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BDD DSE Ginleitung in bie Geifteswiffenfhaften.
in bie Geiſteswiſſenſch aften.
Verſuch einer Grundlegung für das Studium der Geſellſchaft und der Gefchichte Wilhelm Dilthen, Vroleſor der Vbilelobdie an der Uninerfität Berlin.
Erfter Band.
Leipzig, Verlag von Dunder & Humblot.
Das Ueberſetzungsrecht bleibt vorbehalten.
An den Grafen Paul York von Wartenburg.
In einer unferer erften Unterhaltungen entwickelte ich Ahnen den Plan dieſes Buches, welches ich damals noch ala Kritik der Hiftorifchen Vernunft zu bezeichnen wagte. In den ihönen Jahren jeitdem habe ich des einzigen Glückes genoffen, auf der Grundlage der Verwandtſchaft der Meberzeugungen in oft täglidem Geſpräch gemeinfam zu philofophiren. Wie könnte ich ausfondern twollen, was der Gedankenzuſammenhang, welchen ich vorlege, Ahnen verdankt? Nehmen Sie, da wir nun räum- li) getrennt worden find, dies Werk ala ein Zeichen unwandel⸗ barer Gefinnung. Der ſchönſte Kohn der langen Arbeit, in welcher es entftand, wird mir der Beifall des Freundes fein.
Inhablt.
Erſtes einleitendes Bud. Seue Aeberficht über den Bnſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Oeiftes, in welcher die Notwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird.
1. Abficht dieſer Einleitung in die Geiſteswifſenſchaften...- 8 2. Die Geiſteswiſſenſchaften ein ſelbſtaͤndiges Ganze, neben ben Naturwiſſenſchaftffennn. 5 8. Das Verhaltniß diefea Ganzen zu dem ber Naturwifſenſchaften 17 4. Die Ueberfichten über die Geifteswifienichaften...26 5. Ihr Materiaind. 30 6. Drei Klafien von Ausfagen in ihnen. -. - 2» 200000. 82 7. Ausjonderung ber Ginzelwiffenichaften aus ber geichichtlich-gefells ſchaftlichen Wirklichteit.. 84 8. Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen ala der Elemente dieſer Wirt: lichteiti. rn 85 9. Stellung bed Erkennens zu dem Zuſammenhang geſchichtlich⸗geſell⸗ ſchaftlicher Wirklichleit.. 44 10. Das wiſſenſchaftliche Studium ber natürlichen Gliederung ber Menſchheit jowie der einzelnen Völler...-. 2-2 200. 49 11. Unterjcheidung von zwei weiteren Klafſen von Einzelwifienichaften 52 12. Die Wiſſenſchaften von ben Syftemen ber Sultur...61 Die Beziehungen zwiſchen ben Suflemen der Jultur und ber äußeren Organifation der Gelellichaft. Das Net...65 Die Erkenntniß der Syfteme der Kultur. Gittenlehre ifl eine Wiffenſchaft von einem Syſtem ber Rultur...18 Die Wifienkhaften der Außeren Organifation ber Gefellichaft.. 80 Inhalt.
Die piychologiſchen Grundlagen - - >» 2 22222 Die äußere Organifation ber Geſellſchaft als geſchichtlicher That⸗ befſtannnnn.
Die Aufgabe ber theoretiſchen Darftellung der äußeren Organi⸗ ſation der Geſellſchaft.. Philoſophie der Geſchichte und Sociologie find feine wirklichen Wifſenſchaftfennn. ne Ihre Aufgabe iſt unlögbar.
Beſtimmung ber Aufgabe ber Geſchichtswifſenſchaft im Zu⸗ fammenbang ber Geifteswiflenidyaften. -. - - - 2...Ihre Methoden find falſch...Sie ertennen nicht die Stellung der Geichichtäwifjenichaft zu ben Einzelwifienichaften der Gelellihaft -. - - » 22 2200 n. Wachſende Ausdehnung und Vervollkommnung der Einzelwifien: Ihaften - - >20 ren Die Rothwendigkeit einer ertenntnißtheoretiſchen Grunblegung für bie Einzelwifſenſchaften des Beiftee -. -. 2220000 3mweit es Bu ch. Metaphyſik als Grundlage der Gelfteswilfenfdaften. Ihre Herrſchaft and ihr Verfall.
