SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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1) Die Hauptſtelle in Philo de ebrietate p. 332—388 engen) 324 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt.

die Vernunft nicht fich felber begreifen!); jomit ergab ſich ihm die Nothivendigkeit einer Erleuchtung durch göttliche Offenbarung. In den Kreiſen des Heidenthums vertheidigte ein jo glänzender und wirkſamer Schriftfteller wie Plutarch Mittheilungen aus einer Melt höherer Kräfte. Und PBlotin fügte den Glauben an einen ekſtatiſchen Zuftand, in dem die Seele ſich eins mit der Gottheit findet, dem Beftand einer ftrengeren Metaphyſik ein. Ein fremdes Element überfluthete die Grenzen allgemeingiltiger Wiſſenſchaft: denn Erfahrungen, die von jedem kontrolirt werden können, find nur in den Wahrnehmungen über die Welt und den Thatjachen des Berwußtfeind gegeben. — Nun entftand auch die emanatiftifche Metaphyſik, indem die Phantafie, beflügelt von orientaliichern Fabelweſen, das Geheimniß der Nähe und Ferne Gottes zu be- wältigen rang und ed doch nur in der Bilderichrift des Natur- willen? auszudrücken im Stande war: ein unfruchtbares Ziwitter- gebilde au8 der Ehe von Religion und Philofophie, Dichten und Denken, Orient und Occident: feine Geftalt des Gedankens, mit welcher eine Gejchichte der Metaphyſik ernithaft zu rechnen Hätte, obgleich ihre Nachwirkungen durch das ganze Mittelalter hindurch bi3 in die neuere Zeit reichen.

inmitten dieſer geiftigen Bewegungen war die alte Kirche bemüht, den Gehalt der chriftlichen Erfahrung zu vollem Bewußt- fein und zu erſchöpfender Darftellung in Yormeln zu bringen, jowie einen Beweis der Allgemeingiltigleit des Chriſtenthums zu geben, wie er das Korrelat für den Anſpruch deſſelben auf Welt- berrihaft war. Die Löſung der bezeichneten Aufgabe in den Schriften der Väter und Deklarationen der Koncilien erfüllt die Sahrhunderte vom Schluß des apoftoliichen Zeitalterd bis zu Gregor dem Großen und dem Ende des ſechſten Jahrhunderts. Diele Beit gehört noch der Kultur der alten Völker, welche zunächft auch nach dem Untergang des weſtrömiſchen Reiches allein wiſſenſchaft⸗ liche Schriftiteller bervorbrachten. Und zwar konnten die Väter in einer doppelten Richtung die Löſung ihrer Aufgabe unternehmen. — Die Väter. 325 Sollte die Bedeutung der chriftlichen Erfahrung und ihres In—⸗ haltes feftgeftellt werben, jo führte das in eine Analyſis der That⸗ lachen des Bewußtſeins zurüd. Denn im chriftlichen Bewußtſeins⸗ ftande war zuerft eine Geiftesverfaffung gegeben, welche eine er- kenntnißtheoretiſche Grundlegung mit dem pofitiven Ziele, Die Realität der inneren Welt zu begründen, möglich machte. Und das Intereſſe einer wirkſamen DVertheidigung de Chriſtenthums machte eine ſolche Grundlegung nothwendig. Wie tief die Ge- dankenarbeit der Väter in diefer Richtung reichte, werden wir an dem größten derjelben feftftellen. — Doch überwog die andere Richtung. Es ift das tragifche Schidfal des Chriſtenthums ge= weſen, die Heiligften Erfahrungen des Menfchenherzgend aus der Stille des Einzelleben? heraus und unter die Triebfräfte der welt- geſchichtlichen Maſſenbewegungen einzuführen, hierdurch aber einen Mechanismus des Sittlichen und eine hierarchiſche Heuchelei ber- vorzurufen; auf dem theoretifchen Gebiet verfiel es einem nicht minder ſchwer auf feiner weiteren Entwicklung laftenden Gelchid. Wenn e8 den Gehalt feiner Erfahrung zu Harem Bervußtjein bringen wollte, mußte es ihn in den Vorſtellungszuſammenhang der Außenwelt aufnehmen, welchem derjelbe nach den Beziehungen von Raum, Zeit, Subftanz und Kaujalität eingeordnet wurde. So war die Entwidlung dieſes Gehaltes im Dogma zugleich ſeine Deräußer- lichung. War doch auch in dem Offenbarungsglauben die Möglichfeit gegeben, da8 Dogma al3 ein autoritatives Syſtem von dem Willen Gottes ausgehend zu entwideln, und ein ſolches Syſtem entſprach dem römifchen Geifte, welcher feine Rechtöformeln big in das Innere der chriftlichen Glaubenslehre hineinführte. Aus dem griechifchen Genius entjprang eine andere Art von Veräußerlichung; in den fo8- milchen Begriffen des Logos, der Ausftrahlung aus Gott, der Er- langung eines Antheils an ihm und an feiner Unfterblichkeit entftand eine großartige, doch dem Mythus verwandte Symbolik al3 Sprache des Chriftenglaubend. So wirkte nur zu Vieles dahin, daß der Ge- Halt des Chriſtenthums in einem objektiven, von Gott aus ableitenden Syſtem dargeftellt wurde. Ein Gegenbild der antifen Metaphyſik entitand. Wir ftellen den Zuſammenhang, welcher fo fich bildete 326 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt.

