Gegen diese „Revolutionsromantik“ gibt es nur noch einen Einwand, der freilich um so häufiger vorgebracht wird, nämlich den, daß die Verhältnisse in Rußland nichts für uns in Westeuropa bewiesen, da sie von diesen grundverschieden seien.
Die Verschiedenheit der Verhältnisse ist mir natürlich nicht unbekannt, wenn man sie auch nicht übertreiben darf. Die jüngste Broschüre unserer Genossin Luxemburg beweist klar, daß die russische Arbeiterklasse nicht so tief steht und so wenig erreicht hat, als man gewöhnlich annimmt. Wie die englischen Arbeiter es sich abgewöhnen müssen, auf das deutsche Proletariat als ein rückständiges Geschlecht herabzusehen, so müssen wir in Deutschland uns das gleiche gegenüber dem russischen abgewöhnen.
Und noch weiter: Die englischen Arbeiter stehen als politischer Faktor heute noch tiefer als die Arbeiter des ökonomisch rückständigsten, politisch unfreiesten europäischen Staates: Rußland. Es ist ihr lebendiges revolutionäres Bewußtsein, was diesen ihre große praktische Kraft gibt; es war der Verzicht auf die Revolution, die Beschränkung auf die Interessen des Augenblicks, die sogenannte Realpolitik, was jene zu einer Null in der wirklichen Politik machte. [10] Doch lassen wir vorläufig die russischen Verhältnisse beiseite und wenden uns der Schilderung zu, die Genosse Kautsky von den preußisch-deutschen Verhältnissen gibt. Merkwürdigerweise vernehmen wir auch hier Erstaunliches. Bis jetzt ist es züm Beispiel das Vorrecht des ostelbischen Junkertums gewesen, dem erhebenden Bewußtsein zu leben, daß Preußen „die stärkste Regierung der Gegenwart“ besitze. Wie hingegen die Sozialdemokratie dazu kommen sollte, eine Regierung in allem Ernst als „die stärkste“ anzuerkennen, die „nichts andres als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflußter, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus ist“, das zu begreifen fällt mir etwas schwer. Das läppische Jammerbild des Bethmann Hollwegschen „Kabinetts“, eine Regierung, die reaktionär bis auf die Knochen, dabei ohne Plan, ohne jede Richtlinie der Politik, mit Lakaien und Bürokraten statt Staatsmännern, mit einem schrullenhaften Zickzackkurs, im Innern der Spielball einer ordinären Junkerclique und eines frechen Intrigenspiels des höfischen Gesindels, in der auswärtigen Politik der Spielball eines unzurechnungsfähigen persönlichen Regiments, vor wenigen Jahren verächtlicher Stiefelputzer der „schwächsten Regierung der Welt“, des russischen Zarismus, gestützt auf eine Armee, die zu einem enormen Teil aus Sozialdemokraten besteht, mit dem stupidesten Drill, den infamsten Soldatenmißhandlungen der Welt – dies die „stärkste Regierung der Gegenwart“! Jedenfalls ein eigentümlicher Beitrag zur materialistischen Geschichtsauffassung, die bis jetzt die „Stärke“ einer Regierung nicht aus ihrer Rückständigkeit, Kulturfeindlichkeit, dem „Kadavergehorsam“ und dem Polizeigeist ableitete. Nebenbei hat Genosse Kautsky für diese „stärkste Regierung“ noch ein übriges getan und sie sogar mit dem „Glanz bald eines Jahrhunderts beständiger Siege über die stärksten Großmächte der Welt“ umwoben. In den Kriegervereinen hat man bis jetzt nur von dem „glorreichen Feldzug“ von 1870 gezehrt. Um sein „Jahrhundert“ des preußischen Glanzes zu konstruieren, hat Genosse Kautsky offenbar auch schon die Schlacht bei Jena mitgenommen sowie den Hunnenfeldzug nach China [11] mit unserem Waldersee an der Spitze und den Sieg Trothas über die Hottentottenweiber und Kinder in der Kalahari. [12] Wie hieß es doch in dem schönen Artikel des Genossen Kautsky Die Situation des Reiches im Dezember 1906 zum Schluß einer langen und detaillierten Schilderung: Man vergleiche die glänzende äußere Lage des Reiches bei seinem Beginn mit der heutigen Situation und man wird zugeben, daß nie ein glänzendes Erbe an Macht und Prestige rascher vertan ward..., niemals seit seinem Bestand war des Deutschen Reiches Stellung in der Welt schwächer und nie hat eine deutsche Regierung gedankenloser und launenhafter mit dem Feuer gespielt wie in der jüngsten Zeit. [1*] Damals galt es allerdings den glänzenden Wahlsieg auszumalen, der uns bei den Wahlen 1907 [13] erwartete, und die gewaltigen Katastrophen, die sich daraus nach Genossen Kautsky mit derselben Notwendigkeit ergeben sollten, mit der er sie jetzt auf die nächste Reichstagswahl folgen läßt.
