1. Und nicht nur in England. „Schon 1859 hatte eine durch ganz Deutschland verbreitete Flugschrift, als deren Verfasser man den Fabrikanten Diergardt aus Viersen bezeichnete, die eindringliche Mahnung an Deutschland gerichtet, sich des ostasiatischen Marktes rechtzeitig zu versichern. Es gab nur ein Mittel, um den Japanern, überhaupt den Ostasiaten gegenüber handelspolitisch etwas zu erreichen, das ist militärische Machtentfaltung. Die aus dem Sparpfennig des Volkes erbaute deutsche Flotte war ein Jugendtraum gewesen. Sie war längst durch Hannibal Fischer versteigert. Preußen hatte einige Schiffe, freilich keine imponierende Marinemacht. Man entschloß sich aber, ein Geschwader auszurüsten, um in Ostasien Handelsvertragsverhandlungen anzuknüpfen. Die Führung der Mission, welche auch wissenschaftliche Zwecke verfolgte, erhielt einer der fähigsten und besonnensten preußischen Staatsmänner, Graf zu Eulenburg. Derselbe führte seinen Auftrag unter den schwierigsten Verhältnissen mit großem Geschick durch. Auf den Plan, damals auch mit den Hawaiischen Inseln Vertragsbeziehungen anzuknüpfen, mußte man verzichten. Im übrigen erreichte die Expedition ihren Zweck. Trotzdem die Berliner Presse damals alles besser wußte und bei jeder Nachricht über eingetretene Schwierigkeiten erklärte, das habe man längst vorausgesehen und alle solche Ausgaben für Flottendemonstrationen seien eine Verschwendung der Mittel der Steuerzahler, läßt sich das Ministerium der neuen Ära nicht irremachen. Den Nachfolgern wurde die Genugtuung des Erfolges zuteil.“ (W. Lotz: Die Ideen der deutschen Handelspolitik, S. 80.)
2. „Une négociation officielle fut ouverte (zwischen der französischen und der englischen Regierung, nachdem Michel Chevalier mit Rich. Cobden die vorbereitenden Schritte getan hatte) au bout de peu de jours: elle fut conduite avec le plus grand mystère. Le 5 Janvier 1860 Napoléon III annonça ses intentions dans une lettreprogramme adressée au ministère d’État, M. Fould. Cette déclaration éclata comme un coup de foudre. Après les incidents de l’année qui venait de finir, on comptait qu’aucune modification du régime douanier ne serait tentée avant 1861. L’émotion fut générale. Néanmoins le traite fut signe le 23 Janvier.“ (Auguste Devers: La politique commerciale de la France depuis 1860, Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LI, S. 136.)
3. Die Revision des russischen Zolltarifs in liberalem Sinne 1857 und 1868, die endgültige Abtragung des wahnwitzigen Schutzzollsystems Kankrins, war eine Ergänzung und Äußerung des ganzen Reformwerkes, das durch das Debakel des Krimkrieges erzwungen wurde. Unmittelbar entsprach aber die Ermäßigung der Zölle vor allem den Interessen des adeligen Grundbesitzes, der sowohl als Konsument ausländischer Waren wie als Produzent des ins Ausland ausgeführten Getreides an einem ungehinderten Handelsverkehr Rußlands mit Westeuropa interessiert war. Hat doch die Verfechterin der landwirtschaftlichen Interessen, die Freie Ökonomische Gesellschaft, konstatiert: „Während der verflossenen 60 Jahre, von 1822 bis 1882, hat die größte Produzentin Rußlands, die Landwirtschaft, viermal unermeßlichen Schaden erleiden müssen, wodurch sie in eine äußerst kritische Lage gebracht wurde, und in allen vier Fällen lag die unmittelbare Ursache an maßlos hohen Zolltarifen. Umgekehrt ist die 32jährige Zeitperiode von 1845 bis 1877, während der gemäßigte Zölle bestanden, ohne solche Notstände abgelaufen, ungeachtet der drei Kriege und eines inneren Bürgerkrieges (gemeint ist der polnische Aufstand 1863 – R.L.), von denen jeder eine größere oder geringere Anspannung der Finanzkräfte des Staates bewirkte.“ (Memorandum der Kaiserl. Freien Ökonomischen Gesellschaft in Sachen der Revision des russischen Zolltarifs, Petersburg 1890, S. 148.)
