Der Seelenzustand im Schlafe, den wir mit dem des Orgasmus gleichsetzten, entspricht also dem des vollen, wunschlosen Befriedigtseins, den ein höheres Lebewesen nicht anders als durch Wiederherstellung der intrauterinen Ruhe reproduzieren kann. Insoferne aber Störungsreize (,, Tages- reste") diese Ruhe hindern wollen, werden sie durch hallu- zinatorische Umdeutung (Traumarbeit) in Wunscherfüllungen, in Träume, umgewandelt, und die tiefste Deutung sexueller Träume nach den Regeln der Freudschen Traumlehre ergibt einerseits den Sexualverkehr im Sinne der Ödipus- phantasie, anderseits die Existenz im Mutterleibe oder die Wiederkehr dorthin als Traumerklärung. Naturwissenschaft- liche und psychoanalytische Erfahrungen1 zwingen uns also, die wunscherfüllende Natur der Träume nur als ein psychisches Pendant zur allgemeinen Mutterregressionstendenz anzusehen, wie sie sich im Biologischen offenbart.2 Die Analogie zwischen Schlaf und Begattung wird durch die Periodizität beider nur noch gesteigert. Die Ansammi) Rank geht in seiner Arbeit „Das Trauma der Geburt" von dieser Bedeutung der analytischen Träume aus.
2) Die Regression des Schlafenden in eine archaische Existenzform ist mit der Halluzination im Schlafe vergleichbar und könnte als Bei- spiel einer „organischen Halluzination" genannt werden.
IX. Coitus und Schlaf 107 hing der Ermüdungsstoffe, die die Schläfrigkeit einleitet, erinnert uns lebhaft an die Art, wie wir uns die amphi- miktische Sammlung und Abfuhr der Sexualspannungen vorstellen mußten. (Siehe dazu Claparede's biologische Schlaftheorie: „Nous dormons pour ne pas etre fatigue's") und auch die erfrischende Wirkung des Schlafes mag vieles mit der gesteigerten Leistungsfähigkeit nach normaler Sexual- befriedigung gemeinsam haben. Doch auch hier müssen wir uns auf die intrauterine Existenz als tertium comparationis beziehen: die vorübergehende Krafterneuerung1 verdankt der Mensch im Sexuellen sowie im Schlaf dem passageren Untertauchen in jene paradiesische Existenz, in der es noch keine Kämpfe gab, sondern nur ein Wachsen und Gedeihen ohne jede Anstrengung. Man behauptet, daß die Heilungs- vorgänge bei Krankheiten hauptsächlich im Schlafe vor sich gehen, man spricht auch;, wie wir glauben mit Recht, von wunderbaren Heilwirkungen der Liebe; in beiden Fällen scheint ja die Natur auf uralte generative Kräfte zurück- zugreifen, um sie in den Dienst der Regeneration zu stellen. Wir möchten es nicht versäumen, auch hier auf Sprüche der Volksweisheit und auf Aussagen intuitiver Geister hin- zuweisen, die unsere Auffassung zu bestätigen scheinen. Einer, der sich gut ausgeschlafen hat, fühlt sich,,wie neugeboren". Der Schlaf ist nach Shakespeare: Der zweite Gang am Tische der Natur, Des Tages schöner Tod.
(Macbeth II. 2.)
1) S. auch C. G. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido.
io8 Versuch einer Genitaltheorie Ein Kenner der Physiologie des Schlafes, Trömner, schreibt in der Einleitung zu seinem kleinen Buche über den Schlaf Sätze, die von Gleichnissen strotzen, welche wir viel ernsthafter nehmen, als wohl der Verfasser selbst. Von dem Erwachen aus dem Schlafe sagt er dort:,,...So ersteht Licht und Leben aus dem Schöße von Nacht und Nichts. Aber die Nacht entläßt ihre Geschöpfe nicht dauernd, sie hält sie fest, sie zwingt sie periodisch zurück in ihren schweigenden Schoß...Wir müssen täglich wieder zurück zum Schöße der allernährenden Nacht. In seinem Dunkel wohnen die wahren Mütter des Daseins."1 Wir zitieren auch Hufeland (nach Trömner): „Schlaf ist des Menschen Pflanzenzeit, Wo Nahrung, Wachstum baß gedeiht, Wo selbst die Seel' vom Tag verwirrt, Hier gleichsam neu geboren wird."
