SigPhi · Otto Rank

Der Mythus von der Geburt des Helden

German

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späte und sekundäre Charakter des Zwillingstypus in den Geburts- mythen. Für die Romulussage hat es Mommsen!) wahrscheinlich gemacht, daß sie ursprünglich nur von Romulus allein berichtet habe, und daß die Gestalt des Remus erst nachträglich und ziemlich lose eingefügt worden sei, als es sich darum handelte, dem Konsulat eine in der alten Überlieferung begründete Weihe zu erteilen.

Herakles:).

Herakles:).

Nach dem Verlust seiner zahlreichen Söhne verlobt Elektryon seine Tochter Alkmene mit Amphitryon, dem Sohne seines Bruders Alkäos. Da aber Amphitryon durch einen unglücklichen Zufall den Tod Elektryons verschuldet, flüchtet er mit seiner Verlobten nach Theben. Noch ist er ihrer nieht froh geworden, denn sie hat ihm das feierliche Gelübde abgenommen, ihr nicht eher zu nahen, als bis er ihre Brüder an den Teleboern gerächt habe; er rüstet daher von Theben aus zu diesem Zuge. Schon hat er den König des feindlichen Volkes, Pierelaos, und alle Inseln unterworfen und kehrt nach Theben zurück, da begibt sich Zeus in der Gestalt Amphi- tryons?°) zu Alkmene, bringt einen goldenen Becher als Pfand des Sieges und ruht bei der reizenden Jungfrau, wie die späteren Dichter sagen, drei Nächte lang, da er die Sonne um einen Tag zurückgehalten habe. In derselben Nacht kommt Amphitryon, siegesfroh und liebeschmachtend. Dann erfüllt sich die Zeit, wo die Frucht der göttlichen und der menschlichen Umarmung‘‘) a 1) Die Remuslegende. Hermes 1881.

2) Nach Preller: Griech. Mythologie (Leipzig 1854), II, S. 120 u. ff.

>, Die gleiche Verwandlung des göttlichen Erzeugers in die Gestalt des menschlichen Vaters findet man in der Geburtsgeschichte der ägyptischen Königin Hatshepset (um 1500 v. Chr.), die der Meinung ist, der Gott Amen habe in der Gestalt ihres Vaters, Thothmes des Ersten, ihrer Mutter Aahames beigewohnt (siehe Budge: A history of Egypt IV, Books on Egypt and Chaldaea vol, XII, p, 21 ete).

4, Eine ähnliche Vermischung der göttlichen und menschlichen Vater- schaft erzählt der Mythus von der Geburt des Theseus, dessen Mutter 68 HERAKLES. — THESEUS: DIOSKUREN.

ans Licht dränet, und Zeus kündigt den Göttern seinen Sohn als den mächtigsten Herrscher der Zukunft an. Aber seine eifersüchtige Gemahlin Hera weiß ihn zu dem verhängnisvollen Sehwur zu verleiten, daß der erste Perseusenkel, der geboren würde, der Beherrscher aller übrigen Nachkommen des Perseus sein sollte. Hera eilt hierauf nach Mykene, um die Frau des dritten Persiden Sthenelos von dem Siebenmonatskind Eurys- theus zu entbinden, und hemmt und erschwert zugleich die Geburt der Alkmene durch allerlei bösen Zauber, gerade wie bei der Geburt des Lichtgottes Apollo. Alkmene gebiert dann Herakles und Iphikles!), dieser jenem weder an Mut noch an Aithra, eine Geliebte Poseidons, in einer Nacht von diesem Gotte und von dem trunken gemachten kinderlosen König Aigeus von Athen beschlafen wurde. Der Knabe wurde dann heimlich und in Unkenntnis seines Vaters erzoren (v. Roschers Lexikon s. Aigeus).

ı) Von Zeus gebar Alkmene den Herakles, von Amphitryon den Iphikles; nach Apollodor 2, 4, 8 waren sie Zwillingskinder, also zu gleicher Zeit geboren, nach anderen soll Iphikles eine Nacht später emp- fangen und geboren worden sein als Herakles (siehe Roschers Lexikon, 8.

