SigPhi · Rosa Luxemburg

Die Akkumulation des Kapitals

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Auf diese Weise bringt Say die von Smith angerichtete Verwirrung zum gröbsten Ausdruck: Die ganze von der Gesellschaft jährlich hergestellte Produktenmasse geht in ihrem Wert in lauter Einkommen auf; sie wird also jährlich auch ganz konsumiert. Der Wiederbeginn der Produktion ohne Kapital, ohne Produktionsmittel erscheint als ein Rätsel, die kapitalistische Reproduktion als ein unlösbares Problem.

Vergleicht man die Verschiebung, die das Problem der Reproduktion seit den Physiokraten bis Ad. Smith erfahren hat, so ist sowohl ein teilweiser Fortschritt wie ein teilweiser Rückschritt nicht zu verkennen. Das Charakteristische an dem ökonomischen System der Physiokraten war ihre Annahme, daß die Landwirtschaft allein Überschuß, d. h. Mehrwert, schaffe, die agrikole Arbeit somit die einzige produktive – im kapitalistischen Sinne – sei. Dementsprechend sehen wir im Tableau éonomique, daß die „sterile“ Klasse der Manufakturarbeiter nur für dieselben zwei Milliarden Wert schafft, die sie an Rohstoffen und Lebensmitteln verzehrt. Dementsprechend gehen auch im Austausch die gesamten Manufakturwaren je zur Hälfte an die Klasse der Pächter und der Grundbesitzer, während die Manufakturklasse selbst ihre eigenen Produkte gar nicht konsumiert. So reproduziert die Manufakturklasse in ihrem Warenwert eigentlich nur das verbrauchte zirkulierende Kapital, ein Einkommen der Unternehmerklasse wird hier gar nicht geschaffen. Das einzige Einkommen der Gesellschaft über alle Kapitalauslagen hinaus, das in Zirkulation kommt, wird in der Landwirtschaft geschaffen und von der Grundbesitzerklasse in Gestder Grundrente verzehrt, während die Pächterklasse auch nur ihr Kapital wieder ersetzt: eine Milliarde Zinsen vom fixen Kapital und zwei Milliarden zirkulierendes Betriebskapital, was zusammen sachlich zu zwei Dritteln in Rohstoffen und Lebensmitteln, zu einem Drittel in Manufakturprodukten besteht. Ferner fällt auf, daß Quesnay die Existenz des fixen Kapitals, das er „avances primitives“ im Unterschied von „avances annuelles“ nennt, überhaupt nur bei der Landwirtschaft annimmt. Die Manufaktur arbeitet bei ihm anscheinend ohne jedes fixe Kapital, nur mit dem jährlich umlaufenden Betriebskapital, schafft dementsprechend in ihrer jährlichen Warenmasse auch keinen Wertteil zum Ersatz des Verschleißes an fixem Kapital (wie Baulichkeiten, Werkzeuge usw.). (8) Diesen augenscheinlichen Mängeln gegenüber bringt die englische klassische Schule vor allem den entscheidenden Fortschritt, daß sie jede Art Arbeit als produktiv erklärt, d. h. die Schaffung des Mehrwerts sowohl in der Manufaktur wie in der Landwirtschaft aufdeckt. Wir sagen: die englische klassische Schule, weil Ad. Smith auch in dieser Hinsicht neben klaren und entschiedenen Äußerungen im angegebenen Sinne gelegentlich ruhig selbst in die physiokratische Anschauung zurückfällt; erst bei Ricardo bekommt die Arbeitswerttheorie die höchste und konsequenteste Ausbildung, die sie in den Schranken der bürgerlichen Auffassung erreichen konnte. Daraus ergab sich, daß wir in der Manufakturabteilung der gesellschaftlichen Gesamtproduktion ebenso die jährliche Hervorbringung eines Überschusses über sämtliche Kapitalanlagen, eines Reineinkommens, d. h. Mehrwerts, annehmen müssen wie in der Landwirtschaft. (9) Auf der anderen Seite ist Smith durch die Entdeckung der produktiven mehrwertschaffenden Eigenschaft jeder Art Arbeit, ganz gleich, ob in der Manufaktur oder in der Landwirtschaft, darauf geführt worden, daß auch die landwirtschaftliche Arbeit außer der Grundrente für die Grundbesitzerklasse noch Überschuß für die Pächterklasse über ihre sämtlichen Kapitalausgaben hervorbringen muß. So entstand auch neben Kapitalersatz jährliches Einkommen der Pächterklasse. (10) Endlich hat Smith durch systematische Ausarbeitung der von Quesnay aufgebrachten Begriffe der „avances primitives“ und „avances annuelles“ unter der Rubrik von fixem und zirkulierendem Kapital u. a. klargemacht, daß die Manufakturabteilung der gesellschaftlichen Produktion genauso eines fixen Kapitals außer dem zirkulierenden bedarf wie die Landwirtschaft, folglich auch eines entsprechenden Wertteils zum Ersatz des Verschleißes jenes Kapitals. So war Smith auf dem besten Wege, in die Begriffe vorn Kapital und Einkommen der Gesellschaft Ordnung zu bringen und sie exakt darzustellen. Den Höhepunkt der Klarheit, zu der er sich in dieser Beziehung durchgerungen