zung der Erdteile nach der Gliederung ihrer Umrisse, ließen eine in 20 Erstes einleitendes Buch den Raumverhältnissen des Erdganzen festgelegte Prädestination der Universalgeschichte ahnen. Die folgenden Arbeiten haben diese bei Ritter als Teleologie der Universalgeschichte gedachte, von einem Buckle in den Dienst des Naturalismus gezogene Anschauung doch nicht bestätigt: an die Stelle der Vorstellung einer gleichmäßigen Abhängigkeit des Menschen von den Naturbedingungen tritt die vor- sichtigere Vorstellung, daß das Ringen der geistig-sittlichen Kräfte mit den Bedingungen der toten Räumlichkeit bei den geschichtlichen Völkern, im Gegensatz zu den geschichtslosen, das Verhältnis von Abhängigkeit beständig vermindert hat. Und so hat auch hier eine selbständige, die Naturbedingungen zur Erklärung benutzende Wissen- s'chaft der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit sich behauptet. Das andere Verhältnis aber zeigt mit der Abhängigkeit, welche durch die Anpassung an die Bedingungen gegeben ist, die Bewältigung der Räumlichkeit durch den wissenschaftlichen Gedanken und die Technik so verbunden, daß die Menschheit in ihrer Geschichte eben vermittels der Unterordnung die Herrs'chaft erringt. Natura enim non nisi par- endo vincitur.i Das Problem des Verhältnisses der Geisteswissenschaften zu der Naturerkenntnis kann jedoch erst als gelöst gelten, wenn jener Gegen- satz, von dem wir ausgingen, zwischen dem transzendentalen Stand- punkt, für welchen die Natur unter den Bedingungen des Bewußtseins steht, und dem objektiv empiris'chen Standpunkt, für welchen die Ent- wicklung des Geistigen unter den Bedingungen des Naturganzen steht, aufgelöst sein wird. Diese Aufgabe bildet eine Seite des Er- kenntnisproblems. Isoliert man dies Problem für die Geisteswissen- schaften, so erscheint eine für alle überzeugende Auflösung nicht un- möglich. Die Bedingungen derselben würden sein: Nachweis der ob- jektiven Realität der inneren Erfahrung; Bewahrheitung der Existenz einer Außenwelt; alsdann sind in dieser Außenwelt geistige Tatsachen und geistige Wesen kraft eines Vorgangs von Übertragung unseres Inneren in dieselbe da; wie das geblendete Auge, das in die Sonne geblickt hat, ihr Bild in den verschiedensten Farben, an den ver- schiedensten Stellen im Räume wiederholt: so vervielfältigt unsere Auffassung das Bild unseres Innenlebens und versetzt es in mannig- fachen Abwandlungen an verschiedene Stellen des uns umgebenden Naturganzen; dieser Vorgang läßt sich aber logisch als ein Analogie- schluß von diesem originaliter uns allein unmittelbar gegebenen Innenleben, vermittels der Vorstellungen von den mit ihm verketteten Äuße- rungen, auf ein verwandten Erscheinungen der Außenwelt entspre- * Baconis aphorismi de iuterpretatione naturae et regno hominis. Aph. 3.
Die Enzyklopädien der Beruf swissetischaften 2 l chend Verwandtes, zugrunde Liegendes darstellen und rechtfertigen. Was immer die Natur an sich selber sein mag, das Studium der Ur- sachen des Geistigen kann sich daran genügen lassen, daß jedenfalls ihre Erscheinungen als Zeichen des Wirklichen, daß die Gleichförmig- keiten in ihrem Zusammensein und ihrer Folge als ein Zeichen sol- cher Gleichförmigkeiten in dem Wirklichen aufgefaßt und benutzt werden können. Tritt man aber in die Welt des Geistes und untersucht die Natur, sofern sie Inhalt des Geistes, sofern sie als Zweck oder Mittel in den Willen eingewoben ist: für den Geist ist sie eben, was' sie in ihm ist, und was sie an sich sein mag, ist hier ganz gleich- gültig. Genug, daß er so, wie sie ihm gegeben ist, auf ihre Gesetz- mäßigkeit in seinen Handlungen rechnen und den schönen Schein ihres Daseins genießen kann.
