SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Arbeit hatten fallen lassen müssen, und niemand glaube, daß die Epi- sode des italienischen Piatonismus oder die Erneuerung des reinen Aristoteles in Italien und Deutschland den Kern der europäischen Renaissance, sofern sie intellektuelle Entwicklung ist, gebildet habe.

Jedoch bildete der Erwerb des metaphysischen Stadiums der alten Völker die Grundlag'e für die Leistungen dieser folgenden Zeit, in welcher das Schwergewicht des intellektuellen Fortschritts in den Einzelwissenschaften lag. — Die erste Bedingung dieses Fort- schritts sind die erworbenen Begriffe. So hatte die griechische Meta- physik die Begriffe von Substanz und Atom hervorgebracht, die von Ursache und Bedingung oder Grund unterschieden und den Begriff von Form auf den einzelnen Gebieten durchgeführt. Sie hatte Grundverhält- nisse, wie die Beziehung zwischen Struktur, Funktion und Zweck in einem Organismus oder zwischen Leistung und Anteil an Herrschaft und Gütern in einem politischen Ganzen aufgezeigt. — Die zweite Be- dingung lag in der Entwicklung von grundlegenden^ wenn auch an Evidenz ungleichen Sätzen. Solche waren: es gibt keinen Übergang aus dem Nichts zum Sein oder aus diesem zurück in das Nichts; es kann nicht dasselbe in derselben Beziehung behauptet und verneint werden; räumliche Bewegung hat den leeren Raum zur Voraussetzung. — Endlich lag eine wichtige Bedingung in dem logischen Bewußt- sein. Die Arbeit an der Unterwerfung des Wirklichen unter die Er- kenntois hatte die griechischen Geister während der sophistischen Epoche in eine revolutionäre Bewegung gebracht, in deren Strudel einmal die ganze griechische Wissenschaft unterzugehen drohte. Die wis- senschaftliche Gesetzgebung der Aristotelischen Logik überwand diese Revolution und ermöglichte erst den ruhigen Fortschritt der positiven Wissenschaften. In ihr lag die Voraussetzung für den Aufbau der mathematischen Wissenschaften, wie sie ein Euklid zeigt. Nur ihrer Hilfe verdankt man es, daß zu derselben Zeit, in welcher Metaphysiker imd Physiker über die Möglichkeit eines Kriteriums der Wahrheit stritten, das Elementarwerk des Euklid hervortreten konnte, welches in der unangreifbaren Verkettung seiner Beweise den Widerspruch der ganzen Welt herauszufordern schien und das klassische Vorbild von Evidenz geworden ist.