hat, drückt die folgende Formulierung aus: „Obgleich der gesamte Jahresertrag von Boden und Arbeit eines jeden Landes in letzter Linie zweifellos für den Verbrauch seiner Bewohner und dafür bestimmt ist, denselben ein Einkommen zu verschaffen, so teilt er sich doch bei seinem ersten Hervortreten aus dem Boden oder den Händen der produktiven Arbeiter naturgemäß in zwei Teile. Der eine derselben, und oft der größte, ist vor allem zur Wiedererstattung eines Kapitals oder zur Erneuerung der einem Kapital entzogenen Nahrungsmittel, Rohstoffe und angefertigter Waren bestimmt und der andere zur Herstellung eines Einkommens entweder für den Eigner dieses Kapitals als dessen Gewinn oder für irgendeinen anderen als dessen Bodenrente.“ (11) „Das Bruttoeinkommen aller Bewohner eines großen Landes umfaßt den gesamten Jahresertrag ihres Bodens und ihrer Arbeit und ihr Nettoeinkommen das, was hiervon nach Abzug der Unterhaltungskosten zuerst ihres festliegenden (fixen) und dann ihres umlaufenden Kapitals übrigbleibt, oder das, was sie ohne Beeinträchtigung ihres Kapitals ihrem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden, auf ihren Unterhalt, ihre Annehmlichkeiten und Genüsse ausgeben können. Ihr wirklicher Reichtum steht ebenfalls nicht im Verhältnis zu ihrem Brutto-, sondern zu ihrem Nettoeinkommen.“ (12) Hier erscheinen die Begriffe des Gesamtkapitals und Einkommens in einer allgemeinen und strengeren Fassung als im Tableau économique: das gesellschaftliche Einkommen losgelöst von der einseitigen Verknüpfung mit der Landwirtschaft, das Kapital in seinen beiden Formen, des fixen und zirkulierenden, verbreitert zur Grundlage der gesamten gesellschaftlichen Produktion. Statt der irreführenden Unterscheidung der beiden Produktionsabteilungen der Landwirtschaft und der Manufaktur, sind hier in den Vordergrund geschoben andere Kategorien von funktioneller Bedeutung: die Unterscheidung von Kapital und Einkommen, ferner die Unterscheidung von fixem und zirkulierendem Kapital. Von hier aus schreitet Smith fort zur Analyse des gegenseitigen Verhältnisses und der Verwandlungen dieser Kategorien in ihrer gesellschaftlichen Bewegung: in der Produktion und Zirkulation, d. h. im Reproduktionsprozeß der Gesellschaft. Er hebt hier einen radikalen Unterschied zwischen dem fixen und dem zirkulierenden Kapital vom gesellschaftlichen Standpunkt hervor: „Die ganzen Unterhaltungskosten des festliegenden (soll heißen: fixen) Kapitals müssen augenscheinlich von dem Nettoeinkommen der Gesellschaft ausgeschieden werden. Weder die zur Erhaltung ihrer nutzbringenden Maschinen, Gewerbegeräte, Gebäude usw. notwendigen Rohstoffe noch das Produkt der auf deren Formung verwendeten Arbeit kann jemals einen Teil desselben ausmachen. Der Preis dieser Arbeit wird allerdings einen Teil des gesamten Nettoeinkommens bilden, da die dabei beschäftigten Arbeiter ihre Löhne ihrem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zuwenden können; aber bei anderen Arten von Arbeit fällt sowohl deren Preis als deren Produkt diesem Vermögensteile zu: ihr Preis dem der Arbeiter und ihr Produkt dem anderer Leute, deren Subsistenzmittel, Annehmlichkeiten und Zerstreuungen durch die Arbeit jener Werkleute vermehrt werden.“ (13) Hier stößt Smith auf die wichtige Unterscheidung zwischen Arbeitern, die Produktionsmittel, und solchen, die Konsumtionsmittel herstellen. Bei den ersteren bemerkt er, daß der Wertbestandteil, den sie zum Ersatz ihrer Löhne schaffen, in Gestalt von Produktionsmitteln (wie Rohstoffe, Maschinen usw.) zur Welt kommt, d. h., daß hier der zum Einkommen der Arbeiter bestimmte Teil des Produkts in einer Naturalform existiert, die unmöglich zur Konsumtion dienen kann. Was die letztere Kategorie der Arbeitet betrifft, so bemerkt Smith, daß hier umgekehrt das gesamte Produkt, also sowohl der in ihm enthaltene Wertteil, der die Löhne (das Einkommen) der Arbeiter ersetzt, als auch der übrige Teil (Smith spricht es nicht aus, aber dem Sinne nach müßte seine Folgerung lauten: so auch der Teil, der das verbrauchte fixe Kapital darstellt) in Gestalt von Konsumartikeln erscheinen. Wir werden weiter sehen, wie nahe hier Smith an den Angelpunkt der Analyse gelangt ist, von dem aus Marx das Problem in Angriff genommen hat. Der allgemeine Schluß jedoch, bei dem Smith selbst bleibt, ohne die Grundfrage weiter zu verfolgen, ist der: Jedenfalls kann alles, was zur Erhaltung und Erneuerung des fixen Kapitals der Gesellschaft bestimmt ist, nicht zum Reineinkommen der Gesellschaft gerechnet werden.