Amphitryon und Alkmene). Der schemenhafte Charakter des Zwillingsbruders und sein loser Zusammenhang mit der ganzen Sage fällt auch hier wieder auf. Ähnliches ist von Telephos, dem Sohn der Auge, nachzutragen, der zusammen mit Parthenopäus, dem Sohn der Atalante, ausgesetzt, von einer Hirschkuh gesäugt und von Hirten dem König Korythos gebracht wurde. Auch hier ist die äußerliche und spätere Einfügung des Partners ganz deutlich. Den Typus der Zwillinge, von denen nur einem Unsterblichkeit zuteil wird, bilden die Dioskuren, Kastor und Polydeukes, deren Mutter Leda in einer Nacht von Zeus und ihrem Gatten Tyndareos umarmt wird. (Apoll. III, 10, 7 und Hygin fab. 80.) Die Helena, die Schwester der Dios- kuren, empfängt Leda von dem in einen Schwan verwandelten Gott. Das Ei verwahrt Leda in einer Kiste und zieht dann die aus dem Ei geborene Helena auf (Apoll. III, 10, 6).

In diesem Zusammenhange sei auch eine japanische Überlieferung erwähnt, die sich mit einzelnen Motiven hier anreiht, Die japanische Göttin Buns$o — es soll die spätere Benten sein — brachte 500 Eier zur Welt, glaubte, sie könnten nur Drachen enthalten und ließ sie in einen Kasten verpackt in den Strom werfen, Ein Fischer fand den Kasten, Knaben krochen aus den Eiern, gelangten später zum elterlichen Palast, wurden von der Mutter anerkannt und bilden seither ihr himmlisches Gefolge (Brauns, Japanische Märchen und Sagen. 8. 160) Man vgl. dazu (l, e. S, 355 ff,) die von der Göttin Benten vollzogene “Ver- 1 j m mm a mn HERAKLES: DAS AMMENMOTIV. 59 Kräften gleich, aber der Vater seines treuen Freundes lolaos. So war Eurystheus König zu Mykene im Argiverlande, nach dem Schwur des Zeus, und der später geborene Herakles ihm unterworfen.

Von der Ernährung des Herakles wußte die alte Diehtung zu erzählen, daß ihn, wie alle Kinder Thebens, das kräftige Wasser der Dirke genährt habe. Später wurde aber eine andere Version erzählt: Aus Furcht vor Heras Eifersucht setzte Alkmene das Kind, das sie geboren hatte, an einem Platze aus, der noch in späten Zeiten das Herakles- feld hieß. Um diese Zeit kam Athene mit der Hera dahin. Sie betrachtete die schöne Gestalt des Kindes mit Verwunderung und bewog die Hera, ihm die Brust zu reichen. Aber der Knabe sog viel kräftiger an der Brust, als sein Alter erwarten ließ; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig zu Boden. Athene aber trug es in die nahe Stadt und brachte es der Königin Alkmene, um deren Mutterschaft sie nicht wußte, als ein armes Findelkind, das sie aus Barmherzigkeit aufzuziehen bat. Man wundert sich billig über den sonderbaren Zufall. Die leibliche Mutter läßt das Kind umkommen, die Pflicht der natürlichen Liebe verleugnend, und die Stiefmutter, die von natürlichkem Haß gegen das Kind erfüllt ist, rettet, ohne es zu wissen, ihren Feind (mach Diodor IV, 9, übersetzt von Wurm, Stuttgart 1831). Herakles hatte nur ein paar Züge an Heras Brust getan; aber die wenigen Tropfen Göttermilch waren genügend, ihm Unsterb- lichkeit einzuflößen. Auch ein Versuch Heras, den in der Wiege schlummernden Knaben durch zwei Schlangen zu töten, mißlingt: das erwachte Kind erstickt die Tiere mit einem einzigen Druck seiner Hände. Als Knabe erschlägt Herakles einst, wegen einer ungerechten Züchtigung erzürnt, seinen Hofmeister Linos und Amphitryon, der die Wildheit des Jünglings fürchtet, schickt ihn zu seinen Ochsen- herden „ins Gebirge und unter die Hirten, wo er nach wandlung ihrer beiden Kinder in Schlangen, da sie deren Heirat verhin- dern will.