Der Schlafzustand repräsentiert aber gleichwie der Seelen- zustand bei der Begattung und die Existenz im Mutter- leibe auch die Wiederholung längst überwundener Formen der Existenz, ja auch der Existenz vor der Entstehung des Lebens. Der Schlaf ist nach einem alten lateinischen Spruch der Bruder des Todes. Beim Aufwachen aber, dieser täglichen Wiedergeburt, wirken noch immer auch jene traumatischen Kräfte fort, die die Materie zum Leben,, er- weckt4' hat. Jede notgedrungene Weiterentwicklung ist ja ein solches Erwecktwerden aus relativer Ruhe. „Le vegetal est un animal qui dort", sagt Buffon. Aber auch die Embryo- genese ist wie ein Schlaf, der nur durch die palingenetische i) Die Hervorhebungen vom Verfasser.
IX. Coitus und Schlaf 109 Wiederholung der Artgeschichte, wie durch einen bio- graphischen Traum gestört ist.
Der Hauptunterschied zwischen Schlaf und Coitus dürfte aber der sein, daß im Schlaf nur die glückliche Mutter- leibsexistenz, im Coitus dagegen auch die Kämpfe dar- gestellt sind, die sich bei der „Vertreibung aus dem Paradiese" (kosmische Katastrophen, Geburt, Entwöhnungs- und Angewöhnungskämpfe) abspielten.
X.
BIOANALYTISCHE KONSEQUENZEN Es ist unvermeidlich, daß wir am Ende des Gedanken- ganges angelangt, der uns, wenn auch nur vorläufig, über den Sinn des Genitalvorganges und seiner Äußerungsformen aufklären sollte, auf den Weg zurückblicken, den wir ge- gangen sind und uns Rechenschaft geben von der Methode, deren wir uns beim eifrigen Bau unseres Hypothesen- gebäudes bedienten. Unseren harmlosen Ausgangspunkt bildete eine beinahe noch physiologisch zu nennende Analyse des Ejakulation Vorganges. Doch schon bei der näheren Erklärung dieses Prozesses verwendeten wir skrupel- los Erkenntnisse, die wir auf einem ganz anderen Wissens- gebiete, dem psychologischen gewonnen haben. Ob und inwieferne solches Vorgehen wissenschaftlich überhaupt zu rechtfertigen ist, soll an dieser Stelle nicht wieder untersucht werden. Begnügen wir uns hier mit der Fest- stellung der Tatsache, daß sich diese Verquickung psycho- logischer und biologischer Kenntnisse bei manchen schwie- rigen Fragen der Genitalität und der Fortpflanzung als heuristisch wertvoll erwies und uns Ausblicke verschaffte, die uns die regelrechte Wissenschaft nicht ahnen ließ.
