SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Kronrades eine Besonderheit bietet. Die Achse des letzteren läuft näm- lich unten in einer Stahlplatte, die mittelst einer Schraube einer über ihr Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 6 82 Zeit Vorstellungen.

Fig. 319- Complicationspendel.

Zeittäuschungen. g, befindlichen festen Messingplatte entweder genähert oder von ihr entfernt werden kann. Dadurch kann die Wirkung des Uhrwerks auf das Pendel und in Folge dessen die Amplitude der Schwingungen innerhalb ziemlich weiter Grenzen variirt werden. Außerdem lässt sich durch diese Einrichtung die während längerer Versuchsperioden unvermeidlich eintretende Abnutzung der Zähne des Kronrades compensiren. Die Verbindung des letzteren mit der Pendelachse ist die bei größeren Pendeluhren gewöhnliche. Die Achse des Steigrads durchbohrt die Säule M und trägt auf der hinteren Seite das Gewichtsrad, an dem mittelst einer mehrfach umgeschlungenen Schnur das Gewicht Q be- festigt ist; durch Umdrehen des Gewichtsrades wird das Uhrwerk aufgezogen. Die Pendelstange P besteht in ihrem oberen Theil aus Metall, in ihrem unteren größeren aus Holz. Die ziemlich schwere Linse L kann an dem hölzernen Theil der Pendelstange mittelst der an ihr befindlichen Schraube verstellt werden, wodurch sich die Schwingungsdauer verändert. Die Pendelstange selbst ist danach empirisch graduirt. Um die Pendelbewegungen auf das Zeigerwerk zu übertragen, stellt das Ende x des Pendels den Sector eines Zahnrades dar, dessen Zähne genau in das an der Achse des Zeigers befind- liche Zahnrädchen y eingreifen. Da der Halbmesser des Zahnrädchens genau /io von demjenigen des Sectors beträgt, so bewegt sich der Zeiger mit der zehnfachen Winkelgeschwindigkeit des Pendels. Mit dem obern Theil des Pendels ist endlich ein Messingansatz fest verbunden, der von der Pendel- achse durchbohrt wird und um dieselbe gedreht werden kann. Dieser Ansatz ragt in den von dem gezahnten Sector umschlossenen Raum hinein und endigt hier mit dem Daumen d. Die Verbindungsstücke des Sectors mit der Pendel- stange sind aber von den Schrauben rr' durchbohrt, die, wenn man sie mög- lichst sich annähert, das den Daumen d tragende Ansatzstück zwischen sich fassen. Durch Aenderung der Schraubenstellung kann daher die Stellung des Daumens innerhalb ziemlich weiter Grenzen verändert werden. Die Bewegung des Pendels wird nun auf den Hebel H mittelst einer Zwischenvorrichtung übertragen. Dieselbe besteht aus einer von einer Feder umsponnenen Achse, die vorn den an den Daumen des Pendels sich anlegenden Fortsatz e trägt, und an der sich hinten nahe vor dem Hebel H der Mitnehmer i befindet.

Dieser umfasst etwa in der Weise eines in zwei Phalangen gebogenen Fingers einen an dem Hebel befindlichen Stift p. Wenn Pendel und Zeiger sich für den Beobachter von links nach rechts bewegen, so stößt der Daumen d an den Fortsatz e an, dadurch dreht sich die mit dem letzteren verbundene Achse gleichfalls von links nach rechts, der Mitnehmer z, und durch ihn Stift p und Hebel H werden in die Höhe gehoben, bis der an diesem, be- festigte Hammer bei einer bestimmten Stellung an die Glocke anschlägt. Der Apparat muss so eingestellt sein, dass in dem Moment, in dem dies eintritt, der Fortsatz e wieder von dem Daumen d abgleitet, was durch die Wirkung einer Spiralfeder unterstützt wird, welche die Achse, an der e befestigt ist, umwindet. Im selben Augenblick fallen aber auch Hebel und Hammer wieder zurück. Es kann also die Berührung zwischen Hammer und Glocke durch sorgfältige Einstellung des Hebels und des Hammerköpfchens genau auf einen Moment beschränkt werden, so dass der Glockenschlag keinen die Bewegung des Pendels und Zeigers störenden Stoß verursacht. Geht dann das Pendel rückwärts von rechts nach links, so gleitet der Daumen d ohne erheblichen Widerstand an dem Fortsatze e vorbei, da, wenn die Achse des letzteren in 6* 84 Zeitvorstellungen.

