SigPhi · Otto Rank

Der Mythus von der Geburt des Helden

German

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„Kommt dann dieKenntnis der verschiedenartigen sexuellen Beziehungen von Vater und Mutter dazu, begreift das Kind, daß pater semper incertus est, während die Mutter certissima ist, so erfährt der Familienroman eine eigentümliche Ein- schränkung; er begenügt sich nämlieh damit, den Vater zu er- höhen, die Abkunft von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nieht weiter in Zweifel zu ziehen. Dieses zweite (sexuelle) Stadium des Familienromans wird auch von einem zweiten Motiv getragen, das dem ersten (asexuellen) Stadium fehlte, Mit der Kenntnis der geschlechtlichen Vorgänge entsteht die Neigung, sich erotische Situationen und Beziehungen auszu- malen, wozu ‚als Triebkraft die Lust tritt," die Mutter, die Gegenstand der höchsten sexuellen Neugierde ist, in die Situation von geheimer Untreue und geheimen Liebesverhältnissen zu bringen. In dieser Weise werden jene ersten gleichsam asexuellen Phantasien auf die Höhe der jetzigen Erkenntnis gebracht.” „Übrigens zeigt sich das Motiv der Rache und Vergeltung, das früher im Vordergrunde stand, auch hier. Diese neurotischen .

eu Zu we nn ni m nn Es me ie aa 2 = DEUTUNG. UND RECHTFERTIGUNG DIESER-PHANTASIEN. 35 BEE. a Do m Kinder sind es ja auch meist, die bei der Abgewöhnung sexueller Unarten von den Eltern bestraft wurden, und die sich nun durch solche Phantasien an ihren Eltern rächen.”

„Ganz besonders sind es nachgeborene Kinder, die vor allem ihre Vordermänner durch derartige Dichtungen (ganz wie in historischen Intrigen) ihres Vorzuges berauben, ja die sich oft nicht scheuen, der Mutter ebensoviele Liebesverhält- nisse anzudichten, als Konkurrenten vorhanden sind. Eine interessante Variante dieses Familienromans ist es dann, wenn der dichtende Held für sich selbst zur Legitimität zurückkehrt, während er die anderen Geschwister auf diese Art als illegitim beseitigt. Dabei kann noch ein besonderes Interesse den Familienroman dirigieren, der mit seiner Vielseitigkeit und mannigfachen Verwendbarkeit allerlei Bestrebungen entgegen- kommt. So beseitigt der kleine Phantast zum Beispiel auf dieses Weise die verwandtschaftliche Beziehung zu einer Pappe die ihn etwa sexuell angezogen hat.”

„Wer sich von dieser Verderbtheit des kindlichen Gemütes mit Schaudern abwendete, ja selbst die Möglichkeit solcher Dinge bestreiten wollte, dem sei bemerkt, daß alle diese an- scheinend so feindseligen Dichtungen eigentlich nicht so böse‘ gemeint sind und unter leichter Verkleidung die erhalten ge- bliebene ursprüngliche Zärtlichkeit des Kindes für seine Eltern bewahren. Es ist nur scheinbare Treulosigkeit und Undankbarkeit; denn wenn man die häufigste dieser Romanphantasien, den Ersatz beider Eltern oder nur des Vaters durch großartigere Personen, im Detail durchgeht, so macht man die Entdeckung, daß diese neuen und vornehmen Eltern durchwegs mit Zügen ausgestattet sind, die von realen Erinnerungen an die wirklichen niederen Eltern herrühren, so daß das Kind den Vater eigentlich nicht beseitigt, sondern erhöht. Ja, das ganze Bestreben, den wirklichen Vater durch einen vor- nehmeren zu ersetzen, ist nur der Ausdruck der Sehn- sucht des Kindes nach der verlorenen glücklichen Zeit, in der ihm sein Vater als der vornehmste und stärkste Mann, seine Mutter als die liebste und schönste Frau erschienen ist. Er wendet sich vom Vater, den er jetzt ersu nn en u nn mn nn m —— on - BE Te vu 86 DER FAMILIENROMAN WIRD ee kennt, zurück zu dem, an den er in früheren Kinderjahren geglaubt hat, und die Phantasie ist eigentlich nur der Ausdruck des Bedauerns, daß diese glückliche Zeit entschwunden ist. Die Überschätzung der frühesten Kindheits- jahre tritt also in diesen Phantasien wieder in ihr volles Recht. Ein interessanter Beitrag zu diesem Thema ergibt sich aus dem Studium der Träume. Die Traumdeutung lehrt nämlich, daß auch noch in späteren Jahren in Träumen vom Kaiser oder von der Kaiserin diese erlauchten Persönlichkeiten Vater und Mutter bedeuten!).. Die kindliche Überschätzung der Eltern ist also auch im Traum des normalen Erwachsenen erhalten.” 2 halten.” 2 Wenn wir nun darangehen, diese Gesichtspunkte auf unser Schema anzuwenden, so gibt uns die Übereinstimmung der Tendenz des Familienromans ‚und des Heldenmythus die Be- rechtirung, das Ich des Kindes mit dem Helden der Sage zu analogisieren. Erinnern wir uns, daß der Mythus durchgängig das Bestreben verrät, die Eltern loszuwerden, und daß derselbe Wunsch in den Phantasien des kindlichen Individuums zu einer Zeit erwacht, wo es seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu erlangen sucht. Das Ich des Kindes benimmt sich dabei wie der Held der Sage und eigentlich ist ja der Held immer nur als ein Kollektiv-Ich aufzufassen, das mit allen vorzüglichen Eigenschaften ausgestattet wird, ähnlich wie ja auch in der persönlichen dichterischen Schöpfung der Held meist den Dichter selbst oder besser eine Seite seines Wesens darstellt?).

