Nach der geläufigen Tradition setzt Auge das neuge- borene Kind aus und flüchtet nach Mysien, wo sie der kinder- lose König Teuthras an Kindes statt annimmt. Der Knabe aber wird von einer Hirschkuh gesäugt und von Hirten gefunden, die ihn zum König Korythos bringen. Der zieht ihn als seinen Sohn auf. Als Jüngling begibt sich Telephos auf den Rat des Orakels nach Mysien, um seine Mutter zu suchen. Er befreit den hart bedränsten Teuthras von Seinen Feinden und erhält zum Lohn dafür die Hand der angeblichen Tochter des Königs, nämlich der Auge, seiner eigenen Mutter. Sie weigert sich aber, sich dem Telephos hinzugeben, und schon will er im Zorn die Wider- spenstige durchbohren, da ruft sie in ihrer Angst ihren Ge- liebten Herakles an und Telephos erkennt daran seine Mutter. Nach dem Tode des Teuthras wird er König von Mysien.
Perseus.
Akrisios, der König von Argos, stand schon in hohem Alter und hatte keinen männlichen Nachkommen. Da er einen Sohn wünschte, befragte er das delphische Orakel, das ihn jedoch vor männlicher Nachkommenschaft warnte. Seine Tochter Danaö werde einen Sohn gebären, durch dessen Hand er fallen müsse. Um das zu verhindern, verschloß ') Bei Euripides, von dem die Tragödien „Auge” und „Telephos” existieren, ließ Aleos Mutter und Kind in einem Kasten ins Meer werfen, der aber durch die Fürsorge der Athene in die Mündung des mysischen Flusses Kaikos gelangte. Hier fand sie Teuthras und machte Auge zur Gattin; ihr Kind nahm er als Pflegesohn in sein Haus.
30 PERSEUS. — DIONYSOS.
er seine Tochter in ein ehernes Gemach, das er streng bewachen ließ. Aber Zeus drang als goldener Regen durch das Dach in das Gemach ein, und Danaö wurde Mutter eines Knaben!). Als Akrisios einst aus dem Gemach seiner Tochter die Stimme des jungen Perseus hörte und so erfuhr, daß seine Tochter doch geboren habe, tötete er dieAmme, die Tochter aber mit ihrem Sohn trug er auf den Hausaltar des Zeus, um sich den Namen des wahren Vaters beschwören zu lassen. Er glaubt aber der Aussage der Tochter nicht, daß Zeus der Vater sei und schließt sie mit dem Kind in einen Kasten’), den er ins Meer wirft. Der Kasten wird von den Fluten an die Küste von Seriphos getragen, wo Diktys, ein Fischer, gewöhnlich ein Bruder des Königs Polydektes genannt, Mutter und Kind rettet, indem er sie mit seinen Netzen aus dem Meere zieht. Diktys führt beide in sein Haus und hält sie wie seine Verwandten. Polydektes aber verliebt sich in die schöne Mutter und da Perseus ihm im Wege stand, suchte er ihn zu beseitigen, indem er ihn aussandte, das Haupt der Gorgo Medusa zu holen. Perseus vollführt aber wider Erwarten des Königs die gefährliche Aufgabe und verrichtet noch zahlreiche Heldentaten. Beim Diskoswerfen tötet er einst zufällig — dem Orakel gemäß — seinen Großvater. Er wird König von Argos, dann von Tirynth und erbaut Mykene?).
Dionysos.
Dionysos.
In der hellenischen Götter- und Sagengeschichte kehrt das Motiv der Aussetzung fast bei allen mythischen Gestalten regelmäßig wieder. | 1) Spätere Schriftsteller, darunter Pindar, geben an, Dana sei nicht von Zeus, sondern vom Bruder ihres Vaters geschwängert worden.
2) Simonides von Keos (fr. 37 ed. Bergk) spricht von einem „erzfesten Gehäuse”, worin Dana&ö ausgesetzt worden sei. (Geibel, Klassisches Lieder- 3) Über die weite Ausbreitung und Verzweigung des Typus der Per- seussage vgl. Sydney Hartland: Legend of Perseus. 3 vols. 1894 bis 1806. Nach Hüsing (a. a. OÖ.) ist die Perseussage auch in Japan in mehreren Varianten nachzuweisen.
— DIONYSOS UND DER MYSTERIENKULT. 31 TE er I Von besonderer Bedeutung ist die J ugrendgeschichte des Dionysos, weil sie die Entstehung des Mysterienkultes in sich schließt.
