SigPhi · Sándor Ferenczi

Versuch einer Genitaltheorie

German

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Im Lichte dieser Betrachtungen erscheinen die Be- friedigungsarten der Perversen und die Symptome der Psychoneurotiker in einem neuen Lichte. Ihr Fixiertbleiben auf einer niedrigeren Stufe der Sexualentwicklung wäre so auch nur ein unvollkommenes Erreichen des Endzieles der erotischen Wirklichkeitsfunktion, der genitalen Wieder- herstellung der Mutterleibssituation. Aber auch die aktual- neuro tischen Grundtypen, die Neurasthenie, die sich mit i) Dies ist in Kürze die von mir versuchte Konstruktion, auf die sich Freud in seiner Arbeit über das „Tabu der Virginität" bezieht (Samm- lung kleiner Schriften IV, 191 8, S. 247).

///. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 37 Ejaculatio praecox vergesellschaftet, und die Angstneurose., die mit einer Tendenz übertriebener Zurückhaltung einher- geht, lassen sich nunmehr durch das Überhandnehmen teils urethraler, teils analer Beimengungen zur Genitalität erklären, die daraus folgende Impotenz aber analytisch auf die Angst vor der Mutterleibssituation zurückführen. Die neuesten Untersuchungen Ranks bei Neurosenanalysen („Das Trauma der Geburt", 1924) möchte ich als Bestätigung und Erweiterung der hier vertretenen Genitaltheorie ver- werten.

Ich zweifle nicht, daß diese Gedankengänge in der Be- obachtung des Geschlechtslebens der Tiere schlagende Be- stätigungen finden werden, und bedauere nur, daß mir der Zugang zu diesem Wissensgebiete fehlt. Das Wenige, was mir darüber bekannt ist, scheint meine Auffassung von der Universalität des maternalen Regressionszuges und dessen deutliches Hervortreten beim Begattungsakte zu unterstützen. Ich verweise z. B. auf das schier endlose Verlängern des Geschlechtsaktes bei manchen Tieren, auf den Koitus bei den Spinnen, der 7 Stunden, bei den Fröschen, der vier Wochen dauern kann, dann auf die Dauervereinigung der Geschlechter bei gewissen Parasiten, unter denen es auch vorkommt, daß das Männchen sich zeitlebens im Schlünde oder im Uterus des Weibchens aufhält. Einen Höhepunkt erotischer Realitätsentwicklung erreichen wohl auch jene Parasiten, die fast die ganze Sorge um ihre Erhaltung dem Wirte überlassen und deren Organisation überwiegend der Geschlechtsfunktion dient.

IV DEUTUNG EINZELNER VORGÄNGE BEIM GESCHLECHTSAKTE Nach diesen Betrachtungen wird es sich lohnen, auch die Einzelvorgänge des Geschlechtsaktes, von denen wir ja bisher eigentlich nur auf den Ejakulationsakt näher ein- gegangen sind, einer Analyse zu unterziehen, als wären sie neurotische Symptome.

Da ist vor allem der Vorgang der Erektion, für den sich aus der Mutterleibstheorie der Genitalität eine allerdings zunächst befremdende Erklärung darbietet. Ich nehme an, daß die Dauer-Invaginierung der Eichel in einer Schleim- hautfalte (in der Vorhaut), selbst nichts anderes ist als eine Nachahmung der Mutterleibsexistenz im Kleinen. Indem bei Steigerung der im Genitale sich ansammelnden Sexualspannung der empfindlichste Teil des Penis (der ja, wie gesagt, als narzißtischer Repräsentant des ganzen Ich fungiert) aus dieser geschützten Ruhelage durch die Erektion hinaus- gestoßen, gleichsam geboren wird, wird die Unlustempfindung am Genitale plötzlich bedeutend gesteigert und auch der plötzliche Drang verständlich, die verlorene Situation durch Immission in eine Vagina zu ersetzen, d. h. die bisher autoerotisch genossene Ruhelage in der realen Außenwelt, diesmal wirklich in einem weiblichen Körperinnern zu suchen.

IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 39 Beim Genitalakte des Menschen geht aber der Ejakulation auch ein länger dauernder Friktionsakt voraus, zu dessen Verständnis ein weitausholender Gedankengang nötig ist.

