SigPhi · Rosa Luxemburg

Die Akkumulation des Kapitals

Page 22 of 36

Ebenso unhaltbar ist seine Theorie vom auswärtigen Absatz und dessen Bedeutung für die kapitalistische Produktion. Struve folgt hier ganz den „Volkstümlern“ in ihrer mechanischen Auffassung, wonach ein kapitalistisches Land, nach dem Schema eines professoralen Lehrbuches, erst den „inneren Markt“ möglichst gründlich abgrast, um sich dann, wenn dieser völlig oder nahezu erschöpft ist, nach auswärtigen Märkten umzusehen. Von hier aus gelangt Struve, in den Fußtapfen Wagners, Schäffles und Schmollers, auch zu der abgeschmackten Vorstellung, ein Land mit „großem Territorium“ und recht viel Volk könne in seiner kapitalistischen Produktion ein „abgeschlossenes Ganzes“ bilden und mit dem inneren Markte allein auf „unbestimmte Zeit“ auskommen. (6) Tatsächlich ist die kapitalistische Produktion von Haus aus eine Weltproduktion, und sie beginnt, gerade umgekehrt wie sie nach dem pedantischen Rezept der deutschen Kathederweisheit sollte, schon in ihrer Kindheitsphase für den Weltmarkt zu produzieren. Ihre einzelnen bahnbrechenden Zweige in England, wie die Textilindustrie, die Eisen- und Kohlenindustrie, suchten sich Absatzmärkte in allen Ländern und Weltteilen, während im Innern des Landes noch der Prozeß der Zerstörung des bäuerlichen Besitzes, der Untergang des Handwerks und der alten Heimproduktion bei weitem nicht zum Abschluß gebracht waren. Man versuche auch z. B. der deutschen chemischen Industrie und der deutschen Elektrotechnik mit dem weisen Rat zu kommen, sie möchten sich, statt, wie tatsächlich, von ihrem Aufkommen für fünf Weltteile zu arbeiten, erst doch auf den inneren deutschen Markt beschränken, der in so vielen anderen Zweigen noch von der heimischen Industrie nicht erschöpft ist, sintemalen er massenhaft von auswärts mit Erzeugnissen versorgt wird. Oder man mache der deutschen Maschinenindustrie klar, sie dürfe sich noch nicht auf die auswärtigen Märkte werfen, da ja, wie die Statistik der deutschen Einfuhr schwarz auf weiß beweist, ein großer Teil des Bedarfs Deutschlands an Erzeugnissen dieses Zweiges durch auswärtige Lieferungen gedeckt wird. Vom Standpunkte dieses Schemas des „auswärtigen Handels“ ist solchen Zusammenhängen des Weltmarkts mit ihren tausendfältigen Verzweigungen und Nuancen der Arbeitsteilung gar nicht beizukommen. Die industrielle Entwicklung der Vereinigten Staaten, die heute ein gefährlicher Konkurrent Englands auf dem Weltmarkt, ja in England selbst geworden sind, ebenso wie sie z. B. auch in der Elektrotechnik die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt und in Deutschland selbst schlagen, hat die Deduktionen Struves, die übrigens schon zur Zeit, als er sie niederschrieb, antiquiert waren, vollends Lügen gestraft.

Struve akzeptiert auch die rohe Auffassung der russischen Volkstümler, wonach die internationalen Zusammenhänge der kapitalistischen Weltwirtschaft mit ihrer historischen Tendenz zur Ausbildung eines lebendigen einheitlichen Organismus mit gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die auf die ganze Mannigfaltigkeit des Naturreichtums und der Produktionsbedingungen der Erdkugel gestützt ist, in der Hauptsache auf die ordinäre Sorge des Kaufmanns um den „Markt“ reduziert werden. Die fundamentale Rolle der unumschränkten Versorgung der kapitalistischen Industrie mit Nahrungsmitteln, mit Roh- und Hilfsstoffen und Arbeitskräften, die genauso auf den Weltmarkt berechnet ist wie der Absatz der fertigen Waren, wird bei der Fiktion von den drei sich selbst genügenden Weltreichen Wagners und Schmollers: England mit Kolonien, Rußland und Vereinigte Staaten, die Struve übernimmt, ganz übersehen oder künstlich eingeengt. Die Geschichte der englischen Baumwollindustrie allein, die in sich die abgekürzte Geschichte des Kapitalismus im ganzen einschließt und deren Schauplatz während des ganzen 19. Jahrhunderts fünf Weltteile waren, ist auf jedem Schritt ein Hohn auf diese professorale Kinderstubenvorstellung, deren einziger realer Sinn darin liegt, daß sie die gewundene theoretische Rechtfertigung des Schutzzollsystems liefert.