dieser Richtung sich dreht, die Feder nicht gespannt wird, und der Mit- nehmer i gleitet leicht von dem Stift /, der in ihm ruht, ab.. Es findet also immer nur dann, wenn Pendel und Zeiger von links nach rechts gehen, eine Bewegung des Hebels und ein Glockenschlag statt. Die Zeit aber, zu welcher der. Glockenschlag stattfindet, lässt sich durch wechselnde Einstellung des Daumens d mittelst der Schrauben r r' variiren. Da.die Bewegungen des Hebels und Hämmerchens die Versuche stören würden, indem sie die Auf- merksamkeit abziehen, so werden alle hinter der Scale befindlichen Theile des Apparates durch einen schwarzen (in der Abbildung weggelassenen) Schirm verdeckt, der oben an den die Scale tragenden Messingsäulchen festgebun- den ist.

Die Anstellung der Beobachtungen geschieht nun in folgender Weise. Nachdem die Bewegung des Hebels regulirt wurde, bringt man zunächst die Pendellinse in die für die beabsichtigte Schwingungsdauer erforderliche Höhe und erzeugt dann durch die früher beschriebene Verstellung des Kronrades die gewünschte Schwingungsamplitude. Hierauf wird der Daumen d durch die Einstellung der Schrauben r r in eine beliebige, jedenfalls aber dem Beobachtenden unbekannte Lage gebracht. Macht man an sich selber die Versuche, und hat man keinen Gehülfen, der die Einstellung übernimmt, so stellt man am besten unmittelbar nach jeder Beobachtung für die nächste ein und verfährt dabei möglichst unaufmerksam. Sind alle Vorbereitungen beendet, so wird durch Anstoßen des Pendels das Uhrwerk in Bewegung gesetzt. Bei jeder Bewegung des Zeigers von links nach rechts bestimmt man denjeni- gen Theilstrich der Scale, vor dem der Zeiger im Moment des Glocken- schlags, des Tasteindrucks u. s. w. vorbeizugehen scheint. Damit diese Auf- fassung mit der erforderlichen Genauigkeit geschehen könne, muss das Uhrwerk einige Zeit im Gang erhalten bleiben. Im allgemeinen ist das Urtheil um so länger schwankend, je rascher die Bewegung ist. Nachdem hinreichend scharf der Theilstrich der Scale festgestellt ist, bei dem der Eindruck aufgefasst wird, notirt man denselben samt der zugleich stattfindenden Schwingungsamplitude und Schwingungsdauer. Dann erst sieht man nach, welcher Moment der Bewegung des Zeigers wirklich mit dem Eindruck zusammenfiel. Dies ge- schieht, indem man langsam das Pendel von links nach rechts führt, bis der Hammer q die Glocke, oder das Knöpfchen v den Finger berührt. Zur Be- stimmung der verschiedenen Zeitwerthe, die bei den Beobachtungen in Be- tracht kommen, dienen folgende Gleichungen. Bezeichnen wir mit / die Schwingungsdauer des Pendels, mit a dessen Ablenkung aus der Gleichge- wichtslage, mit ß den Ort des wirklichen Sinneseindrucks und mit ß' den- jenigen des scheinbaren, beide in Winkeln von der Mittellage aus gerechnet, so findet man die Zeit x, die zwischen dem Vorbeigang bei ß und bei ß' liegt, aus der folgenden Annäherungsformel: — arc cos arc cos U I Ist c die momentane Geschwindigkeit des Pendels beim Durchgang des Zei- gers durch den Punkt ß, c' die bei diesem Punkte stattfindende Geschwin- digkeitsänderung, so ist hiernach: Die Erscheinungen der complicativen Zeitverschiebung haben mehrfach den Gegenstand theoretischer Discussionen gebildet. Am einfachsten fanden