Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der Kastration drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen, daß sich das Sexualleben des Kindes um diese Zeit keineswegs in der Mastur- bation erschöpft. Es steht nachweisbar in der Ödipuseinstellung zu seinen Eltern, die Masturbation ist nur die genitale Abfuhr der zum Komplex gehörigen Sexualerregung und wird dieser Beziehung ihre Bedeutung für alle späteren Zeiten verdanken. Der Ödipuskomplex bot dem Kinde zwei Möglichkeiten der Befriedigung, eine aktive und eine passive Es konnte sich in männlicher Weise an die Stelle des Vaters setzen. und wie er mit der Mutter verkehren, wobei der Vater bald als Hindernis. empfunden wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen und sich vom Vater lieben lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde. Worin der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber mochte das Kind nur sehr unbestimmte Vorstellungen haben; gewiß spielte aber der Penis dabei eine Rolle, denn dies bezeugten seine Organgefühle. Zum Zweifel am Penis des Weibes war noch kein Anlaß. Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die Einsicht, daß das Weib kastriert sei, machte nun beiden Möglichkeiten der Befriedigung aus dem Ödipuskomplex ein Ende. Beide brachten ja den Verlust des Penis mit sich, die eine, männliche, als Straf- folge, die andere, weibliche, als Voraussetzung. Wenn die Liebes- befriedigung auf dem Boden des Ödipuskomplexes den Penis kosten soll, so muß es zum Konflikt zwischen dem narzißtischen Interesse an diesem Körperteile und der libidinösen Besetzung der elterlichen Objekte kommen. In diesem Konflikt siegt normalerweise die erstere Macht; das Ich des Kindes wendet sich vom Odipuskomplex ab.
Der Untergang des Ödipuskomplexes 399 Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise dies vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte Vater- oder Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und so das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung versichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen Strebungen werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, was wahrscheinlich bei jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht, zum Teil zielgehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. Der ganze Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr des Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die nun die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht.
Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom Ödipus- komplex den Namen einer „Verdrängung“ zu versagen, obwohl spätere Verdrängungen meist unter der Beteiligung des Über-Ichs zustandekommen werden, welches hier erst gebildet wird. Aber der beschriebene Prozeß ist mehr als eine Verdrängung, er kommt, wenn ideal vollzogen, einer Zerstörung und Aufhebung des Komplexes gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier auf die niemals ganz scharfe Grenzscheide zwischen Normalem und Pathologischem gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht viel mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später seine pathogene Wirkung äußern.
Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation, Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über-Ichbildung und Latenz- periode läßt die analytische Beobachtung erkennen oder erraten. Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipuskomplex an der Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber damit ist das Problem nicht erledigt, es bleibt Raum für eine theoretische Spekulation, welche das gewonnene Resultat umwerfen oder in ein neues 400 Der Untergang des Ödipuskomplexes Licht rücken kann. Ehe wir aber diesen Weg beschreiten, müssen wir uns einer Frage zuwenden, welche sich während unserer bisherigen Erörterungen erhoben hat und so lange zur Seite gedrängt wurde. Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie ausdrücklich gesagt, nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht sich die entsprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen?
Unser Material wird hier — unverständlicherweise — weit dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht ent- wickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine Latenzzeit. Kann man ihm auch eine phallische Organisation und einen Kastrationskomplex zusprechen? Die Antwort lautet bejahend, aber es kann nicht dasselbe sein wie beim Knaben. Die femi- nistische Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter trägt hier nicht weit, der morphologische Unterschied muß sich in Verschiedenheiten der psychischen Entwicklung äußern. Die Anatomie ist das Schicksal, um ein Wort Napoleons zu varlieren. Die Klitoris des Mädchens benimmt sich zunächst ganz wie ein Penis, aber das Kind nimmt durch die Vergleichung mit einem männlichen Gespielen wahr, daß es „zu kurz gekommen“ ist, und empfindet diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur Minderwertigkeit. Es 'tröstet sich noch eine Weile mit der Erwartung, später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes Anhängsel wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der Männlichkeitskomplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel ver- steht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter, sondern erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal ein ebenso großes Glied besessen und dann durch Kastration verloren hat. Es scheint diesen Schluß nicht von sich auf andere, erwachsene Frauen aus- zudehnen, sondern diesen, ganz im Sinne der phallischen Phase, ein großes und vollständiges, also männliches, Genitale zuzumuten.
