VORWORT DES HERAUSGEBERS Der erste Band der „Einleitung in die Geisteswissenschaften" er- öffnet die Ausgabe von Diltheys Gesammelten Schriften. Er bildet den Ausgangspunkt, an den die weiteren Schriften, die in dieser Samm- lung veröffentlicht werden, anknüpfen. Vor fast vierzig Jahren heraus- gebracht (1883) und seit bald 20 Jahren vergriffen, erscheint das Werk jetzt im Neudruck: unverändert. Für die Herausgabe waren die Richtlinien maßgebend, die Dilthey selbst für eine neue Auflage dieses Bandes gegeben hat. Er trug sich in den Jahren 1904— 1906 mit dem Gedanken einer neuen Auflage; er war mit.sich im reinen darüber, daß der Band etwas in sich Abgeschlossenes darstellte: wenn er auch manches jetzt anders würde gefaßt haben, so hielt er es doch nicht für ratsam, „die Färbung jener Zeit in ihm zu tilgen, aus dem der ganze Versuch hervorgegangen ist".
Der erste Band der „Einleitung" muß aus der Zeitlage verstanden werden. Er hat seine bestimmte Stellung in der Entwicklung, die zu einem immer klareren Herausarbeiten des selbständigen Charakters der Geisteswissenschaften geführt hat. Die Auseinandersetzung mit dem naturwissenschaftlich gerichteten Positivismus von Auguste Comte und von John Stuart Mill, dessen Logic of Moral sciences von ent- scheidender Bedeutung war, und die Abkehr von der absterbenden Metaphysik kennzeichnen die geschichtliche Lage. Weniger deutlich ist die Stellung, die das Werk innerhalb der geistigen Entwicklung von Dilthey selbst einnimmt. So, wie es vorliegt, ist es nur ein Frag- ment und bringt nur unvollständig das Ganze seiner Gedanken über die Geisteswissenschaften zum Ausdruck. Er selbst hat das sein lebe- lang quälend empfunden, und all seine- Arbeit war schließlich darauf gerichtet, dem ersten Bande der „Einleitung" den zweiten folgen zu lassen. Und doch hatte er bereits zur Zeit der Veröffentlichung des: ersten Bandes einen zweiten verfaßt, wie eine im Nachlaß vorhandene Reinschrift zeigt. Diese erhellt in wesentlichen Punkten den Gedanken- zusammenhang, von dem der 1883 veröffentlichte erste Band getragen ist. Hierzu treten Fragmente, die in die Entwicklungszeit des Werkes, Ende der 70 er Jahre, zurückführen und die in Verbindung mit der für VI Vorwort Diltheys ganze Problemstellung bedeutsamen Abhandlung von 1875 „Über das Studium des Menschen und der Gesellschaft" in die Genesis der „Einleitung" hineinblicken lassen. Es wird daraus ersichtlich, wie der erste Band das Ergebnis eines langen Ringens mit den Problemen darstellt und in wesentlichen Punkten, wie z. B. in Diltheys Verhält- nis zur Metaphysik, aus der Fülle sich kreuzender Gedanken nur eini- ges heraushebt, um anderes ganz oder teilweise fallen zu lassen, so daß das vorliegende Werk nur die erste systematische Fassung seiner Gedanken bedeutet: ein Ruhepunkt, von dem aus er sich dann wieder von neuem dem rastlosen Flusse seiner Gedanken überließ.
