SigPhi · Sándor Ferenczi

Versuch einer Genitaltheorie

German

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Hier aber müssen wir wieder unsere Phantasie spielen lassen, um eine, wenn auch nur vorläufige Antwort auf die noch ungelöste Frage zu bekommen, welche Motive die Amphibien und Reptilien bewogen haben können, sich einen Penis zuzulegen, (denn nach unserer lamarckistischen Auffassung gibt es keine Entwicklung ohne solches Motiv, keine Veränderung, die nicht Anpassung an eine äußere Störung wäre). Dieses Motiv kann sehr wohl die Strebung nach Wiederherstellung der verlorenen Lebensform in einem feuchten Milieu, das zugleich Nährstoffe enthält, d. h. die Wiederherstellung der See-Existenz im feuchten, nahrungsreichen Körperinneren der Mutter sein. Nach der bereits einigemale notwendig gewordenen,, Um- kehrung der Symbolik" erschiene so eigentlich die Mutter als ein Symbol oder partieller Ersatz des Meeres und nicht umgekehrt. Wie angedeutet, denken wir VII Material zum „thalassalen Regressionszug" 73 uns ja, daß, gleichwie die Keimzellen höherer Tiere ohne Brutschutz, ja auch die schon zur Welt gebrachten Nach- kommen ohne mütterlichen Schutz zu Grunde gingen, so wären alle Tierarten, wie so viele tatsächlich, bei der Ein- trocknungskatastrophe untergegangen, hätten nicht zufällige günstige Umstände und die Regressionsbestrebung für ihre ekto- und endoparasitische Existenz, für ihre Erhaltung während der Anpassung an das Landleben gesorgt. Den höheren Wirbeltieren gelang es dann endlich in der Institution der inneren Befruchtung und des Heranwachsens im Mutter- leibe diese parasitische Existenzart mit dem thalassalen Regressionszug aufs gelungenste zu verknüpfen.

Eine andere Analogie zwischen dem Fötus im Mutter- leibe und den Wassertieren zeigt sich in der Art ihrer Sauerstoff- und Nahrungsversorgung. Die Leibesfrucht deckt ihren Sauerstoffbedarf, indem sie ihre Chorionzotten frei in den Bluträumen der placenta maternalis schwimmen läßt und den respiratorischen Gaswechsel auf osmotischem Wege bewerkstelligt. Nicht die stets funktionslosen Kiemenanlagen des Embryos selbst, sondern diese Chorionzotten möchten wir als Reproduk- tion der Kiemenatmungsorgane der Wassertiere ansehen, die ja ihr Oxygen gleichfalls auf osmotischem Wege aus einer Flüssigkeit, und nicht wie die Landtiere, aus der Luft beziehen. In der Plazenta besitzt also die Leibesfrucht ein parasitisches, die Kiemenatmung nach- ahmendes Saugorgan, das für die Sauerstoffversorgung (und die Ernährung) sorgt, bis die Organe den Embryo selbst zum Leben außerhalb des Mutterleibes, gleichsam als Land- tiere, befähigen. Wollen wir mit der,,coenogenetischen y^ Versuck einer Genitaltheorie Parallele" ernst machen, so müssen wir tierische Vor- fahren in der Übergangszeit zwischen See- und Landleben postulieren, bei denen für die Kiemenatmung solange vor- gesorgt war, bis sich bei ihnen funktionstüchtige Lungen entwickelten. Solche Tiere sind nun, wie uns Haeckel ausführlich erzählt, bis auf den heutigen Tag erhalten ge- blieben,,, Zwischen den echten Fischen und den Amphibien mitten innen", so steht es bei ihm geschrieben,,, steht die merkwürdige Klasse der Lurchflsche oder Molchfische (Dipneusta, Protopteri). Davon leben heute nur noch wenige Repräsentanten, nämlich der amerikanische Molch- fisch (Lepidosiren paradoxa) im Gebiete des Amazonen- stromes, und der afrikanische Molchfisch (Protopterus annectens) in verschiedenen Gegenden Afrikas. Während der trockenen Jahreszeit im Sommer vergraben sich diese seltsamen Tiere in dem eintrocknenden Schlamm in ein Nest von Blättern und atmen dann Luft durch Lungen, wie die Amphibien. Während der nassen Jahreszeit im Winter leben sie in Flüssen und Sümpfen und atmen Wasser durch Kiemen, gleich den Fischen." Wir erfahren dann von Haeckel, daß es ein Gegenstand ewigen Streites zwischen den Zoologen ist, ob die Lurchflsche eigentlich Fische oder Amphibien seien. Er selbst vertritt die Ansicht, daß sie eine besondere Wirbeltierklasse bilden, welche den Übergang beider vermittelt.

