giösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervor- gegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der Kultur, aus der Notwendigkeit, sich gegen die erdrückende Ubermaht der Natur zu verteidigen. Dazu kam ein zweites Motiv, der Drang, die peinlich verspürten Un- vollkommenheiten der Kultur zu korrigieren. Es ist auch besonders zutreflend zu sagen, daß die Kultur dem Einzelnen diese Vorstellungen schenkt, denn er findet sie vor, sie werden ihm fertig entgegengebracht, er wäre nicht imstande, sie allein zu finden. Es ist die Erb- schaft vieler Generationen, in die er eintritt, die er übernimmt wie das Einmaleins, die Geometrie u.a. Es gibt hierbei freilich einen Unterschied, aber der liegt anderswo, kann jetzt noch nicht beleuchtet werden. An dem Gefühl von Befremdung, das Sie erwähnen, mag es Anteil haben, daß man uns diesen Besitz von religiösen Vorstellungen als göttlihe Offenbarung vor- zuführen pflegt. Allein das ist selbst schon ein Stück des religiösen Systems, vernachlässigt ganz die uns be- kannte historishe Entwicklung dieser Ideen und ihre Verschiedenheiten in verschiedenen Zeiten und Kulturen.
»Ein anderer Punkt, der mir wichtiger erscheint. Sie lassen die Vermenschlichung der Natur aus dem Bedürf- nis hervorgehen, der menschlichen Rat- und Hilflosigkeit gegen deren gefürchtete Kräfte ein Ende zu machen, sich in Beziehung zu ihnen zu setzen und sie endlich zu beeinflussen. Aber ein solches Motiv scheint überflüssig zu 32 sein. Der primitive Mensch hat ja keine Wahl, keinen anderen Weg des Denkens. Es ist ihm natürlich, wie ein- geboren, daß er sein Wesen in die Welt hinausprojiziert, alle Vorgänge, die er beobachtet, als Äußerungen von Wesen ansieht, die im Grunde ähnlich sind wie er selbst. Es ist das die einzige Methode seines Begreifens. Und es ist keineswegs selbstverständlich, viel mehr ein merk- würdiges Zusammentreflen, wenn es ihm gelingen sollte, durch solches Gewährenlassen seiner natürlichen Anlage eines seiner großen Bedürfnisse zu befriedigen.« Ich finde das nicht so auffällig. Meinen Sie denn, daß das Denken der Menschen keine praktishen Mo- tive kennt, bloß der Ausdruck einer uneigennützigen Wißbegierde ist? Das ist doch sehr unwahrscheinlich. Eher glaube ich, daß der Mensch, auch wenn er die Naturkräfte personifiziert, einem infantilen Vorbild folgt. Er hat an den Personen seiner ersten Umgebung gelernt, daß, wenn er eine Relation zu ihnen herstellt, dies der Weg ist, um sie. zu beeinflussen, und darum behandelt er später in der gleichen Absicht alles andere, was ihm begegnet, wie jene Personen. Ich widerspreche also Ihrer deskriptiven Bemerkung nicht, es ist wirklich dem Menschen natürlih, alles zu personifizieren, was er begreifen will, um es später zu beherrschen, — die psydische Bewältigung als Vorbereitung zur physischen, — aber ih gebe Motiv und Genese dieser Eigentümlich- keit des menschlihen Denkens dazu.
33 Freud: Illusion. 3 »Und jetzt noch ein drittes: Sie haben ja den Ur- sprung der Religion früher einmal behandelt, in Ihrem Buch ‚Totem und Tabu‘. Aber dort sieht es anders aus. Alles ist das Sohn-Vater-V erhältnis, Gott 1st der erhöhte Vater, die Vatersehnsucht ist die Wurzel des religiösen Bedürfnisses. Seither, scheint es, haben Sie das Moment der menschlichen Ohnmadht und Hilflosigkeit entdeckt, dem ja allgemein die größte Rolle bei der Religions- bildung zugeschrieben wird, und nun schreiben Sie alles auf Hilflosigkeit um, was früher Vaterkomplex war. Darf ich Sie um Auskunft über diese Wandlung bitten?« Gern, ich wartete nur auf diese Aufforderung. Wenn es wirklih eine Wandlung ist. In »Totem und Tabu« sollte nicht die Entstehung der Religionen erklärt werden, sondern nur die des Totemismus. Können Sie von irgend- einem der Ihnen bekannten Standpunkte verständlich machen, daß die erste Form, in der sich die schützende Gottheit dem Menschen oflenbarte, die tierische war, daß ein Verbot bestand, dieses Tier zu töten und zu verzehren, und doh die feierliche Sitte, es einmal im Jahr gemeinsam zu töten und zu verzehren? Gerade das hat im Totemismus statt. Und es ist kaum zwe&- mäßig, darüber zu streiten, ob man den Totemismus eine Religion heißen soll. Er hat innige Beziehungen zu den späteren Gottesreligionen, die Totemtiere werden zu den heiligen Tieren der Götter. Und die ersten, aber tiefgehendsten, sittlichen Beschränkungen a das Mord- 34 und das Inzestverbot — entstehen auf dem Boden des Totemismus. Ob Sie nun die Folgerungen von »lotem und Tabu« annehmen oder nicht, ich hofle Sie werden zugeben, daß in dem Buch eine Anzahl von sehr merk- würdigen versprengten Tatsachen zu einem konsistenten Ganzen zusammengefaßt ist.