Eriter Abſchnitt. Das mythiſche Vorſtellen und die Entſtehung der Wiffenichaft in Europa.
Erfted Kapitel. Die aud dem Ergebniß bed erften Buches ent⸗ Ipringende Aufgadbde. nee Zweites Kapitel. Der Begriff ber Metaphyfik. Das Problem ihres Berhältniffes zu den nächſtverwandten Erfcheinungen.. Drittes Kapitel. Das religidjfe Leben als Unterlage ber Metaphyfik. Der Zeitraum des mythiſchen Borftellend...Viertes Kapitel. Die Entftehung der Wiflenichaft in Europa Fünftes Kapitel. Charakter ber älteften griechiichen Wiſſen⸗ Zweiter Abſchnitt. Metaphyfiſches Stadium in ber Entwidlung ber alten Bölter.
Erſtes Kapitel. Berichiedene metaphufifche Standpunkte werben erprobt und erweiſen ſich al& zur Zeit nicht entwidlungsfähig Inhalt.
Zweites Kapitel. Anaragoras und bie Entſtehung ber mono⸗ theiftiichen Metaphyfik in Europa. - -. - - Drittes Kapitel. Die mechaniſche Weltanfiht durch Leukipp unb Demokrit begründet. Die Urſachen ihrer vorläufigen Macht: Iofigleit gegenüber der monotbeiftifchen Metapbufil...Diertes Kapitel. Zeitalter ber Sophiften und bes Sokrates. Die Methode ber Feſtſtellung des Erkenntnißgrundes wird ein- geführt. Fünftes Kapitel. Plato...Fortſchritt der metaphyfiſchen Methode...Die Lehre von den ſubſtantialen Formen des ſtosmos tritt in die monotheiſtiſche Metaphyfil ein. -. -. -. -...Tie Begründung biefer Metaphyfil der fubflantialen Formen. Ihr monotheiftiiher Abihluß - -. - » - 220. Sechſtes Kapitel. Ariftoteles und die Aufftellung einer ab» gefonderten metaphyfiſchen Wiflenihaft - - -. » 2...Die wiflenichaftlicden Bedingungen -. - -» » 22 22.. Die Sonderung der Logik von ber Metaphyfil und ihre Bes ziehung auf biefelbe...> 22 ren Aufftellung einer jelbftändigen Wiffenichaft der Metaphyfik. Der metapbufilde Zufammenhang der Welt...Metaphyſik und Natuxwiflenihaft -. -..» -». 2...Die Gottheit "ala der Iehte und höchfte Gegenftand ber Meta Siebentes Kapitel. Die Metaphyſik der Griechen unb bie geſellſchaftlich geſchichtliche Wirklichlett -. - - - - 2.2.2. Schranken der griechiſchen Geifteswiflenihait. -. - -.. - Stadium ber Zurkdführung ber geiellichaftlidhen Ordnung auf göttlide Stiftung - - - - - >» 2 2 2220.
Das Naturreht der Sophiften ala eine atomiftilche Meta: phyfik der Geſellſchaft und die Gründe feiner Unfruchtbarteit Die politifche Wiſſenſchaft ber ſokratiſchen Schule. Der ideale Staat Platog. Die vergleichende Staatswifienichaft bes Ariſtoteles. rn. Achtes Kapitel. Zeriekung der Metaphyfit im Skepticismus. Die alten Böller treten in das Stadium ber Einzelwiſſen⸗ ſchaftenn. en Der Skepticiomus. Die nadjariftoteliiche Metaphyfit und ihr fubjeltiver Charakter Die Selbftänbigkeit ber Einzelwiflenichaften.. -. -..» -..
Anhalt.
Dritter Abſchnitt.
