aus Organminderwertigkeiten drohenden Gefahren durch Überkompensation hintanzuhalten strebt. Beide systemartig ausgebauten Richtungen haben die Entwicklung der-Psychoanalyse nicht nachhaltig beeinflußt; von der Adlerschen ist bald klar geworden, daß sie mit der Psychoanalyse, die sie er- setzen woliıe, zu wenig gemein hat.
NEUERE FORTSCHRITTE DER PSYCHOANALYSE. Seitdem die Psychoanalyse Arbeitsgebiet einer so großen Zahl von Beobachtern geworden ist, hat sie Bereicherungen und Vertiefungen gewonnen, denen in diesem Aufsatz leider nur die knappste Erwähnung zuteil werden kann.
DER NARZISSMUS. Ihr wichtigster theoretischer Fortschritt war wohl die Anwendung der Libidolehre auf das verdrängende Ich. Man kam dazu, sich das Ich selbst als ein Reservoir von — narzißtisch genannter — Libido vorzustellen, aus welchem die Libidobesetzungen der Objekte er” fließen und in welches diese wieder eingezogen werden können. Mit Hilfe dieser Vorstellung wurde es möglich. an die Analyse des Ichs heranzutreten und die klinische Scheidung der Psychoneurosen in Übertragungs neurosen und narzißtische Affektionen vorzunehmen. Bei den ersteren (Hysterie und Zwangsneurose) ist ein nach Übertragung auf fremde Objekte strebendes Maß von Libido verfügbar, welches zur Durchführung der analytischen Behandlung in Anspruch genommen wird; die narzißtischen Störungen (Dementia praecox, Paranoia, Melancholie) sind im Gegenteil durch die Abziehung der Libido von den Objekten charakterisiert und darum der analytischen Therapie. kaum zugänglich. Diese therapeutische Unzulänglichkeit hat aber die Analyse nicht behindert, die reichhaltigsten Ansätze zum tieferen Verständnis dieser den Psychosen zugerechneten Leiden zu machen.
WENDUNG DER TECHNIK. Nachdem die Ausbildung der Deutungs- technik sozusagen die Wißbegierde des Analytikers befriedigt hatte, mußte sich das Interesse dem Problem zuwenden, auf welchen Wegen die zweck- dienlichste Beeinflussung des Patienten zu erreichen sei. Es ergab sich bald als die nächste Aufgabe des Arztes, dem Patienten zur Kenntnis und später zur Überwindung der Widerstände zu verhelfen, die während der Behandlung bei ihm auftreten und die ihm anfänglich selbst nicht bewußt sind. Auch erkannte man gleichzeitig, daß das wesentliche Stück der Heilungsarbeit in der Überwindung dieser Widerstände besteht, und daß ohne diese Leistung eine dauerhafte seelische Veränderung des Patienten nicht erzielt werden kann. Seitdem sich die Arbeit des Analytikers so auf den Widerstand des Kranken einstellt, hat die analytische Technik eine Bestimmtheit und Feinheit gewonnen, die mit der chirurgischen Technik wetteifert. Es ist also dringend davon abzuraten, daß man ohne strenge Schulung psychoanalytische Behandlungen unternimmt, und der Arzt, der solches im Vertrauen auf sein staatlich anerkanntes Diplom wagt, ist um nichts besser als ein Laie.