rare in —— Einigen ganz aufgewachsen ist, wie Amphion und Zethos, Kyros und Romulus. Hier lebt er der Jagd und der freien Natur”. (Preller II, 123.)

Schmidt (Jona, S. 125) sieht in Herakles (Melkart), der von einem Meerungeheuer verschlungen und so gerettet wurde, nachdem das Schiff, auf dem er fuhr, gescheitert war, den Helden der Rettungsgeschichten in ihrer ursprünglichen Gestalt. Über Arion, den Delphinreiter, und Verwandtes siehe gpäter. An den Mythus von Herakles erinnert in einzelnen Motiven die indische Sage von dem Helden Krishna, der — wie so viele Heroen — einem allgemeinen Kindermord entgeht und dann bei einer Hirtenfrau, Jasodha, erzogen wird. Da erscheint eine böse Dämonin, die vom König Kansa abgeschickt ist, den Knaben zu töten. Sie verdingt sich als Amme im Hause, wird aber von Krishna er- kannt und beim Säugen derart gebissen (wie Hera von dem säugenden Herakles, den sie ebenfalls vernichten will), daß sie stirbt. (Die Jugendgeschichte des Hirtengottes Krishna wird im sogenannten Karivamsa erzählt.)

Jesus.

Das Evangelium nach Lukas (li, 26 bis 35) erzählt von der Verheißung der Geburt Jesu: Es wurde „der Engel Gabriel gesandt von Gott in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertrauet war einem Manne mit Namen Joseph, vom Hause Davids; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Gegrüßet seist du, Holdselige, der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern. Da sie ihn aber sahe, erschrak sie über seiner Rede und gedachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dieh nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger. werden im Leibe und einen Sohn gebären, deß Namen sollst du Jesus heißen. Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden und Gott der Herr wird JESUS NACH MATTHÄUS. 61 TTS e—n —sjü rs nn en ihm den Stuhl seines Vaters David geben. Und er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewiglich und seines König- reichs wird kein Ende sein. Da sprach Maria zu dem Engel: „Wie soll das zugehen? Sintemal ich von keinem Manne weiß. Der Engel antwortete und sprach zu ihr: der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.”

Diesen Bericht ergänzt das Evangelium nach Matthäus!) (1, 18 bis 25) durch die Erzählung von der Geburt und Kindheit Jesu: „Die Geburt Christi war aber also getan. Als Maria, seine Mutter, dem Joseph vertrauet war, ehe er sie heimholte, erfand sich’s, daß sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht rügen; gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

Indem er aber also gedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: ‚Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen: denn das in ihr geboren ist, das ist von dem Heiligen (Geist, Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du ® ) Um auch formell die volle Identität der Geburis- und Kindheits- geschichte Jesu mit den übrigen Heldenmythen darzutun, sei es gestattet, die betreffenden Abschnitte aus den verschiedenen Versionen, den Eyan- gelien, ohne Rücksicht auf den überlieferten Zusammenhang und die Ur- sprünglichkeit der einzelnen Teile, umzuordnen. Alter, Herkunft und Echt- heit dieser Teile findet man kurz und übersichtlich dargelegt bei Wilh. Soltau: Die Geburtsgeschichte Jesu Christi. Leipzig 1902. Wir haben dabei auch die nach Usener (Geburt und Kindheit Christi, 1903, in: Vorträg- und Aufsätze, Leipzig 1907) einander widersprechenden, ja ausschließenden Überlieferungen der einzelnen Evangelien unbedenklich nebeneinandere gestellt bezw. stehen lassen, weil es ja gerade unsere Aufgabe ist, das scheinbar Widerspruchsvolle dieser Geburtsmythen aufzuklären, gleichgültig, ob es sich innerhalb einer einheitlichen Sage findet oder in ihren ver- schiedenen Versionen (wie z. B. bei Kyros).

