10nN Illus j el D © | i \) einer Illusion von Sigm. Freud Inteinätionaler Psychoanalytischer Verlag Leipzig / Wien / Zürich Ai N A; DPA, N EN IM IN Sn h N | je y" i Al An A fi! h An RN an Ü At a Mi RR Er INA N RR + vr u h an a SIGM. FREUD DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION Die Zukunft einer Illusion Von Sigm. Freud 4937 Internationaler Psychoanalytischer Verlag Leipzig / Wien / Zürich ALLE RECHTE, INSBESONDERE DIE DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN * COPYRIGHT 1927 BY „INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG, GES.M.B.H“, WIEN EB ERSTES BIS FÜNFTES TAUSEND DRUCK: CHRISTOPH REISSER’S SÖHNE, WIEN V I Wenn man eine ganze Weile innerhalb einer be- stimmten Kultur gelebt und sich oft darum bemüht hat, zu erforschen, wie ihre Ursprünge und der Weg ihrer Entwicklung waren, verspürt man auch einmal die Versuchung, den Blick nach der anderen Richtung zu wenden und die Frage zu stellen, welches fernere Schicksal dieser Kultur bevorsteht und welche Wandlungen durchzumachen ihr bestimmt ist. Man wird aber bald merken, daß eine solche Untersuchung von vornherein durch mehrere Mo- mente entwertet wird. Vor allem dadurch, daß es nur wenige Personen gibt, die das menschliche Getriebe in all seinen Äusbreitungen überschauen können. Für die meisten ist Beschränkung auf ein einzelnes oder wenige Gebiete not- "wendig geworden; je weniger aber einer vom Vergangenen und Gegenwärtigen weiß, desto unsicherer muß sein Urteil über das Zukünftige ausfallen. Ferner darum, weil ge- rade bei diesem Urteil die subjektiven Erwartungen des Einzelnen eine schwer abzuschätzende Rolle spielen; diese zeigen sich aber abhängig von rein persönlichen Momenten 5 seiner einen Erfahrung, seiner mehr oder minder hofl- nungsvollen Einstellung zum Leben, wie sie ihm durd Temperament, Erfolg oder Mißerfolg vorgeschrieben worden ist. Endlih kommt die merkwürdige Tatsache zur Wirkung, daß die Menschen im allgemeinen ihre Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inhalte wür- digen zu können; sie müssen erst Distanz zu ihr ge- winnen, d.h. die Gegenwart muß zur Vergangenheit ge- worden sein, wenn man aus ihr Anhaltspunkte zur Be- urteilung des Zukünftigen gewinnen soll.
Wer also der Versuchung nachgibt, eine Äußerung über die wahrscheinlihe Zukunft unserer Kultur von sich zu geben, wird gut daran tun, sich der vorhin angedeuteten Bedenken zu erinnern, ebenso wie der Unsicherheit, die ganz allgemein an jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt für mich, daß ich in eiliger Flucht vor der zu großen Auf- gabe alsbald das kleine Teilgebiet aufsuchen werde, dem auch bisher meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nah- dem ich nur seine Stellung im großen Ganzen bestimmt habe.
Die menshlihe Kultur — ich meine all das, worin sich das menschlihe Leben über seine animalischen Be- dingungen erhoben hat und worin es sich vom Leben der Tiere unterscheidet und ich verschmähe es, Kultur und Zivilisation zu trennen — zeigt dem Beobachter be- kanntlih zwei Seiten. Sie umfabt einerseits all das Wissen und Können, das die Menschen 6 erw orben haben, um die Kräfte der Natur zu beherrshen und ihr Güter zur Befriedigung der menschlihen Bedürf- nisse abzugewinnen, anderseits alle die Finrichtungen, die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen zueinander, und besonders die Verteilung der erreich- baren Güter zu regeln. Die beiden Richtungen der Kultur sind nicht unabhängig voneinander, erstens, weil die gegenseitigen Beziehungen der Menschen durch das Maß der Triebbefriedigung, das die vorhandenen Güter ermöglichen, tiefgreifend beeinflußt werden, zweitens, weil der einzelne Mensch selbst zu einem anderen in die Be- ziehung eines Gutes treten kann, insofern dieser seine Arbeitskraft benützt oder ihn zum Sexualobjekt nımmt, drittens aber, weil jeder Einzelne virtuell ein Feind der Kultur ist, die doch ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Es ist merkwürdig, daß die Menschen, so wenig sie auch in der Vereinzelung existieren können, doch die Opfer, welche ihnen von der Kultur zugemutet werden, um ein Zusammenleben zu ermöglichen, als schwer drückend empfinden. Die Kultur muß also gegen den Einzelnen verteidigt werden und ihre Einrichtungen, Institutionen und Gebote, stellen sih in den Dienst dieser Aufgabe; sie bezwecken nicht nur, eine gewisse Güterverteilung her- zustellen, sondern aucı diese aufrechtzuhalten, ja sie müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen all das beschützen, was der Bezwingung der Natur und der Erzeugung von Gütern dient. Menshlihe Shöpfungen 2 2 sind leicht zu zerstören und Wissenshaft und Technik, die sie aufgebaut haben, können aucı zu ihrer Vernicdh- tung verwendet werden.
