SigPhi · Rosa Luxemburg

Die Akkumulation des Kapitals

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auch hier folgt Rodbertus seiner eigenen Privatschrulle. Nicht die Niedrigkeit des Einkommens der Arbeitermasse bewirke die Überproduktionen und auch nicht die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Kapitalisten, wie bei Sismondi, sondern lediglich die Tatsache, daß das Einkommen der Arbeiter mit dem Fortschritt der Produktivität einen immer geringeren Teil des Produktenwertes darstellt. Rodbertus weist seinem Widerpart ausdrücklich nach, daß nicht aus der Geringfügigkeit der Anteile der arbeitenden Klassen Absatzstockungen entspringen: „Stellen Sie sich“, belehrt er v. Kirchmann, „diese Anteile so klein vor, daß die Berechtigten nur das nackte Leben dabei haben, halten Sie die Anteile aber nur in der Quote, die sie am Nationalprodukt einnehmen, fest, und lassen Sie dann die Produktivität zunehmen, so haben Sie auch das feste Wertgefäß, das einen immer größeren Inhalt aufzunehmen imstande ist, so haben Sie den immer zunehmenden Wohlstand auch der arbeitenden Klassen...Umgekehrt stellen Sie sich die Anteile der arbeitenden Klassen so groß vor, wie Sie wollen, lassen Sie sie aber unter der Zunahme der Produktivität zu einer immer kleineren Quote des Nationalprodukts herabsinken, so werden diese Anteile zwar bis dahin, daß sie auf ihre heutige Geringfügigkeit zurückgebracht sind, immer noch vor übergroßer Entbehrung schützen, denn ihr Produktinhalt wird noch immer bedeutend größer als heute sein, aber sie werden dennoch sofort, als sie zu sinken beginnen, jene zu unsern Handelskrisen sich steigernde Unbefriedigung nach sich ziehen, die ohne Verschulden der Kapitalisten ja nur deshalb eintritt, weil die Kapitalisten den Umfang ihrer Produktion nach der gegebenen Größe der Anteile einrichteten.“ (18) Also die „fallende Lohnquote“ ist die eigentliche Ursache der Krisen und das einzig wirksame Mittel gegen sie –, die gesetzliche Bestimmung, wonach der Anteil der Arbeiter am Nationalprodukt eine feste und unabänderliche Quote darstellt. Man muß sich in diesen bizarren Einfall gut hineindenken, um seinen ökonomischen Inhalt nach Gebühr zu würdigen.