Hugo Gressmann hat 1914, also sechs Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage vorliegender Untersuchung, die Vermutung gewagt, daß der Evangelienerzählung die Aussetzungsgeschiehte zugrundeliegen könnte, („Das Weihnachtsevangelium”.)

BE En 62 JESU GEBURT a NACH LUKAS.

— um Jesus heißen; denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllet würde, das der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn ge- bären und sie werden seinen Namen Emanuel heißen, das ist verdolmetschet, Gott mit uns’ Da nun Joseph vom Schlaf er- wachte, tat er, wie ihm des Herrn Engel befohlen hatte, und nahm sein Gemahl zu sich; und erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar: und hieß seinen Namen Jesus.”

Hier schalten wir die atısführliche Schilderung der Geburt Jesu aus dem Evangelium Lukas (2, 4 bis 20) ein: „Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlecht Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger, und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge!). Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn ‘Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk wider- fahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und alsobald war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt ) Über die Geburt Jesu in einer Höhle und die Ausstattung des Geburtsortes mit den typischen Tieren (Ochsund Esel) vgl. Jeremias: Babylonisches im Neuen Testament (Leipzig 1905), 3. 56 u. Preuschen, Jesu Geburt in einer Höhle, Zeitschr, f. d. neutest. Wiss. 1902, 5. 359.

DIE VERFOLGUNG NACH MATTHÄUS, 63 uns gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend, und fanden beide, Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war, Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten, Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.”

Wir setzen nun den Bericht nach Matthäus mit dem zweiten Kapitel fort: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem, und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande, und sind gekommen, ihn anzubeten. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem; und ließ versammeln alle Hohepriester und Schriftgelehrten unter dem Volk: und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: zu Bethlehem im jüdischen Lande. Da berief Herodes heimlich die Weisen, und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre; und wies sie gen Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr es findet, so sagt mir’s wieder, daß ich auch komme und es anbete. Als sienun den König gehöret hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenlande gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch- erfreut; und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder, und beteten es an, und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken. Und zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land. Da sie aber hinweggezogen Ei Tu BT = —— TE Ei Tu BT = —— TE ren a —— sn a ee 2 64 JESUS, — ZOROASTER.

waren, siehe, daerschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum, und sprach: Stehe auf, und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir, und fliehe ins Ägyptenland, und bleibe allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. Und er stand auf, und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich, bei der Nacht, und entwich in Ägyptenland; und blieb allda bis nach dem Tode Herodis, auf daß erfüllt würde, das der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Da Herodes nun sahe daß er von den Weisen betrogen war, ward er sehr zornig und schiekte aus, und ließ alle Kinder zu Bethlehem töten und an ihren ganzen Grenzen, die da zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erlernt hatte. Da aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum in Ägyptenland und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir, und ziehe hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben standen. Und er stand auf, nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich, und kam in das Land Israel. Da er aber hörte, dab Archelaus im jüdischen Lande König war, anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dahin zu kommen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott, und zog in die Örter des gali- läischen Landes. Und kam und wohnte in der Stadt, die da heißt Nazareth; auf daß erfüllt würde, das da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heiben”!).