Auf der anderen Seite konstruiert Genosse Kautsky auf Grund seiner Schilderung der ökonomischen und politischen Verhältnisse Deutschlands und Westeuropas eine Streikpolitik, die – an der Wirklichkeit gemessen – eine geradezu erstaunliche Phantasie ist. „Zum Streik“, versichert uns Genosse Kautsky, „greift der Arbeiter in Deutschland – und in Westeuropa überhaupt – nur als Kampfesmittel, wenn er die Aussicht hat, dadurch bestimmte Erfolge zu erzielen. Bleiben diese Erfolge aus, dann hat der Streik seinen Zweck verfehlt.“ [14] Genosse Kautsky hat mit dieser Entdeckung ein hartes Urteil über die Praxis der deutschen und „westeuropäischen“ Gewerkschaften gesprochen. Denn was zeigt uns zum Beispiel die Statistik der Streiks in Deutschland? Von den 19.766 Streiks und Aussperrungen, die wir insgesamt seit 1890 bis 1908 hatten, sind ein ganzes Viertel (25,2 Prozent) völlig erfolglos, fast ein weiteres Viertel (22,5 Prozent) nur teilweise erfolgreich und weniger als die Hälfte (49,5 Prozent) ganz erfolgreich gewesen. [2*] Ebenso kraß widerspricht diese Statistik der Theorie des Genossen Kautsky, wonach infolge der machtvollen Entwicklung der Arbeiterorganisationen wie der Unternehmerorganisationen „die Kämpfe zwischen diesen Organisationen ebenfalls immer mehr zentralisiert und konzentriert“ und deshalb „immer seltener“ [15] werden. In dem Jahrzehnt 1890 bis 1899 hatten wir in Deutschland insgesamt an Streiks und Aussperrungen 3.772, in den neun Jahren aber 1900 bis 1908, in der Zeit des größten Wachstums der Unternehmerverbände wie der Gewerkschaften, 15.994. Die Streiks werden so wenig „immer seltener“, daß sie vielmehr im letzten Jahrzehnt viermal zahlreicher geworden sind, wobei im ganzen in dem vorhergehenden Jahrzehnt 425.142 Arbeiter an den Streiks beteiligt waren, in den letzten neun Jahren 1.709.415, wiederum viermal soviel, also im Durchschnitt pro Streik ungefähr die gleiche Zahl.
