wissenschaftliches Argument, und eine solche Empörung — sei sie auch nicht immer eine so bewußte — ist angesichts vor- liegender Tatsachen ganz unangebracht. Man wird sich eben entweder mit diesen Anstößigkeiten, falls man sie überhaupt als solche empfindet, abfinden oder sich von der Untersuchung psychologischer Phänomene fernhalten müssen. Es ist wohl klar, daß die Menschen, selbst nicht in den ältesten Zeiten und lieren die Inzestmythen durch Zurückführung auf den Mond und sein Ver- hältnis zur «Sonne alles Auffällige und „erklären sich ganz einfach: die Tochter [der neue Mond] ist die Wiederholung der Mutter [des alten Mondes]; mit ihr verbindet sich der Vater [die Sonne], (auch der Bruder, der Sohn) von neuem”!
BERECHTIGUNG DER PSYCHOLOGISCHEN DEUTUNG. 13 —— zu beim naivsten Vorstellungsleben, am Himmel oben Inzest und Vatermord sahen!), vielmehr daß diese Vorstellungen nur aus einer menschlichen Quelle stammen können. Auf welche Weise sie dann an den Himmel kamen und welche Modifikationen und Zutaten sie dabei erfuhren, das sind Fragen sekundärer Natur, die erst zur Beantwortung gelansen können, wenn Ur- sprung und Bedeutung der Mythen überhaupt festgestellt sein werden.
Zumindest aber wird man schon jetzt neben der astralen Auffassung die Geltendmachung des Anteils, den das Seelen- leben an der Mythenbildung hat, als gleichberechtigt hinstellen dürfen, eine Forderung, die durch die Resultate unseres Deutungs- verfahrens zu rechtfertigen versucht werden soll.
Wir wenden uns zu diesem Zwecke zunächst dem Mythen- material zu, an dem wir den Versuch einer solchen psycho- logischen Deutung zum erstenmal im Großen unternehmen wollen, und wählen dazu aus der Menge?) dieser vorwiegend ') Sollte man glauben! In einer Schrift: „Urreligion der Indogermanen” (Berlin 1897), wo Siecke darauf verweist, daß die Inzestmythen Nach- erzählungen des angeschauten unbegreiflichen Naturvorganges seien, wendet er gegen eine Bemerkung Oldenburgs (Rel. d. Veda, S. 5) der eine uralte Neigung des Mytlıus zum Motiv des Inzestes annimmt, ein, daß „der Urzeit das Motiv ohne eigene Neigung der Erzähler durch die Macht der geschauten Tatsachen sich aufdrängte”. (S. 22). Derartigen Deutungen gegenüber sagt Wundt (S. 252) mit Recht: Damit würde hier die Mythenbildung wieder zu einer allegorischen Dichtung. Auch ist es bezeichnend für diese Mythendeutung, die eigentlich selbst schon die ursprüngliche Mythenbildung begleitet haben müßte, daß sie zwei Sageninhalte von so gänzlich abweichendem Charakter, auf ein und dasselbe äußere Grundmotiv zurückführt”. (Hervorhebungen vom Ref.)
2) Die große Mannigfaltigkeit und weite Verbreitung des Mythus von der Geburt des Helden ersieht man aus den genannten Arbeiten von Bauer, Schubert u. a., während ihr umfassender Inhalt und ihre feinen Verzwei- gungen besonders von Hüsing, Leßmann und den übrigen Vertretern der modernen Richtung dargelegt wurden.
Unzählige Märchen, Erzählungen und Dichtungen aus allen Zeiten, bis in die modernste Dramen- und Romanliteratur hinein, weisen die Haupt- motive des Heldenmythus deutlich auf.
14 DAS MATERIAL DER BIOGRAPHISCHEN MYTHEN.
biographischen Heldenmythen die bekanntesten und einige besonders charakteristische aus, die wir im folgenden so weit im Auszuge, jedoch mit Angabe der Quellen, mitteilen, als sie für unsere Untersuchung von Belang sind. Die wichtigsten, stets wiederkehrenden Motive sollen dabei durch den Druck hervor- gehoben werden.
Sargon.
Wohl die älteste, zugleich einfachste Überlieferung unseres Heldenmythus, die ihn gleichsam auf ein Grundmotiv reduziert zeigt, stammt aus der Zeit der Gründung Babylons (um 2800 v. Chr.!) und behandelt die Geburtsgeschichte ihres Gründers, Sargons des Ersten. Der Bericht, der sich der Form der Ab- fassung nach als Originalinschrift des Königs Sargon selbst einführt, lautet in wörtlicher Übersetzung°): „Sargon, der mächtige König, König von Agade, bin ich. Meine Mutter war eine Vestalin, meinen Vater kannte ich nicht, während der Bruder meines Vaters das Gebirge bewohnte, In meiner Stadt Azupirani, welche am Ufer des Euphrats gelegen ist, wurde mit mir schwanger die Mutter, die Vestalin. Im Verborgenen gebar siemich. Sielegetemich in ein Gefäß von Schilfrohr, verschloß mit Erdpech meine Türe und ließ mich nieder in den Strom, welcher mich nicht ertränkte. Der Strom führte mich zu Akki, dem Wasser- schöpfer. Akki, der Wasserschöpfer, in der Güte seines Herzens hob er mich heraus, Akki, der Wasserschöpfer, als seinen eigenen Sohn zog er mich auf, Akki, der Wasserschöpfer, 1) Hüsing wirft die Frage auf, ob die Entstehungszeit der Sargon- legende nicht wesentlich herabzurücken wäre. (Die iranische Überlieferung etc., Mythol, Bibl, II, 2, 1909, S. 100.)
