ſchulen traten nun die von Yürften und Staaten gegründeten wifſen⸗ ſchaftlichen Anftalten. Alerandrien wurde durch die Schöpfungen einer großberzigen und weiſen Politik Mittelpunkt der neuen geiftigen Bewegung; die intellektuelle Herrichaft ging bamit von Athen dorthin über. Denn es bedurfte von jebt ab der Objervatorien mit einem immer reicheren Apparat von nftrumenten, der zoologischen und botaniichen Gärten, der Anatomien und unge= heuren Bibliothefen, um an der Spitze dieſer pofitiven Wiffen- Ichaften zu bleiben. Was mm gejchah, ift nicht geringer. als was die metaphufiiche Bervegung bisher geichaffen hatte. Wenn das Eintreten der neueren europäifchen Völker in dag Stadium ber pofitiven Wiſſenſchaften vom fünfzehnten Jahrhundert ab Renaiflance ift, jo werden in diejer die pofitiven Forſchungen ba aufgenommen, wo die Einzelmwillenichaften der Alten den Faden ihrer Arbeit hatten fallen laſſen müſſen, und niemand glaube, daß die Epiſode des italieniichen Platonismus oder die Erneuerung des reinen Ariſtoteles in Italien und Deutichland den Kern der euro- pätichen Renaiffance, jofern fie intellektuelle Entwidlung ift, ge⸗ bildet babe.
Jedoch -bildete der Erwerb des metaphyſiſchen Sta- diums der alten Völker die Grundlage für die Leiftungen dieſer folgenden Zeit, in welcher da8 Schwergewicht des intellektuellen Fortſchritts in den Einzelwiffenichaften lag. — Die erfte Bedingung dieſes Yortichrittd find die erworbenen Begriffe. So hatte bie griechische Metaphufit die Begriffe von Subftanz und Atom bervor- gebracht, die von Urſache und Bedingung oder Grund unterjhieden und den Begriff von Form auf den einzelnen Gebieten durchgeführt. Sie hatte Grundverbältniffe, wie die Beziehung zwiſchen Struktur, Funktion und Zweck in einem Organismus oder zwiſchen Leiftung und Antheil an Herrſchaft und Gütern in einem politiichen Ganzen aufgezeigt. — Die zweite Bedingung lag in der Entwidlung von grundlegenden, wenn auch an Evidenz ungleihen Süßen. Solche waren: es giebt keinen Uebergang aus dem Nicht? zum Sein oder aus diefem zurüd in das Nichts, es kann nicht dafielbe in derfelben Beziehung behauptet und verneint werden; räumliche Be- D. Erkennen d. alt. Völker tritt i. d. Stabium b. Einzelwifienichaften. 811 wegung bat den leeren Raum zur Vorausſetzung. — Endlich lag eine wichtige Bedingung in dem logiſchen Bewußtfein. Die Arbeit an der Unterwerfung des Wirklichen unter die Erkenntniß hatte die griechiichen Geifter während der fjophiftiichen Epoche in eine revolutionäre Bewegung gebracht, in deren Strudel einmal die ganze griechiiche Wiffenfchaft unterzugehen drohte. Die wifienjchaft- liche Gejeßgebung der ariftotelifchen Logik überwand dieje Revolution und ermöglichte erſt den ruhigen Yortichritt der pofitiven Wiflen- Ichaften. In ihr lag die Vorausſetzung für den Aufbau der mathe- matiſchen Wiflenfchaften, wie fie ein Euflid zeigt. Nur ihrer Hilfe - verdanfte man ed, daß zu derjelben Zeit, in welcher Metaphyſiker und Phyſiker über die Möglichkeit eines Kriteriums der Wahrheit ftritten, das Elementarwerk des Euklid herbortreten Tonnte, welches in der unangreifbaren Verkettung feiner Beweiſe den Widerſpruch der ganzen Welt herauszufordern jchien und das klaſſiſche Vorbild von Evidenz geworden ift.