Wie wenig in Rußland bis in die jüngste Zeit die Verfechter des Freihandels oder wenigstens eines gemäßigten Schutzzolls als die Vertreter der Interessen des Industriekapitals betrachtet werden dürfen, beweist schon die Tatsache, daß die wissenschaftliche Stütze dieser freihändlerischen Bewegung, die genannte Freie Ökonomische Gesellschaft, noch in den 90er Jahren gegen den Schutzzoll gerade als gegen ein Mittel der „künstlichen Verpflanzung“ der kapitalistischen Industrie nach Rußland eiferte und im Geiste reaktionärer „Volkstümler“ den Kapitalismus als die Brutstätte des modernen Proletariats denunzierte, „jener Massen militärdienstuntauglicher, besitzloser und heimatloser Menschen, die nichts zu verlieren haben und die seit langer Zeit keinen guten Ruf genießen...“. (l. c., S. 171.) Vgl. auch K. Lodyshenski: Geschichte des russischen Zolltarifs, Petersburg 1886, S. 239–258.
4. Auch Fr. Engels teilte diese Auffassung. In einem seiner Briefe an Nikolai—on schreibt er am 18. Mai 1892: „Englische Interessen vertretende Schriftsteller können es nicht verstehen, daß alle Welt es ablehnt, ihr Freihandelsbeispiel zu befolgen, und statt dessen Schutzzölle eingeführt hat. Natürlich wagen sie nicht zu sehen, daß dieses jetzt fast allgemeine Zollsystem ein – mehr oder weniger kluges und in manchen Fällen absolut dummes – Mittel der Selbstverteidigung gegen ebendenselben englischen Freihandel ist, der das englische Industriemonopol zu seiner höchsten Vollendung geführt hat. (Dumm z. B. im Falle Deutschlands, das unterm Freihandel ein großes Industrieland geworden ist und wo der Schutzzoll auf landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe ausgedehnt wird, was die Kosten der industriellen Produktion erhöht!) Ich betrachte dieses allgemeine Zurückgreifen auf den Schutzzoll nicht als einen bloßen Zufall, sondern als Reaktion gegen das untragbare Industriemonopol Englands; die Form dieser Reaktion mag, wie gesagt, unzuträglich sogar noch schlechter sein, aber die historische Notwendigkeit einer solchen Reaktion scheint mir klar und offensichtlich.“ (Briefe usw., S. 71.) [Friedrich Engels an Nikolai Franzewitsch Danielson in Petersburg, 18. Juni 1892. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 38. S. 365.]
Anmerkungen der Redaktion 1*. Graf Camillo von Cavour, Führer des gemäßigt-liberalen Flügels der italienischen Nationalbewegung, setzte von 1850 bis 1861 als Handels- und Finanzminister sowie als Ministerpräsident des Königreiches Sardinien eine Reihe bürgerlicher Reformen durch.
2*. Am 11. Juli 1882 begann die offene militärische Intervention Großbritanniens gegen die ägyptische nationale Befreiungsbewegung. Mit der Besetzung Kairos am 14. September 1882 wurde sie abgeschlossen. Ägypten blieb nominell eine autonome Provinz des Osmanischen Reiches, de facto wurde es britisches Protektorat.
3*. 1884 hatte Deutschland durch sogenannte Schutzverträge Südwestafrika, Kamerun und Togo sowie 1890 Ostafrika als Kolonien in Besitz genommen.
4*. Die militärische Intervention Frankreichs in Vietnam, die 1873/1874 mit der Militärexpedition nach Tonking begonnen hatte, fand am 6. Juni 1884 mit dem Patenôtre-Vertrag ihren Abschluß. Vietnam wurde zu einem französischen Protektorat.
5*. 1882 hatte Italien die Bucht von Assab, 1884 die Stadt Massaua annektiert. Beide Gebiete wurden 1890 von Italien zur Kolonie Eritrea zusammengeschlossen und bildeten die Ausgangsbasis im Krieg gegen Äthiopien, der 1896 mit der Niederlage Italiens endete. Im Friedensvertrag von Addis Abeba mußte Italien 1896 die Unabhängigkeit Äthiopiens anerkennen.
6*. Großbritannien annektierte 1879 das Sulu-, 1885 das Betschuana- und 1887 das Nordsomaliland, von 1885 bis 1895 Rhodesien, Njassaland und Kenia sowie 1890 bis 1896 Uganda. Der Ring um die Burenrepubliken war damit geschlossen worden. (Siehe Kap.29, Anm.1.)