Es ergibt sich also der wesentliche Unterschied, daß das Mädchen die Kastration als vollzogene Tatsache akzeptiert, während sich der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Vollziehung fürchtet.
Der Untergang des Ödipuskomplexes 4oı Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch ein mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über-Ichs und zum Abbruch der infantilen Genitalorganisation. Diese Veränderungen scheinen weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung, der äußeren Ein- schüchterung zu sein, die mit dem Verlust des Geliebtwerdens droht. Der Ödipuskomplex des Mädchens ist weit eindeutiger als der des kleinen Penisträgers, er geht nach meiner Erfahrung nur selten über die Substituierung der Mutter und die feminine Einstellung zum Vater hinaus. Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet — man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung — vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. Man hat den Eindruck, daß der Ödipuskomplex dann langsam verlassen wird, weil dieser Wunsch sich nie erfüllt. Die beiden Wünsche nach dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbewußten stark besetzt erhalten und helfen dazu, das weibliche Wesen für seine spätere geschlechtliche Rolle bereit zu machen. Die geringere Stärke des sadistischen Beitrages zum Sexualtrieb, die man wohl mit der Verkümmerung des Penis zusammenbringen darf, erleichtert die Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen in zielgehemmte zärtliche. Im ganzen muß man aber zugestehen, daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind.
Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeitlichen und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex, Sexual- einschüchterung (Kastrationsdrohung), Über-Ichbildung und Eintritt der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will aber nicht behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche ist. Abänderungen in der Zeitfolge und in der Verkettung dieser Vorgänge müssen für die Entwicklung des Individuums sehr bedeutungsvoll werden.
402 Der Untergang des Ödipuskomplexes Seit der Veröffentlichung von O. Ranks interessanter Studie über das „Trauma der Geburt“ kann man auch das Resultat dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex des Knaben gehe an der Kastrationsangst zugrunde, nicht ohne weitere Dis- kussion hinnehmen. Es erscheint mir aber vorzeitig, heute in diese Diskussion einzugehen, vielleicht auch unzweckmäßig, die Kritik oder Würdigung der Rankschen Auffassung an solcher Stelle zu beginnen.
KURZER ABRISS DER PSYCHOANALYSE KURZER ABRISS DER PSYCHOANALYSE I Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten Jahrhundert geboren; die Veröffentlichung, mit welcher sie als etwas Neues vor die Welt tritt, meine „Traumdeutung“, trägt die Jahreszahl 1900. Aber sie ist, wie selbstverständlich, nicht aus dem Stein gesprungen oder vom Himmel gefallen, sie knüpft an Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus Anregungen hervor, die sie verarbeitet. So muß ihre Geschichte mit der Schilderung der Einflüsse beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend waren, und darf auch der Zeiten und der Zustände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen.
Die Psychoanalyse ist auf einem engbegrenzten Boden erwachsen. Sie kannte ursprünglich nur das eine Ziel, etwas von der Natur der sogenannt ‚funktionellen‘ Nervenkrankheiten zu verstehen, um die bisherige ärztliche Ohnmacht in der Behandlung derselben zu überwinden. Die Neurologen dieser Zeit waren in der Hochschätzung chemisch-physikalischer und pathologisch-anatomischer Tatsachen erzogen worden, sie standen zuletzt unter dem Eindruck der Funde von Hitzig und Fritsch, Ferrier, Goltz u. a., welche eine innige, vielleicht eine ausschließliche Bindung gewisser Funktionen an 406 Kurzer Abriß der Psychoanalyse bestimmte Teile des Gehirns zu erweisen