und von der Tiefe der Eelbftbefinnung in bie trandjcendente Welt emporreicht, an demjenigen Echriftjteller dar, welcher die äußerften Grenzen des in diefem Zeitraum Errungenen bezeichnet.

Mir beginnen ſonach mit der folgenden Trage. Wie weit ift in diejer Zeit der Väter dad Recht der neuen Selbſtgewißheit des Glaubens und des Herzens gegenüber der antiken Bhilofophie, insbe⸗ londere gegenüber dem Skepticismus als ihrem lebten Worte, wiſſen⸗ Ichaftlich geltend gemacht worden? Der tieffte Denker dieſes neuen Zeitraums der Metaphyſik, zugleich) der mächtigfte Menſch unter den Schriftitelleen der ganzen älteren chriftlichen Welt ift Au - guſtinus geweſen, und es jchien, ald ob er zu einer der großen Realität des Chriſtenthums entfprechenden Grundlegung der chrift- lihen Erkenntniß bindurchdringen werde. Was des Drigenes milder Geift, von anderen wiſſenſchaftlich geringeren griechiichen Vätern zu ſchweigen, verfucht Hatte, erreichte die ſtürmiſche Seele des Auguftinus für lange Jahrhunderte: er verdrängte und über- bot die antite Weltanihauung durch ein umfafjendes Lehrge- bäude der chriftlichen Wiſſenſchaft. Und wie weit gelangte nun Auguftinus?

Diefem in das religiöje Erleben vertieften Menjchen find die Probleme des Kosſsmos ganz gleichgiltig geworden. „Was willft Du alfo erfennen?” So redet die Bernunft im Selbft- geipräch die Seele an. „Gott und die Seele will ich erkennen.“ „Und nichts weiter?" „Gar nichts weiter.” Selbftbefinnung ift daher der Mittelpunft der erften Schriften des Auguftinug, welche wie in einem ftarfen Strome von innen, darum innerlich zujammenhängend, feit dem Jahre 386 bervorbrachen.

Die Eelbftbefinnung findet fich aber des inneren Lebens allein volllommen ſicher. Wol ift ihr auch die Welt gewiß, aber al® dad, was dem Selbſt ericheint, ala fein Phänomen. Aller Zweifel der Akademie richtet fih alfo nad) Auguftinus nur das gegen, daß dad, was dem Selbft erjcheint, jo tft, wie es erjcheint; jedoch kann feinem Zweifel unterworfen werden, daß ihm etwas ericheine. Ich nenne nun, fährt er fort, dies Ganze, welches Ausgangspunkt des Auguftinus in der. Selbitbefinnung. 397 meinen Augen fi darftellt, Welt). Der Ausdrud Welt be- deutet ihm jonadh ein Phänomen des Bewußtjeind. Und der Yortgang in der Erkenntniß der Phänomenalität der Welt, welcher in Auguftinus vorliegt, ift dadurch bedingt, daß ihm die gejammte Außenwelt nur Interefle bat, jofern fie für das Seelen- leben etwas bedeutet.

