SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Von den bei der Analyse der natürlichen rhythmischen Körper- bewegungen gewonnenen Gesichtspunkten aus erscheinen nun schließ- lich auch die arrhythmischen Körperbewegungen in einem an- deren Lichte, als dies der Fall ist, wenn man sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine rhythmische Form aus einem der Regelmäßigkeit Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. I y ursprünglich gänzlich entbehrenden Material entstanden denkt. Mit jenen Gegenwirkungen erregender und hemmender Kräfte, auf denen wahrscheinlich alle centralen Functionen des Nervensystems beruhen, hängt überall die Anlage zu einem oscillatorischen Verlauf der Lebens- vorgänge zusammen, dem sich auch die rhythmischen Körperbewegungen als eine besondere, an gewisse Bedingungen der Geschwindigkeit und des Wechsels gebundene Form unterordnen. Darum sind schon jene inneren Bewegungen, wie die des Herzens und der Blutgefäße, die, weil sie sich im allgemeinen nicht in Empfindungen kundgeben, auch keinen directen Einfluss auf das Zeitbewusstsein besitzen können, rhythmisch angelegt Andere, wie die Athembewegungen, die sich wenigstens zeitweise durch begleitende Empfindungen verrathen, mögen immerhin einen mitwirken- den Einfluss gewinnen. Gerade die Ortsbewegungen des Körpers neh- men aber hier offenbar darum eine wichtige Mittelstellung ein, weil einerseits die automatische Regulation derselben noch einflussreich genug ist, um einen Isochronismus gewisser Bewegungsperioden zu erzeugen, der sonst nur den ganz und gar automatisch wirkenden, eben darum aber auch bewusstlos verlaufenden Bewegungen eigen ist, und weil an- derseits ihre Beherrschung durch die Willensvorgänge sie zu bald deutlich hervortretenden, bald mehr verdunkelten, immer aber während ihres Ablaufs in irgend einem Bewusstseinsgrade gegenwärtigen Er- lebnissen macht. Dabei zeigt außerdem schon die mechanische Ana- lyse auch der andern in der Regel nicht rhythmisch ablaufenden will- kürlichen Bewegungen, dass sie nicht nur durch Zwischenglieder mit den rhythmischen zusammenhängen, sondern dass insbesondere ein Merk- mal der letzteren auch ihnen nicht fehlt: es besteht darin, dass jede einzelne Bewegung eine bestimmte Regelmäßigkeit zeigt, vermöge deren sie bei ihrer Wiederholung in übereinstimmenden Phasen zu verlaufen pflegt. Während die rhythmische Bewegung die zwei charakteristischen Eigenschaften besitzt, dass erstens jede einzelne Bewegungsphase ein bestimmtes Gesetz einhält, und dass sich zweitens diese Phasen in einem regelmäßigen Wechsel wiederholen, hat irgend eine arrhythmische Be- wegung nur die zweite dieser Eigenschaften eingebüßt, die erste bleibt ihr ebenso gut wie der rhythmischen zu eigen. Nun wiederholen sich zudem auch solche arrhythmische Bewegungen in Folge ihrer functionellen Bedingungen, nur dass sie in unregelmäßiger, durch beliebige Intervalle getrennter Folge eintreten. Auch hier wird daher eine ähn- liche, nur selbstverständlich losere und unbestimmtere Beziehung der sich wiederholenden Bewegungsacte auf einander eintreten können wie bei dem rhythmischen Verlauf. In diesem Sinne sind die außerhalb der rhythmischen Functionen liegenden Bewegungen Fragmente von Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 2 Rhythmen, die sich zeitweise mehr oder minder den eigentlichen Rhythmen nähern. Wie sich bei den Ortsbewegungen die enge Ver- bindung mit Empfindungen, die nach einer bestimmten Regel sich ab- lösen und wiederholen, als nie fehlende Bedingung erwies, so folgen demnach schließlich auch die an die arrhythmischen Bewegungen ge- bundenen Empfindungen annähernd dieser Regel. Tritt die Gesetzmäßig- keit dieser Bewegungen minder augenfällig hervor, so ist doch nicht zu übersehen, dass eben durchweg auch das an sie gebundene Zeit- bewusstsein ein unvollkommeneres, ja zeitweise gänzlich zurücktretendes ist, wie man sich denn überhaupt bei der Untersuchung der psychi- schen Eigenschaften der Zeitvorstellungen vor der Einmengung des objectiven Zeitbegriffs in die psychologischen Fragen zu hüten hat. Weil die für die Zwecke des praktischen Lebens und der objectiven Wissenschaften fixirten Zeitmaße die Zeit als eine unabhängig von dem Subject immer fließende Größe voraussetzen, so ist man geneigt, nun die nämliche Eigenschaft den subjectiven Zeitvorstellungen zuzuschrei- ben. Aber diesen mangelt jene Eigenschaft durchaus. An den im Be- wusstsein vorhandenen Empfindungsinhalten können in Wahrheit die zeitlichen Factoren bald deutlich bald nur dunkel und unbestimmt hervortreten, bald können sie ganz verschwinden. Die Psychologie der Zeitvorstellungen hat es aber selbstverständlich eben nur mit dieser subjectiven Zeit und ihren Erscheinungen zu thun, während jene ob- jective ein abstracter, auf die allgemeinsten äußeren Zeitbedingungen ein- geschränkter Begriff ist, bei dem eben darum gerade die Eigenschaften, die das psychologisch Charakteristische der Zeitvorstellungen ausmachen, gänzlich eliminirt sind.