scheinen. Mit dem psychischen Moment wußten sie nichts anzufangen, sie konnten es nicht erfassen, überließen es den Philosophen, Mystikern und — Kurpfuschern und hielten es auch für unwissenschaftlich sich mit ihm abzugeben; dementsprechend eröffnete sich auch kein Zugang zu den Geheimnissen der Neurosen, vor allem der rätselhaften „Hysterie‘‘, die ja das Vorbild der ganzen Gattung war. Noch als ich 1885 an der Salpetriere hospitierte, erfuhr ich, daß man sich für die hysterischen Lähmungen mit der Formel begnügte, sie seien ın leichten funktionellen Störungen derselben Hirnpartien begründet, deren schwere Schädigung die entsprechende organische Lähmung hervorrufe. | Unter dem Mangel an Verständnis litt natürlich auch die Therapie dieser Krankheitszustände. Sie bestand in allgemein ‚‚roborierenden“ Maßnahmen, in der Verabreichung von Arzneimitteln und in meist sehr unzweckmäßigen, unfreundlich ausgeführten Versuchen zur seelischen Beeinflussung wie Einschüchterungen, Verspottungen, Mahnungen, seinen Willen aufzubieten, sich ‚„zusammenzunehmen‘. Als spezifische Therapie der nervösen Zustände wurde die elektrische Behandlung ausgegeben, aber wer diese je nach den detaillierten Vorschriften von W. Erb auszuüben unternahm, durfte sich ver- wundern, welchen Raum die Phantasie auch in der angeblich exakten Wissenschaft behaupten konnte. Die entscheidende Wendung trat ein, als in den achtziger Jahren die Phänomene des Hypnotismus wieder einmal um Einlaß in die medizinische Wissenschaft warben, diesmal dank der Arbeit von Liebault, Bernheim, Heidenhain, Forel mit besserem Erfolg als schon so oft vorher. Es kam vor allem darauf an, daß man die Echtheit dieser Erscheinungen anerkannte. War dies zugestanden, so mußte man aus dem Hypnotismus zwei grundle- gende und unvergeßliche Lehren ziehen. Erstens überzeugte man sich, daß auffällige körperliche Veränderungen doch nur der Erfolg von seelischen Einflüssen waren, die man in diesem Falle selbst in Tätigkeit gerufen hatte; zweitens bekam man besonders aus dem Kurzer Abriß der Psychoanalyse 407 Verhalten der Versuchspersonen nach der Hypnose den deutlichsten Eindruck von der Existenz solcher seelischer Vorgänge, die man nur „unbewußte‘‘ nennen konnte. Das ‚Unbewußte‘‘ stand zwar schon seit langem als theoretischer Begriff bei den Philosophen zur Dis- kussion, aber hier in den Erscheinungen des Hypnotismus wurde es zuerst leibhaft, handgreiflich und Gegenstand des Experiments. Es kam hinzu, daß die hypnotischen Phänomene eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den Äußerungen mancher Neurosen zeigten.
Man kann die Bedeutung des Hypnotismus für die Entstehungs- geschichte der Psychoanalyse nicht leicht überschätzen. In theore- tischer wie therapeutischer Hinsicht verwaltet die Psychoanalyse ein Erbe, das sie vom Hypnotismus übernommen hat.
Die Hypnose erwies sich auch als ein wertvolles Hilfsmittel zum Studium der Neurosen, wiederum in erster Linie der Hysterie. Einen großen Eindruck machten die Versuche von Charcot, der vermutet hatte, daß gewisse Lähmungen, die nach Trauma (Unfall) aufgetreten waren, hysterischer Natur seien, und nun ‚durch die Suggestion eines Traumas in der Hypnose Lähmungen von den nämlichen Charakteren künstlich hervorrufen konnte. Es verblieb seitdem die Erwartung, daß traumatische Einflüsse ganz allgemein an der Entstehung der hysterischen Symptome beteiligt sein konnten. Charcot selbst bemühte sich weiter nicht -um ein psychologisches Verständnis der hysterischen Neurose, aber sein Schüler P. Janet nahm diese Studien auf und konnte mit Hilfe der Hypnose zeigen, daß ‘die Krankheitsäußerungen der Hysterie in fester Abhängigkeit von gewissen unbewußten Gedanken (idtes fixes) stehen. Janet charakterisierte die Hysterie durch eine von ihm angenommene konstitutionelle Unfähigkeit, die seelischen Vorgänge zusammenzu- halten, aus der ein Zerfall (Dissoziation) des Seelenlebens hervorgehe.
