SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Löst nun aber die Einzelwissenschaft diese dauernden Zustände aus dem rastlosen, wirbelnden Spiel von Veränderungen los, welches die geschichtlich-gesellschaftliche Welt erf iUlt: so haben sie doch Ent- stehung und Nahnmg nur in dem gemeinschaftlichen Boden dieser Wirklichkeit; ihr Leben verläuft in den Beziehungen zu dem Ganzen, aus welchem sie abstrahiert sind, zu den Individuen, welche ihre Träger und Bildner sind, zu den anderen dauernden Gestaltungen, welche die Gesellschaft umfaßt. Das Problem des Verhältnisses der Leistungen dieser Systeme zueinander im Haushalt der gesellschaftlichen Wirk- lichkeit tritt hervor. Diese Wirklichkeit selber, als ein lebendiges Gan- zes, möchten wir erkennen. Und so werden wir unaufhaltsam dem allgemeinsten und letzten Problem der Geisteswissenschaften entgegen- getrieben: gibt es eine Erkenntnis dieses Ganzen der geschicht- lich-gesellschaftlichen Wirklichkeit?

Die wissenschaftliche Bearbeitung der Tatsachen, welche irgend- eine der Einzelwissenschaften vollbringt, führt den Gelehrten in der Tat in mehrere Zusammenhänge, deren Enden von ihm selber weder auf- gefunden noch verknüpft werden zu können scheinen. Ich verdeut- liche dies an dem Beispiel des Studiums poetischer Werke. — Die 88 Erstes einleitendes Buch mannigfaltige Welt der Dichtungen, in der Aufeinanderfolge ihrer Er- scheinungen, kann zunächst nur in und aus der umfassenden Wirklich- keit des Kulturzusammenhangs verstanden werden. Denn Fabel, Mo- tiv, Charaktere eines großen dichterischen Werkes sind durch das Lebensideal, die Weltansicht sowie die gesellschaftliche Wirklich- keit der Zeit bedingt, in der es entstand, rückwärts durch die welt- geschichtliche Übertragung und Entwicklung dichterischer Stoffe, Mo- tive und Charaktere. — Andererseits führt die Analyse eines dichte- rischen Werkes und seiner Wirkungen zurück auf die allgemeinen Gesetze, welche diesem Teil des in der Kunst vorliegenden Systems der Kultur zugrunde liegen. Denn die wichtigsten Begriffe, durch welche ein dichterisches Werk erkannt wird, die Gesetze, v/elche in seiner Gestaltung wirken, sind in der Phantasie des Dichters und ihrer Stellung zur Welt der Erfahrungen begründet und können nur durch ihre Zergliederung gewonnen werden. Die Phantasie aber, welche uns als ein Wunder, als ein vom Alltagsleben der Menschen ganz ver- schiedenes Phänomen zunächst gegenübertritt, ist für die Analysis nur die mächtigere Organisation bestimmter Menschen, welche in der aus- nahmsweisen Stärke bestimmter Vorgänge gegründet ist. Sonach baut sich das geistige Leben seinen allgemeinen Gesetzen gemäß in diesen mächtigen Organisationen zu einem Ganzen von Form und Leistung auf, welches von der Natur der Durchschnittsmenschen ganz abweicht und doch nur in denselben Gesetzen gegründet ist. Wir werden also in die Anthropologie zurückgeführt. Die Korrelattatsache der Phan- tasie bildet die ästhetische Empfänglichkeit. Sie verhalten sich zu- einander wie das sittliche Urteil zu den Beweggründen des Handelns. Auch diese Tatsache, welche die Wirkung von Dichtungen, die auf die Berechnung dieser Wirkungen gegründete Technik, die Über- tragung ästhetischer Stimmungen auf ein Zeitalter erklärt, ist eine Folgetatsache der allgemeinen Gesetze des geistigen Lebens. — So- nach ist das Studium der Geschichte dichterischer Werke und der nationalen Literaturen an zwei Punkten von dem des geistigen Lebens überhaupt bedingt. Einmal fanden wir es nämlich abhängig von der Erkenntnis des Ganzen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklich- keit. Der konkrete ursächliche Zusammenhang ist hineinverwebt in den der menschlichen Kultur überhaupt. Wir fanden aber zweitens: die Natur geistiger Tätigkeit, welche diese Schöpfungen hervorgebracht hat, wirkt nach den Gesetzen, welche das geistige Leben über- haupt beherrschen. Daher muß eine wahre Poetik, welche Grundlage für das Studium der schönen Literatur und ihrer Geschichte sein soll, ihre Begriffe und Sätze aus der Verknüpfung geschichtlicher Forschung mit diesem allgemeinen Studium der menschlichen Natur gewinnen.

