Gerade hier macht sich aber die Unvergleichbarkeit materieller und geistiger Vorgänge in einem ganz anderen Verstände geltend und zieht dem Naturerkennen Grenzen von einem durchaus anderen Cha- rakter. Die Unmöglichkeit der Ableitung von geistigen Tatsachen aus denen der mechanischen Naturordnung, welche in der Verschieden- heit ihrer Provenienz gegründet ist, hindert nicht die Einordnung der ersteren in das System der letzteren. Erst wenn die Beziehungen zwi- schen den Tatsachen der geistigen Welt sich als in der Art unver- gleichbar mit den Gleichförmigkeiten des Naturlaufs zeigen, daß eine Unterordnung der geistigen Tatsachen unter die, welche die rnecha- nisiche Naturerkenntnis festgestellt hat, ausgeschlossen wird: dann erst sLnd nicht immanente Schranken des erfahrenden Erkennens aufge- zeigt, sondern Grenzen, an denen Naturerkenntnis endigt und eine selbständige, aus ihrem eigenen Mittelpunkte sich gestaltende Geistes- 1 2 Erstes einleitendes Buch Wissenschaft beginnt. Das Grundproblem liegt sonach in der Fest- stellung der bestimmten Art von Unvergleichbarkeit zwischen den Be- ziehungen geistiger Tatsachen und den Gleichförmigkeiten materieller Vorgänge, welche eine Einordnung der ersteren, eine Auffassung von ihnen als von Eigenschaften oder Seiten der Materie ausschließt und welche sonach ganz anderer Art sein muß als die Verschiedenheit, die zwischen den einzelnen Kreisen von Gesetzen der Materie besteht, wie sie Mathematik, Physik, Chemie und Physiologie in einem sich immer folgerichtiger entwickelnden Verhältnis von Unterordnung darlegen. Eine Ausschließung der Tatsachen des Geistes aus dem Zusammen- hang der Materie, ihrer Eigenschaften und Gesetze wird immer einen Widerspruch voraussetzen, der zwischen den Beziehungen der Tat- sachen auf dem einen und denen der Tatsachen auf dem anderen Ge- biet bei dem Versuch einer solchen Unterordnung eintritt. Und dies ist in der Tat die Meinung, wenn die Unvergleichbarkeit des geistigen Lebens an den Tatsachen des Selbstbewußtseins und der mit ihm zu- sammenhängenden Einheit des Bewußtseins, an der Freiheit und den mit ihr verbundenen Tatsachen des sittlichen Lebens aufgezeigt wird, im Gegensatz gegen die räumliche Gliederung und Teilbarkeit der Materie sowie gegen die mechanisiche Notwendigkeit, unter welcher die Leistung des einzelnen Teils derselben steht. So alt beinahe, als das strengere Nachdenken über die Stellung des Geistes zur Natur, sind die Versuche einer Formulierung dieser Art von Unvergleichbar- keit des Geistigen mit aller Naturordnung, auf Grund der Tatsachen von Einheit des Bewußtseins und Spontaneität des Willens.
Indem diese Unterscheidung von immanenten Schranken des Er- fahrens einerseits, von Grenzen der Unterordnung von Tatsachen unter den Zusammenhang der Naturerkenntnis andererseits in die Darlegung des berühmten Naturforschers eingeführt wird, empfangen die Be- griffe von Grenze und Unerklärbarkeit einen genau definierbaren Sinn, imd damit schwinden Schwierigkeiten, welche in dem von dieser Schrift hervorgerufenen Streit über die Grenzen der Naturerkenntnis sich sehr bemerkbar gemacht haben. Die Existenz immanenter Schranken des Erfahrens entscheidet in keiner Weise über die Frage nach der Unter- ordnung von geistigen Tatsachen unter den Zusammenhang der Er- kenntnis der Materie. Wird, wie von Häckel xmd anderen Forschem geschieht, ein Versuch vorgelegt, durch die Annahme eines psychischen Lebens in den Bestandteilen, aus denen der Organismus sich aufbaut, eine solche Einordnung der geistigen Tatsachen unter den Natur- zusammenhang herzustellen, dann besteht zwischen einem solchen Ver- such und der Erkenntnis der immanenten Schranken alles Erfahrens schlechterdings kein Verhältnis von Ausschließung; über ihn entschei- Der wahre Begriff der Grenzen der Naturerkenntnis 1 3 det nur die zweite Art von Untersuchung der Grenzen des Natur- erkennens. Daher ist auch Du Bois-R. zu dieser zweiten Untersuchung fortgegangen und hat sich in seiner