Die Schranken dieser Metaphysik machten sich folgerecht auch in diesem Stadium der Einzel Wissenschaften geltend; die neuen Richtun- gen, welche die Einzelwissenschaften teilweise einschlugen, wurden nicht gleichmäßig festgehalten. In der Mathematik wurde das Werk- zeug für exakte Wissenschaft entwickelt, das den Arabern und den germanisch-romanischen Völkern die Aufschließung der Natur ermög- lichen sollte. Auch nahm die Anwendung von Instrumenten, welche Das Erkennen der alten Völker tritt in das Stadium der Einzelwissenschaften 247 eine Messung ermöglichen, sowie des Experiments, welches Erschei- nungen nicht nur beobachtet^ sondern unter veränderten Bedingungen willkürlich hervorruft, beständig zu. Einen hervorragenden Fall von zusammenhängender experimenteller Behandlung eines Problems bil- den die Untersuchungen des Ptolemäus über die Brechung der Licht- strahlen bei ihrem Durchgang durch Mittel ungleicher Dichtigkeit; hier werden die Strahlen von der Luft in Wasser und Glas, von Wasser in Glas unter verschiedenen Einfallswinkeln geleitet. Die am meisten fundamentalen Vorstellungen, zu denen nun die Wissenschaften von der Natur gelangten, sind in den statischen Arbeiten des Archimedes enthalten. Er entwickelte auf vorherrschend mathematischem Wege, von dem Satze aus, daß gleichschwere Körper, die in gleicher Entfer- nung wirken, sich im Gleichgewicht befinden, das allgemeine Hebel- prinzip und legte den Grund zu der Hydrostatik. Aber dem Archimedes blieb die Dynamik ganz fremd, und er fand im Altertum keine Nach- folger.i Nicht minder charakteristisch ist die gänzliche Abwesenheit von chemischer Wissenschaft in diesem Stadium der Einzelwissen- schaften bei den alten Völkern. Die Aristotelische Lehre von den vier sogenannten Elementen ist abgeleitet aus der mehr fundamen- talen von vier Grundeigenschaften, wenn auch die vier Elemente selber eine Erbschaft aus älterer Zeit waren. Der Gegenstand dieser Theorie waren also nur prädikative Bestimmungen und ihre Kombinationen; sie zerlegt nicht in Subjekteinheiten, d. h. Substanzen. So wirkt sie nicht direkt auf experimentelle Arbeiten hin, welche die gegebenen Objekte aufzulösen versucht hätten. Die Atomenlehre hatte nur eine ideelle Zerlegung der Materie vollzogen, und ihre Vorstellung von einander qualitativ gleichen Einheiten mußte in bezug auf die Entstehung chemischer Grundvorstellungen zunächst eher hindernd wirken. Aus den Bedürfnissen der medizinischen Kunst erwuchs der Versuch des Asklepiades von Bithynien, die Vorstellung von Kor- puskeln der Betrachtung des Organismus anzunähern 2, sowie die An- weisung zur Herstellung einiger chemischer Präparate, deren die Ärzte sich bedienten, wie sie bei Dioskorides vorliegt. Im Gegensatz zu so vereinzelten Anfängen machten die Naturwissenschaften, welche von geometrischer Konstruktion oder von Zweckvorstellungen geleitet wur- den, wie Astronomie, Geographie und Biologie, regelmäßige Fort- schritte.

So entstand schon den alten Völkern in dieser Epoche der Einzel- wissenschaften ein Bild des Kosmos von einer unermeßlichen Weite * Vgl. die ausgezeichnete Darlegung in den Recherches historiques sur le principe d'Arcliimede par M. Ch. Thurot (revue arch^ol. 1868 — 69).

* Über Asklepiades vgl. Lasswitz, Vierteljahrssclirift für wissensch. Philos. III, 425 ff.

248 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt und doch zugleich von wissenschaftlicher Genauigkeit, welches das Gerüst für ihr Studium der Geisteswissenschaften bildete. Eratosthenes, Hipparch, Ptolemäus umfassen die kreisenden Massen der Gestirne und die Erdkugel. Ein erster Versuch der Gradmessung ist bemüht, den Umfang der Erde annähernd zu bestimmen; Eratosthenes begrün- det die Geographie als Wissenschaft. Die Übersicht über die Pflan- zenbedeckung der Erde und die Tierwelt auf ihr, wie sie Aristoteles und Theophrast erreicht hatten, wird nun durch Fortschritte in der Zer- gliederung des tierischen und menschlichen Körpers ergänzt, welche besonders tief in die Erkenntnis der Gefäße eindringen.