Metaphyfiſches Stabium ber neueren Völker. Erfted Kapitel. Chriſtenthum, Erkenntnißtheorie und Meta: phyfikk...Zweites Kapitel. Auguſtinus...20 een Die Düne >: on AuguflinuB >: ven Drittes Kapitel. Die neue Generation von Völkern und ihr metaphyfiſches Stabium - - - - - - 22220 Viertes Kapitel. Erſter Zeitraum bed mittelalterlichen Denlend. 2: 00 ne Die Theologie und die Dialektit ala ihr Werkzeug...- Die Antinomie zwiſchen ber Borftellung des allmädhtigen und allwifienden Gottes und ber Vorftellung ber Freiheit des Meanihen - > 220er. Die Antinomien in ber Borftellung Gottes nach feinen Eigen: ſchaften. Fünftes Kapitel. Die Theologie Wird mit der Naturer⸗ tenntniß und ber ariſtoteliſchen Wiflenichaft vom Stodınoa ver: knüpf © 220er Die Naturerfenntniß ber Araber unb ihr ariftoteliicher Standpunt. nne Mebertragung auf daB Abendland...» » er...Sechſtes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlichen Denkens...1. Abſchluß der Metaphyfit der ſubſtantialen Formen...2. Die verfiandesmäßige Begründung der transſcendenten Die Schlüfle auf das Tafein Bott...Sie Beweiſe für bie Unfterblichkeit der Seele...3. Innerer Widerſpruch der mittelalterlichen Dietaphyfit, ber aus der Verknüpfung dev Theologie mit der Willens Ichaft vom Kosmos entipringt- - - -. - 222.. Charakter der fo entitehenden Shufteme...»...Antinomie zwifchen ber Vorftellung des göttlichen In⸗ tellett3 und ber Vorftellung bed göttlichen Willens. Antinomie zwiichen ber Ewigkeit ber Welt und ihrer Schöpfung in der Bet...2.: 2200 e een Diefe Antinomien können in feiner Metaphyfik aufge: Löft werdeen.
Seite Anhalt.
Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphyſik ber Be: ſchichte und Geiellihaft - - - - > >22 rennen Das Reich immaterieller Subflanzen. - -...Aufftellung eines metaphyfiſchen Zuſammenhangs in demielben Der religiöfe Borftellungäkreiß. -.. - - 2000 e. Der weltliche Borftellungäkrei®.. - - 22200 Vierter Abſchnitt.
Die Auflöfung ber metaphufiichen Stellung be Menichen zur Wirklichkeit.
Erfied Kapitel. Die Bebingungen bed modernen wifſſenſchaft⸗ lichen Bemwußtleind - - © > 2 20er ne Zweites Kapitel. Die Naturwifienichaften.. - - -»...Die Metaphufit bes Alterthums und Mittelalterd wirb durch die Naturtifienichaften aufgelöl.. -. - - 2.2...Die mechaniſche Naturerklärung ift weber eine neue Meta⸗ phyfik noch kann fie ala Ausgangspunkt einer jolchen be: nubt werdennnn. Der Rückſtand aus ber naturwiſſenſchaftlichen Erklärung im freien Bewußtſein ber Gedankenmäßigkeit des Weltzu: fammenbangs und bes Leben? in ber Natur...Drittes Kapitel. Bie Geifteswilienichaften. -. -...- Die metaphyfiſche Konſtruktion ber Gefellichaft und ber Ge⸗ ſchichte wirb aufgelöft durch die Analyfis in der Wiflen- ſchaft des Einzelmenſchen. in den Einzelwifſenſchaften der Gejellichaft.. - - - - in ber auf biefe gegründeten Geſchichtswiſſenſchaft Nüdftand aus den Geifteswiflenichaften im freien Bewußtſein von dem Meta⸗Phyfiſchen der Menichennatur und bes Lebens Viertes Kapitel. Sclußbetradhtung über bie Unmöglichkeit ber metapbufiichen Stellung des Extennend...Der logiſche Weltzufammenbang ala Ideal der Metaphyſik. Der Widerfprucd dev Wirklichkeit gegen bie Ideal unb bie Unhaltbarkeit ber Metapbufil. -. -.. - - 22020. Die Bänder des metapbufilchen Weltzufammenbangs können von dem Verſtand nicht eindeutig beflimmt werben...Eine inhaltlide Borftelung des Weltzufammenhangs kann nicht erwwielen werden - - - > > 2 2 2 ren XI ©eite Berichtigungen und Zuläte.
S. 206 Zeile 12. Es ift mir werthvoll, in den memoires de l’in- stitut Bb. XXIX ©. 176ff., Martin, hypothöses astronomiques des plus anciens philosophes de la Gröce etrangers & la notion de la sphericite de la terre biefe Kombination, welche ich jeit einer Reihe von Jahren in meinen Vorlefungen vorgetragen, zu finden.
©. 347 Anm. 3. 4 lied et flatt Et.