Nach der von Pausanias (III, 24, 3 £.) überlieferten Version aus Prasiai in Lakonien hatte Kadmos, als er entdeckte, daß seine Tochter Semele vor der Ehe ein Knäblein (von Zeus) geboren hatte, Mutter und Kind in eine Truhe einge- schlossen und ins Meer werfen lassen, das die Geretteten an der Lakonischen Küste ans Land spülte. Die Mutter ist tot, aber ihre Schwester Ino nimmt sich des Knäbleins mütter- lieh an und zieht es als Amme auf. Im Verein mit ihren Schwestern Autonoe und Agaue verbirgt sie — nach der von Appian überlieferten Sage — den Knaben aus Furcht vor Hera und Pentheus im Gebirge. Dort, in einer Höhle, die man noch später als Heiligtum zeigte, bargen sie das Knäblein in eine Truhe aus Fichtenholz, bedeekten diese mit Rehfellen und mit Kränzen von blühendem Epheu und umtanzten sie mit Musik, um das Wimmern des Säuglings zu übertönen; so übten sie mit den böotischen Frauen, die sich zu ihnen gesellten, die erste Geheimfeier um die versteckte Truhe. Dann wird die heilige Lade mit dem Gott bekränzt auf den Rücken eines Esels gesetzt und zum Gestade des Euripos geleitet, wo ein Fischer sie nach Euboia überfährt. Aristaios erhält dort in seiner Höhle den kleinen Dionysos aus der Truhe der Ino, der des Knaben mit Hilfe von Dryaden und bienenzüchtenden Nymphen wartet.
Nach Usener (Sintflut, 185) erscheinen die hier ‚vereinigten Motive sonst getrennt. Die Bithynier kennen die Ankunft des Dionysos auf einem Delphin ans Land; den Ioniern kommt er im Schiff angefahren, über dessen Deck sich die wunder- bare Rebe breitet; aber er wird auch, in der Truhe einge- schlossen, durch die Wellen von Lemnos her nach der Insel Sikinos getragen und nach Patrai bringt Eurypilos das Schnitz- bild des Dionysos in der Truhe. Auch von dem Esel wird Dionysos durch die Fluten getragen, nach der von Philiskos bearbeiteten Dodonäischen Sage.
32 APOLLO. — AINOS. — ADONIS. — ERICHTHONIOS.
mm nHnh»h®»na Ähnliches über Apollos Geburt läßt sich aus kultischen Resten erschließen. In der Nähe der kretischen Niederlassung Xanthos und am eleichnamigen Flusse lag ein Hain der Leto, nahe ein uralter Tempel des lykischen Apollo, dessen Gründung die Dage folgender- maßen motiviert: Wölfe hatten die irrende Göttin hieher geführt und hatten die Kinder nach der Geburt im Flusse gebadet; eine alte Frau hatte sie in die ärmliche Hütte aufgenommen.
Eins ähnliche Sage heftet sich auch an Ainos, den Heros der Insel Delos, den ältesten König und Priester des Apollo. Von seiner Geburt erzähli Diodor (V, 62, 1f.): Rhoio, von Apollo schwanger, wurde von ihrem Vater in einer Truhe ins Meer ausgesetzt, die auf der Insel Delos landete. Dort wurde Rhoio von dem Knaben entbunden, den sie Ainos, d. h. „Kummervoll” nannte!), Sie legte den Säugling auf den Altar des Apollo und betete, wenn er der Vater des Knäbleins sei, möge er sich seiner annehmen. Apollo hob den Knaben auf, verbarg ihn anfangs, zog ihn aber dann auf.
Adonis, der Sproß aus der blutschänderischen Verbindung der Smyrna mit ihrem Vater, wird von Aphrodite in einer Iruhe ver- borgen, die sie der Unterweltsgöttin Persephone zur Bewachung übergibt. Diese öffnet das Kästchen und ist von der Schönheit des Knäbleins so entzückt, daß sie es nicht mehr hergeben will. Zeus entscheidet den Streit der beiden Göttinnen dahin, daß das Kind ein halbes Jahr bei jeder verbleiben solle.
Ähnlich verbirgt Athene den von der Erde geborenen Erich- thonios in einem geflochtenen Korbe, wo er von Schlangen bewacht wird und übergibt ihn den drei Töchtern des Kekrops mit dem Befehl, die Kiste nicht zu öffnen. Sie öffnen sie aber trotz des Verbotes und sehen das Knäblein mit der Schlange, worauf sie sich in Raserei von dem Felsen der Akropolis stürzen. Nachdem der Knabe, der im unteren Teil als Schlange gestaltet sein sollte, herangewachsen war, übergibt ihm der kinderlose Kekrops die Herrschaft über Attika. Gilgamos.
