SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Linie geknüpft sein kann. Die so entstehenden Gefühle entsprechen dem Begriff des »interesselosen Wohlgefallens« am meisten, weil sie eben am meisten dem sich nähern, was wir ein reines »Formgefühl« nennen dürfen, obgleich auch in diesem Fall associative Beziehungen kaum zu fehlen pflegen, da sich ja eben thatsächlich die einzelne Vorstellung nie ganz in unserem Bewusstsein aus den mannigfachen Verbindungen, in denen alle unsere psychischen Erlebnisse stehen, isoliren lässt.

In diesen Bedingungen liegt nun weiterhin eine Thatsache begründet, die, so sehr sie mehrfach schon die Aufmerksamkeit der Aesthetiker erregt hat, doch nach ihrer psychologischen Seite noch wenig Beachtung fand. Sie besteht darin, dass es nur zwei Sinnesgebiete gibt, deren Ein- drücke als sinnliche Substrate ästhetischer Wirkungen eine allgemein an- erkannte Bedeutung besitzen: der Gehörs- und der Gesichtssinn. Daran schließt sich unmittelbar die Frage, ob und inwiefern die andern Sinne ebenfalls ästhetischer Wirkungen oder mindestens einer Mithülfe bei den Gefühlen, die durch jene beiden erweckt werden, fähig sind. Dieser, freilich mit der sonstigen functionellen Bedeutung zusammenhängende höhere ästhetische Werth ist es offenbar hauptsächlich, der dem Gehörs- und Gesichtssinn die Bezeichnung der »höheren Sinne« verschafft hat, während ihnen die andern, ihrerseits durch die nähere Betheiligung am Gemeingefühl ausgezeichneten Sinne, also der Tastsinn mit Einschluss der inneren Tastempfindungen und der Organempfindungen, der Geruchs- und der Geschmackssinn, als die »niederen« gegenübergestellt werden.

Aesthetische Elementargefühle. i2t b. Aesthetische Wirkungen der niederen Sinne. Natur und Kunst.

Ueber das Verhältniss dieser »niederen Sinne« zum ästhetischen Ge- sammteindruck besteht unter den Vertretern der Aesthetik keine völlige Uebereinstimmung. Während die einen jenen für die Constitution des Gemeingefühls so wichtigen Empfindungen allen und jeden ästhetischen Werth absprechen, sind andere geneigt, ihnen immerhin eine Wirkung niederen Grades zuzuerkennen1.

Auch wo man den niederen Sinnen einen gewissen ästhetischen Werth einräumt, da pflegt man übrigens denselben in doppelter Weise zu beschränken: erstens sieht man ihn meist nur in einer zu den Wir- kungen der höheren Sinne hinzutretenden Ergänzung; und zweitens er- blickt man in der subjectiven Beschaffenheit der Sinnesempfindungen selbst ein gewisses Hinderniss der ästhetischen Wirkung. Höchstens dem Geruch ist man geneigt in beiden Beziehungen eine Mittelstellung zu geben. Der Duft einer Blume z. B. soll auch unabhängig von dem Ge- sichtseindruck ein ästhetisches Gefallen erregen können, wie denn die Geruchsempfindung überhaupt, so lange sie eine gewisse Intensitätsgrenze nicht übersteige, ähnlich dem Ton und der Farbe objectivirt werde. Gleichwohl scheint es mir zweifelhaft, ob hier der Gefühlston der Gerüche auf eine wesentlich andere Stufe zu stellen ist, als etwa gewisse unser Wohlbehagen erweckende Temperatur- oder Geschmacksempfindungen, oder als die eine mäßige Muskelleistung begleitenden inneren Tast- empfindungen. Alle diese Gefühle sind lustvolle Gemeingefühle, die unter gewissen Bedingungen, wenn sie sich zu ästhetischen Gefühlen hinzu- gesellen, diese steigern können, weshalb wir denn auch die für die ästhe- tischen Gefühle gebrauchten Ausdrücke des Gefallens und Missfallens gelegentlich auf sie anwenden. Aber diese natürlich bis zu einem gewissen Grade willkürliche und zufällige Bezeichnungsweise gibt doch keinen Rechtsgrund dafür ab, nun das entscheidende Merkmal des ästhetischen Eindrucks, dass er stets von einer irgendwie zusammengesetzten Vor- stellung ausgeht, völlig bei Seite zu lassen. So oberflächlich die alte Unterscheidung des sinnlich Angenehmen und des ästhetisch Wohl- gefälligen sein mag, wenn damit das letztere als ein Nichtsinnliches 1 Zu den Aesthetikern erster Art gehören vor allen Hegel, sodann, mit einigen Einschränkungen, Ed. von Hartmann, Philosophie des Schönen, 1887, S. 73, O. Lieb- mann, Gedanken und Thatsachen, Bd. 2, 1902, S. 274. Der zweiten Meinung sind, bei übrigens mannigfaltiger Nüancirung, F. Th. Vischer, Das Schöne und die Kunst, 1898, S. 32, J. Cohn, Allgemeine Aesthetik, 1901, S. 94, K. Groos, Der ästhetische Genuss, 1902, S. 31, und Volkelt, Der ästhetische Werth der niederen Sinne, Zeitschr. f. Psycho- 128 Vorstellungsgefühle und Affecte.