Bei gewissen Tieren, so sagen uns die Tierbeobachter, findet sich die sonderbare Reaktionsweise der Autotomie, die darin besteht, daß Organe, die gereizt werden oder dem Tier sonstwie Unlust bereiten, mit Hilfe besonderer Muskel- aktionen einfach vom übrigen Körper losgelöst, d. h. im wahren Sinne des Wortes „fallen gelassen" werden. Es soll z. B. Würmer geben, die imstande sind, unter solchen Umständen ihren ganzen Darm aus dem Körper auszustoßen, andere zerspringen im Ganzen in kleine Stücke. Allgemein bekannt ist auch die Leichtigkeit, mit der die Eidechse ihren Schwanz in der Hand des Verfolgers zurückläßt, um ihn recht bald regenerieren zu lassen. Ich stehe nicht an, in dieser Reaktionsart eine Grundeigenschaft alles Lebenden zu suchen und anzunehmen, daß in ihr auch die biologische Vorstufe der Verdrängung, der Zurückziehung der psy- chischen Besetzung vom Unlustvollen liegt.

Nun sagten wir eingangs, daß alle Unlustqualitäten und -Quantitäten, die während der Nützlichkeitsfunktion aller Organe unerledigt beiseite geschoben wurden, sich im Genitale ansammeln und an dieser Stelle abgeführt werden. Diese Abfuhr kann im Sinne der Autotomietendenz keine andere sein als das Wegwerfenwollen des gespannten Organs. Vom Ich-Standpunkte haben wir bereits die Ejakulation als ein solches Ausscheiden unlustbereitender Stoffe beschrieben; eine ähnliche Tendenz können wir aber auch im Erektions- und Friktionsvorgang annehmen. Auch die Erektion ist vielleicht nur eine unvollständig gelingende Loslösung s- 40 Versuch einer Genitaltheorie tendenz des mit Unlustqualitäten beladenen Genitales vom übrigen Körper. Wie beim Ejakulationsakt, können wir auch hier einen Kampf zwischen den Tendenzen des Los- lösen- und Behaltenwollens annehmen, der aber hier nicht mit dem Siege der Loslösungstendenz endigt.x Oder man könnte meinen, daß der Geschlechtsakt als Tendenz zur vollen Loslösung des Genitales, also als eine Art Selbst- kastrationsakt beginnt, dann aber sich mit der Loslösung des Sekretes begnügt. Die Mannigfaltigkeit in der Ge- schlechtsgebarung der Tiere gestattet es, die verschiedenen Ausgänge dieses Kampfes an extremen Beispielen zu be- obachten. Das Gürteltier Dasypus senkt einen im Verhältnis zur Körpergröße ungeheueren Penis in das weibliche Organ; der Giraffenpenis dagegen verjüngt sich beim Eindringen nach Art eines Teleskops, um schließlich in einem faden- förmigen Fortsatz zu enden, durch den das Ejakulat direkt in den Uterus befördert wird.

Der Drang zur Genitalfriktion läßt vermuten, daß die vom ganzen Körper her angesammelte Unlust in der Form von Juckreizen am Genitale aufgestapelt ist, die dann durch eine Art Kratzen beseitigt werden. Nun ist aber der Kratzreflex selbst, wie wir vermuten, nur ein archaischer Rest der Autotomietendenz, d. h. ein Versuch, die juckende Körperpartie einfach mit den Nägeln wegzureißen; ein wirkliches Aufhören des Juckreizes kommt in der Tat meist nur durch ein Blutigkratzen der juckenden Körper- partie, also mittels wirklichem Wegreißen von Gewebteilen zustande. Vermutlich sind nun Erektion, Friktion und i) In der Autotomietendenz liegt auch die letzte Begründung der Zahnreiß-Symbolik für Samenverlust und für Geburt.

IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 41 Ejakulation ein vehement einsetzender, dann gemilderter Autotomievorgang, der mit dem Wegwerfenwollen des ganzen Organs beginnt, sich dann auf das Kratzen (Frik- tionieren) beschränkt, um sich schließlich mit dem Aus- scheiden einer Flüssigkeit zu begnügen. Selbstverständlich ist aber damit nur die eine (Ich-, Soma-)Seite des Vorgangs gekennzeichnet; vom Standpunkte des Keimplasmas, be- ziehungsweise der Libido ist dieser selbe Prozeß eine mit abnehmender Heftigkeit sich äußernde Bestrebung nach der Wiederkehr in den Mutterleib.