Ähnliche Geburtslegenden wie von Jesus sind auch von anderen „Religionsstiftern” überliefert. So von Zoroaster, der um das Jahr 1000 v. Chr. gelebt haben soll. Dughda, seine Mutter, träumt ) Nach neueren Forschungen soll die Geburtsgeschichte Christi die größte Ähnlichkeit mit der über 5000 Jahre alten ägyptischen Königssage haben, die von der Geburt Amenophis’ III. berichtet. Man findet dort wieder die göttliche Verheißung der Geburt eines Sohnes an die hoflnungs- volle Königin; ihre Befruchtung durch den himmlischen Feuerhauch, die göttlichen Kühe, die das Neugeborene säugen, die Huldigung der Könige u. a. m. wozu man vgl. A, Malvert: Wissenschaft und Religion, Frank ee GESESESTEREEEERE ERL—— mr a 2.

im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, daß die bösen und die guten Geister um den Embryo Zoroasters stritten: ein Ungeheuer riß den zukünftigen Zoroaster aus dem Leib der Mutter; ein Licht- gott aber bekämpft das Ungeheuer mit seinem Lichthorn, schließt den Embryo wieder in den Mutterleib ein, bläst Dughda an und sie ward schwanger. Als sie erwacht, eilt sie erschreckt zu einem weisen Traumdeuter, der ihr aber erst nach drei Tagen den wunderbaren Traum auszulegen vermag: das Kind, mit dem sie schwanger sei, werde ein Mann von großer Be- deutung werden; die finstere Wolke und der Lichtberg bedeuten, daß sie und ihr Sohn zuerst viel Trübsal durch Tyrannen und ähnliche Bösewichter aushalten müßten, daß sie aber zuletzt über alle Gefahren siegen würden. Dughda geht sofort nach Hause und erzählt alles, was sich zugetragen hat, ihrem Manne, dem Pourus- hacpa. Sofort nach seiner Geburt lachte der Knabe; das war das ers'e Wunder, wodurch er die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die Magier melden die Geburt des Kindes unheilverkündend dem Fürsten der Gegend, Duränsarän, der sich selbst schleunig in die Wohnung des Pourushacpa begibt, um das Kind zu erdolchen. Aber die Hand erlahmt ihm und er muß unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das war das zweite Wunder. Bald darauf stehlen die bösen Dämonen der Mutter das Kind und bringen es in die Wüste, um es dort zu töten; aber Dushda findet das unversehrte Kind ruhig schlafend. Das ist das dritte Wunder. Sodann sollte Zoroaster nach dem Befehl des Fürsten in einem engen Weg von einer Ochsenherde zertreten werden). Aber das größte unter den furt 1904, 5. 49 £, und die Anregung Prof. Ißleibs in Bonn (Feuilleton d. Frankf. Zeitung, 8. November 1908).

) Ganz ähnliche Züge finden sich in der von Justin (44, 4) über- lieferten keltischen Sage von Habis, der, als außerehelicher Sohn einer Königstochter von seinem königlichen Großvater Gargoris auf alle möglichen Arten verfolgt, durch glückliche Fügungen immer wieder gerettet wird, bis er schließlich, von seinem Großvater anerkannt, zur Königsherrschaft ge- langt. Wie in der Zarathustralegende findet sich auch hier eine ganze Sammlung der verschiedensten Verfolgungsmethoden: Zuerst wird er aus- gesetzt, aber von wilden Tieren gesäugt, dann soll er auf einem engen Pfade von einer Herde zertreten, ferner hungrigen Tieren vorgeworfen werden, die ihn jedoch wieder säugen, und schließlich wird er ins Meer Kank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 2, Aut, r ee En nr m Gm a nn En Er er er Be BE Br gr So En an 66 ZORÖOASTER. — BUDDHA.

Rindern nahm das Kind zwischen seine Füße und verhinderte, daß ihm ein Leid zugefügt werde, Dies ist das vierte Wunder. Das fünfte ist bloß eine Wiederholung des vorhergehenden. Was die Rinder sich geweigert hatten zu tun, das sollten die Pferde voll- bringen. Aber wieder schützt ein Pferd das Kind vor den Hufen der übrigen. Nun ließ Duränsarün in einem Wolfslager, während der Abwesenheit der Alten die Jungen erschlagen und den Zoroaster an ihre Stelle legen. Aber ein Gott verschloß den wütenden Wölfen den Rachen, so daß sie dem Kinde kein Leid zufügen konnten. Dagegen kamen zwei himmlische Kühe, die dem Kind ihre Euter darreichten und es trinken ließen. Das war das sechste Wunder, wodurch Zoroaster am Leben erhalten wurde (vgl. Spiegels Eranische Altertumskunde, I, S. 688 uff., sowie Brodbeck: Zoro- aster, Leipzig 1893).