sich meist die Astronomen bei der »Auge- und Ohrmethode« damit ab, in- dem sie die aus den individuellen Unterschieden der Zeitverschiebung resul- tirenden persönlichen Gleichungen darauf zurückführten, den Beobachtern sei bald die Gewohnheit eigen, »zuerst zu sehen und dann zu hören«, bald die andere, »zuerst zu hören und dann zu sehen«, wobei sie außerdem zum Vollzug dieser Acte möglicher Weise eine verschiedene Zeit nöthig hätten. Stillschweigende Voraussetzung war es dabei offenbar, dass man mit voller Aufmerksamkeit in einem gegebenen Moment jeweils nur einen Sinnesein- druck auffassen könne, und dass sich daher zwei simultane Eindrücke immer in eine Succession umwandeln müssten. Aehnlich wird die Sache vielfach auch noch von Psychologen beurtheilt: so von W. James1, der außerdem der Meinung ist, man sei bei den psychologischen Complicationsversuchen ge- nöthigt, den Zeiger für einen Augenblick ruhend zu denken; die Schwierig- keit, dies zu thun und gleichzeitig den Schall zu hören, bewirke daher, dass man beide in eine Succession ordne. Da die Voraussetzung, dass man den Zeiger momentan ruhen sieht, in Wahrheit nicht zutrifft, und da das was man wahrnimmt, thatsächlich nicht in einer Schall- und Gesichtsvorstellung besteht, die einander folgen, sondern in der vollkommen simultanen Auffassung von Schall und Ort, so ist diese Deutung offenbar falsch, wie denn ja auch die verbreitete Meinung, die Aufmerksamkeit oder gar das Bewusstsein sei in je einem gegebenen Moment immer nur auf einen einzigen Sinneseindruck be- schränkt, nicht bloß durch diese Complicationsversuche, sondern noch durch zahlreiche andere Thatsachen widerlegt wird. J. R. Angell und A. H. Pierce2 suchten die relative Begünstigung negativer Zeitverschiebungen aus der kürze- ren Dauer des Ansteigens der Schallerregungen zu erklären. Die eigenen Versuche dieser Beobachter sind übrigens, abgesehen davon, dass sie zu ge- ring an Zahl sind, dadurch getrübt, dass sie ihre Versuchspersonen nicht unbefangen beobachten ließen, sondern verlangten, der Beobachter solle den bei der ersten Umdrehung wahrgenommenen Ort des Schalls auch bei der wiederholten Bewegung wiederzufinden suchen. Dadurch strebten sie künstlich einen wesentlichen Factor dieser Erscheinungen, die Erwartung, zu eliminiren. Da aber dies nie vollständig gelingen kann, so waren die Bedingungen, unter die sie das Bewusstsein ihrer Beobachter brachten, über- aus verwickelt, so dass sich nicht entscheiden lässt, welches der einander entgegenwirkenden Motive, ob die Erwartung oder die Suggestion des voraus- bestimmten Orts, bei ihren Versuchen die größere Rolle gespielt haben mag3. Am seltsamsten legt sich endlich Ebbinghaus4, der offenbar selbst keine Ver- suche ausgeführt hat, sondern nur von den allgemeinen Postulaten der Re- flexionspsychologie aus über sie urtheilt, die Sache zurecht. Der Beobachter suche, so meint er, fort und fort seine bei den ersten Umdrehungen gemachten Aussagen zu verbessern, komme aber damit um so mehr ins Gedränge, je 2 Angell and Pierce, Amer. Journ. of Psychol. vol. 4, p. 529 ff.

3 Zur Kritik der Versuche von Angell und Pierce vgl. übrigens Geiger, a. a. O.

4 Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie, Bd. 2, S. 593.