angesprochen werden soll, so berechtigt ist es, die ästhetischen Gefühle als eine Classe von »Vorstellungsgefühlen« von den Gefühlstönen einfacher Empfindungen zu scheiden. Auch eine Farbe oder ein einzelner Ton ist für sich allein noch kein ästhetisches Object, sondern beide können sich eben nur in der Verbindung mit andern Elementen an der Bildung eines solchen betheiligen. Gerade so ist eine angenehme Geruchsempfindung kein ästhetischer Genuss; und der Umstand, dass der Geruch mehr als der Geschmack oder als die Tastempfindung objectivirt wird, ist hier nicht entscheidend. Denn auch bei Ton und Farbe ist es nicht die Be- ziehung auf ein äußeres Object an sich, was den Eindruck zu einem ästhetischen macht, sondern sein Aufgehen in einem Ganzen, das durch die Verhältnisse seiner Theile und durch seine Beziehungen zu mannig- fachen andern Bewusstseinsinhalten eine complexe Gefühlsreaction her- vorbringt.

Doch liegt in dieser Unterscheidung der an die Empfindungen ge- bundenen einfachen Gefühle von den ästhetischen als Vorstellungsgefühlen verschiedener Zusammensetzung nicht der einzige und wohl nicht einmal der entscheidende Grund für die ästhetische Minderwerthigkeit der niederen Sinne. Vielmehr macht sich diese vor allem darin geltend, dass die hier- her gehörigen Sinnesempfindungen zumeist auch dann nichts zu einer ästhetischen Wirkung beitragen, wenn sie sich an eine durch ihre Ver- hältnisse und Beziehungen ästhetisch wirkende Vorstellung anschließen, ja dass sie in solchem Falle den sonst vorhandenen ästhetischen Eindruck beeinträchtigen oder vernichten können. Der ästhetische Genuss, den uns die Darstellung einer Winterlandschaft auf einem Gemälde bereitet, würde wahrscheinlich sofort schwinden, wenn man ihm durch die Her- stellung künstlicher Kältequellen zu Hülfe käme; und sogar eine auf der Bühne dargestellte Gartenscene würde schwerlich in ihrer dramatischen Wirkung gehoben, wenn man gleichzeitig Blumendüfte über das Parterre ausbreiten wollte1.

Gleichwohl gibt es eine Form des ästhetischen Genießens, für die dieses vom Kunstwerk im allgemeinen geforderte Princip der Ausschaltung der niederen Sinne nicht gilt. Das ist gerade die ursprünglichste Form dieses Genießens: die der unmittelbar erlebten schönen Wirklich- keit. Zu dem Genuss einer Winterlandschaft gehört wirklich die Kälte, 1 Nur in einem Fall erlaubt man sich bekanntlich im modernen Conversationsstück eine Ausnahme von dieser Regel: das geschieht, wenn auf der Bühne geraucht wird. In einer Scene wie in der des Tabakscollegiums in Gutzkows »Zopf und Schwer.« wird es in der That kaum zu umgehen sein. Wo die Handlung eine solche Ausnahme nicht fordert, sondern der Darsteller bloß um des allgemeinen Eindrucks der Natürlichkeit willen die Cigarre oder Cigarette qualmt, da scheint mir auch dies ein ästhetischer Miss- griff zu sein.