3. l. c., S. 252.

4. l. c., S. 260. „Entschieden unrecht hat er (Struve – R.L.), wo er den gegenwärtigen Zustand Rußlands dem der Vereinigten Staaten vergleicht, um das zu widerlegen, was er Ihre pessimistischen Zukunftsansichten nennt. Er sagt, die üblen Folgen des modernen Kapitalismus in Rußland werden ebenso leicht überwunden werden wir in den Vereinigten Staaten. Hier vergißt er ganz, daß die USA von allem Anfang an bourgeois waren; daß sie von Kleinbürgern und Bauers gegründet wurden, die dem europäischen Feudalismus entflohen, um eine rein bürgerliche Gesellschaft zu errichten. Dagegen haben wir in Rußland ein Fundament von primitiv-kommustistischem Charakter, eine noch aus der Zeit vor der Zivilisation stammende Gentilgesellschaft, die zwar schon in Trümmer fällt, aber immer noch als Fundament, als Material dient, auf und mit dem die kapitalistische Revolution (denn es ist eine wirkliche soziale Revolution) wirkt und operiert. In Amerika gibt es seit mehr als einem Jahrhundert Geldwirtschaft, in Rußland war fast ausnahmslos Naturalwirtschaft die Regel. Deshalb ist es selbstverständlich, daß die Umwälzung in Rußland weit heftiger, weit einschneidender und von unermeßlich größeren Leiden begleitet sein muß als in Amerika.“ (Brief Engels‘ an Nikolai—on v. 17. Oktober 1893. In: Briefe usw., S. 85.) [Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson, 17. Oktober 1893. In Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 39, S. 148/149.]

5. l. c., S. 284.

6. Die reaktionäre Seite der deutschprofessoralen Theorie von den „drei Weltreichen“ Großbritannien, Rußland und Vereinigte Staaten, zeigt u. a. deutlich Professor Schmoller in seiner handelspolitischen Säkularbetrachtung, wo er mit Wehmut sein greises Gelehrtenhaupt über die „neumerkantilistischen“, will sagen imperialistischen Gelüste der drei Hauptbösewichter schüttelt und für „die Ziele aller höheren geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur“ sowie des „sozialen Fortschritts“ – eine starke deutsche Flotte und einen europäischen Zollverein mit der Spitze gegen England und Amerika fordert: „Für Deutschland erwächst aus dieser weltwirtschaftlichen Spannung als erste Pflicht die, sich eine starke Flotte zu schaffen, um eventuell auch, für den Kampf gerüstet, als Bundesgenosse von den Weltmächten begehrt zu sein. Es kann und soll kein Eroberungspolitik wie die drei Weltmächte treiben (denen aber Herr Schmoller – wie er an anderer Stelle sagt – „keine Vorwürfe“ machen will, „daß sie wieder in die Bahnen der riesenhaften Kolonialeroberungen einlenkten“ – R.L.). Aber es muß eventuell eine fremde Blockade der Nordsee brechen, seine Kolonien und seinen großen Handel schützen, den Staaten, welche sich mit ihm verbünden, die gleiche Sicherheit. bieten können. Deutschland wie Österreich-Ungarn und Italien, zum Dreibund vereinigt, haben mit Frankreich die Aufgabe, der zu aggressiven, für alle mittleren Staaten bedrohlichen Politik der drei Weltmächte die Mäßigung aufzuerlegen, die im Interesse des politischen Gleichgewichts, im Interesse der Erhaltung aller anderen Staaten wünschenswert ist: nämlich die Mäßigung in der Eroberung, im Kolonieerwerb, in der einseitigen, überspannten Schuttzollpolitik, in der Ausbeutung und Mißhandlung aller Schwächeren...Auch die Ziele aller höheren geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur, aller soziale Fortschritt hängt davon ab, daß im 20. Jahrhundert nicht die ganze Erde zwischen die drei Weltreiche aufgeteilt und von ihnen ein brutaler Neumerkantilismus begründet werde.“ (Die Wandlungen in der europäischen Handelspolitik des 19.

Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft, XXIV. Jg. S. 381.)