Anders das zirkulierende Kapital.

„Scheiden auch die sämtlichen Unterhaltungskosten des festliegenden (fixen) Kapitals derart notwendig aus dem Nettoeinkommen der Gesellschaft aus, so ist dies doch nicht bei denen des Umlaufskapitals der Fall. Von den vier Bestandteilen des letzteren – Geld, Nahrungsmittel, Rohstoffe und angefertigte Waren – werden die drei letzten, wie bereits dargelegt, ihm regelmäßig entzogen und entweder dem festliegenden (fixen) Kapital oder dem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen der Gesellschaft zugewendet. Jeder Teil dieser Verbrauchswaren, der nicht zum Unterhalt des festliegenden (fixen) Kapitals verwendet wird, fließt dem zum Verbrauch vorbehaltenen Vermögen zu und bildet einen Teil des Nettoeinkommens der Gesellschaft. Der Unterhalt dieser drei Bestandteile des Umlaufskapitals entzieht somit dem Nettoeinkommen der Gesellschaft nur so viel von dem jährlichen Ertrage als zur Erhaltung des festliegenden Kapitals notwendig ist.“ (14) Man sieht, daß Smith hier in die Kategorie des zirkulierenden Kapitals einfach alles außer dem bereits angewandten fixen Kapital, also sowohl Lebensmittel wie Rohstoffe wie auch das gesamte noch nicht realisierte Warenkapital (also zum Teil noch einmal dieselben Lebensmittel und Rohstoffe, zum Teil Waren, die ihrer Naturalgestalt gemäß zum Ersatz des fixen Kapitals gehören), zusammengeworfen, den Begriff des zirkulierenden Kapitals zweideutig und schillernd gemacht hat. Aber neben und mitten durch diese Verwirrung gibt er dabei eine weitere wichtige Unterscheidung: „In dieser Hinsicht verhält sich das Umlaufskapital der Gesellschaft anders als das eines Privaten. Das letztere bildet durchaus keinen Teil seines Nettoeinkommens, welches einzig und allein aus Gewinn hervorgehen muß. Obgleich aber das Umlaufskapital eines jeden einzelnen einen Teil desjenigen seiner Gemeinschaft ausmacht, ist es deshalb von dem Nettoeinkommen dieser Gemeinschaft nicht ebenso vollkommen ausgeschlossen.“ Smith erläutert das Gesagte durch das folgende Beispiel: „Obgleich die sämtlichen Waren, die ein Kaufmann in seinem Laden hat, gewiß nicht zu seinem für unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen Vermögen gerechnet werden dürfen, können sie doch als ein Teil dieses Vermögens anderer Leute betrachtet werden, welche mit Hilfe eines anderweitigen Einkommens und ohne sein oder ihr Kapital zu verringern dem Kaufmann den Wert seiner Waren samt Gewinn regelmäßig wiedererstatten können.“ (15) Smith hat hier fundamentale Kategorien in bezug auf die Reproduktion und Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals herausgebracht. Fixes und zirkulierendes Kapital, Privatkapital und gesellschaftliches Kapital, Privateinkommen und gesellschaftliches Einkommen, Produktionsmittel und Konsummittel sind hier als große Kategorien herausgehoben und zum Teil in ihrer wirklichen, objektiven Durchkreuzung angedeutet, zum Teil ertränkt in den subjektiven theoretischen Widersprüchen der Smithschen Analyse. Das knappe, strenge und klassisch durchsichtige Schema des Physiokratismus ist hier aufgelöst in einen Wust von Begriffen und Beziehungen, die auf den ersten Blick ein Chaos darstellen. Aus diesem Chaos treten aber bereits halb und halb neue, tiefer, moderner und lebendiger als bei Quesnay gepackte Zusammenhänge des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses hervor, die in dem Chaos unfertig steckenbleiben, wie Michelangelos Sklave in seinem Marmorblock.