Verwandte Züge sind auch bei Buddha, dessen Lebenszeit ins 6. Jahrh, v. Chr. zurückverlegt wird, zu finden!), So die lange Unfruchtbarkeit der Eltern, der Traum, die Geburt des Knaben unter freiem Himmel?), der Tod der Mutter und ihr Ersatz durch eine Pflegemutter, die Meldung der Geburt an den Fürsten der Gegend; später der Verlust des Knaben im Tempel (wie bei Jesus; geworfen, das ihn aber sanft ans Ufer spült, wo er von einer Hirschkuh gesäugt wird, bei der er dann auch aufwächst.

i) A Manual of Budhism by K. Spence Hardy, London 1853, p. 501.

Die chinesische Legende stattet Fohi mit ähnlichen Motiven ge- heimnisvoller Herkunft und Errettung aus.

2) Die Geburt des Bödhisattwa wird im „Lalita Vistara” (übers. v. 3. Lefmann, Berlin 1874) folgendermaßen geschildert. Bei einer Götterver- sammlung im Tusitahimmel, den Buddha bei seiner Inkarnation verlassen muß, wird beschlossen, daß er in 12 Jahren in den Schoß seiner Mutter eingehen werde. Vor der Menschwerdung Buddhas beriet er mit den Göttern, in welcher Gestalt er in den Mutterschoß eingehen sollte; es wurden 12 Gestalten genannt, aber erst der 13. Vorschlag gelangte zur Verwirkliehung. „Ein Elefant von hochedlem ‚Ansehen, Sechshauer, wie mit goldenem Flechtwerk angetan, schön glänzend, schön gerötet das Haupt, hervorge- hoben und herabfallend, in seiner Erscheinung majestätisch.” (Lal, Vist. 8. 33f.), — In der Nidänakathä, der Einleitung zum Kommentar des Jätaka- buches, wird die Menschwerdung Buddhas so geschildert: „Hierauf stieg der Bödhisattwa, der in der Gestalt eines herrlichen weißen Elefanten auf einem EEE ER SE - MITHRAS. 67 —— Er Über die Geburt des Mithras besitzen wir zwar keine aus- führliche literarische Überlieferung, ‘aber glücklicherweise lassen die Denkmäler deutliche Reste erkennen. Sie zeigen (nach Roscher) wie Mithras aus einem Felsen (Höhle) geboren wird, „auf dem Haupt eine phrygische Mütze, bis zu den Knien oder zur Scham in einem Felsblock steckend, der bisweilen von einer Schlange umgeben ist.., Mit der einen Hand erhebt der Gott meistens ein Messer, seine gzewöhnliche Waffe, mit der anderen eine Fackel...Zuweilen wird.auf dem Felsen der Kopf eines Flußgottes, oder neben ihm die ganze Figur desselben dargestellt, wohl weil die mythische Szene der MNithrasgeburt neben einem Strom stattgefunden haben soll. Außerdem sieht man auf einer Anzahl Reliefs Hirten, die sich hinter einem Felsen verstecken, um das Wunder zu betrachten, was ohne Zweifel auch auf die Erzählung der Legende anspielt. — Zwei weitere interessante Dar- stellungen, die regelmäßig vereinigt sind, scheinen auf die iranische Sage von der Sintflut und vom Weltbrand Bezug zu haben. Ein Stier — dieses lier spielt bekanntlich im Mithraskult die größte Rolle — wird in einem Nachen vom Wasser hochgetragen; daneben steht ein Häuschen, das von einem Maun in asiatischer Tracht (Mithras?) angezündet wird, und aus der Türe stürzt der Stier heraus. Das mythische Tier wäre also den Gefahren entgangen, mit welchen die zwei großen Plagen ihn bedrohten (Roscher S, 3048), nahe gelegenen goldenen Berge sich aufgehalten hatte, von da herab, stieg den silbernen Berg hinan — er kam dabei von Norden her — faßte mit seinem Rüssel, der die Farbe eines silbernen Bandes hatte, eine weiße Blume und stieß ein lautes Gebrüll aus. Sodann trat er in das goldene Haus ein, umschritt dreimal von rechts das Lager seiner Mutter, berührte ihre rechte Seite und ging so gleichsam in ihren Leib ein.” — In dem Augenblick der Menschwerdung des Bödhisattwa entstand in den 10.000 Welten eine uner- meßliche Helle, seine Mutter sah ihn in ihrem Leibe wie man in einem durehsichtigen Edelstein einen eingeschlossenen hellgelben Faden sieht, sie trug ihn wie Sesamöl in einem Gefäß. Bei seiner Geburt ging er, ohne in- folge seines Aufenthaltes im Mutterleib befleckt zu sein, aus demselben hervor, rein und weiß und strahlend wie ein auf ein Gewand von weißer Baumwolle gelegter Edelstein (J. Dutoit: Das Leben des Buddha. Leipzig 1906. S. 4 uff.). Vgl. auch über Buddhas Geburt in den Abh. d, Sächs. Akad. d, Wiss. Phil.-hist, Kl. Bd, 26, 1908, 8. 93 ft.