7*. Die italienische Bourgeoisie erhob Ansprüche auf Tunis, das jedoch 1881 von Frankreich besetzt wurde. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien verschärften sich danach, und 1887 kam es zwischen beiden Staaten zu einem Zollkrieg, durch den die italienische Wirtschaft schwer geschädigt wurde.
8*. Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23. S. 788.
Die Akkumulation des Kapitals Dritter Abschnitt Die geschichtlichen Bedingungen der Akkumulation Zweiunddreißigstes Kapitel Der Militarismus auf dem Gebiet der Kapitalakkumulation Der Militarismus übt in der Geschichte des Kapitals eine ganz bestimmte Funktion aus. Er begleitet die Schritte der Akkumulation in allen ihren geschichtlichen Phasen. In der Periode der sogenannten „primitiven Akkumulation“, d. h. in den Anfängen des europäischen Kapitals, spielt der Militarismus die entscheidende Rolle bei der Eroberung der Neuen Welt und der Gewürzländer Indiens, später bei der Eroberung der modernen Kolonien, Zerstörung der sozialen Verbände der primitiven Gesellschaften und Aneignung ihrer Produktionsmittel, bei der Erzwingung des Warenhandels in Ländern, deren soziale Struktur der Warenwirtschaft hinderlich ist, bei der gewaltsamen Proletarisierung der Eingeborenen und der Erzwingung der Lohnarbeit in den Kolonien, bei der Bildung und Ausdehnung von Interessensphären des europäischen Kapitals in außereuropäischen Gebieten, bei der Erzwingung von Eisenbahnkonzessionen in rückständigen Ländern und bei der Vollstreckung der Forderungsrechte des europäischen Kapitals aus internationalen Anleihen, endlich als Mittel des Konkurrenzkampfes der kapitalistischen Länder untereinander um Gebiete nichtkapitalistischer Kultur.
Dazu kommt noch eine andere wichtige Funktion. Der Militarismus erscheint auch rein ökonomisch für das Kapital als ein Mittel ersten Ranges zur Realisierung des Mehrwerts, d. h. als ein Gebiet der Akkumulation. Bei der Untersuchung der Frage, wer als Abnehmer der Produktenmasse in Betracht käme, in der der kapitalisierte Mehrwert steckt, haben wir mehrfach den Hinweis auf den Staat und seine Organe als Konsumenten abgelehnt. Wir haben sie als Vertreter abgeleiteter Einkommenquellen in dieselbe Kategorie der Nutznießer des Mehrwerts (oder zum Teil des Arbeitslohns) eingereiht, der auch die Vertreter liberaler Berufe sowie allerlei Schmarotzerexistenzen der heutigen Gesellschaft („König, Pfaff, Professor, Hure, Kriegsknecht“) angehören. Diese Erledigung der Frage ist aber erschöpfend nur unter zwei Voraussetzungen: einmal, wenn wir, im Sinne des Marxschen Schemas der Reproduktion, annehmen, daß der Staat keine anderen Steuerquellen besitzt als den kapitalistischen Mehrwert und den kapitalistischen Arbeitslohn (1); und zweitens, wenn wir den Staat mit seinen Organen nur als Konsumenten ins Auge fassen. Handelt es sich nämlich um persönliche Konsumtion der Staatsbeamten (so auch des „Kriegsknechts“), so bedeutet das – sofern sie aus Arbeitermitteln bestritten wird – partielle Übertragung der Konsumtion von der Arbeiterklasse auf den Anhang der Kapitalistenklasse.
Nehmen wir für einen Augenblick an, der gesamte den Arbeitern abgepreßte Betrag an indirekten Steuern, der einen Abzug an ihrer Konsumtion bedeutet, werde darauf verwendet, den Staatsbeamten Gehälter auszuzahlen und das stehende Heer mit Lebensmitteln zu verproviantieren. Dann wird in der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals keine Verschiebung eintreten. Sowohl die Abteilung der Lebensmittel wie infolgedessen auch die Abteilung der Produktionsmittel bleiben unverändert, denn der Gesamtbedarf der Gesellschaft hat nach Art und Menge keinen Wechsel erlitten. Was jetzt verändert worden, ist bloß das Wertverhältnis zwischen v als Ware Arbeitskraft und den Produkten der Abteilung II, d. h. Lebensmitteln. Dasselbe v, derselbe Geldausdruck der Arbeitskraft wird jetzt mit einer geringeren Menge Lebensmittel ausgetauscht. Was geschieht mit dem so entstehenden Rest an Produkten der Abteilung II? Er wandert statt an die Arbeiter an Staatsbeamte und das Heer. An Stelle der Konsumtion der Arbeiter tritt in demselben Umfang die Konsumtion der Organe des kapitalistischen Staates. Es ist also bei gleichbleibenden Reproduktionsbedingungen eine Änderung in der Verteilung des Gesamtprodukts eingetreten: Eine Portion der früher zur Konsumtion der Arbeiterklasse, zur Deckung des v, bestimmten Produkte der Abteilung II wird nunmehr dem Anhang der Kapitalistenklasse zur Konsumtion zugeteilt. Vom Standpunkt der gesellschaftlichen Reproduktion läuft diese Verschiebung auf dasselbe hinaus wie wenn von vornherein der relative Mehrwert um den bestimmten Wertbetrag größer, und zwar dieser Zuwachs dem zur Konsumtion der Kapitalistenklasse nebst Anhang bestimmten Teil des Mehrwerts zugewiesen wäre.