86 Zeitvorstellungen.

schneller sich der Zeiger bewege, wogegen er bei langsamer Bewegung, »um der ihm aus dem Leben bekannten Gefahr des Ueberholtwerdens zu entgehen und sich als einen guten Beobachter zu zeigen, auf eine zu frühe Stelle ver- falle«. Von allen diesen Reflexionen, die hier dem Beobachter zugeschrieben werden, existirt thatsächlich nichts. Das nächste was bei dem Phänomen auffällt, ist vielmehr dies, dass die eintretende Complication unter allen Um- ständen und namentlich bei langsameren Geschwindigkeiten, bei denen ja nach dieser Theorie die verwickeltsten Reflexionen stattfinden sollen, als un- mittelbare anschauliche Wirklichkeit dem Beobachter entgegentritt. Uebrigens ist diese Interpretation zugleich ein charakteristischer Beleg dafür, wie das Bestreben, den einfachsten Functionen der Apperception aus dem Wege zu gehen, dazu führen kann, dass man einen verwickelten Apparat logischer Gedankenarbeit und manchmal sogar noch ethische Beweggründe, wie im gegenwärtigen Fall den Ehrgeiz es besser machen zu wollen als Andere, in das Bewusstsein hineininterpretirt. Der gemeinsame Fehler aller dieser Er- klärungsversuche besteht aber darin, dass sie wegen des fließenden Charakters der Zeitvorstellungen die gleichwohl immer vorhandene simultane, d. h. in einem gegebenen Moment stets eine gewisse Zeitstrecke umfassende Natur derselben übersehen. In Folge der nämlichen Verwechselung der Vorstellun- gen mit ihren Objecten begeht man so den entgegengesetzten Fehler wie bei den räumlichen Vorstellungen. Diese hält man in der Regel für dauernde, weil die Objecte dauernd sind. In die Zeitvorstellungen verlegt man die abstracte Succession des Zeitbegriffs, obgleich schon Herbart mit Recht gewarnt hat, man solle die Vorstellung der Succession nicht mit der Succession der Vor- stellungen verwechseln: man verwechselt jene in Wahrheit nicht bloß mit dieser, sondern sogar mit dem aus ihr abstrahirten reinen Zeitbegriff der Naturwissenschaft. Die Deutung der Zeitverschiebungen wird dagegen ver- hältnissmäßig einfach, wenn wir davon ausgehen, dass von der allen diesen Theorien zu Grunde liegenden Voraussetzung, bei solchen Beobachtungen werde entweder zuerst gehört und dann gesehen oder zuerst gesehen und dann gehört, genau das Gegentheil richtig ist: es wird stets gleichzeitig gehört und gesehen; aber der Umfang, in dem die beiden neben ein- ander hergehenden Vorstellungsreihen zusammen im Bewusstsein anwesend sind, lässt der Verbindung beider einen Spielraum, innerhalb dessen nun theils den äußeren Bedingungen theils und vornehmlich der Aufmerksamkeit der entscheidende Einfluss zukommt.

5. Theorie der Zeitvorstellungen.

a. Allgemeine Bedingungen der Zeitvorstellungen.