Das ist das eine Bild, das Smith zum Problem liefert. Gleichzeitig aber faßt er es von einer ganz anderen Seite – von der Wertanalyse an. Gerade dieselbe über die Physiokraten hinausführende Theorie von der wertschaffenden Eigenschaft jeder Arbeit sowohl wie die streng kapitalistische Unterscheidung jeder Arbeit in bezahlte (den Lohn ersetzende) sowie unbezahlte (Mehrwert schaffende) Arbeit wie endlich die strenge Spaltung des Mehrwerts in seine zwei Hauptkategorien Profit und Grundrente – lauter Fortschritte über die physiokratische Analyse hinaus –, verleiteten Smith zu jener merkwürdigen Behauptung, der Preis jeder Ware bestehe aus Lohn + Profit + Grundrente oder kürzer, im Marxschen Ausdruck, aus v + m. Daraus folgte, daß auch die Gesamtheit der von der Gesellschaft jährlich hergestellten Waren in ihrem totalen Wert in diese zwei Teile: Löhne und Mehrwert, restlos zerfalle. Hier verschwand plötzlich die Kategorie des Kapitals gänzlich, die Gesellschaft produziert nichts als Einkommen, nichts als Konsumartikel, die auch von der Gesellschaft ganz verzehrt werden. Die Reproduktion ohne Kapital wird zum Rätsel, und die Analyse des Problems im ganzen macht einen gewaltigen Schritt hinter die Physiokraten zurück.

Die Nachfolger Smith’ fassen seine Doppeltheorie just von der falschen Seite an. Während die wichtigen Ansätze zu einer exakten Darstellung des Problems, die er im zweiten Buch gibt, bis auf Marx unberührt blieben, wurde die im ersten Buch gegebene grundfalsche Preisanalyse von den meisten seiner Nachfolger als teure Erbschaft gehoben und entweder unbekümmert akzeptiert, wie bei Ricardo, oder zum flachen Dogma fixiert, wie bei Say. Wo bei Smith fruchtbare Zweifel und anregende Widersprüche waren, tritt bei Say die anmaßende Unerschütterlichkeit des Vulgrarus. Für Say wird die Smithsche Beobachtung, daß, was für den einen Kapital, für den anderen Einkommen sein könne, zum Grund, jede Unterscheidung zwischen Kapital und Einkommen auf gesellschaftlichem Maßstab überhaupt für absurd zu erklären. Die Absurdität hingegen, daß der Gesamtwert der jährlichen Produktion in lauter Einkommen eingehe und konsumiert werde, wird von Say zum Dogma von absoluter Gültigkeit erhoben. Da die Gesellschaft somit jedes Jahr ihr Gesamtprodukt restlos verkonsumiert, so verwandelt sich die gesellschaftliche Reproduktion, die ja ohne Produktionsmittel ins Werk tritt, in eine ähnliche Wiederholung des biblischen Wunders einer Weltschöpfung aus nichts.

In diesem Zustand blieb das Reproduktionsproblem bis auf Marx.

Fußnoten von Rosa Luxemburg 1. Das Kapital, Bd. II. 2 Aufl., 1893. S. 332. [Karl Marx, Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 359.]

2. Siehe Analyse du Tableau économique. In Journal de l’Agriculture, du Commerce et des Finances, hrsg. von Du Pont 1766; S. 305 ff. der Onckenschen Ausgabe der Œuvres de Quesnay. Quesnay bemerkt ausdrücklich, daß die von ihm geschilderte Zirkulation zwei Bedingungen zur Voraussetzung hat: einen ungehinderten Handelsverkehr und ein System von Steuern, die nur auf die Rente gelegt sind: „Mais ces données ont des conditions sine quabus non, elles supposent que la liberté du commerce soutient le débit de productions à un bon prix...elles supposent d’ailleurs que le cultivateur n’ait à payer directement ou indirectement d’autre charges que le revenu, dont une partie, par exemple les deux septièmes, doit former le revenu du souverain.“ (l. c., S. 311.)

