Damit ist gegeben, daß für Smith die klare Unterscheidung der beiden Seiten der wertschaffenden Arbeit, insofern sie einerseits den alten Wert der Produktionsmittel auf das neue Produkt überträgt, andererseits zugleich Neuwert schafft, unmöglich war. Es scheint uns jedoch, daß sein Dogma von der Auflösung des Gesamtwerts in v + m noch aus einer anderen Quelle fließt. Es kann nicht angenommen werden, daß Smith die Tatsache selbst aus dem Auge läßt, daß jede hergestellte Ware nicht bloß den bei ihrer unmittelbaren Produktion geschaffenen Wert, sondern auch den Wert sämtlicher bei ihrer Herstellung verbrauchten Produktionsmittel enthält. Gerade dadurch, daß er uns für die restlose Auflösung des Gesamtwerts in v + m immer von einem Produktionsstadium in ein früheres, wie Marx sich ausdrückt, von Pontius zu Pilatus schickt [1*], beweist er, daß er sich der Tatsache selbst wohl bewußt ist. Das Merkwürdige ist dabei nur, daß er auch den alten Wert der Produktionsmittel immer wieder in v + m auflöst und so schließlich den ganzen in der Ware enthaltenen Wert darin aufgehen läßt.
So in dem von uns bereits zitierten Passus über den Getreidepreis: „In dem Getreidepreis z. B. bezahlt ein Teil die Bodenrente für den Besitzer, ein anderer die Arbeitslöhne oder den Unterhalt der Arbeiter und des Arbeitsviehs und der dritte den Gewinn des Pächters. Diese drei Teile scheinen entweder unmittelbar oder in letzter Linie den ganzen Getreidepreis auszumachen. Man könnte vielleicht noch einen vierten Teil für notwendig halten, um die Abnutzung des Arbeitsviehs und der Wirtschaftsutensilien auszugleichen. Aber es muß beachtet werden, daß der Preis aller Wirtschaftsutensilien sich wieder aus denselben drei Teilen zusammensetzt: 1. die Rente des Bodens, welcher es ernährt hat; 2. die auf seine Zucht verwendete Arbeit und 3. den Kapitalgewinn des Pächters, welcher sowohl die Bodenrente als die Arbeitslöhne vorgestreckt hat. Wenn also auch der Getreidepreis den Wert des Pferdes sowohl als dessen Ernährung enthält, so löst er sich doch mittelbar oder unmittelbar in die genannten drei Bestandteile: Bodenrente, Arbeit und Kapitalgewinn, auf.“ Was Smith verwirrte, war, scheint es uns, folgendes: Jede Arbeit geht vor sich mit irgendwelchen Produktionsmitteln. Aber das, was bei einer gegebenen Arbeit Produktionsmittel (Rohstoff, Instrument usw.), ist selbst Produkt einer früheren Arbeit. Für den Bäcker ist Mehl Produktionsmittel, dem er neue Arbeit zusetzt. Aber Mehl ist selbst aus der Arbeit des Müllers hervorgegangen, wo es nicht Produktionsmittel, sondern, genauso wie jetzt die Backware, Produkt war. Bei diesem Produkt war Korn als Produktionsmittel vorausgesetzt, aber wenn wir noch eine Stufe zurückgehen, so war Korn beim Landbauer nicht Produktionsmittel, sondern Produkt. Man kann kein wertenthaltendes Produktionsmittel finden, das nicht selbst Produkt einer früheren Arbeit wäre.
Kapitalistisch gesprochen, folgt daraus: Alles Kapital, das zur Herstellung irgendeiner Ware von Anfang bis zu Ende gebraucht wurde, läßt sich schließlich in ein gewisses Quantum geleisteter Arbeit auflösen.
Der Gesamtwert der Ware, alle Kapitalauslagen inbegriffen, löst sich also einfach in ein gewisses Arbeitsquantum auf. Und was auf jede Ware, muß sich auch auf die Gesamtheit der jährlich von der Gesellschaft hergestellten Warenmasse beziehen, auch ihr Gesamtwert löst sich in ein Quantum geleisteter Arbeit auf.