Der weitere Fortschritt in der Anpassung ans Landleben der Amphibien ist allgemein bekannt. Die Frösche haben eine kiemenatmende Jugendform, in der sie noch als Kaul- quappen fischartig im Wasser herumschwimmen, während das ausgewachsene Tier luftatmender Landbewohner ist.

VII Material zum „thalassalen Regressionszug" 75 Wir brauchen nur anzunehmen, daß bei den höheren Wirbeltieren (Reptilien, Vögeln, Säugern) die plazentale Kiemenatmung auf die Embryonalzeit beschränkt ist, so haben wir eine fortlaufende Entwicklungsreihe vom Fisch über das Amphibium bis zum Menschen, in der die Strebung nach der See-Existenz niemals voll aufgegeben wird, wenn sie auch bei den letzteren auf die Entwicklungszeit im Mutter- leibe reduziert ist. Wir müßten nur noch hinzufügen, daß dieser thalassale Regressionszug auch nach dem Geboren- werden nicht rastet und in den Äußerungen der Erotik (insbesondere der Begattung), sowie, wie wir ergänzend bemerken und noch des weiteren ausführen wollen, in den Schlafzuständen sich kundgibt.

Wir können es nun keinesfalls für eine zufällige Variation erklären, daß ein fruchtwasserhältiger Amnionsack als Schutz- organ des zarten Embryos gerade bei jenen Tierklassen zur Ausbildung gelangt, bei denen zu keiner Zeit des ex- trauterinen Lebens mit Kiemen geatmet wird (Reptilien, Vögel, Säugetiere). Dem psychoanalytischen Sinn für die Determiniertheit und Motiviertheit aller biologischen und seelischen Vorgänge entspricht vielmehr die Annahme, daß das Fruchtwasser ein in den Leib der Mutter gleich- sam,,introjiziertesu Meer darstellt, in dem, wie der Embryologe R. Hertwig sagt,,,der zarte, leichtverletzliche Embryo wie der Fisch im Wasser schwimmt und Be- wegungen ausführt."1 1) Wir erinnern auch daran, daß sich die Emotion bei der Begattung in so auffälligen Veränderungen der Atmung Abfuhr verschafft, was wir mit der Dyspnoe bei der Geburt in Zusammenhang brachten, was wir aber nun- mehr auch auf den archaischen Kampf um das Oxygen beziehen möchten.