Bon dieſer Selbftgewißheit des Ich aus ift zunächſt die MWiderlegung der Akademie gefchrieben. In die Tiefen des Inneren führen alsdann die Soliloquien, welche dort die Un- fterblichkeit der Seele und bie Exiſtenz Gottes entdeden: eine jener Meditationen, deren Form fchon das mit fich jelber beichäftigte Seelenleben gewahren läßt. Dann ſucht der Dialog über den freien Willen in bemjelben Imeren die Entjcheidung über eine der größten Steeitfragen der Zeit. Und in der Schrift über die wahre Religion wird der Glaubenzinhalt von der Selbftgewißheit des Subjektes aus entiwidelt, das zweifelnd, denfend, lebend feiner inne wird. Ueberall ift bier der Ausgangspunkt derjelbe: er liegt in der Entdedung der Realität im eigenen Inneren. „Du, der Du Dich erkennen willſt, weißt Du, daß Du bift?“ „Ich weiß e8.” „Und woher?“ „sch weiß es nicht.“ „Fühlſt Du Dich einfach oder vielfach?“ „Ih weiß ed nicht.” „Weißt Du, daß Du Dich bewegt?“ „Ich weiß es nicht.” „Weißt Du, daß Du dent?" „Ich weiß es.“ „Allo ift e8 wahr, daß Du dent?" „Es ift wahr.” Und zwar knüpft Auguftinus, wie ſpäter Descartes, die Selbitgewißheit an ben Zweifel felber. In bemjelben werde ich inne, daß ich denke, mich erinnere, Dieſes Innewerden umfaßt nicht nur das Denken, ſondern die Totalität des Menfchen; als Leben bezeichnet er mit einem tiefen, wahren Ausdrud den Gegenftand der Selbitgewiß- heit. Auch das reiffte Werk des Auguftinus, die Schrift „vom Gotteaftante,“ enthält benfelben Gedanken, in vollendetem Ausdruck.

Daß wir find, daß wir willen, daß wir unjer Sein und Willen lieben, ift ung gewiß. „Denn dies berühren wir nicht, wie die 328 Zweites Bud. Dritter Abichnitt.

äußeren Objekte, durch irgend ein Sinnedorgan unſeres Körpers, wie die Farben durch den Gefichtsfinn, die Töne durch das Gehör ac., fondern unabhängig von täufchenden Phantafievorftellungen oder Einbildungen ift e8 mir ganz gewiß, daß ich bin, davon weiß und das im Gefühl der Liebe umfafje. Auch fürchte ich in Bezug auf diefe Wahrheiten die Gründe der akademiſchenESkeptiker nicht, welche die Möglichkeit außfprechen, daß ich mich täufche. Denn wenn ich mich täufche, jo bin id. Wer nicht ift, kann fich nicht täuschen ).“ Die Selbftbefinnung, welche bier, nach verwandten An- fäen der Neuplatonifer, in Auguftinug auftritt, ift von der des Socrates und der Sokratiker durchaus verjchieden. Hier endlich geht im Selbſtbewußtſein eine mächtige Realität auf, und dieſe Erkenntniß verichlingt alles Intereſſe an dem Studium des Kosmos. Dieſe Selbftbejinnung ift daher nicht Rückgang auf den Erkenntnißgrund des Wiſſens allein, und aus ihr entipringt fomit nicht nur Wiſſenſchaftslehre?). In diefer Befinnung geht dem Menichen das Weſen feiner Selbft auf, der Ueberzeugung von ber Realität der Welt wird wenigftena ihre Stelle beftimmt, vor Allem wird in ihr das Weſen Gottes aufgefaßt, wie denn fogar das Geheimniß der Dreieinigleit durch fie halb entjchleiert zu werben ſcheint. Die drei Fragen der alten Logik, Phyſik und Ethik: was ift der Grund der Gewißheit im Denken, was die Urſache der Welt und worin befteht dad höchſte Gut?)? führen auf Eine gemeinfame Bedingung, unter welcher das Willen, die Natur und das praf- tijche Leben ftehen, auf die Idee Gottes *); zwei von diejen ragen entftehen aber in der Selbftbefinnung und finden in ihr Beant- wortung. Und zwar gelangt dieje Selbftbefinnung erſt zu ihrem vollen Ergebniß, wo ber religiög-fittliche Vorgang des Glaubens alle Tiefen der Seele aufgejchloffen hat. Das berühmte crede ut 1) Auguftinus de civ. Dei XI c. 26.

3) Diefe Eintheilung der philofophiichen Probleme benutzt Auguſtinus de civ. Dei XI c. 25 vgl. VIII c. 6—8.

