um 1) Die altbabylonische Flutsage, die — wie das ganz Asien über- schwemmende Geburiswasser in der Kyrossage zeigt — in diesen Zusammen- hang gehört, erzählt Berosus so, daß König Xisuthros durch einen göttlichen Traum gewarnt worden sei, alle Menschen würden in einer eroßen Flut umkommen, er selbst aber mit seiner Familie in einem Schiff gerettet werden. — Und schon im keilschriftlichen Sintflutbericht scheint die rätselhafte Stelle v. 21 bis 22 nach der Auffassung mancher Forscher mit Traumvisionen zusammenzuhängen, die Ea dem babylonischen Noalı zuteil werden läßt, 2) Die gleichen Verhältnisse herrschen bei der Traumbildung und der Umsetzung hysterischer Phantasien in Anfälle (vgl. Traumdeutung?, 5. 238, und die Anmke. ebenda; ferner Freud: Allgemeines über den hysterischen Anfall, in Sammlg. Kl. Schr. z. Neurosenlehre, 2. Folge, S. 146 u. ff.)
Ebenso in der dichterischen Phantasietätigkeit, was eine charakteristische Stelle bei Strindberg besonders deutlich zeigt: „Meine Erinnerungen kann ee FE = 112 DIE UMKEHRUNGEN DES INHALTS.
Neben dieser formalen Umkehrung beansprucht die in- haltliche eine besondere Aufklärung. Der nächste Grund für die Darstellung der Geburt durch ihr Gegenteil, die lebens- feindliche Aussetzung im Wasser, ist die Betonung. der Feind- seliekeit der Eltern dem zukünftigen Helden gegenüber‘). Wir begreifen den schöpferischen Einfluß dieser Tendenz, die Eltern als die ersten und mächtigsten Gegner des Helden dar- zustellen, wenn wir uns erinnern, daß ja der ganze Familien- roman überhaupt der Empfindung der Zurücksetzung, also der supponierten Feindseligkeit der Eltern, seinen Ursprung ver- dankt. Diese Feindseligkeit geht im Mythus so weit, daß die Eltern das Kind gar nicht zur Welt kommen lassen wollen, worüber sich eben der Held beklagt; ja man kann aus dem Mythus deutlich den Wunsch vernehmen, das Zurweltkommen selbst gegen den Willen der Eltern durchzusetzen. Die Lebens- eefahr aber, die sich so hinter der Geburt, in ihrer Darstellung durch die Aussetzung verbirgt, ist ja tätsächlich im Geburtsakt gegeben. In der Überwindung aller dieser Hindernisse kommt auch der Gedanke zum Ausdruck, daß der zukünftige Held die größten Schwierigkeiten eigentlich schon mit seiner Geburt überwunden habe, indem er alle Versuche, sie zu verhindern?), siegreich abwehrt. Es ist hier auch Raum für eine zweite Deutung, derzufolge der junge Held, der ja ahnen mag, dab er ich wie die Stücke eines Baukästens behandeln; mit ihnen kann ich alles mögliche zusammensetzen; und dieselbe Erinnerung kann zu allem mög- lichen in einem Phantasiegebäude dienen, verschieden gefärbte Seiten nach oben wenden; und da die Anzahl Zusammenstellungen unendlich ist, be- komme ich bei meinen Spielen den Eindruck der Unendlichkeit” („Einsam”, Leipzig, H. Seemanns Nchf. 1905, S. 76).
1) Nach einer ansprechenden Bemerkung Jungs ermöglicht diese Umkehrung in weiterer mythischer Sublimierung den Anschluß des Helden- lebens an den Sonnenlauf (Wandlungen und Symbole der Libido, IT. Teil,) 2) Hieher gehört Punkt 2 unseres Schemas: die freiwillige Enthalt- samkeit oder die gewaltsame Trennung der Eltern, die natürlich die wunder- bare Empfängnis und die Jungfrauengeburt der Mutter im Gefolge hat. — Auch die Abtreibungsphantasien, die in der Zoroasterlegende besonders deutlich sind, gehören in diesen Zusammenhang, wie möglicherweise auch die vorzeitig aus dem Mutterleib geschnittenen Helden, wie Sigurt (Grimm, Myth.*, 5. 322), Tristan bei Eilhardt, Vikramaditya u. a. m.