Die Akkumulation des Kapitals Zweiter Abschnitt Geschichtliche Darstellung des Problems Dritter Waffengang gegen Woronzow – Nikolai—on Zweiundzwanzigstes Kapitel Bulgakow und seine Ergänzung der Marxschen Analyse Der zweite Kritiker der „volkstümlerischen“ Skepsis, S. Bulgakow, lehnt sofort die Struveschen „dritten Personen“ als Rettungsanker der kapitalistischen Akkumulation rundweg ab. Er hat für sie nur ein Achselzucken. „Die Mehrheit der Ökonomen (bis Marx)“ sagt er, „löste die Frage in dem Sinne, daß irgendwelche ‚dritten Personen‘ nötig seien, um als Deus ex machina den gordischen Knoten zu durchhauen, d. h. den Mehrwert zu verzehren. Als solche Personen treten bald luxustreibende Grundbesitzer auf (wie bei Malthus), bald luxustreibende Kapitalisten, bald der Militarismus u. dgl. mehr. Ohne solche außerordentlichen Mittel könne der Mehrwert keinen Absatz finden: er werde auf den Märkten festgefahren und rufe Überproduktion und Krisen hervor.“ (1) „So nimmt Herr Struve an, daß die kapitalistische Produktion sich in ihrer Entwicklung auf die Konsumtion irgendwelcher phantastischer dritter Personen stützen könne. Wo liegt denn aber die Quelle der Kaufkraft dieses grand public, dessen spezielle Bestimmung es ist, den Mehrwert zu verzehren?“ (2) Bulgakow seinerseits stellt das ganze Problem von vornherein auf die Analyse des gesellschaftlichen Gesamtprodukts und seiner Reproduktion, wie sie Marx im zweiten Bande des Kapitals gegeben. Er begreift ausgezeichnet, daß man zur Lösung der Frage der Akkumulation erst mit der einfachen Reproduktion beginnen und sich ihren Mechanismus ganz klarmachen müsse. Hier sei es namentlich wichtig, sich über die Konsumtion des Mehrwerts und der Löhne derjenigen Produktionszweige klarzuwerden, die nichtkonsumierbare Produkte herstellen, und andererseits über die Zirkulation desjenigen Teils des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, der das verbrauchte konstante Kapital darstellt. Das sei eine ganz neue Aufgabe, deren sich die Ökonomen gar nicht einmal bewußt waren und die erst von Marx gestellt wurde. „Zur Lösung dieser Aufgabe teilt Marx alle kapitalistisch hergestellten Waren in zwei große und wesentlich verschiedene Kategorien. die Produktion von Produktionsmitteln und die Produktion von Konsummitteln. In dieser Einteilung allein ist mehr theoretischer Sinn verborgen, als in sämtlichen vorhergehenden Wortgefechten über die Theorie der Absatzmärkte.“ (3) Man sieht, Bulgakow ist ein ausgesprochener und begeisterter Anhänger der Marxschen Theorie. Er formuliert auch als die Aufgabe seiner Studie die theoretische Nachprüfung der Lehre, daß der Kapitalismus ohne auswärtige Märkte nicht existieren könne. „Zu diesem Behufe hat der Verfasser die sehr wertvolle, aber – man weiß nicht warum – in der Wissenschaft fast nicht verwertete Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion benutzt, die K. Marx im zweiten Teil des zweiten Bandes des Kapitals gibt. Obwohl diese Analyse nicht als abgeschlossen gelten kann, bietet sie doch u. E. auch in ihrer vorliegenden unbearbeiteten Fassung eine genügende Grundlage für eine andere Lösung der Frage von den Absatzmärkten als diejenige, die sich die Herren Nikolai—on, W. Woronzow und andere zu eigen gemacht haben und die sie K. Marx aufs Konto schreiben.“ (4) Die Lösung, die Bulgakow aus Marx selbst abgeleitet hat, formuliert er folgendermaßen „Der Kapitalismus kann unter Umständen existieren ausschließlich dank dem inneren Markt; es liegt keine innere, der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliche Notwendigkeit vor, daß nur der auswärtige Markt den Überschuß der kapitalistischen Produktion verschlingen kann. Dies der Schluß, zu dem der Verfasser auf Grund des Studiums der erwähnten Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion gelangt ist.“ Und nun sind wir gespannt auf die Bulgakowsche Beweisführung für die angeführte These.