So bekommt man den Eindruk, daß die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minder- zahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Mact- und Zwangsmitteln zu setzen. Es liegt natürlih nahe anzunehmen, daß diese Schwierigkeiten nicht am Wesen der Kultur selbst haften, sondern von den Unvollkommenheiten der Kulturformen bedingt werden, die bis jetzt entwickelt worden sind. In der Tat ist es nicht schwer, diese Mängel aufzuzeigen. Während die Menschheit in der Beherrschung der Natur ständige Fort- schritte gemacht hat und noch größere erwarten darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in der Regelung der menschlichen Angelegenheiten nicht sicher festzustellen und wahrscein- lich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder, haben sich viele Menschen gefragt, ob denn dieses Stück des Kulturerwerbs überhaupt der Verteidigung wert ist. Man sollte meinen, es mühte eine Neuregelung der menschlihien Beziehungen möglich sein, welche die Quellen der Unzufriedenheit \ mit der Kultur ser macht, indem sie auf den Zwang und die Triebunter rückung verzichtet, so daß die Men- schen sich ungestört durch inneren Zwist der Erwerbung von Gütern und dem Genuß derselben hingeben könnten. Das wäre das goldene Zeitalter, allein es fragt sich, ob ein solcher Zustand zu verwirklichen ist. Es scheint viel- 8 mehr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß; es scheint nicht einmal gesichert, daß beim Aufhören des Zwanges die Mehrzahl der menschlichen Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lebensgüter bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlihen Gesellshaft zu bestimmen.
Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entschei- dende Bedeutung für die Beurteilung der menschlichen Kultur zu. Konnte man zunächst meinen, das W esentliche an ihr sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung von Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren ließen sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben unter den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das Schwer- gewicht vom Materiellen weg aufs Seelische verlegt. Es wird entscheidend, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Ebensowenig wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann man die Beherrshung der Masse durch eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind träge und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind durch Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu 9 9 überzeugen und ihre Individuen bestärken einander im Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit. Nur durch den Ein- fluß vorbildlicher Individuen, die sie als ihre Führer anerkennen, sind sie zu den Arbeitsleistungen und Ent- sagungen zu bewegen, auf welche der Bestand der Kultur angewiesen ist. Es ist alles gut, wenn diese Führer Per- sonen von überlegener Einsicht in die Notwendigkeiten des Lebens sind, die sich zur Beherrshung ihrer eigenen Triebwünsche aufgeshwungen haben. Aber es besteht für sie die Gefahr, daß sie, um ihren Einfluß nicht zu ver- lieren, der Masse mehr nachgeben als diese ihnen, und darum erscheint es notwendig, daß sie durch Verfügung über Machtmittel von der Masse unabhängig seien. Um es kurz zu fassen, es sind zwei weit verbreitete Figen- schaften der Menschen, die es verschulden, daß die kultu- rellen Einrichtungen nur durch ein gewisses Maß von Zwang gehalten werden können, nämlich, daß sie spontan nicht arbeitslustig sind und daß Argumente nichts gegen ihre Leidenschaften vermögen.
Ich weiß, was man gegen diese Ausführungen einwenden wird. Man wird sagen, der hier geschilderte Charakter der Menschenmassen, der die Unerläßlichkeit des Zwanges zur Kulturarbeit beweisen soll, ist selbst nur die Folge fehler- hafter kultureller Einrichtungen, durch die die Menschen erbittert, rachsüchtig, unzugänglich geworden sind. Neue Generationen, liebevoll und zur Hochshätzung des Den- kens erzogen, die frühzeitig die Wohltaten der Kultur er- 10 fahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie werden den Zwang entbehren können und sich wenig von ihren Führern unterscheiden. Wenn es menschliche Massen von solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so kommt es daher, daß keine Kultur noch die Einrichtungen getroffen hatte, um die Menschen in solcher Weise, und zwar von Kindheit an, Zu beeinflussen.
Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt oder jetzt schon, beim gegenwärtigen Stand unserer Naturbeherr- schung möglich ist, solche kulturelle Einrichtungen her- zustellen, man kann die Frage aufwerfen, woher die Anzahl überlegener, unbeirrbarer und uneigennütziger Führer kommen soll, die als Erzieher der künftigen Generationen wirken müssen, man kann vor dem ungeheuerlichen Aufwand an Zwang erschrecken, der bis zur Durchführung dieser Absichten unvermeidlich sein wird. Die Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeutsamkeit für die Zukunft der menschlichen Kultur wird man nicht bestreiten können. Er ruht sicher auf der psychologischen Einsicht, daß der Mensch mit den mannigfaltigsten Trieb- anlagen ausgestattet ist, denen die frühen Kindheitserleb- nisse die endgültige Richtung anweisen. Die Schranken der Erziehbarkeit des Menschen setzen darum auch der Wirksamkeit einer solchen Kulturveränderung ihre 11 Grenze. Man mag es bezweifeln, ob und in welchem Ausmaß ein anderes Kulturmilieu die beiden Eigen- schaften menschlicher Massen, die die Führung der mensch- lihen Angelegenheiten so sehr erschweren, auslöschen kann. Das Experiment ist noch nicht gemacht worden. Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz der Mensch- heit — infolge krankhafter Anlage oder übergroßer Trieb- stärke — immer asozial bleiben, aber wenn man es nur zustande bringt, die kulturfeindlihe Mehrheit von heute zu einer Minderheit herabzudrücken, hat man sehr viel erreicht, vielleicht alles, was sich erreichen läßt.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich mich weit weg von dem vorgezeichneten Weg meiner Unter- suchung verirrt habe. Ich will darum ausdrücklich ver- sichern, daß es mir ferne liegt, das große Kulturexperi- ment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land zwischen Europa und Asien angestellt wird. Ich habe weder die Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über dessen Ausführbarkeit zu entscheiden, die Zweckmäßigkeit der angewandten Methoden zu prüfen oder die Weite der unvermeidlihen Kluft zwischen Absiht und Durcd- führung zu messen. Was dort vorbereitet wird, entzieht sich als unfertig einer Betrachtung, zu der unsere längst konsolidierte Kultur den Stoff bietet.
12 II Wir sind unversehens aus dem Okonomiscen ins Psychologische hinübergeglitten. Anfangs waren wir ver- sucht, den Kulturbesitz in den vorhandenen Gütern und den Einrichtungen zu ihrer Verteilung zu suchen. Mit der Erkenntnis, daß jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverziht beruht und darum unvermeidlich eine Op- position bei den von diesen Anforderungen Betroflenen hervorruft, wurde es klar, daß die Güter selbst, die Mittel zu ihrer Gewinnung und Anordnungen zu ihrer Verteilung nicht das Wesentliche oder das Alleinige der Kultur sein können. Denn sie sind durch die Aufleh- nung und Zerstörungssucht der Kulturteilhaber bedroht. Neben die Güter treten jetzt die Mittel, die dazu dienen können, die Kultur zu verteidigen, die Zwangsmittel und andere, denen es gelingen soll, die Menschen mit ihr auszusöhnen und für ihre Opfer zu entschädigen, Letztere können aber als der seelische Besitz der Kul- tur beschrieben werden.
Einer gleichförmigen Ausdruksweise zuliebe wollen 13 wir die Tatsache, daß ein Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung, die Einrichtung, die diese Versagung festlegt, Verbot, und den Zustand, den das Verbot herbei- führt, Entbehrung nennen. Dann ist der nächste Schritt, zwischen Entbehrungen zu unterscheiden, die alle be- treffen, und solchen, die nicht alle heirsflen, bloß Gruppen, Klassen oder selbst einzelne. Die ersteren sind die ältesten, mit den Verboten, die sie einsetzen, hat die Kultur die Ablösung vom animalishen Ur- zustand begonnen, vor unbekannt wie vielen Tausen- den von Jahren. Zu unserer Überraschung fanden wir, daß sie noch immer wirksam sind, noch immer den Kern der Kulturfeindseligkeit bilden. Die Triebwünsche, die unter ihnen leiden, werden mit jedem Kind von neuem geboren; es gibt eine Klasse von Menscen, die Neurotiker, die bereits auf diese Versagungen mit Asozialität reagieren. Solche Triebwünsche sind die des Inzests, des Kannibalismus und der Mordlust. Es klingt sonderbar, wenn man sie, in deren Verwerfung alle Menschen einig scheinen, mit jenen anderen zusammen- stellt, um deren Gewährung oder Versagung in unserer Kultur so lebhaft gekämpft wird, aber psychologisch ist man dazu berechtigt. Auc ist das kulturelle Verhalten gegen diese ältesten Triebwünsche keineswegs das gleiche, nur der Kannibalismus erscheint allen verpönt und der nicht analytischen Betrachtung völlig überwunden, die Stärke der Inzestwünsche vermögen wir noch hinter dem 14 Verbot zu verspüren und der Mord wird von unserer Kultur unter bestimmten Bedingungen noch geübt, ja geboten. Möglicherweise stehen uns Entwicklungen der Kultur bevor, in denen noch andere, heute durchaus mögliche Wunschbefriedigungen ebenso unannehmbar er- scheinen werden, wie jetzt die des Kannibalismus. Schon bei diesen ältesten Triebverzichten kommt ein psychologischer Faktor in Betracht, der auch für alle weiteren