Tortgang zur Metaphyſik der veritates aeternae. 399 intelligas bejagt zunächft, daß die volle Erfahrung für die Analyſis da jein muß, ſoll dieſe erichöpfend fein. Das Unterfcheidende des Inhaltes diefer chriftlihen Erfahrung liegt vor Allem in der Demuth, welche in dem Ernſt bed richtenden Gewiſſens begrün- bet ıft?). | Die Selbftbefinnung des Auguftinus, wie fie in diefen Grund⸗ zügen fich von jedem früheren verwandten wiſſenſchaftlichen Ver⸗ uch unterfcheidet, unterwirft zunächſt das Wiſſen felber der Analyſis; eine der drei Hauptfragen war die nach dem Grunde der Gewiß- beit für das Denken. Und dennoch geht eine erfenntniß- theoretijhe Grundlegung aud aus diefer Selbftbefinmung nicht hervor. Die chriftliche Wiſſenſchaft, welche von biejem Ausgangspunkte aus entworfen wird, löſt ihre Aufgabe nicht in angemefjener Weile. Warum das nicht gefhah? In ben Jahren, in welchen der Gedanke einer ſolchen Grundlegung den Auguſtinus beichäftigte, verharrten feine Gedanken noch in der ihm von den Neuplatonikern gegebenen Richtung; Tpäter, als auch da3 für ihn abgethan war, wurden die objektiven Gewalten der katholifchen Kirche und de3 Eatholiichen Dogma zu übermächtig in feinem Bemwußtfein, auch nahmen die Intereſſen der großen Firchlichen und dogma⸗ tiichen Kämpfe Tag für Tag ihn in Anſpruch; als entjcheidend wird fi) und aber die in jeiner Natur felber liegende Grenze ergeben.

So entipringt aus feiner Selbſtbeſinnung zunädft ver- mitteljt des platonijirenden Begriffs der veritates aeternae wieder Metaphyfik, In jener Stelle des Gottesſtaates jagt er weiterhin: „Ich, ber fih täufchte, würde doch eriftiren, auch wenn ich mich täufchte; darum täufche ich mich ohne Zweifel darin ‚nicht, daß ich erkenne: ich bin. Hieraus folgt aber, daß ich mich auch darin nicht täufche: ich weiß, daß ich weiß. Denn ganz jo wie ich weiß, daß ich bin, weiß ich auch, daß ich weiß *).” An diefe Idee des Willens ichließt fi in dem Syftem des Auguftinuß unmittelbar die Lehre 1) Auguftinus ep. 118 c. 3, de civ. Dei II c. 7. 2) De civ. Dei XI c. 26.

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von den an fich gewifien Wahrheiten, ganz ähnlich wie jpäter in dem des Decarted. Und zwar iſt diefer Fortgang von ber Selbftgewißheit zu den an fi gewiljen Wahrheiten in den erften grundlegenden Schriften ausführlich dargeftellt. — Wir entiwideln zunächſt das erfte Glied des dort vorliegenden Schlußverfahrens. Ich finde in meinem Zweifel ſelbſt einen Mapftab, vermittelft deflen ic; Wahres von Falſchem unterfcheibe. Der deutlichfte Yall von Anwendung eines ſolches Maßſtabs ift das Denkgeſetz des Widerſpruchs. Und zwar ift dies Geſetz ein Glied aus einem Syſtem von Geſetzen der Wahrheit. Dieſes Syſtem, welches als „Wahrheit” bezeichnet werden fann, ift un- veränderlid. Ihm gehören die Zahlen und ihre Verhältnifie an, aladann Gleichheit und Aehnlichkeit, vor Allem die Einheit; denn die Einheit kann in Feiner finnlichen Wahrnehmung gegeben fein, fie findet fi nicht an den Körpern, ſondern wird vielmehr von unjerem Denken ihnen abgejprochen, ſonach ift fie dem Denken eigen. — Obwol dieſes erſte Glied des Schlußverfahrend von ber Erfahrung der Realität in und ausgeht, zeigt es doch bereits die Macht der vererbten indbejondere neuplatoniichen Gedanlen⸗ maflen über das ſtürmiſche und ungleiche Genie des Auguftinus. Denn es benubt die pſychiſche Realität, die Lebendige Erfahrung nur ala Ausgangspunkt, uyı die aprioriichen Abftralta zu erreichen, welche die metaphufiiche Bernunftiifienichaft entwidelt Hatte. Die verhängnißvolle Verkehrung de wahren Thatbeftandes dauert fort, nach welcher die Abftralte daB im Geifte Erfte ift, und ſonach ift nicht zu vermeiden, daß es auch in dem aufzuftellenden objektiven Zuſammenhang das Erſte jein wird. — Bon dieſem erften Gliede gelangen wir zu dem zweiten der Beweisführung. Auguftinus denkt weiter mit den Platoniten. Dieſes Syſtem der Wahrheiten wird von der Bernunftthätigleit aufgefaßt, welche ein Er⸗ bliden rein geiftiger Art if. Die Seele erfchaut durch ſich, nicht vermittelit des Körper und feiner Sirmedorgane, dad Wahre. Es befteht eine „Berbindung des erfchauenden Geiftee und bes Mahren, welches er erſchaut.“ Wir find wieder mitten in der Metaphufit Platos, die wir hinter und gelaffen zu haben glaubten.