Vorrede.
Das Buch, deſſen erſte Hälfte ich hier veröffentliche, verknupft ein biftorifches mit einem ſyſtematiſchen Verfahren, um die Frage nah ben philoſophiſchen Grundlagen der Geifteswiflenichaften mit dem höchften mir erreichbaren Grad von Gewißheit zu löſen. Das Hiftoriiche Verfahren folgt dem Gang der Entwidlung, in welcher die Philoſophie bisher nad) einer ſolchen Begründung gerungen hat; e3 ſucht den gejchichtlichen Ort der einzelnen Theorien innerhalb diefer Entwidlung zu beftimmen und über den vom hiſto⸗ riſchen Zuſammenhang bedingten Werth derjelben zu orientixen; ja aus der Verſenkung in diefen Zuſammenhang der bißherigen Entwidlung will e8 ein Urtheil über den innerften Antrieb der gegermvärtigen wifjenjchaftlicden Bewegung gewinnen. So bereitet die gefchichtliche Darftellung die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung vor, welche Gegenftand der anderen Hälfte dieſes Verſuchs fein wird. | Da Hiftorifche und ſyſtematiſche Darlegung jo einander er- gänzen follen, erleidtert es wol die Lektüre des gejchichtlichen Theil, wenn ich den füftematifchen Grundgedanken anbeute.
Am Ausgang des Mittelalterd begann die Emanzipation der Einzelwifienichaften. Doch blieben unter ihnen die ber Geſellſchaft und Gefchichte noch lange, biß tief in das vorige Jahrhundert hinein, in der alten Dienftbarfeit der Metaphufil. Ja bie an- twachlende Macht der Naturerfenntniß Hatte für fie ein neues xIv Vorrede.
Unterwürfigkeitsverhaͤltniß zur Folge, das nicht weniger drückend war als das alte. Erſt die hiſtoriſche Schule — dies Wort in einem um⸗ fafſenderen Sinne genommen — vollbrachte die Emanzipation des geſchichtlichen Bewußtſeins und der geſchichtlichen Wiſſenſchaft. In derſelben Zeit da in Frankreich das im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entwickelte Syſtem der geſellſchaftlichen Ideen ala Na⸗ turrecht, natürliche Religion, abſtrakte Staatslehre und abſtrakte po⸗ litiſche Oekonomie in der Revolution ſeine praktiſchen Schläffe zog, da die Armeen dieſer Revolution das alte, ſonderbar verbaute und vom Hauch tauſendjähriger Geſchichte umwitterte Gebäude des deutſchen Reiches beſetzten und zerſtörten, hatte ſich in unſerem Vaterlande eine Anſchauung von geſchichtlichem Wachsthum, als dem Vorgang in dem alle geiſtigen Thatſachen entſtehen, ausge⸗ bildet, welche die Unwahrheit jenes ganzen Syſtems geſellſchaft⸗ licher Ideen erwies. Sie reichte von Winkelmann und Herder durch die romantiſche Schule bis auf Niebuhr, Jakob Grimm, Savigny und Böckh. Sie wurde durch den Rückſchlag gegen die Revolution verſtärkt. Sie verbreitete ſich in England durch Burke, in Frankreich durch Guizot und Tocqueville. Sie traf in ben Kämpfen ber europäilchen Gejellihaft, mochten fie Recht, Staat ober Religion angehen, überall mit den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts feindlich zufammen. Eine rein empirifche Betradh- tungsweiſe lebte in diefer Schule, Tiebevolle Vertiefung in bie Beionberheit des geſchichtlichen Vorgangs, ein univerfaler Geift der Geichichtäbetrachtung, welcher den Werth des einzelnen That beftandes allein au8 dem Zuſammenhang der Entwicklung be- ftimmen will, und ein gefchichtlicher Geiſt der Gejellichaftälehre, welcher für das Leben der Gegenwart Erklärung und Regel im Studium der Vergangenheit ſucht und dem fchließlich geiftiges Leben an jedem Punkte geichichtliches ift. Don ihr ift ein Strom neuer Ideen durch unzählige Kanäle allen Einzelwiſſenſchaften zu- gefloflen.