Die Psychoanalyse knüpfte aber keineswegs an diese Forschungen Janetsan. Für sie.wurde die Erfahrung eines Wiener Arztes, Dr. Josef Breuer, maßgebend, der unabhängig von fremdem Einfluß um das Jahr 1881 ein hysterisch erkranktes Mädchen von hoher Begabung 408 Kurzer Abriß der Psychoanalyse mit Hilfe der Hypnose studieren und herstellen konnte. Breuers Ergebnisse sind der Öffentlichkeit erst fünfzehn Jahre später mitgeteilt worden, nachdem er den. Referenten (Freud) zum Mitarbeiter angenommen hatte. Der von ihm behandelte Fall hat seine einzigartige Bedeutung für unser Verständnis der Neurosen bis auf den heutigen Tag behalten, so daß es unvermeidlich ist, länger bei ihm zu verweilen. Es ist notwendig, klar zu erfassen, worin die Eigentümlichkeit des Breuerschen Falles bestand. Das Mädchen war an der Pflege ihres zärtlich geliebten Vaters erkrankt. Breuer konnte nun nachweisen, daß alle ihre Symptome sich auf diese Krankenpflege bezogen und durch sie ihre Aufklärung fanden. Es war also zum erstenmal ein Fall der rätselhaften Neurose restlos durchschaut worden, und alle Krankheitserscheinungen hatten sich als sinnvoll herausgestellt. Ferner war es ein allgemeiner Charakter der Symptome, daß sie in Situationen entstanden waren, welche einen Impuls zu einer Hand- lung enthielten, der aber dann nicht ausgeführt, sondern infolge anderer Motive unterdrückt worden war. An Stelle dieser unter- bliebenen Aktionen waren eben die Symptome aufgetreten. Somit wurde man für die Ätiologie der hysterischen Symptome auf das Gefühlsleben (die Affektivität) und auf das Spiel der seelischen Kräfte (den Dynamismus) verwiesen, und diese beiden Gesichts- punkte sind seither niemals wieder fallen gelassen worden.
Die Anlässe für die Entstehung der Symptome wurden von Breuer den Charcotschen Traumen gleichgestellt. Es war nun bemerkens- wert, daß diese traumatischen Anlässe und alle seelischen Regungen, die sich an sie knüpften, für die Erinnerung der Kranken verloren waren, als ob sie nie vorgefalleri wären, während deren Wirkungen, eben die Symptome, unveränderlich fortbestanden, als ob es für sie keine Abnützung durch die Zeit gäbe. Man hatte also hier einen neuen Beweis für die Existenz unbewußter, aber gerade darum besonders mächtiger,, seelischer Vorgänge gefunden, wie man sie zuerst an den posthypnotischen Suggestionen kennengelernt hatte. Die Therapie, die Breuer übte, bestand darin, daß er die Kranke in Kurzer Abriß der Psychoanalyse 409 der Hypnose veranlaßte, die vergessenen Traumen zu erinnern und mit kraftvollen Affektäußerungen auf sie zu reagieren. Dann ver- schwand das Symptom,das bisheran Stelle einer solchen Gefühlsäuße- rung gestanden war. Dasselbe Verfahren diente also gleichzeitig der Erforschung und der Beseitigung des Leidens und auch diese ungewöhnliche Vereinigung wurde von der späteren Psychoanalyse festgehalten.
Nachdem Referent in den ersten neunziger Jahren die Breuerschen Ergebnisse an einer größeren Anzahl von Kranken bestätigt hatte, entschlossen sich die beiden, Breuer und Freud, zu einer Publikation, welche ihre Erfahrungen und den Versuch einer auf sie gegründeten Theorie enthielt (Studien über Hysterie, 1895). Diese sagte aus, das hysterische Symptom entstehe, wenn der Affekt eines stark affektiv besetzten seelischen Vorgangs von der normalen bewußten Verar- beitung abgedrängt und somit auf eine falsche Bahn gewiesen werde. Er gehe dann im Falle der Hysterie in ungewöhnliche Körperin- nervation über (Konversion), könne aber durch Auffrischung des Erlebnisses in der Hypnose anders gelenkt und erledigt werden (Abreagieren). Die Autoren nannten ihr Verfahren Katharsis (Reini- gung, Befreiung vom eingeklemmten Affekt).
Die kathartische Methode ist der unmittelbare Vorläufer der Psychoanalyse und trotz aller Erweiterungen der Erfahrung und aller Modifikationen der Theorie immer noch als Kern in ihr enthalten. Aber sie war nichts anderes als ein neuer Weg zur ärztlichen Beein- flussung gewisser nervöser Erkrankungen, und nichts ließ ahnen, daß sie Gegenstand des allgemeinsten Interesses und des heftigsten Widerspruches werden könnte.