Älian, der um das Jahr 200 n. Chr. lebte, erzählt in seinen „Tiergeschichten” die Geschichte eines von einem 1) Vgl. die heilige Genovefa und ihren Sohn „Schmerzenreich”.
GILGAMOS. — KYROS. 33 a a nz — Adler geretteten Knaben): „Den Tieren eigentümlich ist auch die Menschenliebe. So ernährte ein Adler ein Kind. Ich will die ganze Geschichte erzählen, um Zeugnis für meine Behauptung abzulegen. Als Senechoros über die Babylonier herrschte, sagten die chaldäischen Wahrsager, der Sohn der königlichen Tochter werde seinem Großvater das Königreich entreiben; und dieser Ausspruch war eine Weis- sagung der Chaldäer. Diese fürchtete der König und wurde, um scherzhaft zu reden, für seine Tochter ein zweiter Akrisius, denn er bewachte sie mit großer Strenge. Die Tochter aber — denn das Schicksal war weiser als der Babylonier — gebar heimlich von einem unscheinbaren Manne. Das Kind warfen die Wächter aus Furcht vor dem Könige von der Akropolis herab; denn hier war die königliche Tochter ein- geschlossen. Da sah der Adler mit seinen scharfen Ausen den Tall des Knaben, ehe er gegen die Erde anschlug, nahm ihn auf den Rücken, trug ihn in einen Garten und setzte ihn hier mit großer Behutsamkeit nieder. Wie nun der Aufseher des Platzes das schöne Knäbchen sieht, gewinnt er es lieb und erzieht es; es bekommt den Namen Gilgamos und wird König von Babylonien. Wenn jemand das für eine Fabel hält, so habe ich nichts dagegen, ob ich gleich die Sache nach Kräften geprüft habe. Auch von Achaemenes, dem, Perser, von dem der Adel der Perser herkommt, höre ich daß er der Zögling eines Adlers gewesen sei”?).
Kyros.
Kyros.
Die Sage von Kyros, die von den meisten Forschern — wie es scheint nicht mit vollem Recht — in den Mittelpunkt dieses ganzen Mythenkreises gestellt wird, ist uns in mehreren ') Claudius Aelianus, Hist. anim. XII, 21. Übersetzt v. Fr. Jakobs (Stuttgart 1841).
?2\ Auch von Ptolemäus, dem Sohne des Lagos und der Arsino£, er- zählte man, ein Adler habe den ausgesetzten Knaben mit seinen Flügeln gegen Sonnenschein, Regen und Raubvögel geschützt (1. c.).
» Man vgl. dazu die Fabel Ganymeds mit dem Adler, Rank, Der Mythus von der Geburt des Halden 2, Aull, 3 - 34 DIE KYROSSAGE NACH HERODOT.
Versionen überliefert. Nach dem Berichte Herodots (um 450 v. Chr.), der selbst sagt (I, 95), daß er von vier ihm be- kannten Versionen die am wenigsten glorifizierende gewählt habe, lautet die Geburts- und Jugendgeschichte des Kyros In der Königswürde über die Meder folgte dem Kyaxares sein Sohn Astyages. Dieser hatte eine Tochter mit Namen Mandane. Einst sah er sie im Traum, wie so viel Wasser von ihr ging, daß seine ganze Stadt davon erfüllt und ganz Asien überschwemmt wurde. Er legte also den Traumdeutern unter den Magiern seinen Traum vor und fürchtete sich sehr, da sie ihm alles erklärten. Als darauf Mandane mannbar wurde, gab er sie keinem Meder, der hm ebenbürtig gewesen wäre, sondern einem Perser mit Namen Kambyses.: Dieser war aus einem guten Hause und von ruhiger Lebensweise und er hielt ihn für geringer als einen Meder vom Mittelstande Als nun Mandane Kambyses’ Frau war, sah Astyages im ersten Jahre ein anderes Traum- gesicht. Er träumte, es wüchse aus seiner Tochter Schoß ein Weinstock empor, und dieser Weinstock überschatte ganz Asien. Und als er dieses Gesicht abermals den Traumdeutern vorlegte, ließ er seine Tochter, die schwanger war, aus Persien holen. Und als sie angekommen war, bewachte er sie, weil er ihr Kindlein umbringen wollte Denn es hatten ihm die Traumdeuter unter den Magiern geweis- sagt, seiner Tochter Sohn würde König werden an seiner Statt. Um das nun von sich abzuwenden, ließ er, als Kyros zur Welt gekommen war, den Harpagos rufen, der sein Verwandter und sein Vertrautester unter den Medern war und den er über alle seine Geschäfte gesetzt hatte. Zu diesem sprach er: „Lieber Harpagos, ich werde dir ein Geschäft übertragen, das mußt du mir gewissenhaft ausführen. Aber hintergehe mich nicht und nimm keinen anderen dazu, es könnte dir a 1) Fr. Lange: Herodots Geschiehten (Reclam). Vgl. auch Dunckers Gesch. d. Altertums (Leipzig 1280), IV’, S. 256 u.ff..