Fußnoten von Rosa Luxemburg 15. l. c., Bd. IV, S. 233. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu sehen wie Rodbertus unbeschadet seiner ethischen Polterei über das Los der unglücklichen arbeitenden Klassen in der Praxis als ein äußerst nüchterner und realistisch denkender Prophet der kapitalistischen Kolonialpolitik im Sinne und Geiste der heutigen „Alldeutschen“ auftrat. „Von hier“ schreibt er in der Fußnote zum angeführten Passus, „mag man einen raschen Blick auf die Wichtigkeit der Erschließung Asiens, namentlich Chinas und Japans, dieser reichsten Märkte der Welt, sowie der Erhaltung Indiens unter englischer Herrschaft werfen. Die soziale Frage gewinnt dadurch Zeit (der donnernde Rächer der Ausgebeuteten verrät hier naiv den Nutznießern der Ausbeutung das Mittel, wie sie ihren „törichten und verbrecherischen Irrtum“, ihre „unmoralische“ Auffassung, ihre „schreiende Ungerechtigkeit“ möglichst lange koservieren können! – R.L.) denn, (diese philosophische Resignation ist unvergleichlich – R.L.) der Gegenwart gebricht es zu ihrer Lösung an Uneigennützigkeit und sittlichem Ernst, ebensosehr als an Einsicht. Ein volkswirtschaftlicher Vorteil ist nun allerdings kein genügender Rechtstitel zu gewaltsamem Einschreiten. Allein andererseits ist auch die strikte Anwendung des modernen Natur- und Völkerrechts auf alle Nationen der Erde, sie mögen einer Kulturstufe angehören, welcher sie wollen, unhaltbar. (Wer denkt da nicht an dir Worte Dorinens im Molièreschen Tartuffe: „Le ciel défend, de vraie, certains contentements, mais il y avec lui des accomodements.“ – R.L.) Unser Völkerrecht ist ein Produkt der christlich-ethischen Kultur und kann, weil alles Recht auf Gegenseitigkeit beruht, deshalb auch nur ein Maß für die Beziehungen zu Nationen sein, die dieser selben Kultur angehören. Seine Anwendung über diese Grenze hinaus ist natur- und völkerrechtliche Sentimentalität, von der die indischen Greuel uns geheilt haben werden. Vielmehr sollte das christliche Europa etwas von dem Gefühl in sich aufnehmen, das die Griechen und Römer bewog, alle anderen Völker der Erde als Barbaren zu betrachten. Dann würde auch in den neueren europäischen Nationen wieder jener weltgeschichtliche Trieb wach werden, der die Alten drängte, ihre heimische Kultur über den Orbis terrarum zu verbreiten. Sie würden in gemeinsamer Aktion Asien der Geschichte zurückerobern. Und an diese Gemeinsamkeit würden sich die größten sozialen Fortschritte knüpfen, die feste Begründung des europäischen Friedens, die Reduktion der Armeen, eine Kolonisation Asiens im altrömischen Stil, mit andern Worten, eine wahrhafte Solidarität der Interessen auf allen gesellschaftlichen Lebensgebieten.“ Der Prophet der Ausgebeuteten und Unterdrückten wird hier bei den Visionen der kapitalistischen Kolonialexpansion beinah zum Dichter. Und dieser poetische Schwung will um so mehr gewürdigt werden, als die „christlich-ethische Kultur“ sich just damals mit solchen Ruhmestaten bedeckte wie den Opiumkriegen gegen China [5*] und den „indischen Greul“ – nämlich den Greul der Engländer bei der blutigen Unterdrückung des Sepoyaufstandes. [6*] In seinem Zweiten socialen Brief, im Jahre 1850, meinte Rodbertus zwar, wenn der Gesellschaft „die sittliche Kraft“ zur Lösung der sozialen Frage, d. h. zur Änderung der Verteilung des Reichtums fehlen sollte, würde die Geschichte „wieder die Peitsche der Revolution über sie schwingen müssen“. (l. c., Bd. II, S. 83.) Acht Jahre später zieht er als braver Preuße vor, die Peitsche der christlich-ethischen Kolonialpolitik über die Eingeborenen der Kolonialländer zu schwingen. Es ist auch nur folgerichtig, daß der „eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in Deutschland“ auch ein warmer Anhänger des Militarismus und seine Phrase von der „Reduktion der Armeen“ nur als eine Licentia poetica im Redeschwall zu nehmen war. In seinem Zur Beleuchtung der Socialen Frage, 2. Teil, 1.

Heft, führt er aus, daß „die ganze nationale Steuerlast immerfort nach unten gravitiert, bald in Steigerung der Preise der Lohngüter, bald in dem Druck auf den Geldarbeitslohn“, wobei die allgemeine Militärpflicht, „unter den Gesichtspunkt einer Staatslast gebracht, bei den arbeitenden Klassen nicht einmal einer Steuer, sondern gleich einer mehrjährigen Konfiskation des ganzen Einkommens gleichkommt.“ Dem fügt er schleunig hinzu: „Um keinem Mißverständnis ausgesetzt zu sein, bemerke ich, daß ich ein entschiedener Anhänger unserer heutigen Militärverfassung (also der preußischen Militärverfassung der Konterevolution – R.L.) bin, so drückend sie auch für die arbeitenden Klassen sein mag und so hoch die finanziellen Opfer scheinbar sind, die den besitzenden Klassen dafür abverlangt werden.“ (l. c., Bd. III, S. 34) Nein, Schnock ist entschieden kein Löwe!

Anmerkungen der Redaktion 1*. Bezeichnung für eine Richtung in der bürgerlich-liberalen Wirtschaftspolitik, die auf den Freihandel orientiert war, den Bedingungen der freien Konkurrenz entsprach und vor allem die Nichteinmischung des Staates in die Wirtschaft propagierte. Ihr Name geht auf die englische Industriestadt Manchester zurück.

2*. Siehe William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum, Fünfter Aufzug, erste Szene.

3*. die Krise von 1825/1826 in Großbritannien war die erste zsklische Industriekrise in der Geschichte des kapitalismus. die Aktienkurse fielen, so daß u. a. 70 Provinzbanken und zahlreiche Aktiengesellschaften zusammenbrachen und bis 1828 kein englisches kapital exportiert wurde.

4*. Diese Gesetzgebung, nach ihrem Autor Robert Peel als „Peelscher Bankakt“ bekannt geworden, war im englischen Parlament 1844 und 1845 verabschiedet worden. Danach wurden die Banken in zwei unabhängige Departements geteilt und für ihre Zahlungs- und Kreditoperationen gesetzliche Beschränkungen auferlegt, die bei Wirtschaftskrisen mit großem Geldmangel zeitweilig außer Kraft gesetzt werden mußten, um die Summe der nicht durch Gold gedeckten Banknoten zu erhöhen.