IV. DIE ÜBERSICHTEN ÜBER DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN Es muß versucht werden, dem, welcher in das vorliegende Werk über die Geisteswissenschaften eintritt, einen vorläufigen Überblick über den Umfang dieser anderen Hälfte des globus inteJlectualis zu geben, und vermittels desselben die Aufgabe des Werkes zu bestimmen.
Die Wissenschaften des Geistes sind noch nicht als ein Ganzes konstituiert; noch vermögen sie nicht einen Zusammenhang aufzu- stellen, in welchem die einzelnen Wahrheiten nach ihren Abhängig- keitsverhältnissen von anderen Wahrheiten und von der Erfahrung ge- ordnet wären.
Diese Wissenschaften sind in der Praxis des Lebens selber er- wachsen, durch die Anforderungen der Berufsbildung entwickelt und die Systematik der dieser Berufsbildung dienenden Fakultäten ist da- her die naturgewachsene Form des Zusammenhangs derselben. Wur- den doch ihre ersten Begriffe und Regeln zumeist in der Ausübung der gesellschaftlichen Funktionen selber gefunden. Ihering Ivat nach- gewiesen, wie juristisches Denken durch eine im Rechtsleben selber sich vollbringende bewußte geistige Arbeit die Grundbegriffe des rö- mischen Rechts geschaffen hat. So zeigt auch die Analyse der älteren griechischen Verfassungen in ihnen die Niederschläge einer bewun- dernswürdigen Kraft bewußten politischen Denkens auf Grund klarer Begriffe und Sätze. Der Grundgedanke, welchem gemäß die Freiheit des Individuums in seinem Anteil an der politischen Gewalt gelegen ist, dieser Anteil aber gemäß der Leistung des Individuums für das Ganze durch die staatliche Ordnung geregelt wird, ist zuerst für die politische Kunst selber leitend gewesen, danach von den großen Theo- 2.2 Erstes einleitendes Buch retikem der sokratischen Schule nur in wissenschaftlichem Zusammen- hang entwickelt worden. Der Fortgang zu umfassenden wissenschaft- lichen Theorien lehnte sich dann vorwiegend an das Bedürfnis einer Berufsbildung der leitenden Stände an. So entsprangen schon in Grie- chenland aus den Aufgaben eines höheren politischen Unterrichts in dem Zeitalter der Sophisten Rhetorik und Politik, und die Geschichte der meisten Geisteswissenschaften bei den neueren Völkern zeigt den herrschenden Einfluß desselben Grundverhältnisses. Die Literatur der Römer über ihr Gemeinwesen empfing ihre älteste Gliederung da- durch, daß sie in Instruktionen für die Priestertümer und die ein- zelnen Magistrate sich entwickelte. ^ Daher ist schließlich die Syste- matik derjenigen Wissenschaften des Geistes, welche die Grundlage der Berufsbildung der leitenden Organe der Gesellschaft enthalten, so- wie die Darstellung dieser Systematik in Enzyklopädien aus dem Be- dürfnis der Übersicht über das für solche Vorbildung Erforderliche hervorgegangen, und die natürlichste Form dieser Enzyklopädien wird, wie Schleiermacher meisterhaft an der Theologie gezeigt hat, immer die sein, welche mit Bewußtsein von diesem Zwecke aus den Zu- sammenhang gliedert. Unter diesen einschränkenden Bedingungen wird der in die Geisteswissenschaften Eintretende in solchen enzyklopädischen Werken einen Überblick über einzelne hervorragende Gruppen dieser Wissenschaften finden. ^ Versuche, solche Leistungen überschreitend, die Gesamtgliederung der Wissenschaften zu entdecken, welche die geschichtlich-gesellschaft- liche Wirklichkeit zum Gegenstande haben, sind von der Philosophie ausgegangen. Sofern sie von metaphysischen Prinzipien her diesen Zusammenhang abzuleiten versuchten, sind sie dem Schicksal aller Metaphysik anheimgefallen. Einer besseren Methode bediente sich schon Bacon, indem er mit dem Problem einer Erkenntnis der Wirk- lichkeit durch Erfahrung die vorhandenen Wissenschaften des Geistes in Beziehung setzte und ihre Leistungen wie ihre Mängel an der Auf- gabe maß. Comenius beabsichtigte in seiner Pansophia aus dem Ver- hältnis der inneren Abhängigkeit der Wahrheiten voneinander die Stufenfolge, in welcher sie im Unterricht auftreten müssen, abzuleitei^ * Mommsen, Rom. Staatsrecht T, 3 ff.