Pr Eee VE Se nee se sv ZWISCHEN PHANTASIE UND MYTHOS, 113 dazu bestimmt ist, alle Schwere des Lebens in besonderem Ausmaße zu verkosten, in pessimistischer Stimmung wie über einen feindlichen Akt darüber klagt, daß man ihm das Leben segeben habe. Er klagt gleichsam die Eltern an, daß sie ihn in das feindliche Leben ausgesetzt, daß sie ihn haben geboren werden lassen'). Die Weigerung, den Sohn zur Welt kommen zu lassen, die besonders dem Vater zukommt, scheint oft durch das Gegensatzmotiv, den Wunsch nach einem Kinde, verdeckt (wie bei Ödipus, Perseus u. a.), während die feindliche Gesinnung gecen den zukünftigen Nachfolger in Thron und Reich nach außen projiziert, also einem Orakelspruche zugeschrieben wird, der sich so als Ersatz des unheilverkündenden Traumes oder besser gesagt, als Äquivalent seiner Auslegung offenbart.
Auf der anderen Seite aber zeigt der Familienroman, daß die anscheinend die Eltern entfremdenden Phantasien des Kindes nichts anderes von ihnen aussagen können als die Bekräftigung, sie seien doch die wirklichen Eltern. Auch der Aussetzungs- mythus enthält, mit Hilfe der Symbolik übersetzt, nichts als die Versicherung: das ist meine Mutter, die mich auf Geheiß des Vaters geboren hat. Infolge der Tendenz des Mythus und der dadurch bewirkten Verschiebung der feindseligen Gesinnung vom Kinde auf die Eltern kommt diese Versicherung der wirk- ichen Elternschaft in Form ihrer Ablehnung zum Ausdruck.
Sehen wir uns nun die feindselige Stellung des Helden seinen Eltern eegenüber näher an, so fällt zunächst auf, dab ') Völlig im Sinne dieser unserer Auffassung scheint es gedacht, wenn der römische Dichter Luerez die Geburt mit einem Schiffbruch vergleicht: „Siehe das Knäblein, wie ein durch die Wut der Wellen an das Ufer ge- worfener Sehiffer liegt es da, das arme Kind! nackt, auf der Erde, aller Lebenshilfe dürftig, wann es zuerst die Natur aus dem Schoße der Mutter mit Schmerzen losgerissen hat. Mit kläglichem Gewimmer erfüllt es seinen Geburtsort und das wohl mit Recht, dem so viele Übel im Leben noch berorstehen” (Luerez, de natura rerum V. 222 bis 227). — Und ähnlich heißt es in der ersten Fassung von Schillers „Räuber” von der Natur: „Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt. — Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, gehe unter!”
Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 2. Aufl, 8 114 DER KONFLIKT MIT DEM VATER.
En — sie vornehmlich den Vater betrifft. Meist wird ja, wie im Mythus von Ödipus, Paris u. a,, dem königlichen Vater ein Unheil, das ihm von dem erwarteten Sohne droht, geweissagt; der Vater ist es da auch, der die Aussetzung des Knaben veranlaßt und den wider Erwarten Geretteten auf-alle möglichen Arten ver- folgt und bedroht, der aber schließlich doch, nach der Prophe- zeiung, dem Sohne unterliegt. Um diesen anfangs vielleicht befremdenden Zug zu verstehen, braucht man nicht erst am Himmel nach einem Vorgang zu suchen, in den er sich mühselig hineindeuten läßt. Wer mit offenen Augen und un- befansenen Sinnes die Verhältnisse zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern einmal ansieht, wie sie wirklich sind’), der wird häufig, jaman muß eigentlich sagen regelmäßig, wenn auch nicht offensichtlich und dauernd, so doch gewiß im Un- bewußten lauernd und zeitweilig durchbrechend, eine gewisse Spannung zwischen Vater und Sohn und noch deutlicher ein Konkurrenzverhältnis zwischen Geschwistern finden. Besonders sind es erotische Momente, die dabei mitspielen, und in der Regel ist auch die tiefste — meist unbewußte — Wurzel der Abneigung des Sohnes gegen den Vater oder zweier Brüder vereneinander in dem Konkurrenzverhältnis um die zärtliche Aufmerksamkeit und Liebe der Mutter zu suchen. Die Ödipus- fabel zeigt uns ja deutlich — nur in vergröberten Dimensionen — die Richtigkeit dieser Auffassung, indem sie auf den Tot- schlag des Vaters den Inzest mit der Mutter folgen läßt. Dieses erotische Verhältnis zur Mutter, das wieder in anderen Mythen- kreisen dominiert, ist in den Mythen von der Geburt des Helden in den Hintergrund gedrängt?), während der Kampf geren den Vater überstark betont wird.
1) Vgl. die Darstellung dieses Verhältnisses und seiner seelischen Folgen bei Freud: Traumdeutung, S. 172 u. ft.