Insofern läuft das Schröpfen der Arbeiterklasse durch den Mechanismus der indirekten Besteuerung, um daraus die Stützen der kapitalistischen Staatsmaschinerie zu erhalten, einfach auf eine Vergrößerung des Mehrwerts, und zwar des konsumierten Teils des Mehrwerts, hinaus; nur daß diese ergänzende Teilung zwischen Mehrwert und variablem Kapital post festum, nach dem vollzogenen Austausch zwischen Kapital und Arbeitskraft geschieht. Haben wir es aber so mit einem nachträglichen Zuwachs des konsumierten Mehrwerts zu tun, dann kommt diese Konsumtion der Organe des kapitalistischen Staates – auch wenn sie auf Kosten der Arbeiterklasse geschieht – als Mittel der Realisierung des kapitalisierten Mehrwerts nicht in Betracht. Umgekehrt kann man sagen: Wenn die Arbeiterklasse nicht die Erhaltungskosten der Staatsbeamten und des „Kriegsknechts“ zum größten Teil tragen würde, so müßten die Kapitalisten selbst diese Kosten ganz tragen. Sie müßten der Erhaltung dieser Organe ihrer Klassenherrschaft direkt aus dem Mehrwert eine entsprechende Portion zuweisen, und zwar entweder auf Kosten der eigenen Konsumtion, die sie entsprechend einschränken müßten, oder, was das Wahrscheinlichere, auf Kosten des zur Kapitalisierung bestimmten Teils des Mehrwerts. Sie könnten weniger kapitalisieren, weil sie mehr zur direkten Erhaltung ihrer eigenen Klasse verwenden müßten. Die Abwälzung der Erhaltungskosten ihres Anhangs zum größten Teil auf die Arbeiterklasse (und auf die Vertreter der einfachen Warenproduktion: Bauern, Handwerker) erlaubt es den Kapitalisten, eine größere Portion des Mehrwerts für die Kapitalisierung zu befreien. Sie schafft aber noch vorerst keineswegs die Möglichkeit dieser Kapitalisierung, d. h., sie schafft noch kein neues Absatzgebiet, um mit diesem befreiten Mehrwert auch tatsächlich neue Waren herstellen und sie auch realisieren zu können. Anders wenn die durch das Steuersystem in der Hand des Staates konzentrierten Mittel zur Produktion von Kriegsmitteln verwendet werden.