Die Schranken diefer Metaphyſik machten fich folgerecht auch in diefem Stadium der Einzelwiſſenſchaften geltend, die neuen Richtungen, welche die Einzelwiſſenſchaften theilweife einjchlugen, wurden nicht gleichmäßig feitgehalten. In der Mathematik wurde das Werkzeug für exakte Wiſſenſchaft entwicelt, da8 den Arabern und den germanifch-romanischen Völkern die Aufichließung der Natur ermöglichen jollte. Auch nahm die Anwendung von Inftrumenten, welche eine Meſſung ermöglichen, ſowie des Experiments, welches Erſcheinungen nicht nur beobachtet, fondern unter veränderten Bedingungen willürlich hervorruft, beftändig zu. Einen bervor- ragenden all von zujfammenhängender erperimenteller Behand» lung eined Problems bilden die Unterfuchungen des Ptolemäus über die Brecdung der Lichtftrahlen bei ihrem Durchgang durch Mittel ungleicher Dichtigkeit, Hier werden die Strahlen von ber Luft in Wafler und Glas, von Wafler in Glas unter verichiedenen Einfallswinkeln geleitet. Die am meiften fundamentalen Vor—⸗ ftellungen, zu denen mın die Wiflenjchaften von der Natur ge= langten, find in den flatiichen Arbeiten des Archimedes enthalten. Er entwidelte auf vorherrichend mathematifchen Wege, von dem 312 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
Sabe aus, daß gleich ſchwere Körper, die in gleicher Entfernung wirken, fi im Gfleichgetvicht befinden, das allgemeine Kebel- prinzip und legte den Grund zu der Hydroftati. Aber dem Archimedes blieb die Dynamik ganz fremd, und er fand im Alter: thum feine Nachfolger‘), Nicht minder charakteriftiich ift die gänzliche Abrvejenheit von chemilcher Wiflenichaft in diefem Stadium der Einzeltifjenichaften bei den alten Völkern. Die ariftoteliiche Lehre von den vier fogenannten Elementen ift abgeleitet aus der mehr fundamentalen von vier Grundeigenjchaften, wenn aud) die vier Elemente jelber eine Erbſchaft aus älterer Zeit waren. Der Gegenftand diefer Theorie waren alfo nur 'prädilative Be- fliimmungen und ihre Kombinationen; fie zerlegt nicht in Subjelt- einheiten d. 5. Subftanzgen. So wirkte fie nicht direlt auf experi⸗ mentelle Arbeiten Hin, welche die gegebenen Objekte aufzulöfen verjucht Hätten. Die Atomenlehre hatte nur eine ideelle Ber- legung der Materie vollzogen, und ihre Vorftelung von einander qualitativ gleichen Einheiten mußte in Bezug auf die Entftehung hemijcher Srundvorftellimgen zunächft eher hindernd wirken. Aus den Beditrfniffen der mediciniſchen Kunft erwuchs der Verſuch des Adclepiades von Bithynien, die Vorftellung von Korpuskeln der Betrachtung ded Organismus anzunähern?), jowie die An- weifung zur Herftellung einiger chemifcher Präparate, deren die Aerzte fich bedienten, wie fie bei Divßcorides vorliegt. Im Gegenfat zu fo vereinzelten Anfängen machten die Naturwiſſenſchaften, welche von geometrijcher Konftruftion oder von Zmedvorftellunger geleitet wurden, wie Aftronomie, Geographie und Biologie regel» mäßige Yortichritte.
So entftand ſchon den alten Völkern in diefer Epoche der Einzel⸗ wiflenichaften ein Bild des Kosmos von einer unermeßlichen Weite und doch zugleich von wifjenichaftlicher Genauigkeit, welches das Gerüft für ihr Studium der Geiſteswiſſenſchaften bildete.
1) Bergl. bie außgezeichnete Darlegung in den recherches historiques sur le principe d’Archim&de par M. Ch. Thurot (revue archeol. 186869).
2) Ueber Adclepiabes vgl. Laffwig, Vierteljahrsſchrift für wiſſenſch. Bhilof. II, 425 ff.
D. Bild d. Kosmos, welch. Ergebn. d. Einzelwiſſenſch. d. alt. Völker ift. 313 Eratoſthenes, Hipparch, Ptolemäus umfaſſen die kreiſenden Maffen der Geſtirne und die Erdkugel. Ein erſter Verfuch der Gradmeffung ift bemüht, den Umfang ber Erde annähernd zu beftimmen; Gratofthenes begründet die Geographie ala Wiſſenſchaft. Die Deberficht über die Pflangenbededung der Erde und die Thierwelt auf ihr, wie fie Ariftoteles und Theophraſt erreicht hatten, wird - nun durch Fortſchritte in der Zergliederung des thieriichen und menschlichen Körpers ergänzt, welche beſonders tief in die Erkenntniß der Gefäße eindringen.
