Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. JOQ Vorstell ungsgefü hie bezeichnen, wobei dieser Ausdruck andeuten soll, dass dieselben nicht schon in den Gefühlsbetonungen der in die Vorstellungen eingehenden Empfindungen enthalten sind, sondern zu diesen erst in Folge jener Verschmelzungsprocesse hinzukommen, durch die sich die Empfindungen zu neuen einheitlichen Gebilden, den Vorstellungen, ordnen. Hierin liegt dann freilich auch schon eingeschlossen, dass sich diese Vorstellungsgefühle nach beiden Seiten nicht scharf abgrenzen lassen, da sowohl die Empfindungselemente der Vorstellungen, wie die weiteren Verbindungen, welche die letzteren im Bewusstsein bilden, hier nie hin- weggedacht werden können, indem jene als Partialgefühle in sie ein- gehen, diese aber als associative Factoren zu ihnen hinzukommen. In beiden Beziehungen sind in der That die Vorstellungsgefühle weit weni- ger noch als die Vorstellungen selbst irgendwie für sich isolirbar. Viel- mehr pflegt sich vermöge des gerade bei den Gefühlen eine so wich- tige Rolle spielenden Princips der herrschenden Elemente meist der Gefühlston einer einzelnen Empfindung in dem Ganzen eines Vorstellungs- gefühls mit besonderer Stärke geltend zu machen. Die weiteren an die einzelne Vorstellung sich anschließenden Associations- und Apperceptions- gefühle verschmelzen dagegen vermöge des nicht minder alle Gefühle beherrschenden Princips der Einheit der Gemüthslage mit dem un- mittelbaren Vorstellungsgefühl so innig, dass sich das letztere nur dann mit einiger Sicherheit gewinnen lässt, wenn die Associations- und Apper- ceptionsverbindungen einem erheblicheren Wechsel unterworfen sind. Gerade diese Bedingung trifft aber in vielen Fällen nicht zu, da die Vor- stellungen um so mehr, je bestimmter ihr Inhalt ist, in mehr oder weniger feste Beziehungen zu anderen Bewusstseinsanlagen treten, und da sich überdies alle diese Beziehungen durch Wiederholung der gleichen As- sociationen mehr und mehr befestigen, so dass schließlich selbst solche Associations- und Apperceptionsverbindungen, die ursprünglich einer ein- zelnen Vorstellung nur zufällig anhafteten, zu constanten Bestandtheilen ihrer Gefühlscomponenten werden können.
Nun wurde schon bei der Betrachtung der Gefühlselemente des Seelenlebens und ihrer einfachsten Verbindungen das Princip der herr- schenden Elemente ebenso wie das der Einheit der Gemüthslage in seiner Bedeutung für die Constitution der Gefühle gewürdigt (Ab- schnitt III, Bd. 2, S. 341 ff.). Hier bleiben daher nur noch zwei Auf- gaben zu erledigen. Davon wird die eine darin bestehen, den allgemeinen Beziehungen zwischen den Vorstellungsgefühlen und den zugehörigen Vorstellungen nachzugehen, Beziehungen, die man mit einer freilich will- kürlichen und, wie wir sehen werden, sachlich nicht gerechtfertigten Bevorzugung der objectiven Bewusstseinsinhalte als die Gefühls- 1 1 0 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Wirkungen der Vorstellungen zu bezeichnen pflegt. Daran schließt sich dann als die zweite, concretere Aufgabe die Untersuchung der wich- tigeren Hauptformen dieser Gefühle, die wir, theils weil sie an die un- mittelbare Wahrnehmung eines Vorstellungsganzen gebunden, theils weil sie elementare Factoren der höheren ästhetischen Wirkungen sind, mit dem Namen der ästhetischen Elementargefühle belegen wollen. Hierbei soll das Attribut »ästhetisch« gleichzeitig an die aiad-rjaig oder Wahrnehmung im weiteren und an den modernen Begriff der »Aesthe- tik« im engeren Sinne erinnern. Nur im Hinblick auf den letzteren Be- griff werden die betreffenden Gefühle »Elementargefühle« genannt. Denn obgleich Elemente der ästhetischen Wirkung, sind sie doch als Gefühle, wie alle Vorstellungsgefühle, von zusammengesetzter Beschaffenheit. Auch umfassen die »ästhetischen Elementargefühle« nicht die Gesammtheit der Vorstellungsgefühle, sondern bloß diejenigen, bei denen die Einzel Vor- stellung als solche das Substrat eines bestimmteren, bis zu einem gewissen Grade in sich abgeschlossenen Vorstellungsgefühls bildet. Bei den son- stigen Vorstellungsgefühlen sind aber die Beziehungen der Vorstellungen zum Gesammtzustand des Bewusstseins so sehr die vorwaltenden, dass bei ihnen überhaupt nur die Frage nach dem Verhältniss zu den sie begleitenden Vorstellungen in Betracht kommt.