Nach dem Schema des Genossen Kautsky hätten ein Viertel bis die Hälfte aller dieser gewerkschaftlichen Kämpfe in Deutschland „ihren Zweck verfehlt“. Allein jeder gewerkschaftliche Agitator weiß sehr wohl, daß der „bestimmte Erfolg“ in Gestalt von materiellen Errungenschaften durchaus nicht der einzige Zweck, nicht der einzige maßgebende Gesichtspunkt bei den wirtschaftlichen Kämpfen ist und sein darf, daß die Gewerkschaftsorganisationen „in Westeuropa“ vielmehr auf Schritt und Tritt in die Zwangslage kommen, den Kampf auch mit geringen Aussichten auf „bestimmten Erfolg“ aufzunehmen, wie dies namentlich die Statistik der reinen Abwehrstreiks zeigt, von denen in den letzten neunzehn Jahren in Deutschland ganze 32,5 Prozent völlig erfolglos verliefen. Daß solche „erfolglosen“ Streiks indes nicht bloß „ihren Zweck“ nicht „verfehlt“ haben, sondern daß sie zur Verteidigung der Lebenshaltung der Arbeiter, zur Aufrechterhaltung der Kampfenergie in der Arbeiterschaft, zur Erschwerung künftiger neuer Angriffe des Unternehmertums eine direkte Lebensbedingung sind, das gehört ja zu den elementarsten Grundsätzen der deutschen Gewerkschaftspraxis. Es ist ferner allgemein bekannt, daß außer dem „bestimmten Erfolg“ an materiellen Errungenschaften und auch ohne diesen Erfolg die Streiks „in Westeuropa“ das vielleicht wichtigste Ergebnis haben, als Ausgangspunkt der gewerkschaftlichen Organisation zu dienen, und daß es namentlich in zurückgebliebenen Orten und in schwer zu organisierenden Arbeitszweigen meist solche „erfolglosen“ und „unüberlegten“ Streiks sind, aus denen immer wieder die Fundamente der Gewerkschaftsorganisation entstehen. Die Kampf- und Leidensgeschichte der Textilarbeiter im Vogtland, deren berühmtestes Kapitel der große Crimmitschauer Streik [16] bildet, ist ein einziger Beleg dafür. Mit der „Strategie“, die sich Genosse Kautsky jetzt zurechtgelegt hat, läßt sich nicht bloß keine große politische Massenaktion führen, sondern nicht einmal eine gewöhnliche Gewerkschaftsbewegung.
Aber das obige Schema für die „westeuropäischen“ Streiks hat noch eine andere klaffende Lücke, und zwar gerade in dem Punkte, auf dem der wirtschaftliche Kampf für die Frage der Massenstreiks, also für unser eigentliches Thema, in Betracht kommt. Dieses Schema schließt nämlich ganz die Tatsache aus, daß gerade „in Westeuropa“ je länger, je mehr gewaltige Streiks ohne viel „Plan“ wie ein Elementargewitter auf solchen Gebieten ausbrechen, wo eine große ausgebeutete Masse von Proletariern der konzentrierten Übermacht des Kapitals oder des kapitalistischen Staates gegenübersteht, Streiks, die nicht „immer seltener“, sondern immer häufiger werden, die meist ganz ohne „bestimmte Erfolge“ verlaufen, trotzdem aber oder vielmehr gerade deshalb von größter Bedeutung sind als Explosionen eines tiefen inneren Gegensatzes, der direkt auf das politische Gebiet hinüberspielt. Hierher gehören die periodischen Riesenstreiks der Bergarbeiter in Deutschland, in England, in Frankreich, in Amerika, hierher gehören die spontanen Massenstreiks der Landarbeiter, wie sie in Italien, in Galizien stattgefunden haben, ferner die Massenstreiks der Eisenbabnarbeiter, die bald in diesem, bald in jenem Staate ausbrechen. Wie hieß es doch in dem trefflichen Artikel des Genossen Kautsky über Die Lehren des Bergarbeiterstreiks im Ruhrrevier im Jahre 1905: Nur auf diesem Wege lassen sich noch erhebliche Fortschritte für die Bergarbeiterschaft erzielen. Der Streik gegen die Grubenbesitzer ist aussichtslos geworden; der Streik muß von vornherein als politischer auftreten, seine Forderungen, seine Taktik müssen darauf berechnet sein, die Gesetzgebung in Bewegung zu setzen...Diese neue gewerkschaftliche Taktik – fährt Genosse Kautsky fort –, die des politischen Streiks, der Verbindung von gewerkschaftlicher und politischer Aktion, ist die einzige, die den Bergarbeitern noch möglich bleibt, sie ist überhaupt diejenige, die bestimmt ist, die gewerkschaftliche wie die parlamentarische Aktion neu zu beleben und der einen wie der anderen erhöhte Aggressivkraft zu geben.