Die Kenntniß von der Vertheilung des Menfchengefchlechts auf der Erde jowie den Berichiedenheiten defjelben war durch den Eroberungszug Alexander's und die Ausbreitung des römtichen Imperium nunmehr außerordentlich erweitert. In Yolge Hiervon wird der Einfluß von Boden und Klima auf die geijtigen und fittlicjen Berjchiedenheiten der Menjchheit in den Kreis der Unter- fuhung gezogen. Das Material ber Geifteswiflenichaften wird in den Grenzen des num ber Geſchichte anheimgefallenen griechiichen Leben? mit kritiſchem Bewußtſein unterfuht und gejammelt. Einzelne Syfteme der Kultur, vor Allem die Sprache, werben einer Zergliederung untertvorfen. Die vergleichende Betrachtung der Staaten ift zum felten Befit der Wiflenichaft geworden. Auf fie geftüßt, unternimmt Polybius, das große weltgeichichtliche Phänomen, welches den Horizont feiner Zeit erfüllt, Rom's Auf: fteigen zur Weltherrichaft, der Erklärung zu untertverfen. In feinem Werke Liegt ein Verſuch vor, bie politiſche Wiſſenſchaft, wie wir fie an Ariftoteles in ihrer Stärke und ihren Grenzen harakterifirt haben, zur Grundlage einer ertlärenden Geſchichtswiſſenſchaft zu machen. Seine vergleichende Ber- olieberung der Berfafjungen (wie fie in den Fragmenten des 6. Buches erhalten ift) findet in der gemifchten römifchen Ver⸗ faffung ein Gleichgewicht der Gewalten verwirklicht, vermöge deſſen jede einzelne diefer Gewalten unter der Kontrole der anderen fteft und jo im ihren Meberfchreitungen gehemmt wird. Hierzu treten ihm als erflärende Gründe der römiſchen Machtentfaltung eine glückliche Organifation des Staates in Bezug auf materielle 314 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt.
Mittel, durch die Rom erreicht, was 3. B. Sparta trotz feiner ebenfall® gemiſchten Verfafſung nicht erreichen konnte, fowie ein auf Verehrung der Götter gegründeter Rechtöfinn. Die Welt- beichreibung de Plinius Tann wenigſtens in Rüdficht ihres Planes, bei großer Oberflächlichkeit der Ausführung, ala der Ab ſchluß der großen Arbeit der alten Völker Europas gelten, ben Kosmos von den Bewegungen der Maflen, im Weltraum bis zu der Verbreitung und dem geiftigen Leben bed Menſchengeſchlechts auf der Erde zu umfaflen. Und zwar verfolgt er beſonders gern die Wirkung des Naturzufammenhangd auf die menfchlidhe Kultur. Sn der Morgendämmerung griechiſchen Geifteslebend war ber Begriff des Kosmos aufgegangen; num war in den großen Arbeiten eined Eratoſthenes, Hipparch und Ptolemäuß, von deren um fafiendem Geifte wir noch einen Hauch in dem Plan des Plinius empfinden, den $ugendträumen biejer Völker im Alter die Erfüllung geworden.
Jedoch die Kultur der alten Welt zerbrach, ohne daß die Einzelwiſſenſchaften zu einem Ganzen ſich verknüpft hätten, welches wirklich die Stelle der Metaphyſik hätte ausfüllen können. Es gab wol Skepticismus, aber es gab keine Erkenntnißtheorie, welche doch erſt den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften neu zu organiſiren vermag, warn die große Illuſion der metaphyfiſchen Grundlegung der Willenichaften ſich aufgelöft Hat. Was der Geift auf feinem Eroberungszug durch die ganze Welt nicht zu erringen vermocht hatte, fichere Begründung feiner Gedanken wie jeines Handelns, das findet er mın, zurückgekehrt, in fich jelber.
Das Chriſtenthum. | 315 Dritter Abſchnitt. Metaphufildes Stadium der neneren europüiſchen Völker.
Erſtes Kapitel. Chriſtenthum, Erlenntniktheorie nnd Metaphyfit.