5*. Die Opiumkriege von 1839 bis 1842 und von 1856 bis 1860 waren Aggressionskriege des europäischen Kapitals gegen China. Ihr Ziel war die gewaltsame Öffnung des chinesischen Marktes für die profitbringende Opiumeinfuhr und den Warenimport der kapitalistischen Mächte. Den Ersten Opiumkrieg führte Großbritannien allein, im Zweiten Opiumkrieg operierten britische und französische Truppen gemeinsam gegen China. Im Ergebnis der Opiumkriege wurden China ungleiche Verträge aufgezwungen, die seine kapitalistische Erschließung und seine Umwandlung in ein halbkoloniales Land einleiteten.

6*. Sepoy war die Bezeichnung für den eingeborenen Soldat der ehemaligen britischen Kolonialarmee in Indien. Am 11. Mai 1857 erhoben sich die Sepoyregimenter in Mirat auf Grund der Verletzung ihres religiösen Gefühls durch die Briten. Diese Söldnerrevolte weitete sich zu einem Volksaufstand gegen das britische Kolonialregime aus. 1859 wurde der Aufstand von der Kolonialmacht endgültig niedergeschlagen.

7*. 1844/1845 war es in Preußen zu einer Geldverknappung gekommen, die durch Eisenbahnbauspekulationen seit 1842 ausgelöst worden war. Der preußische Staat garantierte seit diesem Zeitpunkt bei der Zeichnung von Eisenbahnbauaktien einen gesetzlichen Zins von 3½ Prozent.

8*. Siehe Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. In Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 20, S. 267, Fußnote.

Die Akkumulation des Kapitals Zweiter Abschnitt Geschichtliche Darstellung des Problems Zweiter Waffengang Kontroverse zwischen Rodbertus und v. Kirchmann Siebzehntes Kapitel Rodbertus’ Analyse der Reproduktion Was soll es vor allem bedeuten, daß die Verringerung des Anteils der Arbeiter „sofort“ Überproduktion und Handelskrisen hervorrufen müsse? Diese Auffassung wird nur begreiflich, wenn man voraussetzt, daß Rodbertus sich das „Nationalprodukt“ aus zwei Teilen bestehend vorstellt, aus dem Anteil der Arbeiter und dem Anteil der Kapitalisten, also v + m, wobei sich etwa der eine Teil gegen den anderen austauscht. In der Tat spricht Rodbertus stellenweise beinahe in diesem Sinne, so, wenn er im Ersten socialen Briefe sagt: „Die Armut der arbeitenden Klassen läßt niemals zu, daß ihr Einkommen ein Bett für die anschwellende Produktion abgebe. Das Übermaß von Produkten. das in den Händen der Arbeiter nicht bloß deren Lage verbessern, sondern zugleich ein Gewicht abgeben würde, um den Wert des bei den Unternehmern verbleibenden Restes zu steigern und diesen damit die Bedingung der Fortsetzung ihrer Betriebe in dem bisherigen Umfange zu gewähren, drückt auf seiten der Unternehmer den Wert des ganzen Produkts so tief, daß jene Bedingung verschwindet, und überläßt im besten Falle die Arbeiter ihrem gewohnten Mangel.“ (1) Das „Gewicht“, das in den Händen der Arbeiter „den Wert“ des bei den Unternehmern „verbleibenden Restes“ steigert, kann hier nur Nachfrage bedeuten. Damit wären wir glücklich angelangt in dem famosen „Ort“ v. Kirchmanns, wo die Arbeiter mit den Kapitalisten einen Austausch ihrer Löhne gegen das Mehrprodukt ausführen und wo die Krisen deshalb entstehen, weil das variable Kapital klein und der Mehrwert groß ist. Diese seltsame Vorstellung ist schon oben besprochen worden. An anderen Stellen gibt jedoch Rodbertus eine abweichende Auffassung zum besten. Im Vierten socialen Brief deutet er seine Theorie so, daß die ständige Verschiebung im Verhältnis der Nachfrage, die durch den Anteil der Arbeiterklasse dargestellt, und derjenigen, die durch den Anteil der Kapitalistenklasse bewirkt wird, eine chronische Disproportion zwischen Produktion und Konsumtion hervorrufen müsse: „Aber wie, wenn sich nun die Unternehmer zwar immerfort in den Grenzen jener Anteile zu halten suchen, aber diese Anteile selbst sich bei der großen Mehrzahl der Gesellschaft, den Arbeitern, nach und nach mit unvermerkter, aber unwiderstehlicher Gewalt immerfort verkleinerten? Wenn sie sich bei diesen Klassen immerfort in demselben Maße verkleinerten, als sich deren Produktivität vergrößerte?“ „Ob deshalb nicht die Kapitalisten, während sie nur nach der bisherigen Große der Anteile die Produktion einrichten und einrichten mußten, um den Reichtum allgemein zu machen, dennoch immerfort über die bisherigen Anteile hinaus produzieren und also eine stete Nichtbefriedigung, die sich zu einer Demnach haben wir uns die Krisen folgendermaßen zu erklären: Das Nationalprodukt besteht aus einer Anzahl „ordinärer Waren“, wie v. Kirchmann sagt, für die Arbeiter und feinerer Waren für die Kapitalisten. Die Menge jener wird durch die Summe der Löhne, dieser durch den Gesamtmehrwert dargestellt. Richten sich die Kapitalisten bei ihrer Produktion danach ein und schreitet dabei die Produktivität fort, so muß sich schon im nächsten Augenblick ein Mißverhältnis herausstellen. Denn der Anteil der Arbeiter von heute ist nicht mehr der von gestern, sondern geringer; bildete gestern die Nachfrage nach „ordinären Waren“, sagen wir, sechs Siebentel des Nationalprodukts, so bildet sie heute nur noch fünf Siebentel, und die Unternehmer, die sich auf sechs Siebentel „ordinärer Waren“ eingerichtet haben, werden zu ihrer schmerzlichen Überraschung konstatieren müssen, daß sie um ein Siebentel deren zuviel hergestellt haben. Wollen sie aber, durch diese Erfahrung gewitzigt, morgen ihre Produktion so einrichten, daß sie nur fünf Siebentel des gesamten Wertes des Nationalprodukts in ordinären Waren herstellen, so laufen sie damit nur einer neuen Enttäuschung in die Arme, denn übermorgen wird der Lohnanteil am Nationalprodukt sicher nur noch vier Siebentel darstellen usw.