Es könnte scheinen, daß hier unter „politischer Aktion“ vielleicht nur die parlamentarische Aktion und nicht etwa politische Massenstreiks zu verstehen sind. Genosse Kautsky zerstreut jeden Zweifel, indem er klipp und klar erklärt: Aber die großen entscheidenden Aktionen des kämpfenden Proletariats werden immer mehr durch die verschiedenen Arten des politischen Streiks auszufechten sein. Und die Praxis schreitet da schneller vorwärts wie die Theorie. Denn während wir über den politischen Streik diskutieren und nach seiner the0retischen Formulierung und Begründung suchen, entbrennt spontan, durch Selbstentzündung der Massen, ein gewaltiger politischer Massenstreik nach dem anderen – oder wird jeder Massenstreik zu einer politischen Aktion, gipfelt jede große politische Kraftprobe in einem Massenstreik, sei es bei den Bergarbeitern, sei es unter den Proletariern Rußlands, den Landarbeitern und Eisenbahnern Italiens usw. [3*] So schrieb Genosse Kautsky am 11. März 1905.
Hier haben wir „die Selbstentzündung der Massen“ und die gewerkschaftliche Leitung, ökonomische Kämpfe und politische Kämpfe, Massen- streiks und Revolution, Rußland und Westeuropa im schönsten Durcheinander, alle Rubriken des Schemas in lebendigem Zusammenhang einer großen Periode heftiger sozialer Stürme verschmolzen.
Es scheint, daß „die Theorie“ nicht bloß langsamer „vorwärtsschreitet“ als die Praxis, sie macht leider zuweilen auch noch Purzelbäume nach rückwärts.
Fußnoten von Rosa Luxemburg 2*. Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, 1909, Nr. 7. Statistische Beilage.
Anmerkungen 1. K. Kautsky, Eine neue Strategie, in: Die Neue Zeit, 28. Jg. 1909/10, Zweiter Band, S. 365.
2. Vom Januar 1904 bis September 1905 hatte Japan einen imperialistischen Krieg gegen Rußland um die Vorherrschaft im Fernen Osten geführt. Die schwere Niederlage der russischen Truppen im Jahre 1905 schwächte den Zarismus und verschärfte die revolutionäre Krise in Rußland.
3. K. Kautsky, Eine neue Strategie, in: Die Neue Zeit, 28. Jg. 1909/10, Zweiter Band, S. 368.
5. Ebenda.
6. Ebenda, S. 370.
7. Im Jahre 1861 wurde in Rußland die Leibeigenschaft aufgehoben. doch blieben die sozialen Widersprüche trotz dieser und einiger anderer Reformen bestehen.
8. Das zaristische Innenministerium unter I.L. Goremykin hatte in einem Rundschreiben vom 17. Juli 1898 außerordentliche Maßnahmen zur Niederwerfung der Bauernerhebungen gefordert.
9. Im Verlauf der russischen Revolution 1905 waren in mehreren Städten Rußlands Sowjets der Arbeiterdeputierten als revolutionäre Machtorgane der Arbeiterklasse entstanden, unter denen der Petersburger Sowjet besonders herausragte.
10. Karl Kautsky, Die Soziale Revolution. Teil 1: Sozialreform und soziale Revolution, zweite, durchgesehene und vermehrte Auflage, Berlin 1907, S. 59 u. 63.
11. 1899 war in Nordchina der antiimperialistische Volksaufstand der Ihotuan ausgebrochen, der 1900 durch die vereinigten Armeen von acht imperialistischen Staaten unter Führung des deutschen Generals Alfred Graf von Waldersee grausam niedergeworfen wurde. China wurde gezwungen, hohe Kontributionen zu zahlen und der Errichtung von Stützpunkten für die Interventionsarmeen zuzustimmen. Das Eingreifen der deutschen Truppen ist auch als sogenannter Hunnenfeldzug bekannt geworden.
12. Siehe Anm.11.
13. Die Wahlen zum Reichstag (bekannt geworden als Hottentottenwahlen) hatten am 25. Januar und 3. Februar stattgefunden. Die Sozialdemokratie konnte ihre absolute Stimmenzahl von 3 Millionen im Jahre 1903 auf fast 3,3 Millionen 1907 steigern. Auf Grund der veralteten Wahlkreiseinteilung sowie der Stichwahlbündnisse der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie erhielt diese nur 43 Mandate gegenüber 81 im Jahre 1903.