DIE PSYCHOANALYSE ALS THERAPEUTISCHE METHODE. Die Psychoanalyse hat sich nie für eine Panazee ausgegeben oder bean- sprucht, Wunder zu tun. Auf einem der schwierigsten Gebiete ärztlicher Tätigkeit ist sie für einzelne Leiden die einzig mögliche, für andere die Methode, welche die besten oder dauerhaftesten Resultate liefert, niemals ohne entsprechenden Aufwand an Zeit und Arbeit, Dem Arzt, welcher nicht ganz in der Aufgabe der Hilfeleistung aufgeht, lohnt sie die Mühe reichlich durch ungeahnte Einsichten in die Verwicklungen des seelischen Lebens und die Zusammenhänge zwischen Seelischem und Leiblichem. Wo sie gegenwärtig nicht Abhilfe. sondern nur theoretisches Verständnis bieten kann, bahnt sie vielleicht den Weg für eine spätere direktere Be- einflussung der neurotischen Störungen. Ihr Arbeitsgebiet sind vor allem die beiden Übertragungsneurosen, Hysterie und Zwangsneurose, bei denen sie zur Aufdeckung der inneren Struktur und der wirksamen Mechanismen beigetragen hat, außerdem aber alle Arten von Phobien, Hemmungen, Charakterverbildungen, sexuelle Perversionen und Schwierigkeiten des Liebeslebens. Nach Angaben einiger Analytiker ist auch die analytische Behandlung grober Organerkrankungen nicht aussichtslos (Jelliffe, Groddeck, Felix Deutsch), da nicht selten ein psychischer Faktor an der Entstehung und Erhaltung dieser Affektionen mit beteiligt ist. Da die Psychoanalyse ein Maß von psychischer Plastizität bei ihren Patienten in Anspruch nimmt, muß sie sich bei deren Auswahl an gewisse Altersgrenzen halten, und da sie eine lange und intensive Beschäftigung mit dem einzelnen Kranken bedingt, wäre es unökonomisch, solchen Aufwand an völlig wertlose In- dividuen, die nebenbei auch neurotisch sind, zu vergeuden. Welche Modi- fikationen erforderlich sind, um das psychoanalytische Heilverfahren breiteren Volksschichten zugänglich zu machen und schwächeren Intelligenzen an- zupassen, muß erst die Erfahrung an poliklinischem Material lehren.
IHR VERGLEICH MIT HYPNOTISCHEN UND SUGGESTIVEN METHODEN. Das psychoanalytische Verfahren unterscheidet sich von allen suggestiven, persuasiven u. dgl. darin, daß es kein seelisches Phänomen beim Patienten durch Autorität unterdrücken will. Es sucht die Verursachung des Phänomens zu ergründen und es durch dauernde Veränderung seiner Entstehungsbedingungen aufzuheben. Den unvermeidlichen suggestiven Ein- fluß des Arztes lenkt man in der Psychoanalyse auf die dem Kranken zu’ geteilte Aufgabe, seine Widerstände zu überwinden, d. h. die Heilungsarbeit zu leisten. Gegen die Gefahr, die Erinnerungsangaben des Kranken suggestiv zu verfälschen, schützt man sich durch vorsichtige Handhabung der Technik. Im allgemeinen ist man aber gerade durch die Erweckung der Widerstände gegen irreführende Wirkungen des suggestiven Einflusses geschützt. Als das Ziel der Behandlung kann hingestellt werden, durch die Aufhebung der Widerstände und Nachprüfung der Verdrängungen des Kranken die weit- gehendste Vereinheitlichung und Stärkung seines Ichs herbeizuführen, ihm den psychischen Aufwand für innere Konflikte zu ersparen, das beste au® ihm zu gestalten, was er nach Anlagen und Fähigkeiten werden kann, und ihn so nach Möglichkeit leistungs- und genußfähig zu machen. Die Be seitigung der Leidenssymptome wird nicht als besonderes Ziel angestrebt, sondern ergibt sich bei regelrechter Ausführung der Analyse gleichsam als Nebengewinn. Der Analytiker respektiert die Eigenart des Patienten, sucht ihn nicht nach seinen — des Arztes — persönlichen Idealen umzumodeln und freut sich, wenn er sich Ratschläge ersparen und dafür die Initiative des Analysierten wecken kann.