Was von den hierhergehörigen Arbeiten dieser Epoche zu ver- öffentlichen ist, wird im Fortgang dieser Ausgabe gebracht werden. Hier sind aus dem Nachlasse nur, am Schlüsse dieses Bandes, einige Zusätze zusammengestellt, die Dilthey in den Jahren, als er sich mit dem Gedanken einer neuen Auflage trug, hinzufügen wollte. Soweit sie das erste, systematische Buch betreffen, dienen sie dazu, Diltheys Standpunkt gegenüber zeitgenössischen Autoren zu kennzeichnen. Wei- tere Zusätze, die sich auf das zweite, historische Buch beziehen — das Dilthey einmal nach der Bedeutung, die es im Zusammenhange seiner Gedanken besitzt, mit der Stellung der Phänomenologie in Hegels Sy- stem vergleicht —, enthalten neben einzelnen Bemerkungen Hinweise auf die Fortbildung seiner historischen Anschauungen, wie er sie in der Form von Abhandlungen entwickelt hat; für diesen Zusammen- hang kann auf Band II unserer Ausgabe verwiesen werden.
Beim Erscheinen dieses Bandes sei noch bemerkt, daß uns bei der Sichtung des Nachlasses die Vorarbeiten des Herrn Privatdozenten Dr. Arthur Stein wertvolle Dienste geleistet haben.
BERNHARD GROETHUYSEN.
EINLEITUNG IN DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN AN DEN GRAFEN PAUL YORCK VON WARTENBURG In einer unserer ersten Unterhaltungen entwickelte ich Ihnen den Plan dieses Buches, welches ich damals noch als Kritik der historischen Vernunft zu bezeichnen wagte. In den schönen Jahren seitdem habe ich des einzigen Glückes genossen, auf der Grundlage der Verwandt- schaft der Überzeugungen in oft täglichem Gespräch gemeinsam zu philosophieren. Wie könnte ich aussondern wollen, was der Gedanken- zusammenhang, welchen ich vorlege, Ihnen verdankt? Nehmen Sie, da wir nun räumlich getrennt worden sind, dies Werk als ein Zeichen unwandelbarer Gesinnung, Der schönste Lohn der langen Arbeit, in welcher es entstand, wird mir der Beifall des Freundes sein.
INHALT ERSTES EINLEITENDES BUCH ÜBERSICHT ÜBER DEN ZUSAMMENHANG DER EINZELWISSENSCHAFTEN DES GEISTES, IN WELCHER DIE NOTWENDIGKEIT EINER GRUNDLEGENDEN WISSENSCHAFT DARGETAN WIRD Seite I. Absicht dieser Einleitung in die Geisteswissenschaften 3 IL Die Geisteswissenschaften ein selbständiges Ganze, neben den Naturwissen- schaften 4 ni. Das Verhältnis dieses Ganzen zu dem der Naturwissenschaften 14 IV. Die Übersichten über die Geisteswissenschaften 21 V. Ihr Material 24 VI. Drei Klassen von Aussagen in ihnen 26 Vn. Aussonderung der Einzelwissenschaften aus der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit 27 VIII. Wissenschaften der Einzelmenschen als der Elemente dieser Wirklichkeit., 28 IX. Stellung des Erkennens zu dem Zusammenhang geschichtlich-wissenschaftlicher Wirklichkeit 35 X. Das wissenschaftliche Studium der natürlichen Gliederung der Menschheit sowie der einzelnen Völker 40 XL Unterscheidung von zwei weiteren Klassen von Einzelwissenschaften...42 XII. Die Wissenschaften von den Systemen der Kultur 49 Die Beziehungen zwischen den Systemen der Kultur und der äußeren Or- ganisation der Gesellschaft. Das Recht 52 Die Erkenntnis der Systeme der Kultur. Sittenlehre ist eine Wissenschaft von einem System der Kultur 58 XIII. Die Wissenschaften der äußeren Organisation der Gesellschaft 64 Die psychologischen Grundlagen 64 Die äußere Organisation der Gesellschaft als geschichtlicher Tatbestand.. 