14. K. Kautsky, Eine neue Strategie, in: Die Neue Zeit, 28. Jg. 1909/10, Zweiter Band. S. 369.
15. Ebenda, S. 372.
16. Im August 1903 waren in Crimmitschau etwa 8.000 Textilarbeiter für Zehnstundentag und Lohnerhöhung in den Streik getreten. Das Eingreifen der Staatsgewalt und die Verhängung des Kleinen Belagerungszustandes über Crimmitschau verliehen dem Streik politischen Charakter. Alle Versuche der Unternehmer. den Streik beizulegen. scheiterten an der Kampfentschlossenheit der Arbeiter. die durch die Solidarität der deutschen und internationalen Arbeiterklasse gestärkt wurde. Erst das Eingreifen reformistischer Gewerkschaftsführer gegen den Willen der Streikenden zwang die Arbeiter. im Januar 1904 die Arbeit bedingungslos wiederaufzunehmen.
Die Theorie und die Praxis III Wir haben die tatsächliche Unterlage der neuesten Theorie des Genossen Kautsky über Rußland und Westeuropa kurz geprüft. Das wichtigste an dieser jüngsten Schöpfung ist jedoch ihre allgemeine Tendenz, die dahin geht, einen schroffen Gegensatz zwischen dem revolutionären Rußland und dem parlamentarischen „Westeuropa“ zu konstruieren und die hervorragende Rolle, die der politische Massenstreik in der russischen Revolution gespielt hat, als ein Produkt der ökonomischen und politischen Rückständigkeit Rußlands hinzustellen.
Hier ist aber dem Genossen Kautsky das Unangenehme passiert, viel zuviel bewiesen zu haben. Etwas weniger wäre in diesem Falle entschieden mehr gewesen.
Vor allem hat Genosse Kautsky nicht bemerkt, daß seine jetzige Theorie seine frühere Theorie von der „Ermattungsstrategie“ umbringt. Im Mittelpunkt der „Ermattungsstrategie“ stand der Hinweis auf die kommenden Reichstagswahlen. [1] Mein unverzeihlicher Fehler lag ja darin, daß ich schon im gegenwärtigen Kampfe um das preußische Wahlrecht den Massenstreik für angebracht hielt, während Genosse Kautsky erklärte, daß erst unser künftiger gewaltiger Sieg bei den Reichstagswahlen im nächsten Jahre die „ganz neue Situation“ schaffen werde, die den Massenstreik notwendig und angebracht machen dürfte. Nun hat aber Genosse Kautsky jetzt mit aller wünschenswerten Klarheit bewiesen, daß für eine Periode politischer Massenstreiks in ganz Deutschland, ja in ganz Westeuropa überhaupt die Bedingungen fehlen. „Wegen des halben Jahrhunderts sozialistischer Bewegung, sozialdemokratischer Organisation und politischer Freiheit“ seien in Westeuropa sogar einfache Demonstrationsmassenstreiks von dem Umfang und der Wucht der russischen fast unmöglich geworden. Ist dem aber so, dann erscheinen die Aussichten auf den Massenstreik nach den Reichstagswahlen ziemlich problematisch. Es ist klar, daß all die Bedingungen, die den Massenstreik in Deutschland überhaupt unmöglich machen: die stärkste Regierung der Gegenwart und ihr glänzendes Prestige, der Kadavergehorsam der Staatsarbeiter, die unerschütterliche trotzige Macht der Unternehmerverbände, die politische Isolierung des Proletariats, daß all das nicht bis zum nächsten Jahre plötzlich verschwinden wird. Liegen die Gründe, die gegen den politischen Massenstreik sprechen, nicht mehr in der momentanen Situation, wie es noch die „Ermattungsstrategie“ wollte, sondern gerade in den Resultaten des „halben Jahrhunderts sozialistischer Aufklärung und politischer Freiheit“, in dem hohen Entwicklungsgrad des ökonomischen und politischen Lebens „Westeuropas“, dann erweist sich die Verschiebung der Erwartungen auf einen Massenstreik von jetzt auf das nächste Jahr nach den Reichstagswahlen bloß als ein bescheidenes Feigenblatt der „Ermattungsstrategie“, deren einziger reeller Inhalt demnach in der Empfehlung der Reichstagswahlen besteht. Ich habe in meiner ersten Antwort [2] darzulegen gesucht, daß die „Ermattungsstrategie“ in Wirklichkeit auf „Nichtsalsparlamentarismus“ hinausläuft. Genosse Kautsky bestätigt dies jetzt selbst durch seine theoretischen Vertiefungen.
