Diese hundert Jahre hindurch steht die fortschreitende Orien- tierung im Weltall durch die Hilfsmittel von Mathematik und Astro- nomie im Vordergrund der Interessen; an sie schließen sich Versuche, einen Anfangszustand und Realgrund desselben festzustellen. Das um- blickende Auge des Menschen findet sich, zumal wo die See weite Aussicht gewährt, auf emer im Kreis des Horizontes sich abschließen- den Ebene, über welcher die Halbkugel des Himmels sich wölbt. Geogra- phische Kunde bestimmt die Ausdehnung dieses Erdkreises imd die Verteilung von Wasser und Land auf demselben. Schon gemäß einer Anschauung der auf der See heimischen Griechen homerischer Zeit wurde nun als die Geburtsstätte von allem das Wasser, das Meer an- gesehen. — Hier knüpfte Thaies an. Der die Erdscheibe umfließende Okeanos Homers dehnte sich in seiner Anschauung aus: auf dem Wasser schwimmt diese Erdscheibe, aus ihm ist alles hervorgetreten. Vor allem, wurde das Werk der Orientierung in diesem kosmischen Räume von Thaies gefördert, und hier lag der wesenhafte Kern dessen, was geschah. Anaximander setzte dieses Werk fort, entwarf eine Erdtafel, führte den Gebrauch des Gnomon ein, welcher zu jener Zeit das wichtigste Hilfsmittel der Astronomie war. Von dem Zustande einer allgemeinen Flut, in dessen Annahme er mit Thaies überein- Die älteste griechische Wissenschaft geht von der Orientierung im Weltraum aus 147 Stimmte, ging er auf ein zeitlich diesem Zustande vorausgehendes Unendliches zurück; aus ihm hat sich alles Bestimmte und Begrenzte ausgeschieden, und, unvergänglich, umfaßt es dieses alles räumlich und lenkt es. Und zwar hat er nach gutem Zeugnis dieses Unendliche, Allebendige, Unsterbliche als Prinzip ^ bezeichnet, und so diesen dem metaphysischen Denken so wichtigen Ausdruck (zunächst wohl im Sinne von Anfang und Ursache) eingeführt. Dieser Ausdruck be- zeichnete, daß nunmehr das Erkennen seiner Aufgabe sich bewußt war und daher sich die Wissenschaft absonderte.
Die Phänomene der bewegten Atmosphäre enthalten auch für die weiteren kosmologischen Versuche der ionischen Physiker die Mittel der Erklärung. Wie in dieser feuchter Niederschlag, Wärme, bewegte Luft miteinander verbunden sind, scheint für diese primitiven Erklärungsversuche bald aus der Luft alles hervorzutreten, bald aus dem Feuer, bald aus dem Wasser, Auch die Wissenschaft der unteritalischen Kolonien, welche in dem Verbände der Pythagoreer gepflegt wurde, hatte ihren Ausgangspunkt, ihr wesenhaftes Interesse und ihre Bedeutung für die intellektuelle Entwicklung in der fortschreitenden Orientierung inner- halb des Weltraums, mit den Hilfsmitteln der Mathematik und der Astronomie. In dieser Schule entwickelte sich eine von dem Zweck der Benutzung losgelöste Betrachtung der Verhältnisse von Zahlen, von Raumgebilden, sonach reine mathematische Wissenschaft. Ja ihre Untersuchungen hatten bereits die Beziehungen zwischen Zahlen und Raumgrößen zum Gegenstande, so entstand ihnen die Idee des Irra- tionalen auf dem Gebiete der Mathematik. Auch ihr Schema des Kosmos war astronomisch: in der Mitte der Welt das Begrenzende, Gestaltende, welches ihnen im schönsten griechischen Geiste das Gött- liche ist; indem es das Grenzenlose an sich zieht, entsteht die zahlen- mäßige Ordnung des Kosmos.