Warum der tierische Gott auf die Dauer nicht ge- nügte und durch den menschlichen abgelöst wurde, das ist in»Totem und Tabu« kaum gestreift worden, andere Probleme der Religionsbildung finden dort überhaupt keine Erwähnung. Halten Sie solche Beschränkung für identisch mit einer Verleugnung? Meine Arbeit ist ein gutes Beispiel von strenger Isolierung des Anteils, den die psychoanalytische Betrachtung zur Lösung des reli- giösen Problems leisten kann. Wenn ich jetzt versuche, das andere, weniger tief Verstekte hinzuzufügen, so sollen Sie mich nicht des Widerspruchs beschuldigen wie früher der Einseitigkeit. Es ist natürlich meine Auf- gabe, die Verbindungswege zwishen dem früher Ge- sagten und dem jetzt Vorgebracten, der tieferen und der manifesten Motivierung, dem Vaterkomplex und der Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit des Menschen auf- zuzeigen.
Diese Verbindungen sind nicht schwer zu finden. Es sind die Beziehungen der Hilflosigkeit des Kindes zu der sie fortsetzenden des Erwachsenen, so daß, wie zu erwarten stand, die psychoanalytishe Motivierung der 3” 35 Religionsbildung der infantile Beitrag zu ihrer mani- festen Motivierung wird. Versetzen wir uns in das Seelenleben des kleinen Kindes. Sie erinnern sich an die Objektwahl nach dem Anlehnungstypus, von dem die Analyse spricht? Die Libido folgt den Wegen der nar- zißtischen Bedürfnisse und heftet sich an die Objekte, welche deren Befriedigung versichern. So wird die Mutter, die den Hunger befriedigt, zum ersten Liebesobjekt und gewiß auch zum ersten Schutz gegen alle die unbe- stimmten, in der Außenwelt drohenden Gefahren, zum ersten Angstschutz, dürfen wir sagen.
In dieser Funktion wird die Mutter bald von dem stärkeren Vater abgelöst, dem sie nun über die ganze Kindheit verbleibt. Das Verhältnis zum Vater ist aber mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine Gefahr, vielleicht von dem früheren Verhält- nis zur Mutter her. So fürchtet man ihn nicht minder, als man sich nacı ihm sehnt und ihn bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind allen Religionen tief eingeprägt, wie auch in »Totem und Tabus ausgeführt wird. Wenn nun der Heranwachsende merkt, daß es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zu bleiben, daß er des Schutzes gegen fremde Ubermächte nie entbehren kann, verleiht er diesen die Züge der Vatergestalt, er schaflt sich die Götter, vor denen er sich fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doh seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vater- 36 sehnsucht identisch mit dem Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen der menschlichen Ohnmacht; die Abwehr der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der Erwachsene anerkennen muß, eben der Religionsbildung, ihre charakteristischen Züge. Aber es ist nicht unsere Absicht, die Entwicklung der Gottesidee weiter zu erforshen; wir haben es hier mit dem fertigen Schatz von religiösen Vorstellungen zu tun, wie ihn die Kultur dem Einzelnen übermittelt.
V Um den Faden der Untersuchung wieder aufzunehmen: Welches ist also die psychologische Bedeutung der reli- giösen Vorstellungen, als was können wir sie klassifi- zieren? Die Frage ist zunächst gar nicht leiht zu be- antworten. Nach Abweisung verschiedener Formulierungen wird man bei der einen stehen bleiben: Es sind Lehr- sätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisse der äußeren (oder inneren) Realität, die etwas mitteilen, was man selbst nicht gefunden hat und die beanspruchen, daß man ihnen Glauben schenkt. Da sie Auskunft geben über das für uns Wichtigste und Interessanteste im Leben, werden sie besonders hocdhgeschätzt. Wer nichts von ihnen weib, ist sehr unwissend; wer sie in sein Wissen aufgenommen hat, darf sich für sehr bereichert halten.