Jede kapitalistisch geleistete Arbeit zerfällt in zwei Teile: bezahlte, die die Löhne ersetzt, und unbezahlte, die Profite und Renten, d. h. Mehrwert schafft. Jede kapitalistisch geleistete Arbeit entspricht der Formel v + m. (4) Alle bisherigen Thesen sind vollkommen richtig und unbestreitbar. Ihre Erfassung durch Smith beweist die Stärke und Unbeirrtheit seiner wissenschaftlichen Analyse und seinen Fortschritt in der Wert- und Mehrwertauffassung über die Physiokraten hinaus. Nur daß er bei These 3 gelegentlich in der Schlußfolgerung den groben Schnitzer machte: der Gesamtwert der jährlich hergestellten Warenmasse löse sich in das Quantum der in diesem Jahre geleisteten Arbeit auf, während er selbst an anderen Stellen zeigt, daß er sehr wohl weiß, der Wert der in einem Jahre von der Nation hergestellten Waren schließe notwendig auch die Arbeit früherer Jahre – nämlich die in den übernommenen Produktionsmitteln eingeschlossene Arbeit – ein.
Und doch mußte die aus den obigen ganz richtigen vier Thesen gezogene Schlußfolgerung Smith': der Gesamtwert jeder Ware wie der jährlichen Warenmasse der Gesellschaft löse sich restlos in v + m auf, ganz falsch sein. Smith identifiziert die richtige These: aller Wert der Ware stellt nichts als gesellschaftliche Arbeit dar, mit der falschen: aller Wert stellt nichts als v + m dar. Die Formel v + m drückt die Funktion der lebendigen Arbeit unter kapitalistischen Wirtschaftsverhältnissen aus, nämlich die Doppelfunktion: 1. Ersatz des variablen Kapitals (der Löhne); 2. Schaffung des Mehrwerts für den Kapitalisten. Diese Funktion erfüllt die Lohnarbeit während ihrer Anwendung durch den Kapitalisten, und durch die Realisierung des Warenwerts in Geld zieht der Kapitalist sowohl das in Löhnen vorgeschossene variable Kapital zurück, wie er den Mehrwert in die Tasche steckt. v + m drückt also das Verhältnis zwischen Lohnarbeiter und Kapitalist aus, ein Verhältnis, das jedesmal mit der Herstellung der Ware zu Ende ist. Ist die Ware verkauft und das Verhältnis v + m in Geld für den Kapitalisten realisiert, dann ist das Verhältnis und seine Spur in der Ware also erloschen. Der Ware und ihrem Wert sieht man absolut nicht an, in welchem Verhältnis und ob überhaupt ihr Wert durch bezahlte und unbezahlte Arbeit hergestellt ist, das einzige, was zweifellose Tatsache, ist der Umstand, daß die Ware ein gewisses Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit enthält, was in ihrem Austausch zum Ausdruck kommt. Für den Austausch selbst also wie für den Gebrauch der Ware ist es völlig gleichgültig, ob die Arbeit, die sie darstellt, in v + m zerfiel oder nicht. Nur ihr Quantum als Wert spielt eine Rolle im Austausch, und nur ihre konkrete Beschaffenheit, ihre Nützlichkeit spielt eine Rolle im Gebrauch. Die Formel v + m drückt also sozusagen nur das intime Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit, die soziale Funktion der Lohnarbeit aus, die im Produkt ganz erlischt. Anders mit dem ausgelegten Kapitalteil, der in Produktionsmitteln angelegt ist, dem konstanten Kapital. Der Kapitalist muß außer Lohnarbeit noch Produktionsmittel anschaffen, weil jede Arbeit gewisser Rohstoffe, Instrumente, Baulichkeiten zu ihrer Tätigkeit bedarf. Der kapitalistische Charakter auch dieser Bedingung der Produktion kommt darin zum Ausdruck, daß diese Produktionsmittel eben als c, als Kapital erscheinen, d. h. 1. als Eigentum einer anderen Person als die Arbeitenden, getrennt von der Arbeitskraft, als Eigentum der Nichtarbeitenden; 2. als bloßer Vorschuß, Auslage zum Zwecke der Mehrwerterzeugung. Das konstante Kapital c erscheint hier nur als Grundlage für v + m. Aber das konstante Kapital drückt noch etwas mehr aus, nämlich die Funktion der Produktionsmittel im menschlichen Arbeitsprozeß unabhängig von jeder historisch-gesellschaftlichen Form. Der Rohstoffe und Instrumente zur Arbeit bedarf in gleichem Maße der Feuerländer bei der Anfertigung seines Familienkanus, die kommunistische Bauerngemeinde in Indien bei der Bestellung der Gemeindeäcker, der ägyptische Fellache beim Anbau seiner Dorfländereien wie beim Bau der Pyramiden für den Pharao, der griechische Sklave in der kleinen athenischen Manufaktur, der feudale Fronbauer, der mittelalterliche Zunfthandwerker und der moderne Lohnarbeiter. Die aus menschlicher Arbeit bereits hervorgegangenen Produktionsmittel sind der Ausdruck des Kontakts der menschlichen Arbeit mit dem Naturstoff und dadurch ewige allgemeine Vorbedingung des menschlichen Produktionsprozesses. Die Figur c in der Formel c + v + m drückt also eine bestimmte Funktion der Produktionsmittel aus, die mit dem Aufhören der Arbeit nicht