Alle diese Erklärungen des Weltganzen, ob sie gleich als Erklä- rungen an der allmählichen Auflösung des mythischen Vorstellens ar- beiteten, waren noch mit einem sehr erheblichen Bestandteil von mythischem Glauben vermischt. Das Prinzip, aus wel- chem diese ersten Forscher ableiteten, hatte noch viele Eigenschaften des mythischen Zusammenhangs. Es enthielt in sich eine den mythi- schen Kräften verwandte Bildungskraft, Fähigkeit der Umwandlung, Zweckmäßigkeit, gleichsam die Fußspuren der Götter in seinem Wir- ken. So war es auch mit einem von diesen Physikern festgehaltenen mythischen Götterglauben in für uns kaum sichtbaren Wurzeln ver- ^ dpxn. Simplic. in phys. f. 6r 36 — 54. — Hippolyt Refut. haer. I, 6. — Auf Theophrast zurückgehend, vgl. Diels Doxographi 133, 476; Zeller I* 203.
148 Zweites Buch. Erster Abschnitt schlungen. Die Überzeugung des Thaies, daß das Weltall von Gott- heiten erfüllt sei, darf nicht in einen modernen Pantheismus umge- deutet werden. Der mythische Glaube des Anaximander läßt alle Dinge durch ihren Untergang für das Unrecht ihres Sonderdaseins Buße und Strafe leiden, gemäß der Ordnung der Zeit. Keine andere Lehre kann dem Pythagoras so sicher zugeschrieben werden als die von der Seelenwanderung, und der von ihm gestiftete Verband hing am Apollokultus und an religiösen Riten mit konservativer Festigkeit. Vor- stellungen des Vollkommenen bestimmen das kosmische Bild der unter- italischen Schulen. Und zwar tritt hier der für den griechischen Geist so bezeichnende Gedanke hervor, daß das Begrenzte das Göttliche sei — wogegen man den Satz Spinozas halte: omnis determinatio est ne- gatio. So ist diese altertümliche W^eltansicht keineswegs, wie seit Schleiermacher oft geschieht, einfach auf eine primitive Form des Pan- theismus zurückzuführen.
So langsam, allmählich hat, auch nachdem eine erklärende Wissen- schaft sich losgerungen hatte, diese die Macht der mythischen Er- klärungsgründe, des mythischen Zusammenhangs zersetzt. In so harter Arbeit hat sich aus der ersten Gebundenheit des geistigen Gesamt- lebens, in welcher dem Menschen die Wirklichkeit gegeben ist und immer gegeben bleibt, der Zweckzusammenhang des Erkennens in der Wissenschaft zur Selbständigkeit herausgearbeitet. So schwierig war dieser Wissenschaft der Ersatz der ursprünglichen Vorstellungen durch solche von einer größeren Angemessenheit an ihren Gegenstand. Denn der Zusammenhang der Dinge ist ursprünglich von der Totalität der Gemütskräfte hervorgebracht worden; nur schrittweise hat dann das Erkennen das rein Gedankenmäßige aus ihm herausgelöst, Leben ist das erste und immer Gegenwärtige, die Abstraktionen des Erkennens sind das zweite und beziehen sich nur auf das Leben. So entspringen wichtige Grundzüge des altertümlichen Denkens. Es beginnt nicht mit dem Relativen, sondern mit dem Absoluten, und zwar faßt es dasselbe mit den Bestimmungen auf, welche aus dem religiösen Er- lebnis stammen; das Wirkliche ist ihm ein Lebendiges; der Zusammen- hang der Erscheinungen ist ihm ein Psychisches oder doch ein dem Psychischen Analoges.