Diese originelle Theorie ruft sofort eine Menge gelinder Zweifel wach. Wenn unsere Handelskrisen lediglich daher rühren, daß die „Lohnquote“ der Arbeiterklasse, das variable Kapital, einen immer geringeren Teil des Gesamtwerts des Nationalprodukts ausmacht, dann birgt ja das fatale Gesetz in sich selbst auch die Heilung des von ihm angerichteten Übels, da doch die Überproduktion einen immer geringeren Teil des Gesamtprodukts betrifft. Rodbertus liebt zwar die Ausdrücke von „übergroßer Mehrzahl“ der Konsumenten, von der „großen Volksmasse“ der Konsumenten, deren Anteil immer mehr sinke, doch kommt es nicht auf die Zahl der Kopfe bei der Nachfrage an, sondern auf den durch sie dargestellten Wert. Und dieser Wert bildet nach Rodbertus selbst einen immer geringfügigeren Teil des Gesamtprodukts. Die ökonomische Basis der Krisen wird damit immer schmaler, und es bleibt nur die Frage, wie es kommt, daß die Krisen trotzdem, wie Rodbertus feststellt, erstens allgemein und zweitens immer heftiger sind. Bildet ferner die „Lohnquote“ den einen Teil des Nationalprodukts, so der Mehrwert, nach Rodbertus, den anderen. Was an Kaufkraft der Arbeiterklasse abgeht, wächst als Kaufkraft der Kapitalistenklasse an, wird v immer geringer, so m dafür immer größer. Nach dem eigenen kruden Schema von Rodberrus kann dadurch im ganzen die Kaufkraft der Gesellschaft nicht alteriert werden. Sagt er doch selbst: „Ich weiß wohl, daß schließlich dasjenige, um welches der Anteil der Arbeiter fällt, den Anteilen der Rentenbezieher (bei Rodbertus „Rente“ gleich Mehrwert – R.L.) zuwächst, daß also auf die Dauer und im ganzen die Kaufkraft sich gleichbleibt. Aber in bezug auf das zu Markt gebrachte Produkt ist schon immer die Krisis erfolgt, ehe jener Zuwachs sich geltend machen kann.“ (3) Es kann sich also höchstens darum handeln, daß in demselben Maße wie in „ordinären Waren“ ständig ein Zuviel, in feineren Waren für die Kapitalisten ständig ein Zuwenig sich herausstellt. Rodbertus kommt hier unversehens auf eigentümlichen Pfaden zu der von ihm so hitzig bekämpften Theorie Say-Ricardos: der Überproduktion auf der einen Seite entspräche stets die Unterproduktion auf der anderen. Und da die Wertanteile der Arbeiterklasse und der Kapitalisten sich ständig zuungunsten der ersteren verschieben, so würden unsere Handelskrisen im ganzen immer mehr den Charakter von periodischer Unterproduktion an Stelle von Überproduktion annehmen! Doch lassen wir diese Rätsel. Was aus alledem einleuchtet, ist, daß Rodbertus sich das Nationalprodukt dem Werte nach als lediglich zusammengesetzt aus zwei Teilen, aus v und m, denkt, darin also ganz die Auffassung und Überlieferung der klassischen Schule teilt, die er mit solcher Erbitterung bekämpft, verschönert noch um die Vorstellung. daß der ganze Mehrwert von den Kapitalisten konsumiert wird. Er spricht dies an mehreren Stellen mit dürren Worten aus, so im Vierten socialen Brief: „Demgemäß muß man gerade, um zuvörderst das Prinzip der Rente (des Mehrwerts – R.L.) überhaupt, das Prinzip der Teilung des Arbeitsprodukts in Lohn und Rente, zu finden, von den Gründen abstrahieren, welche die Scheidung der Rente überhaupt in Grundrente und Kapitalrente veranlassen.“ (4) Und im Dritten [socialen] Brief: „Grundrente, Kapitalgewinn und Arbeitslohn, wiederhole ich, sind Einkommen. Grundbesitzer, Kapitalisten und Arbeiter wollen davon leben, d. h. ihre unmittelbaren menschlichen Bedürfnisse damit befriedigen. Die Güter, die im Einkommen bezogen werden, müssen also dazu brauchbar sein.“ (5) Krasser ist die Verfälschung der kapitalistischen Wirtschaft in eine nur für die Zwecke der direkten Konsumtion bestimmte Produktion nirgends formuliert worden, und darin hat Rodbertus unzweifelhaft die Palme der „ Priorität“ – nicht sowohl vor Marx wie vor allen Vulgärökonomen. Um ja keinen Zweifel über diese seine Konfusion bei dem Leser zu lassen, stellt er in demselben Briefe etwas weiter den kapitalistischen Mehrwert als ökonomische Kategorie direkt mit dem Einkommen des antiken Sklavenhalters in eine Reihe: „Mit dem ersten Zustand (der Sklaverei – R.L.) ist die einfachste Naturalwirtschaft verbunden; es wird der Teil des Arbeitsprodukts, der dem Einkommen der Arbeiter oder Sklaven entzogen ist und das Eigentum des Herrn oder Besitzers ausmacht, ungeteilt als eine Rente dem einen Grund-, Kapital-, Arbeiter- und Arbeitsproduktbesitzer zufallen; es werden selbst nicht dem Begriffe nach Grundrente und Kapitalgewinn zu unterscheiden sein. – Mit dem zweiten Zustande ist die komplizierteste Geldwirtschaft gegeben; es wird der Teil des Arbeitsprodukts, der dem Einkommen jetzt der freien Arbeiter entzogen ist und auf den Grund- und Kapitalbesitz fällt, sich zwischen den Besitzern des Rohprodukts uni den Besitzern des Fabrikationsprodukts weiter teilen; es wird endlich die eine Rente des früheren Zustandes in Grundrente und Kapitalgewinn auseinanderfallen und zu scheiden sein.“ (6) Den hervorstechendsten ökonomischen Unterschied zwischen der Ausbeutung unter der Herrschaft der Sklaverei und der modernen kapitalistischen Ausbeutung erblickt Rodbertus – in der Spaltung des „dem Einkommen“ der Arbeiter „entzogenen“ Mehrwerts in Grundrente und Kapitalgewinn. Nicht die spezifische historische Form der Teilung des Mehrwerts zwischen Arbeit und Kapital, sondern die für den Produktionsprozeß gleichgültige Teilung des Mehrwerts unter seine verschiedenen Nutznießer ist die entscheidende Tatsache der kapitalistischen Produktionsweise! Sonst bleibt der kapitalistische Mehrwert als Ganzes dasselbe, was „die eine Rente“ des Sklavenhalters war: ein privater Konsumtionsfonds des Ausbeuters!

