SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Selbst die einfachsten Bewegungen und Wahrnehmungen, deren die mei- sten Thiere alsbald mächtig sind, muss er allmählich erst ausbilden. Es ordnet sich aber diese Thatsache einer, wie es scheint, allgemein im Thierreich zu beobachtenden Regel unter. Je einfacher die Organisation des centralen Nervensystems ist, um so sicherer vorgebildet sind jene ererbten Dispositionen, auf denen die ersten Aeußerungen der Sinnes- wahrnehmungen und der Triebe beruhen: je verwickelter dagegen, um so breiter wird der Spielraum, welcher der individuellen Ausbildung bleibt, um so größer sind nun aber auch die individuellen Unterschiede, die sich in allen psychischen Functionen, von den einfachsten Bewegungen an, geltend machen. Diese Wechselwirkung ist im allgemeinen leicht be- greiflich. Bei einer vielseitigen. Anlage muss zugleich der individuellen Entwicklung ein größerer Raum geboten sein, und gleichzeitig damit wird die Determination durch Vererbung geringer.

Gemäß dem Princip der Vererbung und dem der Anhäufung be- stimmter Eigenthümlichkeiten unter dem Einfluss gleichmäßig fortwirken- der Bedingungen können wir demnach alle irgendwie zusammengesetzteren Instincte als Producte einer Entwicklung betrachten, deren Ausgangspunkte uns noch gegenwärtig in den einfachsten Triebäußerungen niederer Thiere vorliegen. Die weitere Entwicklung der Triebe beruht dann darauf, dass bei der besonderen Gestaltung derselben den Vorstellungen und den an sie geknüpften associativen und apperceptiven Processen eine wichtige Rolle zufällt. Man braucht, um diesen Einfluss anzuerkennen, nur auf die mannigfaltigen Aeußerungen der verschiedenen thierischen Instincte hinzublicken. Wenn die meisten Beobachter eine Erklärung der In- stincte aus Verstandeshandlungen zurückwiesen, so ist dies in der That nicht deshalb geschehen, weil etwa in solchen Instincten, wie in dem Bautrieb des Bibers und der Biene, in den Vereinigungen der Ameisen und Termiten u. s. w., kein Verstand zu finden wäre, sondern weil man im Gegentheil davon zu viel darin gefunden hat, so dass er, wenn man ihn als einen individuellen Erwerb betrachten wollte, mitunter als etwas den höchsten menschlichen Leistungen Ebenbürtiges geschätzt werden müsste1. So ist es denn begreiflich, dass man sich lieber entschloss, in dem instinctiven Thun der Thiere die Aeußerung einer ihnen fremden Intelligenz zu sehen, sei es nun dass man in dieser, wie die Physiko- theologen des 18. Jahrhunderts, die göttliche Intelligenz selbst, oder, wie die Maschinentheorie Descartes' und der seinen Spuren folgenden neue- ren Biologen, die Leistung eines wunderbaren Mechanismus erblickte, der schließlich wieder kaum auf etwas anderes als auf eine göttliche Providenz zurückzuführen wäre.

Dass die intellectuellen und moralischen Triebe, die sich nur in der menschlichen Seele ausbilden, ebenfalls in gewissem Grade dem Gesetz der Vererbung unterworfen sind, ist nach den Erfahrungen der Psycho- pathologie über die Vererbung perverser Triebe und der Anlage zu geisti- gen Störungen wohl nicht zu bestreiten. Man kann aber hier immerhin zweifelhaft sein, in welchem Umfange diese Vererbungstendenzen bei den normalen Triebanlagen gegenüber den Einflüssen der individuellen Le- benserfahrung ins Gewicht fallen. Doch muss die nähere Behandlung dieses Gegenstandes hier den Anwendungsgebieten der Psychologie, wie Charakterologie, Psychopathologie und Criminalpsychologie, überlassen bleiben2.