2) Der Familienroman bildet naturgemäß ein Kernmotiv unserer ge- samten Romanliteratur, angefangen von den spätgriechischen Schäferromanen, wie sie in Heliodors „Aethiopika”, in Eustathius’, „Ismenias und Ismene” und in der Geschichte der zwei ausgesetzten Kinder „Daphnis und Chloe” erzählt werden. Auch die neueren dramatischen Hirtengedichte Italiens gründen sieh sehr häufig auf die Aussetzung von Kindern, die von den Pflegeeltern als Schäfer auferzogen und dann von den wirklichen Eltern mittels Erkennungszeichen, die ihnen bei der. Aussetzung mitgegeben wurden wiedererkannt werden. — Aus der späteren Literatur sei ferner die Familien- geschichte in Grimmelshausens „Simplieissimus” (1665), Jean Pauls L vr ra De 77 Ze u Fon EEE en N; E- .

3 > a, DURCH I DEN | MYTHUS REALISIERT. 57 En EEE Rufen wir uns die wesentlichen Hauptmotive des Helden- mythus: die Geburt von vornehmen Eltern, die Aussetzung im Fluß und Kästehen und die Aufziehung durch niedrige Eltern — woran sich dann in der weiteren Entwicklung die Rückkehr des Helden zu den ersten Eltern, mit oder ohne deren Bestrafung, schließt — ins Gedächtnis zurück, so ist ohne weiteres deutlich, daß die beiden Elternpaare des Mythus dem realen und dem idealen Elternpaare der Romanphantasie ent- sprechen. Bei näherem Zusehen erkennt man dann auch hier, ganz wie in den kindlichen und neurotischen Phantasien, die psychologische Identität des niederen und des vornehmen Elternpaares. Auch beginnt der Mythus, entsprechend der Überschätzung der Eltern in der früheren Kinderzeit!), mit dem vornehmen Elternpaar, ebenso wie dieRomanphantasie, während sich in der Wirklichkeit der Erwachsene bald mit den tat- sächlichen Verhältnissen abfindet. DiePhantasie des Familien- romans erscheint also im Mythus, mit einer kühnen Umkehrung der RUSIDDATERN Verhältnisse, Sintaoh rea- lisiert.