DIE KYROSSAGE NACH HERODOT. 35 einmal übel bekommen. Hier nimm den Knaben, den Mandane zur Welt gebracht, trag ihn in dein Haus und bring ihn um. Nachher kannst du ihn begraben, wie und auf welche Art du willst.”
Harpagos aber antwortete: „Großer König, nie hast du vordem deinen Knecht ungehorsam befunden und auch in Zukunft will ich mich bewahren, daß ich nicht vor dir sündige. Wenn dies dein Wille ist, so ziemt mir, ihn treulich auszu- richten.”
Als Harpagos dieses gesagt hatte und ihm das Knäblein mit allem Schmuck zum Tode überantwortet war, ging er weinend nach Hause. Und wis er dort angekommen war, er- zählte er seiner Frau alles, was ihm Astyages gesagt. Diese aber sprach zu ihm: „Was denkst du denn zu tun?”
Er aber antwortete: „Ich werde dem Astyages nicht gehorchen und wenn er gleich noch zehnmal ärger wütete und raste als jetzt, so will ich dennoch nicht seinen Willen tun und mich zu solcher Mordtat verstehen Und dazu habe ich viele Gründe. Denn erstlich ist der Knabe mein Blutsverwandter und dann ist Astyages alt und hat keinen männlichen Erben. Wenn er nun stirbt und das Königreich an seine Tochter fällt deren Sohn er jetzt durch mich umbringen will, laufe ich da nieht die größte Gefahr? Doch meiner Sicherheit wegen soll der Knabe sterben; es soll aber einer von Astyages Leuten sein Mörder sein, keiner von meinen.”
So sprach er und sofort sandte er einen Boten aus zu einem von Astyages’ Rinderbirten, der, wie er wußte, gerade auf recht schieklicher Hutung hütete, auf Bergen voll reißender Tiere, und dessen Name war Mithradates. Sein Weib war auch eine Leibeigene des Astyages und.der Name des Weibes war Kyno auf griechisch, auf medisch aber Spako?).
Als nun der Hirt auf Harpagos’ Befehl mit größter Eile herbeikam, sprach Harpagos also zu ihm: „Astyages gebietet dir, dieses Knäblein zu nehmen und in dem wildesten 1) Zum Namen Iraxo vgl. Jak. Grimm, Gesch. d. deutsch. Sprache, 89. Anmerkung. g# m U nn a nn a se ee TE 36 DIE KYROSSAGE NACH HERODOT.
Gebirge auszusetzen, daß es so bald als möglich umkomme, und also hat er mir geboten, dir zu sagen: „Wenn du es nicht umbringst, sondern am Leben erhältst, auf was für eine Art es sein mag, so sollst du des schmählichsten Todes sterben. Und ich habe den Befehl, nachzusehen, ob es wirklich ausge- gesetzt ist.” Und als der Hirt das vernommen hatte, nahm er das Knäblein und ging wieder heim und kam in seine Hütte. Und sein Weib war schwanger und hatte ihre Wehen den ganzen Tag und es traf sich, daß sie gerade gebar, als der Hirt in die Stadt gegangen war. Und sie waren in großer Sorge einer um den anderen. Als er nun aber wieder da war und die Frau ihn unverhofit wiedersah, fragte sie zuerst, warum Harpagos ihn denn gar so eilig habe rufen lassen. Er aber sprach: „Liebes Weib, was ich in der Stadt gesehen und gehört habe, das, wollte ich, hätte ich nimmer gesehen und wäre nimmer unserer Herrschaft widerfahren. Harpagos’ Haus war mit Jammer und Wehklagen erfüllt. Das fiel mir auf, doch ging ich hinein. Und alsbald, nachdem ich eingetreten war, sah ich ein Knäblein vor mir liegen, das zappelte und schrie und war geschmückt mit Gold und bunten Kleidern. Als Har- pagos mich gewahrte, gebot er mir, eiligst das Knäblein zu nehmen und auszusetzen an den wildesten Ort des Gebirges, und er sagte, Astyages hätte es befohlen, und fücte noch schreckliche Drohworte hinzu, wenn ich es nieht täte. Und ich nahm das Kind und ging mit ihm weg, in der Meinung, es sei der Diener eines; denn noch ließ ich mir nicht träumen, daß es daher entsprossen sei. Unterwegs aber hörte ich die ' ganze Geschichte von dem Diener, der mich aus der Stadt geleitet und mir das Knäblein eingehändigt hatte: daß es ein Sohn der Mandane sei, der Tochter des Astyages und des Kambyses, des Sohnes des Kyros, und daß Astyages geboten habe, ihn umzubringen, und siehe, hier ist er!”