Auf die tieferen Beweggründe der genitalen Selbstkastra- tionstendenz wollen wir noch zurückkommen. Es sei hier nur noch bemerkt, daß im Tierreiche zahllose Beispiele wirklicher Selbstkastration des Genitales vorkommen, wobei beim Akt nicht nur ein Sekret ausgeschieden wird, sondern auch der Penis abreißt. Auch kann man bei dieser Gelegenheit auf die Ringwulstbildung am Penis der Caniden hinweisen, die das,, Hängen'1 der Männchen am weiblichen Genitale ver- ursacht und in dem Beobachter die Idee des Abreißen- könnens hervorruft.

Die Werbearbeit, die der eigentlichen Paarung voran- geht, ist beim Menschen im Laufe der Kulturentwicklung derart abgeschwächt, vielfach ganz unkenntlich geworden, daß wir deren Sinn wiederum nur aus der Tierbeobachtung erkennen können. Wir erwähnten bereits, daß nach unserer Annahme die zentrale Tendenz der Wiederkehr in den Mutterleib beide Geschlechter gleicherweise beherrscht; die Werbetätigkeit kann demnach nichts anderes zum Ziele haben, als daß das weibliche Geschlecht unter Aufgeben oder Einschränken der eigenen realen Befriedigungsabsicht 42 Verstech einer Genitaltheorie zum Erdulden des Geschlechtsaktes seitens des Männchens gefügig gemacht wird. Zwei Äußerungen des in dieser Frage gewiß maßgebenden Charles Darwin möchten wir zur Stütze dieser Behauptung anführen. „Das Weibchen nimmt" — sagt er gelegentlich — „wie die Erscheinungen uns manchmal zu glauben veranlassen, nicht das Männchen, das ihm am anziehendsten erscheint, sondern das ihm am wenigsten zuwider ist." In dieser Auffassung drückt sich wohl auch die von uns vertretene bevorzugte Stellung des männlichen Geschlechtes beim Geschlechtsakt aus. Anderen Ortes konstatiert Darwin, daß die sexuelle Variation im Sinne eines Geschlechtsdimorphismus stets beim männlichen Geschlechte beginnt, wenn sie auch dann später zum Teil auch vom Weibchen übernommen wird. All das stimmt übrigens ausgezeichnet zur Aussage Freuds, daß eigentlich alle Libido,, männlich" ist, auch wenn sie (z. B. beim Weibe) passive Befriedigungsziele sucht.

Wir meinen, daß die sekundären Geschlechts- merkmale, die also ursprünglich nur dem Männchen zu- kommen, als Waffen in einem Kampfe gebraucht werden, in dem es sich darum handelt, welcher von den Kämpfenden das geschlechtliche Eindringen in den Körper des Partners als Mutterleib ersatz erzwingt. Wenn wir nun diese Waffen auf ihre Wirkungsweise prüfen, sehen wir, daß sie alle danach angetan sind, das Weibchen mit direkter Gewalt gefügig zu machen oder mit Hilfe hypnotischer Faszi- nierung zu lähmen. Zur ersteren Art der Kampf- organe gehören z. B. die sich zur Paarungszeit ausbildenden Daumenschwielen des Froschmännchens, die sich in die Achselhöhle des Weibchens einbohren; in diesem Sinne IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 43 wirkt aber auch die größere Körperstärke des Mannes gegenüber der des Weibes, oder das Vorgehen gewisser Reptilienmännchen, die bei der Paarung durch Trommeln mit den Vorderextremitäten auf den Kopf des Weibchens sich dieses gefügig machen. Noch häufiger ist die Ein- schüchterung des Weibes durch Erschrecken, durch Auf- blähen des Körpers oder einzelner Teile (Kröte, Chamäleon), durch Entfalten mächtiger Hautlappen, fleischiger Anhänge, Kröpfe (viele Vögel), plötzliche starke Verlängerung und Aufrichtung der Nase (Beobachtung beim,, See-Elefanten'4 von Darwin). Bei einer Robbenart (Cristophora cristata) entwickelt das Männchen bei der Paarung eine Klappmütze, die größer ist als der Kopf. Bekannt ist das häufig vor- kommende Gefügigmachen des Weibchens durch Anbrüllen und Anschreien (Katzen). In ähnlichem Sinne wirkt wohl die Handlungsweise des Männchens einer malaischen Eidechsen- art, das sich dem Weibchen zur Paarungszeit mit hoch- aufgerichtetem Vorderteil nähert, wobei auf den Kehltaschen, die stark aufgeblasen sind, je ein dunkler Fleck von dem gelbrötlichen Grund sich stark abhebt. Diese Werbungsart scheint aber nebst der Schreck Wirkung bereits auch Elemente der Faszinierung mit Hilfe des Schönheitssinnes zu ent- halten, wie sie in viel deutlicherer Weise in der Entfaltung von Farbenpracht, in der Betätigung klangerzeugender Instrumente, in der Licht erzeugung (beim Johanniskäfer), in den Balzhandlungen, Tänzen, Schwanzradschlagen, Singflügen und dem Lockgesang so vieler Vögel sich äußert.