Beweisführung sowohl des Argu- ments von der Einheit des Bewußtseins als des anderen von der Spon- taneität des Willens bedient. Sein Beweis, „daß die geistigen Vor- gänge aus ihren materiellen Bedingungen nie zu begreifen sind"*, wird folgendermaßen geführt. Bei vollendeter Kenntnis aller Teile des materiellen Systems, ihrer gegenseitigen Lage und ihrer Bewegung bleibt es doch durchaus unbegreiflich, wie einer Anzahl von Kohlen- stoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoffatomen nicht sollte gleich- gültig sein, wie sie liegen und sich bewegen. Diese Unerklärbarkeit des Geistigen bleibt ganz ebenso bestehen, wenn man diese Elemente nach Art der Monaden schon einzeln mit Bewußtsein ausstattet, imd von dieser Annahme aus kann das einheitliche Bewußtsein des Individuums nicht erklärt werden. ^ Schon sein zu beweisender Satz enthält in dem,, nie zu begreifen" einen Doppelsinn, und dieser hat im Beweis selber ein Hervortreten zweier Argumente von ganz verschiedener Tragweite nebeneinander zur Folge. Er behauptet einmal, daß der Versuch, aus materiellen Veränderungen geistige Tatsachen abzuleiten (der gegenwärtig als roher Materialismus verschollen ist und nur noch in der Weise der Aufnahme psychischer Eigenschaften in die Elemente ge- macht wird), die immanente Schranke alles Erfahrens nicht aufzu- heben vermag: was sicher ist, aber nichts gegen die Unterordnung des Geistes unter das Naturerkennen entscheidet. Und er behauptet alsdann, daß dieser Versuch an dem Widerspruch scheitern muß, wel- ^ Er beginnt: Über die Grenzen. 4. Aufl., S. 28.
* A. a. O. 29. 30. vgl. Rätsel 7. Diese Argumentation ist übrigens nur schlußkräftig, ■wenn der atomistischen Mechanik sozusagen metaphysische Gültigkeit beigelegt wird. Zu ihrer von Du Bois-R. berührten Geschichte kann auch die Formulierung bei dem Klassiker der rationalen Psychologie, Mendelssohn, verglichen werden. Z. B. Schriften (Leipzig 1880) I, 277: I. „Alles, was der menschliche Körper vom Marmorblock Verschiedenes hat, läßt sich auf Bewegung zurückführen. Nun ist die Bewegung nichts anderes als die Verände- rung des Orts oder der Lage. Es leuchtet in die Augen, daß durch alle möglichen Orts- veränderungen in der Welt, sie mögen noch so zusammengesetzt sein, kein Wahrnehmen dieser Ortsveränderungen zu erhalten sei." 2. „Alle Materie besteht aus mehreren Teilen. Wenn die einzelnen Vorstellungen so in den Teilen der Seele isoliert wären, wie die Gegen- stände in der Natur, so wäre das Ganze nirgends anzutreffen. Wir würden die Eindrücke verschiedener Sinne nicht vergleichen, die Vorstellungen nicht gegeneinanderhalten, keine Verhältnisse wahrnehmen, keine Beziehungen erkennen können. Hieraus ist klar, daß nicht nur zum Denken, sondern zum Empfinden vieles in einem zusammenkommen muß. Da aber die Materie niemals ein einziges Subjekt wird usw." Kant entwickelt diesen „Achilles aller dialektischen Schlüsse der reinen Seelenlehre" als zweiten Paralogismus der transzen- dentalen Psychologie. Bei Lotze wurden diese,, Taten des beziehenden Wissens" als „nicht zu überwältigender Grund, auf welchem die Überzeugung von der Selbständigkeit eines Seelenwesens sicher beruhen kann", in mehreren Schriften (zuletzt Metaphysik 476) ent- wickelt und bilden die Grundlage dieses Teils seines metaphysischen Systems.
14 Erstes einleitendes Buch eher zwischen unserer Vorstellung der Materie und der Eigenschaft der Einheit, die unserem Bewußtsein zukommt, besteht. In seiner späteren Polemik gegen Häckel fügt er diesem Argument das andere hinzu, daß unter solcher Annahme ein weiterer Widerspruch zwischen der Art, wie ein materieller Bestandteil im Naturzusammenhang mecha- nisch bedingt ist, und dem Erlebnis der Spontaneität des Willens ent- steht; ein „Wille" (in den Bestandteilen der Materie), der „wollen soll, er mag wollen oder nicht und das im geraden Verhältnis des Pro- duktes der Massen und im umgekehrten des Quadrates der Entfernun- gen" ist eine contradictio in adjecto.^ III.