erlischt. Während es für den Austausch wie für den Gebrauch der Ware völlig gleichgültig ist, ob sie durch bezahlte oder unbezahlte Arbeit, durch Lohnarbeit, Sklavenarbeit, Fronarbeit oder irgendeine andere Arbeit zustande gekommen, ist es für den Gebrauch der Ware von entscheidender Wichtigkeit, ob sie selbst Produktionsmittel oder Lebensmittel ist. Die Tatsache, daß bei der Herstellung einer Maschine bezahlte und unbezahlte Arbeit verwendet worden, ist nur für den Fabrikanten der Maschine und seine Arbeiter von Bedeutung; für die Gesellschaft, die durch den Austausch die Maschine erwirbt, ist nur ihre Eigenschaft als Produktionsmittel, ihre Funktion im Produktionsprozeß von Bedeutung. Und genauso, wie jede produzierende Gesellschaft der wichtigen Funktion der Produktionsmittel seit jeher darin Rechnung tragen mußte, daß sie in jeder Produktionsperiode für die Herstellung erforderlicher Produktionsmittel der nächsten Periode Sorge trug, so kann auch die kapitalistische Gesellschaft jedes Jahr ihre Wertproduktion nach der Formel v + m, das heißt die Ausbeutung der Lohnarbeit nur dann in Angriff nehmen, wenn das erforderliche Quantum Produktionsmittel zur Bildung des konstanten Kapitals als Frucht der vorhergehenden Produktionsperiode vorhanden ist. Diese spezifische Verknüpfung jeder vergangenen Produktionsperiode mit der darauffolgenden, die die allgemeine ewige Grundlage des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses bildet und die darin besteht, daß ein Teil der Produkte jeder Periode bestimmt ist, Produktionsmittel für die folgende zu bilden, verschwand vor dem Blicke Smith’. An den Produktionsmitteln interessierte ihn nicht ihre spezifische Funktion in dem Produktionsprozeß, wo sie angewendet, sondern nur die Tatsache, daß sie selbst ein Produkt der kapitalistisch angewendeten Lohnarbeit sind wie jede andere Ware. Die spezifisch kapitalistische Funktion der Lohnarbeit im Produktionsprozeß des Mehrwerts verdeckte ihm ganz die ewige allgemeine Funktion der Produktionsmittel im Arbeitsprozeß. Sein bürgerlich befangener Blick übersah völlig hinter dem besonderen sozialen Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital das allgemeine Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Hier scheint uns die eigentliche Quelle des wunderlichen Dogmas von Ad. Smith über die Auflösung des Gesamtwerts der gesellschaftlichen Jahresproduktion v + m zu liegen. Smith übersah, daß das c als erstes Glied der Formel c + v + m der notwendige Ausdruck für die allgemeine gesellschaftliche Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung der Lohnarbeit ist.
Der Wert jeder Ware muß also in der Formel c + v + m ausgedrückt werden. Es fragt sich nun, inwiefern dies auf die Gesamtheit der Waren in einer Gesellschaft Anwendung findet. Wenden wir uns an die Zweifel Smith’ darüber, nämlich an seine Aufstellung, fixes und zirkulierendes Kapital sowie Einkommen des einzelnen decken sich nicht mit denselben Kategorien vom gesellschaftlichen Standpunkt (S. 39, Punkt 3). Was für den einen zirkulierendes Kapital, sei für andere nicht Kapital, sondern Einkommen, z. B. die Kapitalvorschüsse für Löhne. Diese Behauptung beruht auf einem Irrtum. Wenn der Kapitalist den Arbeitern Löhne auszahlt, so gibt er nicht variables Kapital her, das in die Hände der Arbeiter wandert, um in ihr Einkommen verwandelt zu werden, sondern er gibt nur die Wertform seines variablen Kapitals für dessen Naturalform – die Arbeitskraft – hin. Das variable Kapital ist stets in der Hand des Kapitalisten erst in Geldform, dann in Gestalt der Arbeitskraft, die er gekauft, später in Form eines Wertteils der hergestellten Waren, um schließlich aus dem Erlös der Waren in Geldform – nebst Zuwachs – zu ihm zurückzukehren. Andererseits gelangt der Arbeiter nie in Besitz des variablen Kapitals. Für ihn ist die Arbeitskraft nie Kapital, sondern sein Vermögen (nämlich Vermögen zu arbeiten, das einzige, das er besitzt). Hat er sie veräußert und hat er Geld als Lohn eingenommen, so ist dieser Lohn für ihn gleichfalls kein Kapital, sondern der Preis seiner verkauften Ware. Endlich die Tatsache, daß der Arbeiter mit den erhaltenen Löhnen Lebensmittel kauft, hat mit der Funktion, die dieses Geld als variables Kapital in den Händen des Kapitalisten gespielt hat, so wenig zu tun wie der Privatgebrauch, den jeder Verkäufer einer Ware mit dem erhaltenen Geld macht. Nicht das variable Kapital des Kapitalisten wird also zum Einkommen des Arbeiters, sondern der Preis der vom Arbeiter verkauften Ware Arbeitskraft, während das variable Kapital nach wie vor in der Hand des Kapitalisten bleibt und als solches fungiert.