Fortgang zur Metaphyfit bes Willenz. 331 Alles Willen ift ein Abjpiegeln eines Objekts, das außerhalb des Spiegeld if. Und der Gegenftand dieſes Willens ift die un⸗ wandelbare Ordnung der Wahrheiten, welche über das Kommen und Gehen der Individuen, ihre Irrthümer und ihre Vergäng- lichkeit Hinausreiht: fie ift in Gott. Auguſtinus acceptirt auch in feinen jpäteren Schriften die intelligible Melt Platos mit ber Griveiterung der neuplatonischen Schule, daß Gott das metaphufifche Subjelt ift, in welchen dieſe Ideenwelt enthalten ift!). — Diele ganze Beweisführung enthält nur in einer neuen Verſchiebung ben Schluß aus dem menſchlichen Denken auf ein göttliches ala feine Bedingung und fie gewinnt nur den Begriff eines logifchen Weltzufammenhangs, nicht den Gottes. Un fie Iehnt fich ber Schluß aus dem Charakter der Welt, ihrer zwedmäßigen Schön« beit und zugleich ihrer DVeränderlichkeit, auf Gott.

In der inneren Erfahrung des Auguftinus find andrer- ſeits Elemente gegenwärtig, welche über dieſen plato= nifirenden Zuſammenhang zwilchen dem Intellekt bes Menſchen, der Welt und Gott in den veritates aeternae hin» ausreihen. Aber auch dieſe Elemente drängen Auguſtinus aus der Gelbftbefinnung in eine objektive Metaphyſik. Daher bilden fie neben dem eben dargelegten Beftandtheil der neuen theologischen Metaphyfil, welcher aus dem Alterthum, bejonders dem Neuplatonimus ftammt, einen zweiten Beftandtheil derjelben, welcher über das Denken de Alterthums hinausreicht. Der Fort- gang von dem Prinzip der Selbftgewißheit zu einer objektiven Metaphyſik ift in ihnen der folgende.

In der inneren Erfahrung bin ich mir direkt gegenwärtig; alles Andere ift dem Geifte ein Abwejendes, ein ihm Fremdes. Da- ber fordert Auguftinus, daß der Geiſt fi nicht durch einen Denkoorgang zu erkennen juche, welcher PBhantafiebilder äußerer 1) Auguftinu® de div. quaest. LXXXIII, quaest. 46 definirt den Begriff ber bee, wie er nun in das Mittelalter überging: sunt ideae principales formae quaedam vel rationes [wobei er ausdrücklich bemerkt, daß biefer Begriff die urfprüngliche Ideenlehre überjchreite] rerum stabiles atque in- commutabiles, quae ipsae formatae non sunt, ac per hoc aeternae ac semper eodem modo sese habentss, quae in divina intelligentia continentur.

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Objefte benußt, twie bie Elemente des Naturlaufs: vielmehr „ſoll der Geift ſich nicht wie etwas ihm Fremdes juchen, jondern die Intention des Willens, mit der er unter den Außendingen umberirrte, auf fich jelbft richten.“ „Und er wolle fich nicht er⸗ fennen wie etwa, von dem er nicht weiß, jondern unterjcheide fich nur don dem, was er ala das Andere kennt.“ Der Gelft befitt und weiß ſich ganz, und auch indem er fich zu erkennen fucht, weiß ex fich Ihon ganz. Dies fein Willen von ihm felber entfpricht mehr den An= forderungen an wiſſenſchaftliche Wahrheit als dag von der äußeren Natur. — Die in dieſen Säten enthaltene, tiefe erfenntnißtheoretifche Wahrheit wird nun von Auguftinus zu folgendem Schluß benukt. Wir werden unjer jelber inne, indem wir Denken, Erinnern, Wollen als unfere Akte auffallen, und in dem Gewahrwerden berjelben haben wir ein wahres Wiſſen über und. Nun heißt, ein wahres Willen von etwas haben, defien Subftanz erkennen. Sonach er= fennen wir die Subftanz der Seele!). — Liegt in der Einführung des Begriffs der Subſtanz eine unbaltbare und in dieſem Zu- ſammenhang unnöthige Benußung der Metaphyſik, jo wird andrer- jeitö von ihm der Nachweis, dab dieſes Seelenleben nicht ala eine geiftung der Materie betrachtet werden könne, nach richtiger Dies thode geführt. Aus der Analyſis des Seelenlebeng wird abge- leitet, daß die Eigenschaften defjelben auf körperliche Elemente nicht zurüdgeführt werden dürfen?). Nur daß aud) hier jofort der dogmatiſche Begriff der Seelenfubftanz fich einftellt. — Aus der Verkettung dieſer Schlüffe ergiebt ſich endlich: die Seele Tann nit auf die materielle Naturordnung zurlcgeführt werden, je doch muß fie ala veränderlich einen unveränderlichen Grund haben, ſonach ift Gott die Urſache der Seele wie ber veränderlichen Welt überhaupt, die Seele ift von Gott gefchaffen, denn mas nicht feine Unveränderlichkeit theilt, Tann nicht ein Theil der Sub- ftanz Gottes fein?).