Die Feindseligkeit des ER und die Aush ihn veran- laßte Aussetzung betonen die Motive, welche das Ich zu der ganzen Dichtung veranlaßt haben. Der gedichtete Roman ist gleichsam die Entschuldigung für die feindseligen Gefühle, die das Kind gegen den Vater hegt und die es in dieser Dichtung auf den Vater projiziert. Die Aussetzung im Mythus entspricht „Litan” (1800), sowie gewisse Formen der Robinsonaden und des Ritterromans genannt, wozu man besonders Wurzbachs Einleitung zur Ausgabe des „Don Quichotte” (in der Hesseschen Ausg.) vergleiche. Aus der allermodernsten basrabır sei nur Norbert Jaques’ hr genannt. Ei 1) Die experimentell-statistischen Unterauchungen über die Ideale der Kinder scheinen zu den analytischen Befunden zu stimmen. So fand Varen- donck (Les idöals d’enfants. ‘Arch, de Psychol. VII, 1908) bei 745 Kindern der belgischen Schulen zwischen 6 und 16 Jahren, daß bei den Kleinen die Tendenz besteht, die eigenen Eltern als Ideal zu nehmen, dab aber diese Tendenz — entsprechend unserer Auffassung — mit dem Alter bei beiden Geschlechtern ständig abnimmt und die Kinder dann andere Ideale, sei es aus der aktuellen Gegenwart oder Helden aus der Geschichte, wählen, a en m Zn nn ———eeeeeeeEEE En un uni m. —— -——_ rer u 85 DEUTUNG DER SYMBOLISCHEN DETAILS.

also der Verleuenung in der Romanphantasie. Im neurotischen Roman hat das Kind den Vater einfach abgeschüttelt, im Mythus sucht der Vater sich des Kindes zu entledigen.

Rettung und Rache sind die natürlichen, vom Wesen einer Phantasie geforderten Abschlüsse.

Soll diese vorläufig in groben Umrissen angedeutete Parallelisierung vollen Wert erhalten, so muß sie uns in den Stand setzen, gewisse, konstant wiederkehrende Details des Mythus, die einer besonderen Erklärung bedürftig erscheinen, zu: verstehen. Auch erscheint uns diese Forderung deshalb be- sonders wichtig, weil wir in den Schriften selbst der über- zeugtesten Astral- und Naturmythologen keine befriedigende Aufklärung dieser Details finden. Solche Details sind das regel- mäßige Vorkommen von Träumen (oder Orakel), ferner die Art der Aussetzung im Kästchen und im Wasser, die hilfreichen Tiere und andere konstante Motive, die zunächst eine psycho- logische Ableitung nicht zuzulassen scheinen. Auch hier er- möglichte_uns das psychoanalytische Studium des. Traumes und seiner Symbolismen, der Phobien und weiterhin einer Gruppe von ethnologischen - und folkloristischen Tatsachen, die Bedeutung dieser Elemente des Heldenmythus befriedigend aufzuklären.

Eine intensive Beschäftigung mit den Träumen gesunder und gemütskranker Menschen hat gestattet, gewisse typische, das heißt. bei allen Menschen immer mit der gleichen geheimen Bedeutung wiederkehrende Traumgruppen aufzustellen. Eine derselben umfaßt die sogenannten „Geburtsträume” (Freud, Trmdtg., S. 199), deren Verständnis uns ermöglicht hat, den ver- borgenen Sinn auch des Aussetzungsmythus zu ergründen.

chen Scherner'), ee das Wesen des Traumes in intuitiver Weise vielfach treffend erfaßt hatte, sieht in den Wasserträumen Be- ziehungen zur Geburt (8. 200 £): „...in den Wassersgefahr- träumen des Weibes ist es sehr auffallend, daß die Träumerin, wiewohl sie bereits Matrone ist und ihre Kinder erwachsen, dennoch zumeist‘ den gefährdeten Sohn oder Tochter als kleines 1) Das Lahn des ae Berlin 1861.

ee De U U — ET mn SCHERNERS TRAUMSYMBOLIK. 59 Kind sieht und zu retten sucht. Zum Beispiel eine unverheiratete Dame träumte, sie sei bei einer Wiege beschäftigt, habe einen kleinen Knaben zu wiegen und zu warten; gleich sieht sie noch ein anderes ihr bekanntes: kleines Kind neben dem ersteren in der Wiege; wie sie eg näher betrachtet, ist es ein niedlicher Kanarienvogel; und endlich soll sie noch einen dritten Kleinen in Pflege nehmen, der aber, wie die danach eintretende 'Traumerkundigung ergibt, erst noch geboren werden soll, wozu die Entbindung erwartet werde. Wie verräterisch ist dieser Traum. Mit der dreifachen Zahl der kindlichen Wesen enthüllt sich die fruchtbare Natur des zugrunde liegenden Reizes; mit der Verwandlung des zweiten Kindes in das lebhafte Wesen des Vogels spiegelt sich der erregte Reiz; durch die Verwandlung von Kind zu Vogel zudem die Annäherung der Frucht (Vogel für Kind) der Größe nach an das geschlossene Fruchtorgan der Jungfrau; mit dem dritten Kind endlich, was die Phan- tasie deutlich als noch nicht geborenes, respektive als noch vom Fruchthalter umfangenes bezeichnet, versetzt sich die Symbolik objektiv unmittelbar in das Organ, in dem sie erregt wurde und bezeichnet das innere Geschlechtsorgan des Weibes als den direkten Erreger des Traumes, — Solche und ähn- liche Traumspiele der Frauen und Jungfrauen mit Kindern sind äußerst häufig und bilden die scheinbar harmloseste Beschäftigung im Traume und beweisen, wie sehr diese bedeutsam ist.”