Die nächste Analogie, die sich einem bei der Betrachtung dieser Vorgänge aufdrängt, ist, wie schon angedeutet, die mit der Hypnose. Auf Grund psychoanalytischer Beob- 44 Versuch einer Genitaltheorie achtungen mußten wir zweierlei Mittel, die zur Erzeugung hypnotischer Gefügigkeit geeignet sind, unterscheiden. Wir nannten sie Vater- und Mutterhypnose.x Die erstere lähmt ihr Opfer mit Hilfe der Einschüchterung, die letztere durch einschmeichelndes Verhalten. In beiden Fällen regrediert, so meinten wir, das hypnotisierte Individuum auf die Stufe eines eingeschüchterten Kindes; die eigentümlichen katalepti- schen Haltungen der Hypnotisierten legen es aber nahe, anzunehmen, daß dabei auch eine tieferreichende Regression in den Mutterleib mit am Werke ist (Bjerre). Daß in den sekundären Geschlechtsmerkmalen und in deren Betätigung so oft das Männchen die von mir als weiblich hervor- gehobenen Merkmale der Schönheit, die weibliche Funk- tion des Einlullens, des Einschläferns übernimmt, wird uns bei der allgemeinen Bisexualität der Individuen, die sich geschlechtlich fortpflanzen, weiter nicht überraschen. Wir vermuten also, daß das Weibchen bei der Werbe- arbeit durch eine hypnotische Mutterleibregression betört und durch diese phantastische Glückssituation für das an sich unlustvolle Erdulden des Sexualaktes entschädigt wird. Wenn wir aber, wie es auch die Zoologen tun, alle körperlichen Sexualwerkzeuge, die nicht unmittelbar mit der Produktion der Geschlechtsdrüsen zu tun haben, als sekundäre Merkmale des Geschlechtes betrachten, so müssen wir eigentlich auch die Begattungsorgane, den Penis und die Vagina, für solche halten. Und in der Tat kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß die Ostentation der Geschlechtsorgane, die Entfaltung des Penis, das Zeigen i) „Introjektion und Übertragung", Jahrb. für Psychoanalyse I. 1909. (Vom Verfasser.)

IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 45 der Vagina, an und für sich faszinierend wirken, d. h. im zuschauenden Partner die Phantasie der Mutterleibssituation erwecken können.

Besondere Hervorhebung verdienen unter den Ver- anstaltungen der Anlockung jene, die sich eigenartiger Düfte bedienen. Bekannt ist die Rolle des Baldriangeruches bei sich begattenden Katzen, die des Bock- und Moschus- duftes, die anziehende Kraft des Schmetterlingweibchens, das, wie beobachtet, die Männchen von der viele Kilometer entfernten Wiese in die Stadt locken konnte. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß auch auf die höheren Tiere und den Menschen der spezifische Geruch der weiblichen Genitalien sexuell erregend wirkt, wohl auch nur dadurch, daß dieser Geruch die Sehnsucht nach dem Mutterleibe erweckt. Das Kaninchen z. B. wird impotent, wenn man seine Riechnerven durchschneidet. Wir dürfen nicht außer acht lassen, daß die allerersten und darum für das ganze Leben bedeutsamen Sinneseindrücke das Kind während der Geburt, also im Geburtskanal treffen. (Gr od deck).