2) Bei einzelnen Mythen hat man den Eindruck, als sei das Liebes- verhältnis zur Mutter, als dem Bewußtsein mancher Zeiten und Völker zu anstößig, beseitigt worden. Die Spuren dieser Beseitigung erkennt man noch bei einer Vergleichung verschiedener Mythen oder verschiedener Versionen desselben Mythus. So ist nach der Herodotischen Fassung Kyros ein Sohn von Astyages’ Tochter, nach dem Berichte des Ktesias nimmt er aber nach Besiegung des Astyages dessen Tochter zur Frau, während er ihren Mann, a ame ——n —[—— nn vr ann a nn Es scheint jedoch mit unserer Deutung der Aussetzung als Geburt nicht recht im Einklang zu stehen, daß gerade die Mutter und ihr Verhältnis zum Helden so stiefmütterlich — im wahren Sinne des Wortes — behandelt sein sollte. Doch verrät uns ein anderes, ziemlich aufdringliches Motiv, dab dies nur scheinbar der Fall ist. Denn mit auffallender Regelmäßigkeit wird die leibliche Mutter durch ein hilfreiches Tier vertreten, | das sich des Ausgesetzten annimmt und ihm oft als Amme dient!). Abzesehen von der Betonung des rein animalischen der bei Herodot sein Vater ist, tötet, Vgl. Hüsing: Beitr. z. Kyrossage, Al. Auch bei Vergleichung der Sage von Darab mit der ihr ganz ähnlichen Legende vom heiligen Gregor wird deutlich, daß bei Darab der Inzest mit der Mutter einfach weggelassen ist, der sonst der Erkennung des Sohnes vorausgeht; hier verhindert dagegen die Erkennung den Inzest, eine Abschwächung, die man im Mythus von Telephos sozusagen in statu nascendi studieren kann, wo der Held zwar mit seiner Mutter vermählt wird, sie aber noch vor dem Vollzuge des Inzests erkennt.
Man vgl. übrigens des Verfassers Buch: „Das Inzestmotiy in Diehtung und Sage” (1912), wo das hier nur gestreifte Inzestthema eine ausführliche Behandlung erfährt, und die zahlreichen hier fallen gelassenen Fäden, die zu diesem Thema führen, aufgenommen sind.
Den Zusammenhang des Ödipus-Motivs mit dem Mythus von der Geburt des Helden habe ich in meiner Untersuchung über „die Lohen- grinsage” (1911) näher ausgeführt, deren zyklischen Charakter ich aus der von Freud aufgedeckten Identifizierung mit dem Vater verständlich machen konnte. (Vgl. dortselbst S. 131, auch S.96 und 99.) So erklärt sich die in manchen Sagen aufgezeigte identität von Vater und Sohn, die Wiederholung ihrer Lebensläufe, so der Umstand, daß der Held mitunter erst im erwachsenen Alter ausgesetzt wird, so auelı die innige Verknüpfung von Geburt und Tod im Aussetzungsmotiv (Über das Wasser als Todeswasser vgl. bes. Kap. IV der Lohengrinsage). Jung, der im typischen Schicksal der Helden Abbilder der menschlichen Libido und ihrer typischen Schick- sale sieht, hat dieses Thema als Wiedergeburtsphantasie in den Mittel- punkt seiner Auffassung gestellt und ihr das Motiv des Inzests untergeordnet. Dabei will er aber nicht nur die unter sonderbaren symbolischen Umständen erfolgende Geburt des Helden, sondern auch das Motiv seiner zwei Mütter daraus erklären, daß die Geburt des Helden unter den geheimnisvollen Zeremonien einer Wiedergeburt aus der Mutter-Gattin erfolge (l. c.
) In einzelnen späteren Sagenformen (Romulus, Kyros) hat die ratio- nalistische Deutung dieses „Wunder” dadurch plausibel zu machen gesucht, 116 FREUDS AUFKLÄRUNG Verhältnisses zur Mutter, auf dessen Auffassung durch das Kind wir noch zurückkommen ($. 142 f., 150 f.), lebt in diesem Motiv auch ein Stück der totemistischen Abstammungslehre der primitiven Völker fort, deren tief menschliche Bedeutung uns oleichfalls durch die Forschungen Freuds erschlossen wurde, Im Totemismus sieht die Wissenschaft die erste Stufe der menschlichen Organisation, deren Hauptzüge darin bestehen, daß die Totemgenossen das Totem als gemeinsamen Stammvater verehren und den „eschlechtlichen Verkehr untereinander meiden und verab- scheuen, Dem ersten der beiden Züge entspricht es, daß das 'Totem -— in der Regel ein Tier — seine Abkömmlinge verschont und von ihnen verschont wird, welche segensreiche kulturelle Rolle das Muttertier im Heldenmythus noch direkt verkörpert.