Es gibt natürlich viele solche Lehrsätze über die ver- schiedenartigsten Dinge dieser Welt. Jede Schulstunde ist voll von ihnen. Wählen wir die geographishe. Wir hören da: Konstanz liegt am Bodensee. Ein Studenten- lied setzt hinzu: Wer’s nicht glaubt, geh’ hin und seh’.
38 38 Ich war zufällig dort und kann bestätigen, die schöne Stadt liegt am Ufer eines weiten Gewässers, das alle Umwohnenden Bodensee heißen. Ich bin jetzt auch von der Richtigkeit dieser geographishen Behauptung voll- kommen überzeugt. Dabei erinnere ih mic an ein an- deres, sehr merkwürdiges Erlebnis. Ich war schon ein gereifter Mann, als ich zum erstenmal auf dem Hügel der athenishen Akropolis stand, zwischen den Tempel- ruinen, mit dem Blik aufs blaue Meer. In meine Be- glükung mengte sih ein Gefühl von Erstaunen, das mir die Deutung eingab: Also ist das wirklih so, wie wirsin der Schule gelernt hatten! Was für seichten und kraftlosen Glauben an die reale Wahrheit des Gehörten muß ich damals erworben haben, wenn ich heute so Re staunt sein kann! Aber ich will die Bedeutung dieses Erlebnisses nicht zu sehr betonen; es ist noch eine an- dere Erklärung meines Erstaunens möglich, die mir da- mals nicht einfiel, die durchaus subjektiver Natur ist und mit der Besonderheit des Ortes zusammenhängt. Alle solche Lehrsätze verlangen also Glauben für ihre Inhalte, aber nicht ohne ihren Anspruch zu be- gründen. Sie geben sih als das abgekürzte Resultat eines längeren, auf Beobachtung, gewiß auh Schluß- folgerung gegründeten Denkprozesses; wer die Absicht hat, diesen Proze& selbst durchzumachen, anstatt sein Ergebnis anzunehmen, dem zeigen sie den Weg dazu.
Es wird immer auch hinzugesetzt, woher man die Kennt- 39 nis hat, die der Lehrsatz verkündet, wo er nicht, wie bei geographischen Behauptungen, selbstverständlich ist. Z.B. die Erde hat die Gestalt einer Kugel; als Be- weise dafür werden angeführt der Foucaultsche Pendel- versuch, das Verhalten des Horizonts, die Möglichkeit, die Erde zu umsciflen. Da es, wie alle Beteiligten einsehen, untunlich ist, alle Schulkinder auf Erdumseg- lungen zu schicken, bescheidet man sich damit, die Lehren der Schule auf »Treu und Glauben« annehmen zu lassen, aber man weiß, der Weg zur persönlichen Überzeugung bleibt oflen.
Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselben Maß zu messen. Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten wir drei Antworten, die merkwürdig schlecht zusammen- stimmen. Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon unsere Urvorväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert sind, und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde früher mit den allerhärtesten Strafen belegt und noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daß jemand es erneuert. | Dieser dritte Punkt muß unsere stärksten Bedenken wecken. Ein solches Verbot kann doch nur die eine Motivierung haben, daß die Gesellschaft die Unsicher- heit des Anspruchs sehr wohl kennt, den sie für ihre reli- 40 giösen Lehren erhebt. Wäre es anders, so würde sie ge- wiß jedem, der sich selbst eine Überzeugung schaflen will, das Material dazu bereitwilligst zur Verfügung stellen. Wir gehen darum mit einem nicht leicht zu be- schwichtigenden Mißtrauen an die Prüfung der beiden an- deren Beweisgründe. Wir sollen glauben, weil unsere Ur- väter geglaubt haben. Aber diese unsere Ahnen waren weit unwissender als wir, sie haben an Dinge geglaubt, die wir heute unmöglich annehmen können. Die Möglich- keit regt sich, daß auch die religiösen Lehren von solcher Art sein könnten. Die Beweise, die sie uns hinterlassen haben, sind in Schriften niedergelegt, die selbst alle Charaktere der Unzuverlässigkeit an sich tragen. Sie sind widerspruchsvoll, überarbeitet, verfälsht; wo sie von tatsächlichen Beglaubigungen berichten, selbst unbe- glaubigt. Es hilft nicht viel, wenn für ihren W ortlaut oder auch nur für ihren Inhalt die Herkunft von gött- licher Offenbarung behauptet wird, denn diese Behaup- tung ist bereits selbst ein Stück jener Lehren, die auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden sollen, und kein Satz kann sich doch selbst beweisen.