Man denkt fi) wol den Menschen ber älteften Zeiten unferes Geichlechted, wie er, von der Höhle beichüßt, von Nacht und Ge- fahr umgeben, den Morgen erwartete; brach dann ber Tag an, und fuchten ihn die erften Strahlen der aufgehenden Sonne: wie fühlte er das Herannahen einer erlöfenden Macht! So haben die Bevölkerungen der alten Welt empfunden, ald die Strahlen des auffteigenden Lichtes aus einer reinen Welt im Chriftenthum fie trafen. Wenn fie jo fühlten, jo war dies doch nicht allein die Folge davon, daß der Ehriftenglaube die fejte Ueberzeugung don einer jeligen Unfterblichkeit mittheilte, ſowie daß ex eine neue. Gemeinſchaft, ja eine neue bürgerliche Gejellfchaft inmitten ber Berrüttung der antiten Staaten darbot!).. Das eine wie das andere war ein wichtiger Beftandtheil der Stärke der neuen Religion. Jedoch tvay beides nur Folge einer tieferen Veränderung im Seelenleben.
Diefe Veränderung allein und auch fie nur nach der Seite, welche fie der Entwidlung des Zweckzuſammenhangs ber Erkennt⸗ niß zukehrt, kann in dieſem Zuſammenhang berührt werden. Eine herbe Kritik des chriftlichen Bewußtſeins zieht ſich durch Spinozas Ethik; ihr liegt zu Grunde, dab für Spinoza ſelber Vollkommenheit nur Macht iſt, Lebensfreude der Ausdruck dieſer wachſenden Vollkommenheit, aller Schmerz dagegen nichts als Ausdruck der Unvollkommenheit und Ohnmacht. Das tiefe 1) So Jakob Burdhardt, welcher in feinem Werk über die Zeit Kon⸗ ftantin’8 des Großen die erften Jahrhunderte nach Chriſti Geburt am tief ften bargeftellt hat, ebd}. ©. 140 ff.
316 Zweite Bud. Dritter Abſchnitt.
chriſtliche Seelenleben bat die Verbindung der Vorſtellungen von Bolllommenheit mit denen von Glanz, Macht und Glüd des Leben? zerrifien. Ja die Verbindung des Gottesbewußt- feind mit der gedanfenmäßigen Schönheit des Weltalls tritl zurüd Hinter den Zuſammenhang dieſes erhabenften menjchlichen Gefühls, dad fic- von keinem Raume einjchränten läßt, mit den Erfahrungen des ärmften unruhevoll in engem Seife durch bie Natur feines Daſeins beivegten Menſchenherzens. Auf jener Ver⸗ bindung berubte vordem die Anſchauung, welche die griechiiche Wiſſenſchaft vom Kosmos Hatte, und der kunſtleriſche Aufbau eines Gegenbildes dieſes Kosmos in der fittlich-gefellichaftlichen Welt, wie ihn die Staatswiffenfchaft der Alten entwarf. Nun foll bie Vollkommenheit der Gottheit jelber mit Knechtsgeſtalt und Leiden zufammengedacht werden oder vielmehr nicht gedacht: fie find im religidjen Erlebniß eins. Das Volllommene bat nicht nöthig, im Glanz der Geftirnmwelt zu ftrahlen und in Glück und Macht fih zu jonnen. Gottes Reich ift nicht von diefer Welt. So hat der Wille nun nicht mehr fein Genüge in der Herftellung eines . objektiven Thatbeftandes, in dem fichtbaren fittlichen Kunſtwerk der Politik oder des vollendeten Staatsmannes und Rebnerd. Vielmehr gebt er Hinter dieſes Alles als bloße Geftalt der Welt, in fich felber zurüd. Der Wille, welcher objektive Thatbeftände in der Welt geftaltet, verbleibt in der Region des Weltbewußtſeins, ber feine Biele angehören. Im Chriftentyum erfährt der Wille feinen eigenen meta phyſiſchen Charakter. Damit berühren wir die Gränze unferer bier dem Menſchlichen, Geſchichtlichen allein zugewandten Betrachtungsweiſe.
Dieſe tiefe Veränderung im menſchlichen Seelenleben ſchließt die Bedingungen in ſich, unter welchen die Schranken ber antiten Wiſſenſchaft durchbrochen werden konnten und allmählich durchbrochen worden find.