Ehe die Frage beantwortet werden kann, wie eine Zeitvorstellung entsteht, ist natürlich vor allem darüber Rechenschaft zu geben, wie eine solche überhaupt beschaffen sei. Die populäre Auffassung, wie sie gegenwärtig noch selbst bei Psychologen herrschend ist, verfehlt hier von vornherein die richtige Fragestellung, indem sie jener unerlässlichen Vorfrage ganz aus dem Wege geht. Man hält die Zeitvorstellung Theorie der Zeitvorstellungen. g^ für unmittelbar gegeben, indem man sie mit jenem abstracten objec- tiven Zeitbegriff zusamenfallen lässt, den die Naturwissenschaft für ihre Zwecke festgelegt hat, und der dann von ihr aus auf alle Gebiete des praktischen Lebens, in denen man allgemeingültiger, also objectiver Zeit- werthe bedarf, übergegangen ist. Dieser objective Zeitbegriff ist in seinen Anfängen eine so frühe Errungenschaft der Cultur, dass man ihn trotz der mannigfachen Correcturen, die er sich bis in neuere Zeiten im ein- zelnen hat gefallen lassen müssen, nicht bloß für ein Fundament der ob- jectiven Weltordnung, sondern in der Regel auch für ein solches der sub- jectiven Ordnung unseres Bewusstseins ansieht. Dies spricht sich zunächst darin aus, dass man die subjective Zeitvorstellung in dem Sinne für eine fließende Größe ansieht, dass nie zwei Zeitmomente gleichzeitig im Bewusstsein sein könnten. Da es ein Widerspruch gegen jenen abstracten, objectiven Zeitbegriff sein würde, anzunehmen, zwei Zek- momente könnten ihrem Zeitwerthe nach verschieden und doch gleich- zeitig sein, so gilt es für eine selbstverständliche Folge, dass das nämliche auch für unsere subjectiven Zeitvorstellungen gelte. Dabei wird jedoch über- sehen, dass unser Bewusstsein für die Zeitvorstellungen ebenso wenig wie für irgend welche andere ein bloßer Punkt ist, sondern dass es stets eine Anzahl auf einander folgender Zeitacte enthält. In diesem Sinne sind daher die Zeitvorstellungen simultan gegebene ausgedehnte Größen, so gut wie die Raumvorstellungen. Was sie aber vor diesen auszeichnet, ist, dass sie außerdem stetig fließende Größen sind, die in diesem ihrem Flusse zugleich einen regelmäßigen Verlauf zeigen. Dieser ist es auch, der das Fließen der Zeitvorstellungen von den sonstigen Ver- änderungen der Bewusstseinsvorgänge scheidet, welche letztere ja insofern sämmtlich fließende Größen sind, als die Bewusstseinsinhalte niemals auch nur während kurzer Zeit unverändert bestehen bleiben. Aber in vielen Fällen, z. B. bei der Wahrnehmung unverändert bleibender Raumobjecte, besteht dieser Wechsel in einem unregelmäßigen Oscilliren zwischen, ver- schiedenen Theilinhalten eines Vorstellungsganzen, das bei der relativen Constanz des letzteren völlig unserer Beachtung entgehen kann. Das Fließen der Zeit kann uns dagegen, sofern wir überhaupt Zeitvorstellungen haben, niemals entgehen, da diese Vorstellungen in nichts anderem als eben in dem Fließen der Bewußtseinsinhalte selbst bestehen. Hieraus erklärt es sich auch, dass wir der Zeitanschauung im Vergleich mit der Raumanschauung einen allgemeineren, alle möglichen psychischen Vor- gänge in sich schließenden Inhalt geben, während doch jene nicht weniger wie diese bestimmter sinnlicher Substrate innerhalb gewisser Sinnesgebiete bedarf. Demnach lassen sich ihrem psychologischen Charakter nach die Zeitvorstelluneen als regelmäßig fließende, aber in bestimmten gg Zeitvorstellungen.

Theilen ihres Abflusses stets simultan gegebene psychische Gebilde definiren, die theils nach dem Umfang eines solchen Gebildes, theils nach dem innerhalb eines gegebenen Umfangs stattfindenden Wechsel vergleichenden Maßbeziehungen unterworfen werden. Das so entstehende natürliche Umfangsmaß der Zeitvorstellungen nennen wir Zeitdauer, das des Wechsels der Vorstellungsinhalte Geschwindigkeit des Zeitver- laufs. In unserer subjectiven Wahrnehmung ist die Geschwindigkeit nicht minder veränderlich, wie die Dauer eines irgendwie zusammen- gefassten Vorstellungsganzen verschieden sein kann, und in beiden Be- ziehungen sind unsere subjectiven Zeitmaße dem gleichen Princip der Relativität unterworfen wie die psychischen Maße überhaupt.