So kommen wir zu dem sonderbaren Ergebnis, daß gerade diejenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes, die die größte Bedeutung für uns haben könnten, denen die Aufgabe zugeteilt ist, uns die Rätsel der Welt auf- zuklären und uns mit den Leiden des Lebens zu versöhnen, daß gerade sie die allerschwächste Beglaubigung 41 haben. Wir würden uns nicht entschließen können, eine für uns so gleichgültige Tatsache anzunehmen, wie daß Walfishe Junge gebären anstatt Eier abzulegen, wenn sie nicht besser erweisbar wäre.
Dieser Sachverhalt ist an sich ein schr merkwürdiges psychologisches Problem. Auch möge niemand glauben, daß die vorstehenden Bemerkungen über die Unbeweis- barkeit der religiösen Lehren etwas Neues enthalten. Sie ist zu jeder Zeit verspürt worden, gewiß auch von den Urahnen, die solche Erbschaft hinterlassen haben. Wahrsheinlih haben viele von ihnen dieselben Zweifel genährt wie wir, es lastete aber ein zu starker Druck auf ihnen, als daß sie gewagt hätten, dieselben zu äußern. Und seither haben sich unzählige Menschen mit den nämlichen Zweifeln gequält, die sie unter- drücken wollten, weil sie sich für verpflichtet hielten zu glauben, sind viele glänzende Trtellekte an hascn Konflikt gescheitert, haben viele Charaktere an den Kompromissen Schaden gelitten, in denen sie einen Ausweg suchten.
Wenn alle Beweise, die man für die Glaubwürdig- keit der religiösen Lehrsätze vorbringt, aus der Ver- gangenheit stammen, so liegt es nahe umzuschauen, ob nicht die besser zu beurteilende Gegenwart aucdı solche Be- weise liefern kann. Wenn es gelänge, nur ein einzelnes Stück des religiösen Systems solher Art dem Zweifel zu entziehen, so würde dadurch das Ganze außerordent- 42 lih an Glaubhaftigkeit gewinnen. Hier setzt die Tätig- keit der Spiritisten ein, die von der Fortdauer der in- dividuellen Seele überzeugt sind und uns diesen einen Satz der religiösen Lehre zweifelsfrei demonstrieren wollen. Es gelingt ihnen leider nicht zu widerlegen, daß die Erscheinungen und Äußerungen ihrer Geister nur Produktionen ihrer eigenen Seelentätigkeit sind. Sie haben die Geister der größten Menschen, der hervor- ragendsten Denker zitiert, aber alle Äußerungen und Auskünfte, die sie von ihnen erhielten, waren so albern, so trostlos nichtssagend, daß man nichts anderes glaub- würdig finden kann als die Fähigkeit der Geister, sich dem Kreis von Menschen anzupassen, der sie herauf- beschwört.
Man muß nun zweier Versuche gedenken, die. den Eindruck krampfhafter Bemühung machen, dem Problem zu entgehen. Der eine, gewaltsamer Natur, ist alt, derandere subtil und modern. Der erstere ist das Credo quia ab- surdum des Kirchenvaters. Das will besagen, die reli- giösen Lehren sind den Ansprüchen der Vernunft ent- zogen, sie stehen über der Vernunft. Man muß ihre Wahrheit innerlich verspüren, braucht sie nicht zu be- greifen. Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis interessant, als Machtspruch ist es ohne Verbindlichkeit. Soll ich verpflichtet werden, jede Absurdität zu glauben? Und wenn nicht, warum gerade diese? Es gibt keine Instanz über der Vernunft. Wenn die Wahrheit der reli- 43 giösen Lehren abhängig ist von einem inneren Erlebnis, das diese Wahrheit bezeugt, was macht man mit den vielen Menschen, die solch ein seltenes Erlebnis nicht haben? Man kann von allen Menschen verlangen, daß sie die Gabe der Vernunft anwenden, die sie besitzen, aber man kann nicht eine für alle gültige Verpflichtung auf ein Motiv aufbauen, das nur bei ganz wenigen exi- stiert. Wenn der Eine aus einem ihn tief ergreifenden ekstatischen Zustand die unerschütterlihe Überzeugung von der realen Wahrheit der religiösen Lehren gewonnen hat, was bedeutet das dem Anderen’?