II Bald nach der Veröffentlichung der ‚Studien über Hysterie“ brach die Arbeitsgemeinschaft von Breuer und Freud zusammen. Breuer, der eigentlich Internist war, gab die Behandlung von Nervenkranken Freud, XIIE, ri 410 Kurzer Abriß der Psychoanalyse auf, Freud bemühte sich, das ihm von dem älteren Kollegen überlassene Instrument weiter zu vervollkommnen; die technischen Neuerungen, die er einführte, und die Funde, die er machte, wandelten das kathartische Verfahren in die Psychoanalyse um. Der folgenschwerste Schritt war wohl der, daß er sich entschloß, auf das technische Hilfsmittel der Hypnose zu verzichten. Er tat es aus zwei Motiven, erstens, weil es ihm, trotz eines Unterrichts- kurses bei Bernheim in Nancy, nicht gelang, eine genügend große Anzahl der Patienten in Hypnose zu versetzen, und zweitens, weil er mit den therapeutischen Erfolgen der auf Hypnose gegründeten Katharsis unzufrieden war. Diese Erfolge waren zwar sehr auffällig und traten nach kurzer Behandlungsdauer auf, erwiesen sich aber als nicht haltbar und als allzusehr abhängig vom persönlichen Verhältnis des Patienten zum Arzte. Das Aufgeben der Hypnose bedeutete einen Bruch mit der bisherigen Entwicklung des Ver- fahrens und einen neuen Anfang.
Die Hypnose hatte aber den Dienst geleistet, das vom Kranken Vergessene seiner bewußten Erinnerung zuzuführen. Sie mußte durch eine andere Technik ersetzt werden. Freud verfiel damals darauf, an ihre Stelle die Methode der freien Assoziation zu setzen, d. h. er verpflichtete die Kranken dazu, auf alles bewußte Nach- denken zu verzichten und sich in ruhiger Konzentration der Ver- folgung ihrer spontanen (ungewollten) Einfälle hinzugeben (‚die Oberfläche ihres Bewußtseins abzutasten“). Diese Einfälle sollten sie dem Arzt mitteilen, auch wenn sie Einwendungen dagegen verspürten, wie z. B. der Gedanke sei zu unangenehm, zu unsinnig oder zu unwichtig oder er gehöre nicht hieher. Die Wahl der freien Assoziation als Hilfsmittel zur Erforschung des vergessenen Un- bewußten erscheint so befremdend, daß ein Wort’ zu ihrer Recht- fertigung nicht überflüssig wird. Freud wurde dabei von der Erwartung geleitet, daß sich die sogenannte freie Assoziation in Wirklichkeit als unfrei erweisen werde, indem nach der Unter- drückung aller bewußten Denkabsichten eine Determinierung der Kurzer Abriß der Psychoanalyse 411 Einfälle durch das unbewußte Material zum Vorschein käme. Diese Erwartung ist durch die Erfahrung gerechtfertigt worden. Durch die Verfolgung der freien Assoziation unter Einhaltung der oben gegebenen „analytischen Grundregel‘“ erhielt man ein reiches Material von Einfällen, welches auf die Spur des vom Kranken Vergessenen führen ‚konnte. Dies Material brachte zwar nicht das Vergessene selbst, aber so deutliche und reichliche Andeutungen desselben, daß der Arzt mit gewissen Ergänzungen und Deutungen das Vergessene daraus erraten (rekonstruieren) konnte. Freie Assozia- tion und Deutungskunst leisteten also nun das Gleiche wie früher die Versetzung in Hypnose. - Anscheinend hatte man sich die Arbeit sehr erschwert und kom- ‘pliziert; der unschätzbare Gewinn war aber, daß man Einblick in ein Kräftespiel gewann, welches dem Beobachter durch den hypnotischen Zustand verhüllt worden war. Man erkannte, daß sich die Arbeit zur Aufdeckung des pathogenen Vergessenen gegen einen beständigen und sehr intensiven Widerstand zu wehren hatte. Schon die kritischen Einwendungen, mit denen der Patient die in ihm auftauchenden Einfälle von der Mitteilung hatte ausschließen wollen und gegen welche die analytische Grundregel gerichtet war, waren Äußerungen dieses Widerstandes: gewesen. Aus der Würdigung der Widerstandsphänomene ergab sich einer der Grund- pfeiler der psychoanalytischen Neurosenlehre, die Theorie der Verdrängung. Es lag nahe arizunehmen, daß dieselben Kräfte, die sich gegenwärtig gegen die Bewußtmachung des pathogenen Materials sträubten, dasselbe Bestreben auch seinerzeit mit Erfolg geäußert hatten. Nun war eine Lücke in der Ätiologie der neurotischen Symp- tome ausgefüllt. Die Eindrücke und seelischen Regungen, für welche jetzt die Symptome als Ersatz standen, waren nicht grundloe oder infolge einer konstitutionellen Unfähigkeit zur Syuthese, wie Janet meinte, vergessen worden, sondern sie hatten durch den Einfluß anderer seelischer Kräfte eine Verdrängung erfahren, deren Erfolg und Zeichen eben ihre Abhaltung vom Bewußtsein und ihr Ausschluß 412’: Kurzer Abriß der Psychoanalyse aus der Erinnerung war. Erst infolge dieser Verdrängung waren sie pathogen geworden, d. h. sie hatten sich auf ungewöhnlichen Wegen einen Ausdruck als Symptome geschafft.