3. Adam Smith: Natur und Ursache des Volkswohlstandes, Übersetzung von Loewenthal. Band I, 2. Aufl. S. 53.

5. l. c., S. 95 6. Über Rodbertus mit seinem spezifischen Begriff des „Nationalkapitals“ weiter unten im zweiten Abschnitt.

8. Es ist übrigens zu bemerken, daß Mirabeau in seinen Explicacions zum Tableau an einer Stelle ausdrücklich das fixe Kapital der sterilen Klasse erwähnt: „Les avances primitives de cette classe pour établissement de manufactures, pour instruments, machines, moulins, forges et autres usines...2.000.000 l.“ Tableau économique avec ses Explications, 1760, S. 82.) In seinem sinnverwirrenden Entwurf des Tableau selbst zieht freilich auch Mirabeau dieses fixe Kapital der sterilen Klasse nicht in Anrechnung.

9. Smith formuliert denn auch ganz allgemein: „Der Wert (nicht der „Mehrwert“, wie Herr Loewenthal willkürlich übersetzt – R.L.), welchen die Arbeiter den Arbeitsstoffen hinzufügen, zerfällt somit hierbei in zwei Teile, in einen, der ihre Arbeitslöhne bestreitet und in einen andern, welcher den Gewinn ihres Arbeitgebers auf das gesamte für Stoffe und Löhne vorgestreckte Kapital darstellt.“ (Adam Smith: l. c., Bd. I, S. 51) Im Original: „The value which the workmen add to the materials, therefore, resolves itself in the case into two parts, of which the one pays their wages, the other the profits of their employer upon the whole stock of materials and wages which he advanced.“ (Wealth of Nations, hrsg. von MacCulloch, 1828, Bd. I, S. 83.) Und im zweiten Buch, Kapitel III, speziell über die Industriearbeit: „Dir Arbeit eines Fabrikarbeiters (fügt) dem Werte der von ihm verarbeiteten Rohstoffe den seines eigenen Unterhalts und des Gewinns seines Brotherrn hinzu; die eines Dienstboten dagegen erhöht den Wert von nichts. Obgleich der Fabrikarbeiter den Arbeitslohn von seinem Brotherrn vorgestreckt erhält, verursacht er diesem in Wirklichkeit doch keine Kosten, da er sie ihm in der Regel zuzüglich eines Gewinnes durch den erhöhten Wert des bearbeiteten Gegenstandes wiedererstattet.“ (l. c., Bd. I., S. 541.)

10. „Die zur landwirtschaftlichen Arbeit verwendeten Menschen...reproduzieren mithin nicht nur, wie die Fabrikarbeiter, einem ihrem eigenen Verbrauche oder dem sie beschäftigenden Kapitale samt dem Gewinne des Kapitalisten gleichen Wert, sondern einen viel größeren. Außer dem Kapitale des Pächters samt seinem ganzen Gewinne reproduzieren sie auch regelmäßig die Rente für den Grundbesitzer.“ (l. c., Bd. I., S. 377) 11. l. c., Bd. I., S. 342. Freilich verwandelt Smith schon in dem darauffolgenden Satz das Kapital ganz in Löhne, in variables Kapital: „That part of the annual produce of the land and labour of any country which replaces capital, never is immediately imployed so maintain any but productive hands. It pays the wages of productive labour only. That which is immediately destined for constituting a revenue, either as profit or as rent, may maintain indifferently either productive hands.“ (Ausgabe MacCulloch, Bd. II., S. 98) Die Akkumulation des Kapitals Erster Abschnitt Das Problem der Reproduktion Drittes Kapitel Kritik der Smithschen Analyse Fassen wir die Ergebnisse zusammen, zu denen die Analyse bei Smith vorgedrungen war. Sie lassen sich in folgenden Punkten darstellen.

Es gibt ein fixes Kapital der Gesellschaft, das in keinem Teil in das Reineinkommen der Gesellschaft eingeht. Dieses fixe Kapital bilden „Rohstoffe, mit denen die nützlichen Maschinen und Industriewerkzeuge instand gehalten werden müssen“, und „das Produkt der zur Umwandlung dieser Rohstoffe in die verlangte Gestalt erforderlichen Arbeit“. Indem Smith die Produktion dieses fixen Kapitals noch ausdrücklich der Produktion direkter Lebensmittel als besondere Art entgegenstellt, verwandelt er tatsächlich fixes Kapital in das, was Marx konstantes genannt hat, d. h. den Kapitalanteil, der in allen sachlichen Produktionsmitteln, im Gegensatz zur Arbeitskraft, besteht.