Die Behauptung von der Anwendbarkeit psychologischer Erkenntnisse bei der Lösung biologischer Probleme bedarf X. Bioanalytische Konsequenzen in aber der Richtigstellung. Nicht das banal psychologische, sondern einzig und allein das psychoanalytische Wissen war uns bei unseren Problemlösungen behilflich, wie wir das im Folgenden an Beispielen beweisen wollen. Zunächst wollen wir aber nur allgemein betonen, daß die Anwend- barkeit der Begriffe und Methoden der Psychoanalyse auf andere Erkenntnisgebiete für uns ein neuerlicher Beweis dafür ist, daß die Lehre Freuds ein wesentliches Stück bisher ungekannter Wirklichkeit unserem Wissen zugänglich machte. Gleich zu Beginn, bei Besprechung der amphimiktischen Vermengung analer und urethraler Trieb qualitäten im Ejaku- lationsvorgang, verwendeten wir die uns aus der Seelen- analyse bekannten Begriffe der Verschiebung und Ver- dichtung. Die Loslösung qualitativ und quantitativ be- stimmter Energien von ihrem Objekt, ihre Verlegung auf andere Objekte oder die Ansammlung mehrerer Energie- arten und Mengen an einem und demselben Objekt war uns bisher nur in der Seelenanalyse geläufig, wir nannten sie die Verschiebung der Energiebesetzung von einer Vor- stellung auf eine andere und die Verdichtung heterogener Energien an einer bestimmten Vorstellung; die biologische Naturwissenschaft lehrte uns bisher von solchen Verlegungsmechanismen nichts. Als Übergang zu unserer Annahme von der organischen Verschiebung und Verdichtung diente die psychoanalytische Hysterielehre, die Verschiebung von Vorstellungsenergie auf organische Betätigung (Kon- version) und ihre Rückverlegung ins Psychische (analytische Therapie). Es heißt nur einen Schritt weiter gehen, wenn man annimmt, daß solcher Energieaustausch auch im rein organischen Haushalt, also in der Wechselbeziehung der H2 Versuch einer Genitaltheorie Organe selbst gang und gäbe — und einer Analyse zu- gänglich ist. Damit wäre aber auch der erste Stein zur Grundlegung einer neuen bioanalytischen Wissenschaft gegeben, die die psychoanalytischen Kenntnisse und Arbeits- weisen methodisch auf die Naturwissenschaften überträgt. Einige weitere „Grundsteine" mögen hier folgen.
Das Zusammenarbeiten der Organe und Organteile ist nach der Konstruktion der „Genitaltheorie" nicht einfach die automatische Summierung nützlicher Arbeitskräfte zu einer Gesamtleistung. Jedes Organ hat eine gewisse „Indivi- dualität", in jedem einzelnen wiederholt sich der Konflikt zwischen Ich- und Libidointeressen, des uns bisher gleich- falls nur bei der Analyse der psychischen Indivi- dualitäten entgegentrat. Besonders die bisherige Physio- logie scheint aber die Bedeutsamkeit libidinöser Energien bei der normalen wie der pathologischen Organbetätigung unterschätzt zu haben, so daß die bisherige Nutzphysio- logie und -Pathologie, wenn sich nur ein Teil der genital- theoretischen Annahmen bewahrheitet, einer lustbiolo- logi sehen Ergänzung bedarf. Schon jetzt ließen sich die Grundlinien dieser neuen Disziplin skizzieren.
Indem wir an einer anderen Stelle die Auto tomie-Tendenz mit der Verdrängung in Parallele brachten, wandten wir uns wieder um eine Anleihe an die Psychoanalyse. Die Zurückziehung der Besetzung von unlustbetonten Vorstellun- gen, worin das Wesen des Verdrängungsprozesses Hegt, hat offenbar organische Vorbilder; es ist aber kaum abzusehen, welch' ungeahnte Vertiefung der naturwissenschaftlichen Ein- sicht daraus erwüchse, wenn es gelänge, durch Übertragung psychoanalytischer Denkweise die feinere Motivierung aller X. Bio analytische Konseqtienzen 113 jener merkwürdigen Lebenserscheinungen zu erfassen, die auf solcher organischen Verdrängung beruhen.