Der entscheidende Beweis dafür, dass alle unsere Zeitvorstellungen simultane fließende Größen sind, liegt in den Erscheinungen der Nachwirkung und vor allem in denen der Vorwirkung intensiver be- tonter Eindrücke bei den Größentäuschungen der Zeit. Verschwände ein Eindruck sofort nachdem er eingewirkt hat, und ehe noch der nächste eintritt, aus dem Bewusstsein, so wäre schwer begreiflich, wie er eine Nachwirkung hinterlassen könnte, durch die die Zeitstrecke zwischen bei- den verlängert erscheint; und es wäre vollends ganz unbegreiflich, wie ein Eindruck eine ähnliche Wirkung sogar ausüben könnte, bevor er selber schon da ist. Diese Erscheinung der Vorwirkung, wie sie z. B. der Dreitakt mit letztem betonten Glied ~f \~~~\~ zeigt, gewinnt vielmehr nur dann einen verständlichen Sinn, wenn wir diesen Takt als ein Ganzes auffassen, das als solches vollständig im Bewusstsein vorhanden sein muss, ehe den einzelnen Taktschlägen irgend ein zeitliches Verhältniss gegeben wird. Unsere Vorstellung folgt auch hier dem Reiz immer erst nach; aber sie folgt nicht alsbald jedem einzelnen, sondern einer ganzen Folge von Eindrücken, die sie dann nach den Bedingungen, welche sie der Apper- ception bieten, in ein Ganzes ordnet. Geben wir dies als eine unweiger- liche Folgerung zu, so ergibt sich aber aus den Erscheinungen beim Zusammenfassen größerer Taktgebilde ohne weiteres, dass wir nicht bloß solche kleinste Taktgruppen zu einem simultanen Ganzen ver- binden, sondern dass, wo irgend die Bedingungen günstig sind, der Umfang dieser simultanen fließenden Vorstellungen sehr leicht mehrere Gruppen umfassen kann. Wenn wir in einer nach dem Typus des 3/4- Taktes aufgebauten Reihe _i-#_H-i_#_)_i_._h.hi_ drei Grade der Hebung littu Tu irr und drei Grade der Pause unterscheiden, so müssen diese drei Grade wiederum simultan in unserem Bewusstsein gegeben sein, wenn sie in unserer unmittelbaren Auffassung in dieser Weise gegen einander abgestuft Theorie der Zeitvorstellungen. gq • werden sollen. Unter demselben Gesichtspunkt werden dann aber auch die Zeitverschiebungen vollkommen verständliche Phänomene, während sie zu den wunderlichsten Reflexions-, wenn nicht gar Hallucinations- hypothesen verführen, wenn man sich mittelst des herkömmlichen ab- stracten Zeitbegriffs mit ihnen abfinden will (s. oben S. 85). Aus allen diesen Erscheinungen ergibt sich aber nicht bloß, dass die Zeitvorstellungen in dem angeführten Sinne simultane Gebilde sind, sondern wir können auch aus den Größen- und Intensitätstäuschungen bei gleichförmig ablaufenden Zeitreihen einigermaßen auf den Umfang dieser simultanen fließenden Größen zurückschließen. Folgen sich Eindrücke in Intervallen von etwa 4 See, so fehlt uns selbst bei schärfster Aufmerksamkeit jede Vorstellung davon, ob die Intervalle gleich oder ungleich sind: hier bilden also augen- scheinlich die beiden Eindrücke keine simultane Vorstellung mehr. Erst bei der Verkürzung auf 2 See. gewinnen wir die Anschauung einer unge- fähren Gleichheit, und unter dieser Grenze, bei der Annäherung an 1 See, beginnt dann auch bei unbefangenem zwanglosem Hinhören jener schein- bare Intensitätswechsel, der das deutliche Zeichen der Vereinigung zweier auf einander folgender Eindrücke in ein Ganzes ist. Diese annähernde Zeit von 1 See. scheint nun aber weiterhin zugleich derjenige Zeitwerth zu sein, der dem Umfang einer leicht überschaubaren simultanen Zeit- vorstellung besonders adäquat ist, da sich die unwillkürliche Rhythmi- sirung gleichförmiger Eindrücke in der Regel von selbst bei steigender Geschwindigkeit der Taktreihen derart regulirt, dass das Taktganze un- gefähr dem objeetiven Zeitwerthe einer Secunde gleichkommt1. Erst etwa bei der Hälfte dieser Zeit (0,5 — 0,6 See.) wird jedoch derjenige objeetive Zeitwerth erreicht, für den subjeetiv die Auffassung die genaueste ist, so dass bei ihm auf einander folgende Takte am schärfsten verglichen werden können (s. oben S. 22).