Als der Hirt so gesprochen hatte, enthüllte und zeigte er das Kind und als das Weib sah, das es ein starkes und schönes Kind war, weinte sie und fiel ihrem Mann zu Füßen und bat ihn, -es doch ja nicht aus- zusetzen. Er aber sagte, er könne nicht anders, denn BE me on KYROS. — CANDRAGUPTA. 37 Harpagos würde Diener herausschicken, die nachsehen sollten; er müßte des schmählichsten Todes sterben, wenn er es nicht täte. Da sprach sie abermals: „Kann ich dich denn nicht bewegen, nun so mache es so, wenn sie schlechterdings ein ausgesetztes Kind sehen müssen; auch ich habe geboren, aber ein totes Kind; nimm das und setze es aus und den Sohn der Tochter des Astyages wollen wir aufziehen wie unser eigenes Kind. So wirst du nicht als ein ungehorsamer Knecht befunden werden, noch werden wir uns selbst schlecht beraten. Denn unser totgeborenes Kind wird einer königlichen Bestattung teilhaftig werden und dem, lebenden wird das Leben erhalten.” Der Hirt tat, wie seine Frau gebeten und geraten hatte. Er legte seinen toten Knaben in einen Korb, tat ihm den ganzen Schmuck des anderen an und setzte ihn auf dem ödesten Berge aus. Drei Tage darauf meldete er dem Harpagos, daß er nun des Knaben Leichnam zeigen könne. Da schickte Harpagos seine getreuesten Leib- wächter und ließ den Sohn des Rinderhirten begraben. Den anderen aber, der nachher Kyros hieß, erzog das Hirtenweib. Sie nannten ihn aber nicht Kyros, sondern gaben ihm einen anderen Namen!).
Und als der Knabe zwölf Jahre alt war, kam es heraus durch folgenden Umstand: Er spielte in dem Dorfe, wo auch die Rinder standen, mit anderen Knaben seines Alters im Wege. Und die Kuaben spielten König und wählten des Rinderhirten angeblichen Sohn). Er aber ordnete sie, 1) Der Name, unter dem Kyros bei den Hirten aufwächst, wäre nach Strabo „Agradaies” gewesen. Den Namen Cyrus (gr. Kyros, was nur eine Gräzisierung des persischen Kores, Koresch, d. h. die Sonne ist) nahm er wahrscheinlich erst später als König von Persien an. Der Name wird in den ältesten schriftlichen Urkunden in babylonischer Sprache „Kurasch”, der große König, der mächtige König, der König von Babel genannt. „Kurasch” bedeutet aber im Susischen „Hirte (ist er)”. (Grundriß d. iran, Philol, S. 41öff.)
2) Das gleiche Königspiel findet man in der indischen Sage von Candragupta, dem Gründer der Maurjadynastie, den seine Mutter nach seiner Geburt in einem Gefäß an dem Tore eines Kuhstalles aussetzte, wo ihn ein Hirt fand und aufzog. Später kam er zu einem Jäger, wo er als % TE RE m u -— 38 KYROS. — DAS MOTIV DES KONIGSPIELS. | EEE SEES die einen, daß sie Häuser bauten, die anderen zu Lanzenträgern; diese machte er zum Auge des Königs, jenen gab er das Amt, die Meldungen hereinzubringen, kurz, jedem gab er s«in eigenes Geschäft. Einer aber von den Knaben, welche mitspielten, war Artembares’ Sohn, eines achtbaren Mannes unter den Medern, und da er nicht tat, was ihm Kyros befabl, hieß dieser die anderen Knaben ihn ergreifen. Und die Knaben gehorchten und Kyros züchtigte ihn mit recht derben Schlägen. Kaum aber ließen sie ihn los, so war er gewaltig böse, als wäre man mit ihm unwürdig umgegangen. Und er lief in die Stadt und ı klagte seinem Vater, was Kyros ihm getan. Er sagte aber nicht Kyros, denn so hieß er noch nicht, sondern des Rinderhirten Sohn. Artembares aber ging mit seinem Sohne voller Zorn zu Astyages, sagte, das wäre eine ganz unwürdige Behandlung und sprach also: „Großer König, von deinem Knechte, des Hirten Sohn, erleiden wir so schmähliche Behandlung”; und er zeigte ihm seines Sohnes Schultern. Als Astyages dies hörte und sah, wollte er dem Knaben Genugtuung verschaffen um Artembares’ willen und ließ den Kuhhirte mit