Dreifache Verbindung jeder Untersuchung m. d. Ganzen d.gesch.-ges. Wirklichkeit 89 — Unverächtlich ist endlich die alte Aufgabe einer solchen Poetik, Regeln für die Hervorbringung und die Beurteilung von dichterischen Werken zu entwerfen. Die zwei klassischen Arbeiten Lessings haben gezeigt, wie klare Regeln aus den Bedingungen, unter die unsere ästhetische Empfänglichkeit vermöge der allgemeinen Natur einer be- stimmten künstlerischen Aufgabe tritt, abgeleitet werden können. Den Hintergrund einer allgemeinen Methode von Abschätzung dessen, was den Eindruck dichterischer Werke bestimmt, hat freilich Lessing ab- sichtlich, nach der ihm eigenen Strategie der Teilung von Fragen und Aussonderung der zur Zeit ihm auflösbaren Einzelprobleme, in seinem Dunkel gelassen; aber es ist klar, daß die Behandlung dieses solcher- gestalt allgemein gefaßten Problems vermittels der Analyse der ästhe- tischen Wirkungen auf die allgemeinsten Eigenschaften der mensch- lichen Natur zurückgeführt haben würde. Wir können also das ästhe- tische Urteil nicht auslösein aus der Auffassung dieses Teils der Ge- schichte; schon dem Interesse, das aus dem Strom des Gleichgültigen ein Werk zur Betrachtung heraushebt, liegt dies Urteil zugrunde. Wir können nicht eine exakte Kausalerkenntnis, welche die Beurteilung ausschlösse, herstellen. Diese ist von der geschichtlichen Erkenntnis durch keine Art von geistiger Chemie abzuscheiden, solange der Er- kennende ein ganzer Mensch ist. Und doch bilden andererseits Be- urteilung, Regel, wie sie in den Zusammenhang dieser Erkenntnis ver- webt sind, eine dritte selbständige Klasse von Sätzen, die nicht aus den beiden anderen abgeleitet werden kann. Dies trat uns schon am Beginn dieses Überblicks entgegen. Nur in der psychologischen Wur- zel mag ein solcher Zusammenhang bestehen: zu dieser aber dringt nur die über die Einzelwissenschaften hinausgehende Selbstbesin- nung.

Diese dreifache Verbindung jeder Einzeluntersuchung, jeder Ein- zelwissenschaft mit dem Ganzen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihrer Erkenntnis kann an jedem anderen Punkte nach- gewiesen werden: Verbindung mit dem konkreten PCausalzusammen- hange aller Tatsachen und Veränderungen dieser Wirklichkeit, mit den allgemeinen Gesetzen, unter denen diese Wirklichkeit steht, und mit dem System der Werte und Imperative, das in dem Verhältnis des Menschen zu dem Zusammenhang seiner Aufgaben angelegt ist. Gibt es, so fragen wir nun genauer, eine Wissenschaft, welche diesen drei- fachen die Einzel Wissenschaften überschreitenden Zu- sammenhang erkennt, die Beziehungen erfaßt, welche zwischen der geschichtlichen Tatsache, dem Gesetz und der das Urteil leitenden Regel bestehen?