MWiflen war für den griechiichen Geift Abbilden eines Objek⸗ tiven in der Intelligenz. Nunmehr wird das Erlebniß zum Mittel- punkt aller Intereſſen der neuen Gemeinden; dieſes ift aber ein einfaches Innewerden defien, was in der Perſon, im Selbſt⸗ D. Selbftgeiw. d. inneren Erfahr. durchbr. d. Schrank. b. antik. Wiſſenſch. 317 bewußtjein gegeben ift; dieſes Innewerden ift von einer Sicher- beit erfüllt, welche jeden Zweifel ausſchließt; die Erfahrungen des Willens und des Herzens verjchlingen mit ihrem ungeheuren Intereſſe jeden anderen Gegenftand bed Willens, fie erweiſen fich in ihrer Selbftgewiß heit allmächtig gegenüber jedem Ergebniß der Betrachtung de Kosmos fowie gegenüber jedem Zweifel, der aud Erwägungen über bad Verhältniß der Intelligenz zu den von ihr abzubildenden Gegenftänden flammte. Hätte gleich damals dieſer Glaube der Gemeinden eine ihm ganz entfprechenbe Wiſſenſchaft entwicelt: jo Hätte diefe in einer auf Die innere Erfahrung zurücdgehenden Grundlegung beftehen müfjen.
Aber dieſer innere Zuſammenhang, welcher in Bezug auf die Begründung der Wiffenichaft zwiſchen dem Chriftentbum und einer von der inneren Erfahrung ausgehenden Erkenntniß beiteht, Hat im Mittelalter eine entjprechende Grunblegung ber Wifjenjchaft nicht hervorgebracht. Died war in der Uebermacht der antiten Kultur begründet, innerhalb deren dad Chriſtenthum nun langjam ſich geltend zu machen begann. Alsdann wirkte von innen im derjelben Richtung das Verhältniß der religiöfen Erfahrung zu dem Vorſtellen. Yindet doch auch das innigfte religidfe Seelenleben nur in einem Vorſtellungszuſammenhang feinen Ausdrud. Schleiermacher fagt einmal: „die Entwicklung des Chriſtenthums im Abendlande Hat eine große Mafle des ob- jettiven Bervußtjeind zum Rückhalt; genauer genommen können wir aber dieje Maſſe des objektiven Bemußtjeind nur ala ein Berftändigungsmittel anjehen!).* Die Selbftgewißheit der inneren Erfahrungen des Willens und des Herzend, alddann der Inhalt diefer Erfahrungen, ſonach die Beränderung des tiefften Seelenlebend: dies Alles enthielt nun aber nicht nur die Anforderung einer auf die innere Erfahrung zurüdgehenden Grundlegung in fi, ſondern e8 wirkte auch in anderer Beziehung auf die fernere intellektuelle Entwidlung, und zwar jowol in Bezug auf die Naturerfenntniß ald auf die Geiftea- wiſſenſchaften.
\ 318 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
Einerjeit3 trat eine Abwendung von der bloßen Gedanken⸗ mäßigfeit des Kosmos ein. Nicht in biefer in Allgemein- begriffen darftellbaren ebenmäßigen Schönheit lag dem Chriſten ber Zweck des Weltganzen; nicht in ihrer Betrachtung beftand. ihm das, worin die menfchliche Vernunſt ihre Berwandtichaft mit der göttlichen genießt: die Stellung des Menſchen zur Natur hat fich ihm umgeänbert, und die Vorftellung der Schöpfung aus Nichts, der Gegenſatz von Geift und Fleiſch laflen den Umfang diejer Deränderung ermefjen. Andrerjeitö bewirkte der veränderte Stand des Seelenleben? eine ganz neue Stellung des metaphy— ſiſchen Bewußtſeins zu ber geiftigen Welt. In dem erhabenften Gedanken, der über den Zuſammenhang diejer geiftigen Melt je gedacht worden ift, verfnüpften ſich die einfach großen Borftellungen von dem Reiche Gottes, der Brüderlichleit der Menjchen und ihrer Independenz in ihrem höchften Berhältnifie von allen natürlichen Bedingungen ihres Daſeins; derjelbe begann jet feinen Siegeslauf. Ihn verwirklichte