Genauso falsch die Vorstellung, das Einkommen (Mehrwert) des Kapitalisten, das z. B. in noch nicht realisierten Maschinen steckt, was beim Maschinenfabrikanten der Fall, sei fixes Kapital für einen anderen, nämlich den Käufer der Maschinen. Was Einkommen des Maschinenfabrikanten ist, sind nicht Maschinen oder ein Teil der Maschine, sondern der in ihnen steckende Mehrwert, also unbezahlte Arbeit seiner Lohnarbeiter. Nach dem Verkauf der Maschine bleibt dieses Einkommen nach wie vor in der Hand des Maschinenfabrikanten, es hat nur seine Erscheinungsform gewechselt, ist aus Maschinenform in Geldform verwandelt. Umgekehrt ist der Käufer der Maschine nicht erst durch ihren Ankauf in Besitz seines fixen Kapitals gelangt, sondern er hatte dieses vorher schon als ein gewisses Geldkapital in der Hand gehabt. Durch den Ankauf der Maschine hat er nur seinem Kapital die entsprechende sachliche Gestalt gegeben, die er brauchte, um es produktiv fungieren zu lassen. Vor dem Verkauf der Maschine wie nach ihrem Verkauf bleibt das Einkommen (der Mehrwert) in der Hand des Maschinenfabrikanten, das fixe Kapital in der Hand des anderen – des kapitalistischen Käufers der Maschine. Genauso wie im ersten Beispiel das variable Kapital stets in der Hand des Kapitalisten, das Einkommen in der Hand des Arbeiters blieb, Was die Verwirrung bei Smith und allen seinen Nachfolgern angestiftet hat, ist, daß sie bei dem kapitalistischen Warenaustausch die Gebrauchsform der Waren mit ihren Wertverhältnissen durcheinanderwarfen, und ferner, daß sie die einzelnen Kapitalzirkulationen und Warenzirkulationen nicht auseinanderhielten, die sich auf Schritt und Tritt ineinander verschlingen. Ein und derselbe Akt des Warenaustausches kann von einer Seite gesehen Kapitalzirkulation, von der anderen einfacher Warenaustausch zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse sein. Der falsche Satz: Was für den einen Kapital, ist für den anderen Einkommen und umgekehrt, reduziert sich also auf den richtigen Satz: Was für den einen Kapitalzirkulation, ist für den anderen einfacher Warenaustausch und umgekehrt. Dadurch wird nur die Verwandlungsfähigkeit des Kapitals in seiner Laufbahn und die Verschlingung verschiedener Interessensphären in dem gesellschaftlichen Austauschprozeß zum Ausdruck gebracht, die scharf umrissene Existenz aber des Kapitals im Gegensatz zum Einkommen, und zwar in seinen beiden markanten Gestalten als konstantes und variables, wird damit nicht aufgehoben.
Und doch kommt Smith in seinen Behauptungen, daß sich Kapital und Einkommen der einzelnen mit diesen Kategorien der Gesamtheit nicht völlig decken, der Wahrheit sehr nahe, nur daß es zur klaren Aufdeckung des Zusammenhangs noch weiterer Zwischenglieder bedurfte.
Fußnoten von Rosa Luxemburg 1. Siehe Das Kapital, Bd. II, S. 351 [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke Bd. 24. S. 376/377.]
3. Siehe R. Luxemburg. In: Die Neue Zeit, 18. Jg., Zweiter Band, S. 184. [Rosa Luxemburg: Zurück auf Adam Smith! In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 1, Erster Halbbd., Berlin 1972, S. 735.]