Zwei Wissenschaften von stolzem Titel, die Philosophie der QO Erstes einleitendes Buch Geschichte in Deutschland, die Soziologie in England und Frank- reich beanspruchen eine Erkenntnis dieser Art zu sein.

Der Ursprung der einen dieser Wissenschaften lag in dem christ- lichen Gedanken eines inneren Zusammenhangs fortschreitender Er- ziehung in der Geschichte der Menschheit. Clemens und Augustinus bereiteten sie vor, Vico, Lessing, Herder, Humboldt, Hegel führten sie aus. Unter dem mächtigen Antrieb, den sie in dem christHchen Gedanken einer gemeinsamen Erziehung aller Nationen durch die Vor- sehung, eines sich so verwirklichenden Reiches Gottes empfangen hat, steht sie noch heute. Der Ursprung der anderen lag in den Erschütte- rungen der europäischen Gesellschaft seit dem letzten Drittel des i8. Jahrhunderts; eine neue Organisation der Gesellschaft sollte unter der Leitung des im i8. Jahrhundert mächtig herangewachsenen wis- senschaftlichen Geistes sich vollziehen; von diesem Bedürfnis aus sollte der Zusammenhang des ganzen Systems der wissenschaftlichen Wahr- heiten, von der Mathematik aufwärts, festgestellt und als ihr letztes Glied die neue erlösende Wissenschaft der Gesellschaft begründet wer- den; Condorcet und Saint-Simon waren die Vorläufer, Comte der Be- gründer dieser umfassenden Wissenschaft der Gesellschaft, Stuart Mili ihr Logiker, in Herbert Spencers ausführlicher Darstellung beginnt sie die Phantasien, welche ihre ungestüme Jugend bewegt haben, ab- zutun.i Gewiß, ein armseliger Glaube wäre es, die Weise, in der es der Kunst des Geschichtschreibers (wie wir sahen) gegeben ist, das All- gemeine des Zusammenhangs menschlicher Dinge im Besonderen zu schauen, sei die einzige und ausschließliche Form, in welcher der Zu- sammenhang dieser unermeßlichen geschichtlich - gesellschaftlichen Welt für uns da ist. — Immer wird in dieser künstlerischen Dar- ^ Von Saint-Simon können nnit Sicherheit folgende Gedanken in der Soziologie Comtes abgeleitet werden: der Begriff der Gesellschaft, im Unterschied von dem des Staates, als einer von den Grenzen der Staaten nicht eingeschränkten Gemeinschaft; vgl. seine Schrift: Reorganisation de la societd europ^enne, ou de la n^cessite et des moyens de rassembler les peuples de l'Europe en un seul corps politique, en conservant ä chacun sa nationalite (in Gemeinschaft mit Augustin Thierry verfaßt) 1814; dann der Gedanke einer nach der Zersetzung der Gesellschaft nunmehr notwendigen Organisation derselben, ver- mittels einer leitenden geistigen Macht, welche als Philosophie der positiven Wissenschaften die Verkettung der Wahrheiten in diesen Wissenschaften aufzufinden und aus ihr die Sozial- wissenschaften abzuleiten habe; vgl. Nouvelle Encyclopddie 18 10, sowie das Memoire über dieselbe usw.; endlich ist der Plan, nach welchem er seit 1797 zuerst die mathematisch- physikalischen Wissenschaften in der polytechnischen Schule studierte, dann die biologischen in der medizinischen Schule, von seinem Mitarbeiter und Schüler Comte dann wirklich in wissenschaftlichem Geiste durchgeführt worden. Comte verband mit dieser Grundlage Tur- gots seit 1750 entwickelte Theorie von den drei Stadien der Intelligenz und de Maistres Theorie von der Notwendigkeit einer im Gegensatz zu der zersetzenden Tendenz des Pro- testantismus die Gesellschaft zusammenhaltenden geistlichen Gewalt.