75 Die Aufgabe der theoretischen Darstellung der äußeren Organisation der Gesellschaft 76 XIV. Philosophie der Geschichte und Soziologie sind keine wirklichen Wissenschaften 86 XV. Ihre Aufgabe ist unlösbar 93 Bestimmung der Aufgabe der Geschichtswissenschaft im Zusammenhang der Geisteswissenschaften 93 XVI. Ihre Methoden sind falsch 104 XVn. Sie erkennen nicht die Stellung der Geschichtswissenschaft zu den Einzel- wissenschaften der Gesellschaft 109 XVIII. Wachsende Ausdehnung und Vervollkommnung der Einzelwissenschaften.. 113 XIX Die Notwendigkeit einer erkenntnistheoretischen Grundlegung für die Einzel- wissenschaften des Geistes 116 XII Inhalt ZWEITES BUCH METAPHYSIK ALS GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFTEN. IHRE HERRSCHAFT UND IHR VERi'^ALL Seite Erster Abschnitt. Das mythische Vorstellen und die Entstehung der Wissenschaft in Europa 123 Erstes Kapitel. Die aus dem Ergebnis des ersten Buchs entspringende Aufgabe.. 123 Zweites Kapitel. Der Begriff der Metaphysik. Das Problem ihres Verhältnisses zu den nächstverwandten Erscheinungen 127 Drittes Kapitel. Das religiöse Leben als Unterlage der Metaphysik. Der Zeitraum des mythischen Vorstellens 134 Viertes Kapitel. Die Entstehung der Wissenschaft in Europa 142 Fünftes Kapitel. Charakter der ältesten griechischen Wissenschaft 146 Zweiter Abschnitt. Metaphysisches Stadium in der Entwicklung der alten Völker 150 Erstes Kapitel. Verschiedene metaphysische Standpunkte werden erprobt und er- weisen sich als zur Zeit nicht entwicklungsfähig 150 Zweites Kapitel. Anaxagoras und die Entstehung der monotheistischen Metaphysik in Europa 15^ Drittes Kapitel. Die mechanische Weltansicht durch Leukipp und Demokrit begrün- det. Die Ursachen ihrer vorläufigen Machtlosigkeit gegenüber der monotheistischen Metaphysik 169 Viertes Kapitel. Zeitalter der Sophisten und des Sokrates. Die Methode der Fest- stellung des Erkenntnisgrundes wird eingeführt I74 Fünftes Kapitel. Plato 179 Fortschritt der metaphysischen Methode 179 Die Lehre von den substantialen Formen des Kosmos tritt in die monotheistische Metaphysik ein 182 Die Begründung dieser Metaphysik der substantialen Formen. Ihr monothei- stischer Abschluß 187 Sechstes Kapitel. Aristoteles und die Aufstellung einer abgesonderten metaphysischen Wissenschaft 192 Die wissenschaftlichen Bedingungen 193 Die Sonderung der Logik von der Metaphysik und ihre Beziehung auf dieselbe 196 Aufstellung einei- selbständigen Wissenschaft der Metaphysik 199 Der metaphysische Zusammenhang der Welt 201 Metaphysik und Naturwissenschaft 208 Die Gottheit als der letzte und höchste Gegenstand der Metaphysik 211 Siebentes Kapitel. Die Metaphysik der Griechen und die gesellschaftlich-geschicht- liche Wirklichkeit 215 Schranken der griechischen Geisteswissenschaft 216 Stadium der Zurückführung der gesellschaftlichen Ordnung auf göttliche Stiftung 218 Das Naturrecht der Sophisten als eine atomistische Metaphysik der Gesellschaft und die Gründe seiner Unfruchtbarkeit 219 Die politische Wissenschaft der sokratischen Schule. Der ideale Staat Piatos.