Auf der Basis der indirekten Besteuerung und Hochschutzzölle werden die Kosten des Militarismus in der Hauptsache bestritten durch die Arbeiterklasse und das Bauerntum. Beide Steuerquoten sind gesondert zu betrachten. Was die Arbeiterklasse betrifft, so läuft das Geschäft ökonomisch auf das Folgende hinaus. Vorausgesetzt, daß eine Erhöhung der Löhne bis zum Ausgleich der Lebensmittelverteuerung nicht stattfindet – was gegenwärtig für die große Masse der Arbeiterklasse zutrifft und was selbst für die gewerkschaftlich organisierte Minderheit durch den Druck der Kartelle und Unternehmerorganisationen in hohem Grade bewirkt wird (2) –, so bedeutet die indirekte Besteuerung die Übertragung eines Teils der Kaufkraft der Arbeiterklasse auf den Staat. Das variable Kapital als Geldkapital von einer bestimmten Größe dient nach wie vor dazu, die entsprechende Menge lebendige Arbeit in Bewegung zu setzen, also das entsprechende konstante Kapital zu Produktionszwecken zu benutzen und die entsprechende Menge Mehrwert zu produzieren. Nachdem diese Zirkulation des Kapitals vollzogen, geht eine Teilung zwischen der Arbeiterklasse und dem Staate vor sich: Ein Teil der von ihr im Austausch gegen die Arbeitskraft erhaltenen Geldmenge wird an den Staat abgeführt. Während das ganze frühere variable Kapital in seiner Sachgestalt als Arbeitskraft vom Kapital angeeignet wird, bleibt von der Geldform des variablen Kapitals nur ein Teil in der Hand der Arbeiterklasse, während ein anderer Teil in den Besitz des Staates gelangt. Die Transaktion geht jedesmal nach vollzogener Kapitalzirkulation zwischen Kapital und Arbeit vor sich, sozusagen hinter dem Rücken des Kapitals, sie berührt unmittelbar in nichts diesen fundamentalen Teil der Kapitalzirkulation und Mehrwertproduktion und geht sie zunächst nichts an. Wohl aber berührt sie die Bedingungen der Reproduktion des Gesamtkapitals. Die Übertragung eines Teils der Kaufkraft der Arbeiterklasse auf den Staat bedeutet, daß der Anteil der Arbeiterklasse an der Konsumtion der Lebensmittel in demselben Maße geringer geworden ist. Für das Gesamtkapital ist dies identisch mit der Tatsache, daß es bei der gleichen Größe des variablen Kapitals (als Geldkapital und als Arbeitskraft) und gleicher Masse angeeigneten Mehrwerts eine geringere Menge Lebensmittel zur Erhaltung der Arbeiterklasse produzieren muß, ihr tatsächlich eine Anweisung auf einen geringeren Anteil am Gesamtprodukt gibt. Daraus ergibt sich, daß bei der Reproduktion des Gesamtkapitals nunmehr eine geringere Menge Lebensmittel produziert werden wird, als es der Wertgröße des variablen Kapitals entspricht, da sich ja das Wertverhältnis zwischen dem variablen Kapital und der Menge Lebensmittel, worin es realisiert wird, selbst verändert hat; die Höhe der indirekten Besteuerung äußert sich in der Preiserhöhung der Lebensmittel, während der Geldausdruck der Arbeitskraft nach unserer Voraussetzung unverändert bleibt oder sich nicht im Verhältnis zur Preiserhöhung der Lebensmittel verändert.
Nach welcher Richtung wird nun die Verschiebung in den sachlichen Verhältnissen der Reproduktion stattfinden? Durch die relative Verringerung der zur Erneuerung der Arbeitskraft erforderlichen Menge Lebensmittel wird eine entsprechende Menge konstantes Kapital und lebendige Arbeit frei. Dieses konstante Kapital und diese lebendige Arbeit können für anderweitige Produktion verwendet werden, sofern sich ein neuer zahlungsfähiger Bedarf in der Gesellschaft findet. Den neuen Bedarf stellt aber nunmehr der Staat mit dem von ihm vermöge der Steuergesetzgebung angeeigneten Teil der Kaufkraft der Arbeiterklasse dar. Der Bedarf des Staates richtet sich aber diesmal nicht auf Lebensmittel (von dem gleichfalls aus Steuern gedeckten Bedarf an Lebensmitteln zur Erhaltung der Staatsbeamten sehen wir hier nach allem früher sub „dritte Personen“ Behandelten ab), sondern auf eine spezifische Produktenart, auf Kriegsmittel des Militarismus zu Lande und zu Wasser.
Um uns die Verschiebungen, die sich dabei in der gesellschaftlichen Reproduktion ergeben, näher anzusehen, nehmen wir wieder als Beispiel das zweite Marxsche Schema der Akkumulation: I.
1.430 c + 285 v + 285 m = 2.000 Konsumtionsmittel Nehmen wir nun an, durch die indirekten Steuern und die dadurch erzeugte Teuerung der Lebensmittel werde der Reallohn, d. h. die Konsumtion der Arbeiterklasse, im ganzen um den Wertbetrag von 100 verringert. Die Arbeiter bekommen also nach wie vor 1.000 v + 285 v = 1.285 v in Geld, erlangen aber dafür in Wirklichkeit Lebensmittel nur im Werte von 1.185. Die Geldsumme von 100, die dem Preisaufschlag der Lebensmittel gleicht, gelangt als Steuer an den Staat. Dieser hat außerdem von den Bauern usw. an Steuern für Militärrüstzeug, sagen wir, 150 in der Hand, zusammen 250. Diese 250 stellen eine neue Nachfrage, und zwar nach Kriegsmittel dar. Uns gehen jedoch vorläufig nur die 100, die aus Arbeitslöhnen herstammen, an. Zur Befriedigung dieses Bedarfs an Kriegsmitteln zum Werte von 100 entsteht ein entsprechender Produktionszweig, der – unter Voraussetzung einer gleichen, d. h. durchschnittlichen organischen Zusammensetzung, wie sie im Marxschen Schema angenommen worden – eines konstanten Kapitals von 71,5 und eines variablen von 14,25 bedarf: 71,5 c + 14,25 v + 14,25 m = 100 (Kriegsmittel).