DAS VERHÄLTNIS DIESES GANZEN ZU DEM DER NATURWISSENSCHAFTEN Jedoch in einem weiten Umfang fassen die Geisteswissenschaften Naturtatsachen in sich, haben Naturerkenntnis zur Grundlage.
Dächte man sich rein geistige Wesen in einem aus solchen allein bestehenden Personenreich, so würde ihr Hervortreten, ihre Erhaltung und Entwicklung, wie ihr Verschwinden (welche Vorstellungen man auch von dem Hintergrund sich bilde, aus welchem sie hervorträten und in den sie wieder zurücktreten würden), an Bedingungen geistiger Art gebunden sein; ihr Wohlsein wäre in ihrer Lage zur geistigen Welt gegründet; ihre Verbindung untereinander, ihre Handlungen auf- einander würden sich durch rein geistige Mittel vollziehen und die dauernden Wirkungen ihrer Handlungen würden rein geistiger Art sein; selbst ihr Zurücktreten aus dem Reich der Personen würde in dem Geistigen seinen Grund haben. Das System solcher Individuen würde in reinen Geisteswissenschaften erkannt werden. In Wirklich- keit entsteht ein Individuum, wird erhalten und entwickelt sich auf Grund der Funktionen des tierischen Organismus und ihrer Bezie- hungen zu dem umgebenden Naturlauf; sein Lebensgefühl ist wenig- stens teilweise in diesen Funktionen gegründet; seine Eindrücke sind von den Sinnesorganen und ihren Affektionen seitens der Außenwelt bedingt; den Reichtum und die Beweglichkeit seiner Vorstellungen und die Stärke sowie die Richtung seiner Willensakte finden wir vielfach von Veränderungen in seinem Nervensystem abhängig. Sein Willensantrieb bringt Muskelfasern zur Verkürzung, und so ist ein Wirken nach außen an Veränderungen in den Lageverhältnissen der Massen- teilchen des Organismus gebunden; dauernde Erfolge seiner Willens- » Welträtsel S. 8.
Die psychophysische Lebenseinheit 15 handlunger. existieren nur in der Form von Veränderungen innerhalb der materiellen Welt. So ist das geistige Leben eines Menschen ein nur durch Abstraktion loslösbarer Teil der psycho-physischeA Lebens- einheit, als welche ein Menschendasein und Menschenleben sich dar- stellt. Das System dieser Lebenseinheiten ist die Wirklichkeit, welche den Gegenstand der geschichtlich-gesellschaftlichen Wissenschaften ausmacht.
Und zwar ist der Mensch als Lebenseinheit, vermöge des doppelten Standpunktes unserer Auffassimg (gleichviel, welcher der metaphy- sische Tatbestand sei), soweit inneres Gewahrwerden reicht, als ein Zusamm.enhang geistiger Tatsachen, soweit wir dagegen mit den Sin- nen auffassen, als ein körperliches Ganzes für uns da. Inneres Gewahr- werden und äußere Auffassung finden niemals in demselben Akte statt, und daher ist uns die Tatsache des geistigen Lebens nie mit der unseres Körpers zugleich gegeben. Hieraus ergeben sich mit Not- wendigkeit zwei verschiedene, nicht ineinander aufhebbare Standpunkte für die wissenschaftliche Auffassung, welche die geistigen Tatsachen und die Körperwelt in ihrem Zusammenhang, dessen Ausdruck die psycho-physische Lebenseinheit ist, erfassen will. Gehe ich von der inneren Erfahrung aus, so finde ich die gesamte Außenwelt in meinem Bewußtsein gegeben, die Gesetze dieses Naturganzen unter den Be- dingungen meines Bewußtseins stehend und sonach von ihnen ab- hängig. Dies ist der Standpunkt, welchen die deutsche Philosophie an der Grenze des achtzehnten und unseres Jahrhunderts als Tran- szendentalphilosophie bezeichnete. Nehme ich dagegen den Natur- zusammenhang, so wie er als Realität vor mir in meinem natürlichen Auffassen steht, und gewahre In die zeitliche Abfolge dieser Außenwelt sowie in ihre räumliche Verteilung psychische Tatsachen mit eingeordnet, finde ich von dem Eingriff, welchen die Natur selber oder das Experiment macht und welcher in materiellen Veränderungen besteht, wann diese an das Nervensystem herandringen, Veränderungen des geistigen Lebens abhängig, erweitert Beobachtung der Lebens- entwicklung und der krankhaften Zustände diese Erfahrungen zu dem umfassenden Bilde der Bedingtheit des Geistigen durch das Körper- liche: dann entsteht die Auffassung des Naturforschers, welcher von außen nach innen, von der materiellen Veränderung zur geistigen Ver- änderung vorandringt. So ist der Antagonismus zwischen dem Philo- sophen und dem Naturforscher durch den Gegensatz ihrer Ausgangs- punkte bedingt.