bedeutungsvoll bleibt. Es ist nicht richtig, daß die menschliche Seele seit den ältesten Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat und im Gegensatz zu den Fortschritten der Wissenschaft und der Technik heute noch dieselbe ist, wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser seelischen Fortschritte können wir hier nachweisen. Es liegt in der Richtung unserer Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählich verinnerlicht wird, indem eine beson- dere seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen, ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind führt uns den Vorgang einer solchen Umwandlung vor, wird erst durch sie moralisch und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ics ist ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz. Die Personen, bei denen sie sich vollzogen hat, werden aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je größer ihre An- zahl in einem Kulturkreis ist, desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann sie der äußeren Zwangsmittel entbehren. Das Maß dieser Verinnerlihung ist nun für die einzelnen Triebverbote sehr verschieden. Für die ı5 erwähnten ältesten Kulturforderungen scheint die Ver- innerlichung, wenn wir die unerwünschte Ausnahme der Neurotiker beiseite lassen, weitgehend erreicht. Dies Verhältnis ändert sich, wenn man sich zu den anderen Triebanforderungen wendet. Man merkt dann mit Über- raschung und Besorgnis, daß eine Überzahl von Menschen den diesbezüglichen Kulturverboten nur unter dem Druck des äußeren Zwanges gehorcht, also nur dort, wo er sich geltend machen kann und solange er zu befürchten ist. Dies trıfit auch auf jene sogenannt moralischen Kultur- forderungen zu, die in gleicher Weise für alle bestimmt sind. Das meiste, was man von der moralischen Unzu- verlässigkeit der Menschen erfährt, gehört hieher. Un- endlich viele Kulturmenschen, die vor Mord oder Inzest zurückschrecken würden, versagen sich nicht die Befrie- digung ihrer Habgier, ihrer Aggressionslust, ihrer sexu- ellen Gelüste, unterlassen es nicht, den Anderen durch Lüge, Betrug, Verleumdung zu schädigen, wenn sie dabei straflos bleiben können, und das war wohl seit vielen kulturellen Zeitaltern immer ebenso.
Bei den Einschränkungen, die sich nur auf bestimmte Klassen der Gesellschaft beziehen, trifft man auf grobe und auch niemals verkannte Verhältnisse. Es steht zu erwarten, daß diese zurückgesetzten Klassen den Bevor- zugten ihre Vorrechte beneiden und alles tun werden, um ihr eigenes Mehr von Entbehrung los zu werden.
Wo dies nicht möglich ist, wird sich ein dauerndes Maß ı6 von Unzufriedenheit innerhalb dieser Kultur behaupten, das zu gefährlihen Auflehnungen führen mag. Wenn aber eine Kultur es nicht darüber hinaus gebracht hat, daß die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die Unterdrükung einer anderen, vielleicht der Mehrzahl, zur Voraussetzung hat, und dies ist bei allen gegenwärtigen Kulturen der Fall, so ist es begreiflich, daß diese Unter- drückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. Eine Verinnerlichung der Kulturverbote darf man dann bei -den Unterdrükten nicht erwarten, dieselben sind viel- mehr nicht bereit, diese Verbote anzuerkennen, bestrebt, die Kultur selbst zu zerstören, eventuell selbst ihre V or- aussetzungen aufzuheben. Die Kulturfeindschaft dieser Klassen ist so oflenkundig, daß man über sie die eher latente Feindseligkeit der besser beteilten Gesellschafts- schichten übersehen hat. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teil- nehmern unbefriedigt läßt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.
Das Maß von Verinnerlichung der Kulturvorschriften — populärund unpsychologisch ausgedrückt: das moralische Niveau der Teilnehmer — ist nicht das einzige seelische Gut, das für die Würdigung einer Kultur in Betracht kommt. Daneben steht ihr Besitz an Idealen und an Freud; Illusion. 2 17 Kunstschöpfungen, d.h. die Befriedigungen, die aus beiden gewonnen werden.
Man wird nur allzuleicht geneigt sein, die Ideale einer Kultur, d.h. die Wertungen, welches die höchststehenden und am meisten anzustrebenden Leistungen seien, unter deren psycdische Besitztümer aufzunehmen. Zunächst scheint es, als ob diese Ideale die Leistungen des Kultur- kreises bestimmen würden; der wirkliche Hergang dürfte aber der sein, daß sich die Ideale nach den ersten Lei- stungen bilden, welche das Zusammenwirken von innerer Begabung und äußeren Verhältnissen einer Kultur er- möglicht und daß diese ersten Leistungen nun vom Ideal zur Fortführung festgehalten werden. Die Befriedigung, die das Ideal den Kulturteilnehmern schenkt, ist also narzißtischer Natur, sie ruht auf dem Stolz auf die be- reits geglückte Leistung. Zu ihrer Vervollständigung be- darf sie des Vergleihs mit anderen Kulturen, die sich auf andere Leistungen geworfen und andere Ideale ent- wickelt haben. Kraft dieser Differenzen spricht sich jede Kultur das Recht zu, die andere gering zu schätzen. Auf solhe Weise werden die Kulturideale Anlaß zur Ent- zweiung und Verfeindung zwischen verschiedenen Kultur- kreisen, wie es unter Nationen am deutlichsten wird.