Die Parallelisierung dieser 'lotemverehrung mit eiver Reihe von Beobachtungen an Kindern und Neurotikern durch Frend') erwies die eieentümliche Ahnenverehrung einer bestimmten Tier- eattung als Folge einer unbewußten Identifizierung dieses Tieres mit dem Vater, was übrigens auch die primitiven 'Totemisten direkt aussprechen, da sie sich keineswegs nur in bildlicher Weise als die Abkömmlinge des Totems betrachten. Damit wäre unschwer die Verehrung des Totems, aber nicht das eigeentümliche Zeremoniell seiner gelegentlich gebotenen Opferung erklärt, Gerade hier setzt Freud ein, indem er zu dem einen Rätsel das andere der Ent- stehung der Inzestschranke hinzunimmt, der die Exogamie der daß sie den Weibern Tiernamen beilegte (Kyno [Spako]|, Lupa), die erst den Anlaß zu der wunderbaren Ausschmückung gegeben haben sollien.
Es sei übrigens bei dieser Gelegenheit darauf verwiesen, daß eine Anzahl unserer bürgerlichen Familiennamen nicht nur totemistischen Ur- sprung verraten (Fuchs, Wolf, Bär ete.), sondern auch der degradierten Vaterrolle zu entsprechen scheinen (Fischer, Müller, Schneider).
Über Tiere in den Aussetzungssagen siehe die Arbeiten von Bauer (S.574f.), Goldziher (5. 274) und Liebreeht: Zur Volkskunde (Romulug und die Welfen‘, Heilbronn 1879. — Zur totemistischen Grundlage der römischen Wölfin vel. Jones, „Alptraum”, $. 57 f. — Über den Specht der Romulussage hat Jung (l.e. S. 382 f£.) gehandelt. — Allgemeines bei subernatis: Zoological Mythology. London 1872. Deutsch von Hartmann; Die Tiere in der indogerman,. Mythologie. Leipzig 1874. ) „Totem und Tabu”, 1913.
DES TOTEMISMUS. 117 BE 'T'otemgenossen entspricht. Er knüpft an Darwin und Atkinson an, die die älteste Form der Gemeinschaft in Analogie zu jener der höhe:en Affen in einer „Urhorde” sehen, bestehend aus mehreren Weibchen und einem alten und starken Männchen. Dieses duldet keinen Nebenbuhler in der Horde und tötet die Söhne oder treibt sie aus, soba'd sie geschlechtsreif werden. Den Weg von dieser „Urhorde” zur ersten Stufe sozialer Organisation, den die genannten Forscher nicht gefunden haben, rekonstruiert Freud aus dem eigent- lichen Sinn des Totemismus heraus, den dieser allerdings nur der psychoanalytischen Betrachtungsweise verrät. Schon Atkinson ver- mutete, daß die ausgetriebenen Söhne sich verbanden und durch Gemeinsamkeit gestärkt, den Vater erschlugen. Das würde der Vereinigung des Stammes zum 'Totemop’'er entsprechen. Aber da nun jeder die Weiber für sich begehrte und keiner stark genug war, die andern auszuschließen, entstand Unbefriedigung und Un- friede. Um den Verband, ohne den der einzelne nicht zu existieren vermochte, aufrecht zu erhalten, mußten Sämtliche sich freiwillig den Verzicht auf die Weiber des Stammes auferlegen. Die wichtige Rolle, welche die „Männerbünde” bei allen Naturvölkern spielen, ist eine Stütze dieser Auffassung. Durch diesen Verzicht wäre die Grundlage für die Totemexogamie gegeben, aber auch für die nach- trägliche Verehrung des mächtigen, im Grunde bewunderten Vaters, dessen nutzlos gebliebenen Mord die Söhne bereuten.
Alle diese Ereignisse, die natürlich nur als Zusammenfassung einer mehrtausendjährigen Entwicklung gedacht sind, haben in den totemistischen und anderen Bräuchen ihre Spuren hinterlassen und in den mythischen Überlieferungen, wie in den märchenhaften Er- zählungen, ihren kulturgeschichtlichen Nachklang gefunden.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet scheint der Familien- "oman des Helden in gewissem Sinne die urprünglich reale Verfolgung des Sohnes durch den Vater widerzuspiegeln, die nur aus einer späteren — erinnerten — Zeitin die Zeit der Geburt, ja sogar des Ungeborenseins zurückphantasiert wird, und zwar dann, sobald der Sohn dem als feindselig empfundenen Vater nichts mehr, auch nieht das Leben verdanken will. Hier, setzt nun die rettende Tat der Mutter ein, die vielleicht wirklich u ee HT _ 115 DIE AUSSETZUNG WAR EINMAL REAL.
er Te ne einmal in der Urgeschichte das Kind nach der Geburt vor dem unmenschlichen Vater zu schützen hatte, wie noch ganz naiv der griechische Mythus von Zeus erzählt, den seine Mutter aus Furcht vor dem kinderverschlingenden Kronos in einer Höhle des Idagebirges zur Welt bringt und verborgen hält, wo -das Knäblein von der Ziege Amalthea genährt wird. So kehrt die Mutter als schützendes und nährendes Totemtier im,Helden- mythus wieder, während im Erzeuger der alte vertotemistische Uryater in seiner. ganzen Primitivität weiterlebt.