Die vergleichende Staatswissenschaft des Aristoteles 225 Achtes Kapitel. Zersetzung der Metaphysik im Skeptizismus. Die alten Völker treten in das Stadium der Einzelwissenschaften 235 Der Skeptizismus 235 (»halt XIII Seite Die nacharistotelische Metaphysik und ihr subjektiver Charakter 241 Die Selbständigkeit der Einzelwissenschaften 245 Dritter Abschnitt. Metaphysisches Stadium der neueren europäischen Völker 250 Erstes Kapitel. Christentum, Erkenntnistheorie und Metaphysik 250 Zweites Kapitel. Augustinus 255 Die Väter 257 Augustinus 259 Drittes Kapitel. Die neue Generation von Völkern und ihr metaphysisches Stadium 267 Viertes Kapitel. Erster Zeitraum des mittelalterlichen Denkens 273 Die Theologie und die Dialektik als ihr Werkzeug 274 Die Antinomie zwischen der Vorstellung des allmächtigen und allwissenden Gottes und der Vorstellung der Freiheit des Menschen 279 Die Antinomien in der Vorstellung Gottes nach seinen Eigenschaften 286 Fünftes Kapitel. Die Theologie wird mit der Naturerkenntnis und der aristotelischen Wissenschaft vom Kosmos verknüpft 291 Die Naturerkenntnis der Araber und ihr aristotelischer Standpunkt 293 Übertragung auf das Abendland 298 Sechstes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlichen Denkens 300 I.Abschluß der Metaphysik der substantialen Formen 30 1 2. Die verstandesmäßige Begründung der transzendenten Welt 303 Die Schlüsse auf das Dasein Gottes.
Die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele 311 3. Innerer Widerspruch der mittelalterlichen Metaphysik, der aus der Verknüpfung der Theologie mit der Wissenschaft vom Kosmos entspringt 317 Charakter der so entstehenden Systeme 317 Antinomie zwischen der Vorstellung des göttlichen Intellekts und der Vor- stellung des göttlichen Willens 318 Antinomie zwischen der Ewigkeit der Welt und ihrer Schöpfung in der Zeit 324 Diese Antinomien können in keiner Metaphysik aufgelöst werden 327 Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphysik der Geschichte und Gesellschaft 328 Das metaphysische Reich immaterieller Substanzen 329 Aufstellung eines metaphysischen Zusammenhangs in demselben 332 Der religiöse Vorstellungskreis 337 Der weltliche Vorstellungskreis 341 Vierter Abschnitt. Die Auflösung der metaphysischen Stellung des Menschen zur Wirklichkeit 351 Erstes Kapitel. Die Bedingungen des modernen wissenschaftlichen Bewußtseins.. 351 Zweites Kapitel. Die Naturwissenschaften 359 Die Metaphysik des Altertums und Mittelalters wird durch die Naturwissenschaften aufgelöst 360 Die mechanische Naturerklärung ist weder eine neue Metaphysik noch kann sie als Ausgangspunkt einer solchen benutzt werden 365 Der Rückstand aus der naturwissenschaftlichen Erklärung im freien Bewußtsein der Gedankenmäßigkeit des Weltzusammenhangs und des Lebens in der Natur 371 Drittes Kapitel. Die Geisteswissenschaften 373 Die metaphysische Konstruktion der Gesellschaft und der Geschichte wird auf- gelöst durch die Analysis in der Wissenschaft des Einzelmenschen 375 in den Einzelwissenschaften der Gesellschaft 378 in der auf diese gegründeten Geschichtswissenschaft 3 80 Rückstand aus den Geisteswissenschaften im freien Bewußtsein von dem Meta- physischen der Menschennatur und des Lebens 384 XIV Inhalt Seit« Viertes Kapitel. Schlußbetrachtung über die Unmöglichkeit der metaphysischen Stellung des Erkennens 386 Der logische Weltzusammenhang als Ideal der Metaphysik 386 Der Widerspruch der Wirklichkeit gegen dies Ideal und die Unhaltbarkeit der Metaphysik 3go Die Bänder des metaphysischen Weltzusammenhangs können von dem Verstände nicht eindeutig bestimmt werden 397 ' Eine inhaltliche Vorstellung des Weltzusammenhangs kann nicht erwiesen werden 