IHR VERHÄLTNIS ZUR PSYCHIATRIE. Die Psychiatrie ist gegen- wärtig eine wesentlich deskriptive und klassifizierende Wissenschaft, welche immer noch mehr somatisch als psychologisch orientiert ist, und der es an Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten Phänomene fehlt. Die Psychoanalyse steht aber nicht im Gegensatz zu ihr, wie man nach dem nahezu einmütigen Verhalten der Psychiater glauben sollte. Sie ist vielmehr als Tiefenpsychologie, Psychologie der dem Bewußtsein entzogenen Vor- gänge im Seelenleben, dazu berufen, ihr den unerläßlichen Unterbau zu liefern und ihren heutigen Einschränkungen abzuhelfen. Die Zukunft wird voraussichtlich eine wissenschaftliche Psychiatrie erschaffen, welcher die Psychoanalyse als Einführung gedient hat.
KRITIKEN UND MISSVERSTÄNDNISSE DER PSYCHO- ANALYSE. Das meiste, was auch in wissenschaftlichen Werken gegen die Psychoanalyse vorgebracht wird, beruht auf ungenügender Information, die ihrerseits durch affektive Widerstände begründet scheint. So ist es irrig, der Psychoanalyse „Pansexualismus“ vorzuwerfen und ihr nachzusagen, daß sie alles seelische Geschehen von der Sexualität ableite und auf sie zurückführe. Die Psychoanalyse hat vielmehr von allem Anfang an die Sexualtriebe von anderen unterschieden, die sie vorläufig „Ichtriebe“ genannt hat. Es ist ihr nie eingefallen, „Alles“ erklären zu wollen, und selbst die Neurosen hat sie nicht aus der Sexualität allein, sondern aus dem Kon- flikt zwischen den sexuellen Strebungen und dem Ich 'abgeleitet. Der Name Libido bedeutet in der Psychoanalyse (außer bei C. G. Jung) nicht Psychische Energie schlechtweg, sondern die Triebkraft der Sexualtriebe. Gewisse Behauptungen, wie daß jeder Traum eine sexuelle Wunscherfüllung sei, sind überhaupt niemals aufgestellt worden. Der Vorwurf der Einseitig- keit ist gegen die Psychoanalyse, die als Wissenschaft vom seelisch Unbewußten ihr bestimmtes und beschränktes Arbeitsgebiet hat, ebenso unangebracht, wie wenn man ihn gegen die Chemie erheben würde. Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom „freien Ausleben“ der Sexualität. Das Bewußtmachen der verdrängten Sexualgelüste in der Analyse ermöglicht vielmehr eine Beherrschung der- selben, die durch die vorgängige Verdrängung nicht zu erreichen war. Man kann mit mehr Recht sagen, daß die Analyse den Neurotiker von den Fesseln seiner Sexualität befreit. Es ist ferner durchaus unwissenschaftlich, die Psycho- analyse danach zu beurteilen, ob sie geeignet ist, Religion, Autorität und Sittlichkeit zu untergraben, da sie wie alle Wissenschaft durchaus tendenz- frei ist und nur die eine Absicht kennt, ein Stück der Realität widerspruchs- frei zu erfassen. Endlich darf man es geradezu als einfaltig bezeichnen, wenn man auf die Befürchtung stößt, die sogenannten höchsten Güter der Mensch- heit, Forschung, Kunst, Liebe, sittliches und soziales Empfinden, würden ihren Wert oder ihre Würde einbüßen, weil die Psychoanalyse in der Lage ist, deren Abkunft von elementaren, animalischen Triebregungen aufzuzeigen.