2) Die verschiedenen Übersetzungen des zum Teil entstellten Textes unterscheiden sich nur in unwesentlichen Punkten, Vgl. Hommels Gesch. Babyloniens und Assyriens (Berlin 1885), S. 302, wo man auch die Quellen der Überlieferung findet, und A. Jeremias: Das Alte Testament im Lichte des alten Olients. 2. Aufl, Leipzig 1906, S. 410, 16 SARGON, — ETANA. — MOSES, zu seinem Gärtner machte er mich. In meinem Gärtneramt gewann Istar mich lieb, ich wurde König und 45 Jahre übte ich die Königsherrschaft aus.”
Im babylonischen Etana-Mythus sieht Zimmern (KAT, 565 £.), im Anschluß an E. T. Harpner (Beitr. z. Assyriologie etc., hg. v. Delitzsch ete,, Leipzig 1890 ff., II, 405 ff), eine Parallele zu den Sagen von der Geburt des ersten Landeskönigs, wie z. B. Sargon, Kyros, Romulus u. a. Ward faßt die bildlichen Szenen der Etana- Sigelzylinder als Darstellungen aus dem Vorleben des Heros auf von der Zeit an, da er ausgesetzt war, Herden hütete und seinen Unterhalt stahl. (Es folgt dann der Aufstieg Etanas auf dem Adler zum 'Thron der Himmelskönigin Istar, der Geburtshelferin, um das Geburtskraut [zur Erlangung eines Sohnes] zu holen. Aber Etana stürzt mit dem Adler in die Tiefe, da er knapp vor dem Ziele Furcht bekommt.) Ähnlich heißt es von dem babylonischen Gott Tammuz: „Als Kleiner in einem versinkenden Schiff liegt er.” (Zimmern, Der babylonische Gott Tammuz. Abh. d. Sächs. Akad.
Moses.
Große äußere Ähnlichkeit mit der Sargonlegende, ja manche weitgehende Übereinstimmung einzelner Motive, zeigt die bib- lische Geburtsgeschichte Mosis,!) die Exodus, Kap. 2, erzählt wird. Im ersten Kapitel (22) heißt es schon, Pharao habe seinem Volke geboten, alle Söhne der Hebräer, die „eboren würden, ins Wasser zu werfen, die Töchter aber leben zu lassen, ein Gebot, das mit der allzu großen Fruchtbarkeit der Israeliten begründet wird. Dann berichtet das zweite Kapitel: „Und es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm eine Tochter Levis?). Und das Weib ward schwanger und gebar 1) Wegen dieser Ähnlichkeiten hat man vielfach eine Abhängigkeit der Exodus-Erzählung von der Sargonlegende angenommen, hat aber dabei, wie es scheint, zu wenig auf gewisse psychologische Unterschiede geachtet, die uns bei der Deutung noch ausführlich beschäfiigen werden.
2) Mosis Eltern waren ursprünglich namenlos, wie alle Personen in diesem ältesten Berichte, Erst die Priesterschaft hat ihnen Namen verliehen; nn nn —— num En. a MOSES: DIE BEDEUTUNG SEINES NAMENS. 17 einen Sohn und da sie sah, daß er stattlich war, verbarg sie ihn drei Monate, Und da sie ihn nicht länger verbergen konnte, nahm sie für ihn ein Kästlein von Rohr und verklebte es mit Erdharz und Pech, und legte das Kind darein und setzte ihn in das Schilf am Ufer des Nils. Aber seine Schwester stand von ferne, daß sie erführe, was ihm geschehen würde. Und die Tochter des Pharao ging hinab, um im Nil zu baden, und ihre Jungfrauen gingen am Rande des Wassers. Und da sie das Kästlein im Schilfe sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. Und da sie es auftat, sah sie ein Kind; und siehe, es war ein Knäblein, das weinte. Da jammerte es sie und sie sprach: Es ist der hebräischen Kinder eins. Da sprach seine Schwester zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und dir der hebräischen Weiber eine rufen, die da säuget, daß sie dir das Kind säuge? Und die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Gehe hin. Und das Mädchen ging hin und rief des Kindes Mutter. Da sprach des Pharao Tochter zu ihr: Nimm hin das Kind und säuge mir’s, so will ich dir’s lohnen. Das Weib nahm das Kind und säugte es. Und da das Kind groß ward, brachte sie es der Tochter des Pharao und es ward ihr Sohn. Und sie nannte ihn Moses (Moseh), denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen”!).