b. Beziehungen zwischen den Vorstellungen und ihren Gefühlscomponenten.
Da die Empfindungen und die einfachen Gefühle die objectiven und die subjectiven Elemente eines in Wirklichkeit überall einheitlich gegebe- nen Bewusstseinsinhaltes bilden, so werden wir einen entsprechenden Zu- sammenhang zwischen den Vorstellungen und den zu ihnen gehörigen Vor- stellungsgefühlen um so mehr voraussetzen müssen, als ja die letzteren stets Totalgefühle in dem früher (Bd. 2, S. 343) festgestellten Sinne, analog wie die Vorstellungen Verschmelzungsproducte der Empfindungen sind, in die sie zerlegt werden können. Wie bei den Elementen, so kann demnach auch bei diesen ihren psychischen Verbindungen von einem früher oder später des einen oder anderen Factors an sich nicht die Rede sein. Darum ist hier der Ausdruck »Gefühlswirkung einer Vor- stellung« nicht so zu verstehen, als wenn stets zunächst die Vorstellungen als solche gegeben sein müssten, worauf ihnen dann die zugehörigen Gefühlserregungen als die von ihnen erzeugten Wirkungen nachfolgten, sondern jener Ausdruck hat, ähnlich wie der des »Gefühlstons einer Empfind ang«, lediglich die Bedeutung, dass wir genöthigt sind, bei der Analyse der Bewusstseinsvorgänge von den objectiven zu den subjectiven Bestandteilen fortzuschreiten, da bei den ersteren, eben weil sie auf von Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. j j j dem Bewusstsein unabhängige Gegenstände bezogen werden, von den subjectiven Factoren, niemals aber bei diesen von jenen objectiven, die mit ihnen zu dem unmittelbaren Thatbestand des Bewusstseins gehören, abstrahirt werden kann. Dazu kommt dann speciell bei den Vorstellungs- gefühlen noch das weitere Moment, dass sie in ihrer Beschaffenheit mehr und jedenfalls augenfälliger als die zugehörigen Vorstellungen von dem Ge- sammtzustand des Bewusstseins, also von Bedingungen, die außerhalb der zugehörigen objectiven Vorstellungen selbst liegen, abhängen. Der Aus- druck »Gefühlswirkung einer Vorstellung« soll darum in diesem Zusammen- hang eben nur bedeuten, dass es sich hier darum handelt, aus allen den Beziehungen, in denen die einer einzelnen Vorstellung anhaftenden Gefühle überhaupt stehen, so viel wie möglich diejenigen auszusondern, die an den concreten Vorstellungsinhalt selbst gebunden, und die so lange dessen relativ constante Begleiterscheinungen sind, als nicht eben jene außerhalb liegenden Bedingungen dies Verhältniss ganz oder theilweise verändern.