DIE NICHT MEDIZINISCHEN ANWENDUNGEN UND BE- ZIEHUNGEN DER PSYCHOANALYSE. Die Würdigung der Psycho- analyse würde unvollständig sein, wenn man versäumte mitzuteilen, daß sie als die einzige unter den medizinischen Disziplinen die breitesten Be- ziehungen zu den Geisteswissenschaften hat und im Begriffe ist, für Reli- gions- und Kulturgeschichte, Mythologie und Literaturwissenschaft eine ähnliche Bedeutung zu gewinnen wie für die Psychiatrie. Dies könnte Wunder nehmen, wenn man erwägt, daß sie ursprünglich kein anderes Ziel hatte als das Verständnis und die Beeinflussung neurotischer Symptome. Allein es ist leicht anzugeben, an welcher Stelle die Brücke zu den Geistes“ wissenschaften geschlagen wurde. Als die Analyse der Träume Einsicht in die unbewußten seelischen Vorgänge gab und zeigte, daß die Mechanismen, welche die pathologischen Symptome schaffen, auch im normalen Seelen- leben tätig sind, wurde die Psychoanalyse zur Tiefenpsychologie und als solche der Anwendung auf die Geisteswissenschaften fähig, konnte eine gute Anzahl von Fragen lösen, vor denen die schulgemäße Bewußtseins- psychologie ratlos Halt machen mußte. Frühzeitig schon stellten sich die Beziehungen zur menschlichen Phylogenese her. Man erkannte, wie häufig die pathologische Funktion nichts anderes ist als Regression zu einer früheren Entwicklungsstufe der normalen. C. G.J ung wies zuerst nach- drücklich auf die überraschende Übereinstimmung zwischen den wüsten Phantasien der Dementia-praecox-Kranken mit den Mythenbildungen primi' tiver Völker hin; Referent machte aufmerksam, daß die beiden Wunsch‘ regungen, welche den Ödipus-Komplex zusammensetzen, sich inhaltlich voll mit den beiden Hauptverboten des Totemismus decken (den Ahnherrn nicht zu töten und kein Weib der eigenen Sippe zu ehelichen), und zog daraus weitgehende Schlüsse. Die Bedeutung des Ödipus-Komplexes begann zu gigantischem Maß zu wachsen, man gewann die Ahnung, daß staatliche Ordnung, Sittlichkeit, Recht und Religion in der Urzeit der Menschheit miteinander als Reaktionsbildung auf den Ödipus-Komplex entstanden seien. Otto Rank warf helle Lichter auf Mythologie und Literaturgeschichte durch Anwendung der psychoanalytischen Einsichten, ebenso Th. Reik auf die Geschichte der Sitten und Religionen, der Pfarrer O. Pfister (Zürich) weckte das Interesse der Seelsorger und Lehrer und ließ den Wert psychoanaly- tischer Gesichtspunkte für die Pädagogik verstehen. Weitere Ausführungen über diese Anwendüngen der Psychoanalyse sind hier nicht am Platze; möge die Bemerkung genügen, daß deren Ausdehnung noch nicht abzusehen ist.
CHARAKTER DER PSYCHOANALYSE ALS EMPIRISCHE WISSENSCHAFT. Die Psychoanalyse ist kein System wie die philosophi- schen, das von einigen scharf definierten Grundbegriffen ausgeht, mit diesen das Weltganze zu erfassen sucht, und dann, einmal fertig gemacht, keinen Raum mehr hat für neue Funde und bessere Einsichten. Sie haftet viel- mehr an den Tatsachen ihres Arbeitsgebietes, sucht die nächsten Probleme der Beobachtung zu lösen, tastet sich an der Erfahrung weiter, ist immer unfertig, immer bereit, ihre Lehren zurechtzurücken oder abzuändern. Sie verträgt es so gut wie die Physik oder die Chemie, daß ihre obersten Begriffe unklar, ihre Voraussetzungen vorläufige sind, und erwartet eine schärfere Bestimmung derselben von zukünftiger Arbeit.
1 Libidotheorie LIBIDO ist ein Terminus aus der Trieblehre. zur Bezeichnung des dynamischen Ausdrucks der Sexualität schon von A. Moll in diesem Sinne gebraucht (Untersuchungen über die Libido sexualis 1898), vom Referenten in die Ps ychoanalyse eingeführt. Im folgenden soll nur dargestellt werden, welche Entwicklungen, die noch nicht abgeschlossen sind, die Trieblehre in der Psychoanalyse erfahren hat.
GEGENSATZ VON SEXUALTRIEBEN UND ICHTRIEBEN.