kap. 6, 20, heißt es: Und Amram nahm seine Muhme Jochebed zum Weibe, die gebar ihm Aaron und Mose (und ihre Schwester Mirjam. IV, 26, 59). Vgl. dazu Winckler: Gesch. Israels II, und Jeremias a, a, O,, S. 408, 1) Der Name soll vielmehr nach Winckler (Die babyl. Geisteskultur, S. 119) „der Wasserziehende” bedeuten (siehe auch Winckler: Altorientalische Forschungen III, 468 f.), was die Moseslegende der Sargonlegende noch näher brächte, denn der Name Akki bedeutet: ich habe Wasser geschöpft. Im hebräisch-chaldäischen Wörterbuch von Fürst wird das Wort mit moi = Sohn und esche = Isis: Sohn der Isis (nach Analogie der ägyptischen Königs- namen: Thoutmosis = Sohn des Thout) erklärt. Danach wäre also die Haupt- bedeutung Sohn, und zwar Sohn des Wassers, da auch Josephus den Namen aus dem Koptischen mo = Wasser, ioydai — gerettet, ableitet. Übrigens ist Moses ein häufiger ägyptischer Personenname und bedeutet: infans, Kind (Ebers, Durch Gosen zum Sinai, 8. 525 f.; Spiegelberg, Der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten, $. 23; Brupsch, Ägyptologie, $. 118).
Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden 2, Aufl, rJ 13 DER MYTHISCHE MOSES.
Diesen Bericht schmückt die Mythologie mit der Vorgeschichte von Mosis Geburt aus: Im 60. Jahre nach dem Tode Josefs sah der regierende Pharao im Traum einen alten Mann, der eine Wage hielt; in der einen Schale lagen alle Bewohner Ägyptens, in der anderen Schale aber hing nur ein Milchlamm und dennoch wog es alle Ägypter auf. Der erschreckte König befragte sofort die Gelehrten und Astrologen, die erklärten, der Traum bedeute, daß den Israeliten ein Sohn werde geboren werden, der ganz Ägypten zerstören werde. Der dadurch geängstigte König erließ sogleich den Befehl, alle neugeborenen Kinder der Israeliten im ganzen Lande zu töten. Infolge dieser tyrannischen Verordnung wollte sich der in Gosen ansässige Levite Amram von seinem Weibe Jochebed scheiden, um nicht auch seine zu zeugenden Kinder dem sicheren Tode zu überliefern. Diesem Entschlusse widersetzte sich aber später seine Tochter Mirjam, indem sie mit prophetischer Ge- wißheit aussagte, eben jenes im Traum des Königs angedeutete Kind werde aus dem Schoß ihrer Mutter hervorgehen und der Befreier seines Volkes werden!), Amram vereinigte sich also wieder mit seinem Weibe, dem er drei Jahre lang fern geblieben war. Nach drei Monaten wurde sie schwanger und gebar danach einen Knaben, bei dessen Geburt das ganze Haus von einem ungewöhnlichen Licht- elanz erhellt wurde, was die Wahrheit der Prophezeiung ahnen ließ. (Nach Bergel, Mythol. d. Hebräer, Leipzig 1882.)
Ähnlich wie bei Sargon hat man auch für die Mosesgeschichte ein göttliches Vorbild im ägyptischen Thout gefunden (Völter, Moses u, die ägypt. Mythol., Leiden 1912, S. 80 ff). Weitere ägyptische Parallelsagen sind die von Osiris (Adonis), der auf dem Meer in einer Truhe schwimmt, der Geburtsgeschichte des ägyptischen Königs- sohnes (Ermar, Ägypt. Rel., S. 40) und von Ahi, dem Kind von Ra und Hathor, das aus dem Nu, d.h. der jungen Flut, hervorgeht (Brugsch, Rel. u. Mythol. d. Äsypt., 8. 376). (Andere Parallelen zar Mosessage findet man bei Kampers, Alexander d, Gr. und die Idee des Weltimperiums, 1901, $S. 10, Anm. 3; Gunkel, Zum rel.- 1) Schemot rabba zu 2,4. Und zu 2 Mos. I, 22, heißt es, daß die Sterndeuter dem Pharao gesagt hatten, eine Frau gehe mit dem Erlöser Israels schwanger. 1 PARALLELEN DER NATURVÖLKER. 19 Von besonderem Interesse ist eine Bemerkung in dem neuesten Werk von Frazer (Folklore in the Old Testament, II, 451’), wonach die Aussetzungsgeschichte Mosis mit verschiedenen Geschichten verglichen wurde, die von den Tonga sprechenden Stämmen von Nordwest Rhodesia erzählt werden (J. Torrend, „Likenesses of Moses’ Story in the Central Africa Folk-lore”. Anthropos V (1910), Daß auch sonst den Naturvölkern die gleichen Motive geläufig sind, mögen folgende Beispiele zeigen: Stucken erzählt die neusee- ländische Sage vom polynesischen Feuer-(und Samen-) Räuber Mani- tiki-tiki, der sofort nach seiner Geburt ausgesetzt wird, indem ihn seine Mutter in einer Schürze ins Meer wirft. Eine ähnliche Ge- schichte berichtet Frobenius (l. c. S. 379) aus Betsimisaraka, wo das auf dem Wasser ausgesetzte Kind von einer reichen kinderlosen Frau gefunden und erzogen wird, endlich aber doch beschließt, seine wirklichen Eltern aufzusuchen. Und nach einem Bericht von Bab (Zeitschrift f. Ethnol., 1906, S. 281) erhielt die Frau des Raja Be- surjak ein auf einer Wasserschaumblase schwimmendes Kind (aus Singapore). Besonders eindrucksvoll schildert in der Mauimythe der Jüngste Soln seiner Mutter, wie er geboren wurde (siehe White, „Ihe ancient history of the Maori, Wellington 1887, B. II, in mehr- fachen Versionen; nach Frobenius, Das Zeitalter des Sonnengottes, S. 66. f£.): „Ich weiß, ich war vorzeitig an der Meeresküste ge- boren und wurde, nachdem du mich in eine Locke deines Haares gewickelt, welche du dir zu diesem Zwecke abgeschnitten hattest, in den Meerschaum geworfen. Da umschlang mich das Seegras mit seinen langen Flechten, formte und bildete mich, Die weichen Schleimfische wickelten sich um mich, um mich zu beschützen, Myriaden von Fliegen summten um mich herum und legten ihre Eier auf mich, damit die Maden mich essen möchten; Schwärme von Vögeln sammelten sich um mich, um an mir zu picken, aber in diesem Augen- blicke erschien mein großer Ahnherr, der Himmel, Tama-nui-ki-te- Rangi, und er sah die Fliegen und die Vögel. Der alte Mann eilte, so schnell er konnte, herbei, löste die umwickelten Schleimfische ab und fand da ein menschliches Wesen, Dann nahm er mich auf 2# RE 20 ABRAHAM. — ISAAK. — JOSEPH.