Dennoch hat die menschliche Intelligenz zu keiner Zeit einen größeren Fortschritt gemacht, als in dem Jahrhundert, das nunmehr abgelaufen war, als Heraklit und dann Parmenides auftraten. Die Wis- senschaft war nun vorhanden. Die Phänomene wurden in ihrer Regel- mäßigkeit und ihrem Zusammenhang überwiegend aus natürlichen Ursachen abgeleitet. Das Korrelat der nun eingetretenen Selbständig- keit der griechischen Wissenschaft ist der Ausdruck: Kosmos. Er Fortbestand mythischer Elemente. Der weltgeschichtliche Fortschritt 1 49 wird von den Alten auf Pythagoras zurückgeführt: „Pythagoras zuerst nannte das Weltall Kosmos, wegen der in ihm herrschenden Ord- nung."i Dieses Wort ist gleichsam der Spiegel der in die gedanken- mäßige Regelmäßigkeit und den harmonischen Zusammenhang der Verhältnisse und Bewegungen des Weltalls vertieften griechischen In- telligenz. In ihm spricht sich der ästhetische Charakter des griechi- schen Geistes so ursprünglich und tief aus, als in den Körpern, welche Phidias und Praxiteles bildeten. Nun wird nicht mehr in der Natur die Spur eines willkürlichen, eingreifenden Gottes verfolgt; die Götter walten in dem schönen, regelmäßigen Formenzusammenhang des Kos- mos, In demselben Sinne werden von der durch den Gedanken zu regelmäßig wirkenden Formen geordneten Gesellschaft auf die Ver- hältnisse des Weltalls die Ausdrücke Gesetz und vernünftige Rede übertragen. 2 Aber die Art und Weise der Ableitung von Phänomenen, wie sie in der Wissenschaft vom Weltall bestand, konnte den fort- schreitenden Anforderungen des Erkennens nicht ge- nügen. Wird irgendeinem Bestandteil des Naturganzen Leben, Fähig- keit, sich in andere Bestandteile umzuwandeln, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, zugeschrieben, alsdann ist es gleichgültig, von wel- chem dieser Bestandteile die Erklärung ausgeht; denn alles kann so aus allem abgeleitet werden. Und hatten nicht diese Physiker wechselnd, aber mit gleicher Leichtigkeit, von Wasser, Feuer, Luft aus die an- deren Teile des Naturzusammenhangs durch Umwandlung erklärt? In Heraklit entwickelt die Spekulation diese Anschauung einer itmeren Wandlungsfähigkeit als der allgemeinen Eigenschaft jedes Zustandes im Weltall; in Parmenides stellt sie diesem endlosen Wechsel die Anforderungen des Gedankens gegenüber. So entsprang Metaphysik im engeren Verstände.
* Ps. Plutarch, de plac. II, l. Stob. ecl. I, 21 p. 450 Heer. — Diels 327.
ZWEITER ABSCHNITT METAPHYSISCHES STADIUM IN DER ENTWICKLUNG DER ALTEN VÖLKER ERSTES KAPITEL VERSCHIEDENE METAPHYSISCHE STANDPUNKTE WERDEN ERPROBT UND ERWEISEN SICH ALS ZUR ZEIT NICHT ENT- WICKLUNGSFÄHIG In dem Zweckzusammenhang der Erkenntnis wird eine neue Stufe erreicht; der fortschreitende Geist sucht, in der Generation des Heraklit und Parmenides, die allgemeine Beschaffenheit des Zu- sammenhangs im Kosmos sowie die eines Prinzips dieses Zusammen- hangs zu bestimmen. Er entwickelt die Eigenschaften eines Prinzips, die es zur Erklärung von Naturphänomenen benutzbar machen. Dies setzt voraus, daß er sich nunmehr seine bisherigen Versuche, die Er- scheinungen des Kosmos abzuleiten, gegenständlich macht.
Ein Jahrhundert hindurch hatte die neuentstandene Wissenschaft vermittels der Anschauungen von Umwandlung und Bewegung die Phä- nomene der Außenwelt zu verbinden und zu erklären gesucht. Sie hatte hierzu den Begriff des Prinzips ausgebildet, d. h, eines Ersten, welches zeitlicher Anfangszustand und erste Ursache der Phänomene ist, imd von welchem dieselben abgeleitet werden können. Dieser Begriff war der Ausdruck des Willens der Erkenntnis selber. Viele Ursachen dräng- ten nunmehr zum Nachdenken über die allgemeinsten Eigen- schaften eines solchen Prinzips, überhaupt aber des Welt- zusammenhangs: der Wechsel in den Prinzipien, die Unmöglichkeit, eines dieser Prinzipien zu beweisen, die Schwierigkeiten in der An- schauung von Umwandlung, welche dem bisherigen Verfahren zu- grunde gelegen hatte, die nicht minder großen Schwierigkeiten in den einzelnen Vorstellungen, wie sie eine solche Erklärung zu ihrer Verwen- dung hatte. Wir nennen das Nachdenken, welches solchergestalt ein- zelne Erklärungen zur Voraussetzung hat und die allgemeinen Be- stimmungen eines jeden aufstellbaren Weltzusammenhangs ableitet, ein metaphysisches.