Sie fällt zunächst unerwartet einfach aus. Bulgakow gibt getreulich das uns bekannte Marxsche Schema der einfachen Reproduktion wieder, mit Kommentaren, die seinem Verständnis alle Ehre machen. Dann führt er das uns ebenso bekannte Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion an – und damit ist der gesuchte Beweis auch schon erbracht. „Auf Grund des Gesagten bietet es keine Schwierigkeit zu bestimmen, worin die Akkumulation bestehen wird: I (Abteilung der Produktionsmittel) muß die zur Produktionserweiterung erforderlichen zuschüssigen Produktionsmittel sowohl für sich wie für II (Abteilung der Konsummittel) herstellen, während hinwiederum II die zuschüssigen Konsummittel zur Erweiterung des variablen Kapitals I und II zu liefern haben wird. Sieht man von der Geldzirkulation ab, so reduziert sich die Produktionserweiterung auf den Austausch der zuschüssigen Produkte I, deren II bedarf, und der zuschüssigen Produkte II, deren I bedarf.“ Bulgakow folgt hier also getreulich den Ausführungen Marxens und merkt gar nicht, daß seine These bis jetzt immer noch auf dem Papier bleibt. Er glaubt mit diesen mathematischen Formeln die Frage der Akkumulation gelöst zu haben. Daß man sich die Proportionen, die er aus Marx abschreibt, wohl vorstellen kann, ist außer Zweifel. Ebenso sicher ist es, daß, wenn die Produktionserweiterung stattfinden soll, sie sich in diesen Formeln ausdrücken kann. Bulgakow übersieht aber die Hauptfrage: Für wen findet denn die Erweiterung statt, deren Mechanismus er untersucht? Da sich die Akkumulation in mathematischen Proportionen auf dem Papier darstellen läßt, so ist sie auch schon vollbracht. Doch nachdem Bulgakow soeben die Sache für gelöst erklärt hat, stößt er im nächsten Moment, bei dem Versuch, die Geldzirkulation in die Analyse hineinzuführen, auf die Frage: Wo kommt bei I und II das Geld für den Ankauf der zuschüssigen Produkte her? Wir haben bei Marx gesehen, wie die wunde Stelle seiner Analyse, die eigentliche Frage nach den Konsumenten für die erweiterte Produktion, in der schiefen Form der Frage nach zuschüssigen Geldquellen immer wieder zum Vorschein kommt. Bulgakow folgt hier sklavisch der Marxschen Betrachtungsweise und akzeptiert dieselbe mißverständliche Fragestellung. ohne die darin enthaltene Verschiebung zu merken. Er stellt freilich fest, daß „Marx selbst auf diese Frage in den Brouillonheften [1*], nach denen der zweite Band des Kapitals hergestellt ist, eine Antwort nicht gegeben hat“. Um so interessanter muß die Antwort sein, die Marxens russischer Schüler auf eigene Faust abzuleiten versucht.

„Uns“, sagt Bulgakow, „scheint der ganzen Marxschen Lehre die folgende Lösung am besten zu entsprechen. Das neue variable Kapital in Geldform, das II für I wie für sich selbst liefert, findet sein Warenäquivalent im Mehrwert II. Wir haben schon bei der Betrachtung der einfachen Reproduktion gesehen, daß die Kapitalisten selbst das Geld zur Realisierung ihres Mehrwerts in die Zirkulation werfen müssen und dieses Geld schließlich in die Tasche des Kapitalisten, von dem es ausging, zurückkehrt. Das Quantum Geld, das zur Zirkulation des Mehrwerts erforderlich ist, wird nach dem allgemeinen Gesetz der Warenzirkulation bestimmt, durch den Wert der Waren, worin er eingeschlossen ist, geteilt durch die Durchschnittszahl der Umschläge des Geldes. Dasselbe Gesetz findet auch hier Anwendung. Die Kapitalisten II müssen eine gewisse Summe Geldes zur Zirkulation ihres Mehrwerts haben, sie müssen folglich einen gewissen Geldvorrat besitzen. Dieser Vorrat muß genügend groß sein, damit er sowohl für die Zirkulation desjenigen Teils des Mehrwerts ausreicht, der den Konsumtionsfonds darstellt, wie desjenigen, der als Kapital akkumuliert werden soll.“ Weiter entwickelt Bulgakow den Standpunkt, daß es für die Frage, wieviel Geld zur Zirkulation eines bestimmten Warenquantums im Lande erforderlich ist, gar keinen Unterschied machte, ob ein Teil dieser Waren Mehrwert darstellt oder nicht.