Die Psychoanalyse, die bald erkannte, daß sie alles seelische Geschehen über dem Kräftespiel der elementaren Triebe aufbauen müsse. sah sich in der übelsten Lage, da es in der Psychologie eine Trieblehre nicht gab und ihr niemand sagen konnte, was ein Trieb eigentlich ist. Es herrschte vollste Willkür, jeder Psychologe pflegte solche und so viele Triebe anzunehmen, als ihm beliebte. Das erste Erscheinungsgebiet, ‚welches die Psychoanalyse studierte, waren die sogenannten Übertragungsneurosen (Hysterie und Zwangs- neurose). Die Symptome derselben entstanden dadurch, daß sexuelle Trieb- regungen von der Persönlichkeit (dem Ich) abgewiesen (verdrängt) worden waren und sich auf Umwegen durch das Unbewußte einen Ausdruck ver- schafft hatten. Somit konnte man zurechtkommen, wenn man den Sexual- trieben Ichtriebe (Selbsterhaltungstriebe) entgegenstellte, ‘und befand sich dann in Übereinstimmung mit der populär gewordenen Aussage des Dichters, der das Weltgetriebe „durch Hunger und durch Liebe“ erhalten werden läßt, Die Libido war in gleichem: Sinne die Kraftäußerung der Liebe, wie der Hunger des Selbsterhaltungstriebes. Die Natur der Ichtriebe blieb dabei zunächst unbestimmt und der Analyse unzugänglich wie alle anderen Charaktere des Ichs.. Ob und welche qualitativen Unterschiede zwischen beiden Triebarten anzunehmen sind, war nicht anzugeben.
DIE URLIBIDO. Diese Dunkelheit versuchte C. G. Jung auf spekula- tivem Wege zu überwinden, indem er nur eine einzige Urlibido annahm, die sexualisiert und desexualisiert werden konnte, und also im Wesen mit der seelischen Energie überhaupt zusammenfiel. Diese Neuerung war metho- disch anfechtbar, sie stiftete viel Verwirrung, setzte den Terminus Libido zu einem überflüssigen Synonym herab und mußte in der Praxis doch immer zwischen sexueller und asexueller Libido unterscheiden. Der Unter- schied zwischen den Sexualtrieben und den Trieben mit anderen Zielen war eben auf dem Wege einer neuen Definition nicht aufzuheben.
DIE SUBLIMIERUNG. Das bedächtige Studium der allein analytisch zugänglichen Sexualstrebungen hatte unterdes bemerkenswerte Einzelein- sichten ergeben. Was man den Sexualtrieb nannte, war hoch zusammen” gesetzt und konnte wieder in seine Partialtriebe zerfallen. Jeder Partialtrieb war unabänderlich charakterisiert durch seine Quelle, nämlich die Körper region oder Zone, aus welcher er seine Erregung bezog. Außerdem war an ihm ein Objekt und ein Ziel zu unterscheiden. Das Ziel war immer die Befriedigungsabfuhr, es konnte. aber eine Wandlung von der Aktivität zur Passivität erfahren. Das Objekt hing dem Trieb minder fest an als man zunächst gemeint hatte, es wurde leicht gegen ein anderes eingetauscht, auch konnte der Trieb, der ein äußeres Objekt gehabt hatte, gegen die eigeıse Person gewendet werden. Die einzelnen Triebe konnten unabhängig voneinander bleiben oder — in noch unvorstellbarer Weise — sich kom- binieren, zur gemeinsamen Arbeit verschmelzen. Sie konnten auch für- einander eintreten, einander ihre Libidobesetzung übertragen, so daß die Befriedigung des einen an Stelle der Befriedigung der anderen trat. Am bedeutsamsten erschien das Triebschicksal der Sublimierung, bei dem Objekt und Ziel gewechselt werden, so’ daß der ursprünglich sexuelle Trieb nun in einer nicht mehr sexuellen, sozial oder ethisch höher gewerteten Leistung Befriedigung findet. Alles dies sind Züge, welche sich noch zu keinem Gesamtbild zusammensetzen.