76 Versuch einer Genitaltheorie Anschließend an diese Gedanken will ich noch auf einige merkwürdige Tatsachen hinweisen und es dem Urteil des Lesers überlassen, ob wir sie als unbedeutende Sonderbar- keiten ansehen, oder zu den Argumenten unserer Anschau- ungsweise zählen dürfen. Von der Entwicklung des Hühnchen- embryos, speziell seines Amnionsackes, berichtend, sagt R. Hertwig folgendes: „Am Anfang seiner Entwicklung ist der Amnionsack klein, vergrößert sich aber allmählich, indem er mit dem Wachstum des Embryos Schritt hält und eine große Menge Flüssigkeit einschließt. Gleichzeitig wird seine Wandung kontraktil. In seinem Hautfaserblatt bilden sich einzelne Zellen zu kontraktilen Fasern um, die beim Hühnchen vom fünften Tage der Bebrütung an rhythmische Bewegungen veranlassen. Man kann die Bewegungen bei unverletzter Eischale beobachten, wenn man die Eier gegen eine helle Lichtquelle hält und sich dabei des von Preyer konstruierten Ooskops bedient. Es läßt sich dabei kon- statieren, daß das Amnion in der Minute etwa 10 Zusammen- ziehungen ausführt, welche von einem Pole beginnend, zum entgegengesetzten Ende nach der Art fortschreiten, wie sich ein Wurmkörper zusammenzieht. Dadurch wird die Amnionflüssigkeit in Bewegung gesetzt und der Embryo in regelmäßiger Weise von einem Ende zum anderen geschaukelt und gewiegt." Zu bemerken ist, daß diese Bewegungen bis zum achten Tage der Bebrütung zu-, dann abnehmen, gleichwie die Fruchtwassermenge bei allen Amnioten nach anfänglicher rapider Zunahme allmählich abnimmt.

Es würde mich wundern, wenn diese Einrichtung des rhythmischen Wiegens nicht schon von einem oder dem VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" jf anderen Naturforscher poetisch mit dem Wogen des Meeres verglichen worden wäre, am Ende ist aber das mehr als ein Gleichnis!1 Selbst wenn wir uns der Gefahr aussetzen, diese kleine Schrift mit Hypothesen zu überladen, können wir die An- schauung nicht unterdrücken, die wir uns als phylogenetische Parallele zur Entwicklung der männlichen Geschlechts- charaktere und Geschlechtsorgane in ihrem gegenseitigen Ver- hältnis zurechtmachten. Wir sprachen im ontogenetischen Teile von einer ursprünglich gleichsinnigen Strebung des Männchens wie des Weibchens, in den Leib des Partners einzudringen, also von einem Kampf der Geschlechter, der i) Nur nebstbei beziehe ich mich auch auf die Merkwürdigkeit, daß das Genitalsekret der Weibchen bei höheren Säugetieren und beim Menschen, das, wie wir sagten, seine erotisch reizende Wirkung auf infantile Reminiszenzen zurückführen dürfte, nach der Beschreibung aller Physiologien einen ausgesprochenen Fischgeruch (Geruch des Herings- lacke) hat; dieser Geruch der Vagina rührt von demselben Stoffe (Trimethylamin) her, der sich auch bei der Fischverwesung bildet.

Auch jene könnten schließlich recht behalten, die da behaupten, daß die 28t'ägige Periodizität der weiblichen Menses auf den Einfluß des Mondwechsels (also in direkterer Weise wohl auf den Einfluß der Ebbe und Flut auf die seebewohnenden Vorfahren) zurückzuführen ist.

Ich möchte es nicht versäumen, hier auch auf das merkwürdige Verhalten jener Säugetiere bei der Begattung hinzuweisen, die nach der Landanpassung wieder Wassertiere wurden (Wale, Robben, Seehunde). Von diesen wird berichtet, daß sie zur Begattung ans Land gehen, d. h. von einem „geotropen" Regressionszug beherrscht sind, der sie zwingt, die von ihnen zuletzt überwundene Situation für ihre Nach- kommen wiederherzustellen. Bekannt ist übrigens auch das Verhalten gewisser Seefische, die zur Laichzeit unter ungeheueren Schwierig- keiten über große Felstreppen jene Gebirgsflüsse hin aufschwimmen, aus denen sie eigentlich herstammen. (Vgl. dazu auch die Treppe als Koitus- Symbol.)

^g Versuch einer Genitaltheorie mit dem Siege des Männchens und mit der Schaffung von Trosteinrichtungen für das Weibchen endigte.