Die Kenntnis von der Verteilung des Menschengeschlechts auf der Erde sowie den Verschiedenheiten desselben war durch den Er- oberungszug Alexanders und die Ausbreitung des römischen Imperium nunmehr außerordentlich erweitert. Infolge hiervon wird der Einfluß von Boden und Klima auf die geistigen und sittlichen Verschieden- heiten der Menschheit in den Kreis der Untersuchung gezogen. Das Material der Geisteswissenschaften wird in den Grenzen des nun der Geschichte anheimgefallenen griechischen Lebens mit kritischem Be- wußtsein untersucht und gesammelt. Einzelne Systeme der Kultur, vor allem die Sprache, werden einer Zergliederung unterworfen. Die vergleichende Betrachtung der Staaten ist zum festen Besitz der Wis- senschaft geworden. Auf sie gestützt, unternimmt Polybius, das große weltgeschichtliche Phänomen, welches den Horizont seiner Zeit erfüllt, Roms Aufsteigen zur Weltherrschaft, der Erklärung zu unter- werfen. In seinem Werke lieg^ ein Versuch vor, die politische Wis- senschaft, wie wir sie an Aristoteles in ihrer Stärke und ihren Gren- zen charakterisiert haben, zur Grundlage einer erklärenden Ge- schichtswissenschaft zu machen. Seine vergleichende Zerglie- derung der Verfassungen (wie sie in den Fragmenten des 6. Buches er- halten ist) findet in der gemischten römischen Verfassung ein Gleichgewicht der Gewalten verwirklicht, vermöge dessen jede einzelne die- ser Gewalten unter der Kontrolle der anderen steht und so in ihren Überschreitungen gehemmt wird. Hierzu treten ihm als erklärende Gründe der römischen Machtentfaltung eine glückliche Organisation des Staates in bezug auf materielle Mittel, durch die Rom erreicht, was z.B. Sparta trotz seiner ebenfalls gemischten Verfassung nicht er- reichen konnte, sowie ein auf Verehrung der Götter gegründeter Rechts- sinn. Die Weltbeschreibung des Plinius kann wenigstens in Rück- sicht ihres Planes, bei großer Oberflächlichkeit der Ausführung, als der Abschluß der großen Arbeit der alten Völker Europas gelten, den Kosmos von den Bewegungen der Massen im Weltraum bis zu der Ver- breitung und dem geistigen Leben des Menschengeschlechts auf der Das Bild des Kosmos, welches Ergebnis d. Einzelwissenschaften d. alten Völker ist 249 Erde zu umfassen. Und zwar verfolgt er besonders gern die Wirkung des Naturzusammenhangs auf die menschliche Kultur, In der Morgen- dämmerung griechischen Geisteslebens war der Begriff des Kosmos aufgegangen; nun war in den großen Arbeiten eines Eratosthenes, HipparchundPtolemäus, von deren umfassendem Geiste wir noch einen Hauch in dem Plan des Plinius empfinden, den Jugendträumen dieser Völker im Alter die Erfüllung geworden.

Jedoch die Kultur der alten Welt zerbrach, ohne daß die Einzel- wissen sc haften zu einem Ganzen sich verknüpft hätten, welches wirk- lich die Stelle der Metaphysik hätte ausfüllen können. Es gab wohl Skeptizismus, aber es gab keine Erkenntnistheorie, welche doch erst den Zusammenhang der Einzelwissenschaften neu zu organisieren ver- mag, wenn die große Illusion der metaphysischen Grundlegung der Wissenschaften sich aufgelöst hat. Was der Geist auf seinem Erobe- rungszug durch die ganze Welt nicht zu erringen vermocht hatte, sichere Begründung seiner Gedanken wie seines Handelns, das findet er nun, zurückgekehrt, in sich selber.

DRITTER ABSCHNITT METAPHYSISCHES STADIUM DER NEUEREN EUROPÄISCHEN VÖLKER ERSTES KAPITEL CHRISTENTUM, ERKENNTNISTHEORIE UND METAPHYSIK Man denkt sich wohl den Menschen der ältesten Zeiten unseres Geschlechtes, wie er, von der Höhle beschützt, von Nacht und Gefahr umgeben, den Morgen erwartet; brach dann der Tag an, und suchten ihn die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne: wie fühlte er das Her- aiuiahen einer erlösenden Macht! So haben die Bevölkerungen der alten Welt empfunden, als die Strahlen des aufsteigenden Lichtes aus einer reinen Welt im Christentum sie trafen. Wenn sie so fühlten, so war dies doch nicht allein die Folge davon, daß der Christenglaube die feste Überzeugung von einer seligen Unsterblichkeit mitteilte, sowie daß er eine neue Gemeinschaft, ja eine neue bürgerliche Gesellschaft inirütten der Zerrüttung der antiken Staaten darbot.^ Das eine wie das andere war ein wichtiger Bestandteil der Stärke der neuen Religion. Jedoch war beides nur Folge einer tieferen Veränderung im Seelen- leben.