Indem wir bei dieser Betrachtung der rhythmischen und der ar- rhythmischen Tastbewegungen davon ausgingen, dass die zeitlichen Eigenschaften der diese Bewegungen begleitenden Vorstellungen nichts den übrigen Elementen Aeußerliches, sondern eng mit diesen verbun- den und daher auch irgendwie durch sie bedingt seien, ist nun aber noch ein Moment außer Rücksicht geblieben. Von jenen übrigen Vor- stellungsinhalten wurden nur die Empfindungselemente berücksichtigt, weil die Aufeinanderfolge dieser am unmittelbarsten unserer Beobachtung zugänglich ist, und allein auf ihren Intensitätswechsel mit einiger Sicher- heit aus den Bewegungen selbst zurückgeschlossen werden kann. Gleich- wohl wird man schon unter dem allgemeinen Gesichtspunkt, dass Empfin- dungen und Gefühle überall zusammen in die Constitution der psychischen Vorgänge eingehen, diese Analyse nicht für eine vollständige ansehen können, um so mehr, da die Willensantriebe, die die Bewegungen aus- lösen und in einzelnen Momenten in ihren Ablauf eingreifen, ganz gewiss Entwicklung der Zeitvorstelhmgen in den einzelnen Sinnesgebieten. jq zu jenen äußeren und inneren Tastempfindungen weitere Elemente hinzu- bringen, die • dem allgemeinen Gebiet der Gefühlsprocesse angehören. Dazu kommt noch eine andere Beobachtung, die, über eine solche bloß sporadische Betheiligung hinausgehend, die Annahme eines Gefühlsvor- ganges, der ebenso continuirlich wie die Empfindung die einzelnen Acte einer Bewegung begleitet, unabweislich macht. Wenn man nämlich eben jenes Mittel anwendet, durch das man sich von der fortwährend, auch im Zustand vollständiger Unaufmerksamkeit stattfindenden Bewusstseins- wirkung regelmäßiger Körperbewegungen überzeugen kann, dies nämlich, dass man eine plötzliche Abänderung der Bedingungen in den Ablauf des Bewegungsvorganges einführt, so lehrt die subjective Beobachtung in überzeugender Weise, dass es die Störung im Zusammenhang der Empfindungen nicht allein, ja dass sie es nur zum allergeringsten Theile ist, die uns eine solche Aenderung wahrnehmbar macht. Vielmehr ist es ein äußerst lebhafter, meist zu dem eintretenden Empfindungs- wechsel außer allem Verhältniss stehender Gefühlseffect., den wir hier- bei wahrnehmen; und zugleich bemerkt man, dass dieser Gefühlsimpuls kein isolirt dastehender Vorgang ist, sondern dass er irgend einen, nur viel undeutlicher wahrgenommenen, vorausgehenden Vorgang unterbricht, um einen neuen einzuleiten. Kurz, solche Störungs- und Unterbrechungs- eingriffe zeigen deutlich, dass der Empfindungs- von einem Gefühlsverlauf begleitet wird, der bei den rhythmischen Bewegungen offenbar eine nicht minder große Regelmäßigkeit besitzt, wie die Aufeinanderfolge der Em- pfindungen, und der, wie die intensiven Wirkungen seiner Unterbrechung vermuthen lassen, für die zeitlichen Eigenschaften der Vorstellungen viel- leicht sogar die überwiegende Bedeutung hat. Zur näheren Verfolgung dieses Gefühlsverlaufes fehlt es uns aber im vorliegenden Fall an den zureichenden Hülfsmitteln. Auch steht der zuverlässigen Selbstbeobach- tung gerade bei den Tastbewegungen die stark hervortretende Qualität der Empfindungen im Wege, die es zu einer einigermaßen gesonderten Auffassung der Gefühle nicht kommen lässt. Nur so viel lässt sich wohl mit Sicherheit sagen, dass die für den Verlauf der Vorgänge entschei- denden Gefühle in erster Linie den Richtungen der Spannungs- und Lösungsgefühle angehören. Namentlich scheinen sie es zu sein, die in continuirlichem Verlauf die Vorgänge begleiten, während Erregungs-, Lust-, Unlustgefühle u. s. w. wohl nur sporadisch, die ersteren als Be- gleiter neu eintretender Willensimpulse, die letzteren in Folge zufällig begleitender Stimmungen in den Gefühlsverlauf eingreifen. Hier, wo die psychologische Analyse dieser ursprünglichsten Formen zeitlicher Vor- stellungen nothgedrungen nach einer ihrer wichtigsten Seiten unvollstän- dig bleiben muss, tritt nun aber der zweite, auf die Erweckung zeitlicher 20 Zeitvorstellungen.