Anschauung dieses Zusammenhanges in der künstlerischen Geschichtschreibung 9^ Stellung eine große Aufgabe der Geschichtschreibung be- stehen, welche durch die Generalisationswut einiger neueren englischen und französischen Forscher nicht entwertet werden kann. Denn wir wollen Wirklichkeit gewahr werden, und der Verlauf der erkenntnis- theoretischen Untersuchung wird zeigen, daß sie, wie sie ist, in ihrer durch kein Medium veränderten Tatsächlichkeit, nur in dieser Welt des Geistes für uns besteht. Und zwar liegt für unser Anschauen in allem Menschlichen ein Interesse nicht des Vorstellens allein, sondern des Gemüts, der Mitempfindung, des Enthusiasmus, in welchem Goethe mit Recht die schönste Frucht geschichtlicher Betrachtung sah. Hin- gebung macht das Innere des wahren kongenialen Historikers zu einem Universum, welches die ganze geschichtliche Welt abspiegelt. In diesem Universum sittlicher Kräfte hat das Einmalige und Sin- gulare eine ganz andere Bedeutung als in der äußeren Natur. Seine Erfassung ist nicht Mittel, sondern Selbstzweck: denn das Bedürfnis, auf dem sie beruht, ist unvertilgbar und mit dem Höchsten in unserem Wesen gegeben. Daher haftet auch der Blick des Geschichtschreibers mit einer natürlichen Vorliebe an dem Außerordentlichen. Ohne es zu wollen, ja oft ohne es zu wissen, vollzieht auch er beständig eine Abstraktion. Denn das Auge desselben verliert für die Teile des Tat- bestandes, welche in allen geschichtlichen Erscheinungen wiederkeh- ren, die frische Empfänglichkeit, wie die Wirkung eines Eindruckes, der eine bestimmte Stelle der Netzhaut anhaltend trifft, sich abstumpft. Es bedurfte der philanthropischen Beweggründe des i8. Jahrhunderts, um das Alltägliche, allen Gemeinsame in einem Zeitalter, die „Sit- ten", wie sich Voltaire ausdrückt, sowie die Veränderungen, welche in bezug auf dieses stattfinden_, neben dem Außerordentlichen, den Handlungen der Könige und den Schicksalen der Staaten, wieder recht sichtbar zu machen. Und der Untergrund des zu allen Zeiten Gleichen in der menschlichen Natur und dem Weltleben tritt überhaupt nicht in die künstlerische Geschichtsdarstellung. Auch sie also beruht auf einer Abstraktion. Aber dieselbe ist unwillkürlich, und da sie aus den stärk- sten Beweggründen der Menschennatur entspringt, so werden wir ihrer gewöhnlich gar nicht inne. Indem wir ein Vergangenes miterleben, durch die Kunst geschichtlicher Vergegenwärtigung, werden wir belehrt, wie durch das Schauspiel des Lebens selber; ja unser Wesen er- weitert sich, und psychische Kräfte, die mächtiger sind als unsere eige- nen, steigern unser Dasein.