Der zweite Versuch ist der der Philosophie des »Als ob«. Er führt aus, daß es in unserer Denktätigkeit reich- lih Annahmen gibt, deren Grundlosigkeit, ja deren Absurdität wir voll einsehen. Sie werden Fiktionen ge- heißen, aber aus mannigfachen praktishen Motiven müßten wir uns so benehmen, »als ob« wir an diese Fiktionen glaubten. Dies trefle für die religiösen Lehren wegen ihrer unvergleichlihen Wichtigkeit für die Auf- rechterhaltung der menschlichen Gesellshaft zu.! Diese Argumentation ist von dem Credo quia absurdum nict weit entfernt. Aber ich meine die Forderung des »Als ob« 1) Ich hoffe kein Unrecht zu begehen, wenn ich den Philosophen des »Als ob« eine Ansicht vertreten lasse, die auch anderen Denkern nicht fremd ist. Vgl. H. Vaihinger,' Die Philosophie des Als ob, Siebente und achte Auflage 1922, S. 68: »Wir ziehen in den Kreis der Fiktion nicht nur gleichgültige, theoretische Operationen herein, 44 44 ‚ist eine solche, wie sie nur ein Philosoph aufstellen kann. Der durch die Künste der Philosophie in seinem Denken nicht beeinflußte Mensch wird sie nie annehmen können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität, der Vernunftwidrigkeit, alles erledigt. Er kann nicht dazu verhalten werden, gerade in der Behandlung seiner wichtigsten Interessen auf die Sicherheiten zu ver- zichten, die er sonst für alle seine gewöhnlichen Tätig- keiten verlangt. Ich erinnere mich an eines meiner Kinder, das sih frühzeitig durch eine besondere Be- tonung der Sachllihkeit auszeichnete. Wenn den Kindern ein Märchen erzählt wurde, dem sie andächtig lauschten, kam er hinzu und fragte: Ist das eine wahre Geschichte? Nachdem man es verneint hatte, zog er mit einer geringschätzigen Miene ab. Es steht zu erwarten, daß sih die Menschen gegen die religiösen Märchen bald ähnlih benehmen werden, trotz der Fürsprache des »Als ob«.
Aber sie benehmen sich derzeit noch ganz anders und in vergangenen Zeiten haben die religiösen Vorstellungen trotz ihres unbestreitbaren Mangels an Beglaubigung den allerstärksten Einfluß auf die Menschheit geübt. Das ist sondern Begriffsgebilde, welche die edelsten Menschen ersonnen haben, an denen das Herz des edleren Teiles der Menschheit hängt und welche diese sich nicht entreißen läßt. Wir wollen das auch gar nicht tun — als praktische Fiktion lassen wir das alles bestehen, als theoretische Wahrheit aber stirbt es dahin.« 45 45 ein neues psychologisches Problem. Man muß fragen, worin besteht die innere Kraft dieser Lehren, welchem Umstand verdanken sie ihre von der vernünftigen Anerkennung unabhängige Wirksamkeit?
46 VI Ich meine, wir haben die Antwort auf beide Fragen genügend vorbereitet. Sie ergibt sich, wenn wir die psydhische Genese der religiösen Vorstellungen ins Auge fassen. Diese, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Den- kens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärk- sten, dringendsten W ünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche. Wir wissen schon, der schreckende Eindruck der Enden Hilflosig- keit hat das Bedürfnis nah Schutz — Schutz durch Liebe — erweckt, dem der Vater abgeholfen hat, die Erkenntnis von der Fortdauer dieser Hilflosigkeit durchs ganze Leben hat das Festhalten an der Existenz eines — aber nun mächtigeren Vaters — verursaht. Durch das gütige Walten der göttlichen Vorsehung wird die Angst vor den Gefahren des Lebens beschwichtigt, die Einsetzung einer sittlihen Weltordnung versichert die Erfüllung der Gerectigkeitsforderung, die innerhalb der menschlichen Kultur so oft unerfüllt geblieben ist, die 47 47 Verlängerung der irdischen Existenz durch ein zukünftiges Leben stellt den örtlihen und zeitlihen Rahmen bei, in dem sich diese Wunscherfüllungen vollziehen sollen. Antworten auf Rätselfragen der menschlichen Wißbe- gierde, wie nach der Entstehung der Welt und der Be- ziehung zwischen Körperlihem und Seelishem werden unter den Voraussetzungen dieses Systems entwickelt; es bedeutet eine großartige Erleichterung für die Einzel- psyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden.