4. Wir lassen hier außer Betracht, daß bei Smith auch die umgekehrte Auffassung dazwischenläuft, wonach sich nicht der Preis der Waren in v + m auflöst, sondern der Wert der Waren aus v + m zusammensetzt! Dieses Quidproquo ist wichtiger für die Smithsche Werttheorie als in dem Zusammenhang, in dem und hier seine Formel v + m interessiert.
Anmerkungen der Redaktion 1*. Siehe Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Erster Teil. In Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 26.1, S. 70.
Die Akkumulation des Kapitals Erster Abschnitt Das Problem der Reproduktion Viertes Kapitel Das Marxsche Schema der einfachen Reproduktion Betrachten wir die Formel c + v + m als Ausdruck des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Haben wir es hier bloß mit einer theoretischen Konstruktion, mit einem abstrakten Schema zu tun, oder wohnt dieser Formel in der Anwendung auf die Gesamtgesellschaft ein realer Sinn inne, hat sie objektive gesellschaftliche Existenz?
Das c, konstantes Kapital, ist theoretisch erst von Marx als Kategorie von grundlegender Bedeutung aufgebracht worden. Allein schon Smith selbst, der ausschließlich mit den Kategorien fixes und zirkulierendes Kapital arbeitet, verwandelt das fixe Kapital tatsächlich und unbewußt für sich in konstantes, d. h., er faßt darunter nicht bloß Produktionsmittel, die in mehreren Jahren verschleißen, sondern auch solche, die jährlich ganz in die Produktion aufgehen. (1) Sein Dogma selbst von der Auflösung des Gesamtwerts in v + m und seine Beweisführung dafür führen ihn dazu, die zwei Kategorien der Produktionsbedingungen: die lebendige Arbeit und alle toten Produktionsmittel, auseinanderzuhalten. Auf der anderen Seite, wenn er aus den Einzelkapitalen und -einkommen den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß zu konstruieren sucht, bleibt ihm als „fixes“ Kapital in Wirklichkeit das konstante übrig.
Jeder einzelne Kapitalist verwendet zur Produktion seiner Waren gewisse sachliche Produktionsmittel: Baulichkeiten, Rohstoffe, Werkzeuge. Zur Herstellung der Gesamtheit der Waren ist in der gegebenen Gesellschaft offenbar die Gesamtheit der von den Einzelkapitalisten verwendeten sachlichen Produktionsmittel notwendig. Die Existenz dieser Produktionsmittel in der Gesellschaft ist eine ganz reale Tatsache, wenn sie auch in Gestalt lauter privater Einzelkapitale existieren. Hier kommt die allgemeine absolute Bedingung der gesellschaftlichen Produktion unter allen ihren historischen Formen zum Ausdruck. Die besondere kapitalistische Form äußert sich darin, daß die sachlichen Produktionsmittel eben als c, als Kapital fungieren, d. h. als Eigentum von Nichtarbeitenden, als Gegenpol proletarisierter Arbeitskräfte, als Gegenstück der Lohnarbeit. Das v, variables Kapital, ist Summe der in der Gesellschaft während der Jahresproduktion tatsächlich gezahlten Löhne. Auch diese Tatsache hat eine reale objektive Existenz, wenn sie gleich in einer Unzahl von Einzellöhnen zum Vorschein kommt. In jeder Gesellschaft ist die Anzahl der tatsächlich in der Produktion angespannten Arbeitskräfte und ihre jährliche Erhaltung eine Frage von grundlegender Wichtigkeit. Die besondere kapitalistische Form dieser Kategorie als v, als variables Kapital, besagt: 1., daß die Existenzmittel der Arbeitenden ihnen als Lohn, d. h. als Preis ihrer verkauften Arbeitskraft, entgegentreten, als Kapitaleigentum anderer, Nichtarbeitender, Besitzer der sachlichen Produktionsmittel; 2. als eine Geldsumme, d. h. bloß als Wertgestalt ihrer Lebensmittel. Das v drückt aus sowohl, daß die Arbeitenden „frei“ sind in doppeltem Sinne: persönlich frei und frei von allen Produktionsmitteln – als daß die Warenproduktion die allgemeine Form der Produktion in der gegebenen Gesellschaft ist.