Freilich widerspricht sich Rodbertus auch wieder an anderen Stellen und erinnert sich an das konstante Kapital sowie die Notwendigkeit seiner Erneuerung im Reproduktionsprozeß. Er nimmt also statt der Zweiteilung des Gesamtprodukts in v + m die Dreiteilung in c + v + m an. In seinem Dritten [socialen] Brief führt er über die Reproduktionsformen der Sklavenwirtschaft aus: „Weil der Herr darauf halten wird, daß ein Teil der Sklavenarbeit darauf verwandt werde, die Felder, Herden und Werkzeuge in der Landwirtschaft und Fabrikation in gleichem Zustande zu erhalten oder auch zu verbessern, so wird das, was heute ‚Kapitalersatz‘ genannt wird, sich so vollziehen, daß ein Teil des nationalen Produkts der Wirtschaft immer gleich unmittelbar und ohne Dazwischenkunft des Tausches und selbst des Tauschwerts zur Instandhaltung des Vermögens verwandt wird.“ (7) Und zur kapitalistischen Reproduktion übergehend: „Es wird also jetzt ein Wertteil des Arbeitsprodukts zur Instandhaltung des Vermögens oder als ‚Kapitalersatz‘ verwandt oder berechnet; es wird ein Wertteil des Arbeitsprodukts in dem Geldlohn der Arbeiter zum Unterhalt derselben verwandt, und es bleibt endlich ein Wertteil desselben in den Händen der Grund-, Kapital- und Arbeitsproduktbesitzer als deren Einkommen oder als Rente zurück.“ (8) Hier haben wir ausdrücklich die Dreiteilung in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert, und ebenso formuliert er nochmals ausdrücklich in diesem Dritten [socialen] Brief als Eigentümlichkeit seiner „neuen“ Theorie. „Nachdem also diese Theorie, bei hinreichender Produktivität der Arbeit, denjenigen Teil des Produktwerts, der vom Kapitalersatz zum Einkommen übrigbleibt, infolge des Grund- und Kapitaleigentums unter Arbeiter und Besitzer als Lohn und Rente hat sich teilen lassen“ usw. (9) Rodbertus hat hier anscheinend einen entschiedenen Schritt in der Wertanalyse des Gesamtprodukts über die klassische Schule hinaus gemacht, ja, er kritisiert etwas weiter direkt das „Dogma“ von Smith, und es bleibt nur, sich zu wundern, daß die gelehrten Bewunderer Rodbertus’, die Herren Wagner, Dietzel, Diehl u. Co., verabsäumt haben, die „ Priorität“ ihres Lieblings vor Marx in einem so wichtigen Punkte der ökonomischen Theorie mir Beschlag zu belegen. – In Wirklichkeit sieht es mit der Priorität hier genauso windig aus wie in der Werttheorie überhaupt. Auch dort, wo Rodbertus anscheinend zu einer richtigen Einsicht gelangt, stellt sich dies im nächsten Augenblick als ein Mißverständnis oder mindestens eine Schiefheit heraus. Wie wenig Rodbertus tatsächlich mit der Dreiteilung des Nationalprodukts anzufangen wußte, zu der er sich vorwärtsgetastet hatte, beweist gerade am besten seine Kritik an dem Smithschen Dogma, die wörtlich so lautet: „Sie wissen, daß alle Nationalökonomen schon seit Ad. Smith den Wert des Produkts in Arbeitslohn, Grundrente und Kapitalgewinn zerfallen lassen und daß also die Idee, das Einkommen der verschiedenen Klassen und namentlich auch