Wir nehmen nun unseren Ausgangspunkt in der Betrachtungs- weise der Naturwissenschaft. Sofern diese Betrachtungsweise sich ihrer Grenzen bewußt bleibt, sind ihre Ergebnisse unbestreitbar. Sie empi6 Erstes einleitendes Buch fangen nur von dem Standpunkt der inneren Erfahrung aus die nähere Bestimmung ihres Erkenntniswertes. Die Naturwissenschaft zerglie- dert den ursächlichen Zusammenhang des Naturlaufes. Wo diese Zer- gliederung die Punkte erreicht hat, an welchen ein materieller Tat- bestand oder eine materielle Veränderung regelmäßig mit einem psy- chischen Tatbestand oder einer psychischen Veränderung verbunden ist, ohne daß zwischen ihnen ein weiteres Zwischenglied auffindbar wäre: da kann eben nur diese regelmäßige Beziehung selber fest- gestellt werden, das Verhältnis von Ursache und Wirkung kann aber auf diese Beziehung nicht angewandt werden. Wir finden Gleich- förmigkeiten des einen Lebenskreises regelmäßig mit solchen des an- deren verknüpft, und der mathematische Begriff der Funktion ist der Ausdruck dieses Verhältnisses. Eine Auffassung desselben, vermöge deren der Ablauf der geistigen neben dem der körperlichen Verände- rungen mit dem Gange von zwei gleichgestellten Uhren vergleichbar wäre, ist mit der Erfahrung so gut im Einklang als eine Auffassung, welche nur ein Uhrwerk als Erklärungsgrund annimmt, unbildlich, welche beide Erfahrungskreise als verschiedene Erscheinungen eines Grundes betrachtet. Abhängigkeit des Geistigen vom Naturzusammen - hang ist also das Verhältnis, welchem gemäß der allgemeine Naturzusammenhang diejenigen materiellen Tatbestände und Veränderungen ursächlich bedingt, welche für uns regelmäßig und ohne eine wei- tere erkennbare Vermittlung mit geistigen Tatbeständen und Verände- rungen verbunden sind. So sieht das Naturerkennen die Verkettung der Ursachen bis zu dem psycho-physischen Leben hin wirken: hier entsteht eine Verändertmg, an welcher die Beziehung des Materiellen und Psychischen sich der ursächlichen Auffassung entzieht, und diese Veränderung ruft rückwärts in der materiellen Welt eine Veränderung hervor. In diesem Zusammenhang schließt sich dem Experiment des Physiologen die Bedeutung der Struktur des Nervensystems auf. Die verwirrenden Erscheinungen des Lebens werden in eine klare Vor- stellung der Abhängigkeiten zerlegt, in deren Verfolg der Natur- lauf Veränderungen bis an den Menschen heranführt, diese alsdann durch die Pforten der Sinnesorgane in das Nervensystem dringen, Empfindung, Vorstellen, Gefühl, Begehren entstehen und auf den Na- turlauf zurückwirken. Die Lebenseinheit selbst, welche mit dem immittelbaren Gefühl unseres ungeteilten Daseins uns erfüllt, wird in ein System von Beziehungen aufgelöst, die zwischen den Tatsachen un- seres Bewußtseins und der Struktur sowie den Funktionen des Nerven- systems empirisch festgestellt werden können: denn jede psychische Aktion zeigt sich nur vermittels des Nervensystems mit einer Ver- änderung innerhalb unseres Körpers verbunden, und eine solche ist Die Zerlegung derselben. — Auf sie begründete Bestimmung des Verhältnisses 17 ihrerseits nur vermittels ihrer Wirkung auf das Nervensystem von einem Wechsel unserer psychischen Zustände begleitet.