Für den Bedarf dieses Produktionszweigs werden ferner Produktionsmittel im Wertbetrage von 71,5 und Lebensmittel im Wertbetrage von zirka 13 (entsprechend der nunmehr auch für diese Arbeiter geltenden Verminderung ihres Reallohns um zirka 1/13) hergestellt werden müssen.
Darauf kann sofort erwidert werden, daß der aus dieser neuen Absatzerweiterung sich ergebende Gewinn für das Kapital nur ein scheinbarer sei, denn die Verringerung der tatsächlichen Konsumtion der Arbeiterklasse wird die entsprechende Einschränkung der Lebensmittelproduktion zur unvermeidlichen Folge haben. Diese Einschränkung wird sich für die Abteilung II in der folgenden Proportion ausdrücken. 71,5 c + 14,25 v + 14,25 m = 100.
Dementsprechend wird aber ferner auch die Abteilung der Produktionsmittel ihren Umfang einschränken müssen, so daß beide Abteilungen infolge der Verringerung der Konsumtion der Arbeiterklasse sich wie folgt gestalten werden: I.
1.358,50 c + 270,75 v + 270,75 m = 1.900,00 Wenn jetzt dieselben 100 durch die Vermittlung des Staates eine Produktion von Kriegsmitteln zum gleichen Wertbetrage ins Leben rufen und dementsprechend auch die Produktion von Produktionsmitteln wieder beleben, so erscheint das auf den ersten Blick nur eine äußere Verschiebung in der Sachgestalt der gesellschaftlichen Produktion: Statt einer Menge Lebensmittel produziere man eine Menge Kriegsmittel. Das Kapital habe mit der einen Hand nur gewonnen, was es aus der anderen verloren habe. Oder die Sache kann auch so gefaßt werden: Was der großen Anzahl Kapitalisten, die Lebensmittel für die Arbeitermasse produzieren, an Absatz abgehe, komme einer kleinen Gruppe von Großindustriellen der Kriegsmittelbranche zugute.
Doch so stellt sich die Sache dar, nur solange man auf dem Standpunkt des Einzelkapitals steht. Von diesem Standpunkt ist es freilich gehupft wie gesprungen, ob die Produktion sich auf dieses oder jenes Gebiet wendet. Für das Einzelkapital existieren überhaupt die Abteilungen der Gesamtproduktion, wie sie das Schema unterscheidet, nicht, sondern einfach Waren und Käufer, und für den Einzelkapitalisten ist es deshalb an sich völlig gleichgültig, ob er Lebensmittel oder Todesmittel, Fleischkonserven oder Panzerplatten produziert.
Dieser Standpunkt wird häufig von Gegnern des Militarismus ins Feld geführt, um darzutun, daß die Kriegsrüstungen als wirtschaftliche Anlage für das Kapital nur den einen Kapitalisten zugute kommen lassen, was sie den anderen genommen haben. (3) Auf der anderen Seite suchen das Kapital und sein Apologet diesen Standpunkt der Arbeiterklasse zu oktroyieren, indem sie ihr einreden, durch die indirekten Steuern und den Staatsbedarf trete nur eine Verschiebung in der sachlichen Form der Reproduktion ein; statt anderer Waren produziere man Kreuzer und Kanonen, dank denen der Arbeiter seine Beschäftigung und sein Brot im gleichen oder noch größeren Maße, ob hier oder dort, finde.
Was die Arbeiter betrifft, so zeigt ein Blick auf das Schema, was daran Wahres ist. Angenommen zur Erleichterung des Vergleichs, daß die Produktion der Kriegsmittel genausoviel Arbeiter wie früher die Herstellung von Lebensmitteln für die Lohnarbeiter beschäftige, ergibt sich, daß sie jetzt bei einer Arbeitsleistung, die dem Lohn von 1.285 v entspricht, Lebensmittel für 1.185 kriegen.