Daher sind die soziologischen und geschichtsphilosophischen Theo- rien falsch, welche in der Darstellung des Singularen einen bloßen Rohstoff für ihre Abstraktionen erblicken. Dieser Aberglaube, welcher die Arbeiten der Geschichtschreiber einem geheimnisvollen Prozeß 9^ Erstes einleitendes Buch unterwirft, um den bei ihnen vorgefundenen Stoff des Singularen al- chimistisch in das lautere Gold der Abstraktion zu verwandeln und die Geschichte zu zwingen, ihr letztes Geheimnis zu verraten, ist genau so abenteuerlich, als je der Traum eines alchimistischen Naturphilo- sophen war, welcher das große Wort der Natur ihr zu entlocken ge- dachte. Es gibt sowenig ein solches letztes und einfaches Wort der Geschichte, das ihren wahren Sinn ausspräche, als die Natur ein sol- ches zu verraten hat. Und ganz so irrig als dieser Aberglaube ist das Verfahren, welches gewöhnlich mit ihm verbunden ist. Dieses Ver- fahren will die von den Geschichtschreibern schon formierten An- schauungen vereinigen. Aber der Denker, welcher die geschichtliche Welt zum Objekt hat, muß in direkter Verbindung mit dem unmittel- baren Rohmaterial der Geschichte und all ihrer Methoden mächtig sein. Er muß sich demselben Gesetz harter Arbeit an dem Rohstoff unterwerfen, unter dem der Geschichtschreiber steht. Den Stoff, der durch das Auge imd die Arbeit des Geschichtschreibers schon zu einem künstlerischen Ganzen verbunden ist, sei es mit psychologischen, sei es metaphysischen Sätzen in Zusammenhang bringen: diese Operation wird immer mit Unfruchtbarkeit behaftet bleiben. Spricht man von einer Philosophie der Geschichte, so karm sie nur historische For- schung in philosophischer Absicht und mit philosophischen Hilfsmit- teln sein.

Aber dies ist nun die andere Seite der Sache. Das Band zwischen dem Singularen und Allgemeinen, das in der genialen Anschau- ung des Geschichtschreibers liegt, wird durch die Analysis zerris- sen, welche einen einzelnen Bestandteil dieses Ganzen der theoretischen Betrachtung unterwirft; jede Theorie, welche so in den Einzel Wissen- schaften der Gesellschaft, die wir erörtert haben, entsteht, ist ein wei- terer Schritt in der Loslösung eines allgemeinen erklärenden Zusam- menhangs von dem Gewebe der Tatsachen; und diesen Vorgang hält nichts auf: der Gesamtzusammenhang, welchen die ge- schichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit ausmacht, muß Gegenstand einer theoretischen Betrachtung werden, welche auf das Erklärbare in diesem. Zusammenhang gerichtet ist.

Aber ist nun die Philosophie der Geschichte oder die Soziologie diese theoretische Betrachtung? Der Zusammenhang dieser ganzen Darlegung enthält die Prämissen, aus welchen diese Frage verneint werden muß.

Relative Erkenntnis desselben durch die fortschreite?tde Geschichtswissenschaft 93 XV. IHRE AUFGABE IST UNLÖSBAR BESTIMMUNG DER AUFGABE DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT IM ZUSAMMENHANG DF.R GEISTESWISSENSCHAFTEN Es besteht ein unlösbarer Widerspruch zwischen der Aufgabe welche diese beiden Wissenschaften sich gestellt haben, und den Hilfs- mitteln, welche ihnen zur Lösung derselben zur Verfügung stehen.

Unter Philosophie der Geschichte verstehe ich eine Theo- rie, welche den Zusammenhang der geschichtlichen Wirklichkeit durch einen entsprechenden Zusammenhang zu einer Einheit verbundener Sätze zu erkennen unternimmt. Dieses Merkmal der Einheit des Ge- dankens ist von einer Theorie unabtrennbar, welche eben in der Er- kenntnis vom Zusammenhang des Ganzen ihre unterscheidende Auf- gabe hat. Daher hat die Philosophie der Geschichte bald in einem Plan des geschichtlichen Verlaufs diese Einheit gefunden, bald in einem Grundgedanken (einer Idee), bald in einer Formel oder einer Verbindung von Formeln, welche das Gesetz der Entwicklung aus- drücken. Die Soziologie (ich spreche hier nur von der französischen Schule derselben) steigert noch diesen Anspruch der Erkenntnis, in- dem sie vermöge der Erfassung dieses Zusammenhangs eine wissen- schaftliche Leitung der Gesellschaft herbeizuführen hofft.