Die narzißtische Befriedigung aus dem Kulturideal gehört auch zu jenen Mächten, die der Kulturfeindshaft innerhalb des Kulturkreises erfolgreich entgegenwirken.
Nicht nur die bevorzugten Klassen, welhe die Wohl- 18 taten dieser Kultur genießen, sondern auch die Unter- drückten können an ihr Anteil haben, indem die Be- rechtigung, die Außenstehenden zu verachten, sie für die Beeinträchtigung in ihrem eigenen Kreis entschädigt. Man ist zwar ein elender, von Schulden und Kriegsdiensten geplagter Plebejer, aber dafür ist man Römer, hat seinen Anteil an der Aufgabe, andere Nationen zu beherr- schen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Diese Identi- fizierung der Unterdrücten mit der sie beherrschenden und ausbeutenden Klasse ist aber nur ein Stück eines größeren Zusammenhanges. Anderseits können jene aflektiv an diese gebunden sein, trotz der Feindseligkeit ihre Ideale in ihren Herren erblicken. Wenn nicht solche im Grunde befriedigende Beziehungen bestünden, bliebe es unver- ständlich, daß so manche Kulturen sich trotz berechtigter Feindseligkeit großer Menschenmassen so lange Zeit er- halten haben.
Von anderer Art ist die Befriedigung, welche die Kunst den Teilhabern an einem Kulturkreis gewährt, obwohl diese in der Regel den Massen, die durch er- schöpfende Arbeit in Anspruch genommen sind und keine persönliche Erziehung genossen haben, unzugäng- lich bleibt. Die Kunst bietet, wie wir längst gelernt haben, Ersatzbefriedigungen für die ältesten, immer noch am tiefsten empfundenen Kulturverzichte und wirkt darum wie nichts anderes aussöhnend mit den für sie gebrachten Opfern. Anderseits heben ihre Schöpfungen 2 19 die Identifizierungsgefühle, deren jeder Kulturkreis so sehr bedarf, durh den Anlaß zu gemeinsam erlebten, hocheingeschätzten Empfindungen; sie dienen aber auh der narzißtischen Befriedigung, wenn sie die Leistungen der besonderen Kultur darstellen, in eindrucksvoller Art an ihre Ideale mahnen. | Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen- Inventars einer Kultur hat noch keine Erwähnung ge- funden. Es sind ihre im weitesten Sinn religiösen Vor- stellungen, mit anderen später zu rechtfertigenden W orten, ihre Illusionen.
20 Ill Worin liegt der besondere Wert der religiösen Vor- stellungen?
Wir haben von Kulturfeindseligkeit gesprochen, erzeugt durh den Druk, den die Kultur ausübt, die Triebver- zichte, die sie verlangt. Denkt man sich ihre Verbote aufgehoben, man darf also jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf seinen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, ohne Bedenken erschlagen, kann dem anderen auch irgend- eines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie schön, welh eine Kette von Befriedi- gungen wäre dann das Leben! Zwar findet man bald die nächste Schwierigkeit. Jeder andere hat genau die- selben Wünsche wie ich und wird mich nicht schonender behandeln als ih ihn. Im Grunde kann also nur ein Einziger durch solche Aufhebung der Kultureinschrän- kungen uneingeschränkt glücklich werden, ein Tyrann, ein Diktator, der alle Machtmittel an sich gerissen hat, und auch der hat allen Grund zu wünschen, daß die 21 Anderen wenigstens dies eine Kulturgebot einhalten: du sollst nicht töten.
Aber wie undankbar, wie kurzsichtig überhaupt, eine Aufhebung der Kultur anzustreben! Was dann übrig bleibt, ist der Naturzustand und der ist weit schwerer zu ertragen. Es ist wahr, die Natur verlangte von uns keine Triebeinshränkungen, sie ließe uns gewähren, aber sie hat ihre besonders wirksame Art uns zu be- schränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksichts- los wie uns scheint, möglicherweise gerade bei den An- lässen unserer Befriedigung. Eben wegen dieser Gefahren, mit denen die Natur uns droht, haben wir uns ja zu- sammengetan und die Kultur geschaflen, die unter anderem auch unser Zusammenleben möglih machen soll. Es ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseins- grund, uns gegen die Natur zu verteidigen.