Die begriffliche Sonderung der erotischen Triebe, die nur dem Lusterwerb dienen, von den Übrigen nützlichen wäre ein weiteres für das Verständnis organischen Wesens überhaupt wichtiges Resultat dieser Untersuchung. Noch viel größere Bedeutsamkeit käme aber (wie dies bereits Freud in seiner Trieblehre feststellte) der sowohl das psychische wie auch das organische Leben beherrschenden Regressionstendenz zu. Es hat den Anschein, daß hinter der Facade, die uns die naturwissenschaftliche Deskription gibt, gleichsam als das biologische Unbewußte, die Arbeitsweise und die Organisation scheinbar längst über- holter Phasen der Individual- und Artentwicklung fort- leben; sie fungieren nicht nur als geheime Lenker auch der manifesten Organbetätigung, sondern überwältigen in gewissen Ausnahmszuständen (Schlaf, Genitalität, organische Krankheit) mit ihren archaischen Tendenzen die ober- flächlichen Lebensbetätigungen ebenso, wie in den Neu- rosen und Psychosen das normale Bewußtsein von psycho- logischen Archaismen überflutet wird. Es genügt, wenn wir hier auf die Beispiele des Schlafes und des Begattungs- aktes nochmals hinweisen; in beiden Zuständen regrediert das ganze psychische, zum Teil aber auch das organische Wesen auf die antenatale und wahrscheinlich auch auf eine phylogenetisch alte Lebensform. In ganz gleicher Weise wird man aber auch die Symptome der Entzündung, des Fiebers, der Geschwulstbildung, ja auch die banalsten pathologischen Reaktionen als die Wiederkehr embryonaler und noch älterer Tätigkeitsformen auffassen müssen.
Ferenczi 8 Versuch einer Genitaltheorie Ist dem aber so, und ist der Sinn der manifesten Symptome des normalen und des organischen Lebens in einer bisher ungeahnten Tiefendimension versteckt, dann ist die Analogie mit den Annahmen der Psychoanalyse eine noch auffälligere und wir sind erst recht gezwungen, die bisherige mehr flächenhafte Wissenschaft vom Leben durch eine Tiefenbiologie zu ergänzen. Damit hängt ein Punkt zusammen, auf den wir im Texte bereits hingewiesen haben. Die Flächenhaftigkeit der Ansichten brachte es mit sich, daß man sich in der Naturwissenschaft meist mit einer ein- deutigen Auffassung der Lebenserscheinungen begnügte. Auch die Psychoanalyse war noch vor nicht langer Zeit der Ansicht, daß es ein Vorrecht des Psychischen sei, daß seine Elemente, und zwar ein und dasselbe Element, gleich- zeitig in mehrere genetisch verschiedene Kausalreihen ein- geschaltet sein können. Die Analyse bezeichnete diesen Tat- bestand mit dem Begriffe der Üb er de terminierung jedes psychischen Aktes, als direkte Konsequenz der Mehrdimen- sionalität des Psychischen. Gleichwie zur Bestimmung eines Punktes im Räume mindestens drei Koordinaten notwendig sind, ist also auch die Erklärung einer psychischen und, wie wir nun meinen, auch einer naturwissenschaftlichen Tat- sache durch die Einreihung in eine linienförmige Verkettung oder in eine flächenhafte Verflechtung nicht genügend determiniert, wenn nicht auch seine Beziehungen zu einer dritten Dimension festgestellt sind. Eine merk- würdige und bisher nur im Psychischen beobachtete Tat- sache ist nun, daß dasselbe Element gleichzeitig in eine aktuelle und in eine Erinnerungsreihe eingeschaltet sein und analytisch lokalisiert werden kann, womit auch X. Bioanalytische Konsequenzen 115 die „Zeitlosigkeit" unbewußter Erinnerungsspuren ausgesagt ist. Indem wir diese im Psychischen gewonnenen Einsichten auch auf die Biologie übertrugen, konnten wir den Be- gattungsakt und 'den Schlaf gleichzeitig als Abfuhr aktueller Störungsreize und als Äußerung der Reproduktionstendenz der anscheinend längst überwundenen Mutterleibs- und See wassersituation darstellen, ja in ihnen die Wiederkehr noch viel archaischerer und primitiverer Ruhetendenzen (Trieb zum Anorganischen, Todestrieb) vermuten. In ähn- licher Weise müßte aber die bioanalytische Untersuchung aller Lebensprozesse hinter der manifesten Oberfläche das biologische Unbewußte aufdecken. Es würde sich zeigen, daß damit alle müßigen Fragen nach Sinn und Zweck der Entwicklung sich von selbst in die Frage nach den Motiven umwandeln würden, die alle in der Vergangenheit wurzeln. Es sei hier gestattet, auf einige Prozesse hinzuweisen, auf die diese Gesichtspunkte schon jetzt mit Erfolg an- wendbar wären. Nehmen wir die Ernährung des Säuglings, die doch durch die Beschreibung des Saugaktes, durch die Verdauungs Vorgänge, die Verteilung des Nährmaterials in den Geweben, durch die Einreihung in die chemisch-physi- kalische Ökonomie des Organismus (die Berechnung der Kalorienmengen etc.) scheinbar so gut charakterisiert ist.