Bezeichnen wir diesen einer Vorstellung als solcher anhaftenden Ge- fühlscharakter als den Gefühlston einer Vorstellung, so ist nun dieser an sich stets ein Totalgefühl, welches aus einer Mehrheit einfacher Gefühle und in den meisten Fällen bereits aus Verbindungen derselben zu resultirenden Partialgefühlen besteht, wie dies früher speciell an dem Bei- spiel der Klanggefühle erörtert wurde (Bd. 2, S. 344). Hierbei macht sich besonders die eine Eigenschaft dieser Gefühlsverschmelzungen geltend, dass, wahrscheinlich zusammenhängend mit dem Princip der Einheit der Gemüths- lage, dievariirenden Gefühlselemente die übrigen Bestandtheile des gleichen Totalgefühls zurückdrängen und so, namentlich wenn auch noch die außer- halb der Vorstellung selbst liegenden Bedingungen begünstigend einwirken, die gesammte Gefühlslage beherrschen können. Auf diese Verhältnisse dürfen wir Avohl eine Thatsache zurückführen, die für das gesammte Ge- fühlsleben und seine Aeußerungen in Affecten und Willensvorgängen von entscheidender Bedeutung ist, und die wir kurz als die Incongruenz zwischen Vorstellung und Vorstellungsgefühl bezeichnen wollen. Diese Incongruenz äußert sich am auffallendsten darin, dass unter Um- ständen das Vorstellungsgefühl eine Intensität erreichen kann, zu der die Intensität der Empfindungselemente sowie der Apperceptionswerth oder die Klarheit der Vorstellung in keinem Verhältnisse steht. Die Kehrseite zu dieser Incongruenz der Gefühle in positiver Richtung bilden dann jene Erscheinungen, die der Annäherung der Gefühle an den Indifferenzpunkt des Gefühlscontinuums entsprechen, und die theils wieder in dem Charakter der Vorstellungen selbst, theils in der Verdrängung ihrer Ge- fühlsbetonungen durch andere, intensivere Gefühle, namentlich solche aus 112 Vorstellungsgefühle und Affecte.
der Classe der Associations- und Apperceptionsgefühle, ihren Grund haben. Diese zwiefache Form des Auseinandergehens von Vorstellung und Ge- fühl kann nun aber weiterhin auch so in die Erscheinung treten, dass beide nicht simultan, sondern in zeitlicher Folge zur Auffassung gelangen, indem entweder das Gefühl der objectiven Vorstellung, an die es gebunden ist, oder aber umgekehrt diese jenem vorausgeht. Hier entspricht offenbar der erste dieser beiden Fälle derjenigen Form der In- congruenz zwischen Vorstellung und Gefühl, die oben vom Gesichtspunkte der Gefühlsanalyse aus die positive genannt wurde, während der zweite der negativen, dem Sinken der Gefühle gegen ihren Indifferenzpunkt, conform ist. In der That bestätigt sich diese Beziehung darin, dass, wie wir sogleich sehen werden, die Erscheinung des zeitlich vorausgehenden Gefühlstons sich sehr häufig mit einem in dem Vorstellungsganzen zu- rückbleibenden Uebergewicht der Gefühlselemente verbindet, während der zeitliche Vorrang des objectiven Vorstellungsinhalts unter allen Um- ständen bei Vorstellungen von schwacher, der Indifferenzschwelle sich nähernder Gefühlsbetonung beobachtet wird.