Dies metaphysische Nachdenken zergliederte an der Außenwelt den Zusammenhang der Wirklichkeit. Wohl war dieser Zusammen- Das Erkennen ist auf die Substanz gerichtet 15^ hang in letzter Instanz im Bewußtsein begründet, er bildete mit der geschichtlichen Welt erst das Ganze der Wirklichkeit, jedoch hat das metaphysische Denken der Griechen diesen Zusammenhang an dem Studium der Außenwelt aufgefaßt. Dies hatte zur Folge, daß die metaphysischen Begriffe an die rläumliche Anschauung ge- bunden blieben. Das vemunftmäßig bUdende Prinzip war schon den Pythagoreem ein Begrenzendes, es hat bei den Eleaten und Plato einen analogen Charakter. Die Erklärung des Kosmos löste alles, bis in den höchsten Begriff, zu welchem der griechische G^ist gelangte, den des unbewegten Bewegers, in Bewegungen und Erscheinungen im Räume auf.
Vermögen wir nun das innere Gesetz auszudrücken, welches in diesem Stadium von Erkenntnis der Zergliederung des Zusammen- hangs von Wirklichkeit die Richtung gab? — Die Welt zeigte zu- nächst dem beginnenden wissenschaftlichen Denken eine Vielheit ein- zelner Dinge, in Tun und Leiden veränderlich verbunden, im Räume beweglich, wachsend und abnehmend, ja entstehend und vergehend. Die Hellenen, dies bemerkte einer der neuauftretenden Metaphysiker, sprachen irrtümlich von Entstehen und Vergehen. In der Tat beweist schon die Sprache, daß diese Vorstellungen die einfache Naturauffas- sung beherrschten. Wolken scheinen sich zu bilden und in der Luft zu zer- gehen, so die einzelnen Dinge. Selbst die Götter des griechischen Mythos waren in der Zeit entstanden. — Das abgelaufene Jahrhundert griechi- scher Wissenschaft hatte nun durch die Vorstellung eines ersten bil- dungskräftigen Stoffes und seiner Umwandlungen, in Unteritalien durch den Gegensatz der begrenzenden, bildenden Kraft und des Unbegrenzten, einen Zusammenhang unter diesen Anschauungen hergestellt. Wir kön- nen die intellektuelle Verfassung eines gebildeten Griechen jener Tage, welcher an den Göttern zu zweifeln begann und sich nun in diesem Wirbel der Stoffumwandlungen sah, schwer nachfühlen. Denn Religion imd positive Wissenschaft geben einem heutigen Menschen feste An- haltspunkte für seine Weltvorstellung, In dem Spiel der Phänomene besaß ein Grieche jener Zeit nunmehr keinen festen Punkt. Weder die mythische Religion konnte ihm einen solchen gewähren, noch bestand positive Wissenschaft, welche ihm Haltepunkte darbieten konnte. — Nun wird der Mensch jeder Zeit inne, daß seine Handlungen und Zustände in seinem Ich begründet sind. Er kann sich nicht vorstellen, daß dies Ich Zustand oder Tun von etwas sei, das hinter dem Ich liege. Das ist sein Lebensgefühl. Und das andere, das Außen, v/elches er seinem Willen gegenüber findet, ist ihm ebenso in allen Veränderun- gen Zustand und Äußerung einer Unterlage, welche nicht selber wieder Zustand oder Tun von etwas hinter ihr ist. Gleichviel ob diese selb- 152 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Ständige Unterlage an dem einzelnen Ding gefunden wird oder an der einen spinozistischen Substanz oder an den Atomen: das Außen, das uns im Selbstbewußtsein gegeben ist, hat unweigerlich diesen Cha- rakter. Definieren wir Substanz als das, was Subjekt für alle prädi- kativischen Bestimmungen, Unterlage für alle Zustände und Tätig- keiten ist, so blickt der Mensch sozusagen durch den Wirbel und das Farbenspiel der Phänomene in das Substanziale, was dahinter ist; er kann nicht anders. Auch die Vorstellung des Wirkens, der Begriff der Kausalität wird diesem Substanzialen untergeordnet. Und in sich, in dem Wechsel seiner Antriebe, Regungen, Zwecke muß er ebenfalls nach einem, festen Punkt suchen, der sein Handeln regele. So sind in ihm und in dem, was außer ihm seiner Person gegenüber- tritt, dies die beiden festen Punkte, welche die natürlichen Ziele seines Nachdenkens bilden: die substanziale Unterlage des Außen und in seinem Handeln der Zweck, der nicht Mittel ist, das höchste Gut seines Willens.