„Die allgemeine Frage aber, woher das Geld überhaupt im Lande kommt, wird in dem Sinne gelöst, daß dieses Geld durch den Goldproduzenten geliefert wird.“ Wird mit der Erweiterung der Produktion im Lande mehr Geld erforderlich, so wird eben auch die Goldproduktion dementsprechend erweitert. (5) Wir landen also schließlich glücklich beim Goldproduzenten, der schon bei Marx die Rolle des Deus ex machina spielt. Man muß gestehen, daß Bulgakow die gespannten Erwartungen auf seine neue Lösung arg getäuscht hat. „Seine“ Lösung der Frage ist über die von Marx gelieferte Analyse auch nicht um ein Jota hinausgegangen. Sie reduziert sich auf die folgenden äußerst einfachen drei Sätze: 1. Frage. Wieviel Geld ist erforderlich, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren? Antwort: Soviel wie nach dem allgemeinen Gesetz der Warenzirkulation nötig ist. 2. Frage. Woher nehmen die Kapitalisten dieses Geld, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren? Antwort: Sie müssen es eben haben. 3. Frage. Woher kommt das Geld überhaupt ins Land? Antwort: Vom Goldproduzenten. Eine Erklärungsweise die in ihrer außerordentlichen Einfachheit mehr verdächtig als bestrickend ist.

Doch es erübrigt sich, diese Theorie vorn Goldproduzenten als Deus ex machina der kapitalistischen Akkumulation zu widerlegen. Bulgakow selbst hat sie sehr schön widerlegt. 80 Seiten weitet kommt er in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich von der Lohnfondstheorie aus, gegen die er sich ohne ersichtlichen Grund in eine breite Polemik verwickelt hat, wieder auf den Goldproduzenten. Und hier entwickelt er plötzlich die folgende scharfe Einsicht: „Wir wissen schon, daß unter anderen Produzenten auch der Goldproduzent existiert, der einerseits selbst bei einfacher Reproduktion die absolute Menge des im Lande zirkulierenden Geldes vergrößert und andererseits Produktionsmittel und Konsummittel kauft, ohne seinerseits Waren zu verkaufen, wobei er für die gekauften Waren direkt mit dem allgemeinen Tauschäquivalent zahlt, das sein eigenes Produkt darstellt. Kann nun der Goldproduzent nicht vielleicht den Dienst erweisen, daß er bei II dessen ganzen akkumulierten Mehrwert abkauft und dafür mit Gold zahlt, das II alsdann zum Ankauf der Produktionsmittel bei I und zur Erweiterung des variablen Kapitals, d. h. zum Ankauf der zuschüssigen Arbeitskraft, gebrauchen wird? Als wirklicher auswärtiger Absatzmarkt erscheint somit der Goldproduzent.

Doch das ist eine vollkommen absurde Voraussetzung. Ihre Annahme bedeutet, daß man die Erweiterung der gesellschaftlichen Produktion von der Erweiterung der Goldproduktion abhängig macht. (Bravo!) Dies setzt seinerseits ein Wachstum der Goldproduktion voraus, das der Wirklichkeit gar nicht entspricht. Soll der Goldproduzent verpflichtet werden, durch seine Arbeiter bei II den ganzen akkumulierten Mehrwert abzukaufen, dann bedeutet dies, daß sein variables Kapital täglich und stündlich wachsen muß. Aber dementsprechend muß auch das konstante Kapital wachsen und auch der Mehrwert, folglich muß die ganze Goldproduktion direkt ungeheuerliche Dimensionen annehmen (Bravo!) Anstatt diese läppische Voraussetzung statistisch nachzuprüfen (was übrigens kaum möglich wäre), genügt es, auf eine Tatsache hinzuweisen, die ganz allein diese Voraussetzung vernichtet. Diese Tatsache ist – die Entwicklung des Kredits, welche die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft begleitet. (Bravo!) Der Kredit hat die Tendenz, die Menge des umlaufenden Geldes (natürlich relativ, nicht absolut) zu verringern und erscheint als notwendige Ergänzung zur Entwicklung der Tauschwirtschaft, die sonst sehr bald am Mangel an Metallgeld ihre Schranken finden würde. Ich finde es überflüssig, hier zahlenmäßig nachzuweisen, wie gering jetzt die Rolle des Metallgeldes bei den Tauschgeschäften ist. Die aufgestellte Hypothese steht auf diese Weise in direktem und offenbarem Widerspruch mit den Tatsachen und muß Bravissimo! Sehr schön! Aber damit hat Bulgakow auch seine einzige bisherige Erklärung der Frage, wie und durch wen der kapitalisierte Mehrwert realisiert wird, selbst „abgelehnt“. Übrigens hat er auch in dieser Selbstwiderlegung nur etwas ausführlicher dargelegt, was Marx bereits mit einem Wort gesagt hat, indem er die Hypothese von dem Goldproduzenten, der den ganzen gesellschaftlichen Mehrwert schluckt, „abgeschmackt“ genannt hat.