Nun gilt es nachzutragen, daß dieser Kampf wahr- scheinlich auch ein artentwicklungsgeschichtliches Vorbild hatte. Wir hörten, daß schon bei den Amphibien, die noch sehr rudimentäre Begattungsorgane haben, das Männchen bereits eigene Umklammerungsorgane besitzt. In immer steigender Mannigfaltigkeit entwickeln sich bei den höheren Wirbeltieren jene Faszinierungs- und Bemächtigungswerk- zeuge des Männchens, mit deren Hilfe es sich das Weibchen gefügig macht. Wenn man insbesondere die fortschreitende Entwicklung des männlichen Bohrwerkzeuges bei den höheren Tierklassen in Betracht zieht (während, wie gesagt, solche Organe bei den wasserbewohnenden Vorfahren nur ganz ausnahmsweise vorhanden sind), so darf man vermuten, daß nach der Eintrocknungsgefahr, wo zum ersten Male die Nötigung entstand, für die verlorene See-Existenz einen Ersatz zu suchen, auch zum ersten Male der Drang sich äußerte, in einen fremden Tierleib einzudringen, d. h. sich mit ihm zu begatten. Ursprünglich mag es ein Kampf aller gegen alle gewesen sein, schließlich aber gelang es dem stärkeren (und wie noch auszuführen ist, zu dieser Rolle von vornherein disponierten) Männchen, in die Kloake des Gegners einzudringen, am Ende gar sich eine eigene Be- gattungsröhre zu bohren, eine Situation, in die sich das Weibchen dann auch in ihrer Organisation fügte.

Diese besondere Verstärkung des Geschlechtsdimorphis- mus der Tiere gerade bei den Landtieren, also nach der Eintrocknungskatastrophe besagt aber vielleicht, daß der Kampf bei den ersten Begattungs versuchen eigentlich ein VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" 79 Kampf um Wasser, um Feuchtigkeit war, und daß im sadistischen Anteile des Koitusaktes diese Kampfperiode, wenn auch nur symbolisch und spielerisch, auch bei den entfernten Nachkommen jener Urtiere, den Menschen, zur Wiederholung gelangt.

Die gefahrdrohenden, fürchterlichen Eigenschaften des väterlichen Phallus, der ja ursprünglich nur das Kind im Mutterleibe darstellt, könnten aus dieser Kampfperiode stammen.1 1) Das Erzwingen des coitus per cloacam durch das Männchen wäre so die Ur-Ursache dessen, daß die ursprünglich gleichfalls phallische Erotik des Weibchens von einer kloakalen Höhlenerotik (J ekel s, Federn) abgelöst wurde, wobei die Penisrolle auf Kot und Kind überging. Die Behinderung der Exkretion beim Verstopftsein der Kloake durch den Penis und deren Freiwerden nach der Beendigung des Koitus, also eine Art „Analnot" und ihr plötzliches Aufhören mögen Lustempfin- dungen hervorgerufen haben, in denen das Weibchen Trost und Ersatz finden konnte.

VIII BEGATTUNG UND BEFRUCHTUNG Wenn nach unserer Hypothese der Begattungsakt nichts anderes ist, als Befreiung des Individuums von lästiger Spannung unter gleichzeitiger Befriedigung des Triebes nach Regression in den Mutterleib und in das Meer, das Vor- bild aller Mütterlichkeit, so ist zunächst nicht einzusehen, warum und auf welche Art diese Befriedigungstendenz, die anscheinend von der Tendenz zur Arterhaltung und Befruchtung ganz unabhängig ist, mit letzteren zu einer Einheit verschmilzt und in der Genitalität der höheren Tiere gleichzeitig zur Äußerung gelangt. Das Einzige, was wir bisher als Erklärung dieses Tatbestandes anführen konnten, war die Identifizierung des ganzen Individuums mit dem Genitalsekret. Demnach wäre der sorgfältige Schutz, den die Individuen ihrem Genitalsekret angedeihen lassen, nicht merkwürdiger als ähnliche Schutzmaßnahmen, die so viele Tiere auch auf ihre sonstigen Exkrete verwenden. Diese Exkrete bilden nach der Empfindung der Individuen Bestandteile ihres eigenen Selbst und ihre Ausstoßung geht mit einem Gefühle des Verlustes einher, wobei das Bedauern über den Verlust fester Stoffe (Kot) stärker zu sein scheint, als der nach der Ausscheidung von Exkreten dünnerer Konsistenz.