deren erfrischender Eindruck sich mit dem Anblick der schneebedeckten Flur zu einem übereinstimmenden Ganzen verbindet. Zur ästhetischen Wir- kling einer Gartenanlage gehört die leise unsere Tastempfindung erregende Bewegung der Luft, der Duft der Blumen, das Gezwitscher der Vögel: und der Genuss würde uns abgestumpft oder todt erscheinen, wenn plötzlich alle diese Eindrücke, die wir einem Gemälde gegenüber als störende Ab- lenkungen empfinden, aus der Wirklichkeit hinweggenommen würden1. Will man es auf eine kurze Formel zurückführen, so ließe sich also sagen, dass das Naturschöne die Theilnahme der niederen Sinne an dem ästhetischen Eindruck fordert, während das Kunstschöne sie ausschließt oder mindestens auf ganz wenige, dem Gebiet der darstellenden Kunst angehörige Fälle einschränkt. Unter Natur hat man dabei freilich nicht bloß die freie, in einen Gegensatz zur Kunst sowie zu den Erzeugnissen der Cultur gebrachte Natur zu verstehen, sondern die Wirklichkeit im Gegensatze zu ihrer Nachbildung. Hieraus begreift sich dann auch die eigenthümliche Mittelstellung, die hier der dramatischen Kunst zukommt. Indem sie die Wirklichkeit nicht bloß im Bilde oder in der Schilderung durch die Sprache, sondern in Handlungen und Ereignissen wiedergibt, die selbst vor unseren Augen und Ohren geschehen, nimmt sie eben, insoweit hier zu dem Eindruck einer solchen Nachbildung des Lebens auch die Theilnahme der niederen Sinne unerlässlich ist, diese in An- spruch, nur dass sich das allgemeine ästhetische Bedürfniss, die Stärke des Eindrucks nicht über die Grenze zu steigern, die den ästhetischen Genuss in der sinnlichen Unlust aufgehen lässt, selbstverständlich auch hier geltend macht. Das •» Naturschöne « in diesem weiteren Sinne, in welchem es die ästhetisch wirkenden Eigenschaften der wirklichen Gegen- stände und Vorgänge bedeutet, umschließt aber zugleich eine Menge ästhetisch wirksamer Erscheinungen, an deren Hervorbringung die Kunst einen wesentlichen Antheil hat. Ein kunstvoll angelegter Park oder Garten, eine ästhetisch wirksame Gewandung, der Tanz, die Eindrücke und Handlungen des religiösen Cultus — alles das und vieles andere scheidet sich von jenen Schöpfungen der Kunst im engeren Sinne, die in irgend einer WTeise entweder der bloßen Nachbildung der Wirklichkeit oder auch der Hervorbringung von Sinneseindrücken bloß um der ästhe- tischen Befriedigung willen bestimmt sind. So werden dem Tanzenden die Kraftempfindungen seiner Muskeln, dem Andächtigen der Weihrauch- duft in der Kirche zu sinnlichen Hülfselementen ästhetischer Wirkung.

1 In einem ergreifenden Gedicht schildert Heinrich von Treitschke nach eigenem Erlebniss das Gefühl schauerlicher Einsamkeit, das den taub gewordenen Knaben ergrift. als er zum ersten Mal in die freie Natur trat.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 9 IßO Vorstellungsgefühle und Affecte.