und hing mich in das Dach, damit ich den warmen Rauch und die Hitze des Feuers fühlen möchte und so wurde ich durch die Freundlichkeit des alten Mannes gerettet.”
Ähnliches wie von Mose, mit dem die nationale Geschichte der Juden beginnt, wird von der Geburt des Stammvaters der hebräischen Nation, von Abraham, berichtet. Er war ein Sohn 'Therachs, Nim- rods Feldherrn, und der Amtelai. Vor seiner Geburt wird dem König Nimrod aus den Sternen geoffenbart, das zu erwartende Kind werde mächtige Fürsten vom Throne stürzen und ihre Länder in Besitz nehmen. König Nimrod will das Kind sofort nach der Geburt töten lassen. Aber als man den Knaben von Therach verlangt, sagt er: Allerdings ist mir ein Solın geboren worden, allein er ist gestorben. Er liefert dann ein fremdes Kind aus, während er seinen eigenen Sohn in einer Höhle unter der Erde verbirgt, wo Gott ihn Milch aus einem Finger der rechten Hand saugen läßt. In dieser Höhle soll Abraham bis zu seinem dritten (nach anderen bis zum zehnten) Lebensjahre geblieben sein.
(Vgl. Aug. Wünsche, Aus Israels Lehrhallen, Leipzig 1907, der — 8:14 uf) — eine Übersetzung von Abrahams Geburtstage bringt, und Beer, Das Leben Abrahams nach Auffassung der jüdischen Dage, Leipzig 1859, der — S. 27 uff. — Parallelen zur Aussetzung anführt. Siehe auch Marmorstein, Legendenmotive in der rabbinischen Literatur. Arch, f. Rel. Wiss. XVI, 1913, 1 u. 2.)
Wie so häufig tauchen die gleichen mythischen Motive in der nächsten Generation, in der Geschichte Isaaks auf. Vor seiner Geburt wird König Abimelech im Traum gewarnt, die Sarah zu be- rühren, da er sonst sterben müsse. Nach langer Unfruchtbarkeit kommt Isaak endlich zur Welt und wird — hier etwas verspätet — vom eigenen Vater zur Opferung bestimmt, aber schließlich gerettet, während Abrahams anderer Sohn Ismael — mit seiner Mutter Hagar — ausgestoßen wird. (Gen. 20, 6 und Bergel 1. c.)
Natürlich gehört auch die biblische Joseph-Geschichte hieher, die nichts weiter ist als ein romanhaft ausgeschmückter Abklatsch der Aussetzungssage: Der Jüngste wird ausgesetzt und bleibt drei Tage in der Zisterne (Wassermotiv!), aus der er dann gerettet wird, während die Brüder den Vater durch ein blutiges Tierfell täuschen. Auch die typi-che Karriere des Ausgesetzten (Staithalter) fehlt nicht.
} EEE in KARNA. — VIKRÄMADITYA. 21 Karna.