Eine noch deutlichere Sprache spricht ein anderer gleichfalls von Scherner (S. 204) mitgeteilter Traum: „Eine unverheiratete Dame träumt, sie stehe an einem sehr großen Wasser, der Strom führe eine Menge schwimmender Gegenstände mit sich. Am meisten fesselt sie darunter ein schwimmender Beutel (nach der Rede der Träumerin), etwa so groß wie ein starker Kindskopf und wie ein kleiner Ballon aufgeblasen. Nun ist sie neugierig, was. wohl in dem Beutel sei, eg könnten Schätze darin sein; aber sie ist in Angst, daß wohl ein kleines Kind darin verborgen sein könnte und dies hält sie zurück, ihn näher zu betrachten, Endlich aber siegt ihre Neugier, sie blickt hinein und findet ein Häufchen trockener Wäsche, Analyse: Es ist höchst bemerkenswert, wie die Phantasie der Träumerin von dem Bilde des Schatzes in dem Beutel radikal ab- pringt und durch die: hineingestellte Vermutung, es könnte wohl 90 DIE ANALYSE DER GEBURTSTRÄUME.

m — m ein kleines Kind darin sein, den Beutel als das fruchttragende Organ des Weibes, respektive als Symbol des Fruchthalters in der jungfräulichen T'räumerin bezeichnet.” | | 2: Ist hier die Assoziation der Träumerin fast analytisch ver- wertet, so stellen unsere psychoanalytischen Deutungen den von Scherner erratenen Zusammenhang über jeden Zweifel fest.

