Artikel „Einige Erinnerungen an August Bebel” in der „Frankfurter Zeitung” vom 24. August 1913.)
4) Vgl. den Gegensatz von Tell und Parrieida in Schillers Wilhelm Tell, den ich in einem anderen Zusammenhange näher beleuchtet habe (vgl. Inzestmotiv, S. 111 u. f.).
RE. SE RU SU m 158 DIE VATERRETTUNG (RETTUNGSPHANTASIE) ge zu kümmern, so könnte billig den Anarchisten der Umstand vor den härtesten Strafen schützen, daß er — bei scheinbar noch so guter anderweitiger, etwa politischer Motivierung seiner Tat — auch einen ganz anderen tötete, als er eigentlich vermeinte!).
Von dieser ins Pathologische verzerrten Heldenrolle des anarchistischen Attentäters wenden wir uns einem letzten, sonderbaren Ausläufer des Familienromans zu, der in den mythischen Überlieferungen angedeutet ist, in denen der Held scheinbar seinen Vater an einem gemeinsamen Feind zu rächen hat. Wie bereits angedeutet, handelt es sich dabei auch nur um eine mehr entstellte Form der Rache am Vater; ihr indi- viduelles Gegenstück finden wir in den häufigen Phantasien der Pubertätszeit von der Rettung einer bekannten Persönlichkeit (Kaiser) aus Lebensgefahr, was sich uns leicht als Vaterrettung erschließt. Freud hat gezeigt?), daß diese Phantasie der Pubertäts- jahre das Gegenstück zur zärtlichen Rettung der Mutter (aus der Gewalt des Vaters) darstellt und versucht, dem Vater, dem man nichts mehr verdanken will, das Geschenk des Lebens durch ein gleichwertiges Gegengeschenk zu vergelten. Wie der mythische Familienroman selbst würde also auch die Rettungs- phantasie auf Verleugnung des Vaters und Attachement an die Mutter hinauslaufen®). Nur zeigt sie eine starke Versöhnungs- tendenz dem Vater gegenüber, die aus der allmählichen Identi- fizierung mit ihm und der daran geknüpften Vergeltungs- furcht stammen mag. Der heranwachsende Sohn will sich gleichsam vor dem eigenen Vaterwerden sozusagen mit dem Vaterprinzip aussöhnen, damit er seinerseits von seinem Sohne geschont werde. Er rettet dem Vater das Leben, aus Dankbarkeit für das eigene Leben, das ja seinerzeit durch 1) Man vergleiche dazu das Fehlatteniat der Tatjana Leontiew und seine feine psychologische Durchleuchtung bei Wittels: Die sexuelle Not. (Weibliche Attentäter). Wien u. Leipzig, 1909.
2) Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim.Manne, Jahrbuch ®) Rank: Belege zur Retiungsphantasie. Zentralbl. f. Psa. I, 1911, S. 335 f. -—— Dazu neuestens Abraham: „Vaterrettung und Vatermord in den neurotischen Phantasiegebilden.” Int, Zeitschr. f, Psa. (im Druck).
a nn ne ae nn a aa ALS VERSÖHNENDER ABSCHLUSS (REVANCHE). 159 die Aussetzung (Zeugung) des Vaters eigentlich gerettet (geboren) worden war!). So stellt die Rettungsphantasie letzten Grundes den versöhnenden Abschluß des Familienromans dar, indem der Sohn, in vollkommener Revanche für seine Jugendgeschichte, den Vater in eine eroße Lebensgefahr bringt (Aussetzung), um ihn aus dieser zu erretten. Möglicherweise drückt sich darin ein Kulturfortschritt der jüngeren Generation gegenüber der älteren aus, der dabei gezeigt wird, wie großmütig man in dieser Situation handeln solle. Der Sohn vollbringt damit in der Phantasie dasselbe, was erin bezug auf sein eigenes Leben vom Vater phantasierte, er handelt also (am Vater) wie der Vater (an ihm), d. h. er identifiziert sich mit ihm und ist so imstande, den Vaterkomplex samt dem damit verbundenen Familienroman zu überwinden.