Vorstellungen in eminenter Weise angelegte Sinn, der Gehörssinn, bei dem die äußeren Bedingungen eine Sonderung der Empfindungs- und Gefühlselemente leichter gestatten, ergänzend ein.

c. Zeitliche Gehörsvorstellungen.

Während die zeitlichen Tastvorstellungen stets an die mechanischen Bedingungen der Bewegungsorgane und an die ihnen zugeordneten centralen Regulirungseinrichtungen der Innervationen gebunden bleiben, bewegen sich die entsprechenden Gehörsvorstellungen von vornherein innerhalb viel weiterer Grenzen. Jeder mögliche Wechsel von Klang- und Geräuschformen, soweit er in Folge irgend welcher objectiver Be- dingungen entstehen, und soweit ihm das Ohr gemäß den der Gehörs- empfindung nach Intensität, Schwingungszahl und Dauer der Eindrücke gesetzten Grenzen folgen kann, bietet sich hier als Substrat auf das mannigfachste variirender Zeitvorstellungen. So können denn diese nach Dauer und Geschwindigkeit nicht nur weit über die längsten Zeiten herauf-, sondern namentlich auch weit unter die kürzesten hinabgehen, die bei unsern rhythmischen oder arrhythmischen Orts- oder sonstigen Tastbewegungen vorkommen; und daneben bieten sie gegenüber den durch die Anordnungen der Gelenke und Muskeln relativ fest gegebenen Arten der Ausfüllung der Zeitstrecken mit einem bestimmten Empfin- dungsinhalt eine geradezu unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Wechsels. Zwischen den beiden Fällen einer während ihrer ganzen Dauer mit einer gleichmäßigen Klangempfindung ausgefüllten und einer sogenannten »leeren« oder, wie wir sie besser nennen, »reizfreien« Zeitstrecke, die nur durch zwei ihren Anfang und ihr Ende bezeichnende Eindrücke ab- gegrenzt ist, bieten sich hier alle möglichen Zwischenfälle: theilweise reizfreie, mit wechselndem Inhalt ausgefüllte, im ganzen reizfreie, die durch regelmäßig oder unregelmäßig interpolirte Eindrücke in kleinere Strecken getheilt sind, u. s. w. Es würde unmöglich sein, auch nur die wichtigeren der hier möglichen Zeitformen, vollends in der Ausdehnung auf beliebige arrhythmische Schallbewegungen, zu untersuchen. Für die allgemeineren Fragen nach der Beschaffenheit und Entstehungsweise dieser Vorstellungen genügt es aber auch, gewisse Hauptfälle in Be- tracht zu ziehen, unter denen wieder die zwei Grenzfälle des gleich- mäßig dauernden Klangs und des reizfreien Intervalls von Inter- esse sind.