Anders vom Standpunkte des Gesamtkapitals. Für dieses erscheinen die 100 in der Hand des Staates, die eine Nachfrage nach Kriegsmitteln darstellen, als neues Absatzgebiet. Diese Geldsumme war ursprünglich variables Kapital. Sie hat als solche ihren Dienst getan, sich gegen lebendige Arbeit ausgetauscht, die Mehrwert erzeugt hat. Hinterdrein unterbricht sie die Zirkulation des variablen Kapitals, löst sich von ihr ab und erscheint im Besitze des Staates als neue Kaufkraft wieder. Gleichsam aus nichts erschaffen, wirkt sie genauso wie ein neuerschlossenes Absatzgebiet. Freilich, das Kapital wird zunächst um 100 geringeren Absatz an Lebensmitteln für die Arbeiter haben. Für den Einzelkapitalisten ist der Arbeiter auch ein ebenso guter Konsument und Warenabnehmer wie jeder andere, wie ein Kapitalist, der Staat, der Bauer, „das Ausland“ usw. Vergessen wir jedoch nicht, daß für das Gesamtkapital die Ernährung der Arbeiterklasse nur Malum necessarium, nur ein Umweg zum eigentlichen Zweck der Produktion: zur Erzeugung und Realisierung des Mehrwerts, ist. Gelingt es, dieselbe Menge Mehrwert herauszupressen, ohne der Arbeitskraft dieselbe Menge Lebensmittel zuführen zu müssen, um so glänzender das Geschäft. Es läuft zunächst auf dasselbe hinaus, wie wenn es – ohne Lebensmittelteuerung – dem Kapital gelungen wäre, die Geldlöhne entsprechend herabzudrücken, ohne die Leistung der Arbeiter zu verringern. Zieht doch dauernde Lohnreduktion gleichfalls im weiteten Gefolge die Einschränkung der Lebensmittelproduktion nach sich. Sowenig sich das Kapital graue Haare wachsen laßt, daß es weniger Lebensmittel für die Arbeiter wird produzieren müssen, wenn es an ihren Löhnen Beutelschneiderei treibt, vielmehr diesem Geschäft bei jeder Gelegenheit mit Lust und Liebe nachgeht, ebensowenig verursacht es dem Kapital im ganzen Beschwerden, daß die Arbeiterklasse dank der indirekten Besteuerung, die nicht durch Lohnerhöhungen wettgemacht wird, eine geringere Nachfrage nach Lebensmitteln darstellt. Freilich bleibt bei direkten Lohnreduktionen die Differenz an variablem Kapital in der Tasche des Kapitalisten und vergrößert, bei gleichbleibenden Warenpreisen, den relativen Mehrwert, während sie jetzt in die Staatskasse wandert. Allein andererseits sind allgemeine und dauernde Reduktionen an Geldlöhnen zu allen Zeiten, namentlich aber bei hoher Entwicklung der gewerkschaftlichen Organisationen, nur selten durchführbar. Der fromme Wunsch des Kapitals stößt hier auf starke Schranken sozialer und politischer Natur. Hingegen setzt sich die Herabdrückung der Reallöhne vermittelst der indirekten Besteuerung prompt, glatt und generell durch, worauf sich der Widerstand meist erst nach längerer Zeit, auf politischem Gebiete und ohne unmittelbares ökonomisches Resultat zu äußern pflegt. Ergibt sich daraus hinterdrein eine Einschränkung der Lebensmittelproduktion, so erscheint das Geschäft vom Standpunkte des Gesamtkapitals nicht als ein Verlust an Absatz, sondern als eine Ersparnis an Unkosten bei der Produktion von Mehrwert. Die Herstellung von Lebensmitteln für Arbeiter ist eine Bedingung sine qua non der Produktion des Mehrwerts, nämlich die Reproduktion der lebendigen Arbeitskraft, niemals aber ein Mittel der Realisierung des Mehrwerts.
Nehmen wir unser Beispiel wieder auf: I.
1.430 c + 285 v + 285 m = 2.000 Konsumtionsmittel Auf den ersten Blick scheint es, als ob hier die Abteilung II auch bei der Herstellung der Konsumtionsmittel für die Arbeiter Mehrwert erzeugen und realisieren würde, ebenso die Abteilung I, sofern sie Produktionsmittel herstellt, die zu jener Produktion von Lebensmitteln erforderlich sind. Doch der Schein verschwindet, wenn wir das gesellschaftliche Gesamtprodukt betrachten. Dieses stellt sich so dar: 6.430 c + 1.285 v + 1.285 m = 9.000.