Dieser eigenthümliche Unterschied in der Betheiligung der niederen Sinne an den Wirkungen des »Naturschönen« in der weiteren und des »Kunstschönen« in der engeren Bedeutung des Wortes beleuchtet nun zugleich den oben erwähnten Zwiespalt der Aesthetiker über den Werth oder Unwerth der niederen Sinne überhaupt. Wer den Begriff des ästhe- tischen Eindrucks mit dem des Kunstwerks zusammenfallen lässt, wie Hegel, der ist natürlich von vornherein geneigt, jene ganz vom Gebiet der ästhetischen Wirkung auszuschließen. Wer umgekehrt dem »Natur- schönen« ein gewisses Recht einräumt, wie Fr. Th. VlSCHER, der kann nicht umhin, ihnen wenigstens eine gewisse Mitwirkung einzuräumen. Aber so groß auch der ästhetische Werth sein mag, den man der Kunst überhaupt und insbesondere für die Steigerung der Wirkungen der schö- nen Natur einräumt, so setzt doch die Kunst überall die Natur voraus, und die Entstehung des Kunstwerks führt daher stets auf das Streben zu- rück, entweder gewisse ästhetische Natureindrücke nachzubilden und zu steigern, oder Gegenstände des Lebensbedürfnisses, die zu jenem weiteren Begriff der Natur im Sinne der den Menschen umgebenden Wirklichkeit gehören, wie das Wohnhaus, Geräthe, Waffen, durch die Verbindung mit ästhetischen Motiven, die der Naturanschauung entnommen sind, ebenfalls in ästhetische Objecte umzuwandeln. Bilden hiernach Natur und Kunst keine Gegensätze, sondern Stufen einer zusammenhängenden Entwicklung, so nimmt die Frage nach der ästhetischen Bedeutung der niederen Sinne die besondere Form an: aus welchen psychologischen oder psycho- physischen Bedingungen ist es abzuleiten, dass die Empfindungen der niederen Sinne, die bei dem unmittelbaren ästhetischen Genüsse der Wirklichkeit zu der Steigerung des Eindrucks nicht selten wesentlich bei- tragen, mit dem Uebergang in die Kunst, namentlich in jene Kunst- formen, deren Zweck bloß noch in der Nachbildung der Wirklichkeit be- steht, diese ihre Wirkung nicht bloß einbüßen, sondern dass sie nicht selten zu störenden Elementen des Eindrucks werden?

In dieser Frage liegt schon eingeschlossen, dass jene Auffassung, die den Unterschied der niederen von den höheren Sinnen lediglich in dem geringeren Grad ästhetischer Wirkung sieht, dessen sie fähig seien, nicht zutreffend ist. Denn zu dem Genuss der Wirklichkeit gehören die Empfindungen der niederen Sinne samt den an sie geknüpften Gefühlen als wesentliche Bestandtheile, deren Mangel unter Umständen die ganze ästhetische Wirkung aufheben kann. Bei den Gebilden der eigentlichen Kunst fehlen sie oder, wo sie sich gleichwohl einmengen, da werden sie meist zu störenden Elementen. Damit läuft aber die obige Fragestellung auf die andere hinaus: was scheidet.