VIII. Begattung und Befruchtung Diese Erklärung erscheint einem aber von vornherein recht ärmlich und unbefriedigend, besonders wenn man bedenkt, daß mit dem Genitalakte nicht nur die Unter- bringung der Genitalsekrete an einem gesicherten Ort, sondern auch der Befruchtungsprozeß, die Vereinigung der ge- schlechtsdifterenten Keimzellen zu einer Einheit und der Beginn der Embryonalentwicklung zeitlich und räumlich vereinigt ist. Wir müssen zugeben, daß uns der Befruchtungs- akt Rätsel ganz anderer Art aufgibt, als die, um deren Lösung wir uns beim Begattungsakte bemühten. Ist doch die Befruchtung ein viel archaischerer Vorgang als die temporäre Vereinigung des Männchens und Weibchens im Geschlechtsakt. Wir sahen ja, daß die Entwicklung der Genitalität und ihrer Exekutivorgane erst bei den Am- phibien beginnt, die Fortpflanzung durch Befruchtung aber schon bei den niedersten einzelligen Wesen, bei den Amoeben. Dies mahnt uns daran, den bisher verfolgten Ge- danken einmal umzukehren, und zu untersuchen, ob nicht doch die Zoologen im Rechte sind, die behaupten, daß der ganze Begattungsakt ein gleichsam nur von den Geschlechts- zellen induzierter Zwang ist, der die Individuen dazu drängt, die Keimzellen in möglichst gesicherter Lage aneinander zu bringen. Die vielfachen Vorsichtsmaßregeln, die im Tierreiche auch vor der Entwicklung der Begattungsfunktion zu diesem Zwecke getroffen werden, sprechen entschieden für diese Annahme und es fragt sich, ob diese nicht danach angetan ist, unsere ganze Hypothese von der Mutterleibs- und Meeresregression über den Haufen zu werfen.

Die einzige Rettung aus dieser Schwierigkeit zeigt uns die konsequente Fortführung des Gedankens vom coenogeneti- Ferenczi 6 82 Versuch einer Genitaltheorie sehen Parallelismus. Wenn die Lebensumstände der Lebe- wesen im Laufe der Ontogenese wirklich die Reproduktion uralter Existenzformen sind, wie wir dies für die Existenz des Embryos im Fruchtwasser der Mutter annahmen, so muß auch dem Befruchtungsvorgang, ja auch der Keimzellenentwicklung (der Spermato- und Oo- genese) etwas in der Phylogenese entsprechen. Dieses Etwas könnte nichts anderes sein als die einzellige Existenz in der Urzeit und ihre Störung durch eine urzeitliche Katastrophe, die diese einzelligen Wesen zur Verschmelzung zu einer Einheit zwang. Dies ist auch die Hypothese, die uns Freud in seiner Arbeit,, Jenseits des Lustprinzips" in Anlehnung an die poetische Phantasie in Piatos Sym- posion gegeben hat. Eine große Katastrophe, heißt es bei ihm, zerriß die Materie in zwei Hälften und hinterließ in ihr die Bestrebung nach Wiedervereinigung, womit erst das organische Leben begonnen hätte. Es wäre nur eine nicht sehr wesentliche Modifikation, wenn wir auch an die Mög- lichkeit dächten, daß auch in der Zeitfolge der Keimzellen- entwicklung und der Befruchtung ein urgeschichtliches Nacheinander sich wiederholt, daß also die Lebewesen sich zunächst isoliert aus der unorganischen Materie ent- wickelt hätten und erst durch eine neue Katastrophe zur Vereinigung gezwungen worden seien. Es gibt auch unter den Einzelligen Übergangswesen, die, wie die Amphibien zwischen den Wasser- und Landbewohnern, eine Stelle zwischen den konjugierenden und nichtkonjugier enden Lebe- wesen einnehmen. So lesen wir in der Naturgeschichte, daß bei gewissen dieser primitiven Wesen unter ungünstigen Lebensbedingungen, z. B. bei Eintrocknungsgefahr, eine VIII. Begattung und Befruchtung 83 Konjugations-Epidemie auftritt und die Tierchen anfangen, sich geschlechtlich zu vereinigen.1 Nun sagt uns aber schon der phantasievolle Bölsche, daß eine solche Vereinigung eigentlich nichts anderes ist, als eine verfeinerte Form des gegenseitigen Auffressens. Am Ende kam also die erste Zellenkonjugation ganz ähnlich zustande, wie wir uns die erste Begattung vorstellten. Bei den ersten Begattungs- versuchen der Fische nach der Eintrocknung handelte es sich um einen Versuch, die verlorene feuchte Nahrungsstätte des Meeres in einem tierischen Leibe wiederzufinden. Eine ähnliche aber noch archaischere Katastrophe mochte aber auch die einzelligen Lebewesen gezwungen haben, sich gegenseitig aufzufressen, wobei es keinem der Kämpfenden gelang, den Gegner zu vernichten. So mag dann eine kompromissuelle Vereinigung, eine Art Symbiose zu- stande gekommen sein, die nach einer gewissen Dauer des Zusammenlebens immer wieder zur Urform regredierte, indem aus der befruchteten Zelle wieder,,Urzellenu, (die ersten Keimzellen) ausgeschieden wurden. Damit wäre das ewige Wechselspiel der Keimzellenvereinigung (Befruchtung) und Keimzellenausscheidung (Spermato- und Oogenese) in Gang gesetzt. — Der einzige Unterschied zwischen dieser und der von Freud bevorzugten Möglichkeit ist der, daß unsere die Entstehung des Lebens aus dem Unorganischen und die Entstehung des Befruchtungsprozesses zeitlich auseinander hält, während sie nach Freud gleich- zeitig infolge derselben Urkatastrophe entstanden sein konnten.