Diese Veränderung allein und auch sie nur nach der Seite, welche sie der Entwicklung des Zweckzusammenhangs der Erkenntnis zu- kehrt, kann in diesem Zusammenhang berührt werden. Eine herbe Kritik des christlichen Bewußtseins zieht sich durch Spinozas Ethik; ihr liegt zugrunde, daß für Spinoza selber Vollkommenheit nur Macht ist, Lebensfreude der Ausdruck dieser wachsenden Vollkommenheit, aller Schmerz dagegen nichts als Ausdruck der Unvollkommenheit und Ohnmacht. Das tiefe christliche Seelenleben hat die Verbindung der Vorstellungen von Vollkommenheit mit denen von Glanz, Macht und Glück des Lebens zerrissen. Ja die Verbindung des Gottesbewußt- seins mit der gedankenmäßigen Schönheit des Weltalls tritt zurück hinter den Zusammenhang dieses erhabensten menschlichen Gefühls, ^ So Jakob Burckhardt, welcher in seinem Werk über die Zeit Konstantins des Großen die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt am tiefsten dargestellt hat, ebds.

Die Selbstgewißheit d. inner. Erfahr, durchbricht d. Schranken d. ant. Wissenschaß 251 das sich von keinem Räume einschränken läßt, mit den Erfahrungen des ärmsten unruhevoll in engem Kreise durch die Natur seines Da- seins bewegten Menschenherzens. Auf jener Verbindung beruhte vor- dem die Anschauung, welche die griechische Wissenschaft vom Kos- mos hatte, und der künstlerische Aufbau eines Gegenbildes dieses Kos- mos in der sittlich-gesellschaftlichen Welt, wie ihn die Staatswissen- schaft der Alten entwarf. Nun soll die Vollkommenheit der Gottheit selber mit Knechtsgestalt und Leiden zusammengedacht werden oder vielmehr nicht gedacht: sie sind im religiösen Erlebnis eins. Das Voll- kommene hat nicht nötig, im Glanz der Gestimwelt zu strahlen und in Glück und Macht sich zu sonnen. Gottes Reich ist nicht von dieser Welt. So hat der Wille nun nicht mehr sein Genüge in der Herstellung eines objektiven Tatbestandes, in dem sichtbaren sittlichen Kunstwerk der Politik oder des vollendeten Staatsmannes und Redners. Vielmehr geht er hinter dieses alles als bloße Gestalt der Welt, in sich selber zurück. Der Wille, welcher objektive Tatbestände in der Welt gestaltet, verbleibt in der Region des Weltbewußtseins, der seine Ziele ange- hören. Im Christentum erfährt der Wille seinen eigenen metaphysi- schen Charakter. Damit berühren wir die Grenze unserer hier dem Menschlichen, Geschichtlichen allein zugewandten Betrachtungsweise.

Diese tiefe Veränderung im menschlichen Seelenleben schließt die Bedingungen in sich, unter welchen die Schranken der antiken Wissenschaft durchbrochen werden konnten und allmählich durchbrochen worden sind.

Wissen war für den griechischen Geist Abbilden eines Objektiven in der Intelligenz. Nunmehr wird das Erlebnis zum Mittelpunkt aller Interessen der neuen Gemeinden; dieses ist aber ein einfaches Inne- werden dessen, was in der Person, im Selbstbewußtsein gegeben ist; dieses Innewerden ist von einer Sicherheit erfüllt, welche jeden Zweifel ausschließt; die Erfahrungen des Willens und des Herzens verschlin- gen mit ihrem ungeheuren Interesse jeden anderen Gegenstand des Wissens, sie erweisen sich in ihrer Selbstgewißheit allmächtig gegenüber jedem Ergebnis der Betrachtung des Kosmos sowie gegen- über jedem Zweifel, der aus Erwägungen über das Verhältnis der Intelli- genz zu den von ihr abzubildenden Gegenständen stammte. Hätte gleich damals dieser Glaube der Gemeinden eine ihm ganz entsprechende Wissenschaft entwickelt: so hätte diese in einer auf die innere Erfah- rung zurückgehenden Grundlegung bestehen müssen.