DER NARZISSMUS. Ein entscheidender Fortschritt erfolgte, als man sich an die Analyse der Dementia praecox und anderer psychotischer Affek- tionen heranwagte und somit das Ich selbst zu studieren begann, das man bisher nur als verdrängende und widerstrebende Instanz gekannt hatte. Man erkannte als den pathogenen Vorgang bei der Demenz, daß die Libido von den Objekten abgezogen und ins Ich eingeführt wird, während die lärmenden Krankheitserscheinungen von dem vergeblichen Bestreben der Libido her- rühren, den Rückweg zu den Objekten zu finden. Es war also möglich, daß sich Objektlibido in Ichbesetzung umwandle und umgekehrt. Weitere Erwägungen zeigten, daß dieser Vorgang im größten Ausmaß anzunehmen sei, daß das Ich vielmehr als ein großes Libidoreservoir angesehen werden mußte, aus dem Libido auf die Objekte entsandt wird, und das immer bereit ist, die von den Objekten rückströmende Libido aufzunehmen. Die Selbsterhaltungstriebe waren also auch libidinöser Natur, es waren Sexual- triebe, die anstatt der äußeren Objekte das eigene Ich zum Objekt genommen hatten. Man kannte aus der klinischen Erfahrung Personen, die sich in auf- fälliger Weise so benahmen, als wären sie in sich selbst verliebt, und hatte diese Perversion Narzißmus genannt. Nun hieß man die Libido der Selbst- erhaltungstriebe narzißtische Libido und anerkannte ein hohes Maß von solcher Selbstliebe als den primären und normalen Zustand. Die frühere Formel für die Übertragungsneurosen bedurfte jetzt zwar nicht einer Kor- rektur. aber doch einer Modifikation; anstatt von einem Konflikt zwischen Sexualtrieben und Ichtrieben sprach man besser vom Konflikt zwischen Objektlibido und Ichlibido, oder, da die Natur der Triebe dieselbe war, zwischen den Objektbesetzungen und dem Ich.
SCHEINBARE ANNÄHERUNG AN DIE JUNGSCHE AUFFASSUNG. Auf solche Art gewann es den Anschein, als ob auch die langsame psychoanalytische Forschung der Jungschen Spekulation vbn der Urlibido nach- gekommen wäre, besonders da mit der Umwandlung der Objektlibido in Narzißmus eine gewisse Desexualisierung, ein Aufgeben der speziellen Sexual- ziele, unvermeidlich verbunden ist. Indes drängt sich die, Erwägung auf, daß, wenn die Selbsterhaltungstriebe des Ichs als libidinös anerkannt sind, damit noch nicht bewiesen ist, daß im Ich keine anderen Triebe wirken.
DER HERDENTRIEB. Von vielen Seiten wird behauptet, daß es einen besonderen, angeborenen und nicht weiter auflösbaren „Herdentrieb“ gibt, der das soziale Verhalten der Menschen bestimmt, die einzelnen zur Vereinigung in größeren Gemeinschaften drängt. Die Psychoanalyse muß dieser Auf- stellung widersprechen. Wenn der soziale Trieb auch angeboren sein mag, so ist er doch ohne Schwierigkeit auf ursprünglich libidinöse Objekt- besetzungen zurückzuführen und entwickelt sich beim kindlichen Indivi- duum als Reaktior spildung auf feindselige Rivalitätseinstellungen. Er beruht auf einer besonderen: Art von Identifizierung mit dem anderen.
ZIELGEHEMMTE SEXUALSTREBUNGEN. Die sozialen Triebe gehören zu einer Klasse von Triebregungen, die man noch nicht sublimierte zu nennen braucht, wenngleich sie diesen nahestehen. Sie haben ihre direkt sexuellen Ziele nicht aufgegeben, werden aber von der Erreichung derselben durch innere Widerstände abgehalten, begnügen sich mit gewissen An- näherungen an die Befriedigung und stellen gerade darum besonders feste und dauerhefte Bindungen unter den Menschen her. Von dieser Art sind insbesondere die ursprünglich vollsexuellen Zärtlichkeitsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern, die Gefühle der Freundschaft und die aus sexueller Zuneigung hervorgegangenen Gefühlsbindungen in der Ehe.