* Für den Zweck einer so bedingten Übersicht über einzelne Gebiete der Geistes- wissenschaften kann auf folgende Enzyklopädien verwiesen werden: Mohl, Enzyklopädie der Staatswissenschaften. Tübingen iSt^g. Zweite umgearbeitete Aufl. 1872 (dritte 1881 Titelaufl.^. Vgl. dazu Übersicht und Beurteilung anderer Enzyklopädien in seiner Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften Bd. I, 11 r — 164. Warnkönig, Juristische Enzyklo- pädie oder organische Darstellung der Rechtswissenschaft. 185^. Schleiermacher, Kurze Darstellung des theologischen Studiums. Zuerst Berlin 18 10. Zweite umgearbeitete Ausg. 1830. Böckh, Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften, heraus- gegeben von Bratuschek. 1877.
Gliederungen nach dem Verhältnis der Abhängigkeit der Wahrheiten 2^ und wie er so im Gegensatz gegen den falschen Begriff der formalen Bildung den Grundgedanken eines künftigen Unterrichtswesens (das leider auch heute noch Zukunft ist) entdeckte, hat er durch das Prin- zip der Abhängigkeit der Wahrheiten von einander eine angemessene Gliederung der Wissenschaften vorbereitet. Indem Comte die Be- ziehung zwischen diesem logischen Verhältnis von Abhängigkeit, in welchem Wahrheiten zu einander stehen, und dem geschichtlichen Ver- hältnis der Abfolge, in welchem sie auftreten, der Untersuchung imter- warf: schuf er die Grundlage für eine wahre Philosophie der Wissen- schaften. Die Konstitution der Wissenschaften der geschichthch-gesell- schaftlichen Wirklichkeiten betrachtete er als das Ziel seiner großen Arbeit, und in der Tat brachte sein Werk eine starke Bewegung in dieser Richtimg hervor; Mill, Littre, Herbert Spencer haben das Pro- blem des Zusammenhangs der geschichtlich-gesellschaftlichen Wissen- schaften aufgenommen.! Diese Arbeiten gewähren dem in die Geistes- wissenschaften Eintretenden eine ganz andere Art von Überblick als die Systematik der Berufsstudien. Sie stellen die Geisteswissenschaften in den Zusammenhang der Erkenntnis, sie fassen das Problem der- selben in seinem ganzen Umfang, und nehmen die Lösung in einer die ganze geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit umfassenden wissenschaftlichen Konstruktion in Angriff. Jedoch, erfüllt von der unter den Engländern und Franzosen heute herrschenden verwegenen wissenschaftlichen Baulust, ohne das intime Gefühl der geschichtlichen Wirklichkeit, welches nur aus einer vieljährigen Beschäftigung mit derselben in Einzelforschung sich bildet, haben diese Positivisten ge- rade denjenigen Ausgangspunkt für ihre Arbeiten nicht gefunden, welcher ihrem Prinzip der Verknüpfung der Einzelwissenschaften ent- ^ Eine Übersicht der Probleme der Geisteswissenschaften nach dem inneren Zusam- menhang, in welchem sie methodisch zueinander stehen, und in welchem folgerecht ihre Auflösung herbeigeführt werden kann, findet man entworfen in: Auguste Comte, Cours de Philosophie positive 1830 — 1842, vom vierten bis sechsten Bande. Seine späteren Werke, welche einen veränderten Standpunkt enthalten, können einem solchen Zweck nicht dienen. Der bedeutendste Gegenentwurf des Systems der Wissenschaften ist von Herbert Spencer. Dem ersten Angriff auf Comte in Spencer, Essays, first series, 1858 folgte die genauere Darlegung in: the Classification of the sciences, 1864 (vgl. die Verteidigung Comtes in Littr6, Auguste Comte et la philosophie positive). Die ausgeführte Darstellung der Gliede- rung der Geisteswissenschaften gibt nunmehr sein System der synthetischen Philosophie, von welchem die Prinzipien der Psychologie zuerst 1855 erschienen, die der Soziologie seit 1876 hervortreten (mit Beziehung auf das Werk: Descriptive Sociology), der abschlie- ßende Teil, die Prinzipien der Ethik (von welchem er selber erklärt, daß er ihn,,für den- jenigen halte, für welchen alle vorhergehenden nur die Grundlage bilden sollen") in einem ersten Bande 1879 die „Tatsachen der Ethik" behandelt. Neben diesem Versuch einer Konstitution der Theorie der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit ist noch der von John Stuart Mill bemerkenswert; er ist enthalten im sechsten Buch der Logik, das von der Logik der Geisteswissenschaften oder der moralischen Wissenschaften handelt, und in der Schrift- Mill, Auguste Comte and Positivism. 1865.