überhaupt die Kunst von der erlebten Wirklichkeit? Man pflegt seit Schiller auf diese Frage zu antworten, die Kunst sei ein »Schein«, der die Wirklichkeit in einer die Sinne nur maßvoll erregenden, die Form deutlich hervorhebenden, aber den Stoff zurückdrängenden Weise spiegele. Die »niederen Sinne« sollen da- gegen durch den stofflichen Inhalt ihrer Empfindungen die reine Form des ästhetischen Eindrucks beeinträchtigen. Doch diese Auskunft ist psychologisch wenig befriedigend; denn sie macht nicht verständlich, wie der ästhetische Genuss der erlebten Wirklichkeit eben durch diese angeb- lich stofflichen Empfindungen nicht gestört, sondern im Gegentheil gehoben wird. Dagegen ist das andere Moment allerdings nicht zu übersehen, dass alle diese, in viel unmittelbarerer Weise auf das wahr- nehmende Subject bezogenen Empfindungen und ihre Gefühlstöne selbst niemals den eigentlich ästhetischen Charakter eines Eindrucks ausmachen, sondern dass sie diesen nur steigern, wo er an und für sich schon vor- handen ist, indem sie es eben zumeist sind, die jene Vorstellung unmittel- bar erlebter Wirklichkeit hervorbringen, der bei dem »Naturschönen« eine so wesentliche Bedingung des Genusses ist. Sie ist dies aber bloß deshalb, weil sie erst den Eindruck zu einem wirklich erlebten macht. Das eigentliche Kunstwerk dagegen kann und will den Eindruck der er- lebten Wirklichkeit nicht hervorbringen, weil es diese stets nur von einer oder von einigen ihrer Seiten wiedergibt, indem es unter diesen Seiten wieder die für das menschliche Leben geistig bedeutsamsten und darum für die Entwicklung der complexen Gefühle wirksamsten herausgreift. Das sind aber überall Gefühle, die an Vorstellungen und Vorstellungsver- bindungen der beiden höheren Sinne geknüpft sind. Die an die Eindrücke der niederen Sinne gebundenen Gemeingefühle beeinträchtigen, wenn sie zu stark sind, naturgemäß die Wirkung dieser Vorstellungsgefühle. Doch selbst da, wo sie verhältnissmäßig schwach sind, stören sie wohl weniger durch das was man die »Stofflichkeit« dieser Sinneserregungen genannt hat, als durch die Theilung des Interesses, die das Naturschöne an sich schon gegenüber dem gewissermaßen abstracteren, auf die ästhetisch wirksamsten Bestandtheile der Wirklichkeit sich beschränkenden, eben darum aber concentrirteren und tieferen Eindruck des Kunstwerks zurücktreten lässt. Dazu kommt als ein nicht zu unterschätzendes psychologisches Moment noch das andere, dass, gerade durch solche Nebenbestandtheile, wie sie in den Empfindungen der niederen Sinne und den Gemeingefühlen gegeben sind, der Eindruck den Zweifel erwecken kann, ob der angeschaute Gegenstand ein natürlicher oder ein Gebilde der Kunst sei. Damit entsteht dann ein zwiespältiger Seelenzustand, der weder einen reinen Natur-, noch einen Kunstgenuss aufkommen lässt. Eine leben- dige, bewegte Menschengestalt kann in nicht minderem Grade ästhetisch auf uns wirken, wie ein Werk der plastischen Kunst, wenn sich auch I?2 Vorstellungsgefühle und Affecte.