Aber die hiſtoriſche Schule Hat big heute die inneren Schranten Vorrede. xV nicht durchbrochen, welche ihre theoretiiche Ausbildung wie ihren Einfluß auf dag Leben hemmen murßten. Ihrem Studium und ihrer Verwerthung der geichichtlichen Erfcheinungen fehlte der Zu⸗ ſammenhang mit der Analyfis der Thatſachen des Berwußtfeing, ſonach Begründung auf das einzige in leßter Inſtanz fichere Wiſſen, furz eine philofophiiche Grundlegung. Es fehlte ein gefundes Berhältni zu Erkenntnißtheorie und Piychologie. Daher kam fie auch nicht zu einer erflärenden Methode, und doch vermögen ge- ſchichtliches Anſchauen und vergleichendes Verfahren für ſich weder einen jelbftändigen Zuſammenhang der Geifteäwifjenichaften aufzu- richten noch auf das Leben Einfluß zu gewinnen. So verblieb es, ala nun Comte, St. DU, Budle von Neuem das Räthſel der geichichtlichen Welt durch Uebertragung naturwiſſenſchaftlicher Prinzipien und Methoden zu Löfen verfuchten, bei dem unwirkſamen Proteft einer lebendigeren und tieferen Anfchauung, die fich weder zu entwideln noch zu begründen vermochte, gegen eine dürftige und niedere, bie aber der Analyje Herr war. Die. Oppofition eines Garlyle und anderer lebensvoller Beifter gegen die exakte Wiſſenſchaft war in der Stärke des Hafles wie in der Gebundenheit ber Bunge und Sprache ein Zeichen diefer Lage. Und in folcher Unficher- heit über die Grundlagen der Geifteswifienfchaften zogen fich bie Einzelforicher bald auf bloße Defkription zurück, bald fanden fie in fubjeltiver geiftreicher Auffaffung Genüge, bald warfen fie fich wieder einer Metapbyfil in die Arme, welche dem Vertrauensvollen Sätze veripricht, die das praktiſche Leben umzugeftalten die Kraft haben.
Aus dem Gefühl dieſes Zuftandes der Geiſteswiſſenſchaften ift mir der Verſuch entftanden, dad Prinzip der hiſtoriſchen Schule und bie Arbeit der durch fie gegenwärtig durchgehends beftimmten Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft philoſophiſch zu begründen und jo den Streit zwilchen dieſer Hiftorifchen Schule und den ab⸗ ftralten Theorien zu jchlichten. Mich quälten bei meinen Arbeiten Fragen, die wol jeder nachdenkliche Hiftoriker, Juriſt oder Poli⸗ Xxvi Vorrede.
tiker auf dem Herzen hat. So erwuchſen in mir von ſelber Ve⸗ dürfniß und Plan einer Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften. Welcher iſt der Zuſammenhang von Sutzen, der gleicherweiſe bem Urtheil des Geichichtäfchreiberd, den Schlüflen des Nationalölo- nomen, den Begriffen des Juriften zu Grunde liegt und deren Eicherheit zu beſtimmen ermöglicht? Reicht derjelbe in bie Die- tapfpfil zurüd? Giebt es etwa eine von metaphufiichen Begriffen getragene Bhilojophie der Geſchichte oder ein ſolches Naturrecht? Wenn das aber widerlegt werden kann: wo ift ber fefte Rüdhalt für einen Zuſammenhang der Süße, der den Einzelwifienichaften Verknũpfung und Gewißheit giebt? Die Antivorten Comte's und der Pofitiviften, St. Mill’a -und der Empitiften auf dieſe ragen fchienen mir bie geſchicht⸗ liche Wirklichkeit zu verflümmeln, um fie den Begriffen und Me thoben ber Naturwifienfchaften anzupaflen. Die Reaktion hiergegen, deren geniale Vertretung der Mikrokosmos Lobes ift, fchien mir bie berechtigte Selbftändigfeit der Eingehvifienichaften, die frucht- bare Kraft ihrer Erfahrungsmethoden und die Sicherheit ber Grunblegung einer jentimentalifchen Stimmung zu opfern, welche die für immer verlorene Befriedigung des Gemüths durch bie Wiſſenſchaft jehnjüchtig zurückzurufen begehrt. Ausſchließlich in der inneren Erfahrung, in den Thatlachen des Bewußtfeins