402 Zusätze aus den Handschriften: Vorbemerkung des Herausgebers 409 Vorrede 410 Zusätze zum ersten Buch 411 Zusammenhang der Einleitung in die Geisteswissenschaften 412 Soziologie 420 Zusätze zum zweiten Buch 423 VORREDE Das Buch, dessen erste Hälfte ich hier veröffentliche, verknüpft ein historisches mit einem systematischen V^erfahren, um die Frage nach den philosophischen Grundlagen der Geisteswissenschaften mit dem höchsten mir erreichbaren Grad von Gewißheit zu lösen. Das historische Verfahren folgt dem Gang der Entwicklung, in welcher die Philosophie bisher nach einer solchen Begründung gerungen hat; es sucht den geschichtlichen Ort der einzelnen Theorien innerhalb die- ser Entwicklimg zu bestimmen und über den vom historischen Zu- sammenhang bedingten Wert derselben zu orientieren; ja aus der Ver- senkung in diesen Zusammenhang der bisherigen Entwicklung will es ein Urteil über den innersten Antrieb der gegenwärtigen wissenschaft- lichen Bewegung gewinnen. So bereitet die geschichtliche Darstellung die erkenntnistheoretische Grundlegung vor, welche Gegenstand der anderen Hälfte dieses Versuchs sein wird.
Da historische und systematische Darlegung so einander ergän- zen sollen, erleichtert es wohl die Lektüre des geschichtlichen Teils, wenn ich den systematischen Grundgedanken andeute.
Am Ausgang des Mittelalters begann die Emanzipation der Einzel- wissenschaften. Doch blieben unter ihnen die der Gesellschaft und Ge- schichte noch lange, bis tief in das vorige Jahrhundert hinein, in der alten Dienstbarkeit der Metaphysik. Ja die anwachsende Macht der Naturerkenntnis hatte für sie ein neues Unterwürfigkeitsverhältnis zur Folge, das nicht weniger drückend war als das alte. Erst die historische Schule — dies Wort in einem umfassenderen Sinne genommen — voll- brachte die Emanzipation des geschichtlichen Bewußtseins und der geschichtlichen Wissenschaft. In derselben Zeit, da in Frankreich das im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entwickelte System der gesellschaftlichen Ideen als Naturrecht, natürliche Religion, abstrakte Staatslehre und abstrakte politische Ökonomie in der Revolution seine praktischen Schlüsse zog, da die Armeen dieser Revolution das alte, sonderbar verbaute und vom Hauch tausendjähriger Geschichte um- witterte Gebäude des deutschen Reiches besetzten und zerstörten, hatte sich in unserem Vaterlande eine Anschauung vom geschichtlichem XVI Vorrede XVI Vorrede Wachstum, als dem Vorgang in dem alle geistigen Tatsachen entstehen, ausgebildet, welche die Unwahrheit jenes ganzen Systems gesellschaft- licher Ideen erwies, Sie reichte von Winckelmann und Herder durch die romantische Schule bis auf Niebuhr, Jakob Grimm, Savigny und Böckh. Sie wurde durch den Rückschlag gegen die Revolution ver- stärkt. Sie verbreitete sich in England durch Burke, in Frankreich durch Guizot und Tocqevüle. Sie traf in den Kämpfen der europäischen Gesellschaft, mochten sie Recht, Staat oder Religion angehen, überall mit den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts feindlich zusammen. Eine rein empirische Betrachtungsweise lebte in dieser Schule, liebevolle Vertiefung in die Besonderheit des geschichtlichen Vorgangs, ein uni- versaler Geist der Geschichtsbetrachtung, welcher den Wert des ein- zelnen Tatbestandes allein aus dem Zusammenhang der Entwicklung bestimmen will, imd ein geschichtlicher Geist der Gesellschaftslehre, welcher für das Leben der Gegenwart Erklärung und Regel im Studium der Vergangenheit sucht und dem schließlich geistiges Leben an jedem Punkte geschichtliches ist. Von ihr ist ein Strom neuer Ideen durch un- zählige Kanäle allen Einzel Wissenschaften zugeflossen.