Im Hinblick auf diese Erscheinungen des wechselnden zeitlichen Vor- rangs lassen sich nun die gesammten Bedingungen dieser Abweichungen von einem gewissen mittleren Gleichgewichtszustand beider Factoren als beschleunigende oder hemmende Momente auffassen, die gegenüber dem aus einem Verschmelzungsproduct von Empfindungen und aus einem zugehörigen Totalgefühl bestehenden Ganzen einer Einzelvorstellung wirk- sam werden, und die schließlich sämtlich theils in den Entstehungs- bedingungen dieses Ganzen, theils in dem Verhältniss, in dem es zu der gleichzeitig vorhandenen allgemeinen Bewusstseinslage steht, ihren Grund haben müssen. Dies findet in der That eine Bestätigung in den wichtigen Unterschieden, die in dieser Beziehung die durch äußere Reize erweckten Sinnesvorstellungen und die Erinnerungsvorstellungen darbieten, Unterschieden, die für die Sonderung beider mindestens ebenso wesentlich sind wie jene fließenden Merkmale, die sich in der unmittelbaren Be- schaffenheit der Vorstellungen -selbst zu erkennen geben1. Lassen sich als solche unmittelbare Unterscheidungsmerkmale, wie wir bei der Analyse der Erinnerungsvorgänge (in Abschn. V) des näheren sehen werden, die fragmentarische und flüchtigere Beschaffenheit der Erinnerungs Vorstellungen sowie die meist geringere Intensität ihrer Empfindungselemente betrachten, so stehen dem hier als ebenso charakteristische die gegenüber, dass bei den directen Sinnesvorstellungen die Gefühlscomponente dem objectiven Ein- druck nachzufolgen pflegt, während sie bei den Erinnerungsvorstellungen Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. T j -> ihm ebenso regelmäßig vorausgeht. Bei den durch äußere Reize er- weckten Sinneswahrnehmungen ist in der That die Succession Vorstel- lung— Gefühl eine so regelmäßige, dass sie sich schon in der gewöhn- lichen Selbstbeobachtung unzähligemal bestätigt findet. Nicht minder stellt sie sich bei den sogenannten »Associationsversuchen« heraus, wenn man bei diesen irgend welche unerwartete äußere Eindrücke während einer sehr kurzen Zeit auf Auge oder Ohr einwirken lässt und die Folge feststellt. in der die durch den Reiz ausgelösten psychischen Vorgänge in dem Be- wusstsein eines zwanglos dem Eindruck sich hingebenden, nicht durch irgend welche Vorschriften oder subjective Absichten beschränkten Be- obachters auftreten1. Hier stellt sich in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle das Ergebniss ein, dass zunächst die Vorstellung nach ihrem rein objectiven Inhalt aufgefasst wird, worauf nun erst, oft nach einer sehr merklichen Zwischenzeit, der Gefühlston derselben hervortritt2. Be- sonders ist dies ausnahmslos dann der Fall, wenn der Gefühlston der Vorstellung schwach ist, woran unmittelbar als Grenzfall der sich an- schließt, dass er überhaupt null wird. Zugleich zeigt sich aber deutlich, dass bei vielen Vorstellungen, mögen sie nun durch äußere Eindrücke erregt oder reproductiv erzeugt werden, eine solche Indifferenz auch dann eintreten kann, wenn der an und für sich nicht mangelnde Ge- fühlston keine Zeit hat, sich zu entwickeln. Offenbar ist es dies bei clirecten Sinnesvorstellungen regelmäßig bestehende Verhältniss, in welchem die schon in der gewöhnlichen Auffassung des seelischen Lebens ent- standene und dann auch in der Psychologie weit verbreitete Ansicht wurzelt, dass sich überhaupt die Vorstellung und ihr Gefühlston wie Ur- sache und Wirkung zu einander verhielten, und dass nun die letztere je nach Umständen auch ausbleiben könne, was eben bei den gefühlsfreien Vorstellungen der Fall sei. Gleichwohl entspricht diese Ansicht schon im Gebiet der directen Sinneserregungen keineswegs den Thatsachen. Viel- mehr gelangen nicht selten sowohl in der gewöhnlichen Wahrnehmung wie bei planmäßigen Associationsversuchen, besonders bei stark das Ge- fühl erregenden Eindrücken, Vorstellung und Gefühl anscheinend voll- kommen gleichzeitig zur Geltung. Auch schmerzerregende Hautreize, bei denen zumeist dem Schmerz eine Berührungsempfindung deutlich vorangeht, verhalten sich in dieser Beziehung nicht anders. Denn auch hier ist das lebhafte Unlustgefühl des Schmerzes mit der Schmerzempfindung' 1 Näheres über Ausführung und sonstige Verhältnisse der »Associationsversuchen vgl. in Abschn. V.