Es ist bekannt, daß sie es in manchen Stücken schon jetzt leidlich gut trifft, sie wird es oflenbar später ein- mal viel besser machen. Aber kein Mensch gibt sich der Täuschung hin zu glauben, daß die Natur jetzt schon bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, daß sie einmal dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Da sind die Elemente, die jedem menschlihen Zwang zu spotten scheinen, die Erde, die bebt, zerreibt, alles Menschliche und Menschenwerk begräbt, das Wasser, das im Auf- ruhr alles überflutet und ersäuft, der Sturm, der es wegbläst, da sind die Krankheiten, die wir erst seit kurzem 22 als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, endlich das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein Kräutlein gefunden wurde und wahrsceinlich keines gefunden werden wird. Mit diesen Gewalten steht die Natur wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich, rückt uns wieder unsere Schwäche und Hilflosigkeit vor Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen gedachten. Es ist einer der wenigen erfreulichen und er- hebenden Eindrücke, die man von der Menschheit haben kann, wenn sie angesichts einer Elementarkatastrophe ihrer Kulturzerfahrenheit, aller inneren Schwierigkeiten und Feindseligkeiten vergißt und sich der großen gemein- samen Aufgabe, ihrer Erhaltung gegen die Übermact der Natur, erinnert.
Wie für die Menschheit im ganzen, so ist für den Einzelnen das Leben schwer zu ertragen. Ein Stück Ent- behrung legt ihm die Kultur auf, an der er Teil hat, ein Maß Leiden bereiten ihm die anderen Menschen, entweder trotz der Kulturvorschriften oder infolge der Unvollkommenheit dieser Kultur. Dazu kommt, was ihm die unbezwungene Natur — er nennt es Schicksal — an Schädigung zufügt. Ein ständiger ängstlicher Erwartungs- zustand und eine schwere Kränkung des natürlichen Narzißmus sollte die Folge dieses Zustandes sein. Wie der Einzelne gegen die Schädigungen durch die Kultur und die Anderen reagiert, wissen wir bereits, er entwickelt ein entsprechendes Maß von Widerstand gegen 25 die Einrichtungen dieser Kultur, von Kulturfeindscaft. Aber wie setzt er sich gegen die Übermäcte der Natur, des Schicksals, zur Wehr, die ihm wie allen anderen drohen?
Die Kultur nimmt ihm diese Leistung ab, sie besorgt sie für alle in gleicher Weise, es ist auch bemerkens- wert, daß so ziemlich alle Kulturen hierin das gleiche tun. Sie macht nicht etwa halt in der Erledigung ihrer Aufgabe, den Menschen gegen die Natur zu verteidi- gen, sie setzt sie nur mit anderen Mitteln fort. Die Aufgabe ist hier eine mehrfache, das schwer bedrohte Selbstgefühl des Menschen verlangt nach Trost, der Welt und dem Leben sollen ihre Schrecken genommen werden, nebenbei will auch die Wißbegierde der Menschen, die freilich von dem stärksten praktischen Interesse angetrieben wird, eine Antwort haben.
Mit dem ersten Schritt ist bereits sehr viel gewonnen. Und dieser ist, die Natur zu vermenshlihen. An die unpersönlichen Kräfte und Schicksale kann man nicht heran, sie bleiben ewig fremd. Aber wenn in den Ele- menten Leidenschaften toben wie in der eigenen Seele, wenn selbst der Tod nichts Spontanes ist, sondern die Gewalttat eines bösen Willens, wenn man überall in der Natur Wesen um sich hat, wie man sie aus der eigenen Gesellschaft kennt, dann atmet man auf, fühlt sich heimisch im Unheimlichen, kann seine sinnlose Angst psydisch bearbeiten. Man ist vielleiht noch wehrlos, 24 24 aber nicht mehr hilflos gelähmt, man kann zum min- desten reagieren, ja vielleicht ist man nicht einmal wehr- los, man kann gegen diese gewalttätigen Übermenscen draußen dieselben Mittel in Anwendung bringen, deren an ice u eier Gesellschaft bedient, kann versuchen, sie zu beschwören, beschwichtigen, bestechen, raubt ihnen durch solche Beeinflussung einen Teil ihrer Macht. Solch ein Ersatz einer Naturwissenschaft durh Psychologie schaflt nicht bloß sofortige Erleichterung, er zeigt auch den Weg zu einer weiteren Bewältigung der Situation.