Als Motiv der Verdrängung und somit als Ursache jeder neuro- tischen Erkrankung mußte man den Konflikt zwischen zwei Gruppen von seelischen Strebungen ansehen. Und nun lehrte die Erfahrung eine ganz neue und überraschende Tatsache über die Natur der miteinander ringenden Kräfte kennen. Die Verdrängung ging regelmäßig von der bewußten Persönlichkeit (dem Ich) des Erkrankten aus und berief sich auf ethische und ästhetische Motive; von der Verdrängung betroffen wurden Regungen von Selbstsucht und Grausamkeit, die man allgemein als böse zusammenfassen kann, vor allem aber sexuelle Wunschregungen, oft von der grellsten und verbotensten Art. Die Krankheitssymptome waren also ein Ersatz für verbotene Befriedigungen, und die Krankheit schien einer un- vollkommenen Bändigung des Unmoralischen im Menschen zu entsprechen.
Der Fortschritt der Erkenntnis machte es immer deutlicher, welch ungeheuer große Rolle die sexuellen Wunschregungen im Seelenleben spielen, und gab die Veranlassung, die Natur und Entwicklung des Sexualtriebes eingehend zu studieren. (Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905.) Man stieß aber auch auf ein anderes, rein: empirisches Ergebnis, indem man entdeckte, daß die Erlebnisse und Konflikte derersten Kinderjahre eine ungeahnt wichtige Rolle in der Entwicklung des Individuums spielen und unverwischbare Dispositionen für die Zeit der Reife zurücklassen. So kam man dazu, etwas aufzudecken, was bisher von der Wissen- schaft grundsätzlich übersehen worden war, die infantile Sexualität, die sich vom zartesten Alter an in körperlichen Reaktionen wie in seelischen Einstellungen äußert. Um diese kindliche Sexualität mit der sogenannten normalen der Erwachsenen und dem abnormen Sexualleben der Perversen zusammenzubringen, mußte der Begriff des Sexuellen selbst eine Berichtigung und Erweiterung erfahren, Kurzer Abriß der Psychoanalyse 413 die sich durch die Entwicklungsgeschichte des Sexualtriebs recht- fertigen ließ. | Seit dem Ersatz der Hypnose durch die Technik der freien Assozia- tion war das kathartische Verfahren Breuers zur Psychoanalyse geworden, die nun durch länger als ein Jahrzehnt von dem Referenten (Freud) allein entwickelt wurde. Die Psychoanalyse kam in dieser Zeit allmählich in den Besitz einer Theorie, welche über die Ent- stehung, den Sinn und die Absicht der neurotischen Symptome zureichende Auskunft zu geben schien und eine rationelle Grundlage für die ärztlichen Bemühungen zur Aufhebung des Leidens lieferte. Ich will die Momente, welche den Inhalt dieser Theorie ausmachen, nochmals zusammenstellen. Es sind: die Betonung des Trieblebens (Affektivität), der seelischen Dynamik, der durchgehenden Sinn- haftigkeit und Determinierung auch der anscheinend dunkelsten und willkürlichsten seelischen Phänomene, die Lehre vom psychischen Konflikt und von der pathogenen Natur der Verdrängung, die Auffas- sung der Krankheitssymptome als Ersatzbefriedigungen, die Erkenntnis von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens, insbesondere der Ansätze zur kindlichen Sexualitä. In philoso- phischer Hinsicht mußte diese Theorie den Standpunkt einnehmen, daß das Seelische nicht mit dem Bewußten zusammenfalle, daß die seelischen Vorgänge an sich unbewußt seien und nur durch die