5* 68 SIEGFRIED.

m 71 m nn m nn un 4 mm nm nn nn en ne = zm— —— Te Siegfried.

Die um das Jahr 1250 von einem Isländer nach münd- lichen Überlieferungen und alten Liedern aufgezeichnete alt- 5, nordische Thidreksaga erzählt Siegfrieds Geburts- und | Jugendzeschichte'): Könige Sigmund von Tarlungaland ver- stößt, von einem Kriegszuge heimgekehrt, seine Gemahlin Sisibe, die Tochter König Nidungs von Hispanien, die von =: einem abgewiesenen Zudringling, dem Grafen Hartvin, ver- | botenen Umgangs mit einem Knecht beschuldigt wird. n Die Ratgeber empfehlen dem König statt der Tötung der E Unschuldigen ihre Verstümmelung und Hartvin erhält den Auftrag, ihr im Walde die Zunge auszuschneiden, um sie dem König als Wahrzeichen zu bringen. Sein Begleiter, Graf F Hermann, widersetzt. sich der Ausführung des grausamen - Befehles und schlägt vor, dem König die Zunge eines Hundes vorzuweisen. Während nun die beiden Männer in einen helftigen Streit geraten, gebiert Sisibe einen überaus schönen Knaben; „darauf nahm sie aus ihrem Methgerät, das sie bei sich gehabt hatte, ein Glasgefäß, und nachdem sie den Knaben in Tücher gewickelt hatte, setzte sie ihn in 1 das Glasgefäß und verschloß es sodann wieder sorg- 2 fältig und legte es neben sich” (Raßmann). In dem Kampfe 'Tiel Hartvin und stieß mit dem Fuße nach dem Glasgefäß, so daß es hinab in den Strom stürzte. Als die Königin das sah, fiel sie in eine Ohnmacht und verschied bald darauf. Hermann ging nun heim, erzählte alles dem König und wurde ’ aus dem Reiche verbannt. „Das Glasgefäß aber trieb den MW Strom hinab zur See und das war nicht allzulange und es war gerade See-Ebbe. Da trieb das Gefäß an eine Felsklippe und die See lief ab, so daß es dort ganz trocken war, wo EP nYT;. a u.

1) Vgl. August Raßmann: Die deutsche Heldensage und ihre Heimat, Hannover 1857 —1858, Band II, 8.7 ff.; für die Quellen: Jiriezek, Die deutsche Heldensage (Sammlung Göschen) und Pipers Einleitung zu dem Band: Die Nibelungen, in Kürschners deutscher Nationalliteratur. — Nach Boer wäre die Geburtsgeschichte erst später an die Siegfriedsage angefügt worden.