Freilich liegt die eigentliche Lösung bei Bulgakow wie überhaupt bei den russischen Marxisten, die sich mit der Frage eingehend beschäftigt haben, ganz anderswo. Sowohl er wie Tugan-Baranowski wie Iljin legen das Hauptgewicht darauf, daß die Gegenseite – die Skeptiker – in bezug auf die Möglichkeit der Akkumulation einen kapitalen Fehler in der Wertanalyse des Gesamtprodukts machen. Diese – namentlich Woronzow – nahmen an, das gesamte gesellschaftliche Produkt bestehe in Konsummitteln, und gingen von der irrtümlichen Voraussetzung aus, Konsumtion sei überhaupt Zweck der kapitalistischen Produktion. Hier – erklärten nun die Marxisten – liege die Quelle des ganzen Mißverständnisses, und aus dieser Quelle flössen die imaginären Schwierigkeiten der Realisierung des Mehrwerts, über die sich die Skeptiker den Kopf zerbrachen. „Dank dieser irrigen Vorstellung schuf sich diese Schule selbst nichtexistierende Schwierigkeiten: Da die normalen Bedingungen der kapitalistischen Produktion voraussetzen, daß der Konsumtionsfonds der Kapitalisten bloß einen und dazu geringeren Teil des Mehrwerts ausmacht, während der größere für die Erweiterung der Produktion abgerechnet wird, so ist es augenscheinlich, daß die Schwierigkeiten, die sich jene Schule (die Volkstümler – R.L.) vorstellte, in Wirklichkeit gar nicht existieren.“ (7) Es ist auffallend, mit welcher Selbstverständlichkeit Bulgakow hier das Problem übersieht und nicht einmal zu ahnen scheint, daß gerade erst bei der Annahme der erweiterten Reproduktion die Frage: für wen? unabweisbar wird, jene Frage, die unter der Voraussetzung der persönlichen Konsumtion des gesamten Mehrwerts sehr nebensächlich ist.

Alle diese „imaginären Schwierigkeiten“ lösen sich nun durch die zwei Entdeckungen Marxens in Dunst auf, die seine russischen Schüler nicht müde werden, ihren Widersachern entgegenzuhalten. Erstens die Tatsache, daß die Wertzusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts nicht v + m, sondern c + v + m sei, und zweitens, daß mit den Fortschritten der kapitalistischen Produktion in dieser Zusammensetzung der Teil c im Verhältnis zu v immer größer werde, während gleichzeitig im Mehrwert der kapitalisierte Teil im Verhältnis zum konsumierten immer wachse. Von hier aus stellt Bulgakow eine ganze Theorie über das Verhältnis der Produktion zur Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft auf. Sie spielt bei den russischen Marxisten und insbesondere bei Bulgakow eine so wichtige Rolle, daß es nötig ist, sie in extenso kennenzulernen.