Dem Bioanalytiker wird nebst alledem noch auffallen, daß das erste Nährmaterial des Säuglings eigentlich der Körper der Mutter (resp. ihre in der Milch suspendierten Geweb- Elemente) sind. Nach Analogie des genitalen und embryo- nalen Parasitismus wird er sich denken, daß der Mensch, indem er Muttermilch und andere tierische Produkte ver- zehrt, eigentlich zeitlebens ein Parasit ist, der den Körper 8* jj5 Versuch einer Genitallheorie seiner menschlichen und tierischen Vorfahren einverleibt, die Darstellung dieser Nahrungsstoffe selbst aber seinen Wirten (Mutter, Tier) überläßt. In Fortsetzung dieses Gedankenganges wird er aber dann auch zum Schlüsse kommen, daß dieser Prozeß, den man Ahnen fr aß (Phylophagie) nennen könnte, überall im Lebendigen vorherrscht. Das omnivore oder fleischfressende Tier verzehrt die pflanzenfressenden, und überläßt die Sorge um den Aufbau der Stoffe aus dem Pflanzlichen den Letzteren. Der Pflanzenfresser nährt sich von Pflanzen, und läßt diese für ihn arbeiten, den Pflanzen- körper aus Mineralien aufbauen. In der Ernährung mit Muttermilch ist also nach der bioanalytischen Auffassung irgendwie die ganze Artgeschichte der Ernährung versteckt, zugleich aber auch in fast unkenntlicher Form dargestellt.1 Ist aber einmal die Aufmerksamkeit auf diesen Umstand hingelenkt, so wird es gewiß gelingen, in gewissen Aus- nahmszuständen der Ernährung, z. B. in deren Pathologie, das deutlichere Aktivwerden gewöhnlich versteckter Regres- sionstendenzen zu erkennen. In ähnlicher Weise würde man etwa hinter dem Symptom des Erbrechens nicht nur die manifest wirkenden Ursachen sehen, sondern auch Regressionstendenzen zu einer embryonalen und phylogenen Urzeit, wo Peristaltik und Antiperistaltik von derselben Verdauungsröhre geleistet wurde (Urmund).
Die Entzündungsvorgänge haben schon Cohnheim und Stricker nicht nur als aktuelle Reaktionen auf Reize, i) Aus der chemischen Konstitution des tierischen Eiweiß-Moleküls könnte also die vegetabile und mineralische Vergangenheit rekonstruiert werden. Damit wäre die Analogie zwischen psychischer und chemischer Analyse wesentlich vertieft.
X. Bioanalytische Konsequenzen 117 sondern als eine Art Gewebsregression zum Embryonalen beschrieben; aber auch sonstige pathologische Veränderungen werden wir, wie ich glaube, viel besser verstehen, wenn wir sowohl in ihren Zerfalls- als auch in ihren Heilungsvor- gängen die Wirksamkeit von Regressionstendenzen erkennen und beschreiben werden.