die Rententeile auf eine Teilung des Produkts zu gründen, nicht neu ist. Allein sofort geraten die Nationalökonomen auf Abwege. Alle – selbst nicht mit Ausnahme der Ricardoschen Schule – begehen zuvörderst den Fehler, nicht das ganze Produkt, das vollendete Gut, das ganze Nationalprodukt als Einheit aufzufassen, an der Arbeiter, Grundbesitzer und Kapitalisten partizipieren, sondern die Teilung des Rohprodukts als eine besondere Teilung, an der drei Teilnehmer, und die Teilung des Fabrikationsprodukts wieder als eine besondere Teilung aufzufassen, an der nur zwei Teilnehmer partizipieren. So sehen diese Systeme schon das bloße Rohprodukt und das bloße Fabrikationsprodukt jedes für sich als ein besonderes Einkommensgut an. – Sie begehen dann zweitens – hier indessen mit Ausnahme Ricardos und auch Smith’ – den Fehler, daß sie die natürliche Tatsache, daß die Arbeit ohne Mitwirkung der Materie, also ohne den Boden, kein Gut produzieren kann, für eine wirtschaftliche und die gesellschaftliche Tatsache, daß in Teilung der Arbeit das Kapital im heutigen Sinne dazu gebraucht wird, für eine ursprüngliche halten. So fingieren sie ein wirtschaftliches Grundverhältnis, auf welches sie, bei dem geteilten Besitz des Bodens, des Kapitals und der Arbeit in der Gesellschaft, auch die Anteile dieser verschiedenen Besitzer in der Weise zurückführen, daß die Grundrente aus der Mitwirkung des Bodens, den der Grundbesitzer zur Produktion hergebe, der Kapitalgewinn aus der Mitwirkung des Kapitals, das der Kapitalist dazu verwende, und der Lohn endlich aus der Mitwirkung der Arbeit entspringe. Die Saysche Schule, welche diesen Irrtum am feinsten ausgesponnen hat, schafft sich sogar den Begriff eines dem Produktanteil jener verschiedenen Besitzer entsprechenden Produktivdienstes des Bodens, des Kapitals und der Arbeit, um aus solchem Produktivdienst wieder den Produktanteil zu erklären. – Hieran schließt sich endlich drittens sogar die Ungereimtheit, daß, während doch Arbeitslohn und Rententeile aus dem Werte des Produkts abgeleitet werden, doch wieder der Wert des Produkts aus Arbeitslohn und Rententeilen abgeleitet und so wechselseitig das eine auf das andere basiert wird. Bei manchen tritt diese Ungereimtheit so zutage, daß in zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Kapiteln Der Einfluß der Renten auf die Produktionspreise und Der Einfluß der Produktionspreise auf die Renten zu setzen gesucht wird.“ (10) Bei diesen ausgezeichneten kritischen Bemerkungen, deren letzte namentlich fein ist und in gewissem Sinne die betreffende Kritik im zweiten Bande des Marxschen Kapitals vorwegnimmt, akzeptiert Rodbertus ruhig den Hauptschnitzer der klassischen Schule und ihrer vulgären Nachtreter: die völlige Vernachlässigung des Wertteils des Gesamtprodukts, der zum Ersatz des konstanten Kapitals der Gesellschaft notwendig ist. Diese Konfusion war es denn auch, die ihm erleichterte, sich in seinen wunderlichen Kampf gegen die „fallende Lohnquote“ zu verbeißen.