1) Die wichtigſten Stellen finden fich im zehnten Buche der Schrift de trinitate. Vgl. de Genesi ad litt. VII c. 21.

2) De Gen. ad litt. VII c. 20. 21; de vera religione c. 29; de Gott ala Wahrheit und Gott ala höchites Gut. 333 Insbeſondere aber aus der Selbftbefinnung über die That- ſachen des Willens hat Auguftinus feine metaphyfiiche Ordnung gefolgert. Hinter diefe Erfahrungen des Willen? ift ihm das theoretilche Verhalten des Menſchen immer mehr zurüdgetreten. Indem er in dem Urtheil das Clement der Zuftimmung des Willens heraushebt, ordnet er da3 Willen felber dem Willen unter?), das Willen ift in diefem Verſtande Glaube. Durch einen folchen Glauben find wir zunächſt der Außenwelt gewiß, injofern wir und praktiſch verhalten 2); dann finden wir una in demjelben Zujfammen- bang des praftiichen Verhaltens, in der Richtung auf ein höchſtes Gut, dasſelbe ift ala ein unfichtbares nur im Glauben, als ein nichtgegenmwärtiges in der Hoffnung für und da?) War in dem oben entwicdelten Zufammenhang Gott als der Ort der veritates aeternae gewiß, jo ift er es bier ala das höchſte Gut). Daher find wir in diefem Glauben derjenigen Realität der Welt wie der Gottes ficher.

So ift die Selbftbefinnung des Auguftinuß nur der Ausgangspunkt füreine neue Metaphyſik. Und in dem Inneren dieſer Metaphyſik ift fchon der Kampf zwiſchen den veritates aeternae, in welchen ber Intellekt die Gedanken mäßigfeit der Welt befitt, und dem Willen Gottes, der dem praftifchen Verhalten des Menfchen gewiß if. Denn wo Wille it, da ft eine Reihe von Veränderungen, welche durch ein Ziel beftimmt ift. Auguftinug möchte das lebendige Verhältniß Gottes zur Menfchheit, feinen Plan in der Geichichte ergründen) und doch zugleich die Unveränderlichkeit Gottes fefthalten: erfüllt von dem antiten Gedanken, daß alle Veränderlichkeit Bergänglichkeit einjchließt.

1) Auguftinus Jde trinitate XI c. 6.

2) De civ. Dei XIX c. 18: civitas Dei talem dubitationem tanquam dementiam detestatur...creditque sensibus in rei cuiusque evidentia, qui- bus per corpus animus Nutitur, quoniam miserabilius fallitur, qui nunquam putat eis esse credendum.

8) Bal. die Ichöne Darftellung der Lehre vom höchſten Gut de civ. Dei XIX c. 3 und 4.

4) Zu der zuleßt angezogenen Stelle ebdſ. VIII c. 8.

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Geſchichtliche Lage und Art der perjönlichen Genialität be= dingen fo die Stellung des Auguftinus zwiſchen Er- fenntnißtheorie und Metaphyſik. Haben fie dem Philo- ſophen die Konfequenz verjagt, jo haben ſie dafür den Schrift: fteller durch eine weltgeſchichtliche Wirkung entichädigt. Denn in⸗ dem er die volle und ausschließliche Realität der Thatſachen des Bewußtſeins erkannte, diefe Thatfachen aber nicht einer zufammen- hängenden Bergliederung unterwarf, jondern denfelben in feiner Imagination, im Weben der reichften Seelenfräfte gleichlam unter- lag: madjte ihn dies zwar zu einem fragmentariichen Philo- ſophen, aber zugleich zu einem der größten Schriftfteller aller Zeiten.