Dieser Tatbestand erklärt, warum für die Philosophie der Alten das wahrhafte Sein und das höchste Gut die beiden zentralen Fragen büden. Diese Fragen sind nicht abgeleitet. Nicht die subjek- tive Festigkeit der Aussage, die Notwendigkeit der Gedanken ist es, was das menschliche Erkennen zuerst sucht. Diese Festigkeit des Aus- sagens ist sozusagen die subjektive, logische Seite der objektiven Festigkeit des Zweckes in uns selber, der Substanz außer uns. Dies zeigt sich geschichtlich darin, daß erst die Unsicherheit und der Zwei- fel, welche die Denkgewißheit stören, die Frage nach dem logischen Zusammenhang von Grund und Folge, nach dem Grunde, der in sich fest ist, hervorgetrieben haben.
Und zwar ringt sich in dem Vorgang, den wir nunmehr darzu- stellen haben, das Erkennen der Weltsubstanz auch jetzt noch nicht los von dem Zusammenhang, welcher vordem in der To- talität der menschlichen Gemütskräfte das Erkennen gleichsam gebunden hielt. Die Götter hatten in der W^elt der ionischen Physiker sowie der Pythagoreer noch Platz gefunden. Indem nun der Zusammenhang des Kosmos nach seinen allgemeinsten Eigenschaften bestimmt wurde, fand sich in demselben für sie im Grunde keine Stelle mehr. Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, die lei- tenden Geister der neuen Zeit, entwickelten einen Weltzusammenhang, welcher durch das klare Bewußtsein seines allgemeinen Charakters, seines alle Phänomene einschließenden Umfangs gleichsam das ganze Terrain der Wirklichkeit okkupierte. Das war in der Welt des Anaxi- mander oder Pythagoras noch nicht der Fall gewesen. Auch war es für die so eintretende Veränderung gleichgültig, daß die Götter in dem Und auf das höchste Gut. — Xenophanes I53 persönlichen Bedürfnis des einen oder anderen dieser Männer noch forlbestanden, wie dies z.B. augenscheinlich bei Xenophanes der Fall war. Aber was war nun die Folge dieser Veränderung für die meta- physische Konzeption der Weltordnung? Der ganze Inbegriff der höhe- ren Gefühle, das religiöse Leben, das sittliche Bewußtsein, das Ge- fühl der Schönheit und des unendlichen Wertes der Welt waren nun in diesem Weltzusammenhang selber gegenwärtig. Alle Eigenschaf- ten, welche das religiöse und sittliche Leben den Göttern zugeschrie- ben hatte, fielen nun in diese kosmische Ordnung. Das höchste Gut selber, der Zweck, der kein Mittel mehr ist, wurden auf ihn zurück- geführt. So lag in diesem die Erscheinungen Zusammenhaltenden das Vollkommne, Gute, Schöne, dem Unzureichenden der Wirklichkeit gegenüber das Vollendete, ihrer Unreife gegenüber das Feste und innen Selige.
Xenophanes bestimmt das eine Sein, das ihm dieser Zusammen- hang ist, theologisch. Das Gesetz, das nach Heraklit im Fluß der Er- scheinungen herrscht, ist nicht nur durch die Gegensätze oder den Weg aufwärts und abwärts bestimmt, sondern es hat einen tief reli- giösen Hintergrund. Der Beginn des Parmenideischen Lehrgedichts kündigt in altertümlicher Erhabenheit eine mit dem religiösen Glau- ben zusammenhängende Wahrheit an. Die Pythagoreer zeigen den- selben Charakter.