1 Vgl. Autenrieth, Ansichten über Natur- und Seelenleben, S. 171. Vgl. ferner Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele3, S. 385 ff., außerdem die speciellen Schriften über Thierpsychologie, namentlich: A. Espinas, Die thierischen Gesellschaften, 1879. G. H. Schneider, Der thierische Wille, 1880. Romanes, L'intelligence des ani- maux2, 1889, I, IL Geistige Entwicklung im Thierreich, 1885. (Mit einer nachgelassenen Arbeit Darwins über den Instinct.)

2 Vgl. Th. Ribot, Die Erblichkeit. Deutsche Ausg. 1876, neu bearb. von Kurella, 1895. (Enthält besonders auch Beobachtungen über die Vererbung künstlerischer Anlagen. Orschansky, Etüde sur l'heredite normale et morbide, 1894. Auch die, übrigens mit Kritik zu benutzenden, Werke Lombrosos (Der Verbrecher, deutsche Ausg. 1887, Der geniale Mensch, 1893, La femme criminelle, 1896) sind hier zu nennen. Zur Psycho- pathologie der Triebe vgl..Kraepelin, Psychiatrie6, Bd. I, S. 185, 220 ff. Dazu mit Rück- sicht auf die Vererbung individueller Anlagen unten Cap. XIX, 6.

b. Automatische und reflectorische Bewegungen.

Die automatischen und reflectorischen Bewegungen sind, als wichtige Functionen der Nervencentren, bereits früher erörtert worden (Bd. i, S. 79 ff., 242 ff.). Ebenso ist von den muthmaßlichen Ausgangspunkten der anscheinend »spontanen«, äußeren Reizen angepassten Bewegungen, insofern sie allgemeine Merkmale seelischen Lebens sind, die Rede ge- wesen (ebend. S. 19 ff.). Dabei musste jedoch die Frage nach der psy- chologischen Bedeutung der Erscheinungen zunächst aus dem Spiele bleiben. Jetzt, nachdem wir die Willensvorgänge in den beiden Ent- wicklungsformen der Trieb- und der Willkürhandlungen als Hauptformen zweckmäßiger psychophysischer Lebensäußerungen kennen lernten, erhebt sich aber die Frage nach der Stellung der automatischen und reflectori- schen Bewegungen zu jenen psychophysischen Functionen. Sind diese Bewegungen ursprünglich rein physikalisch-chemische Wirkungen, ohne jede Spur psychischer Begleitphänomene? Oder enthalten sie psy- chische Elemente, die wir als Empfindungen und Gefühle, analog den uns aus der Selbstbeobachtung bekannten, betrachten dürfen? Es ist klar, dass diese Frage für die Physiologie wie für die Psychologie der Bewegungen ihre große Bedeutung hat, dass sie aber doch für die letz- tere von überwiegendem Interesse ist. Denn wie man sie auch beantworten mag, für die rein physiologische Untersuchung bleibt immer die Aufgabe bestehen, den physikalisch-chemischen Zusammenhängen der Be- wegungen nachzugehen, da mit der Annahme von Anfang an vorhande- ner psychischer Elemente der physikalisch-chemische Charakter der Er- scheinungen, also auch die streng physiologische Analyse derselben nicht im geringsten alterirt würde. Anders steht die Psychologie zu der Frage. Wird die erste Alternative mit ja beantwortet, so müssen wir annehmen, das, was wir ein »Bewusstseinsphänomen« nennen, entstehe plötzlich, katastrophenartig aus bisher rein mechanischen oder, wenn der Ausdruck gestattet ist, »apsychischen* Functionen. Wird dagegen die zweite bejaht, so ist von selbst die Voraussetzung geboten, die Entwicklung der psy- chischen Erscheinungen, wie sie im Bewusstsein des einzelnen Menschen eine continuirliche ist, sei auch in der Stufenfolge der lebenden Wesen als eine solche anzunehmen, ein plötzlicher Sprung vom »Apsychischen« zum »Psychischen« existire also in Wirklichkeit nicht. Während dem- nach die Physiologie in der rein physiologischen Auffassung der Bewegungen und in den Methoden ihrer physiologischen Analyse gar nicht alterirt wird, sieht sich die Psychologie zu zwei völlig abweichenden Grundanschauungen über den Ursprung der Willensvorgänge und des psychischen Geschehens überhaupt gedrängt, je nachdem sie sich im einen oder im andern Sinne entscheidet.