24 Erstes einleitendes Buch sprochen hätte. Sie hätten ihre Arbeit damit beginnen müssen, die Architektonik des ungeheuren, durch Anfügung beständig erweiterten, von innen immer wieder veränderten, durch Jahrtausende allmähUch entstandenen Gebäudes der positiven Geisteswissenschaften zu ergrün- den, durch Vertiefung in den Bauplan sich verständlich zu machen, und so der Vielseitigkeit, in welcher diese Wissenschaften sich tat- sächlich entwickelt haben, mit gesundem Blick für die Vernunft der Geschichte gerecht zu werden. Sie haben einen Notbau errichtet, der nicht haltbarer ist, als die verwegenen Spekulationen eines Schelling imd Oken über die Natur. Und so ist es gekommen, daß die aus einem metaphysischen Prinzip entwickelten Geistesphilosophien Deutsch- lands, von Hegel, Schleiermacher und dem späteren Schelling, den Erwerb der positiven Geisteswissenschaften mit tieferem Blick ver- werten, als die Arbeiten dieser positiven Philosophen es tun.
Andere Versuche einer umfassenden Gliederung auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften sind in Deutschland von der Vertiefung in die Aufgaben der Staatswissenschaften ausgegangen, wodurch frei- lich eine Einseitigkeit des Gesichtspunktes bedingt ist.i Die Geisteswissenschaften bilden nicht ein Ganzes von einer lo- gischen Konstitution, welche der Gliederung des Naturerkennens ana- log wäre; ihr Zusammenhang hat sich anders entwickelt imd muß wie er geschichtlich gewachsen ist nunmehr betrachtet werden.
V. IHR MATERIAL Das Material dieser Wissenschaften bildet die geschichtlich-gesell- schaftliche Wirklichkeit, soweit sie als geschichtliche Kunde im Be- wußtsein der Menschheit sich erhalten hat, als gesellschaftliche, über den gegenwärtigen Zustand sich erstreckende Kunde der Wissen- schaft zugänglich gemacht worden ist. So unermeßlich dieses Ma- terial ist, so ist doch seine Unvollkommenheit augenscheinlich. Inter- essen, welche dem Bedürfnis der Wissenschaft keineswegs entsprechen, Bedingungen der Überlieferung, welche in keiner Beziehung zu die- sem Bedürfnis stehen, haben den Bestand unserer geschichtlichen Kunde bestimmt. Von der Zeit ab, in welcher, um das Lagerfeuer ver- ^ Den Ausgangspunkt bildeten die Diskussionen über den Begriff der Gesellschaft und die Aufgabe der Gesellschaftswissenscbaften, in denen eine Ergänzung der Staatswissen- schaften gesucht wurde. Den Anstoß gaben L. Stein, Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreich, 2. Aufl. 1848, und R. Mohl, Tüb. Zeitschr. für Staatsw. 1851. Fortgeführt in seiner Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften Bd. I, 1855, S. 67fF.: Die Staatswissenschaften und die Gesellschaftswissenschaften. Wir heben zwei Versuche der Gliederung als besonders bemerkenswert hervor: Stein, System der Staatswissenschaft, 1852, nnd Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, 1875 ff.