den anderen Knaben das Königspiel spielte und als König befahl, den schweren Verbreehern Hände und Füße abzuhauen. (Das weit- verbreitete Zerstückelungsmotiv kommt auch in der Ryros-Sage vor.) Auf seinen Befehl kehrten die abgehauenen Glieder dann wieder an ihre Stelle \ zurück. Känakja, der einmal dem Spiele zusah, bewunderte den Knaben, kaufte ihn dem Jäger für ein Tausend Kärshäpana ab und entdeckte dann zu Hause, daß er ein Maurja sei. (Nach Lassen: Ind. Altertumskunde II, 1926, Anm. 1.) Zum „Königspiel”: Als Moses mit drei Jahren während einer Mahlzeit die Krone vom Haupte des Königs herabnahm und sie sich aufsetzte, gemahnte Biieam den König an seinen Traum und forderte die Hinrichtung des Kindes (Grünbaum: Neue Beitr. z. semit, Sagenkunde). Nach Josephus (Jüd. Altert. Il, 7) nahm der Pharao auf Wunsch Seiner Tochter den Moses an Kindesstatt an und setzte ihm zum Zeichen dessen die Krone aufs Haupt, die der Kleine jedoch in kindischer Weise zu Boden warf und mit Füßen trat, worin man eine schlimme Vorbedeutung für den König erbliekte. — Nero läßt seinen Stiefsohn Rufius Crispinus ersäufen, weil er gehört hatte, er stelle beim Sp'elen Feldherrn und Regenten dar (Sueton, e. 35). Vgl. auch das Spiel in der Gregorlegende, wobei Gregorius seinen Pflegebruder schlägt und von seiner Pfilegemutter Basıard gescholten wird, u a DIE KYROSSAGE NACH HERODOT. 39 a Rinderhirten samt seinem Sohne rufen. Und als beide da waren, sah Astyages den Kyros an und sprach: „Du, eines so geringen Mannes Sohn, hast dich erdreistet, so schmählich den Sohn eines Mannes, der bei mir in großen Ehren steht, zu behandeln?”
Er aber antwortete: „Herr, dem ist nichts als sein Recht geschehen. Denn die Knaben im Dorfe spielten (er war auch ‘ darunter) und machten mich zu ihrem Könige, denn sie olaubten, ich eignete mich am besten dazu. Und die anderen Knaben taten, was ihnen geboten war, der aber war unge- horsam und machte sich gar nichts aus mir. Dafür hat er seinen Lohn empfangen. Habe ich darum Strafe verdient, siehe, hier bin ich!” | Als der Knabe also redete, erkannte ihn Astyages sofort. Denn die Züge des Gesichtes deuchten ihm wie seine eigenen und die Anwort war wie die eines Edlen; auch traf, wie ihm deuchte, die Z:it der Aussetzung zusammen mit dem Alter des Knaben. Das fiel ihm auf das Herz und er blieb eine Zeitlang sprachlos. Kaum aber war er wieder zu sich gekommen so sprach er, denn er wollte gern den Artembares los sein auf daß er den Rinderhirten ohne Zeugen verhörte, also: „Lieber Artembares, ich werde dafür sorgen, daß weder du noch dein Sohn sich beklagen soll.” Also entließ er den Artembares. Den Kyros aber führten die Diener hinein auf Astyages’ Befehl und der Rinderhirte mußte da bleiben. Und als er nun ganz allein mit ihm war, fragte ihn Astyages aus, wo er den Knaben her hätte und wer ihm denselben übergeben. Der Hirt aber sagte, es wäre sein eigener Sohn und das Weib, das ihn geboren, lebe bei ihm. Da sayte Astyages, es wäre recht unklug von ihm gehandelt, daß ihn so verlangte nach der grausamsten Marter, und dabei winkte er den Lanzenträgern, daß sie ihn ergriffen. Der Hirt aber gestand, als man ihn zur Marterbank führte, die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende nach aller Wahrheit und am Ende legte er sich aufs Bitten und flehte um Verzeihung und Gnade.
Astyages aber war auf den Hirten, der ihm die Wahrheit offenbart hatte, nicht so erzürnt wie auf Harpagos; er gebot 40 DIE KYROSSAGE NACH HERODOT.
den Lanzenträgern, ihn zu rufen, und als Harpagos vor ihm stand, fragte ihn Astyages also: „Lieber Harpagos, auf welche Art hast du denn meiner Tochter Sohn ums Leben gebracht, den ich dir damals übergab?”