ANERKENNUNG ZWEIER TRIEBARTEN IM SEELENLEBEN. Während die psychoanalytische Arbeit sonst bestrebt ist, ihre Lehren mög“ lichst unabhängig von denen anderer Wissenschaften zu entwickeln, sieht sie sich doch genötigt, für die Trieblehre Anlehnung bei der Biologie zu suchen. Auf Grund weitläufiger Erwägungen über die Vorgänge, die das Leben ausmachen und die zum Tode führen, wird es wahrscheinlich, daß man zwei Triebarten anzuerkennen hat, entsprechend den entgegengesetzten Prozessen von Aufbau und Abbau im Organismus. Die einen Triebe, die im Grunde geräuschlos arbeiten, verfolgten das Ziel, das lebende Wesen zum Tode zu führen, verdienten darum den Namen der „Todestriebe" und würden, durch das Zusammenwirken der vielen zelligen Elementar organismen nach außen gewendet, als Destruktions- oder Aggressions- tendenzen zum Vorschein kommen. Die anderen wären die uns analytisch besser bekannten libidinösen Sexual- oder Lebenstriebe, am besten als Eros zusammengefaßt, deren Absicht es wäre, aus der lebenden Substanz immer größere Einheiten zu gestalten, somit die Fortdauer des Lebens zu erhalten und es zu höheren Entwicklungen zu führen. In den Lebewesen wären die erotischen und die Todestriebe regelmäßige Vermischungen, Legierungen, eingegangen; es wären aber auch Entmischungen derselben möglich; das Leben bestünde in den Äußerungen des Konflikts oder der Interferenz beider Triebarten und brächte dem Individuum den Sieg der Destruktions- triebe durch den Tod, aber auch den Sieg des Eros durch die Fortpflanzung.
DIE NATUR DER TRIEBE. Auf dem Boden dieser Auffassung läßt sich für die Triebe die Charakteristik geben, sie seien der lebenden Substanz innewohnende Tendenzen zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, also historisch bedingt, konservativer Natur, und gleichsam der Ausdruck einer Trägheit oder Elastizität des Organischen. Beide Triebarten, der Eros wie der Todestrieb, würden von der ersten Entstehung des Lebens an wirken und gegen einander arbeiten.
Freud, Xrif, 16 DAS ICH UND DAS ES DAS ICH UND DAS ES Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort, die in meiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips“ ı920' begonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist, mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüber stand. Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit verschiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der Psychoanalyse näher als das „Jenseits“. Sie tragen eher den Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, daß sie beim Gröbsten Halt machen, und bin mit dieser Beschränkung recht einverstanden.
Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegenstand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf ihrem Rück- zug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte oder deren Bedeutung ver- leugnen wollte, sondern weil sie einen bestimmten Weg verfolgt, ) Ges. Werke, Bd. XIII.
ur INA Ina vd ET. Ba on A ' eu er ji Tan A, 1 y BIRTN » Dar an“ Ad a EN ALM PERLE N Fr) ki ur I 8 ih NR h ul en Ib a Bin % aus 70 il ih a Ik u SH Nie | I hi ARTEN RT Ma)? if f Le. x N a‘ Kung % INT un Ah u TR FAN en '& OR ART WERD NN, VER ul I BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTES In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu vermeiden.
Die Unterscheidung des Psychischen in Bewußtes und Unbe- wußtes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissen- schaft einzuordnen. Nochmals und anders gesagt: die Psychoana- lyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein ver- legen, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psy- chischen ansehen, die zu anderen „Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.