Natur des Materials der Geisteswissenschaften 25 sammelt, Stammes- und Kriegsgenossen von den Taten ihrer Helden und dem göttlichen Ursprung ihres Stammes erzählten, hat das starke Interesse der Mitlebenden aus dem dunklen Flusse des gewöhnlichen menschlichen Lebens Tatsachen emporgehoben und bewahrt. Das In- teresse einer späteren Zeit und geschichtliche Fügung haben darüber entschieden, was von diesen Tatsachen auf uns gelangen sollte. Ge- schichtschreibung, als eine freie Kunst der Darstellung, faßt einen einzelnen Teil dieses unermeßlichen Ganzen zusammen, der des Inter- esses unter irgendeinem Gesichtspunkt wert erscheint. Dazu kommt: die heutige Gesellschaft lebt sozusagen auf den Schichten und Trüm- mern der Vergangenheit; die Niederschläge der Kulturarbeit in Sprache und Aberglaube, in Sitte und Recht, wie andererseits in materiellen Veränderungen, die über Aufzeichnungen hinausgehen, enthalten eine Überlieferung, welche in unschätzbarer Weise die Aufzeichnungen unterstützt. Auch über ihre Erhaltung hat doch die Hand der ge- schichtlichen Fügung entschieden. Nur an zwei Punkten besteht ein den Anforderungen der Wissenschaft entsprechender Zustand des Ma- terials. Der Verlauf der geistigen Bewegungen in dem neueren Europa ist in den Schriften, welche seine Bestandteile sind, mit einer zureichenden Vollständigkeit erhalten. Und die Arbeiten der Statistik gestatten für den engen Zeitraum und den engen Bezirk von Ländern, inner- halb deren sie zur Anwendung gekommen sind, einen zahlenmäßig festgestellten Einblick in die von ihnen umfaßten Tatsachen der Ge- sellschaft: sie ermöglichen, der Kunde des gegenwärtigen Zustandes der Gesellschaft eine exakte Grundlage zu geben.
Die Unanschaulichkeit in dem Zusammenhang dieses unermeß- Lichen Materials kommt zu dieser Lückenhaftigkeit, ja hat nicht wenig dazu beigetragen, die letztere zu steigern. Als der menschliche Geist die Wirklichkeit seinen Gedanken zu unterwerfen begann, wandte er sich zuerst, von Staunen angezogen, dem Himmel entgegen; diese Wölbung über uns, die auf dem Rund des Horizonts zu ruhen scheint, beschäftigte ihn: ein in sich verbundenes räumliches, den Menschen stets und überall umgehendes Ganzes; so war die Orientierung im Weltgebäude der Ausgangspunkt wissenschaftlicher Forschung, in den östlichen Ländern wie in Europa. Der Kosmos der geistigen Tatsachen ist nicht dem Auge in seiner Unermeßlichkeit sichtbar, sondern nur dem sammelnden Geiste des Forschers; in irgendeinem einzelnen Teile tritt er hervor, wo ein Gelehrter Tatsachen verbindet, und prüft und feststellt: im Inneren des Gemütes baut er sich dann auf. Eine kritische Sichtung der Überlieferungen, Feststellung der Tatsachen, Sammlung derselben bildet daher eine erste umfassende Arbeit der Geisteswissenschaften. Nachdem die Philologie eine mustergültige 26 Erste?, einleitendes Buch Technik an dem schwierigsten und schönsten Stoff der Geschichte, dem klassischen Altertum, herausgebildet hat, wird diese Arbeit teils in unzähligen Einzelforschungen geleistet, teil9 bildet sie einen Be- standteil von weiterreichenden Untersuchungen. Der Zusammenhang dieser reinen Deskription der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirk- lichkeit, wie er auf dem Grunde der Physik der Erde, angelehnt an die Geographie, die Verteilung des Geistigen und seiner Unterschiede auf dem Erdganzen in Zeit und Raum zu beschreiben zum Ziel hat, kann seine Anschaulichkeit immer nur durch Zurückführung auf klare räumliche Maße, Zahlenverhältnisse, Zeitbestimmungen, durch die Hilfsmittel graphischer Darstellung empfangen. Bloße Sammlung und Sichtung des Materials geht hier in eine gedankenmäßige Bearbeitung und Gliederung desselben allmählich über.