Das allgemeine Verhalten der sich Begattenden während des Geschlechtsaktes selbst, die Emotionen, die sie dabei äußern, sind bis jetzt am wenigsten beachtet worden. Als ob in diesen Affekten der Mensch seine tiefsten Geheim- nisse bewahrte, hindert ein schier unüberwindliches Scham- gefühl die Menschen, hierüber Auskunft zu geben. Selbst in der psychoanalytischen Exploration, wo der Analysierte über alle Regungen Mitteilung machen muß, lernt er es immer nur zuletzt, wenn nötig auch den subjektiven Er- regungsablauf beim Geschlechtsakt zu beschreiben, nachdem er längst gewohnt war, dessen objektiven Hergang ohne 46 Versuch einer Genitaltheorie Rückhalt anzugeben. Was ich darüber gelegentlich erfahren konnte, ist folgendes: Man ist vom Anfang bis zum Schluß von einem Zwang zur Attraktion an den Partner beherrscht; man fühlt sich dazu gedrängt, die räumliche Entfernung zwi- schen sich und dem Partner auf jede mögliche Art aufzuheben (siehe dazu die Eingangs hervorgehobene Tendenz zu den ,,Brückenbildungenu: Küssen, Umarmen). Man kann nicht umhin, zu behaupten, daß die gegenseitige Attraktion nichts anderes ist, als die Äußerung der phantastischen Tendenz, sich mit dem Körper des Partners förmlich zu verschmelzen, oder vielleicht sich in toto in ihn (als Mutterleib ersatz) einzubohren; die schließliche geschlechtliche Vereinigung ist nur die teilweise Verwirklichung dieser Absicht. Die Spannung, die die Partner dabei,,in Atem hältu, ist an sich unlust- voll, und nur die Hoffnung auf die zu gewärtigende baldige Entspannung macht sie auch lustvoll. Die Art der Unlust- spannung hat viel Ähnlichkeit mit der Angst, von der wir übrigens seit Freud wissen, daß sie immer die unlust- vollen Sensationen bei der Erschütterung durch das Ge- borenwerden reproduziert.

Es scheint, daß wir uns mit der Idee von der Über- determinierung eines und desselben Vorganges, wie sie uns bei psychischen Vorgängen die Psychoanalyse lehrt, auch bei der Erklärung physiologischer Vorgänge vertraut machen müssen. Je eingehender wir die Vorgänge beim Geschlechtsakte beobachten, umso augenscheinlicher wird es, daß er nicht nur ein lustbetonter Vorgang ist (d. h. die Darstellung der glücklichen Mutterleibssituation), sondern daß er auch unlustvolle Ereignisse reproduziert (wahr- scheinlich die erste ängstliche Emotion beim Geboren- IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 47 werden). Noch wahrscheinlicher ist, daß diese Affekte nicht regellos zur Äußerung gelangen, sondern in einer historisch bestimmten Reihenfolge. Die Steigerung der Unlustspannung und deren Kulminierung in der orgastischen Befriedigung wäre demnach die gleichzeitige Darstellung zweier Ten- denzen von gegensätzlicher Richtung: die Wiederholung der unlustvollen Geburtssituation mit ihrem glücklichen Ausgang ins Geborenwerden und die Wiederherstellung der noch ganz ungestörten Mutterleibssituation durch Wiedereindringen in den Mutterleib.

Die auffälligsten körperlichen Begleiterscheinungen dieser Emotionen äußern sich an der Atmung und am Blut- kreislauf der sich Begattenden. Die Atmung ist sichtlich dyspnoisch, die Pulsfrequenz gesteigert; erst im Orgasmus kommt es zu tieferem, vollbefriedigendem Aufatmen, und zur Beruhigung der Herztätigkeit. Es liegt nahe, in diesen Störungen die Rekapitulierung jener großen Anpassungs- leistung zu erblicken, die die Umwandlung der foetalen Art der Sauerstoffversorgung in die extrauterine erforderte. Ob man mit der Analogisierung des Koitus und des Geburts- prozesses soweit gehen darf, daß man auch die Rhythmik der Begattung als die abgekürzte Wiederholung der peri- odischen Schwankungen in der Wehentätigkeit auffaßt, möchte ich dahingestellt sein lassen.1 Wir dürfen es nicht unerwähnt lassen, daß der Koitus deutlich auch von aggressiven Affekten begleitet ist. Diese 1) Die nahe Verwandtschaft zwischen Anjgst und Libido ist eine der Grundlagen der Freudschen Lehre. Schon die ersten psycho- analytischen Publikationen Freuds weisen auf die Wesensgleichheit der Symptome der Angstneurose mit den Emotionen des Koitus hin.