Denn diese Situation ist nichts Neues, sie hat ein in- fantiles Vorbild, ist eigentlich nur die Fortsetzung des früheren, denn in solcher Hilflosigkeit hatte man sich schon einmal befunden, als kleines Kind einem Eltern- paar gegenüber, das man Grund hatte zu fürchten, zu- mal den Vater, dessen Schutzes man aber auch sicher war gegen die Gefahren, die man damals kannte. So lag es nahe, die beiden Situationen einander anzu- gleihen. Auch kam wie im Traumleben der Wunsch dabei auf seine Rechnung. Eine Todesahnung befällt den Schlafenden, will ihn in das Grab versetzen, aber die Traumarbeit weiß die Bedingung auszuwählen, unter der auch dies gefürchtete Ereignis zur W unscherfüllung wird; der Träumer sieht sich in einem alten Etrusker- grab, in das er selig über die Befriedigung seiner archäo- logischen Interessen hinabgestiegen war. Ähnli mact der Mensch die Naturkräfte nicht einfach zu Menschen, 25 25 mit denen er wie mit seinesgleichen verkehren kann, das würde auch dem überwältigenden Eindruck nicht ge- recht werden, den er von ihnen hat, sondern er gibt ihnen Vatercharakter, macht sie zu Göttern, folgt dabei nicht nur einem infantilen, sondern audh, wie ich ver- sucht habe zu zeigen, einem phylogenetishen Vorbild.
Mit der Zeit werden die ersten Beobachtungen von Regel- und Gesetzmäßigkeit an den Naturerscheinungen gemacht, die Naturkräfte verlieren damit ihre mensch- lihen Züge. Aber die Hilflosigkeit der Menschen bleibt und damit ihre Vatersehnsuht und die Götter. Die Götter behalten ihre dreifache Aufgabe, die Schrecken der Natur zu bannen, mit der Grausamkeit des Shik- sals, besonders wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen, die dem Menschen durch das kulturelle Zusammenleben auferlegt werden. ö Aber allmählich verschiebt sich innerhalb dieser Lei- stungen der Akzent. Man merkt, daß die Naturerscei- nungen sich nacı inneren Notwendigkeiten von selbst abwickeln; gewiß sind die Götter die Herren der Natur, sie haben sie so eingerichtet und können sie nun sich selbst überlassen. Nur gelegentlich greifen sie in den sogenannten Wundern in ihren Lauf ein, wie um zu versichern, daß sie von ihrer ursprünglichen Machtsphäre nichts aufgegeben haben. Was die Austeilung der Shik- sale betrifft, so bleibt eine unbehaglihe Ahnung be- 26 26 stehen, daß der Rat- und Hilflosigkeit des Menschen- geschlechts nicht abgeholfen werden kann. Hier versagen die Götter am ehesten; wenn sie selbst das Schicksal machen, so muß man ihren Ratschhluß unerforschlic heißen; dem begabtesten Volk des Altertums dämmert die Einsiht, daß die Moira über den Göttern steht und daß die Götter selbst ihre Schicksale haben. Und je mehr die Natur selbständig wird, die Götter sich von ihr zurückziehen, desto ernsthafter drängen alle Erwartun- gen auf die dritte Leistung, die ihnen zugewiesen ist, desto mehr wird das Moralische ihre eigentlihe Domäne. Göttliche Aufgabe wird es nun, die Mängel und Schäden der Kultur auszugleichen, die Leiden in acht zu nehmen, die die Menschen im Zusammenleben einander zufügen, über die Ausführung der Kulturvorscriften zu wachen, „die die Menschen so schleht befolgen. Den Kultur- vorschriften selbst wird göttlicher Ursprung zugesprochen, sie werden über die menschliche Gesellschaft hinausge- hoben, auf Natur und Weltgeschehen ausgedehnt.