Ein gleichmäßig während einer gegebenen Zeit andauernder Schall ist namentlich dann mit deutlich ausgeprägten Zeitvorstellungen ver- bunden, wenn verschiedene Schalleindrücke, insbesondere auch solche von verschiedener Dauer mit einander wechseln, wie dies bei vielen Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 9 X Dauergeräuschen, bei der Aufeinanderfolge der Sprachlaute innerhalb der menschlichen Rede, und in ästhetisch ausgebildeter Form in der musikalischen Melodie geschieht. In Folge dieses Wechsels verbinden sich dann stets mit den Dauer- auch Geschwindigkeitsvorstellungen. Dabei werden aber um so mehr, je mannigfaltiger der Wechsel wird, und je mehr rhythmische Motive in ihn eingreifen, hauptsächlich die Intervalle zwischen den einzelnen Dauereindrücken und die zwischen ihnen liegenden Pausen für die Zeitvorstellungen maßgebend, so dass hier überall schon die Erscheinungen eine Verbindung der in den beiden oben erwähnten Grenzfällen wirkenden Bedingungen einschließen. Eine reine, einen Dauereindruck begleitende Zeitvorstellung kommt daher vor- zugsweise dann zur Beobachtung, wenn ein Klang entweder ganz für sich allein, ohne Beziehung auf vorangehende oder nachfolgende ein- wirkt, oder wenn höchstens zwei kurz nach einander einwirkende und an Dauer gleiche oder verschiedene Klänge zur Vergleichung geboten werden. Im letzteren Fall gibt dann zugleich die unten (3, b) zu erörternde zeit- liche Unterschiedsschwelle ein gewisses Maß für die Schärfe der Zeit- auffassung, freilich unter der Bedingung fortdauernder Aufmerksamkeit auf den Klang und seine zeitlichen Eigenschaften, eine Bedingung, die bei solchen Schwellenbestimmungen unerlässlich, sonst aber keineswegs immer vorhanden ist. Wo sie nicht zutrifft, da pflegen dann auch die Zeitbestimmungen solcher Dauerreize außerordentlich schwankend und unsicher zu sein. Doch auch sonst bieten dieselben wenig günstige, ja im ganzen viel ungünstigere Bedingungen für die Analyse der Zeitvor- stellüngen, als die Tastbewegungen, da eine genauere Verfolgung des Gefühlsverlaufs mindestens ebenso sehr wie bei diesen durch die an- dauernde Empfindung gehindert, dafür aber nicht einmal durch einen objectiv und subjectiv zu verfolgenden Empfindungswechsel ein gewisser Ersatz geboten wird. Dauert der Eindruck über ein gewisses durch die allgemeinen rhythmischen Bewegungen, namentlich auch die Dauer der Ortsbewegungen gegebenes Zeitmaß an, so entstehen jedoch deutlich wachsende Spannungsgefühle, zu denen bei noch längerer Dauer eine wachsende Erregung und dann meist zugleich ein starkes Unlustgefühl hinzutreten kann.

Das einfachste Hülfsmittel zur Erzeugung zeitlich leicht abzustufender Gehörseindrücke mit reizfreien Intervallen ist das Metronom. Es ge- stattet zugleich eine zureichende Variation der Geschwindigkeit, um die für die Fragen des Zeitbewusstseins hauptsächlich in Betracht kommenden Zeitstrecken herzustellen. Lässt man dasselbe eine Reihe von Takt- schlägen in gleichem Tempo ausführen, so bilden die so hergestellten Intervalle Zeitstrecken von gleicher Größe, die unmittelbar auf einander bezogen und mit einander verglichen werden. Dabei bemerkt man nun zunächst, dass sich die Intervallgrößen, die für die Beobachtung der auf die Zeitauffassung einwirkenden Elemente günstig sind, innerhalb ziem- lich enger Grenzen bewegen. Wird die obere etwa bei dem Zeitwerth von i See, also wieder bei einer die Dauer eines Doppelschritts nicht wesentlich überschreitenden Größe erreicht, so entspricht der fünfte Theil dieser Zeit oder das Intervall von 0,2 See. annähernd dem Maxi- mum der Geschwindigkeit, bei dem noch eine einigermaßen sichere Auffassung der zeitlichen Vorgänge möglich ist. Steigt die Geschwindig- keit erheblich über diese Grenze, so nehmen wir zwar den Vorgang noch als einen discontinuirlichen wahr. Aber die Vorstellung einer Reihe von Zeitstrecken, die durch Reize begrenzt sind, macht nun mehr und mehr der eines dauernden discontinuirlichen Eindruckes Platz, wie er z. B. bei dem Schwebungsphänomen oder bei Trillern und Passagen beobachtet wird (vgl. Bd. 2, S. 93 ff.). Innerhalb der oben angegebenen Grenzen liegt dann der für die Zeitauffassung günstigste Werth wieder bei etwa 0,5 See, also bei einem der Dauer des Halbschritts nahe kom- menden Intervall. Es entspricht ungefähr dem gewöhnlich angewandten Marschtempo, einer Geschwindigkeit, die sich auch bei den Ortsbewegungen im allgemeinen als die für eine längere Zeit fortgesetzte Bewegungs- weise günstigste bewährt.