Welcher Seite man sich nun aber auch hier von vornherein zuneigen möge, jedenfalls kann dieses Problem nicht bloß durch Erfahrungen am Menschen und an den ihm näherstehenden höheren Thieren, sondern es kann nur auf Grund einer auch die niederen organischen Wesen um- fassenden Beobachtung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelöst wer- den. Indem wir demgemäß kurz zunächst der wesentlichsten Thatsachen gedenken, die hier die vergleichende Physiologie an die Hand gibt, wer- den wir übrigens gut thun, von der etwaigen psychologischen Seite der Erscheinungen vorläufig noch zu abstrahiren, da ja eben die physische Seite uns allein direct gegeben ist. Von diesem objectiven Standpunkte aus wollen wir dann »refiectorisch« einstweilen alle die Bewegungen nennen, die auf einen äußeren Reiz in einer diesem zweckmäßig ange- passten, coordinirten Form auftreten. Das Kriterium der »zweckmäßigen Anpassung« und der hierzu geeigneten Coordination der Bewegungen wird sich aber hier allerdings wiederum nur denjenigen Bewegungen höherer Thiere entnehmen lassen, die wir als zweifellose Triebbewegungen kennen. »Zweckmäßige Reflexe« nennen wir also Reizbewegungen, die so erfolgen, als wenn ein Schutztrieb oder ein Nahrungstrieb oder ein Geschlechts- trieb das die Bewegung erzeugende psychische Motiv wäre. Doch ist zu beachten, dass wir dieses Kriterium vor allem auch da anwenden, wo solche Triebe als thatsächliche Bewusstseinsphänomene nicht nachzu- weisen sind. So verengert sich unsere Pupille auf Lichtreize, und so be- wegt der Rückenmarksfrosch sein Bein gegen einen Hautreiz ganz im Sinne eines Schutztriebes, obgleich die Existenz eines solchen, wenn wir dem Wort seine allein berechtigte psychologische Bedeutung lassen, bei der Lichtreaction der menschlichen Pupille sicher zu verneinen, bei dem hirnlosen Rückenmarksfrosch wenigstens sehr zweifelhaft ist. So lange wir diesen Standpunkt einer bloß objectiven physiologischen Sympto- matik festhalten, ist hiernach eine Unterscheidung zwischen Triebbe- wegungen und Reflexen ausgeschlossen, da es" ja eben Triebsymptome allein sind, nach denen wir Reflexbewegungen in dem der Nerven- physiologie geläufigen Sinne von andern beliebig unzweckmäßigen Reiz- bewegungen unterscheiden können. Dagegen wird es, sobald neben den äußeren physiologischen Symptomen auch die psychische Seite in Rücksicht gezogen wird, nützlich sein, zu jenem engeren und eigentlichen Begriff der Reflexe zurückzukehren, nach welchem diese bloß mechanisch-physiologischen Erfolge der Reize von zweckmäßig angepass- tem Charakter sind, aber nicht von nachweisbaren Bewusstseinserschei- nungen begleitet werden. Die Reflexe in diesem engeren Sinne würden sich daher in Kürze auch als »triebartige Reactionen ohne wirklich vor- handene Triebe« definiren lassen. Aehnlich werden wir dann »automa- tisch« in der allgemeinsten Bedeutung des Wortes solche Bewegungen nennen, die ohne äußere Reize, aber im allgemeinen ebenfalls in zweck- mäßiger Coordination erfolgen. Und auch hier mus.s vom Standpunkte bloß objectiver Beobachtung aus ganz dahingestellt bleiben, ob solche Bewegungen psychologisch betrachtet Willenshandlungen sind, oder ob sie in Folge irgend welcher innerer Reize eintreten, die mit Bewusstseins- phänomenen nichts zu thun haben. In diesem rein physiologischen Sinne sind z. B. die spontan erfolgenden Schwimmbewegungen eines intacten Frosches ebenso gut wie die eines hirnlosen »automatisch«, obgleich die ersteren wahrscheinlich auf Willensvorgängen beruhen, während dies von den letzteren wenigstens zweifelhaft sein kann. Den Ausdruck »spontan«, den man in der Physiologie meist für solche Bewegungen anwendet, wollen wir wegen des unmittelbaren Zusammenhangs seiner Bedeutung mit dem Willen vermeiden. Doch behalten wir uns auch hier vor, zu dem engeren, die Bewusstseinsphänomene ausschließenden Begriff des Automatischen zurückzukehren, sobald die Mitberücksichtigung der psy- chischen Seite der Erscheinungen wieder in Frage kommt. »Automatisch« im rein objectiven Sinne werden wir daher solche thierische Bewegungen nennen, die den Charakter zweckmäßig coordinirter Willens- handlungen ohne sie unmittelbar auslösende äußere Reize besitzen, und von denen vorläufig dahingestellt bleibt, ob bei ihnen wirkliche Willens- vorgänge vorhanden sind oder nicht. Nimmt man die Begriffe des Automatischen und des Reflectorischen in dieser weitesten Bedeutung, so können nun freilich auch die Grenzbestimmungen gegenüber den des Zweckcharakters und der zweckmäßigen Coordination überhaupt entbeh- renden Bewegungen unsicher werden. So gehören die geotropischen, heliotropischen und chemotaktischen Erscheinungen in der niederen Pflanzen- und Thierwelt zumeist einem solchen zweifelhaften Gebiet an. Für den Stand der Frage nach der Bedeutung und Entwicklung der automatisch -reflectorischen Bewegungen im ganzen ist aber dies kaum von wesentlichem Gewicht, da die in überzeugender Weise den Charakter der zweckmäßigen Adaptation und Coordination an sich tragenden Bewegungen auch nach Beiseitesetzung solch zweifelhafter Fälle eine hin- reichend vollständige Entwicklungsreihe bilden.