die gejellichaftliche Ord⸗ nung ber Chriftengemeinde, bie auf Aufopferung gegründet war und in welcher fi) ber einzelne Chriſt wie in einem jchütenden Boote auf der wilden See deö Lebens wol bebütet fühlte. Zwar war da8 Bewußtſein der inneren Freiheit des Menſchen, die Auf bebung der Ungleichheiten und nationalen Schranken zwiſchen diefen Freien and) in dem teiteren Verlauf der antiken Philoſophie, inäbejondere bei den Stoifern, vorhanden, aber dieſe innere Freiheit war nur für den Weilen erreichbar, Hier dagegen war fie jedem durch den Glauben zugänglid. Dem Allen entiprachen die Vor⸗ ftellungen von einem genealogiichen Zuſammenhang in der Ge- ſchichte des Menjchengeichlechts und einem metaphufiichen Bande, das die menschliche Geſellſchaft zufammenhält. | Das Alles lag in dem Erlebniß des Chriſtenthums. Die erften wiſſenſchaftlichen Darftellungen befielben ent- fanden in einer Epoche des Ringens zwifchen den alten Religionen und den chriftlichen Gemeinden, in den erſten Jahrhunderten nach Chriſtus. Offenbarung, Religion und der Kampf der Religionen: dad war in diefen Jahrhunderten die große Angelegenheit der Andere im Chriſtenthum gelegene Keime einer veränderten Wifſenſchaft. 319 Menichheit. Die Philoſophie des Helleniftiichen Judenthums, wie fie Philo ausgebildet hat, die Gnoſis, der Neuplatonigmus ala die philojophiiche Reftauration des Götterglaubend und die Philo- ſophie der Kirchenväter haben die Grundzüge einer Weltformel gemeinjam, welcher noch Spinozas und Schopenhauer’3 Syſtem die einfache Geichlofienheit ihres Aufbaus verdanken. In diejer Formel verichlingen fich bereit Natur und Geſchichte. Aus der Gottheit leitet dieſelbe die Entſtehung des Endlichen als eined Unvolllommenen und der Veränderlichkeit Anheimgegebenen ab und zeigt aladann die Rückkehr dieſes Endlichen in Gott. So ift der Ausgangspunkt diefer Metaphyſik die im religiöjen Er- lebniß ergriffene Gottheit, ihr Problem ift der Hervorgang des Endlichen in feinem angegebenen Charakter, dieſer Hervorgang erſcheint als ein lebendiger pigchifcher Proceß, in welchen dann auch die arme Gebrechlichkeit des Menſchenlebens entipringt: bis in einem gleichjam inverjen Verlauf die Rückkehr in die Gottheit fih vollzieht.
Die PHilofophie des Judentums enwickelte fich zuerft, die de3 Heidenthums folgte: über beide erhob fich fiegreich die Philo- ſophie des Chriſtenthums. Denn fie trug eine macht⸗ volle geſchichtliche Realität in fich; eine Realität, die fich mit dem innerſten Kerne jeder Wirklichkeit, die geichichtlich vorher da war, im Seelenleben berührte und fie in ihrem innern Rapport zu fich empfand. Bor diefer verwehten die Efftafen und Schau: ungen wie Sommerfäden im Winde. Indem das Chriſtenthum um den Sieg rang, ward in dem Kampfe der Religionen das Dogma zu der abichließenden Fafſung gebracht, daß Gott, im Gegenfa zu allen partialen Offenbarungen, welche Juden und Heiden in Anſpruch nahmen, ganz und ohne Reft in die Offen- barung durch Chriſtus mit feinem Wefen eingegangen fei. Sonad) wurden alle früheren Offenbarungen diefer als Vorſtufen unter: geordnet. Damit ward nun Gottes Weſen, im Gegenfab gegen feine Fafſung in dem in fich geichloffenen Subftangbegriff bes Alter- thums, in gejchichtlicher Lebendigkeit ergriffen. Und jo entitand, 320 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
dad Wort im höchften Berftande genommen, nun erſt das ge— ſchichtliche Bewußtſein.