Die bioanalytischen Untersuchungen der Vorgänge bei organischer Erkrankung werden uns, wie wir glauben, zeigen, daß die meisten ihrer Symptome auf eine neu- artige Verteilung der,, Organlibido " zurückführbar sind. Die Organe leisten ihre Nützlichkeitsfunktion nur solange der Gesamtorganismus auch für ihre Libidobefriedigung sorgt. (Siehe die Libidoleistung des Genitales für den Ge- samtkörper.) Hört das auf, so mag die Neigung zur Selbstbefriedigung in den Organen wieder aufleben, zum Schaden der Gesamtfunktion, gleichwie ein schlecht be- handeltes Kind gerne zur Selbstbefriedigung greift. (Vgl. damit das Aufgeben der Nützlichkeitsfunktion bei der hysterischen Blindheit (Freud). Aber auch lokale Schädi- gungen dürften zur Einstellung der altruistischen Leistung und zur Entfachung „autoerotischer" Vorgänge in den Geweben führen. Wenn psychische Ursachen eine organische Erkrankung hervorrufen (Groddeck, Deutsch) so ge- schieht es mit Hilfe der Übertragung psychischer Libido- quantitäten auf eine bereits vorgebildete organ-libidinöse Einrichtung. Die vasomotorisch-trophischen Störungen liegen an der Grenze der (doch nur künstlich von einander ge- trennten) Gebiete neurotischer und organischer Erkrankung. Die Ohnmacht z. B. ist bei oberflächlicher Betrachtung nur die Folge der Anämie des Gehirns; die bioanalytische u8 Versuch einer Genitaltheorie Auffassung muß dem hinzufügen, daß dabei auch eine Regression der Blutdruckverhältnisse auf die Zeit vor dem aufrechten Gange stattfindet, wo die Blutversorgung des Gehirns noch keine so gesteigerte Splanchnicus -Wirkung erforderte. Bei psychogener Ohnmacht wird diese Regres- sion in den Dienst neurotischer Verdrängung gestellt.
Als Vorbilder der bioanalytischen Mechanismen werden, wie ich glaube, immer die uns am besten bekannten Struk- turen der Neurosen und Psychosen dienen. In letzter Linie wird also ein unerschrocken animistischer Geist die physio- logischen wie die Krankheitsvorgänge sozusagen als Psycho- logie und Psychiatrie des Lebendigen darstellen müssen, stets eingedenk der ahnungsvollen Zeilen Goethe's: „Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, Und die seltsamste Form bewahrt im Geheimen das Urbild."1 Eine nicht minder bedeutsame, zunächst aber gewiß sehr befremdende methodologische Neuheit, die wir uns in dieser Arbeit gestatteten, war die Verwertung der Symbolik als naturwissenschaftliche Erkenntnisquelle. Indem wir die in gewissen Seeleninhalten analytisch als solche erkannten ,, Symbole" nicht als wahllos-spielerische Äußerung der Phan- tasietätigkeit, sondern als historisch bedeutsame Spuren „verdrängter" biologischer Tatbestände auffaßten, gelangten wir zu wesentlich neuen und vielleicht nicht ganz unrichtigen Annahmen über den Sinn der Genitalität im allgemeinen und vieler ihrer Einzel-Erscheinungen. Es ist kaum ab- zusehen, welcher Entwicklungen diese Betrachtungsweise i) Ortvay wies darauf hin, daß die psychoanalytische Verdrängungs- lehre im Stande sei, die Mendel'schen Prozesse der „Dominanz" und „Latenz" der Erbeinheiten zu erklären (Zeitschr. Jahrg. II, S. 25).
X. Bioanalytische Konsequenzen 119 noch fähig ist und wie viel unbewußtes Wissen in den naiven Überlieferungen des Folklore, der Märchen und Mythen und inbesondere in der üppig wuchernden Symbolik der Träume noch versteckt ist.
So förderlich der einseitige Nützlichkeitsstandpunkt, der jetzt die ganze Naturwissenschaft beherrscht, für gewisse Disziplinen war (Technik), so sehr hinderte er den Zu- gang zur Erkenntnis tieferer biologischer Einsichten, zu der nun einmal kein Weg führt, der neben den mechanischen nicht auch die verschiedenen Lustmechanismen, deren eine Äußerung die Symbolik sein kann, berücksichtigt.