„Die Konsumtion“, sagt Bulgakow, „die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse, bildet nur ein nebensächliches Moment der Kapitalzirkulation. Der Umfang der Produktion wird durch den Umfang des Kapitals und nicht durch die Größe der gesellschaftlichen Bedürfnisse bestimmt. Die Entwicklung der Produktion wird nicht nur von dem Wachstum der Konsumtion nicht begleitet, sondern es besteht zwischen beiden sogar ein Antagonismus. Die kapitalistische Produktion kennt keine andere Konsumtion als die zahlungsfähige, zahlungsfähige Konsumenten können aber nur diejenigen sein, die Arbeitslohn oder Mehrwert beziehen, und ihre Kaufkraft entspricht genau dem Umfang dieser Einkommen. Wir haben aber gesehen, daß die Grundgesetze der Entwicklung der kapitalistischen Produktion die Tendenz haben, die relative Größe des variablen Kapitals wie des Konsumtionsfonds des Kapitalisten (obgleich sie absolut wächst) zu verringern. Man kann deshalb sagen, daß die Entwicklung der Produktion die Konsumtion verringert. (8) Auf diese Weise stehen die Bedingungen der Produktion und der Konsumtion zueinander im Widerspruch. Die Erweiterung der Produktion kann sich nicht vollziehen und vollzieht sich nicht für die Rechnung der Konsumtion. Diese Erweiterung ist aber ein inneres grundlegendes Gesetz der kapitalistischen Produktion, das jedem Einzelkapitalisten gegenüber die Form des strengen Gebotes der Konkurrenz annimmt. Der Ausweg aus diesem Widerspruch ist der, daß den Markt für die zuschüssige Menge Produkte die sich erweiternde Produktion selbst darstellt. ‚Der innere Widerspruch wird gelöst durch die Erweiterung des äußeren Feldes der Produktion.‘ (Das Kapital, Bd. III, S. 189.) (Hier zitiert Bulgakow einen Marxschen Satz in ganz verkehrtem Sinne, worauf noch weiter zurückzukommen sein wird. – R.L.) Wie das möglich, ist soeben gezeigt worden. (Bulgakow meint die Analyse des Schemas der erweiterten Reproduktion. – R.L.) Dabei entfällt offenbar der größere Teil dieser Erweiterung auf die Abteilung I. d. h. auf die Produktion des konstanten Kapitals, und nur der relativ kleinere Teil auf die Abteilung II, die Güter für die unmittelbare Konsumton produziert. In dieser Verschiebung allein im Verhältnis der Abteilungen I und II kommt mit genügender Klarheit die Rolle zum Ausdruck, welche die Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft spielt, sowie auch der Hinweis, wo der wichtigste Absatz der kapitalistischen Waren zu suchen ist.“ (9) „Auch in diesen engen Schranken (des Profitinteresses und der Krisen – R.L.), auch auf diesem Dornenwege vermag sich die kapitalistische Produktion schrankenlos zu erweitern, ungeachtet und selbst trotz der Verringerung der Konsumtion. In der russischen Literatur wird mehrmals auf die Unmöglichkeit eines bedeutenden Wachstums der kapitalistischen Produktion ohne auswärtige Märkte hingewiesen, und zwar angesichts der Verringerung der Konsumtion. Dabei war die Rolle der Konsumtion in der kapitalistischen Gesellschaft ganz falsch eingeschätzt. Man hat übersehen, daß die Konsumtion gar nicht der Zweck der kapitalistischen Produktion ist, daß diese letztere nicht durch das Wachstum der Konsumtion, sondern durch die Erweiterung des äußeren Feldes der Produktion existiert, die eben den Absatzmarkt für die kapitalistisch hergestellten Produkte bildet. An der Lösung der unlösbaren Aufgabe: der Auffindung von Mitteln, um die Konsumtion zu erweitern, die die kapitalistische Produktionsweise zu verringern bestrebt ist, quälte sich eine ganze Reihe Forscher der Malthusschen Schule ab, die sich mit der oberflächlichen Harmonielehre der Schule Ricarcio-Say nicht zufriedengeben konnten. Erst Marx hat die Analyse des wirklichen Zusammenhangs gegeben: Er zeigte, daß das Wachstum der Konsumtion fatal hinter dem Wachstum der Produktion zurückbleibt und zurückbleiben muß, welche ‚dritten Personen‘ man auch erfinden möge. Deshalb kann die Konsumtion und ihr Umfang in keiner Weise als die unmittelbare Schranke der Erweiterung der Produktion gelten. Die kapitalistische Produktion büßt für die Abweichung von diesem wahren Zweck der Produktion mit Krisen, aber sie ist unabhängig von der Konsumtion. Die Erweiterung der Produktion findet ihre Schranke nur in dem Umfang des Kapitals und hängt lediglich von diesem letzteren ab.“ (10) Hier wird die Theorie Bulgakows und Tugan-Baranowskis direkt Marx in die Schuhe geschoben, so sehr schien sie den russischen Marxisten unmittelbar aus der Marxschen Lehre zu folgen und sich in sie organisch einzufügen. Noch deutlicher formuliert sie Bulgakow an einer anderen Stelle als direkte Deutung des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion. Nachdem die kapitalistische Produktionsweise in einem Lande Einzug gehalten hat, fängt ihre innere Bewegung an, sich nach diesem Schema zu entwickeln: „Die Produktion des konstanten Kapitals bildet die Abteilung I der gesellschaftlichen Reproduktion, die schon eine selbständige Nachfrage nach Konsummitteln eröffnet im Umfange des eigenen variablen Kapitals dieser Abteilung I sowie des Konsumtionsfonds ihrer Kapitalisten. Abteilung II ihrerseits eröffnet die Nachfrage nach Produkten I. Auf diese Weise bildet sich schon bei Beginn der kapitalistischen Produktion ein geschlossener Kreis heraus, in dem die kapitalistische Produktion von gar keinem auswärtigen Markt abhängig ist, sondern sich selbst genügt und in dem sie sozusagen automatisch vermittelst der Akkumulation zu wachsen in der Lage ist.“ (11) Und an einer anderen Stelle versteigt er sich gar zu der folgenden krassen Formulierung seiner Theorie: „Der einzige Markt für die Produkte der kapitalistischen Produktion ist diese Produktion selbst.“ (12) Man kann die ganze Kühnheit dieser Theorie, die in den Händen der russischen Marxisten zur Hauptwaffe wurde, womit sie ihre Gegner, die „volkstümlerischen“ Skeptiker, in der Frage der Absatzmärkte zur Strecke gebracht haben, nur dann richtig würdigen, wenn man sich vergegenwärtigt, in welchem erstaunlichen Widerspruch sich diese Theorie mit der täglichen Praxis, mit allen bekannten Tatsachen der kapitalistischen Wirklichkeit befindet. Aber noch mehr: Man muß diese Theorie, die mit solchem Triumph als reinste marxistische Wahrheit verkündet wurde, noch mehr bewundern, wenn man bedenkt, daß sie auf einem einfachen kapitalen Quiproquo basiert. Doch auf diese Frage werden wir weiter bei der Besprechung Tugan-Baranowskis eingehen.