Leistung besonderer Organe (Instanzen, Systeme) bewußt gemacht würden. Ich füge als ergänzend zu dieser Aufzählung hinzu, daß sich unter den affektiven Einstellungen der Kindheit die komplizierte Gefühlsbeziehung zu den Eltern, der sogenannte Ödipus- Komplex, hervorhob, in welchem man immer deutlicher den Kern eines jeden Falles von Neurose erkannte, und daß im Benehmen des Analysierten gegen den Arzt gewisse Erscheinungen der Gefühlsübertragung auffielen, welche eine für die Theorie wie für die Technik gleich große Bedeutung gewannen. | Die psychoanalytische Theorie der Neurosen enthielt in dieser Ausgestaltung schon manches, was herrschenden Meinungen und 414 Kurzer Abriß der Psychoanalyse Neigungen zuwiderlief und bei Fernstehenden Befremden, Abneigung und Unglauben hervorrufen konnte. So die Stellungnahme zum Problem des Unbewußten, die Anerkennung einer kindlichen Sexua- lität und die Betonung des sexuellen Moments im Seelenleben überhaupt, aber es sollte noch anderes hinzukommen.
III Um halbwegs zu verstehen, wie sich bei einem hysterischen Mädchen ein verbotener sexueller Wunsch in ein schmerzhaftes Symptom umsetzen kann, hatte man tiefgehende und verwickelte Annahmen über Struktur und Leistung des seelischen Apparats machen müssen. Das war ein offenbarer Widerspruch zwischen Aufwand und Erfolg. Wenn die von der Psychoanalyse behaupteten Verhältnisse wirklich bestanden, so waren sie fundamentaler Natur und mußten sich auch in anderen Phänomenen als den hysterischen äußern können.. Traf diese Folgerung aber zu, so hätte die Psycho- analyse aufgehört nur für Neurologen interessant zu sein; sie durfte dann Anspruch auf die Aufmerksamkeit aller erheben, denen psychologische Forschung etwas bedeutete. Ihre Ergebnisse kamen dann nicht nur für das Gebiet des pathologischen Seelenlebens in Betracht, sondern durften auch für das Verständnis der normalen Funktion nicht vernachlässigt werden.
Der Nachweis ihrer Brauchbarkeit zur Aufklärung anderer als krankhafter Seelentätigkeit gelang der Psychoanalyse frühzeitig an zweierlei Phänomenen, bei den so häufigen alltäglichen Fehlleistungen, Vergessen, Versprechen, Verlegen usw., und bei den Träumen gesunder und psychisch normaler Menschen., Die kleinen Fehllei- stungen, wie das zeitweilige Vergessen von sonst bekannten Eigen- namen, das Versprechen, Verschreiben und ähnliches waren bisher einer Erklärung überhaupt nicht gewürdigt worden oder sollten in Zuständen von Ermüdung, Ablenkung der Aufmerksamkeit u. dgl. ihre Aufklärung finden. Referent wies nun in seiner „Psycho- Kurzer Abriß der Psychoanalyse 415 pathologie des Alltagslebens‘‘ (1901 und 1904) an zahlreichen Bei- spielen nach, daß solche Vorkommnisse sinnreich sind und durch die Störung einer bewußten Intention durch eine andere, unter- drückte, oft direkt unbewußte, entstehen. Meist reicht eine. rasche Besinnung oder eine kurze Analyse hin, um den störenden Einfluß aufzufinden. Bei der Häufigkeit solcher Fehlleistungen wie das Versprechen wird es jedermann leicht gemacht, sich an der eigenen Person die Überzeugung von der Existenz nicht bewußter seelischer Vorgänge zu holen, die doch wirksam sind und sich wenigstens als Hemmungen und Modifikationen anderer, beabsichtigter, Akte Ausdruck verschaffen.