Aber dieser innere Zusammenhang, welcher in bezug auf die Be- gründung der Wissenschaft zwischen dem Christentum und einer von der inneren Erfahrung ausgehenden Erkenntnis besteht, hat im Mittelalter eine entsprechende Grundlegung der Wissenschaft nicht 252 Zweites Buch. Dritter Abschnitt hervorgebracht. Dies war in der Übermacht der antiken Kultur be- gründet, innerhalb deren das Christentum nun langsam sich geltend zu machen begann. Alsdann wirkte von innen in derselben PJchtung das Verhältnis der religiösen Erfahrung zu dem Vorstellen. Findet doch auch das innigste religiöse Seelenleben nur in einem Vorstellungszusam- menhang seinen Ausdruck. Schleiermacher sagt einmal: „Die Ent- wicklung des Christentums im Abendlande hat eine große Masse des objektiven Bewußtseins zum Rückhalt; genauer genommen können wir aber diese Masse des objektiven Bewußtseins nur als ein Verständi- gungsmittel ansehen."!

Die Selbstgewißheit der inneren Erfahrungen des Willens und des Herzens, alsdann der Inhalt dieser Erfahrungen, sonach die Verände- rung des tiefsten Seelenlebens: dies alles enthielt nun aber nicht nur die Anforderung eimer auf die innere Erfahrung zurückgehenden Grundlegung in sich, sondern es wirkte auch in anderer Beziehung auf die fernere intellektuelle Entwicklung, und zwar sowohl in bezug auf die Naturerkenntnis als auf die Geisteswissen- schaften.

Einerseits trat eine Abwendung von der bloßen Gedankenmäßig- keit des Kosmos ein. Nicht in dieser in Allgemeinbegriffen darstell- baren ebenmäßigen Schönheit lag dem Christen der Zweck des Welt- ganzen; nicht in ihrer Betrachtung bestand ihm das, worin die mensch- liche Vernunft ihre Verwandtschaft mit der göttlichen genießt: die Stellung des Menschen zur Natur hat sich ihm umgeändert, und die Vorstellung der Schöpfung aus nichts, der Gegensatz von Geist und Fleisch lassen den Umfang dieser Veränderung ermessen. Andererseits bewirkte der veränderte Stand des Seelenlebens eine ganz neue Stel- lung des metaphysischen Bewußtseins zu der geistigen Welt, In dem erhabensten Gedanken, der über den Zusammenhang dieser geistigen Welt je gedacht worden ist, verknüpften sich die ein- fach großen Vorstellungen von dem Reiche Gottes, der Brüderlich- keit der Menschen und ihrer Independenz in ihrem höchsten Verhält- nisse von allen natürlichen Bedingungen ihres Daseins; derselbe be- gann jetzt seinen Siegeslauf. Ihn verwirklichte die gesellschaftliche Ordnung der Christengemeinde, die auf Aufopferung gegründet war und in welcher sich der einzelne Christ wie in einem schützenden Boote auf der wilden See des Lebens wohl behütet fühlte. Zwar war das Be- wußtsein der inneren Freiheit des Menschen, die Aufhebung der Ungleichheiten und nationalen Schranken zwischen diesen Freien auch in dem weiteren Verlauf der antiken Philosophie, insbesondere bei den Andere im Christeftiutn gelegene Ketfne einer veränderteti Wissenschaft ^53 Stoikern, vorhanden, aber diese innere Freiheit war nur für den Weisen erreichbar, hier dagegen war sie jedem durch den Glauben zugänglich. Dem allen entsprachen die Vorstellungen von einem genealogischen Zusammenhang in der Geschichte des Menschengeschlechts und einem metaphysischen Bande, das die menschliche Gesellschaft zusammen- hält.