Wir verſtehen, indem wir aus unſerem eigenen tiefen Leben dem Staube des Vergangenen Leben und Athem wiedergeben. Es bedarf gleichſam der Verſetzung unſeres Selbſt von einem Stand⸗ ort auf den andern, wenn wir den Fortgang der geſchichtlichen Entwicklung von innen und in ſeinem centralen Zuſammenhang verſtehen ſollen. Die allgemeine pfychologiſche Bedingung hier⸗ für iſt immer in der Phantafie vorhanden; aber erſt wenn der geſchichtliche Fortgang an den tiefften Punkten, an welchen ein Fortrücken ftattfindet, von der Phantafie nacherlebt wird, entſteht ein gründliches Verſtändniß der geichichtlichern Entwidlung Als in einem Paulus in den Kämpfen des Gewiſſens das jüdiſche Geſetz, dad heidniſche Weltbervußtjein und der Chriftenglaube an⸗ einanderftießen, als in feinem Erlebniß Gejebeöglaube und Ehriftenglaube als zwei lebendige Erfahrungen in inneritem Verſtehen aneinandergehalten wurden, und zwar von der Er fahrung des lebendigen Gottes aus: da waren in dieſem Be⸗ wußtjein eine große geichichtliche Vergangenheit und eine große geichichtliche Gegenwart zuſammen gegenwärtig, beide in ihrer tiefften, der religiöjen Grundlage erfaßt, ein innerer Uebergang wurde erlebt, und fo ging das volle Bewußtſein von einer ge= ſchichtlichen Entwiclung de3 ganzen Seelenlebend auf. Denn nur was in dem Reichthum des Gemüthes nacherlebt wird von den Thatjächlichkeiten der Gejchichte, wirb verftanden. Und in dem Maße, ala das Erleben in die tiefe und centrale Grundlage ber Kultur Binabreicht, vermittelt es Died Verſtändniß; wenn wir auch alle nur theilweiſe veritehen, was vergangen ift. Die höchfte Lebendigkeit der Phantafie, der größte vitale Reichthum des Inneren reichen nicht aus, wo nicht daß Seelenleben felber in diefem Sinne geichichtlih if. So geht von Hier zu dem Gedanken der Erziehung des Menfchengejchlechtes in Clemens, von biefem zu dem Gottes» ftaat des Auguftinus und von diefem Buch zu jedem neueren Ver- Judy, den inneren Zufammenhang der Menichheitägeichichte zu er- fafjen, Eine Linie. Das Ringen der Religionen unter einander in Tas Chriſtenthum und da3 geichichtliche Bewußtſein. 39] dem von gejchichtlicher Realität erfüllten chriftlichen Seelenleben hat das hiſtoriſche Bewußtſein einer Entwicklung des ganzen Seelenlebeng bervorgebradht. Denn das volllommene fittliche Leben war ber Chriftengemeinde nicht in der Yormel eines Sittengefeßes oder höchſten Gutes gedankenmäßig darftellbar: ala ein unergrimblich Lebendige wurde es von ihr in dem Leben Chrifti und in dem Ringen des eigenen Willens erfahren; jo trat es nicht zu anderen Säten in Beziehung, fondern zu anderen Geftalten des fittlich- zeligiöjen Lebens, die vor ihm beftanden und unter denen ed nun erihien. Und dies hiſtoriſche Bewußtſein fand ein feſtes äußeres Gerüft in dem genealogiihen Zufammenhang ber Gefchichte der Menfchheit, welcher innerhalb des Judenthums geichaffen worben var.
So waren für die intelleftuelle Entwicklung der europäifchen Menjchheit ganz veränderte Bedingungen erwachſen. Die Züge bed Willen? waren aus der Stille des Einzellebend in den Borber- grund der Weltgeichichte getreten, welche ihn von dem ganzen Naturzuſammenhang abicheiden: Aufopferung de Selbit, Aner⸗ fernen des Göttlichen im Schmerz und in der Niedrigkeit, auf- richtige Verneinung defjen, was er an ſich verwerfen muß. Die Beziehung der Perfonen auf einander in diefem ihren wejenhaften Kern, der über ihren ganzen Werth entjcheidet, Eonftituirte ein Reich Gottes, innerhalb deſſen jeder Unterjchied der Völker, der Kulte und der Bildung aufgehoben war, das ſonach von jeder Art politifchen Verbandes fich Ioslöfte. Und follte die Metaphyſik, welche das griechiiche Altertum geichaffen hatte, fortbeftehen, fo mußte fie zu dieſer neuen Welt des Willen? und der Geſchichte ein Verhältniß gewinnen. Auch lagen jchon in der geiftigen Bil- dung der finkenden alten Völker wie in dem Schidjal des religiöfen Vorgangs Bedingungen, welche über die Richtung entjchieden, in der das geſchah!).
Dilthey, Einleitung. 21 322 Zweites Bud. Britter Abichnitt.
Zweites Kapitel. YAuguftinus.
Die chriftlichen Gemeinden waren die Träger der wirkſamſten unter einer Mehrheit vertvandter Bervegungen, welche dem geiltigen Leben ber alternden Völker während ber römijchen Kaiſerzeit ſein unterjcheidendes Gepräge gaben.