VI. DREI KLASSEN VON AUSSAGEN IN IHNEN Die Geisteswissenschaften, wie sie sind und wirken, kraft der Ver- nunft der Sache, die in ihrer Geschichte tätig war (nicht wie die küh- nen Architekten, die sie neu bauen wollen, wünschen), verknüpfen in sich drei unterschiedene Klassen von Aussagen. Die einen von ihnen sprechen ein Wirkliches aus, das in der Wahrnehmung ge- geben ist; sie enthalten den historischen Bestandteil der Erkenntnis. Die anderen entwickeln das gleichförmige Verhalten von Teilinhalten dieser Wirklichkeit, welche durch Abstraktion ausgesondert sind: sie bilden den theoretischen Bestandteil derselben. Die letzten drücken Werturteile aus und schreiben Regeln vor: in ihnen ist der praktische Bestandteil der Geisteswissenschaften befaßt. Tatsachen, Theoreme, Werturteile und Regeln: aus diesen drei Klassen von Sätzen bestehen die Geisteswissenschaften. Und die Beziehung zwischen der histori- schen Richtung in der Auffassung, der abstrakt-theoretischen und der praktischen geht als ein gemeinsames Grundverhältnis durch die Gei- steswissenschaften. Die Auffassung des Singularen, Individualen bil- det in ihnen (da sie die beständige Widerlegung des Satzes von Spi- noza: 'omnis determinatio est negatio' sind) so gut einen letzten Zweck als die Entwicklung abstrakter Gleichförmigkeiten. Von der ersten Wurzel im Bewußtsein bis zur höchsten Spitze ist der Zusammen- hang der Werturteile und Imperative unabhängig von dem der zwei ersten Klassen. Die Beziehung dieser drei Aufgaben zueinander im denkenden Bewußtsein kann erst im Verlauf der erkenntnistheoreti- schen Analysis (umfassender: der Selbstbesinnung) entwickelt v^erden. Jedenfalls bleiben Aussagen über Wirklichkeit von Werturteilen und Drei Klassen von Aussagen in ihnen 27 Imperativen auch in der Wurzel gesondert; so entstehen zwei Arten von Sätzen, die primär verschieden sind. Und zugleich muß anerkannt werden, daß diese Verschiedenheit innerhalb der Geisteswissenschaf- ten einen doppelten Zusammenhang in denselben zur Folge hat. Wie sie gewachsen sind, enthalten die Geisteswissenschaften neben der Er- kenntnis dessen, was ist, das Bewußtsein des Zusammenhangs der Wert- urteile und Imperative, als in welchem Werte, Ideale, Regeln, die Rich- tung auf Gestaltung der Zukunft verbunden sind. Ein politisches Ur- teil, das eine Institution verwirft, ist nicht wahr oder falsch, sondern richtig oder unrichtig, insofern seine Richtung, sein Ziel abgeschätzt wird; wahr oder falsch kann dagegen ein politisches Urteil sein, wel- ches die Beziehungen dieser Institution zu anderen Institutionen er- örtert. Erst indem diese Einsicht für die Theorie von Satz, Aussage, Urteil leitend wird, entsteht eine erkenntnis-theoretische Grundlage, die den Tatbestand der Geisteswissenschaften nicht in die Enge einer Erkenntnis von Gleichförmigkeiten nach Analogie der Naturwissen- schaft zusammendrängt und solchergestalt verstümmelt, sondern wie sie gewachsen sind, begreift und begründet.
VII. AUSSONDERUNG DER EINZELWISSENSCHAFTEN AUS DER GESCHICHTLICH- GESELLSCHAFTLICHEN WIRKLICHKEIT Die Zwecke der Geisteswissenschaften, das Singulare, Individuale der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit zu erfassen, die in seiner Gestaltung wirksamen Gleichförmigkeiten zu erkennen, Ziele und Regeln seiner Fortgestaltung festzustellen, können nur vermittels der Kunstgriffe des Denkens, vermittels der Analysis und der Ab- straktion erreicht werden. Der abstrakte Ausdruck, in welchem von bestimmten Seiten des Tatbestandes abgesehen wird, andere aber ent- wickelt werden, ist nicht das ausschließliche letzte Ziel dieser Wissen- schaften, aber ihr unentbehrliches Hilfsmittel. Wie das abstrahierende Erkennen nicht die Selbständigkeit der anderen Zwecke dieser Wissen- schaften in sich auflösen darf: so kann weder die geschichtliche, die theoretische Erkenntnis noch die Entwicklung der die Gesellschaft tatsächlich leitenden Regeln dieses abstrahierenden Erkennens ent- raten. Der Streit zwischen der historischen und der abstrakten Schule entstand, indem die abstrakte Schule den ersten, die historische den anderen