2 Vgl. die in dieser Beziehung durchaus übereinstimmenden Versuche von E. \\. Scripture, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 536 ff., und G. Cordes, ebend. Bd. 17, 1901, Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 8 IIA Vorstellungsgefühle und Affecte.
vollkommen gleichzeitig, während die Berührungsempfindung selbst in- different zu sein pflegt. Die Erscheinung des verspäteten Schmerzgefühls fällt daher durchaus zusammen mit der verspäteten Schmerz empfin düng, und beide beruhen, wie früher bemerkt, wahrscheinlich auf Verhältnissen der Erregungsleitung, die für die vorliegende Frage ohne Bedeutung sind1. Wohl aber werden umgekehrt gerade bei sehr schwachen Sinneserregungen zuweilen Erscheinungen beobachtet, die nicht wohl anders denn als eine Apperception des Gefühlstons einer Vorstellung gedeutet werden können, die der Apperception der Vorstellung selbst vorangeht. So können leise Eindrücke, namentlich auf den Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn, die bei stärkerer Intensität mit deutlichen Unlustgefühlen verbunden sind, eine allgemeine Unluststimmung auch dann erwecken, wenn ihr objectiver Vorstellungsinhalt wegen der vorwaltenden Richtung der Aufmerksamkeit auf andere Eindrücke gar nicht zur Apperception gelangt. Oder bei Ver- suchen über die Apperception momentan einwirkender Wörter, Bilder u. dergl. begegnet es nicht ganz selten, namentlich wenn das Object einen sehr ausgesprochenen Gefühlswerth besitzt, dass der Beobachter die Succession Gefühl — Vorstellung, manchmal mit einer deutlichen Zwischenzeit zwischen beiden Gliedern, wahrnimmt. Dem Eindruck einer regelmäßigen geometri- schen Figur z. B. folgt zuerst ein Gefühl des Wohlgefallens und dann erst die bestimmte Auffassung der Form. Oder dem Eindruck des Reiz- wortes »blenden« folgt das eigenthümliche Erregungs- und Unlustgefühl, welches die Einwirkung blendenden Lichtes begleitet, noch ehe das Wort selbst appercipirt wird2. Auch viele Fälle des verzögerten Erkennens und Wiedererkennens von Gegenständen gehören hierher: ein gesehenes Object, ein zusammengesetzter Schalleindruck erweckt zunächst den ihm eigenen Gefühlston, an den sich dann erst die deutliche Auffassung der Vorstellungselemente des Eindrucks anschließt. Da hierbei meist zugleich associative Processe eine wichtige Rolle spielen, so vermischen sich aber diese unmittelbaren Successionserscheinungen mit den später (in Cap. XIX) zu betrachtenden Wirkungen der Associationen und der Associationsgefühle. Damit bilden zugleich diese Fälle den Uebergang zu der zweiten Er- scheinungsgruppe von Incongruenzerscheinungen, zu denen, deren Mittel- punkte die Erinnerungsvorstellungen bilden.
Kann bei den durch äußere Reize erzeugten Eindrücken die Folge Vorstellung— Gefühl trotz der erwähnten Ausnahmen in dem Sinne als die normale betrachtet werden, dass sie bei Erregungen von mäßiger 2 Cordes, Philos. Stud. Bd. 17, 1901, S. 49. Vgl. auch die zum Theil hier ein- schlagenden Ergebnisse der tachistoskopischen Versuche in Abschn. V.
Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. j j c Empfhidungs- und Gefühlsstärke regelmäßig' sich einstellt, so ist um- gekehrt bei den Erinnerungsvorstellungen die entgegengesetzte Suc- cession Gefühl — Vorstellung die vorherrschende. Auch hierfür bieten wieder die Associationsversuche eine Reihe augenfälliger Belege, bei denen der Nachweis jener Succession durch die exacte Feststellung der Ver- suchsbedingungen erleichtert wird. Nur freilich müssen hierbei bestimmte den Versuchspersonen ertheilte Anweisungen, wie z. B. der Befehl, zu einem gegebenen Eindruck eine Erinnerungsvorstellung zu associiren, vollständig unterbleiben, da solche Anweisungen nicht nur überhaupt die Selbstbeobachtung trüben, sondern im gegenwärtigen Fall geradezu darauf ausgehen, die begleitenden Gefühlsphänomene zn unterdrücken. Außerdem ist aber zu beachten, dass die zur Erweckung von Asso- ciationen gebotenen Eindrücke selbst in den meisten Fällen der In- differenzlage der Gefühle angehören — so z. B. namentlich bei den am häufigsten gebrauchten gleichgültigen Wortbildern — und dass dem- gemäß auch die so erweckten Erinnerungsvorstellungen meist relativ gefühlsfrei sind. Mit Rücksicht auf diese der Geltendmachung von Vorstellungsgefühlen ungünstigen Bedingungen ist nun die große Zahl von Fällen, in denen sich das Auftauchen einer Erinnerungsvorstellung durch ein ihr vorauseilendes, oft sehr lebhaftes Gefühl ankündigt, immer- hin höchst bemerkenswerth, besonders wenn man dieselbe mit den spärlichen Fällen vergleicht, bei denen dem directen Sinneseindruck das adäquate Gefühl vorangeht1. Sichtlich ist zugleich bei solchen Asso- ciationsversuchen die Succession Gefühl — Vorstellung um so auffallen- der, je mehr die dem Sinneseindruck folgende Erinnerungsvorstellung nicht in einem selbstverständlichen Gedankenzusammenhang mit jenem steht, sondern auf individuellen Bewusstseinsanlagen oder zufälligen Er- lebnissen beruht. So z. B. wenn bei einem Beobachter auf das Reiz- wort »Urtheil« zunächst ein unbestimmtes, aber lebhaft erfreuendes Ge- fühl sich einstellte, worauf sich dann erst die Gesammtvorstellung einer gewissen logischen Urtheilstheorie, die den Beifall des Beobachters ge- funden hatte, als der das Gefühl motivirende Vorstellungsinhalt hinzu- gesellte; oder wenn ein anderer Beobachter angesichts des Reizwortes »Abgrund« zunächst das Gefühl eines ästhetischen Missfallens in sich fand, und hiernach als Erinnerungsbild die Vorstellung eines jüngst gesehenen missrathenen Bildes hervortrat, auf dem ein Abgrund dar- gestellt war, u. s. w. In manchen Fällen kann auch das vorauseilende Gefühl einer Complicatipn des zuerst gegebenen directen Sinneseindrucks angehören, die aber mit ihrem Vorstellungsinhalt dem Gefühl nachfolgt: 1 Instructiv sind hier die von G. Cordes a. a. O. S. 46 ff. mitgetheilten Beispiele.
so z. B. wenn in einem Versuch dem Reizwort »Stahl« das Gefühl einer festen muthigen Stimmung folgte, die wohl nicht bloß durch den vom Wort bezeichneten Gegenstand selbst, sondern besonders auch durch den metaphorischen Gebrauch des Wortes inducirt wurde. Dieser Fall nähert sich schon dem andern, wo das zwischen dem Sinneseindruck und der erweckten Erinnerung sich einschiebende Gefühl gewissermaßen doppelt orientirt ist, indem es eine übereinstimmende Gefühlscomponente zu beiden darstellt und so, wie das dem regelmäßigen Verhältniss wieder entspricht, dem objectiven Vorstellungsinhalt des Eindrucks nachfolgt, dem des Erinnerungsbildes aber vorausgeht. In besonders hohem Maße haben Farbeneindrücke, sowohl als diffuse wie als stark hervortretende Empfindungselemente sonstiger Vorstellungen, diese Eigenschaft, durch den der Farbe rasch folgenden Gefühlston beliebige Vorstellungen von verwandtem Gefühl zu erwecken1.