Aber die historische Schule hat bis heute die inneren Schranken nicht durchbrochen, welche ihre theoretische Ausbildung wie ihren Ein- fluß auf das Leben hemmen mußten. Ihrem Studium und ihrer Ver- wertung der geschichtlichen Erscheinungen fehlte der Zusammenhang mit der Analysis der Tatsachen des Bewußtseins, sonach Begründung auf das einzige in letzter Instanz sichere Wissen, kurz eine phUoso- phische Grundlegung. Es fehlte ein gesundes Verhältnis zu Erkennt- nistheorie und Psychologie. Daher kam sie auch nicht zu einer er- klärenden Methode, und doch vermögen geschichtliches Anschauen und vergleichendes Verfahren für sich weder einen selbständigen Zu- sammenhang der Geisteswissenschaften aufzurichten noch auf das Le- ben Einfluß zu gewinnen. So verblieb es, als nun Comte, St. Mill, Buckle von neuem das Rätsel der geschichtlichen Welt durch Über- tragung naturwissenschaftlicher Prinzipien und Methoden zu lösen ver- suchten, bei dem unwirksamen Protest einer lebendigeren und tieferen Anschauung, die sich weder zu entwickeln noch zu begründen ver- mochte, gegen eine dürftige und niedere, die aber der Analyse Herr war. Die Opposition eines Carlyle und anderer lebensvoller Geister gegen die exakte Wissenschaft war in der Stärke des Hasses wie in der Gebundenheit der Zunge und Sprache ein Zeichen dieser Lage. Und in solcher Unsicherheit über die Grundlagen der Geisteswissenschaf- ten zogen sich die Einzelforscher bald auf bloße Deskription zurück, bald fanden sie in subjektiver geistreicher Auffassung Genüge, bald warfen sie sich wieder einer Metaphysik in die Arme, welche dem Vorrede XVII Vertrauensvollen Sätze verspricht, die das praktische Leben umzuge- stalten die Kraft haben.
Aus dem Gefühl dieses Zustandes der Geisteswissenschaften ist mir der Versuch' entstanden, das Prinzip der historischen Schule und die Arbeit der durch sie gegenwärtig durchgehends bestimmten Einzel - Wissenschaften der Gesellschaft philosophisch zu begründen und so den Streit zwischen dieser historischen Schule und den abstrakten Theo- rien zu schlichten. Mich quälten bei meinen Arbeiten Fragen, die wohl jeder nachdenkliche Historiker, Jurist oder Politiker auf dem Herzen hat. So erwuchsen in mir von selber Bedürfnis und Plan einer Grund- legung der Geisteswissenschaften. Welcher ist der Zusammenhang von Sätzen, der gleicherweise dem Urteil des Geschichtschreibers, den Schlüssen des Nationalökonomen, den Begriffen des Juristen zugrunde liegt und deren Sicherheit zu bestimmen ermöglicht? Reicht derselbe in die Metaphysik zurück? Gibt es etwa eine von metaphysischen Be- griffen getragene Philosophie der Geschichte oder ein solches Natur- recht? Wenn das aber widerlegt werden kann: wo ist der feste Rück- halt für einen Zusammenhang der Sätze, der den Einzelwissenschaften Verknüpfung und Gewißheit gibt?