Endlich das m – Mehrwert – stellt die Gesamtsumme aller von den Einzelkapitalisten erzielten Mehrwerte dar. In jeder Gesellschaft wird Mehrarbeit geleistet und wird z. B. auch in der sozialistischen Gesellschaft geleistet werden müssen. In dreifachem Sinne: als Arbeitsquantum zur Erhaltung Nichtarbeitender (Arbeitsunfähiges, Kinder, Greise, Gebrechlicher, öffentlicher Beamten und sog. liberaler Berufe, die am Produktionsprozeß nicht unmittelbar teilnehmen (2)), als Assekuranzfonds der Gesellschaft für elementare Unglücksfälle, die den jährlichen Ausfall der Produktenmasse gefährden (Mißernte, Waldbrand, Überschwemmungen), endlich als Fonds zur Erweiterung der Produktion, sei es infolge des Bevölkerungszuwachses, sei es infolge der kulturellen Hebung der Bedürfnisse. Die kapitalistische Form äußert sich in doppelter Hinsicht: 1. darin, daß die Mehrarbeit als Mehrwert, d. h. in Warenform und in Geld realisierbar geleistet wird, 2. darin, daß sie als Eigentum nichtarbeitender Besitzer der Produktionsmittel zum Vorschein kommt.
Die beiden Figuren v + m endlich stellen zusammen gleichfalls eine objektive Größe von allgemeiner Gültigkeit dar: die Gesamtsumme der in der Gesellschaft im Verlaufe eines Jahres geleisteten lebendigen Arbeit. Jede menschliche Gesellschaft, von welcher geschichtlichen Form auch, muß sich für diese Tatsache interessieren, sowohl im Verhältnis zu den erzielten Resultaten wie im Verhältnis zu den vorhandenen und verfügbaren Arbeitskräften überhaupt. Auch die Einteilung in v + m ist eine allgemeine, von den besonderen historischen Formen der Gesellschaft unabhängige Erscheinung. Der kapitalistische Ausdruck dieser Einteilung äußert sich nicht nur in den qualitativen Besonderheiten beider, die bereits hervorgehoben sind, sondern auch in ihrem quantitativen Verhältnis, darin, daß v die Tendenz zeigt, auf das physiologische und soziale Minimum. das zur Existenz der Arbeitenden notwendig ist, herabgedrückt zu werden, und daß das m auf Kosten des v und im Verhältnis zu ihm stets zu wachsen die Tendenz hat.
Letzterer Umstand drückt endlich die vorherrschende Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktion aus: die Tatsache, daß die Schaffung und Aneignung von Mehrwert der eigentliche Zweck und das treibende Motiv dieser Produktion ist.
Man sieht: Die der kapitalistischen Formel des Gesamtprodukts zugrunde liegenden Beziehungen sind von allgemeiner Gültigkeit und werden in jeder planmäßig organisierten Wirtschaftsform Gegenstand einer bewußten Regelung seitens der Gesellschaft – der Gesamtheit der Arbeitenden und ihrer demokratischen Organe in einer kommunistischen Gesellschaft, des besitzenden Zentrums und seiner despotischen Gewalt in einer auf Klassenherrschaft beruhenden Gesellschaft. Unter der kapitalistischen Produktionsform besteht eine planmäßige Regelung des Ganzen nicht. Die Gesamtheit der Kapitale wie der Waren der Gesellschaft besteht in Wirklichkeit aus einer Summe unzähliger zersplitterter Einzelkapitale und einzelner Warenposten.
Es entsteht somit die Frage, ob denn diese Summen selbst in der kapitalistischen Gesellschaft etwas mehr als den Sinn einer bloßen statistischen Aufstellung, noch dazu von sehr ungenauem und schwankendem Charakter besitzen. Auf dem Maßstab der Gesamtgesellschaft kommt jedoch zum Ausdruck, daß die völlig selbständige, selbstherrliche Einzelexistenz der privatkapitalistischen Betriebe bloß die historisch bedingte Form, während der gesellschaftliche Zusammenhang die Grundlage ist. Obwohl die Einzelkapitale völlig unabhängig agieren und eine gesellschaftliche Regelung vollständig fehlt, vollzieht sich die Gesamtbewegung aller Kapitale als ein einheitliches Ganzes. Auch diese Gesamtbewegung äußert sich in spezifisch kapitalistischen Formen. Während bei jeder planmäßig organisierten Produktionsform die Regelung sich vor allem auf das Verhältnis der gesamten geleisteten und zu leistenden Arbeit und den Produktionsmitteln – in den Zeichen unserer Formel gesprochen: zwischen (v + m) und c – oder zwischen der Summe der benötigten Lebensmittel benötigten Produktionsmittel – in der Formel dasselbe (v + m) zu c – bezieht, wird kapitalistisch die zur Erhaltung der toten Produktionsmittel wie der lebenden Arbeitskräfte benötigte gesellschaftliche Arbeit als ein Ganzes, als Kapital behandelt, dem die geleistete Mehrarbeit als m, Mehrwert, entgegengestellt wird. Das Verhältnis