Und als Harpagos den Hirten gewahrte, wandte er sich nicht auf den Weg der Unwahrheit, aus Furcht, er möchte sogleich überführt werden.
Harpagos also erzählte die Wahrheit. Astyages aber ver- barg den Zorn, den er wegen der Geschichte auf ihn ge- worfen hatte, und erzählte ihm zuerst, was er von dem Hirten erfahren hatte; dann kam er darauf, daß der Knabe noch lebte, und daß es so recht schön gekommen sei. Denn, sagte er, es hat mir großen Kummer gemacht, was ich an dem Kinde getan habe, und meiner Tochter Vorwürfe sind mir durch die Seele gegangen. Da aber die Sache so schön ze- kommen ist, so schicke doch fürs erste deinen Sohn her zu unserem neuen Ankömmling und dann komm doch zu mir. zu Tische, denn ich bin willens, den Göttern, die das voll- führt haben, einen Dankschmaus anzurichten. Ä Als Harpagos dies vernahm, warf er sich vor dem Könige zur Erde nieder und pries sich glücklich, daß sein Versehen ‚zum Guten ausgeschlagen sei und daß er zu Tische geladen würde wegen einer glücklichen Begebenheit, und eing nach Hause. Und als er nach Hause gekommen war, schickte er sofort seinen Sohn weg — es war sein einziger und unge- fähr dreizehn Jahr alt — und gebot ihm, zu Astyages zu gehen und zu tun, was der ihm befehle, und er selber voll srober Freude erzählte seiner Frau, was ihm widerfahren war. Astyages aber schlachtete des Harpagos’ Sohn als dieser zu ihm kam, schnitt ihn in Stücke und briet das Fleisch zum Teil, zum Teil ließ er es kochen, und da alles wohl bereitet war, hielt er es fertig. Darauf, als die Stunde des Mahles da war, kamen Harpagos und die übrigen Gäste. Vor Ästyages nun und den übrigen ward ein Tisch angerichtet mit Hammel- fleisch, dem Harpagos aber ward seines eigenen Sohnes Fleisch aufgetragen, ohne den Kopf und das Klein von Händen und Ze 7.
41 Ze 7.
41 DIE KYROSSAGE NACH HERODOT. E Füßen, das andere alles. Dies lag besonders verdecktin einem Korbe. Als nun Harpagos gesättigt zu sein schien, fragte ihn Astyages, ob ihm das Gericht gut geschmeckt hätte, und als Harpagos versicherte, es hätte ihm sehr gut geschmeckt, brachten die Diener, die dazu bestellt waren, seines Sohnes verdeckten Kopf nebst Händen und Füßen und traten vor Harpagos und hießen ihn aufdecken und nehmen, was ihm beliebte. Und Harpago tat also, deckte auf und erblickte die Überbleibsel seines Sohnes. Und als er das sah, entsetzte er sich nicht, sondern verbiß es. Da fragte ihn Astyages, ob er wohl wüßte, von welchem Wildpret er gegessen habe, und er anwortete, er wisse es sehr wohl, und was der König tue, das sei alles wohlgetan. Also sprach er, nahm das übrige Fleisch und ging damit nach Hause. Hier, denke ich, wollte er es zu- sammen begraben.
Dem Harpagos nun hatte Astyages eine solche Rache bereitet, über Kyros aber ging er zu Rat und hieß dieselben Magier rufen, die ihm den Traum ausgelegt hatten, und fragte sie, wie sie ihm jenes Traumgesicht damals ausgelegt hätten. Sie aber sagten wieder ebenso: Der Knabe müßte König werden, wenn er am Leben bliebe und nicht zuvor stürbe Er aber antwortete folgendes: „Der Knabe lebt und ist da, und da er sich auf dem Lande aufhielt, haben sich ihn die Knaben des Dorfes zum König gewählt. Er hat aber alles so gemacht wie die wirk- lichen Könige. Denn er hat sich als Herrscher Lanzenträger und Torwärter und Botschaftbringer bestellt und alles. Was dünkt euch nun dieses zu bedeuten?”
Die Magier antworteten: „Wenn der Knabe lebt und König eewesen ist ohne jemandes Zutun, so kannst du seinetwegen dich zufrieden geben und guten Mutes scin; denn nunmehr wird er nicht zum anderen Male König werden. Denn auch uns sind schon etliche Weissagungen auf das Unbedeutende ge- eangen und leicht wird nichtig, was auf Träumen beruht.