Die Antworten Comtes und der Positivisiten, St. Mills imd der Em- piristen auf diese Fragen schienen mir die geschichtliche Wirklich- keit zu verstümmeln, um sie den Begriffen und Methoden der Natur- wissenschaften anzupassen. Die Reaktion hiergegen, deren geniale Ver- tretung der Mikrokosmos Lotzes ist, schien mir die berechtigte Selb- ständigkeit der Einzelwissenschaften, die fruchtbare Kraft ihrer Er- fahrungsmethoden und die Sicherheit der Grundlegung einer sentimen- talischen Stimmung zu opfern, welche die für immer verlorene Be- friedigung des Gemüts durch die Wissenschaft sehnsüchtig zurückzu- rufen begehrt. Ausschließlich in der inneren Erfahrung, in den Tat- sachen des Bewußtseins fand ich einen festen Ankergrund für mein Denken, und ich habe guten Mut, daß kein Leser sich der Beweisführung in diesem Punkte entziehen wird. Alle Wissenschaft ist Erfahrungs- wissenschaft, aber alle Erfahrung hat ihren ursprünglichen Zusammen- hang und ihre hierdurch bestimmte Geltung in den Bedingungen un- seres Bewußtseins, innerhalb dessen sie auftritt, in dem Ganzen un- serer Natur. Wir bezeichnen diesen Standpunkt, der folgerecht die Unmöglichkeit einsieht, hinter diese Bedingungen zurückzugehen, gleichsam ohne Auge zu sehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge selber zu richten, als den erkenntnistheoretischen; die moderne Wissenschaft kann keinen anderen anerkennen. Nun aber zeigte sich mir weiter, daß die Selbständiglceit der Geistestwissenschaften eben von diesem Standpunkte aus eine Begründung findet, wie die historische Diltheys Schriftea I 5 XV 111 Vorreae Schule sie bedarf. Denn auf ihm erweist sich unser Bild der gajizen Natur als bloßer Schatten, den eine uns verborgene Wirklichkeit wirft, dagegen Realität, wie sie ist, besitzen wir nur an den in der inneren Er- fahrung gegebenen Tatsachen des Bewußtseins. Die Analysis dieser Tatsachen ist das Zentrum der Geisteswissenschaften, und so verbleibt, dem Geiste der historischen Schule entsprechend, die Erkenntnis der Prinzipien der geistigen Welt in dem Bereich dieser selber, und die Geisteswissenschaften bilden ein in sich selbständiges System.
Fand ich mich in solchen Punkten vielfach in Übereinstimmung mit der erkenntnistheoretischen Schule von Locke, Hume und Kant, so mußte ich doch eben den Zusammenhang der Tatsachen des Be- wußtseins, in dem wir gemeinsam das ganze Fundament der Philo- sophie erkennen, anders fassen, als es diese Schule getan hat. Wenn man von wenigen und nicht zur wissenschaftlichen Ausbildung gelang- ten Ansätzen, wie denen Herders und Wilhelm von Humboldts ab- sieht, so hat die bisherige Erkenntnistheorie, die empiristische wie die Kants, die Erfahrung und die Erkenntnis aus einem dem bloßen \^or- stellen angehörigen Tatbestand erklärt. In den Adern des erkennen- den Subjekts, das Locke, Hume und Kant konstruierten, rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von Vernunft als bloßer Denktätigkeit. Mich führte aber historische wie psychologische Be- schäftigung mit dem ganzen Menschen dahin, diesen, in der Mannig- faltigkeit seiner Kräfte, dies wollend fühlend vorstellende Wesen auch der Erklärung der Erkenntnis und ihrer Begriffe (wie Außenwelt, Zeit, Substanz, Ursache) zugrunde zu legen, ob die Erkenntnis gleich diese ihre Begriffe nur aus dem Stoff von Wahrnehmen, Vorstellen und Den- ken zu weben scheint. Die Methode des folgenden Versuchs ist daher diese: jeden Bestandteil des gegenwärtigen abstrakten, wissenschaft- lichen Denkens halte ich an die ganze Menschennatur, wie Erfahrimg, Studium der Sprache und der Geschichte sie erweisen und suche ihren Zusammenhang. Und so ergibt sich: die wichtigsten Bestandteile un- seres Bildes und unserer Erkenntnis der Wirklichkeit, wie eben persön- liche Lebenseinheit, Außenwelt, Individuen außer uns, ihr Leben in der Zeit und ihre Wechselwirkung, sie alle können aus dieser ganzen Menschennatur erklärt werden, deren realer Lebensprozeß am Wollen, Fühlen und Vorstellen nur seine verschiedenen Seiten hat. Nicht die Annahme eines starren a priori unseres Erkenntnisvermögens, sondern allein Entwicklungsgeschichte, welche von der Totalität unseres We- sens ausgeht, kann die Fragen beantworten, die wir alle an die Philo- sophie zu richten haben.