So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, ge- boren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material ‘der Er- innerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kind- heit des Menschengeschlechts. Es ist deutlih erkennbar, daß dieser Besitz den Menschen nadı zwei Richtungen beschützt, gegen die Gefahren der Natur und des Schick- sals und gegen die Schädigungen aus der mensclichen 2 2 Gesellschaft selbst. Im Zusammenhang lautet es: das Leben in dieser Welt dient einem höheren Zweck, der zwar nicht leicht zu erraten ist, aber gewiß eine Ver- vollkommnung des menschlichen Wesens bedeutet. Wahr- scheinlich soll das Geistige des Menschen, die Seele, die sich im Lauf der Zeiten so langsam und widerstrebend vom Körper getrennt hat, das Objekt dieser Erhebung und Erhöhung sein. Alles was in dieser Welt vor sich geht, ist Ausführung der Absichten einer uns überlegenen Intelligenz, die, wenn auch auf schwer zu verfolgenden Wegen und Umwegen, schließlich alles zum Guten, d.h. für uns Erfreulihen lenkt. Über jedem von uns wacht eine gütige, nur scheinbar gestrenge V orsehung, die nicht zuläßt, daß wir zum Spielball der überstarken und schonungslosen Naturkräfte werden; der Tod selbst ist keine Vernichtung, keine Rückkehr zum anorganisch Leblosen, sondern der Anfang einer neuen Art von - Existenz, die auf dem Wege der Höherentwiklung liegt. Und nach der anderen Seite gewendet, dieselben Sittengesetze, die unsere Kulturen aufgestellt haben, be- herrschen auch alles Weltgeschehen, nur werden sie von einer höchsten richterlichen Instanz mit ungleich mehr Macdt und Konsequenz behütet. Alles Gute findet end- lih seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht shon in dieser Form des Lebens, so in den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen. Somit sind alle Schrecken, Leiden und Härten des Lebens zur Austilgung 28 28 bestimmt; das Leben nach dem Tode, das unser irdisches Leben fortsetzt, wie das unsichtbare Stück des Spektrums dem sichtbaren angefügt ist, bringt all die Vollendung, die wir hier vielleicht vermibßt haben. Und die über- legene Weisheit, die diesen Ablauf lenkt, die Allgüte, die sih in ihm äußert, die Gerechtigkeit, die sih in ihm durchsetzt, das sind die Eigenschaften der göttlichen Wesen, die auch uns und die Welt im Ganzen ge- schaffen haben. Oder vielmehr des einen. göttlichen Wesens, zu dem sich in unserer Kultur alle Götter der Vorzeiten verdichtet haben. Das Volk, dem zuerst solche Konzentrierung der göttlichen Eigenschaften gelang, war nicht wenig stolz auf diesen Fortschritt. Es hatte den väterlihen Kern, der von jeher hinter jeder Gottes- gestalt verborgen war, freigelegt; im Grunde war es eine Rückkehr zu den historishen Anfängen der Gottesidee. Nun, da Gott ein Einziger war, konnten die Beziehun- gen zu ihm die Innigkeit und Intensität des kindlichen Verhältnisses zum Vater wiedergewinnen. Wenn man soviel für den Vater getan hatte, wollte man aber auch belohnt werden, zum mindesten das einziggeliebte Kind sein, das auserwählte Volk. Sehr viel später erhebt das fromme Amerika den Anspruch, »God’s own country* zu sein, und für eine der Formen, unter denen die Menschen die Gottheit verehren, trıflt es auch zu.
Die religiösen Vorstellungen, die vorhin zusammengefaßt wurden, haben natürlich eine lange Entwicklung 29 durchgemacht, sind von verschiedenen Kulturen in ver- schiedenen Phasen festgehalten worden. Ich habe eine einzelne solche Entwicklungsphase herausgegriffen, die etwa der Endgestaltung in unserer heutigen weißen, christ- lihen Kultur entspricht. Es ist leicht zu bemerken, daß nicht alle Stücke dieses Ganzen gleich gut zueinander stimmen, daß nicht alle dringenden Fragen beantwortet werden, daß der Widerspruch der täglichen Erfahrung nur mit Mühe abgewiesen werden kann. Aber so wie sie sind, werden diese Vorstellungen — die im weitesten Sinn religiösen — als der kostbarste Besitz der Kultur eingeschätzt, als das Wertvollste, was sie ihren Teil- nehmern zu bieten hat, weit höher geschätzt als alle Künste, der Erde ihre Schätze zu entlocken, die Mensh- heit mit Nahrung zu versorgen oder ihren Krankheiten vorzubeugen usw. Die Menschen meinen, das Leben nicht ertragen zu können, wenn sie diesen Vorstellungen nicht den Wert beilegen, der für sie beansprucht wird. Und nun ist die Frage, was sind diese Vorstellungen im Lichte der Psychologie, woher beziehen sie ihre Hochschätzung und um schüchtern fortzusetzen: was ist ihr wirkliher Wert?
50 IV Eine Untersuchung, die ungestört fortschreitet wie ein Monolog, ist nicht ganz ungefährlih. Man gibt zu leicht der Versuchung nach, Gedanken zur Seite zu schieben, die sie unterbrechen wollen, und tauscht dafür ein Ge- fühl von Unsicherheit ein, das man am Ende durch allzu große Entschiedenheit übertönen will. Ich stelle mir also einen Gegner vor, der meine Ausführungen mit Mib- trauen verfolgt, und lasse ihn von Stelle zu Stelle zu Worte kommen.
Ich höre ihn sagen: »Sie haben wiederholt die Aus- drücke gebraucht: die Kultur schaflt diese religiösen V or- stellungen, die Kultur stellt sie ihren Teilnehmern zur Verfügung, daran klingt etwas befremdend; ich könnte selbst nicht sagen warum, es hört sich nicht so selbstver- ständlih an, wie daß die Kultur Anordnungen geschaflen hat über die Verteilung des Arbeitsertrags, oder über die Rechte an Weib und Kind.« Ich meine aber doch, daß man berechtigt ist, sich so auszudrücken. Ich habe versucht zu zeigen, daß die reli- 31