Es gibt ein zirkulierendes Kapital der Gesellschaft. Davon bleibt aber nach Ausscheidung des „fixen“ (will sagen: konstanten) Kapitalteils nur die Kategorie der Lebensmittel, die jedoch für die Gesellschaft kein Kapital, sondern Reineinkommen, Konsumtionsfonds bildet.

Kapital und Reineinkommen einzelner decken sich nicht mit Kapital und Reineinkommen der Gesellschaft. Was für die Gesellschaft nur fixes (will sagen: konstantes) Kapital ist, kann für einzelne nicht Kapital, sondern Einkommen, Konsumtionsfonds sein, nämlich in den Wertteilen des fixen Kapitals, die Löhne für die Arbeiter und Profite für die Kapitalisten darstellen. Umgekehrt kann zirkulierendes Kapital einzelner für die Gesellschaft kein Kapital, sondern Einkommen sein, namentlich insofern es Lebensmittel darstellt.

Das jährlich hergestellte gesellschaftliche Gesamtprodukt enthält in seinem Wert überhaupt kein Atom Kapital, sondern löst sich ganz auf in drei Einkommensarten: Arbeitslöhne, Kapitalprofite und Grundrenten.

Wer sich aus den hier angeführten Gedankenfragmenten das Bild der jährlichen Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und ihres Mechanismus zusammenstellen möchte, dürfte bald an der Aufgabe verzweifeln. Wie bei alledem schließlich das gesellschaftliche Kapital jährlich immer wieder erneuert, die Konsumtion aller durch das Einkommen gesichert wird und zugleich die einzelnen ihre Kapital- und Einkommensgesichtspunkte einhalten – dies erscheint noch unendlich entfernt von der Lösung. Es ist aber nötig, sich die ganze Ideenwirre und die Fülle der widersprechenden Gesichtspunkte zu vergegenwärtigen, um zu ermessen, wieviel Licht erst Marx in das Problem hineingetragen hat.

Fangen wir mit dem letzten Dogma Ad. Smith’ an, das allein genügte, um das Reproduktionsproblem in der klassischen Nationalökonomie scheitern zu lassen. Die Wurzel der bizarren Vorstellung Smith’, daß das Gesamtprodukt der Gesellschaft in seinem Werte in lauter Löhne, Profite und Grundrenten restlos aufgehen müßte, liegt gerade in seiner wissenschaftlichen Erfassung der Werttheorie. Arbeit ist die Quelle alles Wertes. Jede Ware ist, als Wert betrachtet, Produkt der Arbeit und nichts mehr. Jede geleistete Arbeit ist aber als Lohnarbeit – diese Identifizierung der menschlichen Arbeit mit kapitalistischer Lohnarbeit ist gerade das klassische bei Smith – zugleich Ersatz für die ausgelegten Arbeitslöhne wie Überschuß aus unbezahlter Arbeit als Profit für den Kapitalisten und Rente für den Grundeigentümer. Was für jede einzelne Ware stimmt, muß für die Gesamtheit der Waren stimmen. Der gesamte Warenhaufen, der jährlich von der Gesellschaft produziert wird, ist als Wertquantum nur Produkt der Arbeit, und zwar sowohl bezahlter wie unbezahlter Arbeit, zerfällt also gleichfalls in lauter Löhne und Profite nebst Renten. Freilich kommen bei jeder Arbeit noch Rohstoffe, Instrumente usw. in Betracht. Allein, was sind diese Rohstoffe und Instrumente anderes als gleichfalls Produkte der Arbeit, und zwar wiederum teils bezahlter, teils unbezahlter Arbeit. Wir können so weit zurückgehen, so viel drehen und wenden, wie wir wollen, wir werden im Wert resp. Preis sämtlicher Waren nichts finden, was nicht einfach menschliche Arbeit wäre. Jede Arbeit zerfällt aber in einen Teil, der Löhne ersetzt, und einen anderen, der an die Kapitalisten und Grundbesitzer geht. Es gibt nichts als Löhne und Profite – es gibt aber doch Kapital –, Kapital der einzelnen und Kapital der Gesellschaft. Wie also aus diesem krassen Widerspruch herauskommen? Daß hier in der Tat eine äußerst harte theoretische Nuß vorlag, beweist die Tatsache, wie lange Marx selbst sich in die Materie hineinbohrte, ohne zunächst vorwärtszukommen und einen Ausweg zu finden, wie man dies in seinen Theorien über den Mehrwert, I, S. 179–252 [Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Erster Teil. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 26.1, S. 78–121, 158–168, 190/191 u. 202–222.], verfolgen kann. Die Lösung gelang ihm aber doch glänzend, und zwar auf Grund seiner Werttheorie. Smith hatte vollkommen recht: Der Wert jeder Ware im einzelnen und aller insgesamt stellt nichts als Arbeit dar. Er hatte ferner recht, wenn er sagte: Jede Arbeit (kapitalistisch betrachtet) zerfällt in bezahlte (die Löhne ersetzt) und unbezahlte (die als Mehrwert an die verschiedenen Besitzerklassen der Produktionsmittel wandert). Er vergaß aber oder übersah vielmehr, daß die Arbeit neben der Eigenschaft, neuen Wert zu schaffen, auch noch die Eigenschaft hat, den alten Wert, der in den Produktionsmitteln steckt, auf die neue, mit diesen Produktionsmitteln hergestellte Ware zu übertragen. Ein Arbeitstag des Bäckers von 10 Stunden kann nicht mehr Wert schaffen als den von 10 Stunden, und diese 10 Stunden zerfallen kapitalistisch in bezahlte und unbezahlte, in v + m. Aber die in diesen 10 Stunden hergestellte Ware wird mehr Wert darstellen als den der 10stündigen Arbeit. Sie wird nämlich auch noch den Wert des Mehls, des vernutzten Backofens, der Arbeitsgebäude, des Feuerungsmaterials usw., kurz aller zum Backen nötigen Produktionsmittel enthalten. Der Wert der Ware könnte sich nur unter einer Bedingung glatt in v + m auflösen: wenn der Mensch in der Luft arbeiten würde, ohne Rohstoff, ohne Arbeitsinstrument, ohne Werkstätte. Da aber jede materielle Arbeit irgendwelche Produktionsmittel voraussetzt, die selbst Produkte vergangener Arbeit sind, so muß sie diese vergangene Arbeit, d. h. den von ihr geschaffenen Wert, auch auf das neue Produkt übertragen.