Eng verwandte Züge mit der Sargonlegende zeigt auch die Erzählung des altindischen!) Epos Mahäbhärata von der Geburt des Helden Karna. Den Inhalt der Sage gibt Lassen (Ind. Altertumskunde, I?, S. 673) kurz wieder: Die Fürsten- tochter Pritha, die auch Kunti genannt wird, gebar als Jungfrau dem Sonnengott Surya den Sohn Karna, der mit den goldenen Ohrgehängen seines Vaters und einem un- spaltbaren Panzer geboren ward. In ihrer Angst hatte die Mutter den Knaben verborgen und ausgesetzt. In der von A. Holtzmann?) gemachten Nachbildung der Sage heißt es V. 14558: „Da machten meine Amme und ich aus Binsen einen großen Korb und legten einen Deckel darauf und über- zogen ihn mit Wachs; drein legte ich den Knaben und trug zum Flusse Agvä ihn hinab.” Von den Wellen getragen, kommt das Körbchen in den Strom Ganga bis zur Stadt Campä, „Dort ging gerade am Ufer des Stromes des Dhrtarastra edler Freund, der Wagenlenker, mit ihm Radha, sein schönes, frommes 1) Auch die Geburtslegenden der ersten mythischen Könige Indiens sind hier zu nennen. Im Heldenbuche „Vikrämadityacaritam” wird erzählt, daß König Vikräma, der Sohn eines Gottes sei, den Indra für eine Zeitlang zum Erdenleben verdammt hatte, weil er im Zorn verwünschte, als Esel zu leben. Nach Ablauf der Strafzeit ließ der Gott seine irdische Gemahlin schwanger zurück. Ihr Vater jedoch, durch eine Weissagunge vor seinem Tochtersohn gewarnt, befahl, ihm die Entbindung sofort zu melden, in der Absicht, Jas Kind zu beseitigen. Die Tochter, die das alınte, wartete ihre Stunde nicht ab, sondern schnitt sich das Kind vor der Zeit aus dem Leibe und vertraute es einer Dienerin an, die es in Sicherheit brachte. So kam König Vikräma zur Welt und ähnlich auch sein Sohn Vikrämaditya, die darum beide im Heldenbuche als „ungeboren” bezeichnet werden. Als Vikräma in einem Kriegszug fiel, ließ er sein Land verwaist zurück, denn die Königin war erst mit dem Thronfolger schwanger. Um nun dem Land einen Erben zu geben und doch auch dem Witwenbrauch folgen zu können, wurde der Sohn herausgeschnitten, während die Mutter sieh mit ihrem toten Gatten verbrennen ließ. Man findet auch bei Vikrämaditya die wunderbare Geburt, unheilvolle Vorzeichen, die Aussetzung des Knaben im Walde, seine Ernährung mit Honig und schließlich die Anerkennung. (Siehe Jülg, Mon- golische Märchen, Innsbruck 1858, S. 73 uff.)
2) Indische Sagen (Karlsruhe 1846), Teil II, S. 117 bis 127.
22 KARNA. — ION.
Weib. Sie war in tiefen Kummer versenkt, weil ihr kein Sohn verliehen war. Da sah sie auf dem Flusse den Korb, den an das Ufer ihr ganz nah die Wellen trieben; sie zeigte ihn dem Azirath und dieser ging und zog ihn aus den Fluten heraus.” Die beiden nehmen sich des Knäbleins an und erziehen es als ihr Kind.
Kunti heiratet später den König Pändu, den der ‚Fluch, er werde einst in den Armen seiner Gattin sterben, zur Ent- haltung vom ehelichen Verkehr zwingt. Aber Kunti ge- biert, wieder durch göttliche Empfängnis, drei Söhne, von denen einer in einer Wolfshöhle zur Welt kam. Pändu stirbt dann in der Umarmung seiner zweiten Gattin. Die Söhne wachsen heran und bei einem Turnier, das sie ver- anstalten, taucht Karna auf, um sich mit dem besten Kämpfer, mit Arjuna, dem Sohne der Kunti, zu messen. Arjuna weigert sich spöttisch, mit dem Fuhrmannssohn zu kämpfen. Um ihn zum ebenbürtigen Gegner zu machen, salbt ihn einer der Anwesenden zum König. Indessen hat die Kunti an dem Götterzeichen den Karna als ihren Sohn erkannt und bittet ihn, indem sie ihm das Geheimnis seiner Geburt offenbart, vom Bruderkampf abzustehen. Er aber hält ihre Enthüllung für ein Märchen und besteht unerbittlich auf Genugtuung. Im Streit fällt er, von Arjunas Pfeil getroffen. (Vgl. die ausführliche Dar- stellung in Lefmanns Gesch. d. alten Indien, Berlin 1890, Eine auffallende Ähnlichkeit in der ganzen Anlage mit der Karnasage zeigt die Geburtsgeschichte Ions, des Stammvaters der Ionier, von dem die verhältnismäßig späte Ne Überlieferung berichtet: di ) Wo nichts anderes angegeben ist, sind alle griechischen und römi- schen Sagen dem von Roscher herausgegebenen. „Ausführlichen Lexi- kon der griech. und röm, Mythologie” entnommen, wo man auch alle Quellen verzeichnet findet.
Die Ion-Mythe gibt Roschers Lexikon nach der gleichnamigen Tragödie des Euripides wieder, der jedoch den alten Stoff bereits „natio- nalisiert” hatte, Die mittelgriechische Kolonisation nach der mittleren Küste Te ee DIE IONSAGE UND IHRE ENTWICKLUNG. 23 Apollo zeugte mit des Erechtheus Tochter Kreusa einen Sohn in der Grotte des athenischen Burgfelsens. In dieser Grotte wurde der Knabe auch geboren und ausgesetzt; die Mutter läßt das Kind in einem geflochtenen Körbchen zurück, in der Hoffnung, Apollo werde seinen Sohn nicht unter- gehen lassen, Auf Apollons Bitten trägt Hermes das Kind in der- selben Nacht nach Delphi, wo es am Morgen die Priesterin auf der Schwelle des Tempels findet. Sie zieht den Knaben auf und macht ihn als Jüngling zum Tempeldiener.