Auf dem Mißverständnis über das Verhältnis der Konsumtion zur Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft errichtet Bulgakow ferner eine ganz verkehrte Theorie des auswärtigen Handels. Vom Standpunkte der obigen Auffassung der Reproduktion gibt es in der Tat für den auswärtigen Handel keinen Raum. Wenn der Kapitalismus in jedem Lande gleich zu Beginn seiner Entwicklung jenen bewußten „geschlossenen Zirkel“ herausbildet, in dem er sich wie eine Katze um den eigenen Schwanz dreht und „sich selbst genügt“, für sich selbst schrankenlos einen Absatz schafft und sich selbst Stachel zur Erweiterung ist, dann ist jedes kapitalistische Land ökonomisch auch ein abgeschlossenes, „sich selbst genügendes“ Ganzes. Nur in einem Fall wäre dann auswärtiger Handel begreiflich: als Mittel, das natürliche Manko eines Landes an gewissen Produkten des Bodens und des Klimas durch Einfuhr von auswärts zu decken, nur als notgedrungene Einfuhr von Rohstoffen oder Nahrungsmitteln. Und in der Tat errichtet Bulgakow, indem er die These der Volkstümler direkt auf den Kopf stellt, eine Theorie des internationalen Handels der kapitalistischen Staaten, in dem die Einfuhr von Produkten der Landwirtschaft das grundlegende aktive Element, die industrielle Ausfuhr nur die notgedrungene Deckung jener Einfuhr darstellt. Der internationale Warenverkehr erscheint hier nicht im Wesen der Produktionsweise begründet, sondern in den Naturbedingungen der Länder – jedenfalls eine Theorie, die nicht von Marx, sondern von deutschen Gelehrten der bürgerlichen Nationalökonomie geliehen ist. Wie Struve von Wagner und Schäffle sein Schema der drei Weltreiche, so übernimmt Bulgakow von dem seligen List die Einteilung der Staaten in Kategorien nach dem „Agrikulturstand“ und dem „Agrikulturmanufakturstand“, die er mit dem Fortschritt der Zeiten in „Manufakturstand“ und „Agrikulturmanufakturstand“ modifiziert. Die erstere Kategorie ist von Natur mit einem Mangel eigener Rohstoffe und Nahrungsmittel gestraft und deshalb auf den auswärtigen Handel angewiesen, die letztere Kategorie ist von der Natur mit allem versehen und kann auf den auswärtigen Handel pfeifen. Typus der ersteren ist England, der zweiten – die Vereinigten Staaten. Für England würde die Abschaffung des auswärtigen Handels ökonomische Agonie und Tod bedeuten, für die Vereinigten Staaten nur eine vorübergehende Krise, nach der völlige Genesung gesichert wäre: „Hier kann sich die Produktion auf der Basis des inneren Marktes schrankenlos erweitern.“ (13) Diese Theorie, die ein ehrwürdiges Erbstück der deutschen Nationalökonomie bis auf den heutigen Tag bildet, hat offenbar von den Zusammenhängen der kapitalistischen Weltwirtschaft keinen Dunst und führt