Hier scheint sich das hartnäckigste aller Rätsel dieser Grundle- gung, die Frage nach Ursprung und Recht unserer Überzeugung von Von-eae __^ XIX Von-eae __^ XIX der Realität der Außenwelt zu lösen. Dem bloßen Vorstellen bleibt die Außenwelt immer nur Phänomen, dagegen in unserem ganzen v/ollend fühlend vorstellenden Wesen ist uns mit unserem Selbst zugleich und so sicher als dieses äußere Wirklichkeit (d. h. ein von uns unabhän- giges andere, ganz abgesehen von seinen räumlichen Bestimmimgen; gegeben; sonach als Leben, nicht als bloßes Vorstellen. Wir wissen von dieser Außenwelt nicht kraft eines Schlusses von Wirkungen auf Ursachen oder eines diesem Schluß entsprechenden Vorganges, viel- mehr sind diese Vorstellungen von Wirkung und Ursache selber nur Abstraktionen aus dem Leben unseres Willens. So erweitert sich der Horizont der Erfahrung, die zunächst nur von unseren eigenen inneren Zuständen Kunde zu geben schien; mit unserer Lebenseinheit zugleich ist uns eine Außenwelt gegeben, sind andere Lebenseinheiten \ orhan- den. Doch wieweit ich dies erweisen kann und wieweit es dann femer überhaupt gelingt, von dem oben bezeichneten Standpunkte aus einen gesicherten Zusammenhang der Erkenntnisse von der Gesellschaft und Geschichte herzustellen, muß dem späteren Urteil des Lesers über die Grundlegung selber anheimgegeben bleiben.
Ich habe nun eine gewisse Umständlichkeit nicht gescheut, um den Hauptgedanken und die Hauptsätze dieser erkennmistheoretischen Grundlegung der Geisteswissenschaften mit den verschiedenen Seiten des wissenschaftlichen Denkens der Gegenwart in Beziehung zu setzen und dadurch mehrfach zu begründen. So geht dieser Versuch zuerst von der Übersicht über die Einzelwissenschaften des Geistes aus, da in ihnen der breite Stoff und das Motiv dieser ganzen Arbeit liegt, und er schließt von ihnen rückwärts (erstes Buch). Dann führt der vorliegende Band die Geschichte des philosophischen Denkens, das nach festen Grundlagen des Wissens sucht, durch den Zeitraum hin- durch, in welchem sich das Schicksal der metaphysischen Grundle- gung entschied (zweites Buch;. Der Beweis wird versucht, daß eine allgemein anerkannte Metaphysik durch eine Lage der Wissenschaften bedingt war, die wir hinter uns gelassen haben, und sonach die 2^it der metaphysischen Begründung der Geisteswissenschaften ganz vorüber ist. Der zweite Band wird zimächst dem geschichtlichen Verlauf in das Stadium der Einzelwissenschaften und der Erkenntnistheorie nach- gehen und die erkenntnistheoretischen Arbeiten bis zur Gegenwart dar- stellen und beurteilen (drittes Buchj. Er wird dann eine eigene erkenntnistheoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften versuchen (vier- tes und fünftes Buch). Die Ausführlichkeit des historischen Teils ist nicht nur aus dem praktischen Bedürfnis einer Einleitung, sondern auch aus meiner Überzeugung von dem Wert der geschichtlichen Selbstbe- sinnung neben der erkenntnistheoretischen hervorgegangen. Dieselbe