Nun träte eine Verringerung der Konsumtion der Arbeiter um 100 ein. Die Verschiebung in der Reproduktion infolge der entsprechenden Einschränkung beider Abteilungen wird sich so ausdrücken: I.
1.358,50 c + 270,75 v + 270,75 m = 1.900,00 Es ist auf den ersten Blick ein allgemeiner Ausfall in dem Produktionsumfang und auch in der Produktion von Mehrwert zu konstatieren. Dies aber nur, solange wir abstrakte Wertgrößen in der Gliederung des Gesamtprodukts, nicht seine sachlichen Zusammenhänge im Auge haben. Sehen wir näher zu, dann stellt sich heraus, daß der Ausfall gänzlich die Erhaltungskosten der Arbeitskraft und nur diese berührt. Es werden nunmehr weniger Lebensmittel und Produktionsmittel hergestellt, diese dienten aber ausschließlich dazu, Arbeiter zu erhalten. Es wird jetzt ein geringeres Kapital beschäftigt und ein geringeres Produkt hergestellt. Aber Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht, schlechthin ein möglichst großes Kapital zu beschäftigen, sondern einen möglichst großen Mehrwert zu erzielen. Das Defizit an Kapital ist aber hier nur dadurch entstanden, daß die Erhaltung der Arbeiter ein geringeres Kapital erfordert. Wenn früher 1.285 der Wertausdruck der gesamten Erhaltungskosten der beschäftigten Arbeiter in der Gesellschaft war, so muß der nun entstandene Ausfall im Gesamtprodukt = 171,5 (9.000–8.828,5) ganz von diesen Erhaltungskosten abgezogen werden, und wir bekommen dann die veränderte Zusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts: 6.430 c + 1.113,5 v + 1.285 m = 8.828,5.
Das konstante Kapital und der Mehrwert blieben unverändert, das variable Kapital der Gesellschaft, die bezahlte Arbeit allein hat sich verringert. Oder, da die unveränderte Größe des konstanten Kapitals frappieren mag, nehmen wir, wie es auch exakt dem Vorgang entspricht, eine der Verringerung der Lebensmittel der Arbeiter entsprechende Verringerung des konstanten Kapitals an, dann erhalten wir die folgende Gliederung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts: 6.307,5 c + 1.236 v + 1.285 m = 8.828,5.
Der Mehrwert bleibt in beiden Fällen unverändert, trotz der Verringerung des Gesamtprodukts, denn die Erhaltungskosten der Arbeiter und nur diese haben sich verringert.
Die Sache läßt sich auch so darstellen. Das gesellschaftliche Gesamtprodukt kann seinem Werte nach in drei proportionelle Teile eingeteilt werden, die jeweilig ausschließlich das gesamte konstante Kapital der Gesellschaft, das gesamte variable Kapital und den gesamten Mehrwert repräsentieren. Und zwar so, wie wenn in der ersten Portion Produkte nicht ein Atom neu hinzugetretene Arbeit, in der zweiten und dritten nicht ein Atom Produktionsmittel erhalten wäre. Da diese Produktenmasse als solche, ihrer Sachgestalt nach, ganz das Ergebnis der gegebenen Produktionsperiode, aus der sie hervorgegangen ist, so kann man – obwohl das konstante Kapital als Wertgröße Resultat früherer Produktionsperioden ist und nur auf neue Produkte übertragen wird – auch die gesamte Anzahl der beschäftigten Arbeiter in drei Kategorien einteilen: in solche, die ausschließlich das gesamte konstante Kapital der Gesellschaft herstellen, in solche, deren ausschließlicher Beruf es ist, für die Erhaltung sämtlicher Arbeiter zu sorgen, endlich in solche, die ausschließlich den gesamten Mehrwert der Kapitalistenklasse schaffen.
Erfolgt eine Einschränkung der Konsumtion der Arbeiter, dann wird nur aus der zweiten Kategorie eine entsprechende Anzahl Arbeiter entlassen. Aber diese Arbeiter schaffen von vornherein keinen Mehrwert für das Kapital, ihre Entlassung ist also vom Standpunkt des Kapitals kein Verlust, sondern ein Gewinn, Verminderung der Kosten der Mehrwertproduktion.