So stellt das Stück Aussetzungsmythus — neben der sym- bolischen Geburtsbedeutung — einen offenkundig feindseligen Akt von seiten des grausamen Urvaters dar, der im Orakel eigentlich den Wunsch ausspricht, daß der Sohn gar nicht hätte zur Welt kommen sollen.
Im weiteren Inhalt der Heldenniythen merkt man unschwer, daß sich dieser feindselige Urakt des Vaters noch einige Male wiederholt. Zum erstenmal, sobald der Knabe, der ja die Kindheit in der Fremde verlebt, zum Jüngling herangewachsen ist. Zu dieser Zeit zieht der mythische Sohn aus seiner zweiten Heimat aus, um „Abenteuer zu suchen”, und zur selben Zeit trifft merkwürdigerweise der Vater neuerdings seine Schutzmaßregeln zur Sicherung seines Lebens und seiner Macht. Man versteht die eigentliche Bedeutung dieses mythischen Zuges, wenn man das ethnologische Gegenstück dazu, die Pubertätsriten der Wilden, zur Vergleichung heranzieht, die Reik in einer wertvollen Studie psychoanalytisch beleuchtet hat!), Auch dort wird den reifgewordenen Jünglingen, allerdings in der bei weitem eindrucksvolleren Weise des Ritus, die noch unge- brochene Macht der Väter vor Augen geführt. Die feindseligen Akte, welche sich die Alten bei diesem feierlichen Anlaß gegen die Jugend erlauben dürfen, sollen diese vor der Verwirklichung ihrer geheimen, aus dem Elternkomplex stammenden Wünsche warnen und sind zu- gleich Standhaftigkeitsproben auf ihre männliche Kraft, die sie erst würdig macht, in die ältere Generation vorzurücken und in den Kreis der Väter aufgenommen zu werden. Im Mythus ist die Form, in der sich die Feindseligkeit des Vaters zum erstenmal wiederholt, ') „Die Pubertäisriten der Wilden”, Imago IV, 1915, — DAS MOTIV DER MANNHEITSPROBE, 119 U eine durchwegs dem höheren kulturellen Niveau angepaßte „Auf- gabe”, die eines „Helden” würdig ist. Immer handelt es sich um ganz besondere Leistungen, denen kein anderer sich gewachsen zeigt und bei deren Lösung noch jeder den Tod gefunden hat, die der Held aber wider Erwarten des Auftraggebers, ungeachtet aller Hemmnisse, bewältigt. Dieser Vorgang, beliebig vervielfacht, ergibt die eigentlichen „Heldentaten”, die, unter den entwickelten Gesichts- punkten betrachtet, sich in nachstehender Weise zur Aussetzung und den ihr entsprechenden „Aufgaben” verhalten: Die Aussetzung stellt im Sinne ihrer symbolischen Be- deutung die unter den erschwerten Umständen der primitiven Verhältnisse erfolgte Geburt dar, die somit als die erste groß- artige Leistung (Aufgabe) erscheint, bei der viele den Tod finden, die der Held aber trotz aller Schwierigkeiten übersteht'). So liegt schon im Sohnsein selbst das Heldenhafte.
Die eigentliche Aufgabe, die zur Zeit der Reife gestellt wird, und deren verderbenbringende Absicht sie als Ersatz der Aussetzung: verrät, ist eine Mannheitsprobe, die ebenso wie das Aussetzungsmotiv doppelte (ambivalente) Bedeutung hat: Sie setzt den Jüneling dem Verderben aus, macht ihn aber oleichzeitig mit dem Bestehen dieser Probe dem Vater eben- bürtie (Ordal)').
', Es ist hier an den altgermanischen Brauch zu erinnern, das neu- geborene Kind vor Anerkennung der Vaterschaft auf einem Schild im Rhein auszusetzen. (R. Civilli: „Le jugement du Rhin et la lögitimation des enfanis par ordalie”. Bull. et M&m. de la Soc. d’Anthrop. de Paris, VI. Ser. III. 1912, pp. 80-88). [Ähnlich aber auch von den Banyaro in Zentralafrika. Siehe John Hamming Speke: Journ. of the discovery ol the source of the Nil. London 1912, ch. XIX, p. 444. Everyman’s Library]. Wenn z. B. ein Kelte bei einem neugeborenen Kind an seiner Vaterschaft zweifelte, so setzte er es auf einem großen Schild in den nächsten Fluß. Trugen es die Wellen ans Ufer, so galt es als legitim, kam das Kind jedoch um, so galt das Gegenteil fiir erwiesen und auch die Mutter wurde hingerichtet. (Siehe Franz H elbing: „Gesch. d. weibl. Untreue”.) Ferner ist auf den unter den germanischen Völkerschaften schr verbreiteten Brauch der Kindesaufhebung hinzuweisen, weleher der römischen Sitte des „liberos tollere, suseipere” vollkommen entspricht: das auf dem Boden liegende Kind wurde vom Vater entweder aufgenommen oder ausgesetzt (altnord. „üt bera, üt kasta”). (Vgl. die auch 120 DIE AMBIVALENZ DES AUSSETZUNGSMOTIYVS.