Ein solcher Traum wurde Abraham (Traum und Mythus, S. 22 uf) von einer jung verheirateten, im Anfang der Gravidität stehenden Frau erzählt, die ihrer Entbindung nicht ohne Angst ent- gegensah. Er lautet: „Ich bin allein in einem länglichen Zimmer. Plötzlich ertönt ein unterirdischer Lärm, der mich aber nicht in Verwunderung setzt, da ich mich sogleich erinnere, daß von einer Stelle des Fußbodens aus ein unterirdischer Kanal direkt ins Wasser führt. Ich hebe also eine Klappe im Fußboden auf, und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seelund gleicht. Es wirft den Pelz ab und entpuppt sich als mein Bruder, der mich er- schöpft und atemlos bittet, ihm Unterkunft zu gewähren, da er ohne Urlaub fortgelaufen und den ganzen Weg unter Wasser ge- schwommen sei. Ich veranlasse ihn, sich auf einer im Zimmer stehenden Chaiselongue auszustrecken, und er schläft ein. Wenige Augenblicke später ertönt erneutes, viel stärkeres Geräusch an der Tür, Mein Bruder springt mit einem Schreckensrufe auf: sie wollen mich holen, sie werden denken, ich bin desertiert! Er schlüpft wieder in seinen Pelz und versucht durch den unterirdischen Kanal zu entfliehen, kehrt aber sofort um und sagt: es hilft nichts mehr, sie haben den Gang von der Wasserseite her "besetzt!.In diesem Moment springt die Tür auf und mehrere Männer stürzen herein und bemächtigen sich meines Bruders. Ich rufe ihnen verzweifelt zu: er hat ja nichts getan, ich will für ihn plädieren! — In diesem Augenblick erwachte ich.” Als unmittel- baren Anlaß des Traumes führt Abraham außer dem Zustand der Gravidität folgendes an: „Am Abend hat sie sich von ihrem Arzte Verschiedenes über Entwicklung und Physiologie des Fötus erklären lassen. Sie war schon vorher aus Büchern im ganzen orientiert, doch stellten sich einige irrtümliche Auffassungen heraus. Sie hatte z. B. die Bedeutung des Fruchtwassers "nicht richtig aufgefaßt, BEISPIELE VON GEBURTSTRÄUMEN. 91 ee 0 Tee ae U A Ferner stellte sie sich die feine fötale Behaarung (lanugo) als dichte Behaarang wie bei einem jungen Tiere vor” (S. 23). Aus der Analyse hebt Abraham nur die wesentlichsten Ergebnisse der nicht voll- ständig durchgeführten Deutungsarbeit hervor, die aber für unsere Untersuchung völlig hinreichen. „Der Kanal, der direkt ins Wasser führt = Geburtsweg. Wasser = Fruchtwasser. Aus diesem Kanal kommt ein behaartes Tier, wie ein Seehund. Seehund ist ein be- haartes Tier, das im Wasser lebt, ganz wie der Fötus im Frucht- wasser. Dieses Geschöpf, also das zu erwartende Kind, erscheint sogleich: rasche, leichte Entbindung. Es entpuppt sich als Bruder der Träumerin. Der Bruder ist tatsächlich erheblich jünger; nach dem frühen Tode der Mutter mußte sie für ihn sorgen, stand zu ihm in einem Verhältnis, das viel von Mütterlichkeit an sich hatte. Sie nennt ihn noch jetzt gern den „Kleinen”...Der Traum macht mit Vorliebe von solchen Wörtern Gebrauch, welche im ver- schiedenen Sinne verstanden werden können...So tritt der Bruder der Träumerin an die Stelle des Kindes, obgleich er längst erwachsen ist..., so vertritt er das erwartete Kind, Sie wünscht sich seinen Besuch, sie erwartet also erstens den Bruder, zweitens das Kind. Dies die zweite Analogie zwischen Bruder und Kind, Sie wünscht also, daß der Bruder seinen Wohnort verlasse. Daher „desertiert” er im Traume von seinem Wohnort. Jeuer Ort liegt am Wasser; er schwimmt dort sehr oft. (Dritte Analogie mit dem Fötus.) Auch ihr Wohnort liegt am Wasser. — Das schmale Zimmer, in welchem sie sich im Traume befindet, hat Aussicht auf das Wasser. Im Zimmer steht eine auch als Bett benützbare Chaise- longue; sie dient als Bett, wenn ein Logiergast kommt. Eine vierte Analogie: das Zimmer soll später Kinderzimmer werden, das Baby soll darin schlafen! — Der Bruder ist atemlos, als er kommt. Er ist ja unter Wasser geschwommen. Auch der Fötus muß, wenn er den Kanal verlassen hat, nach Atem ringen. Der Bruder schläft sogleich ein, wie das Kind bald nach der Geburt. — Nun folgt eine Szene, in der der Bruder sich in lebhafter Angst befindet, in einer Situation, aus der es kein Entweichen gibt. Eine solche der Träumerin selbst bevorstehende Situation ist die Entbindung. Diese bereitet ihr schon im voraus Angst. Im Traume- schiebt sie die Angst dem Fötus; respektive "dem ihn vertretenden Bruder 92 BEISPIELE VON GEBURTSTR. ÄUMEN.

zu und übernimmt seine Rolle als Jurist, indem sie für ihn plädiert.

Indem wir aus dieser Traumanalyse neben der Verwendung des Wassers als Geburtswasser und des engen Kanals als sym- bolischer Vertretung des im Mythus durch ein Kästchen, Körbchen oder Schifflein angedeuteten Mutterleibes, noch die Auffassung des Neugeborenen als eiues Tieres, die durch Abstreifen der tierischen Hülle erfolgende Verwandlung in ein Menschenkind, ferner dessen Ersetzung durch eine erwachsene Person, den eigentümlichen Schlaf- zustand des „Helden” sowie schießlich seinen Versuch, sich auf demselben sonderbaren Wege zu entfernen, der späteren Heran- ziehung vorbehalten, wenden wir uns einem zweiten Traumbeispiel zu, das Jones von einer Patientin mitteilt!). Es lautet in deutscher Übersetzung: „Sie stand am Meeresufer und beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen Kopf sehen konnte wie er sich an der Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte verließ sie, und sie trat in ein Gespräch mit einem Fremden.