beide Wirkungen eben durch die vielseitigere Beschaffenheit der ersteren und durch die einheitlichere, concentrirtere der zweiten wesentlich unter- scheiden. Aber eine automatische Wachsfigur macht uns einen ästhetisch höchst minderwerthigen Eindruck, weil sie weder ganz lebendige, bewegte Wirklichkeit, noch ganz ruhende, plastische Kunst, sondern ein Zwitter- ding zwischen beiden ist, bei dessen Anblick uns zudem der Zweifel stört, ob sie das eine oder das andere sei. Genau so verhält sich nun die Sache da, wo die Empfindungen der niederen Sinne die an die Vorstel- lungen der höheren gebundene ästhetische Wirkung auf Eindrücke ab- lenken, die als Zeugnisse unmittelbarer Erlebnisse den Genuss erhöhen, jedoch unfehlbar eine zweifelnde und zwiespältige Stimmung erwecken, wo an die Stelle der künstlerischen Nachbildung der Wirklichkeit eine diese in allen ihren Theilen wiederholende Nachahmung tritt.

Zu diesen Bedingungen, die den Genuss der Wirklichkeit von dem ihrer ästhetischen Nachbildung scheiden, kommt endlich noch eine andere, die mit den ursprünglichsten physiologischen und psychophysischen Eigen- schaften der Sinne zusammenhängt. Die höheren Sinne umfassen ein Material von Empfindungen und Vorstellungen, das sich leicht, auch ohne die Einwirkung eines directen äußeren Sinnesreizes, in uns erneuert. So können sich die meisten Menschen an Klänge und Farben deutlich er- innern, und das Erinnerungsbild dieser Empfindungen pflegt zwar blasser und schwankender zu sein als der unmittelbare Eindruck; doch gibt es wohl verhältnissmäßig nur wenige Menschen, die nicht die erinnerten Töne wirklich als Töne und die Farben als Farben empfinden. Auch solche aber, die nach ihrer eigenen Beobachtung Töne oder Farben nur unsicher oder gar nicht zu reproduciren vermögen, können sich an Rhythmen und an räumliche Formen, wenn auch wiederum mit etwas individuell ver- schiedener Genauigkeit, erinnern. Dagegen fehlt den niederen Sinnen eine solche Reproductionsfähigkeit entweder ganz, oder sie ist jedenfalls so schwach, dass es besonderer Complicationshülfen bedarf, um Spuren dieser Empfindungen wachzurufen. Eine scheinbare Ausnahme bilden allein die die Stellungen und Bewegungen des Körpers begleitenden Spannungsempfindungen, die jedoch nur dadurch einen erhöhten Empfindungswerth gewinnen, dass ihre Reproduction sofort wirkliche Spannungen und Be- wegungen der Organe auslöst, so dass auch hier unmittelbare Empfin- dungen entstehen. Diese bilden dann aber zugleich Complicationshülfen für die reproducirten Empfindungen der andern niedern Sinne, indem sich die letzteren, soweit sie überhaupt existiren, mit Bewegungsempfin- dungen der den verschiedenen Sinnesgebieten zugeordneten Muskeln ver- binden: so besonders die Geruchs- und Geschmacksempfindungen mit den ihnen associirten mimischen Bewegungsempfindungen. Dabei ist aber die begleitende mimische Empfindung wiederum so überwiegend, dass es zweifelhaft bleibt, ob wirkliche reproducirte Geschmacks- und Geruchs- erregungen überhaupt vorkommen1. Hierin liegt nun offenbar zugleich eine wichtige sinnliche Bedingung für die bei dem Eindruck des Kunst- werks zu beobachtende Loslösung der Eindrücke der höheren Sinne von den in der Wirklichkeit sie stets begleitenden Empfindungen der niederen. Auch da, wo das Kunstwerk naheliegende Reproductionsmotive dieser Art enthält — man denke z. B. an ein aus leckeren Früchten componirtes Stillleben — ■ fehlen solche in dem Eindruck. Nur die inneren Tastem- pfindungen bilden hier durch jene an ihre Reproduction gebundene un- mittelbare Entstehung eine Ausnahmestellung, die sich denn auch in den mannigfachsten Erscheinungen geltend macht: so in erster Linie in ihrem wichtigen Einfiuss auf die an die Gehörseindrücke gebundenen rhythmi- schen Gefühle; so aber auch in mehr zurücktretender Weise bei dem Eindruck räumlicher Gestalten, zu deren Gefühlswirkung Augen- und Tastbewegungen eine fortwährende sinnliche Begleitung bilden2.

In der Stufenfolge der ästhetisch wirksamen Eindrücke tritt uns nun die eigenartige, wenn auch mit den Bedingungen der Entstehung des Kunstwerks eng zusammenhängende Thatsache entgegen, dass uns jene Fälle, in denen der ästhetische Eindruck am freiesten ist von der Be- theiligung der an die niederen Sinne gebundenen Gemeingefühle, haupt- sächlich an den beiden entgegengesetzten Enden der Stufenreihen ästhe- tischer Wirkungen begegnen. Wie die höchsten Bildungen der Kunst ausschließlich ein den beiden höheren Sinnen zugehöriges sinnliches Ma- terial verwerthen, so sind auch jene einfachen, relativ beziehungslos wirkenden Objecte, die wir als Substrate der ästhetischen Elementar- gefühle kennen, reine Eindrücke des Gehörs- oder des Gesichtssinns.

1 Natürlich ist diese Frage ausschließlich eine solche der individuellen Selbstbeob- achtung. Ich kann in dieser Beziehung nur constatiren, dass ich bei mir selbst nicht im stände bin, irgend merkliche Erinnerungsbilder von Gerüchen und Geschmäcken hervor- zubringen. Will ich mir z.B. den Geruch einer Rose zurückrufen, so bemerke ich nur die Bewegungs- und Temperaturempfindung, die durch die unwillkürliche begleitende Be- wegung eines eingezogenen Luftstroms entsteht. Aehnlich bemerke ich bei dem Versuch, Geschmacksempfindungen zu reproduciren, nur die entsprechenden mimischen Bewegungs- empfindungen der Mund- und Rachenmuskeln. Danach bin ich geneigt, die Existenz merklicher reproducirter Empfindungen dieser Sinnesgebiete überhaupt zu bezweifeln.