Hier aber, an der schmalen Grenzscheide, wo sich das unschuldige kindliche Phantasieleben, die ins Unbewußte ver- drängten neurotischen Phantasmen, die diehterische Mythen- bildung und gewisse Formen der Geisteskrankheit und des 1) Wie eng „retten” und zurweltikommen im Unbewuößten verbunden sind, zeigt ein mir von S, Ferenezi mitgeteilter Fall, in welchem der Lebens- retter zum Vater erhoben wird: Ein später an sexueller Impotenz leidender Patient war im Alter von 8 Jahren ins Waser gefallen und von einem armen Fischer gerettet worden. Seit vielen Jahren litt er an der uner- klärlichen Angst, diesen Menschen wiederzusehen. Er machte sich darüber die heftigsten Vorwürfe, die beinahe Zwangscharakter hatten. Dabei konnte er sich nie entschließen, diesem Manne, „dem er doch das Leben verdankt”, eine größere Summe zu schenken; er begnügte sich mit einer Kleinigkeit, die er ihm jährlich zukommen läßt. In der Analyse ergibt sich, daß alle diese Gefühle dem wirklichen Vater gelten, an den er mit allen seinen positiven und negativen Gefühlen fixiert ist. Er hatte als Kind den Vater angebetet (Erhöhung), wurde aber von ihm schlecht behandelt, wurde dann später sehr ambitiös und schämte sich seiner armen Verwandtschaft (Familien- roman). So wurde der Vater zum „armen Fischer, dem er sein Leben verdankt”, und der Fischer zum Angriffspunkt seiner einander widerstreitenden Affekte, die eigentlich dem Vater gelten, Für den tiefreicehenden uralten Zusammenhang von Rettung und Leben zeugen sprachliche Beziehungen, die Keller (Lat. Volksetym. 228) zur Er- klärung des Wortes „Paladion” heranzieht, das er mit hebr. pälat „ent- kommen, fliehen”, peletäh „Rettung”, babylon.-assyr, balätu „am Leben bleiben” verbindet.
Verbrechens inhaltlich sowie in ihren Ursachen und Triebkräften so innig und doch wieder so differenziert berühren, wie es eben anzudeuten versucht wurde, wollen wir für diesmal halt- machen und der Verloekung widerstehen, einen der hier ab- zweigenden Wege zu betreten, die, nach ganz anderen Gebieten gerichtet, sich vorläufig noch in dichtem Urwald verlieren.
VERLAG VON FRANZ DEUTICKE IN LEIPZIG UND WIEN ji / Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien, Redigiert von Dr. Karl Abraham in Berlin und Dr, Eduard Hitschmann in Wien, Neue Folge des Jahrbuches für psychoanalyt. und psychopath. Forschungen. VI. Band. 1914. Mit einer Tafel. Preis M 70 —.
Jung, Doz. Dr. C. G., Der Inhalt der Psychose. Akademischer Vortrag, gehalten im Rathause der Stadt Zürich am 16. Jänner 1908. Zweite, durch einen Nachtrag ergänzte Auflage. (Zuerst erschienen als 3, Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde”.) Preis M $-—.
Jung, Doz. Dr. C. G., Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycho- patholog, Forschungen, I. Band,) Als Separatabdruck vergriffen, Nur noch in Band I, 2. Hälfte, des Jahrb. für psychoanalyt. Forschungen zu haben.
Jung, Doz. Dr. med, et jur. C. G., Über Konflikte der kindlichen Seele. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- logische Forschungen, II. Band.) Zweite Auflage, Preis M 7°—.
Jung, Doz. Dr. med. et jur. C. G., Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Als Sonderabdruck vergriffen. Nur noch in Band III, 1. Hälfte, und Band IV, 1. Hälfte, des Jahrbuches für psychoanalytische Forschungen zu haben.
Jung, Doz. Dr. med. et jur. C.G., Versuch einer Darstellung der psycho- analytischen Theorie. Neun Vorlesungen, gehalten in New York im September 1912. Vergriffen. Nur noch in Band V, 1. Hälfte, des Jahrbuches für psychoanalytische Forschungen zu haben. | Kaplan, Leo, Grundzüge der Psychoanalyse. Preis M 30°—.
Kaplan, Leo, Psychoanalytische Probleme. Preis M 25°—.
Kaplan, Leo, Hypnotismus, Animismus und Psychoanalyse. Historisch- kritische Versuche. Preis M 38°—., Loy, Dr. R,'Psychotherapeutische Zeitiragen. Ein Briefwechsel mit Dr. C. G. Jung, Privatdozenten der Psychiatrie in Zürich, Preis M 6°—.
Maeder, Dr. A, Über das Traumproblem. Nach einem am Kongresse der Psychoanalytischen Vereinigung gehaltenen Vortrage, München, Sep- tember 1913, (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, V. Band.) Preis M 7°—.
PfennigR., Grundzügeder Fließschen Periodenrechnung. Preis M 25°—.
Pfister, Dr. Oskar, Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, III, Band.) Preis M 25°—.