Die zweite Hälfte der Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt des Kindes ins Wasser dargestellt. Das Auf- und Nieder- tauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt hatte, Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und kleidete und schließ- lich in ihr Haus führte, BE BEISPIELE VON GEBURTSTRÄUMEN. 93 en In einem dritten Beispiel handelt es sich um den Traum eines jungen Mädchens, das nicht ohne triftigen Grund befürchtete, gravid geworden zu sein, was sich jedoch einige Zeit nach dem im Zustand dieser Besorgnis vorgefallenen Traum als unbegründet erwies.

(I.) „Im Innern eines Hauses haben mich Löwen verfolgt und bedrängt, weil ich ihr Junges in einer Art Tourniquet (Drehkreuz) zerquetscht hatte. Da sind die Alten auf mich losgegangen und ich habe mich auf das Dach geflüchtet, von wo ich sah, daß unten auf dem Wasser ein kleiner Kahn daher gefahren kam, der an Stelle des Schifisschnabels einen Kopf hatte, so daß er zugleich als Fahrzeug und Tier erschien. In dem Kahn saß ein Junger Amor, ein fünf- bis sechsjähriger schöner blonder Knabe. Er war nackt, hatte Flügel am Rücken und trug an der Seite den Köcher mit Pfeilen. In der einen Hand hielt er ein Seidenband, das um den Kopf des Kahnes geschlungen war und mit dem er das Fahr- zeug lenkte. In der andern Hand hielt er eine Art Anker (der wie eine Schaufel geformt war), mit dem er großen gehörnten lieren (nach Art von Hirschen), die im Wasser heramschwammen und mich auch verfolgen wollten, die über den Wasserspiegel herausragenden Köpfe leicht und spielend abmähte, so daß keine Spur von ihnen mehr zu sehen war, Ich war froh, als er mich von diesen ‘lieren befreite und hätte ihm gern dafür gedankt, konnte aber nicht zu ihm gelangen. (II.) Dann lief ich wieder hinaus und sah plötzlich, wie mich ein großer Wolf verfolgte. Ich flüchtete nun angstvoll in ein Gasthaus, in eine Ecke hinter einen Tisch, und bat den nachstürmenden Wolf, mir das Leben zu schenken. Erleichtert atmete ich auf, als ich sah, daß er mich verschonen wollte und einer neben mir sitzenden alten Frau den Kopf abbrach, um ihn aufzufressen (der Wolf hat sich überhaupt wie ein Mensch benommen und ist auch bloß auf den beiden Hinterbeinen gestanden). Sie scheint ihm aber nicht geschmeckt zu haben, denn er brach nun meinem andern Nachbar, einem alten Mann, ebentalls den Kopf ab und fraß ilın. (III) Dann befand ich mich in einer mir bekannten Wohnung, wo ein junger Mann erschien und mir einen Liebesantrag machte, als ich ihn abwies, stürzte er sich auf mich, um mich zu vergewaltigen, aber ich drängte ihn hinaus. Ba'd darauf erschien er nochmals mit Revolver und Dolch‘ Bun TRÄUMEN.

34 BEISPIELE VON GEBURTS Be und wollte mich töten. Ich schickte um Detektivs, die ihn ver- haften sollten. Unterdes kam ein Trupp Soldaten, von denen ich glaubte, sie kämen ihn holen. Sie haben aber jemanden, wie ich vom oberen Gang aus gesehen habe, in eine Art Burgverließ hin- untergelassen. Dann ist der Detektiv gekommen und hat den Ein- dringling verhaftet. Ich habe mir gedacht, daß er wahrscheinlich auch in eine solche Vertiefung kommen wird und habe mir darum die Höhle genau angesehen. Sie war sehr tief und dunkel und sah aus wie eine mir bekannte Grotte im Karstgebiet. Ich habe mir gedacht, da kann er sich ja ein Loch in die Erde bohren und entweichen oder noch leichter die Grottenwand durchbohren und so hinaus gelangen.”.