Hier handelt es sich nicht um einen Vorgang, der etwa nur in der kapitalistischen Produktion stattfindet. sondern um allgemeine von der historischen Form der Gesellschaft unabhängige Grundlagen der menschlichen Arbeit. Das Operieren mit selbstgefertigten Arbeitsinstrumenten ist das fundamentale kulturhistorische Kennzeichen der menschlichen Gesellschaft. Der Begriff der vergangenen Arbeit, die jeder neuen vorausgeht und ihr die Operationsbasis bereitet, drückt die kulturhistorische Verknüpfung zwischen Mensch und Natur aus, die dauernde Kette der ineinander verschlungenen Arbeitsanstrengungen der menschlichen Gesellschaft, deren Anfang sich in der grauen Dämmerung der gesellschaftlichen Menschwerdung verliert, deren Ende nur mit dem Untergang der gesamten Kulturmenschheit erreicht werden kann. Jede menschliche Arbeit haben wir uns also zu denken als vorgehend an der Hand von Arbeitsmitteln, die selbst schon Produkt früherer Arbeit sind. In jedem neuen Produkt steckt also nicht bloß die neue Arbeit, die ihm die letzte Gestalt verliehen, sondern auch die vergangene, die zu ihm den Stoff, das Arbeitsinstrument usw. geliefert hatte. In der Wertproduktion, d. h. in der Warenproduktion, wozu auch die kapitalistische gehört, wird diese Erscheinung nicht aufgehoben, sie bekommt nur einen spezifischen Ausdruck. Sie drückt sich in dem Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit aus, die einerseits als nützliche konkrete Arbeit irgendeiner Art den nützlichen Gegenstand, den Gebrauchswert schafft, andererseits als abstrakte, allgemeine gesellschaftlich notwendige Arbeit Wert schafft. In ihrer ersten Eigenschaft tut sie, was die menschliche Arbeit stets getan: die vergangene Arbeit, die in den benutzten Produktionsmitteln steckt, auf das neue Produkt mitzuübertragen, nur daß auch diese vergangene Arbeit jetzt als Wert, als alter Wert erscheint. In ihrer zweiten Eigenschaft schafft sie Neuwert, der kapitalistisch in bezahlte und unbezahlte Arbeit: v + m zerfällt. Der Wert jeder Ware muß also sowohl alten Wert enthalten, den die Arbeit in ihrer Eigenschaft als nützliche konkrete Arbeit von den Produktionsmitteln auf die Ware überträgt, wie Neuwert, den dieselbe Arbeit in ihrer Eigenschaft als gesellschaftlich notwendige durch ihre bloße Verausgabung, durch ihre Dauer schafft.