fand ich einen feiten Anfergrund für mein Denken, und ich habe guten Muth, daß Fein Lejer fich der Beweisführung in diefem Punkte entziehen wird. Alle Wiſſenſchaft ift Erfahrungswiſſenſchaft, aber alle Erfahrung hat ihren urjprünglichen Zufammenhang und ihre hierdurch beftimmte Geltung in den Bedingungen unjereg Be- wußtjeind, innerhalb deſſen fie auftritt, in dem Ganzen unferer Natur. Wir bezeichnen diefen Standpuntt, der folgerecht die Un⸗ möglichkeit einfiebt, Hinter diefe Bedingungen zurückzugehen, gleich⸗ ſam ohne Auge zu fehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge felber zu richten, als den erfenntnißtheoretifchen; die moderne Wiſſenſchaft kann keinen anderen anerkennen. Nun aber zeigte fich Vorrede. XvII mir weiter, daß die Selbſtändigkeit der Geiſteswiſſenſchaften eben von dieſem Standpunkte aus eine Begründung findet, wie die hiſtoriſche Schule fie bedarf. Denn auf ihm erweiſt ſich unſer Bild der ganzen Natur ala bloßer Schatten, den eine uns ver- borgene Wirklichkeit wirft, dagegen Realität wie fie ift befifen wir nur an den in der inneren Erfahrung gegebenen Thatſachen des Bewußtſeins. Die Analyſis dieſer Thatfachen ift das Centrum der Geifteswifjenichaften, und jo verbleibt, dem Geifte der hiſto⸗ riihen Schule entjprechend, die Erkenntniß der Prinzipien der geiftigen Welt in dem Bereich diejer felber, und die Geiſtes— wiſſenſchaften bilden ein in fich felbftändiges Syſtem.
Band ich mich in folchen Punkten vielfach in Uebereinftimmung mit ber erfenntnißtheoretiichen Schule von Lode, Hume und Sant, jo mußte ich doch eben den Zuſammenhang der Thatjachen des Bewußtſeins, in dem wir gemeinfam dag ganze Fundament ber Philoſophie erfennen, anders fafjen, ala e8 diefe Echule gethan hat. Wenn man von wenigen und nicht zur wiſſenſchaftlichen Ausbil⸗ dung gelangten Anjäßen, wie denen Herder's und Wilhelm von Humboldt's abfieht, jo Hat die bigherige Erfenntnißtheorie, bie ernpiriftilche wie die Kant's, die Erfahrung und die Erfenntniß aus einem dem bloken Vorftellen angehörigen Thatbeftand erklärt. In den Adern des erfennenden Subjelt3, das Lode, Hume und Kant Eonftruirten, rinnt nicht wirkliches Blut, fondern der ver- dünnte Saft von Vernunft ala bloßer Denfthätigkeit. Mich führte aber Hiftorifche wie piychologifche Beichäftigung mit dem ganzen Menjchen dahin, diefen, in der Mannichfaltigfeit feiner Kräfte, die wollend fühlend vorftellende Wejen auch der Erklärung der Erkenntniß und ihrer Begriffe (wie Außenwelt, Zeit, Subftanz, Urfache) zu Grunde zu legen, ob die Erfenntniß gleich diefe ihre Begriffe nur aus dem Stoff von Wahrnehmen, Vorftellen und Denken zu weben fcheint. Die Methode des folgenden Verſuchs ift daher dieje: jeden Beitandiheil des gegenwärtigen abſtrakten, wiſſen⸗ ſchaftlichen Denkens halte ich an die ganze Menfchennatur, wie XV Norrebe.
XV Norrebe.
Erfahrung, Studium der Sprache und der Gejchichte jie erweiſen und juche ihren Zuſammenhang. Und fo ergiebt ſich: die wichtigften Beitandtheile unjered Bildes und unferer Erkenntniß der Wirk: lichkeit, wie eben perjönliche Lebenseinheit, Außenwelt, Individuen außer und, ihr Leben in der Beit und ihre Wechſelwirkung, fie alle fönnen aus dieſer ganzen Menfchennatur erklärt werden, deren realer Lebenaproge am Wollen, Fühlen und Vorftellen nur feine verfchiedenen Seiten hat. Nicht die Annahme eines ftarren a priori unſeres Erkenntnißvermögens, jondern allein Entwidlungsgeichichte, welche von der Totalität unſeres Wejend ausgeht, kann die Fragen beantworten, die wir alle an die Philofophie zu richten haben.