Bei einem auf solche Weise ausgeführten einfachen Taktirversuch sind nun offenbar die Anforderungen an die als Substrate der Zeitvor- stellungen dienenden Empfindungen auf das überhaupt mögliche Mini- mum reducirt, indem nur die zur Auffassung und Vergleichung der Zeit- strecken nöthigen Eintheilungspunkte durch die Schalleindrücke ge- geben sind. Zugleich entfernen sich dadurch die Bedingungen so weit wie möglich von denen der zeitlichen Vorstellungen bei dauernden Ge- hörseindrücken sowie der in eine ununterbrochene Empfindungsfolge zu zerlegenden rhythmischen Ortsbewegungen. Gerade deshalb aber, weil hier die Intervalle in Bezug auf die von außen einwirkenden Eindrücke »reizfrei« sind, gestatten die Versuche um so mehr eine scharfe Beob- achtung der subjeetiven Empfindungs- und Gefühlselemente, die sich vermöge irgend welcher innerer Bedingungen dem Ablauf der äußeren Reizphänomene zumischen. Hier zeigt nun die aufmerksame Beobachtung zunächst, dass das »reizfreie« Intervall durchaus nicht empfindungsfrei ist. Da Empfindungen nicht ohne irgend welche Reize möglich sind, so dürfen wir hieraus offenbar schließen, dass es in Wirklichkeit auch nicht absolut reizfrei sei. Man Vaemerkt nämlich, bei etwas größeren, der Grenze von 1 See. nahe kommenden Intervallen besonders auffallend, aber auch bei solchen von 0,5 See. noch vollkommen deutlich eine Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 2 3 schwache Spannungsempfindung' im Ohr, die im Verlauf einer Taktreihe bei aufmerksamem Hinhören etwas zu wachsen, dagegen von einem Taktschlag zum andern annähernd gleichmäßig anzudauern scheint. In Wahrheit ist also auch in diesem Fall die Empfindung eine continuir- liche: an die allerdings sehr viel stärker als z.B. bei den Gehbewegungen hervortretenden Maxima tx1 t2, t3..., die durch die äußeren Schallreize in regelmäßigen Abständen gegeben werden, schließen sich hier sehr schwache dauernde Empfindungen an, die man wohl auf die Spannung des Trommelfells und die Action des Musculus tensor tympani zurück- führen darf. Der gesammte Empfindungsverlauf kann also durch die in Fig. 312 unterbrochen gezeichnete Curve dargestellt werden, in welcher 92 T: S S Fig. 312. Empfindungs- und Gefühlsverlauf bei der Einwirkung regelmäßig sich wiederholender Taktschläge.