Aus dieser Zergliederung der psycho-physischen Lebenseinheiten entspringt nun eine deutlichere Vorstellung der Abhängigkeit derselben von dem ganzen Zusammenhang der Natur, innerhalb dessen sie auf- treten, wirken und aus dem sie wieder zurücktreten, und somit auch des Studiums der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit von der Naturerkenntnis. Hiemach kann der Grad von Berechtigung fest- gestellt werden, der den Theorien von Comte und Herbert Spencer über die Stellung dieser Wissenschaften in der von ihnen aufgestellten Hierarchie der Gesamtwissenschaft zukommt. Wie diese Schrift die relative Selbständigkeit der Geisteswissenschaften zu begründen ver- suchen wird, so hat sie als die andere Seite der Stellung derselben im wissenschaftlichen Gesamtganzen das System von Abhängigkeiten zu entwickeln, vermöge dessen sie durch die Naturerkenntnis bedingt sind, und sonach in dem Aufbau, welcher in der mathematischen Grund- legung anhebt, das letzte und höchste Glied büden. Tatsachen des Geistes sind die oberste Grenze der Tatsachen der Natur, die Tat- sachen der Natur bilden die unteren Bedingungen des geistigen Lebens. Eben weil das Reich der Personen oder die menschliche Gesellschaft imd Geschichte die höchste unter den Erscheinungen der irdischen Erfahrungswelt ist, bedarf seine Erkenntnis an unzähligen Punkten die des Systems von Voraussetzungen, welche für seine Entwicklung in dem Naturganzen gelegen sind.
Und zwar ist der Mensch, gemäß seiner so dargelegten Stellung im kausalen Zusammenhang der Natur, von dieser in einer zwie- fachen Beziehung bedingt.
Die psycho-physische Einheit, so sahen wir, empfängt, vermittelt durch das Nervensystem, beständig Einwirkungen aus dem allgemei- nen Naturlauf und sie wirkt wieder auf ihn zurück. Nun liegt es aber in ihrer Natur, daß die Wirkungen, welche von ihr ausgehen, vor- nehmlich als ein Handeln auftreten, welches von Zwecken geleitet wird. Für diese psycho-physische Einheit kann also einerseits der Naturlauf und seine Beschaffenheit in bezug auf die Gestaltung der Zwecke selber leitend sein, andererseits ist er für dieselbe als ein System von Mitteln zur Erreichung dieser Zwecke mitbestimmend. Und so sind wir selbst da, wo wir wollen, wo wir auf die Natur wirken, eben weil wir nicht blinde Kräfte sind, sondern Willen, welche ihre Zwecke überlegend feststellen, von dem Naturzusammenhang ab- hängig. Demnach befinden sich die psycho-physischen Einheiten in einer doppelten Abhängigkeit dem Naturlauf gegenüber. Dieser be- dingt einerseits von der Stellung der Erde im kosmischen Ganzen ab Diltheys Schriften I 2 lo Erstes einleitendes Buch als ein System v^on Ursachen die gesellschaftlich-geschichtliche Wirk- lichkeit, und das große Problem des Verhältnisses von Naturzusam- menhang und Freiheit in dieser Wirklichkeit zerlegt sich für den empirischen Forscher in unzählige Einzelfragen, welche das Verhält- nis zwischen Tatsachen des Geistes und Einwirkungen der Natur be- treffen. Andererseits aber entspringen aus den Zwecken dieses Per- sonenreiches Rückwirkungen auf die Natur, auf die Erde, welche der Mensch in diesem Sinne als sein Wohnhaus betrachtet, in dem sich ein- zurichten er tätig ist, und auch diese Rückwirkungen sind an die Be- nutzung des naturgesetzlichen Zusammenhangs gebunden. Alle Zwecke liegen dem Menschen ausschließlich innerhalb des geistigen Vorgangs selber, da ja nur in diesem etwas für ihn da ist; aber der Zweck sucht seine Mittel in dem Zusammenhang der Natur. Wie unscheinbar ist oft die Veränderung, welche die schöpferische Macht des Geistes in der Außenwelt hervorgebracht hat: und doch ruht in dieser allein die Vermittlung, durch welche der so geschaffene Wert auch für an- dere da ist. So sind die wenigen Blätter, welche, als ein materieller Rückstand tiefster Gedankenarbeit der Alten in der Richtung der An- nahme einer Bewegung der Erde, in die Hand des Kopernikus kamen, der Ausgangspunkt einer Revolution in unserer Weltansicht geworden.