Astyages antwortete: „Ihr Magier, ich bin ganz eurer Meinung, daß der Traum in-Erfüllung gegangen sei, da der Knabe dem Namen nach König ‘gewesen ist, und daß ich nichts j } { en an Mh nu u a A u een 1 ne 42 KYROS. — ARDASCHIR.
mehr von ihm zu fürchten habe. Aber dennoch ratet mir vor- sichtig, was das Sicherste sei für mein Haus und für euch.”
Darauf sprachen die Magier: — — — — — — — „Den Knaben sende fort, daß er dir aus den Augen komme, ins Perserland zu seinen Eltern.”
Als Astyages das vernommen hatte, freute er sich sehr, Er hieß den Kyros kommen und sprach zu ihm: „Mein Sohn, ich habe dir großes Unrecht getan, durch ein trügerisches Traumbild verführt, doch dein gutes Glück hat dich gerettet. Jetzt gehe freudigen Mutes nach dem Perser- land, ich werde dich geleiten lassen; da wirst du einen ganz anderen Vater und eine ganz andere Mutter finden als den Hirten Mithradates und sein Weib.” Also sprach Astyages und sandte den Kyros fort. Als er zur Behausung des Kambyses kam, empfingen ihn die Eltern mit großer Freude, nachdem sie erfahren hatten, wer er sei, da sie glaubten, er sei damals umgekommen, und verlangten zu wissen, auf welche Weise er erhalten worden sei. Er sagte ihnen, daß er gemeint habe, der Sohn des Rinderhirten zu sein; aber von den Ge- leitern, die Astyages ihm mitgegeben hätte, habe er unterwegs alles erfahren. Er erzählte, daß ihn des Rinderhirten Weib aufgezogen habe, er lobte sie durchaus und die Hündin (die Spako) war die Hauptsache in seinen Reden. Diesen Namen oriffen die Eltern auf, damit den Leuten die Erhaltung des Kindes um so wunderbarer vorkäme, und legten so den Grund zu der Sare, daß eine Hündin den ausgesetzten Kyros gesäuct habe.
Später wiegelt Kyros, von Harpagos angespornt, die Perser gegen die Meder auf. Es kommt zum Krieg und Kyros, an der Spitze der Perser, besiegt die Meder in der Schlacht. Astyaoes wird lebend gefangen genommen, aber Kyros tat ihm kein Leid, sondern behielt ihn bei sich bis an sein Ende. Herodots Bericht schließt dann mit den Worten: „Die Perser aber und Kyros herrschten von der Zeit an über Asien. Also ward Kyros ge- boren und auferzogen und ward König”!), ) Es ist bemerkenswert, daß die Sage an den Begründer des zweiten persischen Reiches, Ardaschir, ähnlich wunderbare und romantische Züge wie an Cyrus knüpft, Vgl. Noeldecke (Aufs. z. pers. Gesch., Leipzig 1887), - KYROS NACH JUSTINUS.
Der Bericht des Pompejus Trogus ist uns nur in Justins!) Auszug erhalten: Astyages hatte zwar eine Tochter, aber keinen männlichen Erben. Er sah im Traum aus ihrem Schoß einen Weinstock aufwachsen, dessen Schößlinge ganz Asien überschatteten. Die Traumdeuter erklärten, daß das Gesicht die Größe des Enkels, den seine Tochter gebären werde, ihm aber den Verlust der Herrschaft bedaeute. Dieser Furcht ledig zu werden, habe Astyages seine Tochter weder einem hervorragenden Manne noch einem Meder zur Frau gegeben, damit nicht das väter- liche neben dem mütterlichen Ansehen den Sinn des Enkels erhebe, sondern dem Kambyses, einem mittleren Manne aus dem damals un- bekannten Volke der Perser, Aber auch dies habe des Astyages Furcht nicht beseitigt: er habe die schwangere Tochter zu sich be- schieden, um deren Frucht unter seinen Augen töten zu lassen. Als ein Knabe geboren war, gab er ihn dem Harpagos, seinem Freunde und Vertrauten, um ihn zu töten. Aus Furcht, daß des Astyages Tochter, wenn die Regierung nach dem Tode des Vaters an sie komme, für den Tod ihres Knaben an ihm Rache nehmen werde, übergab er das Kind dem Hirten des Königs zur Aussetzung. Zu derselben Zeit, als Kyros geboren wurde, war zufällig auch dem Hirten ein Sohn ge- boren worden, Als sein Weib gehört hatte, daß das Kind des Königs ausgesetzt sei, bat sie dringend, es möge ihr gebracht werden, damit sie es betrachten könne. Der Hirt ließ sich durch ihre Bitten bewegen und kehrte in den Wald zurück. Hier fand er