Die griechifche Willenfchaft Hatte eine Erfenntniß des Kosmos gejucht und im Skepticismus mit der Einficht geendigt, daß jede Erkenntniß von der objektiven Unterlage der Phänomene unmög- lich ſei. Hieraus Hatten die Skeptiker voreilig die Unmöglichkeit alles Willens erjchloffen. Zwar leugneten fie nicht die Wahrheit. der Zuftäggde, welche wir in und vorfinden, aber fie vernad)- läffigten diejelbe ala etwas für ung Werthloſes. Auguftinus 309 aus der Veränderung der Richtung der Intereſſen, welche das Chriſtenthum durchgefeßt Hatte, die erfenntnißtheoretiiche Kon- ſequenz. Weder die Einfälle Tertullian’® noch der einer neu⸗ platonifchen Zeitbildung Hingegebene Synkretisnus bed Clemens oder Origenes hatten das vermocht. Und in Folge hiervon bildet Auguftinus ein jelbftändiges Glied in dem jo langſamen und ſchweren gejchichtlicden Fortgang von ber objektiven Metaphyſik zu der Erfenntnißtheorie.

Aber er verdankt die Stellung, welche er jo einnimmt, nicht feinem zergliedernden Vermögen, fondern der Genialität feines per- fönlichen Lebensgefühls. Und diefer Thatbeſtand macht ſich in einer doppelten Richtung geltend.

Auguftinus ift gänzlich frei von der Neigung der Metaphy- ſiker, der Wirklichkeit die Nothwendigkeit des Gedankens zu ſub⸗ flituiren, der vollen piychiichen Thatlache den in ihr enthaltenen Borftellung2beftandtheil. Er verbleibt in dem Gefühl und der Macht d. Darftellung innerer Erfahr. u. Mangel ihrer Zergliederung. 395 Imagination des vollen Lebende. So bezeichnet er, was dem Zweifel ald unantaftbar zurücbleibt, nicht ausſchließlich ala Denken, fondern auch ala Leben. Hierin drücdt fich feine Natur im Unterjchied von ber eine Descarted aus. Er möchte aus⸗ ſprechen, was in dem Lebensdrang, von welchem feine affektive Natur bewegt ift, enthalten ſei. Er zuerft Hatte dad Bedürfniß und die Kühnbeit, feine Gefchichte, wie fie aus dieſem Lebens⸗ drang entſprungen ift und das innere Schidjal defjelben ab}piegelt, binzuftellen. Wie ein ungebundenes mächtige Naturelement war er durch die Welt gegangen, unaufgehalten von konventionellen Ein- ſchränkungen, ein gewaltiger Menſch: er Hatte immer gelebt, was er gedacht hatte. Die Konfeflionen haben dem Mittelalter fein Bild eingeprägt: ein glühendes Herz, das in Gott allein Ruhe findet. Er rang andrerſeits, in einer allgemeinen piychologifchen Deifrip- tion den dunklen Trieb nach Glüdjeligkeit in feinen weſenhaften Zügen auszudrücken, er ging ihm nad) durd) die Dämmerung des Bewußtſeins, in welcher er webt, in das Reich der Illufionen, die hieraus entipringen, bis Diejer Drang fich an die fchöne Ge- ftaltenmwelt Gottes verliert, doch immer von dem Bewußtſein be- gleitet, daß der Wechjel der jo entitehenden Zuftände nicht das erreichte höchfte Gut iſt). Endlich ehren feine Schriften im Einzelnen immer wieder zum Nachempfinden und Grübeln über Seelenzuftände zurüd. Sie Haben tieffinnig dem Zujammenhang bon piychiichen Thatfachen, welche bis dahin vorwiegend aus dem Borftellungsleben erklärt worden waren, mit bem Willen, mit dem ganzen Menſchen nachgejpürt, man vergleiche feine feinfinnigen Erörterungen über die Sinne?), über das dunkle Leben des Willens im Sinde 3), feine Beobachtungen und Spekulationen über die durchgreifende Bedeutung des Rhythmus im geiftigen Xeben t). Dem entiprechend haben jeine Schriften ferner Begriffe, welche bis dahin in der Metaphyſik abftraft behandelt und in Vorſtellungs⸗ 1) Dgl. den Exkurs in feiner Selbftbiographie confess. VII c. 10—15. 2) Auguftinu® de libero arbitrio II c. $ ff.

3) Confess. I c. 6.

4) De musica, beſonders im fechften Buche.