Der Wert des gesellschaftlichen Gesamtprodukts zerfällt unter kapitalistischen Produktionsformen in drei Teile, von denen der eine dem Wert des konstanten Kapitals, der andere der Lohnsumme, d. h. dem variablen Kapital und der dritte dem Gesamtmehrwert der Kapitalistenklasse entspricht. Nun wird innerhalb dieser Wertzusammensetzung der dem variablen Kapital entsprechende Wertteil relativ immer geringer, und das aus zwei Gründen. Erstens verschiebt sich innerhalb c + v + m das Verhältnis von c zu (v + m), d. h. des konstanten Kapitals zum Neuwert, in der Richtung, daß c relativ immer größer, (v + m) immer kleiner wird. Dies ist ein einfacher Ausdruck der steigenden Produktivität der menschlichen Arbeit, der absolute Geltung hat für alle ökonomisch fortschreitenden Gesellschaften, unabhängig von ihren historischen Formen, und der nur bedeutet, daß die lebendige Arbeit imstande wird, immer mehr Produktionsmittel in immer kürzerer Zeit zu Gebrauchsgegenständen zu verarbeiten. Da (v + m) im Verhältnis zum Gesamtwert des Produkts sinkt, so sinkt damit auch v als Wertteil des Gesamtprodukts. Sich dagegen sträuben, diesem Sinken Einhalt tun wollen heißt mit anderen Worten, sich dem Fortschritt der Produktivität der Arbeit in seinen allgemeinen Wirkungen widersetzen. Sodann tritt auch innerhalb (v + m) eine Verschiebung ein in der Richtung, daß v relativ immer kleiner, m relativ immer größer wird, d. h. daß von dem geschaffenen Neuwert ein immer kleinerer Teil auf Löhne entfällt, ein immer größerer als Mehrwert angeeignet wird. Dies ist der spezifisch kapitalistische Ausdruck der fortschreitenden Produktivität der Arbeit, der aber innerhalb der kapitalistischen Bedingungen der Produktion ebenso absolute Geltung hat wie jenes erste Gesetz. Durch staatliche Mittel nun verbieten wollen, daß v immer geringer im Verhältnis zu m wird, heißt verbieten wollen, daß sich die fortschreitende Produktivität der Arbeit, die die Herstellungskosten aller Waren verringert, auch auf die grundlegende Ware Arbeitskraft beziehe, heißt diese eine Ware von den ökonomischen Wirkungen der technischen Fortschritte ausnehmen wollen. Aber noch mehr: Die „fallende Lohnquote“ ist nur ein anderer Ausdruck für steigende Mehrwertrate, die das stärkste und wirksamste Mittel darstellt, den Fall der Profitrate aufzuhalten, und deshalb das treibende Motiv der kapitalistischen Produktion überhaupt wie namentlich des technischen Fortschritts innerhalb dieser Produktion darstellt. Die „fallende Lohnquote“ auf dem Wege der Gesetzgebung beseitigen heißt also soviel, wie das Existenzmotiv der kapitalistischen Wirtschaft ausschalten, ihr Lebensprinzip unterbinden wollen. Man stelle sich aber die Sache konkret vor. Der einzelne Kapitalist wie die kapitalistische Gesellschaft im ganzen kennt ja überhaupt den Wert der Produkte als eine Summe gesellschaftlich notwendiger Arbeit nicht und ist gar nicht imstande, ihn so zu fassen. Der Kapitalist kennt ihn nur in der abgeleiteten und durch die Konkurrenz auf den Kopf gestellten Form der Produktionskosten. Während der Wert des Produkts in die Wertteile c + v + m zerfällt, setzen sich die Produktionskosten im Bewußtsein des Kapitalisten umgekehrt aus c + v + m zusammen Und zwar stellen sich ihm auch diese in der verschobenen und abgeleiteten Form dar 1. als Verschleiß seines fixen Kapitals, 2. als seine Auslagen an zirkulierendem Kapital einschließlich der Auslagen für Löhne der Arbeiter, 3. als die „übliche“, d. h. durchschnittliche Profitrate auf sein gesamtes Kapital. Wie soll nun der Kapitalist, sagen wir, durch ein Gesetz im Rodbertusschen Sinne gezwungen, eine „feste Lohnquote“ gegenüber dem gesamten Produktwert einhalten? Der Einfall ist genauso geistreich, wie wenn man durch Gesetz fixieren wollte, bei der Herstellung aller Waren dürfe der Rohstoff nie mehr oder weniger als ein Drittel des Gesamtpreises der Waren ausmachen. Es ist klar, daß die Hauptidee Rodbertus’, auf die er stolz war und baute wie auf eine neue archimedische Entdeckung und mit der er die kapitalistische Produktion radikal kurieren wollte, von allen Standpunkten der kapitalistischen Produktionsweise ein barer, blühender Unsinn ist, zu dem man aber auch nur aus jener Konfusion über die Werttheorie heraus gelangen konnte, die bei Rodbertus in dem unvergleichlichen Satze kulminiert, „das Produkt müsse jetzt (in der kapitalistischen Gesellschaft – R.L.) so Tauschwert haben, wie es in der antiken Wirtschaft Gebrauchswert haben mußte“. (11) In der antiken Gesellschaft mußten Brot und Fleisch gegessen werden, damit man von ihnen leben konnte, jetzt aber wird man schon satt, wenn man den Preis von Fleisch und Brot weiß! Was jedoch am deutlichsten aus der fixen Idee der „fixen Lohnquote“ bei Rodbertus herausschaut, ist seine völlige Unfähigkeit, die kapitalistische Akkumulation zu begreifen.