2 Den Künstlern, vor allem den plastischen Künstlern ist diese von den Aesthetikern oft übersehene Betheiligung der Bewegungsempfindungen von Auge und Tastorgan an dem Eindruck der räumlichen Gestalten nicht entgangen. Vgl. darüber die feinen Beobachtun- gen von Ad. Hildebrand, Das Problem der Form in der bildenden Kunst, 1893, und die kurze Darstellung des Inhalts dieser Schrift bei A. Riehl. Vierteljahrsschr. für wiss. Philo- sophie, Bd. 21, 1897, S. 283. Ebenso berühren sich hiermit manche Ausführungen bei Th. Lipps, Raumästhetik und geometrisch -optische Täuschungen, 1897, in denen neben den unmittelbaren auch die associativen Bewegungsmotive besonders hervorgehoben wer- den. Vgl. darüber unten g.

134 Vorstellungsgefühle und Affecte.

Dabei scheiden sich außerdem in diesem einfachsten Fall beide Sinnes- gebiete nach verschiedenen Richtungen, in denen bereits die Hinweise auf die Grundrichtungen auch der höheren Kunstformen gegeben sind. In dieser Wiederanknüpfung der höchsten an die einfachsten, nur durch das Verhältniss der Theile der einzelnen Vorstellung wirksamen ästheti- schen Objecte hat wohl jene formalistische Auffassung der ästhetischen Wirkung zumeist ihre Quelle, die den aristotelisch -scholastischen Unbe- griff der »stoff losen Form«, nachdem er sich auf metaphysischem Ge- biet fruchtlos erwiesen, womöglich in der Aesthetik wieder unterbringen möchte. Das ist eine Verirrung, die durch die psychologische Analyse des ästhetischen Eindrucks auf Schritt und Tritt widerlegt wird. Selbst die ästhetischen Elementargefühle sind keine bloß formalen Gefühle, wenn sie sich auch solchen am meisten nähern. Die höheren ästhetischen Ge- fühle sind es vollends schon deshalb nicht, weil sie sich durchaus nicht in bloße Elementargefühle auflösen lassen, sondern die wirksamsten Be- standtheile ihres Inhaltes den neuen Elementen und Gebilden verdanken, die in ihnen zu jenem spärlichen Gerüste der elementarästhetischen Eindrücke hinzutreten.

Dem Gesichtspunkt, dass die ästhetischen Elementargefühle die ein- zigen relativ reinen Formgefühle sind, lässt sich nun schließlich zugleich der angemessene Eintheilungsgrund für dieselben entnehmen. Gebunden an das Verhältniss der Theile einer einzelnen Vorstellung, werden die Grundformen dieser Gefühle von vornherein jenen Grundformen der Ver- bindung psychischer Elemente zu psychischen Gebilden sich anschließen, die uns die Analyse der Vorstellungsbildung kennen lehrte. Dabei können sich übrigens beiderlei Formen deshalb nicht ganz entsprechen, weil die Gefühle in der innigeren Verschmelzung verschiedener Gefühlselemente zu einem Totalgefühl eine besondere, den Vorstellungsgebilden nicht in gleicher Weise eigene Bedingung mit sich führen. Hiermit hängt es zu- sammen, dass die aus dem praktischen Kunstbedürfniss sich ergebende Gliederung der ästhetischen Elementarwirkungen auf zwei Gesichtspunkte zurückführt, deren einer dem Verhältniss der qualitativen Eigenschaften der Empfindungen, und deren anderer der äußeren Ordnung entnommen ist, in der die Theile zu einander stehen. Nennen wir der Kürze halber die ersteren, auf ein rein intensives Verhältniss zurückführenden Wirkungen die intensiven, die letzteren, auf irgend eine extensive, räumliche oder zeit- liche Ordnung gegründeten die extensiven Gefühle, so entspricht jedem der beiden höheren Sinnesgebiete je ein intensives und ein extensives Gefühl. Die intensiven Gefühle lassen sich auch als die Harmonie- gefühle bezeichnen und in die Gefühle der Klang- und der Farbenhar- monie s:heiden. Dabei wird der Ausdruck »Harmonie« als ein genereller Aesthetische Elementargefühle. t,,-