Das Aussetzungsmotiv, das — wie die Mythen- und Märchen- motive überhaupt — von ambivalenten Gefühlen getragen ist, erscheint so als gegenseitiger Schutz der beiden Generationen voreinander, gleichsam als eine Art wechselseitiger Lebens- versicherung, da der Sohn durch die im Interesse des Vaters erfolgende Aussetzung letzten Endes vor diesem seinen Ver- folger in Sicherheit gebracht wird, ja in ihm gerade der vom Vater mit Recht so gefürchtete Feind heranwächst. Darum kann es auch nicht verwundern, daß die Heldenaufgaben, die ursprünglich eine Vervielfachung des urväterlichen Beseitigungs- impulses gegen den Sohn darstellen, sich schließlich als ver- kappte Rachehandlungen des Sohnes gegen den „bösen“ Vater (Vatertötung) entpuppen, was allerdings dadurch verdeckt scheint, daß sie im Auftrage des Vaters selbst geschehen. In entsprechender Weise wird auch gerne die korrelate urzeitliche Besitzergreifung der Mutter in der verhüllenden Gegensatzform des Potiphar- motivs, das umgekehrt die Verführung des standhaften Helden durch ein lüsternes Muttersurrogat vortäuscht, verleugnet (Inzestscheu). | Indem der Sohn die aufrührerischen Handlungen und die Beseitigungsimpulse in der Fremde an Deckpersonen oder noch häufiger an Tierungeheuern (Totemopfer) befriedigt, wird er durch Lösung der vom Vater zu seinem Verderben gestell- ten Aufgaben aus einem unzufriedenen Sohn ein sozial wertvoller Reformer, ein Bezwinger menschenverzehrender oder länderverwüstender Ungeheuer, ein Erfinder, Städte- gründer und Kulturträger, wie insbesondere das kulturell so hochstehende griechische Volk in seinen Heroen Herakles, Per- sonst für unser Thema aufschlußreiche Abhandlung von Nejmark: „Die geschichtliche Entwieklung des Deliktes der Aussetzung”, Aarau 1918, Wie das Aussetzungsmotiv selbst, will Frazer auch das typische Medium, das Wasser, aus psychologisch unverstandenen Bräuchen erklären nämlich als Erinnerung an die zur Bestätigung der Legitimität veranstal- teten Wasserordalien, die aber selbst nur ein der symbolischen Geburts- bedeutung der Wasseraussetzung entsprechender Ritus sind. Man vgl. dazu die Rolle des Wassers bei den Scheingeburten des Wiedergeburtszeremoniells (Zachariae iin d. Z, V.t. V. XX, 145 ff.)
DIE AUFLEHNUNG GEGEN DEN VATER. 121 m nn m nn seus. Thescus, Ödipus, Bellerophon u. a. zeigt. Sie ale töten im Auftrag böser Tyrannen Tierungeheuer, die sich auf Grund ihrer totemistischen Bedeutung um so leichter als Vatersurro- gate verstehen lassen, als der Mythus die erste Heldentat, die mit der Rettung (von der Aussetzung) gegebene Überwindung des Vaters, als wesentlich voranstellt. Mit dieser Einkleidung der Heroentaten in die Form der Vaterüberwindung verrät aber der Mythus ihre Herkunft und Bedeutung.