Erechtheus gab später die Kreusa dem eingewanderten Xuthos zur Frau. Da ihre Ehe lange kinderlos blieb, wandten sie sich an das delphische Orakel, um von ihm Kindersegen zu erflehen., Der Gott offenbart dem Xuthos, der sei sein Sohn, der ihm beim Austritt aus dem Heiligtum als erster entgegenkommen werde. Er eilt hinaus und begegnet dem Jüngling, den er freudig als Sohn begrüßt und ihm den Namen Ion, das heißt „Gänger”, gibt. Kreusa weigert sich, den Jüngling als Sohn anzunehmen; ihr Versuch, ihn zu vergiften, mißlingt und das wütende Volk wendet sich gegen sie selbst. Schon will Ion Hand an sie legen, aber Apollo, der nicht wollte, daß der Sohn seine leibliche Mutter töte, erleuchtete den Sinn der Priesterin, so daß sie den Zusammenund den Inseln des westlichen Kleinasien, durch welche die Ionier ent- standen, soll nach der Überlieferung des Altertums von Athen ausgegangen sein. Diese Ableitung wird bereits in der Ilias anerkannt — N 685 ff. sitzen die lonier zur Zeit des troischen Krieges in Athen — und Athens Anspruch, die Mutterstadt der lonier zu heißen, ist nie bestritten worden. Daher gilt Ion, der Stammvater der Ionier, als Sohn Apollons und einer attischen Prinzessin und muß in Athen gelebt haben, so schwer es auch war, ihn in der attischen Sagengeschichte, die von ihm nichts wußte, unterzubringen (Meyer, Gesch. d. Altert. II, 239). Nach alter Sage ist Ion ein Sohn des Xuthos und des Pythischen Apollo und hat eine Landestochter, Kreusa, zur Mutter, wodurch die neugewonnene Heimat bezeichnet wurde. Euripides dagegen löst den Ion von Xuthos, der immer etwas rauh und tyrannisch geschildert wird, und wendet es so, daß er nicht als Eindringling, sondern als einziger Sproß des Erechthidenstammes weiblicher Linie erscheint. Da- dureh wird die Autochthonie der Athener gerettet, auf welche der Demos sich soviel einbildete, und der widerstrebende Mythos auf erwünschte Weise beseitigt (Müller, Dorier, I, 248), 24 ÖDIPUS, hang durchschaute Mit Hilfe des Körbchens, in dem einst der Neugeborene gelegen hatte, erkennt ihn Kreusa als ihren Sohn und entdeckt ihm das Geheimnis seiner Geburt.
Ödipus.
Ödipus.
Die Eltern des Ödipus, König Laios und seine Gemahlin Iokaste, leben lange Zeit in kinderloser Ehe. Laios, der sich nach einem Erben sehnt, fragt den delphischen Apollo um Aufschluß; das Orakel antwortet, wenn er es wünsche, werde er einen Sohn bekommen, aber es sei ihm vom Schicksal bestimmt, von diesem Sohne getötet zu werden. Aus Furcht vor der Erfüllung des Orakelspruches bleibt Laios dem ehelichen Umgang fern; aber einst im Rausch zeugt er doch einen Sohn, den er kaum drei Tage nach der Geburt im Kithairon aussetzen läßt. Damit das Kind um so sicherer zugrunde gehe, läßt ihm Laios die Fußgelenke durchbohren. Nach der Darstellung des Sophokles, die aber nicht die älteste ist, übergibt der mit der Aus- setzung betraute Hirte den Knaben einem Hirten des Königs Polybos von Korinth, an dessen Hof er, nach dem all- gemeinen Bericht, erzogen wird. Nach Anderen soll der Knabe in einem Kästchen (zpva£) auf dem Meere ausgesetzt und von Periböa, der Gemahlin des Königs Polybos, beim Spülen der Wäsche aus dem Wasser herausgezogen worden sein!), Polybos zieht ihn als seinen eigenen Sohn auf. Als Ödipus durch Zufall erfährt, daß er ein Find- ling ist, befragt er das delphische Orakel um seine leiblichen Eltern, erhält aber die Weissagung, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. In der Meinung, diese Prophezeiung beziehe sich auf seine Pflegeeltern, flieht er aus Korinth nach Theben; unterwegs aber erschlägt er 1) Schol. Eurip. Phoen, 26. Nach Bethe (Thebanische Heldenlieder) war die Ausseizung auf dem \asser die ursprüngliche Form, Nach anderen Versionen wird der Knabe von Pferdehirten gefunden und auferzogen, nach einer späten Sage von einem Landmann, Melibios,.