So entspricht es dem Zusammenhang der intellektuellen Entwick- lung sov/ie dem Geiste dieser altertümlichen Zeit, daß die tiefere Be- sinnung über das Prinzip des Kosmos aus dem religiösen Le- ben kam und dementsprechend sich als Anforderung an den Gedan- ken der Gottheit geltend machte. — In der Pythagoreischen Schule war die Trennung zwischen dem in der Wahrnehmung Ge- gebenen und einer metaphysischen Weltordnung vorbereitet. Der Kos- mos wurde in zwei Erklärungsgründe in bezug auf seinen Ursprung zerlegt; dem Unbegrenzten trat das, was Gestalt ist und gestaltet, gegenüber, das Prinzip der Form; dieses wurde von den Pytha goreern mathematisch gefaßt, in den Beziehungen zwischen Zahl und Raum- größe dargestellt, in die reale Welt der Töne sowie in die harmoni- schen Verhältnisse der kosmischen Massen verfolgt. — Xenophanes erwies aus dem religiösen Bewußtsein das Prinzip des einen Seins. Die Vorstellung vom Tode der Götter ist unfromm; was aber in der Zeit entstanden ist, das ist auch vergänglich; daher ist der Gottheit ewiger und unveränderlicher Bestand zuzuschreiben. Ebenso ist mit dem Bewußtsein von der Macht und Vollkommenheit der Gottheit eine Mehrheit von Göttern nicht verträglich; die ewige Gottheit ist also eine. So ist in Xenophanes mit der Besinnung über die Eigenschaften 154 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt des Prinzips des Weltalls der Beginn einer durchgreifenden Polemik gegen das mythische Vorstellen verbunden, das eine Vielheit von Göt- tern annimmt, die geboren werden und sterben; er bereits durchschaut dasAnthropomorphistische im Götterglauben und dessen Unhaltbarkeit.
Die strengere Entwicklung dieses Prinzips des AU-Einen scheint dadurch gefördert worden zu sein, daß Heraklit aus der Natur- anschauung der ionischen Physiker, abschließend, als die Grundlage derselben die Formel von der allgemeinen Wandelbarkeit ableitete. — Das Bewußtsein des Unterschieds des ihm aufgehenden metaphysi- schen Bewußtseins von aller bisherigen Forschung erfüllt ihn mit her- bem Stolz und vernichtender Kritik. Dieses metaphysische Bewußtsein bezieht sich nach der tiefen Einsicht des Herakht gerade auf das, was den Menschen beständig umgibt, was er beständig hört und sieht: wäh- rend der gewöhnliche Zustand des Menschen ist, da und doch nicht da- bei zu sein, faßt diese metaphysische Besonnenheit eben das überall Wiederkehrende in wachem Bewußtsein auf und spricht es aus. Und so tritt sie wie zu dem vulgären Dahinleben, das dem Schlaf gleicht, auch zu der Empirie in Gegensatz, welche sich in einzelner Kunde und Orientierung über den Kosmos ausbreitet, und die doch den Sinn nicht belehrt, zu der falschen Kunst, deren Typen ihm Pythagoras, Xeno- phanes, Hekatäos unter seinen Zeitgenossen und Vorgängern sind. — Diesem metaphysischen Bewußtsein geht nun das Weltgesetz der Ab- wandlung auf, welches an jedem Punkte des All gleichmäßig v/irksam ist. Das sich abwandelnde All-Eine ist nicht nur als dasselbe in den Gegensätzen gegenwärtig, in jeder einzelnen Erscheinung selber ist schon ihr Gegensatz enthalten, in unsrem Leben ist der Tod, in unsrem Tod das Leben. — In diesen Gedanken, die alles Sein auflösen, lag dann der Grund für die Abwendung Heraklits von der positiven Wis- senschaft der Zeit. Heraklit hat auch seine Physik dem Grundgedan- ken der Abwandlung unterworfen, und er hat selbst die Sonne in seine Rhythmik des Umsatzes hineingezogen: täglich sollte sie neu entstehen.