An diesem Punkte kann eingesehen werden, wie relativ die Ab- grenzung dieser beiden Klassen von Wissenschaften voneinander ist. Streitigkeiten, wie sie über die Stellung der allgemeinen Sprachwissen- schaft geführt wurden, sind unfruchtbar. An den beiden Übergangsstellen, welche von dem Studium der Natur zu dem des Geistigen führen, an den Punkten, an welchen der Naturzusammenhang auf die Entwicklung des Geistig en einwirkt, und an den andern Punkten, an welchen derselbe von dem Geistigen Einwirkung empfängt oder auch die Durchgangsstelle für die Einwirkung auf anderes Geistige bildet, vermischen s-ich überall Erkenntnisse beider Klassen. Erkenntnisse der Naturwissenschaften vermischen sich mit denen der Geisteswissenschaften. Jnd zwar ver- webt sich in diesem Zusammenhang, gemäß der zwiefachen Beziehung, in welcher der Naturlauf das geistige Leben bedingt, die Erkenntnis der bildenden Einwirkung der Natur häufig mit der Feststellung des Einflusses, welchen dieselbe als Material des Handelns ausübt. So wird aus der Erkenntnis der Naturgesetze der Tonbildung ein wich- tiger Teil der Grammatik und der musikalischen Theorie abgeleitet, und wiederum ist das Genie der Sprache oder Musik an diese Natiu"- gesetze gebunden, und das Studium seiner Leistungen ist daher be- dingt durch das Verständnis dieser Abhängigkeit.
Es kann an diesem Punkte weiter eingesehen werden, daß die Erkenntnis der Bedingungen, welche in der Natur liegen und von der Abhängigkeit und Herrschaft des Menschen 19 Naturwissenschaft entwickelt werden, in einem breiten Umfang die Grundlage für das Studium der geistigen Tatsachen jilden. Wie die Entwicklung des einzelnen Menschen, so ist auch die Ausbreitung des Menschengeschlechts über das Erdganze und die Gestaltung seiner Schicksale in der Geschichte durch den ganzen kosmischen Zusammen- hang bedingt. Kriege bilden z. B. einen Hauptbestandteil aller Ge- schichte, da diese als politische es mit dem Willen von Staaten zu tun hat, dieser aber in Waffen auftritt und sich durch dieselben durch- setzt. Die Theorie des Kriegs hängt aber in erster Linie von der. Erkenntnis des Physischen ab, welches für die streitenden Willen Unterlage und Mittel darbietet. Denn mit den Mitteln der physischen Gewalt verfolgt der Krieg den Zweck, dem Feinde unseren Willen aufzuzwingen. Dies schließt in sich, daß der Gegner auf der Linie bis zur Wehrlosigkeit, welche das theoretische Ziel des als Krieg be- zeichneten Aktes der Gewalt bildet, zu dem Punkte hingezwungen werde, an welchem seine Lage nachteiliger ist als das Opfer, das von ihm gefordert wird, und nur mit einer nachteiligeren vertauscht werden kann. In dieser großen Rechnung sind also die für die Wissen- schaft wichtigsten, sie zumeist beschäftigenden Zahlen die physischen Bedingungen und Mittel, während über die psychischen Faktoren sehr wenig zu sagen ist.
Und zwar haben die Wissenschaften des Menschen, der Gesell- schaft und der Geschichte einmal die der Natur zu ihrer Grundlage, sofern die psycho-physischen Einheiten selber nur mit Hilfe der Bio- logie studiert werden können, alsdann aber, sofern das Mittel, in dem ihre Entwicklung und ihre Zwecktätigkeit stattfindet, auf Jessen Be- herrschung also diese letztere sich zu einem großen Teile bezieht, die Natur ist. In der ersteren Rücksicht bilden die Wissenschaften des Organismus ihre Grundlage, in der zweiten vorwiegend die der an- organischen Natur, Und zwar besteht der so aufzuklärende Zusammen- hang einmal darin, daß diese Naturbedingungen Entwicklung und Verteilung des geistigen Lebens auf der Erdoberfläche bestimmen, alsdann darin, daß die Zwecktätigkeit des Menschen an die Gesetze der Natur gebunden und so durch ihre Erkenntnis und Benutzung be- dingt ist. Daher zeigt das erstere Verhältnis nur Abhängigkeit des Menschen von der Natur, das zweite aber enthält diese Abhängig- keit nur als die andere Seite der Geschichte seiner zunehmenden Herr- schaft über das Erdganze. Derjenige Teil des ersteren Verhältnisses, welcher die Beziehungen des Menschen zu der umgebenden Natur ein- schließt, ist von Ritter einer vergleichenden Methode unterworfen worden. Glänzende Blicke, wie besonders seine vergleichende Schät-