1) Wir wissen, daß solche Konjugationsepidemien gelegentlich auch bei Überfülle der Nahrung etc. auftreten.

6* 84 Versuch einer Genitaltheorie Ist aber so auch der Befruchtungsprozeß nichts anderes, als die Wiederholung einer ähnlichen Urkatastrophe, wie jene, die wir für die Entstehung der Begattungsfunktion im Tierreiche verantwortlich machten, so brauchen wir vielleicht unsere Genitaltheorie doch nicht aufzugeben und können es versuchen, sie mit den unleugbaren Tatsachen der,,praegenitalenu Biologie in Einklang zu bringen. Es genügt dazu, anzunehmen, daß im Begattungsakte und im gleichzeitigen Befruchtungsakte nicht nur die individuelle (Geburts-), und die letzte Art-Katastrophe (Ein- trocknung), sondern auch alle früheren Katastrophen seit Entstehung des Lebens zu einer Einheit ver- schmolzen sind, so daß im Gefühl des Orgasmus nicht nur die Ruhe im Mutterleibe, die ruhige Existenz in einem freundlicheren Milieu, sondern auch die Ruhe vor der Entstehung des Lebens, d. h. auch die Todesruhe der anorganischen Existenz dargestellt ist. Die Er- ledigungsart der früheren Katastrophe, die Befruchtung, kann ja als Vorbild gedient und dazu beigetragen haben, daß sich die zunächst unabhängigen Triebe der Befruchtung und der Begattung in Eins verschmolzen haben. Dieses vorbildliche Einwirken der Befruchtung auf die Reaktionsweise des Individuums auf aktuelle Störungen schließt aber die Annahme nicht aus, daß vom Standpunkte des Individuums die Spannungsreste sowohl der aktuellen, als auch der ontogenen und der phylogenen Katastrophen nur lästige Unlustprodukte sind, und als solche nach den Ge- setzen der Autotomie zur Ausscheidung gelangen.1 i) Ohne auf die hier versuchte genetische Verknüpfung näher ein- zugehen, gibt Freud in seiner letzten Arbeit „Das Ich und das Es" VIII. Begattung und Befruchtung 85 Das Mystische an dem Zusammentreffen der Begattungs- und Zeugungsfunktion in einem Akte schwindet also, wenn wir das Entstehen der Begattungsfunktion bei den Amphi- bien als Regression auf dieselbe Erledigungsart (Ver- einigung mit einem anderen Lebewesen) auffassen, die sich bei einer früheren Katastrophe als nützlich erwiesen hatte. Bei der überall im Psychischen, aber offenbar auch im Organischen herrschenden Unifizierung s- tendenz, der Tendenz zur Vereinigung gleichsinniger Prozesse zu einem Akt, ist es aber auch nicht zu ver- wundern, daß es (nach einigen ungeschickten Versuchen bei den niederen Wirbeltieren) endlich zur Vereinigung der Ausscheidung der aktuellen Störungsstoffe (Urin, Kot), der am Genitale angesammelten erotischen Spannung, und auch des säkularen Unlustmaterials kommt, das wir uns im Keimplasma aufgespeichert denken.