Dieser Gedanke, welchem gemäß Konstanz nur in dem Gesetz der Veränderungen besteht, enthielt zweifellos einen wichtigen Ansatzpunkt wahrer Einsichten; aber in der damaligen Lage der Wissenschaften mußte Heraklit dem Gedanken wie den Tatsachen Gewalt antun, und seine Schule, die Gesellschaft der „Fließenden", verfiel naturgemäß dem Skeptizismus. Denn besteht nur der Fluß der Dinge, d. h. der Umsatz eines Zustandes der Materie in den andern, fällt sonach die Konstanz nur in das Gesetz dieses Umsatzes: alsdann kann ein Prin- zip, welches Träger dieser Umsatzbewegung wäre, nicht unterschieden werden. Wenn also Heraklit auch nur symbolisch das Feuer als ein solches Prinzip bezeichnete, so verfiel sein System damit dem inneren Heraklit, Parmenides 1^55 Widerspruch, Auch wurden femer die regelmäßigen und konstanten Kreisbewegungen der Gestirne einer Erklärung aus dem Prinzip der Umwandlung unterworfen, und hierbei mußte sich zeigen, daß die stetige, unveränderliche Ursache, welche sie fordern, mit der Rhyth- mik der Umsätze in Widerspruch steht. So geriet Heraklit mit den astronomischen Vorstellungen seiner Zeit notwendig in Streit; so ge- langte er zu seinen eigenen, paradoxen astronomischen Behauptungen, die nur als ein Rückschritt gedeutet werden können.
An dem Gegensatz gegen die Formeln des Heraklit hat wahr- scheinlich Parmenides den Gedanken des Xenophanes zu voller metaphysischer Klarheit entwickelt. Er arbeitet, wie Heraklit, sich den Gehalt der Weltvorstellung tiefer bewußt zu machen. Auch er will nicht mehr in erster Linie sich im Weltall orientieren oder den tatsäch- lichen Zusammenhang der Bewegungen seiner großen Massen fest- stellen. Wohl war Parmenides der erste, der die große Entdeckung von der Kugelgestalt der Erde als Schriftsteller vertrat, wenn er auch nicht als der Entdecker selber bezeichnet werden kann; denn es ist nicht ausgeschlossen, daß er diese in der Astronomie epochemachende Einsicht in seiner unteritalischen Heimat schon bei den Pythagoreem vorfand. Aber der Anfang seines Lehrgedichts zeigt, daß eine meta- physische Besinnung über die allgemeinsten Eigenschaften des Welt- zusammenhangs auch ihm als die große Aufgabe seines Lebens er- schien. Derselbe Anfang macht zugleich sichtbar, daß dieser Welt- zusammenhang für ihn allen religiösen Tiefsinn des mythischen Zeit- alters in sich schloß, ganz wie dies auch bei Heraklit der Fall war. Aller Glanz der mythischen Welt, der Sitz der Gottheiten und ihre strahlenden Gestalten sind nun in diese metaphysische Welt zusammengegangen. So ist es auch ein göttlicher Mund, der an diesem Beginne seines Gedichts den ganzen Gegensatz von Wahrheit und Irrtum in folgenden Sätzen zusammenfaßt: das Seiende ist, das Nichtseiende ist nicht; der Irrtum ist in der entgegengesetzten Annahme begründet, daß das Nichtseiende Existenz habe, daß das Sein nicht bestehe.
Die Fragmente sind nicht ausreichend, den genauen Sinn fest- zustellen, welchen seine Erläuterung und Begründung dieses seines Hauptsatzes gehabt hat.^ Es ist zweifellos, daß er diesen Satz da- durch begründete, daß das Sein nicht von dem Denken getrennt zu werden vermag; das Nichtseiende kann weder erkannt noch ausge- sprochen werden. Diese Beweisführung enthält augenscheinlich in sich, daß das Vorstellen, in welchem die Wirklichkeit gegenwärtig ist, nicht * Nach der Beschaffenheit unserer Nachrichten über Parmenides kann die Erörterung seiner hervorragenden Stellung in der Geschichte der Metaphysik leider nur vermittels einer Art von subjektiver Reproduktion stattfinden, die sonst nicht gestattet sein würde.