Indem die Zeitvorstellungen simultane, regelmäßig fließende Gebilde sind, die in dieser ihrer fließenden Beschaffenheit unmittelbar in Größen- beziehungen zu einander gebracht werden, schließt nun aber diese wesent- liche Eigenschaft derselben zugleich die andere in sich, dass jede Zeitgröße entweder selbst rhythmisch gegliedert oder als Theil eines rhythmischen Ganzen aufgefasst wird. Dies ergibt sich ohne weiteres aus der Regel- mäßigkeit des Fließens der Zeitvorstellungen. Das Regelmäßige im Ge- biet der subjeetiven Zeitauffassung ist eben das Rhythmische, da jedes rhythmische Gebilde auf der Wiederholung von Zeitvorstellungen ähnlichen Umfangs und ähnlicher Gliederung beruht. Dabei erstreckt sich dieser Be- griff des Aehnlichen von der Grenze der vollen Gleichheit an bis zu der 1 Bolton, Amer. Journ. of Psych, vol. 6, p. 214.

OO Zeitvorstellungen.

entgegengesetzten einer Verschiedenheit, die nur noch in gewissen Grund- eigenschaften an das ähnliche Gebilde zurückerinnert. Das Rhythmische setzt darum nothwendig eine Mehrheit von Gliedern voraus. Aber diese brauchen nicht sämmtlich unmittelbar in der Wahrnehmung vorhanden zu sein, sie können auch erwartete und darum bloß vorgestellte sein. Das letztere trifft in der That immer dann zu, wenn uns Eindrücke gegeben werden, die an sich keinerlei rhythmische Gliederung oder Beziehung enthalten. So fassen wir schon zwei vereinzelte Eindrücke oder drei, die durch be- liebig ungleiche Intervalle getrennt sind, in Wahrheit rhythmisch auf, so- fern sie nur innerhalb der für die unmittelbare Verbindung im Bewusstsein erforderlichen Zeitgrenzen einander folgen: zu dem Zweitakt ~*~~f~ oder dem Dreitakt ~fjf~~j*~ u- s- w- erwarten wir seine Wiederholung. Bei dieser unmittelbaren, nicht weiter abzuleitenden Thatsache der Beobachtung kann nur auf die gesammten Eigenschaften der psychophysischen Organisation hingewiesen werden, nach denen alle thierischen Bewegungen entweder wirkliche rhythmische Bewegungen sind, wie die Geh- und die Athem- bewegungen, oder aber als Fragmente solcher betrachtet werden müssen1. Wie schon physiologisch jede arrhythmische Bewegung als rhythmisches Theilgebilde, so ist daher für uns irgend ein Eindruck, namentlich inner- halb der für die Entwicklung der Zeitvorstellungen hauptsächlich bestim- menden Sinne, Gehör und Getast, ein rhythmisches Ganzes oder ein rhyth- mischer Theil. Die rhythmischen Zeitvorstellungen haben sich in diesem Sinne nicht aus ursprünglich regellosen arrhythmischen, sondern es haben sich umgekehrt alle Zeitvorstellungen, auch die arrhythmischen, aus den rhythmischen entwickelt. Das im gewöhnlichen Sinne Arrhythmische kann daher immer zugleich und vor allem psychologisch als ein Rudiment eines Rhythmischen betrachtet werden. Denn so lange überhaupt Zeit- vorstellungen entstehen sollen, müssen die sie erweckenden Eindrücke auf nachfolgende, sei es wirkliche, sei es bloß erwartete von ähnlicher Be- schaffenheit, bezogen werden. Ohne dieses Moment der Erwartung er- weckt der Eindruck überhaupt keine Zeitvorstellung. In dem Augenblick,