Schon dadurch, daß der Held mit Lösung der vom Vater zu seinem Verderben gestellten Aufgaben (Heldentaten) schließ- lich an die Stelle des Vaters gelangt (und die Frau für sich gewinnt), erweisen sich seine Leistungen als Ersatz der Vater- tötung, woraus sich die Formulierung ergibt, daß das Helden- hafte cben in der Überwindung des Vaters liegt, von dem die Aussetzung und die Aufgaben ihren Ausgang nehmen. Also nicht der Held hat eine wunderbare Geburts- und Jugend- geschichte, sondern diese Geschichte selbst macht eben das eigentlich Heldenhafte aus. Historisch wäre dieser Tatbestand so zu formulieren, daß es einmal eine Heldentat war, als Sohn eines strengen eifersüchtigen Vaters zur Welt zu kommen und sich gegen sein Machtgelüste durchzusetzen. Die Aus- setzung und die ihr auf späterer Stufe entsprechende Aus- schiekung auf Heldentaten sind als mythische Motive schon wesentlich gemilderte Formen der ursprünglichen Austrei- bung der Söhne, die der pater familias vornimmt, um sich vor den Gewalttätigkeiten seiner heranwachsenden machtbegie- rigen Sprößlinge zu schützen 1): Die Kultur- und Sittengeschichte läßt keinen Zweifel daran, daß die in den Mythen und Märchen erzählten Grausamkeiten 1) Die mythische Austreibung des Sohnes nimmt in der alitestament- lichen Überlieferung eine breite Stelle ein, wie das Umherirren des durch Gottvater ausgestoßenen Brudermörders Kain, aber auch die Erzählungen von Ismael und Jakob, der in der Fremde dienen muß, zeigen. Auch die Legende vom verlorenen Sohn fällt in diesen Zusammenhang, von dem Nachklänge noch bei Shakespeare (Glosters Sohn Edgar im Lear), Schiller Karl Moor) und in zahlreichen Diehtungen zu finden sind, 122 DIE VÄTERLICHE MACHT.
Te ee — innerhalb der Familie einmal real waren. „Das Haupt der Familie besaß das volle Recht, nach seinem Belieben über Leben und Tod eines hilflosen Familienmitgliedes zu verfügen. Ein solcher Rechts- zustand läßt sich noch jetzt bei verschiedenen Naturvölkern be- obachten”? (Nejmark, 1. c. S. 1). „Der Vater hatte zu entscheiden, ob das neugeborene Kind aufgezogen oder ausgesetzt werden sollte und auch später lag das Leben des Kindes in seiner Hand...Deshalb verschwindet die Sitte der Kinderaussetzung erst mit dem Untergang der streng patriarchalen Familienverfassung...die bei den Naturvölkern die herrschende Familienform ist” (l. c. 8. 6). „Die auf höherer Kulturstufe stehenden Naturvölker zeigen uns einige Beispiele einer solchen Abschwächung der väterlichen Ge- waltherrschaft. Es ist meistens der Fall, daß die erste Beschrän- kung der väterlichen Gewalt in der Aberkennung des Rechtes über Leib und Leben gegenüber dem heranwachsenden Sohne auf- tritt...Weitherhin wird das Tötungsrecht gegenüber den Kindern ausschließlich auf die Neugeborenen beschränkt, und zuletzt wird dem Vater auch dieses Recht der Tötung und Aussetzung von Neu- geborenen ebenfalls entzogen” (l. c. S. 8). In besonders deutlicher und kulturgeschichtlich interessanter Weise ist der Prozeß der Ein- schränkung der väterlichen Gewalt in der römischen Rechts- und Staatsgeschichte zu verfolgen: „denn der römische Staat ist nach dem Muster der römischen Familie entstanden, so daß der römische König über seine Untertanen wesentlich dieselben Rechte hatte, die dem pater familias gegenüber den ‚personae in potestate’ zugestanden haben” (l. c. 8. 15). So erweist sich also die Revolution gegen jede endlich drückend empfundene Gewaltherrschaft letzten Endes als Auflehnung gegen die väterliche Gewalt').
ı) Als eine Art Revanche gegen die unbeschränkten Vorrechte des Vaters erscheint die „bei zahlreichen Völkern herrschende Sitte, sich der Greise zu entledigen, sei es durch deren Tötung, wie es bei den Eskimo und Grönländern geschieht, bei denen der Sohn seinen Vater, wenn dieser alt und unnütz wird, erhängt, sei es durch Aussetzung des Hausyaters wie bei den Chiappavaeren (Nordamerika)” (l. ec. $. 2). Daß bei vielen Völkern für den Haussohn sogar eine Verpflichtung bestand, seinen gebrechlichen Vater umzubringen (l. e. S. 4), kann nur als bewußter Nachklang der Totemopferung verstanden werden, —— m ge DER PARANOIDE CHARAKTER DES MYTHUS. n 123 m m mn Daß die kindliche Auflehnung gegen den Vater in den Geburtsmythen ausschließlich durch das feindselige Benehmen des Vaters provoziert erscheint, ist — wie schon angedeutet wurde — eine durch ganz besondere Eigentümlichkeiten der mythenbildenden Seelentätigkeit bewirkte tendenziöse Dar- stellung des Verhältnisses, welche wir Projektion benennen. Der Projektionsmechanismus, der auch seinen Anteil an der Umkehrung („Hineiustürzen”) des Geburtsaktes hatte, sowie einige ‚später (s. S. 153.) zu besprechende Charaktere der Mythenbildung legen, wegen ihrer Gleichheit mit auffälligen Vorgängen im Mechanismus gewisser seelischen Störungen, die allcemeine Charakterisierung des Mythus als „paranoides’ Gebilde nahe. Mit dem paranoiden Charakter ist vornehmlich die Eigenschaft, auseinanderzulegen, was in der Phantasie verschmolzen ist, innig verknüpft. Dieser Vorgang gibt, wie wir an den beiden Elternpaaren gesehen haben, das Fundament unserer Mythenbildung ab und ist neben dem Mechanismus der Projektion der Schlüssel zum Verständnis für eine ganze Reihe sonst unerklärlicher Gestaltungen des Mythus. Der Prozeß, welcher mit der einer Rechtfertigungstendenz dienen- den Projektion beginnt, setzt sich weiter fort und hat auch, mit Hilfe des Mechanismus der Auseinanderlegung, in ganz eigenartigen Formen des Heldenmythus einen verschiedenen Ausdruck seines allmählichen Fortschreitens gefunden.