Als die Ausgangspunkte dieser Entwicklungsreihe sind dann jene Bewegungen niederer Organismen anzusehen, die schon den allgemeinen Charakter automatischer und reflectorischer Erscheinungen an sich tra- gen, obgleich bei den Thieren selbst keinerlei Spuren eines Nerven- systems nachzuweisen sind, oder obgleich zwar Nerven und gangliöse Trieb-, Reflex- und Willkürbewegunsfen.

Centren existiren, nach Entfernung dieser Gebilde jedoch die zweck- mäßig coordinirten Bewegungen erhalten bleiben. Dahin gehören also nicht bloß die Bewegungen der cilientragenden Protozoen1, sondern auch viele Erscheinungen bei Coelenteraten, Turbellarien und andern niederen Wirbellosen, bei denen die ganze contractile Substanz noch Trägerin nervöser Leistungen zu sein scheint, und daher die specifischen Nervengebilde eine verhältnissmäßig zurücktretende, wahrscheinlich nur einzelne Coordinationen räumlich entfernterer Theile des Körpers ver- mittelnde Function besitzen. So können Schirmquallen, denen man den am Rand des Schirms gelegenen Nervenring exstirpirt hat, ihre automa- tischen Contractionen bald ungestört fortsetzen, bald darin mehr oder weniger gehemmt werden, ohne dass eine völlige Suspension derselben eintritt2. Wird eine Turbellarie hinter dem am Vorderende des Thieres gelegenen Ganglienpaar quer durchschnitten, so bleiben automatische Be- wegungen bald beider Hälften, bald nur der vordem erhalten; locale Reflexerscheinungen dagegen bewahrt jedesmal auch der ganglienlose Theil3. Diese Eigenschaft contractiler Substanzen, auch wenn sie außer Zusammenhang mit nervösen Gebilden sind, automatisch oder refiectorisch zu reagiren, scheint sich sogar noch bei den höheren Thieren auf gewisse relativ selbständigere muskulöse Organe, wie das Herz und den Darm, zu erstrecken, so dass in dieser Zugehörigkeit der contractilen Substanz, ebenso wie gewisser Sinneszellen, zum Nervensystem die Con- tinuität der Entwicklung, mit freilich immer größer werdender Prävalenz der eigentlichen Nervencentren, erhalten bleibt4. Zwischen jenen beiden Grenzfällen, der anscheinend auf besondere, ausgedehntere Coordinationen beschränkten Function der Nervencentren und der Reduction eines vom Nervensystem relativ unabhängigen Automatismus auf einzelne, in näch- ster Beziehung zu den vegetativen Functionen stehende Organe, bietet nun das Thierreich alle möglichen Uebergangsstufen. Dabei kommt aber zu dieser ersten Erscheinung noch eine zweite, die zunächst mit jener Hand in Hand geht, um dann in der aufsteigenden Thierreihe eine zunehmende Bedeutung zu gewinnen: dies ist die anfangs sehr weitreichende, hierauf aber bei den höheren Wirbelthieren und dem Menschen immer mehr abnehmende relative Unabhängigkeit der verschiedenen Theile des centralen Nervensystems von einander. Frühe sind bekannt- lich schon bei den Wirbellosen gewisse Ganglienmassen durch ihren Umfang und ihre bevorzugte Stellung ausgezeichnet: so vor allem die 2 Romanes, Jelly-fish, Star-fish and Sea-Urchins, International scient. ser. 1893.