156 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt mehr übrigbleibt, sobald man die in ihm gegebene Wirklichkeit auf- hebt. Doch ist ein solcher modemer Ausdruck freilich in Gefahr, nicht den einfachen und ganzen Sinn dieses altertümlichen Denkens auf- zufassen. Etwas einfacher und dem Sprachgebrauch des Parmenides näher sagen wir: ist das Sein nicht da (eine abstrakte Bezeichnung für das „ist", welches die im Vorstellen gegebene Gegenständlichkeit ausdrückt), alsdann kann ja auch kein Denken vorhanden sein. — Da also nichts anderes außer dem Sein existiert, so ist auch das Denken gar nicht etwas von dem Sein Unterschiedenes. Denn außer dem Sein ist überhaupt nichts; es ist gleichsam der Ort, in welchem auch die Aus- sage stattfindet. Denken und Sein sind darum dasselbe. Nichtseiendes ist also ein Ungedanke, ein Nonsens in strengstem Verstände.^ Diese Sätze enthalten allerdings das Denkgesetz des Widerspruchs in metaphysischer Fassung im Keime; aber ihre Tragweite reicht hier- über hinaus. In ihnen ist der Befund des Bewußtseinszusammenhangs, in welchem mit dem Subjekt das Objekt untrennbar verbunden ist und das Objekt den Charakter substantialer Festigkeit besitzt, in unent- wickeltem Tiefsinn ausgesprochen.
Und so sind diese Sätze einerseits die zureichende Grund- lage fürWahrheiten, welche nun das griechische Denken zunächst den mathematischen hinzufügte und welche den Übergang von den letzteren zu einer wissenschaftlichen Betrachtung des Kosmos ermög- lichten; sie sind andererseits in der Dunkelheit, in welcher sie dem Be- wußtsein zuerst aufgehen, der Ausgangspunkt für überspannte Anforderungen des Denkens an die allgemeinsten Eigenschaf- ten des Weltzusammenhangs.
Diese in den oben angegebenen Sätzen des Parmenides implicite enthaltenen Wahrheiten sind einfach. Die erste liegt in der Auf- fassung der Eigenschaft unsres Bewußtseinszusammenhangs, welche Aristoteles in seiner Formel vom Satze des Widerspruchs in eine genauer bestimmte und dadurch haltbar gewordene Gestalt brachte. Die andere liegt in dem physischen Satze: es gibt kein Entstehen und keinen Untergang^; von dem wahrhaft Seienden ist Ent- stehen und Untergang auszuschließen; denn aus dem Nichtseienden ^ So erklärt sich wohl der Sinn des viel diskutierten Satzes: xö TOP OÖTÖ voeiv ^CTiv re Kol eivai (bei Mullach fr. phil. graec. I, 118, v. 40). Wenn Zeller (I*, 512) IcTiv liest und übersetzt: „denn dasselbe kann gedacht werden und sein", so wäre voeic6ai zu erwarten, das „Können" entspricht aber auch kaum dem Gedanken des Parmenides. Und der Sinn des Ausspruches wird sichergestellt durch v. 94 tuuütöv ö'^cii voeiv xe Kol oüvCKev 4cxi v6ri|Lia und die sich anschließende Begründung.
* Wir verzeichnen die älteste Fassung dieses Gedankens, welcher für die Naturwissen- schaft so wichtig wurde, Parmenides v. 77 (bei Mullach fr. phil. graec. I, 121) xuüc Yevecic ^bi dirdcßecxai Koi ötticxoc öXeGpoc und v. 69 xoöveKev ouxe Y^v^cGai oöx' öXXucGai ävfiKe biKr).
Partnenides. Negative Wirkung seiner Schule 157 kann Sein nicht entstehen, da dasselbe eben nicht ist, das Seiende aber würde nichts anderes als sich selber erzeugen. Auch dieser Satz hat erst später, zunächst durch Anaxagoras und Demokrit, eine genauer eingeschränkte, haltbare Gestalt empfangen. Die beiden Sätze, von der Unbestimmtheit und den Übertreibungen befreit, die ihnen bei Parmenides anhaften, traten zu den Wahrheiten der Mathematik und ermöglichten so einen festen Ansatz für die Erkenntnis der Natur.