Noch mehr. Genosse Kautsky verschob zwar die große Massenaktion auf die Zeit nach den Reichstagswahlen, er mußte aber gleichzeitig selbst zugeben, daß der politische Massenstreik bei der jetzigen Situation „jeden Augenblick“ notwendig werden könne, denn seit dem Bestand des Deutschen Reiches waren die sozialen, politischen, internationalen Gegensätze niemals so gespannt wie jetzt“. [3] Wenn nun aber allgemein die sozialen Bedingungen, der geschichtliche Reifegrad in „Westeuropa“ und namentlich in Deutschland eine Massenstreikaktion unmöglich machen, wie kann dann auf einmal „jeden Augenblick“ eine solche Aktion ins Werk gesetzt werden? Eine brutale Provokation der Polizei, ein Blutvergießen bei einer Demonstration können plötzlich die Erregung der Massen sehr steigern und die Situation verschärfen, sie können aber offenbar nicht jener „stärkste Anlaß“ sein, der plötzlich die ganze wirtschaftliche und politische Struktur Deutschlands umstülpt.
Genosse Kautsky hat aber noch weiter etwas Überflüssiges bewiesen. Sind die allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in Deutschland derartige, daß sie eine Massenstreikaktion in der Art der russischen unmöglich machen, und ist die Ausdehnung, die der Massenstreik in der russischen Revolution angenommen hatte, das Ergebnis der spezifisch russischen Rückständigkeit, dann ist nicht bloß die Anwendung des Massenstreiks im preußischen Wahlrechtskampf, sondern der Jenaer Beschluß überhaupt in Frage gestellt. Bis jetzt wurde der Beschluß des Jenaer Parteitags [4] als eine so hochbedeutsame Kundgebung im In- und Ausland betrachtet, weil er offiziell den Massenstreik als politisches Kampfmittel dem Arsenal der russischen Revolution entlehnte und der Taktik der deutschen Sozialdemokratie einverleibte. Freilich wurde dieser Beschluß formal so gefaßt und von manchen ausschließlich so ausgelegt, daß die Sozialdemokratie erklärte, nur im Falle der Verschlechterung des Reichstagswahlrechtes den Massenstreik anwenden zu wollen. Jedenfalls gehörte aber Genosse Kautsky früher nicht zu jenen Formalisten, denn er schrieb ja schon im Jahre 1904 ausdrücklich: Lernen wir vom belgischen Beispiel, dann werden wir zur Überzeugung kommen, es wäre für uns in Deutschland ein verhängnisvoller Fehler, wollten wir uns auf die Proklamierung des politischen Streiks für einen bestimmten Termin, etwa für den Fall der Verschlechterung des gegenwärtigen Reicbstagswablrecbtes [Hervorhebung – R.L.], festlegen.“ [1*] Die Hauptbedeutung, der eigentliche Inhalt des Jenaer Beschlusses lag in der Tat nicht in dieser formalistischen „Festlegung“, sondern in der Tatsache, daß die deutsche Sozialdemokratie grundsätzlich die Lehren und das Beispiel der russischen Revolution akzeptierte. Es war der Geist der russischen Revolution, der die Tagung unserer Partei in Jena beherrschte. Wenn nun Genosse Kautsky gerade die Rolle des Massenstreiks in der russischen Revolution aus der Rückständigkeit Rußlands ableitet und damit einen Gegensatz zwischen dem revolutionären Rußland und dem parlamentarischen „Westeuropa“ konstruiert, wenn er vor Beispielen und Methoden der Revolution nachdrücklich warnt, ja wenn er andeutungsweise sogar die Niederlage des Proletariats in der russischen Revolution der grandiosen Massenstreikaktion, durch die das Proletariat „schließlich erschöpft werden mußte“, auf das Schuldkonto schreibt – kurz, wenn Genosse Kautsky jetzt klipp und klar erklärt: „Aber wie dem auch sein möge, für deutsche Verhältnisse paßt jedenfalls das Schema des russischen Massenstreiks vor und während der Revolution nicht“ [5], dann erscheint offenbar von diesem Standpunkt als eine unbegreifliche Verirrung, wenn die deutsche Sozialdemokratie offiziell gerade von der russischen Revolution als neues Kampfmittel den Massenstreik entlehnte. Die jetzige Theorie des Genossen Kautsky ist im Grunde genommen eine grausam-gründliche Revision des Jenaer Beschlusses.