Wenn ich mir vorstellen könnte, daß alle an der Psychologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre ich auch darauf vorbereitet, daß schon an dieser Stelle ein Teil der Leser Halt macht und nicht weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schib- boleth der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch bewußt ist, so unfaßbar, daß sie ihnen absurd und durch bloße Logik abweis- bar erscheint. Ich glaube, dies kommt nur daher, daß sie die betreffenden Phänomene der Hypnose und des Traumes, welche —— vom Pathologischen ganz abgesehen — zu solcher Auffassung zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewußtseinspsychologie ist aber auch unfähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu lösen.
240 Das Ich und das Es Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches Element, zum Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, daß der Zustand des Bewußt- seins rasch vorübergeht; die jetzt bewußie Vorstellung ist es ım nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, sie sei latent gewesen, und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseins- fähig war. Auch wenn wir sagen, sie sei unbewußt gewesen, haben wir eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewußt fällt dann mit latent-bewußtseinsfähig zusammen. Die Philosophen würden uns zwar einwerfen: Nein, der Terminus unbewußt hat hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zustand der Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches. Würden wir ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so gerieten wir in einen Wortstreit, aus dem sich nichts gewinnen ließe.
Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewußten auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle spielt. Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, daß es sehr starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt, — hier kommt zuerst ein quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht — die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige Vorstellungen, auch solche F olgen, die wiederum als Vorstellungen bewußt werden können, nur werden sie selbst nicht bewußt. Es ist nicht nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so oft dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die psychoanalytische Theorie ein und behauptet, daß. solche Vor- stellungen nicht bewußt sein können, weil eine gewisse Kraft sich dem widersetzt, daß sie sonst bewußt werden könnten und daß man dann sehen würde, wie wenig sie sich von anderen Bewußtsein und Unbewußtes 241 anerkannten psychischen Elementen unterscheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, daß sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die wider- strebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen bewußt machen kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der Bewußtmachung befanden, heißen wir Verdrängung, und die Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrecht gehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit als‘ Widerstand zu verspüren.
Unseren Begriff des Unbewußten gewinnen wir also aus der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das Vor- bild des Unbewußten. Wir sehen aber, daß wir zweierlei Unbe- wußtes haben, das latente, doch bewußtseinsfähige, und das Ver- drängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseinsfähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne Einfluß auf Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dyna- mischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbe wuBßt beschränken wir auf das dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbe- wußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Ybw, nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten YDw um so unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und das Ybw wie das Ubw konsequenterweise vom bewußten Psy- chischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, das Ydw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psy- choiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die Folge davon und die einzig wichtige Tatsache, daß diese Psy- choide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt Psy- chischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils in 242 Das Ich und das Es — den Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von ihnen noch nicht kannte.
Nun können wir mit unseren drei Terminis, bw, vbw und ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, daß es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewußtes gibt, im dynamischen aber nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit des Unbewußten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr aus- gekommen. Vermeiden läßt sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht darüber beklagen, daß das Dynamische in der Erscheinung nur einen zweideutigen Ausdruck findet.’
EEE EU EEE EU *) Soweit vgl.: Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten. [Ges. Werke, Bd. VIII.] Eine neuerliche Wendung in der Kritik des Unbewußten verdient an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Manche Forscher, die sich der Anerkennung der psycho- analytischen Tatsachen nicht verschließen, das Unbewußte aber nicht annehmen wollen, schaffen sich eine Auskunft mit Hilfe der unbestrittenen Tatsache, daß auch das Bewußtsein — als Phänomen — eine große Reihe von Abstufungen der Inten- sität oder Deutlichkeit erkennen läßt. So wie es Vorgänge gibt, die sehr lebhaft, grell, greifbar bewußt sind, so erleben wir auch andere, die nur schwach, kaum eben merklich bewußt sind, und die am schwächsten bewußten seien eben die, für welche die Psychoanalyse das unpassende Wort unbewußt gebrauchen wolle. Sie seien aber doch auch bewußt oder „im Bewußtsein“ und lassen sich voll und stark bewußt machen, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit schenkte.