Wenn ich sage, das alles sind Illusionen, muß id die Bedeutung des Wortes abgrenzen. Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht not- wendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß sich Ungeziefer aus Unrat entwicle, an der das un- wissende Volk noch heute festhält, war eın Irrtum, eben- so die einer früheren ärztlihen Generation, daß die Tabes dorsalis die Folge von sexueller Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlic, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er einen neuen Seeweg nach Indien entdekt habe. Der Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deut- lih. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben, den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei 48 48 ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentlih den Wider- spruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Ilusion muß nicht notwendig falsch, d.h. unrealisierbar oder im W ider- spruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann sih z.B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen. Es ist möglich, einige Fälle dieser Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchi- misten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können, könnte eine solhe sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr gedämpft, doh hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die W unscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso Freud: Illusion. 4 49 wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen ver- zichtet.
Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wir wiederholend sagen: Sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrsceinlic, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie — mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Untershiede — den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch un- widerlegbar. Man weiß noch zu wenig, um ihnen kri- tisch näher zu rücken. Die Rätsel der Welt entschleiern sich unserer Forshung nur langsam, die Wissenschaft kann auf viele Fragen heute noch keine Antwort geben. Die wissenschaftlihe Arbeit ist aber für uns der einzige Weg, der zur Kenntnis der Realität außer uns führen kann. Es ist wiederum nur Illusion, wenn man von der Intuition und der Selbstversenkung etwas erwartet; sie kann uns nichts geben als — schwer deutbare — Auf- schlüsse über unser eigenes Seelenleben, niemals Aus- kunft über die Fragen, deren Beantwortung der reli- giösen Lehre so leicht wird. Die eigene Willkür in die Lücke eintreten zu lassen und nach persönlichem Ermessen dies oder jenes Stück des religiösen Systems für 50 mehr oder weniger annehmbar zu erklären, wäre frevel- haft. Dafür sind diese Fragen zu bedeutungsvoll, man möchte sagen: zu heilig.
An dieser Stelle kann man auf den Einwand gefaht sein: Also, wenn selbst die verbissenen Skeptiker zu- geben, daß die Behauptungen der Religion nicht mit dem Verstand zu widerlegen sind, warum soll ih ihnen dann nicht glauben, da sie soviel für sich haben, die Tradition, die Übereinstimmung der Menschen und all das Tröstliche ihres Inhalts? J a, warum nicht? So wie niemand zum Glauben gezwungen werden kann, so auch niemand zum Unglauben. Aber man gefalle sich nicht in der Selbsttäuschung, daß man mit solchen Begrün- dungen die Wege des korrekten Denkens geht. Wenn die Verurteilung »faule Ausrede« je am Platze war, so hier. Die Unwissenheit ist di Unwissenheit; keın Recht etwas zu glauben, leitet sich aus ihr ab. Kein vernünftiger Mensch wird sich in anderen Dingen so leichtsinnig be- nehmen und sich mit so armseligen Begründungen seiner Urteile, seiner Parteinahme, zufrieden geben, nur in den höchsten und heiligsten Dingen gestattet er sich das. In Wirklichkeit sind es nur Bemühungen um sich oder anderen vorzuspiegeln, man halte noch an der Religion fest, während man sich längst von ihr abgelöst hat. Wenn es sih um Fragen der Religion handelt, machen sih die Menschen aller möglihen Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig. Philosophen über- 4” 5ı dehnen die Bedeutung von Worten, bis diese kaum etwas von ihrem ursprünglichen Sinn übrig behalten, sie heißen irgendeine vershwommene Abstraktion, die sie sich ge- schaffen haben »Gott«, und sind nun auch Deisten, Gottesgläubige, vor aller Welt, können sich selbst rühmen, einen höheren, reineren Gottesbegriff erkannt zu haben, obwohl ihr Gott nur mehr ein wesenloser Schatten ist und nicht mehr die machtvolle Persönlichkeit der reli- giösen Lehre. Kritiker beharren darauf, einen Menscen, der sich zum Gefühl der menschlichen Kleinheit und Ohnmacht vor dem Ganzen der Welt bekannt, für »tief religiös« zu erklären, obwohl nicht dieses Gefühl das Wesen der Religiosität ausmacht, sondern erst der nächste Schritt, die Reaktion darauf, die gegen dies Gefühl eine Abhilfe sucht. Wer nicht weiter geht, wer sih demütig mit der geringfügigen Rolle des Menschen in der großen Welt bescheidet, der ist vielmehr irreligiös im wahrsten Sinne des Wortes.