Um seine einzelne schiefe Stellungnahme in der letzten preußischen Wahlrechtskampagne zu rechtfertigen, gibt so Genosse Kautsky Schritt für Schritt die Lehren der russischen Revolution für das deutsche und westeuropäische Proletariat, die bedeutendste Erweiterung und Bereicherung der proletarischen Taktik im letzten Jahrzehnt preis.
Fußnote von Rosa Luxemburg 1*. K. Kautsky, Allerhand Revolutionäres, in: Neue Zeit, XXII, 1, S. 736.
Anmerkungen 1. Die Reichstagswahlen fanden am 12. Januar 1912 statt. Die Sozialdemokratie konnte die Zahl ihrer Mandate gegenüber 1907 von 43 auf 110 erhöhen und wurde somit zur stärksten Fraktion im Reichstag.
2. R. Luxemburg, Ermattung oder Kampf?, in R. Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 344–377.
3. K. Kautsky: Was nun?, in: Die Neue Zeit (Stuttgart), 28. Jg. 1909/10. Zweiter Band, S. 80.
4. Die auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie vom 17. bis 23. September 1905 in Jena beschlossene Resolution bezeichnete die umfassendste Anwendung der Massenarbeitseinstellung als eines der wirksamsten Kampfmittel der Arbeiterklasse, beschränkte allerdings die Anwendung des politischen Massenstreiks im wesentlichen auf die Verteidigung des Reichstagswahlrechts und des Koalitionsrechts.
5. K. Kautsky, Eine neue Strategie, in: Die Neue Zeit, 28. Jg. 1909/10. Zweiter Band. S. 374.
Die Theorie und die Praxis IV [1*] Im Lichte der Konsequenzen, die sich aus der neuesten Theorie des Genossen Kautsky ergeben, kommt erst deutlich zutage, wie sehr diese Theorie von Grund aus verfehlt ist. Die in der Geschichte der modernen Klassenkämpfe beispiellose Massenstreikaktion des russischen Proletariats aus der sozialen Rückständigkeit Rußlands ableiten heißt mit anderen Worten die hervorragende Bedeutung, die führende Rolle des städtischen großindustriellen Proletariats in der russischen Revolution durch die „Rückständigkeit“ Rußlands erklären, heißt also die Dinge direkt auf den Kopf stellen. Es war nicht die ökonomische Zurückgebliebenhejt sondern gerade die hohe Entwicklung des Kapitalismus, der modernen Industrie und des Verkehrs in Rußland, was jene grandiose Massenstreikaktion ermöglicht und bedingt hat. Nur weil das städtische Industrieproletariat in Rußland bereits so zahlreich, in großen Zentren zusammengefaßt, von dem Klassenbewußtsein so stark ergriffen, nur weil der echt moderne kapitalistische Gegensatz so weit gediehen war, konnte der Kampf um die politische Freiheit in entschlossener Weise nur von diesem Proletariat geführt, als solcher aber kein reiner Verfassungskampf nach liberalem Rezept, sondern ein echter moderner Klassenkampf in seiner ganzen Breite und Tiefe werden, in dem sowohl um ökonomische wie um politische Interessen der Arbeiter gestritten wurde, gegen das Kapital wie gegen den Zarismus, um den Achtstundentag wie um die demokratische Verfassung. Und nur weil die kapitalistische Industrie und die mit ihr verbundenen modernen Verkehrsmittel bereits zur Existenzbedingung des wirtschaftlichen Lebens des Staates geworden, konnten die Massenstreiks des Proletariats in Rußland eine so erschütternde, ausschlaggebende Wirkung erzielen, daß die Revolution mit ihnen ihre Siege feierte und mit ihnen unterlag und verstummte.