Man hat schon aus den früheren Zitaten entnehmen können, daß er, im Einklang mit der verkehrten Vorstellung, der Zweck der kapitalistischen Produktion sei die Herstellung von Konsumgegenständen zur Befriedigung „menschlicher Bedürfnisse“, ausschließlich die einfache Reproduktion im Auge hat. Spricht er doch immer nur vom „Ersatz des Kapitals“ und von der Notwendigkeit, die Kapitalisten zu befähigen, „ihre Betriebe in dem bisherigen Umfange“ fortzusetzen. Seine Hauptidee wendet sich aber direkt gegen die Akkumulation des Kapitals. Die Mehrwertrate fixieren, ihr Wachstum verhindern heißt die Akkumulation des Kapitals lahmlegen. In der Tat war für Sismondi wie für v. Kirchmann die Frage des Gleichgewichts zwischen Produktion und Konsumtion eine Frage der Akkumulation, d. h. der erweiterten kapitalistischen Reproduktion. Beide leiteten die Störungen in dem Gleichgewicht der Reproduktion von der Akkumulation her, deren Möglichkeit beide verneinten. Nur daß der eine als Mittel dagegen die Dämpfung der Produktivkräfte überhaupt, während der andere ihre steigende Verwendung in der Luxusproduktion, das restlose Verzehren des Mehrwerts empfahl. Rodbertus geht auch hier seine eigenen Wege. Während jene mit mehr oder weniger Erfolg die Erscheinung der kapitalistischen Akkumulation zu fassen suchten, kämpft Rodbertus gegen den Begriff.