Ein veränderter Gemüthaftand ſpiegelt fi in der Literatur der eriten Jahrhunderte nach Chriftus. Wir ſahen denjelben vor- bereitet in ber römijch-griechiichen Gejelichaft; immer mehr über- wogen zuerft bei den Griechen, dann bei den Römern die In— terefien des Privatmenjchen, und fo Iöfte fi in der aleran- drinifchen Literatur und ihren römifchen Nachbildungen die Dar- ftellung de3 Seelenlebena von dem Zuſammenhang der fittlichen und politifchen Ordnung der Geſellſchaft ab. Die Innerlichkeit des Chriſtenthums fand im Seelenleben den Mittelpuntt der Auffaffung und Behandlung der ganzen Wirklichkeit, ja den Eingang in die ge- heimnißvolle metaphufifche Welt. Pſychologiſche Gemälde zogen in befonderem Grade dag Intereffe der Leer in den erften Jahrhunder⸗ ten nad) Chriſtus an ſich; Grörterungen der religiöjen Erlebniffe und Gemüthazuftände nahmen einen breiten Raum ein; der Roman, die Meditation, welche da3 innere darftellt, die Legende, welche vielfach auf romanhafte Motive zurüdgreift und das Be— dürfniß der Phantafie in chriftlichen Kreifen befriedigt, Predigt, Epiftel und Grörterung der Tragen, welche das Welen des Menſchen und fein Geſchick betreffen, fanden im Vordergrund der Literatur. — Auch ftellte die Philofophie immer ausſchließlicher die erlangte Erfenntniß des Kosmos in den Dienft der Geftaltung des Charakters und der Herftellung eines in fich verſöhnten Ge- müthazuftandes. Hatte der Werth der Naturwiſſenſchaften jchon für Epikur Hauptjächlih in der Befreiung des Gemüthes von falfchen Vorftellungen gelegen, das Biel der Philoſophie für die Stoifer in ber Bildung des Charakters: jebt miſchten ſich in den Jahrhunderten von dem Zeitalter Chrifti bis zum Untergang der Der Offenbarungsglaube ber alternben Völker. 3928 alten Kultur die Aufgaben der philofophifchen Wiffenfchaft ganz mit den Bebürfnifien des religidg-fittlichen Lebens. Unter dem gemein- famen Dache des römilchen Imperiums zufammenmwohnend, paßten Griechen ihre Gedanken den Borftellungen und Symbolen der Orien- talen über das Leben an, und Egypter, Juden 2. formten noch Mäftiger da3 griechiiche Bild der Welt um. Sn ber To vielfach unbefriedigten und bedrohten Gejellichaft jener Tage fiegte die Richtung auf das Jenſeitige. „Aus unerforſchlichen Tiefen,“ ſagt Jakob Burdhardt, „pflegt folchen neuen Richtungen ihre mwejentliche Kraft zu kommen, durch bloße Folgerungen aus vorhergegangenen Zuftänden find fie nicht zu deduciren.“ — In daB religiöfe Leben, welchem in den inneren Erfahrungen des Willen? Gott ala Wille, Perſon zu Perſon, gegeben ift, finden wir überall den Offen- barungaglauben vertwoben. Die ſchwere Aufgabe einer Analyfis des Inhaltes der monotbeiftifchen Religion kann bier auch nicht angerührt werden; aber das tieffte Geheimniß diejer Religion Tiegt in der Beziehung der Erfahrung eigener Zuftände zu dem Wirken Gottes im Gemüth und Schickſal, hier hat das religiöfe Leben fein der allgemeingiltigen Erkenntniß, ja der Vorſtellbarkeit über- Haupt entzogenes Reich. In diefen Zeiten drang nun, wie aus unfichtbaren Tiefen, aus dem Untergrund des religiöfen Lebens der Offenbarungaglaube in die Wiffenfchaft der Metaphyſik, in der er immer fremd bleibt und verwirrend wirken muß. So erfchien in der Metaphyfif ein Saß, der ein ganz neues Prinzip derjelben würde enthalten haben, läge er nicht überhaupt jenſeit der Grenzen wiflenfchaftlichen Denkens. Diefer Sat behauptete, daß eine unmittelbare Mittheilung von Gott an die Menjchenfeele ergebe, daß fie feine Offenbarung unmittelbar vernehm. So wies Philo, im Zeitalter Chrifti, geftüßt auf die Bemweisführung der Skepſis!), die Möglichkeit einer wiſſenſchaftlichen Erkenntniß des Kosmos ab; zugleich machte er gegen die innere Erfahrung, ähnlich wie fpäter die Pofitiviften, geltend: das Auge getwahre zwar die Objekte außer ſich, doch nicht ſich ſelber, jo könne auch