Bei der Analyse der Genitalvorgänge mußten wir uns naturgemäß sehr viel mit den Fragen der organischen Entwicklung und Rückbildung beschäftigen, ja wir getrauten uns, eine neuartige Entwicklungstheorie einzu- schmuggeln, in der wir psychoanalytische Erfahrungen und Annahmen über die Entwicklungsprozesse im Seelischen einfach ins Biologische übertrugen.1 Wir können nicht umhin, diesen Versuch wenigstens in den Grundzügen zu skizzieren.
Entsprechend unseren früheren Folgerungen aus einer Untersuchung des,, Wirklichkeitssinnes" und den eingehen- den Untersuchungen Freuds über das Triebleben gingen wir auch bei der Genitalent wicklung vom Standpunkte aus, daß immer nur ein äußerer Reiz, eine Not oder eine Kata- strophe die Lebewesen zu einer Änderung ihrer Tätigkeits- formen und ihrer Organisation gezwungen haben kann. Am 1) Vgl. dazu die Arbeit des Schweizer Biologen Brun über „Selektions- theorie und Lustprinzip" (Zeitschrift IX), der am Beispiel einer Ameisenart die Wirksamkeit des Lustprinzips bei der Entwicklung schön aufzeigt.
120 Versuch einer Genitaliheorie Ausführlichsten beschäftigten wir uns mit der Anpassungs- leistung der Lebewesen nach einer der letzten geologischen Katastrophen, der Eintrocknung der Meere. Wir sagten, daß diese Wesen sich der neuen Situation allerdings an- paßten, aber sozusagen mit dem Hintergedanken, die alte Ruhesituation auch im neuen Milieu, sobald als möglich und so oft als möglich wiederherzustellen.
Der Schlaf, die Begattung, aber auch schon die Ent- wicklung fruchtwasserhältiger Amnien und überhaupt die innere Befruchtung und intrauterine Entwicklung sind nach unserer Annahme lauter Einrichtungen zur Wiederauf- richtung jener anscheinend überwundenen Entwicklungs- periode.1 Welchem Analytiker kommt da nicht sofort die Ähnlichkeit dieses Prozesses mit der psychischen Ver- drängung und mit der Wiederkehr des Verdrängten in den Sinn. Diese Ähnlichkeit ist so groß, daß wir zugeben müssen, daß wir eigentlich diesen bei den Neurosen erlernten Dynamismus unbewußt zur Erklärung von Entwicklungs- schüben verwendet haben. Anstatt uns aber hiefür zu ent- schuldigen, schlagen wir vor, dies als eine legitime, wissen- schaftlich zu rechtfertigende Methode anzunehmen, in der Überzeugung, daß die konsequente Festhaltung dieses Ge- sichtspunktes die Entwicklungslehre nur bereichern kann. Wir glauben also, daß der Wunsch nach Wiederherstel- lung einer notgedrungen verlassenen Gleichgewichtsituation niemals vollkommen aufhört, sondern nur temporär bei Seite geschafft, von einer biologischen Zensur, die von den aktuellen Ich-Interessen geschaffen wird, an der Realii) Daß ausnahmsweise auch Anamnien vorkommen, die sich begatten, ist allerdings ein Schönheitsfehler der ganzen „Genitaltheorie".
X. Bioanalytische Konsequenzen 121 sierung gehindert wird.1 Es gibt also auch im Biologischen eine Modifikation des Lustprinzips, die wir auch hier Realitätsprinzip nennen könnten und es wird wohl auch hier so zugehen, wie wrir das im Psychischen zu sehen gewohnt sind: dieselbe Kraft, die zur Regression drängt, wirkt, wenn sie daran von einer Zensurinstanz gehindert wird, progressiv — im Sinne der Anpassung und der Kom- plikation.