dieser beiden Größen m und (c + v) ist ein reales, objektives, handgreifliches Verhältnis der kapitalistischen Gesellschaft. nämlich die durchschnittliche Profitrate, die tatsächlich jedes Privatkapital nur als ein Teil eines gemeinsamen Ganzen, des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, behandelt, ihm den Profit als einen ihm nach Größe zukommenden Teil des aus der Gesellschaft herausgepreßten Gesamtmehrwerts ohne Rücksicht auf das von ihm tatsächlich erzielte Quantum zuweist. Das gesellschaftliche Gesamtkapital mit seinem Gegenstück, dem gesellschaftlichen Gesamtmehrwert, sind also nicht bloß reale Größen von objektiver Existenz, sondern ihr Verhältnis, der Durchschnittsprofit, leitet und lenkt – vermittelst des Mechanismus des Wertgesetzes – den ganzen Austausch, nämlich die quantitativen Austauschverhältnisse der einzelnen Warenarten unabhängig von ihren besonderen Wertverhältnissen, ferner die gesellschaftliche Arbeitsteilung, d. h. die Zuweisung entsprechender Kapitalportionen und Arbeitskräfte zu den einzelnen Produktionssphären, die Entwicklung der Produktivität der Arbeit, nämlich einerseits das Stimulieren der Einzelkapitale zu Pionierarbeiten, um sich über den Durchschnittsprofit zu erheben, und andererseits die Ausbreitung der von den einzelnen erzielten Fortschritte auf die Gesamtproduktion usw. Mit einem Wort: Das gesellschaftliche Gesamtkapital beherrscht durch die Durchschnittsprofitrate die scheinbar selbständigen Bewegungen der Einzelkapitale völlig. (3) Die Formel c + v + m paßt also nicht bloß auf die Wertzusammensetzung jeder einzelnen Ware, sondern auch auf die Gesamtheit der in einer Gesellschaft kapitalistisch produzierten Waren. Dies bezieht sich aber nur auf die Wertzusammensetzung. Darüber hinaus hört die Analogie auf.
Die genannte Formel ist nämlich vollkommen exakt, wenn wir das Gesamtprodukt einer kapitalistisch produzierenden Gesellschaft als Totalität, als Arbeitsprodukt eines Jahres, auf ihre betreffenden Bestandteile analysieren wollen. Die Figur c zeigt uns an, wieviel von vergangener, in früheren Jahren in Gestvon Produktionsmitteln geleisteter Arbeit in das Produkt dieses Jahres mit übernommen worden ist. Die Figur v + m zeigt den Wertbestandteil des Produkts, der ausschließlich im letzten Jahre durch Neuarbeit geschaffen worden ist, endlich das Verhältnis von v und m zeigt uns die Verteilung des jährlichen Arbeitspensums der Gesellschaft zwischen der Erhaltung der Arbeitenden und der Erhaltung der Nichtarbeitenden. Diese Analyse bleibt richtig und maßgebend auch für die Reproduktion des Einzelkapitals, ohne jede Rücksicht auf die sachliche Gestalt des von ihm geschaffenen Produkts. Bei dem Kapitalisten der Maschinenindustrie erscheinen c wie v wie m unterschiedslos in Gestalt von Maschinen oder Maschinenteilen wieder. Bei seinem Kollegen von der Zuckerbranche kommen c wie v und m aus dem Produktionsprozeß in Zuckergestalt zur Welt. Beim Eigentümer eines Tingeltangels werden sie in den Körperreizen der Tänzerinnen und der „Exzentriks“ vergegenständlicht. Sie unterscheiden sich voneinander in dem unterschiedslosen Produkt nur als dessen aliquote Wertteile. Und dies genügt für die Reproduktion des Einzelkapitals vollkommen. Denn die Reproduktion des Einzelkapitals beginnt mit der Wertgestalt des Kapitals, ihr Ausgangspunkt ist eine gewisse Geldsumme, die aus der Realisierung des hergestellten Produkts herausspringt. Die Formel c + v + m ist dann die gegebene Grundlage für die Einteilung jener Geldsumme in einen Teil zum Ankauf von sachlichen Produktionsmitteln, einen anderen zum Ankauf der Arbeitskraft und einen dritten zur persönlichen Konsumtion des Kapitalisten, falls, wie wir hier zunächst annehmen, einfache Reproduktion stattfindet, oder nur zum Teil zur persönlichen Konsumtion, zum Teil zur Vergrößerung des Kapitals, falls erweiterte Reproduktion stattfinden soll. Daß er zur tatsächlichen Reproduktion mit dem so eingeteilten Geldkapital wieder den Warenmarkt beschreiten muß, um die sachlichen Voraussetzungen der Produktion: Rohstoffe, Werkzeuge usw. sowie Arbeitskräfte zu erwerben, versteht sich von selbst. Daß der Einzelkapitalist dann auf dem Markt die Produktionsmittel und Arbeitskräfte, die er für sein Geschäft braucht, auch tatsächlich vorfindet, erscheint dem Einzelkapitalisten wie seinem wissenschaftlichen Ideologen, dem Vulgärökonomen, ebenso selbstverständlich.