ÖDIPUS. — JUDAS. — GREGORIUS. 26 ahnungslos seinen Vater Laios, befreit die Stadt durch die Lösung eines Rätsels von der Plage der Sphinx, eines menschenwürgenden Ungeheuers, und erhält zum Lohn dafür die Hand Iokastes, seiner Mutter, sowie den Thron seines Vaters. Die Enthüllung dieser Greuel und des Ödipus späteres Unglück Ä war bei den griechischen Tragikern ein beliebter Gegenstand | der Darstellung!), Nach dem Muster der Ödipussage ist eine ganze Reihe von christlichen Legenden gearbeitet; als Paradigma dieser Gruppe sei kurz der Inhalt der Legende von Judas erzählt: Vor seiner | Geburt wird seine Mutter Cyborea durch einen Traum gewarnt, sie werde einen ruchlosen Sohn, zum Verderben seines ganzen Volkes, gebären. Die Eltern setzen den Knaben in einem Kästchen auf dem Meer aus. Die Wellen treiben das Kind an die Insel Scariot, wo es die kinderlose Königin findet und als ihren Sohn erzieht. Später bekommt das Königspaar selbst einen Sohn und da der Findling zurückgesetzt wird, erschlägt er seinen Pflegebruder, Aus dem Lande flüchtig, findet er einen Dienst am Hofe des Pilatus, der ihn zu seinem Vertrauten erhob und über sein ganzes Hauswesen setzte. Einst im Streit erschlägt Judas einen Nachbarn, ohne zu wissen, daß es sein Vater ist. Die Witwe des Erschlagenen, also seine eigene Mutter, hei- ratet er dann, Nach Enthüllune dieser Greuel begibt er sich reuig zum Heiland, der ihn unter seine Apostel aufnimmt, Sein Verrat Jesu ist aus den Evangelien bekannt?).
Die Legende vom heiligen Gregorius auf dem Stein, e ne ne a — PAARE ) Goldziher berichtet (l. e. 216) eine arabische Parallele zur Ödipus- sage: Nimrod wird infolge einer Weissagung ausgesetzt, durch ein Tiger- weibehen (nimr) gerettet, sammelt, herangewachsen, ein Heer, tötet schließ- lich seinen Vater Kenaan und heiratet seine Mutter Saleha.
Auch vom Gründer der türkischen Na’ion wird erzählt, er sei als Kind aurgesetzt, gerettet und von einer Wölfin gesäugt worden, die er später heiratete. (Stanislas Julien, Documents historiques sur les Tou- Kione (Tures), traduit du chinois, Paris 1877, pp 2 sq. 25 sq.
?) Auf eine Möglichkeit der Identifizierung des Judas mit Jesus, d.h, also der Übertragung mythischer Züge von diesem auf jenen, hat Reik hingewiesen. („Der eigene und der fremde Gott.”)
N a En nn nm nn u 26 KÖNIG DÄRÄB.
die Hartmann von Aue nacherzählt hat, sei als komplizierter Typus dieser Sagenform erwähnt. Gregor, das Kind aus der blut- schänderischen Verbindung zweier Fürstenkinder, wird von der Mutter in einem Kästchen auf dem Meer ausgesetzt, von Fischern aufgefischt und aufgezogen und dann in einem Kloster zum Geistlichen herangebildet. Er zieht aber das Ritterleben vor, besteht siegreiche Kämpfe und erhält zum Lohn die Hand seiner Mutter, der Fürstin!), Nach Entdeckung des Inzests tut Gregorius 18 Jahre lang auf einem Felsen, der mitten im Meere steht, Buße und wird schließlich auf Gottes Befehl zum Papst gemacht.
Dieser Legende ganz ähnlich ist die von Firdusi im Königs- buche erzählte iranische Sage vom König Däräb, die Spiegel (Eranische Altertumskunde II, 584) wiedergibt: Der letzte Kaiänier Behmen ernannte seine Tochter und gleichzeitige Gemahlin Humäi zu seiner Nachfolgerin, so daß sein Sohn Säsäin, aus Verdruß hierüber, sich in die.Einsamkeit zurückzog. Kurze Zeit nach dem Ableben ihres Gemahls gebar Humäi einen Sohn, den sie auszusetzen beschloß. Er wurde in ein Kästchen gelegt, das in den Euphrat gesetzt wurde und den Strom hinab trieb, bis es durch einen Stein aufgehalten wurde, den ein Walker in das Wasser gelegt hatte. Der Walker fing das Kästchen auf und fand das Kind, welches er seiner Frau brachte, die kurz vor- her ihr eigenes Kind verloren hatte. Das Ehepaar beschloß, den Findling aufzuziehen, und als der Knabe heranwuchs, wurde er bald so stark, daß die anderen Kinder es nicht mit ihm aufzu- nehmen vermochten. Er hat keine Lust zu dem Handwerk des Vaters, sondern bildet sich 'zum Kriegsmann aus, erzwingt von seiner Pflegemutter das Geheimnis seiner Herkunft und schließt sich dem Heere an, das Humäi gerade zur Be- kämpfung des Königs von Rüm aussandte. Durch seine Tapferkeit auf ihn aufmerksam gemacht, erkenne Humäi in ihm leicht ihren Sohn und ernennt ihn zu ihrem Nachfolger, 1) Das ungeheure Material der mittelalterlichen Inzestlegenden ist eingehend behandelt in des Verfassers „Inzestmotiv in Dichtung und Sage”, Leipzig und Wien 1912, Kapitel X.
et ‚ST WERE PARIS, 27 Paris.