Nun ging uns aus der Vertiefung in den Zusammenhang der Einzel- wissenschaften des Geistes die folgende Einsicht hervor. In diesen Wissenschaften hat die Weisheit vieler Jahrhunderte eine Zerlegung des Gesamtproblems der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit in Einzelprobleme vollbracht; in denselben sind diese Einzelprobleme einer streng wissenschaftlichen Behandlung unterworfen worden; der in ihnen durch diese beharrliche Arbeit geschaffene Kern von wirk- licher Erkenntnis ist in langsamem, aber beständigem Wachstum be- griffen. — Wohl ist notwendig, daß diese Wissenschaften sich des Verhältnisses ihrer Wahrheiten zu der Wirklichkeit, von welcher sie doch nur Teilinhalte darstellen, folgerecht der Beziehungen, in welchen sie zu den aus derselben Wirklichkeit durch Abstraktion ausgeson- derten anderen Wissenschaften stehen, bewußt werden; gerade dies ist das Bedürfnis, daß aus der Natur der Aufgabe, welche diese Wirk- licbkeit dem menschlichen W^issen und Erkennen stellt, die Kunst- griffe, vermöge deren dasselbe sich in sie eingräbt, sie zerspaltet, zersetzt, verstanden werden; was das Erkennen mit seinen Werkzeugen bewältigen kann, was als unzersetzbare Tatsache widersteht imd zu- rückbleibt, das muß sich hier zeigen: kurz, einer Erkenntnistheorie der 94 Erstes einleitendes Buch Geisteswissenschaften, oder tiefer: der Selbstbesinnung bedarf es, welche den Begriffen und Sätzen derselben ihr Verhältnis zur Wirk- lichkeit, ihre Evidenz, ihr Verhältnis zueinander sichert. Sie vollendet erst die echt wissenschaftliche Richtung dieser positiven Arbeiten auf klarbegrenzte und in sich sichere Wahrheiten. Sie legt erst die Grund- lagen für das Zusammenwirken der Einzelwissenschaften in der Rich- timg auf die Erkenntnis des Ganzen. — Aber wie solchergestalt diese Einzelwissenschaften, bewußter in sich geworden durch eine solche Erkenntoistheorie, ihres Wertes und ihrer Grenzen sicher, ihre Bezie- hungen in ihre Rechnung aufnehmend, nach allen Seiten voranschrei- ten: so sind sie die einzigen Hilfsmittel der Erklärung der Geschichte, und es hat keinen vorstellbaren Sinn, außerhalb ihrer eine Lösung des Problems vom Zusammenhang der Geschichte sich vorzustellen. Denn diesen Zusammenhang erkennen, heißt ihn, ein un- ermeßlich Zusammengesetztes, in seine Bestandteile auflösen, an dem Einfacheren Gleichförmigkeiten aufsuchen, vermöge ihrer dann dem Verwickelteren sich nähern. Daher findet die Anwendung der bisher dargestellten Einzelwissenschaften zur Erklärung des Zusammenhangs der Geschichte in der fortschreitenden Geschichtswissen- schaft selber in immer höherem Grade statt. Das Verständnis jedes Teils von Geschichte fordert die Anwendung der vereinten Hilfsmittel verschiedener Einzelwissenschaften des Geistes, von der Anthropolo- gie aufwärts. Wenn Ranke einmal ausspricht, er möchte sein Selbst auslöschen, um die Dinge zu sehen, wie sie gewesen sind, so drückt dies das tiefe Verlangen des wahren Geschichtschreibers nach der ob- jektiven Wirklichkeit sehr schön und kräftig aus. Aber dies Verlangen muß sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der psychischen Ein- heiten, aus denen diese Wirklichkeit besteht, der dauernden Gestal- tungen, die in der Wechselwirkung derselben sich entwickeln und Träger des geschichtlichen Fortschritts sind, ausrüsten: sonst wird es diese Wirklichkeit nicht erobern, die nun einmal in bloßem Blicken, Gewahren nicht ergriffen wird, sondern nur durch Analysis, Zerlegung. Gibt es etwas, was als Wahrheitskem hinter der Hoffnung einer Phi- losophie der Geschichte verborgen ist, dann ist es dieses: geschicht- liche Forschung auf dem Grunde einer möglichst umfassenden Be- herrschung der Einzelwissenschaften des Geistes. Wie Physik und Chemie die Hilfsmittel des Studiums des organischen Lebens sind, so Anthropologie, Rechtswissenschaft, Staatswissenschaften die Hilfs- mittel des Studiums des Verlaufs der Geschichte.