Es liegt nicht im Plane dieser Untersuchung, zum Wahrheitswert der religiösen Lehren Stellung zu nehmen. Es genügt uns, sie in ihrer psychologischen Natur als Illusionen erkannt zu haben. Aber wir brauchen nicht zu verhehlen, daß diese Aufdekung auch unsere Ein- stellung zu der Frage, die vielen als die wichtigste er- scheinen muß, mächtig beeinflußt. Wir wissen ungefähr, zu welchen Zeiten die religiösen Lehren geschaffen worden sind und von was für Menschen. Erfahren wir noch, aus 52 welchen Motiven es geschah, so erfährt unser Standpunkt zum religiösen Problem eine merklihe Verschiebung. Wir sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine sittlihe Weltordnung und ein jenseitiges Leben, aber es ist doch sehr auffällig, daß dies alles so ist, wie wir es uns wünschen müssen. Und es wäre noch sonder- barer, daß unseren armen, unwissenden, unfreien Vor- vätern die Lösung all dieser schwierigen Welträtsel ge- glükt sein sollte.
83 v1 83 v1 Wenn wir die religiösen Lehren als Illusionen er- kannt haben, erhebt sich sofort die weitere Frage, ob nicht auch anderer Kulturbesitz, den wir hochhalten und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ähn- liher Natur ist. Ob nicht die Voraussetzungen, die unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusi- onen genannt werden müssen, ob nicht die Beziehungen der Geschlechter in unserer Kultur durch eine oder eine Reihe von erotischen Illusionen getrübt werden? Ist unser Mißtrauen einmal rege geworden, so werden wir auch vor der Frage nicht zurückschrecken, ob unsere Überzeugung, durch die Anwendung des Beobachtens und Denkens in wissenschaftliher Arbeit etwas von der äußeren Realität erfahren zu können, eine bessere Be- gründung hat. Nichts darf uns abhalten, die Wendung der Beobachtung auf unser eigenes Wesen und die Ver- wendung des Denkens zu seiner eigenen Kritik gutzu- heißen. Eine Reihe von Untersuchungen eröffnet sich hier, deren Ausfall entscheidend für den Aufbau einer 54 » Weltanschauung« werden mühte. Wir ahnen aud, daß eine solche Bemühung nicht verschwendet sein und daß sie unserem Argwohn wenigstens teilweise Rechtfertigung bringen wird. Aber das Vermögen des Autors verweigert sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen engt er seine Arbeit auf die Verfolgung einer einzigen von diesen Illusionen, eben der religiösen, ein.
Die laute Stimme unseres Gegners gebietet uns nun halt. Wir werden zur Rechenschaft gezogen ob unseres verbotenen Tuns. Er sagt uns: »Archäologische Interessen sind ja recht lobenswert, aber man stellt keine Ausgrabungen an, wenn man durch sie die Wohnstätten der Lebenden untergräbt, so daß sie einstürzen und die Menschen unter ihren Trümmern verschütten. Die religiösen Lehren sind kein Gegenstand, über den man klügeln kann wie über einen beliebigen anderen. Unsere Kultur ist auf ihnen auf- gebaut, die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft hat zur Voraussetzung, daß die Menschen in ihrer Überzahl an die Wahrheit dieser Lehren glauben. Wenn man sie lehrt, daß es keinen allmächtigen und allgerechten Gott gibt, keine göttlihe Weltordnung und kein künf- tiges Leben, so werden sie sich aller Verpflichtung zur Befolgung der Kulturvorschriften ledig fühlen. Jeder wird ungehemmt, angstfrei, seinen asozialen, egoistischen Trieben folgen, seine Madt zu betätigen suchen, das Chaos wird wieder beginnen, das wir in vieltausend- 55 jähriger Kulturarbeit gebannt haben. Selbst wenn man es wüßte und beweisen könnte, daß die Religion nicht im Besitz der Wahrheit ist, müßte man es verschweigen und sich so benehmen, wie es die Philosophie des ‚Als ob‘ verlangt. Im Interesse der Erhaltung Aller! Und von der Gefährlichkeit des Unternehmens abgesehen, es ist auch eine zweclose Grausamkeit. Unzählige Menschen finden in den Lehren der Religion ihren einzigen Trost, können nur durch ihre Hilfe das Leben ertragen, Man will ihnen diese ihre Stütze rauben und hat ihnen nichts Besseres dafür zu geben. Es ist zugestanden worden, daß die Wissenschaft derzeit nicht viel leistet, aber auch wenn sie viel weiter fortgeschritten wäre, würde sie den Men- schen nicht genügen. Der Mensch hat noch andere im- perative Bedürfnisse, die nie durch die kühle Wissen- schaft befriedigt werden können, und es ist sehr sonder- bar, geradezu ein Gipfel der Inkonsequenz, wenn ein Psycholog, der immer betont hat, wie sehr im Leben der Menschen die Intelligenz gegen das Triebleben zu- rüctritt, sich nun bemüht, den Menschen eine kostbare Wunscbefriedigung zu rauben und sie dafür mit in- tellektueller Kost entschädigen will.« Das sind viel Anklagen auf einmal! Aber ich bin vorbereitet, ihnen allen zu widersprechen und überdies werde ich die Behauptung vertreten, daß es eine größere Gefahr für die Kultur bedeutet, wenn man ihr gegen- wärtıges Verhältnis zur Religion aufrecht hält, als wenn 56 man es löst. Nur weiß ich kaum, womit ich in meiner Erwiderung beginnen soll.