Pfister, Dr. Oskar, Analytische Untersuchungen über die Psychologie des Hasses und der Versöhnung. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, II. Band.) Vergriffen als Sonderabdruck. Nur noch in Band II, 1. Hälfte des Jahr- buches für psychoanalytische Forschungen zu haben.
Rank, Otto, Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage. Grundzüge einer Psychologie des dichterischen Schaffens. Preis M 75°—, akal & un | Re wei OR a Ban.. Schriften zur angewandten Seelenkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. H 5 N Sigm. Freud in Wien. n =) 2% a Eh I. Heft. Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva”. Von el $ ir u | | ». Dr. Sigm. Freud in Wien, Zweite Auflage. Preis M. 13°—. je ER; “ U. „. Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Eine. Studie von Be VE Dr. Franz Riklin. Vergriffen. Neuauflage in Vorbereitung, SED - IH. -„ Inhalt der Psychose. Von Dr. Jung. Zweite Auflage, Ver-- se griffen. Die dritte Auflage ist außerhalb des Rahmens der EL „Schriften zur angewandten Seelenkunde’ erschienen. | ° Re et. IV. „. Traum und Mythus. Eine Studie der Völkerpsychologie. Von u re: Dr. Karl Abraham. Vergriffen, Neuauflage in Vorbereitung. er EN V.. „. Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psycho- Te 138 i logischen Mythendeutung. Von Otto Rank, 2. Aufl. en: Si u: Hl, | VI „Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. Von Dr. ]. Sadgen 2 S ) Nervenarzt in Wien, Vergriffen, Dr a ra VII. „. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Von Prof. ER , Dr. Sigm, Freud in Wien. Zweite Auflage. Preis M 10’ a Ken. Be SASE VII. „ Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Von Dr. Ra. ® N | Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich. Preis M 23-—. | Be Yo ARTEN IX. „Richard Wagner im „Fliegenden Holländer”. Ein Beitrag z, Psycho- “ Ai Ge logie künstlerischen Schaffens. Von Dr. Max Graf, Vergriffen. 3 Ba, X. 5% Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. VonDr.E gs | Jones. Übersetzt von Paul Tausig, Vergriffen.. Neuauflage = de N in Vorbereitung, RE EN > XI. „ Giovanni Segantini. Ein psychoanalytischer Versuch. Von Dr. A IE NE Karl Abraham, Arzt in Berlin. Mit 2 Beilagen. Vergriffen. Rh XU. „. Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtlicee Ey u. völkerpsychologische Studie, Von A. Storfer. Preis MS—. u; | XII, „Die Lohengrinsage. Ein Beitrag zu ihrer Motivgestaltung und i a Deutung. Von Otto Rank, Preis M 25° — I BE a XIV. „ Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Firmen des EN. | | mittelalterlichen Aberglaubens. Von Prof. Dr. Ernest Jones. Im rer! Deutsch von Dr. E. H. Sachs. Preis M 25 —. EEE ie ARE XV. „Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psychoanalytische Studie. Y) War | Von Dr. H. Hug-Hellmuth. 2, Auflage, Preis M 37—. a N: Ve XVI,„ Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medizinisch-Üterarscceee | Re Studie. Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. Preis M 23° —., 3 2 | ie XVII. „. Jakob Boehme, Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie Di, ale?! der Mystik. VonDr.A.Kielholz in Königsfelden, Preis M1i?—. u 0% XVII..„ Friedrich Hebbel. Ein psychbanalytischer Versuch, Von Dr. ER BR RE, Lohn Sadger in Wien, Preis M 60°—. | I 50 | Steiner, Dr. Maximilian, Die psychischen Störungen der männlichen JENE WEN Potenz. Ihre Tragweite und ihre Behandlung. Zweite Auflage, Mit et, BETH einem Vorwort von Prof. Dr. Sigm, Freud, Preis M 13°—, | Kae a Swoboda, Dr, H. Studien zur Grundlegung der Psychologie. Preis " Ru] GE } Swoboda, Doz. Dr, Hermann, Harmonia animae. Preis M $°—. | AP Buchdruckerei Carl Fromme, G.m.b.H,, Wien V. 2 6% N ie! RN ET ni a TE an r j F } er ni Li; each ER Na ER EL. u Y uw“ br dr ER Hi Be Fe ü, Eee % Zr Bas en BI Er eg Wr er ER ER ne ” 2% ya vi Ft a 9% I en pr Se DE n5 RE BE a: ST, an ent 7 A a ns sale = = a en N B ee Kr eye = en Ei ar = BR Re