Fehler beging. Jede Einzelwissenschaft entsteht nur durch den Kunstgriff der Herauslösung eines Teilinhaltes aus der geschieht- 2 8 Erstes einleitendes Buch lich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, Selbst die Geschichte sieht von den Zügen im Leben der einzelnen Menschen und der Gesellschaft, welche in der von ihr darzustellenden Epoche denen aller anderen Epochen gleich sind, ab; ihr Blick ist auf das Unterscheidende und Singulare gerichtet. Hierüber kann sich der einzelne Geschieht Schrei- ber täuschen, da aus einer solchen Richtung des Blickes schon die Aus- wahl der Züge in seinen Quellen entspringt; aber wer die wirkliche Leistung desselben mit dem ganzen Tatbestand der gesellschaftlich- geschichtlichen Wirklichkeit vergleicht, muß es anerkennen. Hieraus ergibt sich der wichtige Satz, daß jede einzelne Wissenschaft des Geistes nur relativ, in ihrer Beziehung zu den anderen Wissenschaften des Geistes mit Bewußtsein erfaßt, die gesellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit erkennt. Die Gliederung dieser Wissenschaften, ihr ge- sundes Wachstum in ihrer Besonderung ist sonach an die Einsicht in die Beziehung jeder ihrer Wahrheiten auf das Ganze der Wirklichkeit, in der sie enthalten sind, sowie an das stete Bewußtsein der Ab- straktion, vermöge deren diese Wahrheiten da sind, und des begrenzten Erkenntniswertes, der ihnen gemäß ihrem abstrakten Charakter zu- kommt, gebunden.
Nun kann vorgestellt werden, welche die fundamentalen Zer- legungen sind, vermöge deren die einzelnen Wissenschaften des Gei- stes ihren ungeheuren Gegenstand zu bewältigen versucht haben.
vni.
WISSENSCHAFTEN DER EINZELMENSCHEN ALS ^DER ELEMENTE DIESER WIRKLICHKEIT Die Analysis findet in den Lebenseinheiten, den psychophysischen Individuis die Elemente, aus welchen Gesellschaft und Geschichte sich aufbauen, und das Studium dieser Lebenseinheiten bildet die am mei- sten fundamentale Gruppe von Wissenschaften des Geistes. Den Na- turwissenschaften ist der Sinnenschein von Körpern verschiedener Größe, die sich im Räume bewegen, sich ausdehnen und erweitern, zusammenziehen und verringern, in welchen Veränderungen der Be- schaffenheiten vorgehen, als Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ge- geben. Sie haben sich nur langsam richtigeren Ansichten über die Konstitution der Materie genähert. In diesem Punkte besteht ein viel günstigeres Verhältnis zwischen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit und der Intelligenz. Dieser ist in ihr selber die Einheit unmittelbar gegeben, welche das Element in dem vielverwickelten Ge- bilde der Gesellschaft ist, während dasselbe in den Naturwissenschaften erschlossen werden muß. Die Subjekte, in welche das Denken die Aussonderung der Einzelwissenschaften. Die Wissenschaften des Einzelmenschen 2 g Prädizierungen, durch die alles Erkennen stattfindet, nach seinem un- weigerlichen Gesetz heftet, sind in den Naturwissenschaften Elemente, welche durch eine Zerteilung der äußeren Wirklichkeit, ein Zerschla- gen, Zersplittern der Din^e nur hypothetisch gewonnen sind; in den Geisteswissenschaften sind es reale, in der inneren Erfahrung als Tat- sachen gegebene Einheiten. Die Naturwissenschaft baut die Materie aus kleinen, keiner selbständigen Existenz mehr fähigen, nur noch als Bestandteile der Moleküle denkbaren Elementarteilchen auf; die Einheiten, welche in dem wunderbar verschlungenen Ganzen der Ge- schichte und der Gesellschaft aufeinanderwirken, sind Individua, psycho-physische Ganze, deren jedes von jedem anderen unterschieden, deren jedes eine Welt ist. Ist doch die Welt nirgend anders als eben in der Vorstellung eines solchen Individuums. Diese Unermeßlich- keit eines psycho-physischen Ganzen, in der schließlich die Unermeß- lichkeit der Natur nur enthalten ist, läßt sich an der Analysis der Vor- stellungswelt verdeutlichen, als in welcher aus Empfindungen und Vor- stellungen eine Einzelanschauung sich aufbaut, dann aber, aus welcher Fülle von Elementen sie auch bestehe, als ein Element in die bewußte Verknüpfung und Trennung der Vorstellungen eintritt. Und diese Sin-