3 Loeb, Pflügers Archiv, Bd. 56, 1894, S. 247 ff.

zu einer Art von Gehirn entwickelten Schlundganglien.. Aber wie die Differenzirung dieses Gehirns der Wirbellosen selbst bei verwandten Formen eine mannigfach wechselnde sein kann, so bieten nun auch die Körper- segmente selbst alle möglichen Stufen von einer nahezu vollständigen bis zu einer auf wenige Restsymptome beschränkten Autonomie ihrer Be- wegungsfunctionen. So können Anneliden und Nemertinen zerschnitten werden, ohne dass die Theile ihre automatische Locomotion verlieren, vorausgesetzt nur dass die Zahl der verbunden bleibenden Segmente nicht unter eine gewisse Grenze sinkt1. Bei den Crustaceen und noch mehr bei den Insecten werden nach Beseitigung der Schlundganglien die Be- wegungen unsicher, und einzelne Reflexe schwinden gänzlich, da das obere und das untere dieser Ganglien offenbar verschiedene Coordinationen ver- mitteln. Allgemein aber scheinen dabei die reflectorischen und die auto- matischen Centren für die verschiedenen Bewegungen zusammenzufallen2. Diese Verhältnisse wiederholen sich nun bei den Wirbelthieren mit der besonderen Modification, dass die relativ größere Selbständigkeit der niederen Centren vor allem in der Fähigkeit des Rückenmarks oder einzelner Segmente desselben zu mehr oder weniger ausgedehnten Reflexen zum Ausdruck kommt, wogegen schon beim Amphioxus die automatische Locomotion hinwegfällt, sobald der vordere, dem Gehirn entsprechende Abschnitt vom übrigen Körper getrennt ist3. Immerhin be- wahren z. B. beim Aal selbst beschränkte Rückenmarkstheile eine längere Zeit nach der Trennung nicht bloß reflectorische, sondern anscheinend selbst automatische Locomotionen4. Aehnliches ergeben die Versuche an anderen Fischen, sowie besonders an den in dieser Beziehung am viel- seitigsten erforschten Amphibien und Reptilien. Als allgemeines Resultat lässt sich daher für alle diese niedereren Wirbelthiere festhalten: selb- ständige Reflexthätigkeit einzelner Segmente des Rückenmarks, verbunden mit umfangreichen Coordinationen und Selbstregulirungen; bei Erhaltung größerer Gebiete außerdem Erhöhung der Reflexerregbarkeit, augen- scheinlich in Folge hinwegfallender centraler Hemmungen, aber nur sehr spärliche automatische Bewegungen. Letztere sowie die umfassenderen Selbstregulirung-en treten meist erst nach längerer Zeit ein5. Mit Rücksicht 1 S. S. Maxwell, Pflügers Archiv, Bd. 67, 1897, S. 263. Steiner, Die Functionen des Centralnervensystems, 3. Abth. 1899.