Allerdings wird dieser letztere Stoff viel sorgfältiger behandelt als irgendein anderes Ausscheidungsprodukt. Es ist aber auch möglich, daß ein großer Teil der Brutschutz- einrichtungen nicht einfach Vorsorgen seitens des mütter- lichen Organismus sind, sondern, wenigstens zum Teile vielleicht Produkte der eigenen Vitalität der Keimzellen selbst, gleichwie gewisse in den Tierkörper gelangende Parasiten die zunächst gewiß nur abwehrenden Reaktionen im Körper des Wirtes (entzündliche Demarkation mit (1923) demselben Gedanken folgende Fassung: „Die Abstoßung der Sexualstoffe im Sexualakt entspricht gewissermaßen der Trennung von Soma und Keimplasma, daher die Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung mit dem Sterben, bei niederen Tieren das Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt."

85 Versuch einer Genitaltheorie Flüssigkeitsausscheidung) dazu benützen können, sich eine geschützte Wohnstätte, gewöhnlich eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase, zu bauen. — Anderseits brauchen wir auch die andere Möglichkeit nicht zu leugnen, die nämlich, daß das Individuum diese Stoffe wirklich mit mehr Sorgfalt als andere behandelt, nur muß diese Sorgfalt nicht unbedingt ausschließlich eine Sorgfalt aus Liebe sein. Wenn unsere Vermutungen richtig sind, so sind im Keimplasma die ge- fährlichsten Triebenergien in höchster Konzentration ent- halten, die, solange sie im Organismus selbst enthalten sind, gewiß mit Hilfe eigener Einrichtungen vom übrigen Organismus, vom Soma getrennt, gleichsam abgekapselt sind, damit sich ihre gefährlichen Kräfte nicht gegen den eigenen Körper wenden können. Die Sorgfalt also, mit der sie geschützt sind, ist vielleicht mehr eine Sorgfalt aus Angst. Und gleichwie es nicht verwunderlich wäre, wenn jemand einen gefährlichen Explosivstoff, den er vor- sichtig in der Tasche getragen hat, auch dann noch vor- sichtig behandelt, wenn er ihn irgend anderswo weglegt, ebenso könnte die Angst vor den Störungen des Keim- plasmas dazu beitragen, die Keimstoffe auch nach ihrer Entfernung aus dem Körper sorgfältig zu schützen. Natürlich braucht darum die bisher einzig berücksichtigte Erklärung des Brutschutzes mit der Liebe, d. h. mit der Identifizierung, nicht fallen gelassen werden und wir haben sie auch bereits entsprechend gewürdigt. Jede Trennung, welchen Stoffes immer, vom Körperganzen, ist immer auch ein Schmerz und wie wir das an dem Ejakulationsakte exemplifizierten, muß die Unlust-Spannung hohe Grade erreichen, bis der Organis- mus sich dazu entschließt, sich eines Stoffes zu begeben.