SIEGFRIED. — WOLFDIETRICH. — GENOVEFA,. 69 das Gefäß lag. Nun war der Knabe etwas gewachsen und als das Gefäß an die Felsklippe stieß, da brach es entzwei und weinte das Kind”? (Raßmann). Eine Hirschkuh hörte das Wimmern des Knaben, faßte ihn mit ihren Lefzen und trug ihn in ihr Lager, wo sie ihn mit ihren Jungen zu- sammen säugte. Nachdem das Kind zwölf Monate im Lager der Hirsechkuh verbracht hatte, war es so groß und stark geworden wie andere vier Jahre alte Knaben. Einst lief es in den Wald, wo der weise und kunstreiche Schmied Mimir hauste, der schon neun Jahre in kinderloser Ehe lebte. Er sah den Knaben, dem die Hirschkuh sorglich folgte, nahm ihn zu sich und beschloß, ihn als seinen Sohn aufzu- ziehen. Er gab ihm den Namen Siegfried. Im Hause Mimirs entwickelte Siegfried sich bald zu gewaltiger Größe und Stärke; aber seine Ungebärdigkeit bewog Mimir, sich seiner zu entledigen. Er schickte ihn in den Wald, wo ihn nach der Verabredung Mimirs Bruder, der Drache Regin, töten sollte. Aber Siegfried erschlägt den Drachen und tötet auch Mimir. Dann zieht er zu Brynhild, die ihm seine Eltern nennt!), Der Jugendgeschichte Siegfrieds äbnlich erzählt eine austra- sische Sage die Geburt und Jugend Wolfdietrichs®). Auch seine Mutter wird von einem abgewiesenen Vasallen bei dem heim- kehrenden König (Hugdietrich von Konstantinopel) der Untreue und teuflischen Buhlschaft beschuldigt?). Der König übergibt it) Als unbekannter Retter kommt Siegfried über das Wasser zur Jung- frau gefahren (wie Lohengrin, Seeäf, Wieland u. a.) nach Boer.

2)Vgl Deutsches Heldenbuch, Teil III, Band 1(Berlin 1871), hg. v. Amelung und Jaenicke, wo auch die zweite Form (B) der Wolfdietrich- sage zu finden ist. Vgl. auch Schneider: Die Gedichte und die Sage von Wolfdietrieh. Unters. über ihre Entstebungsgesch, München 1913. — Wilh. Grimm hat (in Haupts Zeitschr. f. d. Altert. XII, 206) die Geburtsgeschichte Wolfdietriehs mit der Romulussage verglichen, Müllenhoff die historischen Beziehungen aufgezeigt (ebda, VI, 435), 3) Das Motiv der Verleumdung der Herrin durch einen zurückge- wiesenen Liebeswerber in Verbindung mit der Aussetzung und Tiersäugung (Hirschkuh) bildet den Kern der Geschichte von Genovefa und ihrem Sohne Schmerzenreich, wie sie z. B. die Brüder Grimm in ihren „deutschen Sagen” (Berlin 1818, TI, $. 289 uf.) erzählen. Auch hier stellt der treulose eo | nun n.

10 WOLFDIETRICH UND ANDERE HELDENEPEN. — TRISTAN, das Kind zur Tötung dem treuen Berchtung, der es jedoch im Walde an einem Wasser aussetzt, in der Hoffnung, es werde von selbst hineinfallen und so den Tod finden. Das spielende Kind bleibt aber unversehrt und auch die wilden "Tiere (Löwen, Bären, Wölfe), die abends ans Wasser kommen, tun ihm nichts zuleide. Darüber erstaunt, beschließt Berchtung, den Knaben zu retten; er übergibt ihn einem Wildhüter, der ihn, gemein- sam mit seinem Weib, aufzieht, und nennt ihn Wolfdietrich.