Apollodorus erzählt von der Geburt des Paris: König Priamos hatte von seiner Gemahlin Hekabe einen Sohn Hektor. Als Hekabe zum zweitenmal Mutter werden sollte, träumte ihr, sie bringe ein brennendes Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. Priamos fragte den der Traumdeutung kundigen Aisakos, seinen Sohn von der ersten Gemahlin Arisbe, um Rat. Aisakos erklärte, das Kind werde der Stadt Verderben bringen, und riet, es auszusetzen. Priamos gab das Knäblein einem Sklaven, der es auf den Ida trug; der Mann hieß Agelaos. Das Kind wurde fünf Tage lang von einer Bärin genährt. Als es Agelaos noch lebend fand, hob er es auf und nahm es zu sich, um es auf- zuziehen. Er nannte den Knaben Paris; als der aber ein schöner und starker Jüngling geworden war, nannte man ihn, weil er die Räuber abwehrte und die Herden schützte, Alexandros. Nicht lange dauerte es, da fand er seine Eltern, Auf welche Weise das geschah, erzählt Hyeginus!), nach dessen Bericht das ausgesetzte Knäblein von Hirten ge- [unden wird. Einst kommen Boten von Priamos zu diesen Hirten, um einen Stier zu holen, der bei einer für Paris ver- anstalteten Gedächtnisfeier als Kampfpreis dienen sollte. Sie wählten einen Stier, den Paris so lieb hatte, daß er den Männern, als sie das Tier wegführten, folgte, an den Kampf- spielen teiinahm und den Preis gewann. Unwillie darüber, zückte sein Bruder Deiphobos das Schwert gegen ihn, aber seine Schwester Kassandra erkannte ihn als ihren Bruder‘), worauf Priamos ihn freudig als seinen Sohn aufnahm.
1) Die Hyginsche Fabel von der Jugend des Paris soll den Inhalt einer griechischen Dichtung wiedergeben. Sophokles' Jugend des Paris („Alexandros”) ist (nach Robert: Philolog. Unters., Bd. V., 2371.) der Jugend des Kyros bei Herodot nachgebildet, des Freundes des Sophokles, der auch in der „Elektra” den Traum der Mandane zum Traum der Elektra gemacht haben soll. (J.Classen in d. Verh, d. Kieler Philolog. Vers., S. 114.) — Leßömann vermutet (O.L. Z. 1905), daß in der Geschichte von Paris- Alexandros eine phrygische Fassung der Kyrossage vorliege.
?) Bei Euripides spricht Kassandra, die sich der Aufnahme des Alexandros widersetzt, auch aus, daß Hekabe in eine Hündin verwandelt ) f Das spätere Unglück, das Paris durch den Raub der Helena seiner Familie und seiner Vaterstadt brachte, ist aus den Homer- schen Gedichten sowie ihren Nachläufern, den Kyklikern, bekannt.
Einige Ähnlichkeit mit der Erzählung von der Geburt des Paris hat das Gedicht von Zal in Firdusis Persischen Heldensagen (übers. v. Schack): Sam, dem König von Sistan, wird von einem seiner Weiber der erste Sohn geboren. Da er weißes Haar hatte, “verheimlichte die Mutter seine Geburt. Aber die Amme ver- rät dem König die Geburt des Sohnes. Sam fühlt sich enttäuscht und befiehlt, das Kind auszusetzen, Die Knechte bringen es auf den Berg Allurs, wo es der Simurgh, ein mächtiger Vogel aufzieht. Den herangewachsenen Jüngling sieht einst eine vorüber- ziehende Karawane und berichtet von ihm, dem ein „Vogel gut genug sei zur Amme”. Einst, als Sam seinen Sohn im Traum sieht, zieht er aus, um das ausgesetzte Kind zu suchen. Auf den Gipfel des steilen Felsens, wo er den Jüngling endlich sieht, kann er nicht hingelangen. Der Simurgh aber bringt ihm den Sohn herab,!) den er nun freudig aufnimmt und zum Nachfolger in der Herrschaft einsetzt.
Telephos.
Telephos.
Aleos, der König von Tegea, hatte gemäß dem Ausspruch des Orakels, seine Söhne würden durch einen Abkömmling seiner Tochter umkommen, seine Tochter Auge zur Prie- sterin der Athene gemacht und ihr für den Fall, als sie einem Manne beiwohnen sollte, mit dem Tode gedroht. Als aber Herakles auf dem Zuge gegen Augeias als Gast im Heilig- tum der Athene verweilte, sah er die Jungfrau und tat ihr im Rausche Gewalt an. Als Aleos ihre Schwangerschaft be- merkte, übergab er sie dem Nauplios, einem rauhen Schiffsmanne, mit dem Auftrage, sie ins Meer zu werfen.
werden solle und diese Verwandlung findet sich schon in alten lyrischen Versen, vermutlich von Alkman (Welcker, Der epische Cyclus, II, 90 £.). I) Das pers. „murgh” (zendisch mörögha) bedeutet Vogel und Seele. (Vgl. Geza Kuun u. J. Goldziher: Der Seelenvogel im islamischen Volksglauben Globus LXAXXIIIL, Nr. 19 sowie Weicker: Der Seelenvogel, Leipzig 1902.)
TELEPHOS. — PERSEUS. 29 Unterwegs aber gebar sie auf dem Parthenios den Telephos, und Nauplios, uneingedenk des ihm gegebenen Befehls, brachte sie und das Kind nach Mysien und übergab beide dem König Teuthras.
Nach einer anderen Überlieferung gebar Auge heimlich als Priesterin und hielt das Kind im Tempel verborgen. Als Aleos den Frevel entdeckte, ließ er das Kind auf dem parthe- nischen Gebirge aussetzen'); die Mutter sollte Nauplios im Auslande verkaufen oder töten. Er übergab sie dem Teuthras.