336 Zweite Bud. Dritter Abfchnitt.

elemente zerlegt worden waren, auf ihre Grundlagen in der Totalität des Seelenlebend zurüdgeführt; hierfür werden 3. B. feine Unterſuchungen über die Zeit immer muſterhaft bleiben '). Aber diejer genialen Gewalt der VBergegenwärtigung war fein Bermögen der Zergliederung nicht gewachſen. Kann dad Wun— der nehmen? Dieſes naturmächtige Gemüth, dem nichts als Gott genugthun fonnte, war nicht zu gewöhnen, der Zerlegung ber Begriffe ein Beben zu widmen. Zwar vermochte Auguftinus, wie feiner der Jahrhunderte nach Paulus, die Gedankenmächte, die er borfand, in großem Sinne zu ſchätzen, und in Yolge hiervon begriff er, umgeben von den Trümmern ber antilen Spefula- tion, richtig die Wahrheit des griechtichen Skepticismus gegenüber der objektiven MWeltanficht. Er vermochte dann, den enticheidenden Punkt zu finden, in welchem die chriftliche Erfahrung ben antiken Skepticismus aufhebt, und jo konnte er einen dem kritiſchen ver- wandten Standpunkt erfafien. Aber ihn durchzuführen vermochte er nicht; er entbehrte der analytiihen Kraft, ihm die Wiſſenſchaft der äußeren Wirklichfeit unterzuorbnen, die der inneren Wirt- lichkeit von ihm aus aufzubauen fowie die falichen Begriffe aufzulöjen, welche beanjpruchen, die geiftigen und die Natur- thatjachen in einem objektiven Ganzen zufammenzubalten. Was jo entitand, war fein Syſtem. Man wird Auguftinus in jeiner wahren Größe ala Schriftiteller erft erkennen, wern man den pfychologiſchen Zufammenhang, welcher in ihm ift, enttwidelt und auf den fuftematifchen verzichtet, welcher nicht bei ihm zu finden ift. Und weiter als Auguftinus bat fein mittelalterlicher Menſch gejehen. So bildete fich anftatt einer erfenntnißtheoretiich begrün- deten Darftellung der religiöfen Erfahrung und ihres Aus— drudes in Vorftellungen eine objektive Syftematil. Es entitand in ber Theologie eine zweite Klaffe von Metaphyſik, tiefer im Ausgangspunkt, aber gemäß ihrem Verhältniß zu den praftifchen Lebensaufgaben in unreiner Mifchung mit pofitiven, in Autorität gegründeten Beftanbdtheilen: eine in jeder Rüdficht un= 1) Auguftinus confess. XI c. 11—30.

Begründung ber theologiſchen Metaphyſik. 337 fritiihe Metaphyfil des Willens. Bald ftreitend bald in äußerer Ausgleichung gehen nun Auguftinus, der Repräfentant der Metaphyſik des Willend, und Ariftoteles, das Haupt ber Metaphyſiker des Kosmos, durch das Mittelalter. Und zwar lebt Auguftinus nicht nur mit Plato und Nriftoteles vereint in der Scholaſtik fort, fondern jofern er das in unmittelbarem Willen Gegebene nicht den an der Außenwelt früher gefundenen Begriffen unterordnen will, findet er feine Nachfolger in den Myſtikern. Schon die literarischen Yormen, in welchen die Myſtik fi) aus- ſprach, zeigen diefen Zufammenhang mit Auguftinus). Auch Hat die Myftit in Bezug auf erfenntnißtheoretifche Begründung ihres Gegenſatzes zu der Metaphyſik feinen Schritt über Auguftinus hinaus gethan, fie Hat ſich nur reiner in dem Clement der inneren Erfahrung abgejchloffen. Daher erhielt fie ſich nicht Fraft ihrer wifjenichaftlichen Grundlegung, fondern ihr inneres Leben hat fie getragen. Die Independenz de perjönlichen Glaubens- lebend wurde jo von ihr durch Blüthe und Untergang der mittel» alterlihen Metaphyſik Hindurch gerettet, bis dieſe Independenz in Kant und Schleiermacher eine wiſſenſchaftliche Begründung erhielt.

1) Bedeutender als die äußeren literariſchen (confessiones, soliloquia) iſt die innere ſchriftſtelleriſche Form; Auguſtinus wechſelt zwiſchen Mono⸗ log, Gebet und Anſprache, und die hinreißende Gewalt ſeiner Schriften beruht mit auf dieſer lebendigen Beziehung bald zu fich ſelber, bald zu der Gemüthserfahrung Anderer, bald zu Gott. Hand in Hand damit geht ſein Mangel an Kompofitionstalent für größere Werte.

Dilthey, Einleitung. 22 338 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.

Drittes Kapitel.

Die neue Generation von Böllern und ihr metaphufiiches Stadium.

Mehr als ein Jahrtaufend liegt zwiſchen Auguftinug und den Zeiten von Copernicus, Luther, Galilei, Descartes, Hugo de Groot. In den Mittelmeerflaaten des Alterthums hatte ſich die bisher dargelegte Metaphyſik entwidelt, eine Metaphyſik als Grundlegung der Willenichaften ift nun auch der neuen Generation von Völkern überliefert worden, welche in die Erbſchaft der älteren eintrat.