Das alles lag in dem Erlebnis des Christentums. Die ersten wissenschaftlichen Darstellungen desselben entstanden in einer Epoche des Ringens zwischen den alten Religionen und den christlichen Gemeinden, in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Offenbarung, Religion und der Kampf der Religionen: das war in die- sen Jahrhunderten die große Angelegenheit der Menschheit. Die Philo- sophie des hellenistischen Judentums, wie sie Philo ausgebildet hat, die Gnosis, der Neuplatonismus als die philosophische Restauration des Götterglaubens und die Philosophie der Kirchenväter haben die Grund- züge einer Weltformel gemeinsam, welcher noch Spinozas und Schopenhauers System die einfache Geschlossenheit ihres Aufbaus ver- danken. In dieser Formel verschlingen sich bereits Natur und Ge- schichte. Aus der Gottheit leitet dieselbe die Entstehung des End- lichen als eines Unvollkommenen und der Veränderlichkeit Anheim- gegebenen ab und zeigt alsdann die Rückkehr dieses Endlichen in Gott. So ist der Ausgangspunkt dieser Metaphysik die im religiösen Er- lebnis ergriffene Gottheit, ihr Problem ist der Hervorgang des End- lichen in seinem angegebenen Charakter; dieser Hervorgang erscheint als ein lebendiger psychischer Prozeß, in welchem dann auch die arme Gebrechlichkeit des Menschenlebens entspringt: bis in einem gleichsam inversen Verlauf die Rückkehr in die Gottheit sich vollzieht.

Die Philosophie des Judentums entwickelte sich zuerst, die des Heidentums folgte: über beide erhob sich siegreich die Philosophie des Christentums. Denn sie trug eine machtvolle geschicht- liche Realität in sich; eine Realität, die sich mit dem innersten Kerne jeder Wirklichkeit, die geschichtlich vorher da war, im Seelen- leben berührte und sie in ihrem inneren Rapport zu sich empfand. Vor dieser verwehten die Ekstasen und Schauungen wie Sommerfäden im Winde. Indem das Christentum um den Sieg rang, ward in dem Kampfe der Religionen das Dogma zu der abschließenden Fassung ge- bracht, daß Gott, im Gegensatz zu allen partialen Offenbarungen, welche Juden und Heiden in Anspruch nahmen, ganz und ohne Rest in die Offenbarung durch Christus mit seinem Wesen eingegangen sei. Sonach wurden alle früheren Offenbarungen dieser als Vorstufen untergeordnet. Damit ward nun Gottes Wesen, im Gegensatz gegen seine Fassung in dem in sich geschlossenen Substanzbegriff des Alter- 2 54 Zweites Buch. Dritter Abschnitt tums, in geschichtlicher Lebendigkeit ergriffeai. Und so entstand, das Wort im höchsten Verstände genommen, nun erst das geschicht- liche Bewußtsein.

Wir verstehen, indem wir aus unserem eigenen tiefen Leben dem Staube des Vergangenen Leben und Atem wiedergeben. Es bedarf gleichsam der Versetzung unseres Selbst von einem Standort auf den andern, wenn wir den Fortgang der geschichtlichen Entwicklung von innen und in seinem zentralen Zusammenhang verstehen sollen. Die allgemeine psychologische Bedingung hierfür ist immer in der Phan- tasie vorhanden; aber erst wenn der geschichtliche Fortgang an den tiefsten Punkten, an welchen ein Fortrücken stattfindet, von der Phan- tasie nacherlebt wird, entsteht ein gründliches Verständnis der ge- schichtlichen Entwicklung. Als in einem Paulus in den Kämpfen des Gewissens das jüdische Gesetz, das heidnische Weltbewußtsein und der Christenglaube aneinanderstießen, als in seinem Erlebnis Gesetzes- glaube und Christenglaube als zwei lebendige Erfahrungen in innerstem Verstehen aneinandergehalten wurden, und zwar von der Erfahrung des lebendigen Gottes aus: da waren in diesem Bewußtsein eine große ge- schichtliche Vergangenheit und eüie große geschichtliche Gegenwart zusammen gegenwärtig, beide in ihrer tiefsten, der religiösen Grundlage erfaßt, ein innerer Übergang wurde erlebt, und so ging das volle Bewußt- sein von einer geschichtlichen Entwicklung des ganzen Seelenlebens auf.