Vielleiht mit der Versicherung, daß ich selbst mein Unternehmen für völlig harmlos und ungefährlich halte. Die Überschätzung des Intellekts ist diesmal nicht auf meiner Seite. Wenn die Menschen so sind, wie die Gegner sie beschreiben, — und ich mag dem nicht wider- sprechen, — so besteht keine Gefahr, daß ein Fromm- gläubiger sih, durch meine Ausführungen überwältigt, seinen Glauben entreißen läßt. Außerdem habe ich nichts gesagt, was nicht andere, bessere Männer viel vollstän- diger, kraftvoller und eindrucksvoller vor mir gesagt haben. Die Namen dieser Männer sind bekannt; ich werde sie nicht anführen, es soll nicht der Anschein ge- weckt werden, daß ih mic in ihre Reihe stellen will. Ich habe bloß — dies ist das einzig Neue an meiner Darstellung — der Kritik meiner großen Vorgänger etwas psychologische Begründung hinzugefügt. Daß ge- rade dieser Zusatz die Wirkung erzwingen wird, die den früheren versagt geblieben ist, ist kaum zu er- warten. Freilih könnte man mic jetzt fragen, wozu schreibt man solche Dinge, wenn man ihrer Wirkungs- losigkeit sicher ist. Aber darauf kommen wir später zurück.
Der einzige, dem diese Veröflentlihung Schaden bringen kann, bin ich selbst. Ich werde die unliebenswürdigsten Vorwürfe zu hören bekommen wegen Seichtig- 57 keit, Borniertheit, Mangel an Idealismns und an Ver- ständnis für die höchsten Interessen der Menschheit. Aber einerseits sind mir diese Vorhaltungen nicht neu, und anderseits, wenn jemand schon in jungen Jahren sich über das Mißfallen seiner Zeitgenossen hinausgesetzt hat, was soll es ihm ım Greisenalter anhaben, wenn er sicher ist, bald jeder Gunst und Mikgunst entrückt zu werden? In früheren Zeiten war es anders, da erwarb man durch solhe Äußerungen eine sichere Verkürzung seiner irdi- schen Existenz und eine gute Beschleunigung der Gelegen- heit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu machen. Aber ich wiederhole, jene Zeiten sind vorüber und heute ist solche Schreiberei auch für den Autor ungefährlich. Höchstens daß sein Buch in dem einen oder dem anderen Land nicht übersetzt und nicht ver- breitet werden darf. Natürlich gerade in einem Land, das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlt. Aber wenn man überhaupt für Wunschverziht und Ergebung in das Schicksal plädiert, muß man auch diesen Schaden ertragen können.
Es tauchte dann bei mir die Frage auf, ob die Ver- öffentlichung dieser Schrift nicht doch jemand Unheil bringen könnte. Zwar keiner Person, aber einer Sache, der Sache der Psychoanalyse. Es ist ja nicht zu leugnen, daß sie meine Schöpfung ist, man hat ihr reichlih Mibß- trauen und Übelwollen bezeigt; wenn ich jetzt mit so unliebsamen Äußerungen hervortrete, wird man für die 58 Verschiebung von meiner Person auf die Psychoanalyse nur allzu bereit sein. Jetzt sieht man, wird es heibßen, wohin die Psychoanalyse führt. Die Maske ist gefallen; zur Leugnung von Gott und sittlihem Ideal, wie wir es ja immer vermutet haben. Um uns von der Ent- dekung abzuhalten, hat man uns vorgespiegelt, die Psycho- analyse habe keine Weltanschauung und könne keine bilden.