Anders bei der gesellschaftlichen Gesamtproduktion. Vom Standpunkte der Gesamtgesellschaft kann der Warenaustausch nur eine Translokation, einen allseitigen Platzwechsel der einzelnen Teile des Gesamtprodukts bewerkstelligen, er kann aber seine sachliche Zusammensetzung nicht ändern. Nach wie vor diesem Platzwechsel kann die Reproduktion des Gesamtkapitals nur dann stattfinden, wenn sich in dem aus der letzten Produktionsperiode hervorgegangenen Gesamtprodukt 1. genügende Produktionsmittel, 2. ausreichende Lebensmittel zur Erhaltung der früheren Anzahl Arbeitskräfte, 3., last not least, die erforderlichen Lebensmittel zur „standesgemäßen“ Erhaltung der Kapitalistenklasse nebst Zubehör vorfinden. Hier werden wir auf ein neues Gebiet geleitet: aus reinen Wertverhältnissen zu sachlichen Gesichtspunkten. Es kommt jetzt auf die Gebrauchsgestalt des gesellschaftlichen Gesamtprodukts an. Was dem Einzelkapitalisten völlig Hekuba [1*], wird für den Gesamtkapitalisten ernste Sorge. Während für den Einzelkapitalisten gehupft wie gesprungen ist, ob die von ihm produzierte Ware Maschine, Zucker, künstlicher Dünger oder ein freisinniges Intelligenzblatt ist, vorausgesetzt nur, daß er sie an den Mann bringt, um sein Kapital nebst Mehrwert herauszuziehen, bedeutet es für den Gesamtkapitalisten unendlich viel, daß sein Gesamtprodukt eine ganz bestimmte Gebrauchsgestalt hat, und zwar, daß in diesem Gesamtprodukt dreierlei Dinge vorzufinden sind: Produktionsmittel zur Erneuerung des Arbeitsprozesses, einfache Lebensmittel zur Erhaltung der Arbeiterklasse und bessere Lebensmittel mit dem nötigen Luxus zur Erhaltung des Gesamtkapitalisten selbst. Ja, der Wunsch in dieser Hinsicht ist nicht allgemein und vag, sondern ganz exakt quantitativ bestimmt. Fragen wir, wie groß die Mengen der vom Gesamtkapitalisten benötigten Dinge aller drei Kategorien sind, so bekommen wir einen genauen Voranschlag – vorausgesetzt immer die einfache Reproduktion, die wir als Ausgangspunkt nehmen – in der Wertzusammensetzung des Gesamtprodukts des letzten Jahres. Die Formel c + v + m, die wir bis jetzt so gut für das Gesamtkapital wie für das Einzelkapital als eine bloße quantitative Einteilung des Gesamtwertes, d. h. der im Jahresprodukt der Gesellschaft steckenden Arbeitsmenge aufgefaßt haben, erscheint jetzt zugleich als die gegebene Grundlage der sachlichen Einteilung des Produkts. Es ist klar, daß, um die Reproduktion in demselben Umfang in Angriff zu nehmen, der Gesamtkapitalist in seinem neuen Gesamtprodukt so viel Produktionsmittel vorfinden muß, wie es der Größe c entspricht, so viel einfache Lebensmittel für die Arbeiter, wie es der Lohnsumme v entspricht, und so viel feinere Lebensmittel für sich nebst Anhang, wie es die Größe m erfordert. Die Wertzusammensetzung des gesellschaftlichen Jahresprodukts übersetzt sich also in die sachliche Gestalt dieses Produkts in folgender Weise: Das gesamte c der Gesellschaft muß als ebenso viele Produktionsmittel, das v als Lebensmittel der Arbeiter und m als Lebensmittel der Kapitalisten wiedererscheinen – wenn anders die einfache Reproduktion ermöglicht werden soll.