Ich finde momentan keine genauere Formulierung derjenigen Momente, auf die es hier ankommt, als die ich schon einmal in meiner Schrift über den Massenstreik aus dem Jahre 1906 gegeben: Wir haben gesehen – schrieb ich dort –, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen Revolution darstellt. Welches sind nun die Momente, die in Rußland diese neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben?
Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung des Absolutismus und die Herstellung eines modernen bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formal ist es genau dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formal analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen Revolution im Osten der ganze Zyklus der kapitalistischen Entwicklung abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige, widerspruchsvolle geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren formalen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem modernen, klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird und in einem internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende, revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens, während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element, während die groß- bürgerlichen Schichten teils direkt konterrevolutionär, teils schwächlich- liberal und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell, ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das dermaßen zurführenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt ist, tritt, selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie, dafür mit einem stark entwickelten Bewußtseib der eigenen spezifischen Klasseninteressen bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formal bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennengelernt haben und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet...
So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine allgemeine Form des proletarischen Klassenkampf es, die sich aus dem gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der Klassenverbältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die Große Französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige russische, bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen Jahrhunderts spiegelt...Die heutige Revolution realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter Nachläufer der alten bürgerlichen als ein Vorläufer der neuen Serie der proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren Klassenkampf es dem Proletariat Deutschlands und der vorgescbrittensten kapitalistischen Länder. [2] Aus derselben historischen Perspektive betrachtete früher auch Genosse Kautsky die russische Revolution. Im Dezember 1906 schrieb er in vollkommener Übereinstimmung mit meiner Auffassung: Wir dürften der russischen Revolution und den Aufgaben, die sie uns stellt, am ehesten dann gerecht werden, wenn wir sie weder als bürgerliche Revolution im herkömmlichen Sinne noch auch als sozialistische betrachten, sondern als einen ganz eigenartigen Prozeß, der sich an der Grenzscheide zwischen bürgerlicher und sozialistischer Gesellschaft vollzieht, die Auflösung der einen fördert, die Bildung der anderen vorbereitet und auf jeden Fall die ganze Menschheit der kapitalistischen Zivilisation um ein gewaltiges Stück in ihrem Entwicklungsgang vorwärts bringt. [2*] Faßt man aber so die wirklichen sozialen und historischen Bedingungen, die der Massenstreikaktion, der spezifischen neuen Kampfform der russischen Revolution, zugrunde liegen – und eine andere Auffassung ist nicht gut möglich, wenn man sich nicht den tatsächlichen Verlauf dieser Aktion frei aus der Luft zusammenphantasiert, wie Genosse Kautsky dies jetzt mit seinen „amorphen, primitiven Streiks“ tut – dann wird es klar, daß die Massenstreiks als Form der revolutionären Kämpfe des Proletariats für Westeuropa noch mehr in Betracht kommen als in Rußland, in dem Maße, wie der Kapitalismus in Deutschland zum Beispiel viel höher entwickelt ist.
Gerade alle die Bedingungen, die Genosse Kautsky gegen den politischen Massenstreik ins Feld führt, sind ebenso viele Momente, die die Massenstreikaktion in Deutschland noch viel unvermeidlicher, umfangreicher und gewaltiger machen müssen.
Die trotzige Macht der Unternehmerverbände, auf die sich Genosse Kautsky jetzt beruft und die „ihresgleichen sucht“, sowie der Kadavergehorsam, in dem die enorme Kategorie der Staatsarbeiter in Deutschland gehalten wird, sind es ja gerade, die eine ruhige, ersprießliche Gewerkschaftsaktion für das Gros des Proletariats in Deutschland immer schwieriger machen, immer gewaltigere Kraftproben, Explosionen auf wirtschaftlichem Gebiet provozieren, deren elementarer Charakter wie Massenumfang je länger, je mehr politische Bedeutung annehmen.