Wenn wir uns diesen ziemlich durchsichtigen, nur etwas ungeordneten Traum nach der vermeintlichen Situation der Träu- merin zurechtlegen, so beginnt er mit (III) den Liebesanträgen des jungen Mannes, die sie zurückweist und sich damit vor- sichtiger als in Wirklichkeit benimmt. Dann folgt die Phantasie einer Vergewaltigung, die ganz wie bei den Jungfrauensöhnen des Mythus die Hingabe als eine erzwungene zu rechtfertigen versucht. Damit nicht genug, soll der Vater einesteils wegen dieses Delikts, andernteils offenbar zur Feststellung (Anerkennung) der von der T'räumerin bereits angenommenen Paternität verhaftet und in ein unterirdisches Verließ gesperrt werden, was sogar zweimal im 'Traume geschieht. Während nun das zweite Hinunterlassen deutlich die eigentliche Bestrafung am Vater vollzieht, soll das erste Hin- unterlassen den Vorgang der Konzeption andeuten, Da nämlich der vermeintliche Vater dem Militärstand angehört, so wird verständlich, warum im Traume Soldaten ein Lebewesen in das Verließ hinab- lassen, das sich nun aus dieser. dunklen und tiefen Höhle einen Ausgang bohren muß, ganz wie in dem von Abraham mitgeteilten Traum der Fötus aus einer im Fußboden sich öffnenden Lucke auf- taucht. Nun schließt sich sinngemäß der Anfang des Traumes (I.) an:‘ die in der Höhle befindlichen Lebewesen schwimmen auch im Wasser und entpuppen sich plötzlich, wie in Abrahams Fall, als ein schöner kleiner Knabe, der im Nachen auf dem Wasser fährt.

Der Traum läßt sich nur als Geburtstraum verstehen und er macht ia auch kein Hehl aus dieser Bedeutung, dı er neben der Über- wältigung und Konzeption die Schwangerschaft (Höhle) und schließa sr ge | ng m BEISPIELE VON GEBURTSTRÄUMEN. 95 Zn I — ee lich die Geburt (Wasser) schildert. Diese Deutung wird voll bestätigt durch die Aufklärung der Träumerin, die nach dem Vorbild des ‚kleinen blonden Amor gefragt, naiv eingesteht, sie habe sich immer zum Kinde einen so schönen, blondlockigen Knaben gewünscht. Für die Geburt spricht außerdem noch die Nacktheit des Kindes und die Auffassung des Ankers, den er in der Hand hält, von seiten der Träumerin, die darin ein Symbol der „Hoffnung” sieht; aller- dings in ihrer Situation wohl der Hoffnung, kein Kind zu bekommen, weswegen auch der Anker die im Wasser schwimmenden Tiere spurlos beseitigt, indem er die Köpfe glatt abschneidet, was seine Ergänzung durch den Wolf findet, der ja den Menschen den Kopf abbricht und den sie bittet, ihr das Leben zu schenken, was sie selbst im Traume ihrem eigenen Kind zu verweigern sucht!). Daß sich die Feindseligkeit der Träumerin nicht nur gegen den vermeint- lichen Vater der unehelichen Leibesfrucht, sondern auch gegen diese selbst richtet, zeigt sich in der Eingangszene des Traumes, wo sie das Junge eines Löwenpaares zerquetscht. Die Abneigung gegen den Verschulder ihres vermeintlichen Unglücks kommt darin zum Ausdruck, daß sie ihn als hungriges Raubtier, als einen großen Wolf darstellt, der sie (mit Liebesanträgen) „verfolgt” und ihr überall „nachläuft”. Findet doch der Überfall durch den Wolf im Gasthaus sein deutliches Gegenstück in dem sexuellen Überfall des jungen Mannes in der Wohnung (III) und die Kette schließt sich, wenn wir erfahren, daß in Wirklichkeit jener junge Mann des Traumes sie vor kurzem in ein Gasthaus eingeladen hatte, Daß der kleine Knabe wie Lohengrin im Nachen anf dem Wasser fährt, fällt der 1) Die vom Wolf so arg behandelte alte Frau, die ihm nicht „schmeckt”, und der neben ihr sitzende alte Mann scheinen die Eltern der Träumerin darzustellen, da ihr ja in dieser ängstlichen Situation „das Leben geschenkt” wird. — In einem andern ihrer Träume aus dieser Zeit sah sie, ganz wie Abrahams Träumerin, ihren bereits erwachsenen Bruder als kleinen Jungen mit einer Art Peitsche oder Angel in der Hand, wobei auch ein Schwan oder Storch eine ihr nicht mehr deutlich erinnerliche Rolle spielte. Hier scheint das Herausfischen (Angel) der Kinder aus dem Wasser durch den Storch und die Vorstellung, daß die Kinder auf dem Storch geritten kommen, (Peitsche) zugrunde zu liegen. — In einer bei Frobenius (S, 288) mitge- teilten koreanischen Sage erscheint der Held eines Tages in wunderlicher Weise auf einem Storehe reitend.