Von diesen experimentellen Erfahrungen aus werden nun auch manche Thatsachen verständlich, die uns in zufälligen Selbstbeobachtungen nicht selten entgegentreten. Hierher gehören zunächst gewisse Stimmungen und Gefühlslagen, die in dem der Apperception direct gegebenen Vorstellungs- verlauf durchaus nicht motivirt erscheinen, dann aber in plötzlich auf- tauchenden Erinnerungsvorstellungen ihr deutliches Substrat gewinnen. Offenbar haben hier bestimmte Vorstellungsgefiihle bereits stark auf die gesammte Bewusstseinslage eingewirkt, ehe noch die zugehörigen Vor- stellungen selbst in den Blickpunkt des Bewusstseins traten. Solche Be- obachtungen werfen dann auch wiederum Licht auf andere Fälle, wo es zu einem Hervortreten dieser Vorstellungen überhaupt nicht kommt, viel- leicht weil ihnen die directen Sinneseindrücke oder andere sich aufdrän- gende Erinnerungselemente hemmend entgegenwirken, und wo nun die Gefühle allein in der Form jener anscheinend unmotivirt auftauchenden und ebenso wieder verschwindenden Stimmungen übrig bleiben, die unter Umständen sehr erheblich und je nach individueller Anlage sogar in vor- herrschendem Grade das Bewusstsein beeinflussen können. So erklären sich wohl jene gewöhnlich den sogenannten Temperamentsanlagen zuge- zählten individuellen Bewusstseinsanlagen, die wahrscheinlich durchweg auf derartigen, mehr oder minder dauernden Gefühlswirkungen beruhen, welche von relativ beharrenden, in ihren Empfindungselementen nur selten zu klarer Auffassung gelangenden Erinnerungsvorstellungen aus- gehen, dann aber um so stärker auf die Auffassung der directen Sinnes- eindrücke und die an diese gebundenen Gefühlsbetonungen assimilativ zurückwirken.
1 Scripture, Phil. Stud. Bd. 6, 1891, S. 536 ff.
Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. T j -, Eine andere, mehr vereinzelt und unter dem Einfluss bestimmter Er- lebnisse auftretende Erscheinung verwandter Arten besteht in den eigen- thümlichen Bewusstseinslagen, die der Erinnerung an irgend einen Vorsatz oder Auftrag vorangehen, oder die auch, wenn der Erinnerungsact selbst nach seinen Vorstellungselementen gar nicht zum Vollzug gelangt, für sich allein eine Zeit lang bestehen und wieder verschwinden können. Man hat sich etwa vorgenommen, eine gewisse Handlung- auszuführen, einen Brief zu schreiben, eine Arbeit zu erledigen. Aber jene vorausgenom- mene Vorstellung der auszuführenden Handlung erneuert sich nicht zur gewünschten Zeit, und statt ihrer stellt sich nur ein eigentümlich drän- gendes Gefühl ein, das aus einem mehr oder minder lebhaften Spannungs- und Erregungsgefühl besteht, dem nicht selten zugleich die besonderen Gefühle beigemengt sind, die den specifischen Gefühlston der Vorstel- lung selbst ausmachen. Dazu treten dann natürlich auch hier jene die verstärkte Spannung der Muskeln begleitenden inneren Tastempfindungen sowie, bei stärkerer Gefühlserregung, die Gemeinempfindungen, die sich im Gefolge der vasomotorischen und respiratorischen Begleiterscheinungen der Gefühle einzustellen pflegen. In die gleiche Erscheinungsweise ge- hören die durch ihre intensive Spannungscomponente oft sehr peinlichen Gefühle des Vergessenhabens, des Erinnernwollens an eine Thatsache, die durch irgend welche begleitende Vorstellungen sogar unter unsern Vorerlebnissen bestimmter localisirt sein kann. Gerade in den letzteren Fällen pflegt dann überaus deutlich der Spannung und Erregung, die solche Zustände immer begleiten, ein besonderer, von der Vorstellung selbst und ihren Verbindungen herrührender qualitativer Factor beigemischt zu sein1.