jede der Erhebungen fx, /2, t3 die einem Schallreiz correspondirende Empfindung, die Linie s s dagegen die dauernde subjective Spannungs- empfindung andeutet. Weiterhin zeigt nun aber die subjective Beob- achtung, die in diesem Fall durch die sehr geringe Intensität dieser Zwischenempfindung erleichtert wird, dass sich der ganze Vorgang keineswegs in dem Empfindungsverlauf erschöpft. Vielmehr bemerkt man, wiederum bei den der oberen Grenze näher liegenden Zeitinter- vallen deutlicher als bei den kürzeren, dass die anscheinend gleichmäßig andauernde subjective Spannungsempfindung im Ohr von einem Ge- fühlsverlauf begleitet ist, der sich von ihr dadurch wesentlich unter- scheidet, dass er durchaus nicht gleichmäßig andauert, sondern auf- und abwogt und dabei — was eine Verwechselung mit dem Empfindungs- verlauf mit Sicherheit ausschließt — zwischen contrastirenden Gefühlen, die mit bestimmten Phasen des rhythmischen Vorgangs zusammenfallen, oscillirt. Unverkennbar sind es aber hierbei unter den in Cap. XI erör- terten Hauptrichtungen der Gefühle wieder die der Spannung und Lösung, die wir in Wirksamkeit treten sehen. Verfolgt man näm- lich den Verlauf von einem gegebenen Taktschlag an, so stellt sich kurze Zeit nach Eintritt desselben zunächst ein wachsendes Spannungsgefühl ein, das unmittelbar vor dem neuen Taktschlag sein Maximum erreicht, und dann sofort in ein durch seinen rascheren Verlauf sich 24 Zeitvorstellungen.

auszeichnendes Lösungsgefühl übergeht, um in der nächsten Periode wiederum der wachsenden Spannung Platz zu machen u. s. w. Auf diese Weise ist es in erster Linie dieser Gefühlsverlauf, der die übereinstimmen- den Zeitmomente der auf einander folgenden Perioden charakterisirt. Dies erhellt deutlich, wenn man, wie in Fig. 312 durch die ausgezogene Linie, den angegebenen Verlauf graphisch darzustellen sucht. Ist auch die Gestalt dieser Curve natürlich in den Einzelheiten willkürlich, so darf doch, worauf es hier allein ankommt, das allgemeine Verlaufsgesetz in dem Sinne als gesichert gelten, dass erstens in der angegebenen Weise Spannungs- und Lösungsphase wechseln, und dass zweitens der anstei- gende Theil der Curven, also die Wiederaufhebung der Lösung und das Anwachsen der Spannung, einen wesentlich langsameren Verlauf hat als der sinkende, das Aufhören der Spannung und der Eintritt der Lösung. Daraus folgt dann aber zugleich, dass innerhalb einer Periode jeder einzelne Punkt der Gefühlscurve einem übereinstimmend liegenden einer andern Periode entspricht, und dass also der in einem gegebenen Moment vorhandene Gefühls werth nach Vorzeichen und Größe in jeder Periode nur einmal vorkommt, um sich in jeder andern Periode des gleichen Verlaufs an der gleichen Stelle zu wiederholen. Hiermit steht offenbar auch die Thatsache in Verbindung, dass innerhalb der- selben Grenzen der Geschwindigkeit, in denen der Verlauf der Span- nungsgefühle am regelmäßigsten in dem angegebenen Wechsel sich ausprägt, auch die Zeitauffassung am empfindlichsten ist, indem plötz- liche Abweichungen von der bis dahin eingehaltenen Periode in sehr auffallender Weise mit Störungen des Gefühlsverlaufs, namentlich mit intercurrirenden Ueberraschungs- und Unlustgefühlen, verbunden sind. Weicht das Tempo der regelmäßigen Takte von jenen für die Auf- fassung eines dauernden Verlaufs günstigsten Werthen erheblich ab, s<y wird die Zeitvorstellung eine unsichere, während sich zugleich der Gefühlsverlauf durch die Beimengung anderer Gefühlsformen complicirt, die schließlich über den Wechsel der Spannungs- und Lösungsgefühle das Uebergewicht erlangen können. Namentlich treten diese bei sehr viel schnelleren Taktfolgen ganz hinter dem erregenden Gefühl zurück, das discontinuirliche Eindrücke zu begleiten pflegt. Bei sehr bedeutender Größe der Intervalle werden dagegen die eine starke Spannung begleitenden Unlustgefühle immer intensiver. Da nun diese andern Gefühls- formen jenen periodischen Verlauf mit deutlichem Phasenwechsel nicht zeigen, so entstehen Störungen desselben, die um so empfindlicher sind, weil die Auffassung der Regelmäßigkeit dieses Wechsels an sich schon an jene Grenzen gebunden ist, zwischen denen die für die Zeit- vergleichung günstigsten Intervalle liegen.

Entwicklung der Zeitvorstellnngen in den einzelnen Sinnesgebieten.

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