48 Versuch einer Genitaltheorie im Kapitel über, Entwicklungsstufen des erotischen Realitäts- sinnes" bis zur Genitalität verfolgte Komponente äußert sich während des Geschlechtsaktes in immer heftiger werdenden Muskelaktionen, die nicht nur das Festhalten des Liebesobjektes zum Ziele haben, sondern unzweideutig auch sadistische Züge aufweisen (Beißen, Kratzen). Auch die ersten Lebensäußerungen des Neugeborenen weisen darauf hin, daß die während des Geburtsaktes erlebte traumatische Erschütterung, insbesondere die Fesselung im Geburtskanal, nicht nur Angst, sondern auch Wut hervor- ruft, die dann im Koitus akt gleichfalls zur Wiederholung gelangen muß.1 Der Zustand der sich Begattenden in und nach dem Orgas- mus ist vor allem durch eine weitgehende Einschränkung oder auch volle Aufhebung des Bewußtseins (das normalerweise auch schon vorher auf die Tendenz zur Erreichung des Genitalzieles eingeschränkt war) gekennzeichnet. Beispiele aus dem Tierreiche zeigen uns allerdings diese Konzen- trierung auf das Befriedigungsgefühl noch viel deutlicher, es kommt nämlich hier zur vollen Aufhebung auch der Schmerzempfindlichkeit. Es gibt Eidechsen arten, die sich in Stücke reißen lassen, aber den Genitalakt nicht unterbrechen, Lurche, die sich beim Begattungsakt durch Verstümmelungen nicht stören lassen. Die Kaninchen verfallen beim Orgasmus in eine Art Katalepsie, fallen bewußtlos um und bleiben mit dem Penis in der Vagina längere Zeit an der Seite des i) Möglicherweise ist das Gefühl der ohnmächtigen Wut überhaupt ein integrierender Bestandteil des Angstaffektes. — Siehe zu dieser Auf- fassung des „Sadismus" Rank: Das Trauma der Geburt (Abschn.: Die sexuelle Befriedigung).

IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 49 Weibchens regungslos liegen. Wir sind nur folgerichtig, wenn wir diese Zustände und das sie begleitende Gefühl voiier Befriedigung und Wunschlosigkeit als das unbewußt hallu- zinatorische Erreichen des Begattungszieles seitens des Individuums als Ganzes, der Mutterleibsexistenz, unter gleichzeitigem symbolischen und realen Erreichen dieses Zieles durch die Genitalien und Geschlechtszellen auslegen. Wahrscheinlich gelangt aber dabei auch die glückliche Überwindung des Geburtstraumas zur Darstellung. Über die beim Orgasmus vermuteten Besetzungsänderungen wollen wir uns bald etwas ausführlicher äußern und begnügen uns hier mit dieser Beschreibung.

Zum Schluß möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß sowohl beim Menschen als auch bei vielen Tiergattungen eine innige Beziehung zwischen den Begattungsfunktionen und dem Schlafen besteht. Das entspricht gewiß unserer theoretischen Erwartung, da wir doch sowohl den Schlaf als auch den Genitalakt als Regressionen zum Intrauterin- leben betrachten. Mit den Analogien und den Unter- schieden beider wollen wir uns noch näher befassen, hier möchten wir nur feststellen, daß sehr viele Tiere, aber auch die Menschen, nach dem Koitus gerne in Schlaf verfallen. Nach den psychoanalytischen Erfahrungen sind die meisten Fälle von psychischer Schlaflosigkeit auf Störungen der Genitalfunktion zurückführbar und erst durch deren Be- seitigung heilbar.

Ferenczi V DIE INDIVIDUELLE GENITALFUNKTION Wir fragen uns nun, ob wir auf Grund dieser und ähnlicher Beobachtungen über den Ablauf und die ontogene Entwicklung der Begattungsfunktion in der Lage sind, endlich etwas über den Sinn dieses mit so merkwürdiger Einförmigkeit in einem großen Teile der Tierwelt periodisch wiederkehrenden Vorganges auszusagen.