Dieser klare Zusammenhang kann methodisch so ausgedrückt wer- den: Die höchst zusammengesetzte Wirklichkeit der Geschichte kann nur vermittels der Wissenschaften erkannt werden, welche die Gleich- Allgemeinvorstellungen als Gegenstand der Geschichtsphilosophie 95 förmigkeiten der einfacheren Tatsachen erforschen, in die wir diese Wirklichkeit zerlegen können. Und so beantworten wir die oben ge- stellte Frage zunächst dahin: Die Erkenntnis des Ganzen der geschicht- lich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, welcher wir uns als dem allgemein- sten und letzten Problem der Geisteswissenschaften entgegengetrie- ben fanden, verwirklicht sich sukzessive in einem auf erkenntnistheore- tischer Selbstbesinnung beruhenden Zusammenhang von Wahrheiten, in welchem auf die Theorie des Menschen die Einzeltheorien der ge- sellschaftlichen Wirklichkeit sich aufbauen, diese aber in einer wahren fortschreitenden Geschichtswissenschaft angewandt werden, um im- mer mehreres von der tatsächlichen, in der Wechselwirkung der Indi- viduen verbundenen geschichtlichen Wirklichkeit zu erklären. In die- sem Zusammenhang von Wahrheiten wird die Beziehung zwischen Tatsache, Gesetz und Regel vermittels der Selbstbesinnung erkannt. In ihm ergibt sich auch, wie weit wir noch von jeder absehbaren Mög- lichkeit einer allgemeinen Theorie des geschichtlichen Verlaufs ent- fernt sind, in welchem bescheidenen Sinn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann. Universalgeschichte, sofern sie nicht etwas Über- menschliches ist, würde den Abschluß dieses Ganzen der Geisteswissen- schaften bilden. 1 Ein solches Verfahren vermag freilich nicht den geschichtlichen Ver- lauf auf die Einheit einer Formel oder eines Prinzips zurück- zuführen, sowenig als die Physiologie das Leben. Die Wissenscliaft kann sich der Auffindung einfacher Erklärungsprinzipien durch die Analysis und die Handhabung der Mehrheit von Erklärungsgründen nur nähern. Die Philosophie der Geschichte müßte sonach ihre An- sprüche aufgeben, wollte sie des Verfahrens, an welches schlechter- dings alle wirkliche Erkenntnis des geschichtlichen Verlaufs gebunden ist, sich bedienen. So, wie sie ist, quält sie sich an der Quadratur des Zirkels ab. Daher denn auch für den Logiker ihr Kunstgriff durch- sichtig genug ist. — Ich kann, wenn ich mich an die Erscheinung eines Zusammenhanges von Wirklichkeit halte, die meiner Anschau- ung sich darbietenden Züge in einer sie zusammenhaltenden Abstrak- tion verknüpfen, in welcher, als in einer Art von Allgemeinvorstellung, das Bildungsgesetz dieses Zusammenhangs enthalten ist. Irgendeine wenn auch noch so schwankende und verworrene Allgemeinvorstellung der geschichtlichen Wirklichkeit entsteht in jedem, der sich mit ihr beschäftigt hat und nun den Zusammenhang dieser Wirklichkeit in einem geistigen Bilde vereinigt. Solche Abstraktionen gehen auf allen Gebieten der Arbeit der Analysis voran. Eine Wesenheit dieser Art ' Ausfuhrlich habe ich über Universalgeschichte gehandelt in meiner Abhandlung über Schlosser, Preußische Jahrbücher, April 1862.

9" Erstes einleitendes Buch