Denn nur was in dem Reichtum des Gemütes nacherlebt wird von den Tatsächlichkeiten der Geschichte, wird verstanden. Und in dem Maße, als das Erleben in die tiefe und zentrale Grundlage der Kultur hinab- reicht, vermittelt es dies Verständnis; wenn wir auch alle nur teilweise verstehen, was vergangen ist. Die höchste Lebendigkeit der Phantasie, der größte vitale Reichtum des Inneren, reichen nicht aus, wo nicht das Seelenleben selber in diesem Sinne geschichtlich ist. So geht von hier zu dem Gedanken der Erziehung des Menschengeschlechtes in Clemens, von diesem zu dem Gottesstaat des Augustinus und von die- sem Buch zu jedem neueren Versuch, den inneren Zusammenhang der Menschheitsgeschichte zu erfassen, eine Linie. Das Ringen der Reli- gionen untereinander in dem von geschichtlicher Realität erfüllten christlichen Seelenleben hat das historische Bewußtsein einer Entwick- lung des ganzen Seelenlebens hervorgebracht. Denn das vollkommene sittliche Leben war der Christengemeinde nicht in der Formel eines Sittengesetzes oder höchsten Gutes gedankenmäßig darstellbar: als ein unergründlich Lebendiges wurde es von ihr in dem Leben Christi und in dem Ringen des eigenen Willens erfahren; so trat es nicht zu anderen Sätzen in Beziehung, sondern zu anderen Gestalten des sitt- lich-religiösen Lebens, die vor ihm bestanden und unter denen es nun Das Christentum und das geschichtliche Bewußtsein 255 erschien. Und dies historische Bewußtsein fand ein festes äußeres Ge- rüst in dem genealogischen Zusammenhang der Geschichte der Mensch- heit, welcher innerhalb des Judentums geschaffen worden war.

So waren für die intellektuelle Entwicklung der europäischen Menschheit ganz veränderte Bedingungen erwachsen. Die Züge des Willens waren aus der Stille des Einzellebens in den Vordergrund der Weltgeschichte getreten, welche ihn von dem ganzen Naturzusammen- hang abscheiden: Aufopferung des Selbst, Anerkennung des Göttlichen im Schmerz und in der Niedrigkeit, aufrichtige Verneinung dessen, was er an sich verwerfen muß. Die Beziehung der Personen aufein- ander in diesem ihren wesenhaften Kern, der über ihren ganzen Wert entscheidet, konstituierte ein Reich Gottes, innerhalb dessen jeder Un- terschied der Völker, der Kulte imd der Bildung aufgehoben war, das sonach von jeder Art politischen Verbandes sich loslöste. Und sollte die Metaphysik, welche das griechische Altertum geschaffen hatte, fortbestehen, so mußte sie zu dieser neuen Welt des Willens und der Geschichte ein Verhältnis gewinnen. Auch lagen in der geistigen Bil- dung der sinkenden alten Völker wie in dem Schicksal des religiösen Vorgangs Bedingungen, welche über die Richtung entschieden, in der das geschah. 1 ZWEITES KAPITEL AUGUSTINUS Die christlichen Gemeinden waren die Träger der wirksamsten unter einer Mehrheit verwandter Bewegungen, welche dem geistigen Leben der alternden Völker während der römischen Kaiserzeit sein unterscheidendes Gepräge gaben.

Ein veränderter Gemütszustand spiegelt sich in der Literatur der ersten Jahrhunderte nach Christus. Wir sahen denselben vorbereitet in der römisch-griechischen Gesellschaft; immer mehr überwogen zu- erst bei den Griechen, dann bei den Römern die Interessen des Privat- menschen, und so löste sich in der alexandrinischen Literatur und ihren römischen Nachbildungen die Darstellung des Seelenlebens von dem Zusammenhang der sittlichen und politischen Ordnung der Gesell- schaft ab. Die Innerlichkeit des Christentums fand im Seelenleben den Mittelpunkt der Auffassung und Behandlung der ganzen Wirklichkeit, ja den Eingang in die geheimnisvolle metaphysische Welt. Psycholo- gische Gemälde zogen in besonderem Grade das Interesse der Leser in den ersten Jahrhunderten nach Christus an sich; Erörterungen der 256 Zweites Buch. Dritter Abschnitt