Rein physiologisch betrachtet erschien uns der Koitus als der periodisch einsetzende Schlußakt der Ausgleichung einer während des ganzen individuellen Lebens sich ansam- melnden, jede nichterotische Organbetätigung begleitenden unlusterzeugenden Libidospannung, die von den einzelnen Organen auf „amphimiktischem" Wege aufs Genitale ver- legt wurde. In den Vorgängen der Begattungsfunktion sind also sämtliche Mengen und Arten der unbefriedigten Libido aller Organe und besonders aller beim Erwachsenen aufgelassenen erogenen Zonen und Organisationsstufen ver- einigt. Ohne über die Natur der hiebei sich abspielenden physiologischen Vorgänge auch nur eine Andeutung geben zu können, weisen wir auf die Analogie der Endprozesse des Begattungsaktes mit den Ausscheidungsfunktionen hin, und vermuten, daß im Erektions- und Ejakulationsvorgange (der bekanntlich auch beim Weibe angedeutet ist) alle V. Die individuelle Genitalfunktion 51 jene Autotomietendenzen summiert sind, deren Ausführung während der „Nützlichkeitsfunktion1' unterlassen wurde. Ein Lebewesen mit entwickelter Genitalfunktion ist also auch in Bezug auf seine nichterotische Betätigung den Lebensauf- gaben besser angepaßt, es kann die erotischen Befriedigungen aufschieben, bis sie die Erhaltungsfunktionen nicht mehr stören. Man kann also behaupten, daß das Genitale auch „nützliches" Organ ist, das die Zwecke der Wirklichkeits- funktion fördert.

Wir können uns über die Besetzungsänderungen nach er- folgter Genitalbefriedigung nur äußerst unklare Vorstellungen bilden, und nur über die psychologische Seite des orgasti- schen Prozesses möchten wir uns getrauen, eine etwas konkretere Ansicht zu äußern. Es hat den Anschein, als ob unter den Bedingungen der Begattung eine aufs höchste gesteigerte Spannung unerwartet und ungemein leicht zur Lösung käme, so daß eine große Menge von Besetzungs- aufwand plötzlich überflüssig wird. Daher die ungeheuer starke Lustempfindung, die also auch hier, wie nach Freud bei der Witzeslust, auf ersparten Besetzungsaufwand zurück- zuführen wäre.1 Dieser Empfindung könnte aber irgend eine „genitofugale" Rückströmung der Libido in die Körper- organe parallel laufen, das Gegenstück jener „genitopetalen" Strömung, die in der Spannungsperiode die Erregungen von den Organen zum Genitale leitete. Im Momente dieser Rück- strömung der Libido vom Genitale zum ganzen übrigen psychophysischen Organismus kommt es zu jenem „Gltick- 1) Auf solche Aufwandersparnis ist auch das wollüstige Kitzel- gefühl zurückzuführen. Übrigens dürften die meisten „kitzlichen" Körper- partien „genitalisiert" sein, besonders die Achselhöhle.

52 Versuch einer Genitaltheorie seligkeitsgefühlu, in dem die Nützlichkeitsfunktion der Organe ihre Belohnung und zugleich den Ansporn zu erneuter Arbeitsleistung findet.1 Der Vorgang bei der Genitalbefriedigung ist gleichsam die eruptive Genitalisierung des ganzen Organismus, die mit Hilfe der Fr iktions arbeit erreichte vollkommene Identi- fizierung des ganzen Organismus mit dem Exekutivorgan.

Mag uns aber diese Betrachtungsweise des Begattungs- prozesses vom Standpunkte der psychisch-physischen Öko- nomie noch so anziehend erscheinen, sie gibt uns immer noch keine Aufklärung darüber, warum die sexuelle Energieansammlung und Energieabfuhr in einem so großen Teile des Tierreiches gerade diese Form angenommen hat; ohne die Beantwortung dieser Frage können wir aber das Gefühl der zureichenden Determinierung nicht haben. Wir haben nun von der Psychoanalyse gelernt, daß solchem Mangel, wenigstens bei psychischen Vorgängen, abgeholfen werden kann, wenn man die rein ontologische (deskriptiv-ökonomische) Betrachtungsweise durch die histo- risch-genetische ergänzt. Demgemäß versuchten wir auch, die Triebäußerungen der Sexualität, wie früher schon die Äußerungsformen des Wirklichkeitssinnes, aus der Tendenz zur Wiederherstellung der antenatalen Situation abzuleiten, als ein Kompromiß zwischen dieser im Leben anscheinend ganz aufgegebenen, in Wahrheit nur beiseitegeschobenen Strebung, und den Hindernissen, die sich ihr in der Wirklichkeit in den Weg stellen. Uns erschienen also die i) Die Idee von der genitopetalen Libidoströmung und von deren Umkehrung im Orgasmus wurde vom Verfasser bereits in der Wiener Diskussion „Über Onanie" (191 2) angedeutet V. Die individuelle Genitalfunktiou 53