Diese Unterscheidung konnte Smith nicht machen, da er den Doppelcharakter der wertschaffenden Arbeit nicht auseinanderhielt, und Marx glaubt an einer Stelle, in diesem fundamentalen Irrtum der Smithschen Werttheorie sogar die eigentliche tiefste Quelle seines seltsamen Dogmas von der restlosen Auflösung aller hergestellten Wertmasse in v + m erblicken zu müssen. (1) Die Nichtunterscheidung der beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: der konkreten nützlichen und der abstrakten gesellschaftlich notwendigen, bildet in der Tat eines der hervorragendsten Merkmale nicht bloß der Smithschen, sondern der Werttheorie der ganzen klassischen Schule.

Unbekümmert um alle sozialen Konsequenzen hat die klassische Ökonomie die menschliche Arbeit als den allein wertschaffenden Faktor erkannt und diese Theorie bis zu jener Klarheit ausgearbeitet, die uns in der Ricardoschen Fassung vorliegt. Worin aber der fundamentale Unterschied zwischen der Ricardoschen und der Marxschen Arbeitswerttheorie liegt – ein Unterschied, der nicht nur von bürgerlichen Ökonomen verkannt, sondern auch in den Popularisationen der Marxschen Lehre meist unberücksichtigt bleibt –, ist, daß Ricardo, entsprechend seiner allgemeinen naturrechtlichen Auffassung von der bürgerlichen Wirtschaft, auch das Wertschaffen für eine natürliche Eigenschaft der menschlichen Arbeit, der individuellen konkreten Arbeit des Einzelmenschen hielt.

Diese Auffassung tritt noch krasser bei Ad. Smith zutage, der ja z. B. den „Hang zum Tausche“ direkt für eine Besonderheit der menschlichen Natur erklärt, nachdem er ihn vorher umsonst bei Tieren, wie bei Hunden usw., gesucht.

Übrigens erkennt Smith, wenn er auch den „Hang zum Tausche“ bei Tieren bezweifelt, der tierischen Arbeit gleich der menschlichen wertschaffende Eigenschaft zu, namentlich dort, wo er gelegentlich Rückfälle in die physiokratische Auffassung aufweist.

„Kein anderes gleich großes Kapital setzt eine größere Menge von produktiver Arbeit in Bewegung als das des Landmannes. Nicht nur seine Arbeitsleute, sondern auch sein Arbeitsvieh sind produktive Arbeiter...Die zur landwirtschaftlichen Arbeit verwendeten Menschen und Tiere reproduzieren mithin nicht nur, wie die Fabrikarbeiter, einen ihrem eigenen Verbrauche oder dem sie beschäftigenden Kapitale samt dem Gewinn des Kapitalisten gleichen Wert, sondern einen viel größeren. Außer dem Kapital des Pächters samt seinem ganzen Gewinn reproduzieren sie auch regelmäßig die Rente für den Grundbesitz.“ (2) Hier kommt am drastischsten zum Ausdruck, daß Smith das Wertschaffen direkt für eine physiologische Eigenschaft der Arbeit als einer Äußerung des tierischen Organismus des Menschen hielt. So wie die Spinne aus ihrem Körper das Gespinst produziert, so schafft der arbeitende Mensch Wert – der arbeitende Mensch schlechthin, jeder Mensch, der nützliche Gegenstände schafft, denn der arbeitende Mensch ist von Hause aus Warenproduzent, wie die menschliche Gesellschaft von Natur aus eine auf Austausch beruhende, die Warenwirtschaft die normal-menschliche Wirtschaftsform ist.

Erst Marx erkannte im Werte ein besonderes, unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen entstehendes gesellschaftliches Verhältnis, kam dadurch zur Unterscheidung der beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: der konkreten individuellen und der unterschiedslosen gesellschaftlichen Arbeit, durch welche Unterscheidung erst die Lösung des Geldrätsels wie im Scheine einer Blendlaterne hell in die Augen springt.

Um auf diese Weise im Schoße der bürgerlichen Wirtschaft, statisch, den zwieschlächtigen Charakter der Arbeit, den arbeitenden Menschen und den wertschaffenden Warenproduzenten auseinanderzuhalten, mußte Marx vorher dynamisch, in der geschichtlichen Zeitfolge, den Warenproduzenten vom Arbeitsmenschen schlechthin unterscheiden, das heißt die Warenproduktion bloß als eine bestimmte historische Form der gesellschaftlichen Produktion erkennen. Marx mußte, mit einem Worte, um die Hieroglyphe der kapitalistischen Wirtschaft zu enträtseln, mit einer entgegengesetzten Deduktion wie die Klassiker, statt mit dem Glauben an das Menschlich-Normale der bürgerlichen Produktionsweise mit der Einsicht in ihre historische Vergänglichkeit, an die Forschung herantreten, er mußte die metaphysische Deduktion der Klassiker in ihr Gegenteil, in die dialektische umkehren. (3)