— ur it r.

nn eV u un A hun 96 BEISPIELE VON GEBURTSTRÄUMEN.

yäumerin nicht auf, was uns als Beweis sehr wertvoll ist, daß es sich dabei nicht um bewußte Reminiszenz oder Nachbildung handelt, sondern um den Ausdruck des gleichen unbewußten Komplexes mit Hilfe derselben allgemein-menschlichen Symbole. 2 In welch typischer Art die gleiche symbolische Ausdrucks- weise die Sprache des Traumes — wie die des Mythus — be- herrscht, möge endlich ein Bruchstück aus einem anderen Geburts- (Abtreibungs-) Iraum desselben Mädchens zeigen. Sie kommt mit ihrem Begleiter in ein Schloß, wo sie ein Herr — angeblich der Scharfrichter — in einen großen Raum geleitet. „Dort bemerke ich eine röhrenhafte Vertiefung, die einige Meter hinunterging. Die Höhle war mit Stein ausgemauert. Der Scharfrichter sagte zu mir, die (Tier-) Felle, die hier herauskommen, gehören mir; ich freute mich sehr, stellte mich ganz nahe an den Rand der Ver- tiefung und schaue hinunter, was da herauskommen wird. Ich war ganz überrascht, als ich an einer Kette einen Kinderrumpf er- blickte, da ich doch das versprochene Fell erwartete. Dann erfahre ich, daß alle Kinder, die eine infizierbare Krankheit haben, wie z.B, Tuberkulose ete., h’er in diese Höhle hinunter gelassen werden; unten ist eine Maschine, da wird ihnen der Kopf abgetrennt und der Körper wird heraufgezogen. Richtig kam auch ein Kind, das hustete und mich dabei anspuckte. Ich war sehr erzürnt darüber, wendete mein Gesicht ab und dachte, jetzt werde ich auch diese Krankheit bekommen, Das Kind wurde auch hinuntergelassen. Die Höhle war so eng, daß bloß ein Kind hindurchschlüpfen konnte!” — In einem späteren Teil des Traumes liegt sie mit ihrem Begleiter im Ehebett, wo sie morgens seweckt wird und bemerkt, daß sie beide blutig sind; wie sie sich im Traume erklärt, von der Menstruation. Dem Traume liegt also der Wunsch nach der Men- struation zugrunde (Wunsch: nicht gravid zu sein) oder, wenn diese schon ausbleibe, wenigstens verheiratet zu sein (Ehebetten), denn sonst bliebe ihr nichts übrig, als ein eventuelles Kind zu töten (Totgeburt), ihm den Kopf abzuschneiden (Blut — Scharfrichter). Die Bıunnenhöhlung als Symbol des Mutterleibes ist wieder deutlich. Dazu kommt die gleichfalls typische Auffassung der Gravidität als infektiöse Krankheit; deswegen erklärt man auch den Kindern die Gravidität der Mutter als Krankheit.

i DIE AUSSETZUNG EIN SYMBOL DER GEBURT. 97 Schon aus der Verwendung der gleichen typischen Symbole läßt sich mit Sicherheit schließen, daß die Aussetzung des neugebornen Helden im Kästchen und Wasser nichts anderes als einen symbolischen Ausdruck der Geburt darstellt. Die Kinder kommen bekanntlich, nicht nur in dem keineswegs so ungereimten Storchglauben, sondern auch in Wirklichkeit, aus dem Wasser, dem Fruchtwasser nämlich, und das so wohl- verschlossene und den kleinen Helden schützende Kästchen ist leicht als eine bildliche Darstellung des Fruchtbehälters, des Mutterleibes zu erkennen. Das Herausziehen aus dem Wasser aber, das im Aussetzungsmythus — wie mitunter auch im Traume (Freud, Tr., $S. 198; 238) — aus gewissen unbewußten Tendenzen, die später besprochen werden sollen, als ein Hinein- stürzen dargestellt wird‘), symbolisiert direkt den Geburts- vorgang. Volksglaube, Sage und Märchen drücken diese in Traum und Aussetzungsmythus symbolisch dargestellte An- schauungsweise direkt und unverhüllt aus und es verlohnt sich, einen Blick auf die reiche folkloristische Überlieferung zu werfen, die sieh mit diesem Thema beschäftigt.