Hier jcheint fi das Hartnädigfte aller Räthfel dieſer Grund: legung, die Yrage nah Urfprung und Recht unferer Ueberzeugung von ber Realität der Außenwelt zu löfen. Dem bloßen Borftellen bleibt die Außenwelt immer nur Phänomen, dagegen in unjerem ganzen wollend fühlend vorftellenden Weſen ift und mit unjerem Selbft zugleich und jo ficher ala diejes äußere Wirklichkeit (d. h. ein don und unabhängige® Andere, ganz abgejehen von feinen räumlichen Beitimmungen) gegeben; ſonach als Leben, nicht ala bloßes Vorftellen. Wir willen von dieſer Außenwelt nicht Eraft eines Schlufles von Wirkungen auf Urjachen oder eines dieſem Schluß entiprechenden Vorganges, vielmehr find dieie Vorftellungen von Wirkung und Urfache felber nur Abftraktionen aus dem Leben unfered Willens. So erweitert fi) der Horizont der Er- fahrung, die zunächſt nur von unfren eigenen inneren Zuftänden Kunde zu geben fchien; mit unferer Lebendeinheit zugleich ift uns eine Außenwelt gegeben, find andere Lebenzeinheiten vorhanden. Doch wieweit ich die erweiſen kann und wieweit e8 dann ferner überhaupt gelingt, von dem oben bezeichneten Standpunkte aus einen geficherten Zuſammenhang der Erfenntniffe von der Gejellichaft und Geſchichte Herzuftellen, muß dem ſpäteren Urthal des Leſers über die Grundlegung felber anheimgegeben bleiben.
Ich habe nun eine gewiſſe Umftändlichkeit nicht geſcheut, um Norrede. XIX den Hauptgedanken und die Hauptfäße diejer erfenntniftheoretifchen Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften mit den verjchiedenen Seiten des wiljenichaftlichen Denkens der Gegenwart in Beziehung zu ſetzen und dadurch mehrfach zu begründen. So geht diefer Verjuch zuerſt von der Weberficht über die Einzelwiſſenſchaften des Geistes aus, da in ihnen der breite Stoff und das Motiv diefer ganzen Arbeit Tiegt, und er ſchließt von ihnen rückwärts (erſtes Buch). Dann führt der vorliegende Band die Gefchichte des philoſophiſchen Denkens, da3 nach feiten Grundlagen des Willens jucht, durch den Zeitraum hindurch, in welchem fi) dad Schickſal der meta— phufifchen Grundlegung entjchied (zweites Buch). Der Beweis wird verfucht, daß eine allgemein anerkannte Metaphyſik durch eine Tage der Willenichaften bedingt war, die wir Hinter und gelaffen haben, und ſonach die Zeit der metaphufifchen Begründung der Geiftes- wiflenichaften ganz vorüber ift. Der zweite Band wird zunächſt dem gejchichtlichen Verlauf in das Stadium der Einzelwifjen- haften und der Erkenntnißtheorie nachgehen und die erfenntniß- theoretijchen Arbeiten bis zur Gegenwart darftellen und beurtheilen (dritte Buch). Er wird dann eine eigene erfenntnißtheoretilche Grundlegung der Geifteswillenfchaften verfuchen (viertes und fünftes Buch). Die Augsführlichkeit des Hiftorifchen Theils ift nicht nur aus bem praktischen Bedürfniß einer Einleitung, ſondern auch aus meiner Meberzeugung von dem Werth der geichichtlichen Selbftbefinnung neben der erfenntnißtheoretiichen hervorgegangen. Diejelbe Ueberzeugung Spricht fich aus in der feit mehreren Generationen anhaltenden Vorliebe für die Gejchichte der Philojophie fowie in Hegel’3, des Ipäteren Schelling und Comte's Verjuchen, ihr Syſtem hiftorifch zu begründen. Die Berechtigung diefer Weberzeugung wird auf dem entwidlungsgeichichtlichen Standpunkt noch augen= fcheinlicher. Denn die Geichichte der intelleftuellen Entwidlung zeigt das Wachsthum deſſelben Baumes im hellen Lichte der Sonne, deffen Wurzeln unter der Erde die erfenntnißtheoretijche Grund: legung aufzufuchen bat.