In der psychologisch ursprünglichen Form ist der Vater identisch mit dem König, dem tyrannischen Verfolger. Die erste Stufe der Milderung dieses Verhältnisses zeigen die Mythen, in denen die Loslösung des tyrannischen Verfolgers von dem wirkliehen Vater versucht wird, aber noch nicht ganz vollzogen ist. Denn der tyrannische Verfolger ist immerhin noeh verwandt mit dem Helden, und zwar ist es meist sein Großvater, wie in der Kyrossage und ihren Parallelen, wie überhaupt in der Mehrzahl aller Heldenmythen. Dieser Typus bedeutet aber, in der Loslösung der Rolle des Vaters von der des Königs, den ersten Schritt zur Rückwendung der Abkunftsphantasie zu den wirklichen Verhältnissen, und wir finden daher auch bei diesem Typus in der Regel als Vater DIE MILDERUNGEN DES KONFLIKTS des Helden einen niederen Mann (siehe: Kyros, Gilgamos u. a.). Der Held strebt also hier wieder eine Annäherung an seine Eltern an, eine gewisse Zugehörigkeit zu ihnen, die darin zum Ausdruck kommt, daß nicht nur er selbst, sondern auch sein Vater und seine Mutter für den Tyrannen Objekte der Veriol- eung bilden. Erlangt damit der Held besonders eine innigere Verknüpfung mit der Mutter — er wird ja oft mit ihr zu- sammen ausgesetzt (Perseus, Telephos, Feridun) —, die ihm ja auch sonst aus verschiedenen Motiven näher liegt, so er- reicht die Ablehnung seines llasses gegen den Vater hier ihren stärksten Reaktionsausdruck!), indem der Held nun, wie in der Hamletsage, nicht als Verfolger seines Vaters (be- ziehungsweise Großvaters), sondern als Rächer des verfolgten Vaters auftritt. Es ergibt sich hier eine tiefere Beziehung der Hamletsage zu der iranischen Erzählung von Kaikhosrav, denn auch hier tritt ja der Held als Rächer seines getöteten Vaters auf (vgl. auch Feridun, Kullervo u. a.).
Aber auch die Person des Großvaters selbst, die in ein- zelnen Sagen durch andere Verwandte ersetzt erscheint (bei Hamlet ist es der Oheim), hat ihre tiefere Bedeutung. Es ver- bindet sich hier das Ödipusmotiv mit dem zweiten korrelaten Komplex, der die erotischen Beziehungen zwischen Vater und Tochter zum Inhalt hat?). Der Vater, der seine Tochter keinem Freier geben will, oder der gewisse, schwer zu erfüllende Bedingungen an die Erwerbung der Tochter knüpft, tut das, weil er sieim letzten Grunde keinem anderen gönnt, sie selbst besitzen möchte. Er versperrt sie, damit ihre Jungfrauenschaft ungefährdet bleibe, an einem unzugänglichen Orte (Perseus, Gilgamos, Telephos, Romulus) und verfolgt im Falle der Über- tretung seines Gebotes die Tochter und ihren Sprößling mit unersättlichem Haß. Die unbewußten sexuellen Beweggründe seines feindlichen Tuns, das ihm später vom Enkel vergolten ) Den Mechanismus dieser Abwehr findet man in Freuds Hanlet- analyse (Traumdeutung, S. 183, Anm.) dargelegt.
2) Zum „Großyater” vgl. man noch Freuds Analyse der Phobie eines 5Sjährigen Knaben (Jahrb. f. Psa., I, 1909, S. 73 f.) sowie die Arbeiten von Jones, Abraham und Ferenczi (Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psa., I. Jahrg. 1913, left 2).
.u_ me om MIT DEM VATER UND SEINE ERSETZUNGEN. 125 wird, zeigen aber deutlich, dal der Held in ihm mit Recht doch wieder den Mann verfolgt, der ihm die Liebe seiner Mutter entziehen will: also den Vater).