2 Bethe, Pflügers Archiv, Bd. 68, 1897, S. 449 ff.

3 Steiner, Die Functionen des Centralnervensystems, 2. Abth. S. 38 ff. Danilewsky, Pflügers Archiv, Bd. 52, 1892, S. 393.

4 Bickel, Pflügers Archiv, Bd. 68, 1897, S. 110 ff.

5 Vgl. besonders Schrader, Pflügers Archiv, Bd. 41, 1887, S. 75. Bd. 44, 1888, S. 175. Bickel, ebend. Bd. 71, 1898, S. 555, und Rev. med. de la Suisse rom. 1897, p. 295. Steiner, Functionen des Centralnervensystems, 4. Abth. S. 20 ff.

Trieb-, Reflex- und Willkürbewegungen.

auf die Beziehungen der Ontogenese zur Phylogenese ist es endlich be- merkenswerth, dass die relative Selbständigkeit der untergeordneten Centren im Larvenzustand erheblich größer als bei den Thieren nach der Meta- morphose zu sein pflegt, so dass auch in dieser Beziehung die Larve eine phylogenetisch niedrigere Organisationsstufe darstellt. So zeigen Frosch- larven und bis zu einem gewissen Grade selbst noch ganz junge Frösche umfangreichere reflectorische Coordinationen als erwachsene Thiere, und die die Schwanzbewegungen der Larve regulirenden Reflexcentren schwinden völlig bei der Metamorphose1. Mit der Ausbildung der höheren Central- theile nimmt also nicht nur die Herrschaft derselben über die niedereren zu, sondern es können diese auch mehr oder minder weitgehende Reduc- tionen erfahren.

Suchen wir alle diese Erscheinungen gleichzeitig nach ihrer physio- logischen und psychologischen Seite zu beurtheilen, so schließt dieser im eigentlichsten Sinne psychophysische Standpunkt den rein physio- logischen, der sich um die Frage begleitender psychischer Phänomene überhaupt nicht kümmert, selbstverständlich mit ein. Denn irgend welche animale Bewegungen müssen zunächst immer aus ihren physischen Be- dingungen abgeleitet werden. Anderseits aber kann die Frage, ob physi- sche Phänomene zugleich als psychische Symptome anzusehen sind, nur auf Grund ihrer Beziehungen zu denjenigen physiologischen Erscheinungen beantwortet werden, denen wir eine solche psychische Seite mit Sicher- heit zuschreiben dürfen. Diese Sicherheit besitzen wir natürlich in letzter Instanz immer bei unseren eigenen Willenshandlungen, die daher, so ungeheuer die Abstände psychischer Entwicklung sein mögen, doch schließlich die entscheidenden Kriterien dafür abgeben müssen, ob eine Bewegung bloß physisch, oder ob sie psychophysisch zu deuten sei. Unter diesem Gesichtspunkte fallen nun die einfachsten Formen automatischer und reflectorischer Bewegung, wie sie uns etwa bei den Protisten, Protozoen und in verwandten Formen bei den Reizerschei- nungen des pflanzlichen Protoplasmas entgegentreten, durchaus in den Rahmen jener Bewegungsphänomene der lebenden Substanz, die allem Anscheine nach mit der physikalisch-chemischen Constitution derselben unmittelbar zusammenhängen, so dass wir, wenn sie uns allein gegeben wären, keinen Anlass haben würden, irgend etwas Psychisches bei ihnen vorauszusetzen. So lassen sich die Nahrungsaufnahme der Protozoen, ihr Fliehen vor schädlichen mechanischen oder chemischen Einwirkungen, und selbst die Conjugations- und andere bei der Befruchtung der niederen Organismen zu beobachtende Erscheinungen wohl im wesentlichen durchaus 1 Babak, Pflügers Archiv, Bd. 93, 1902, S. 134 ff.

als katalytische Contactwirkungen oder sogenante »chemotaktische« Vor- gänge deuten. Stellen wir uns jedoch auf den psychophysischen Stand- punkt, so ist es nicht minder unverkennbar, dass diese Erscheinungen zugleich die ersten Stufen einer Entwicklungsreihe bilden, die bis zu den unzweifelhaften Triebäußerungen der höheren Thiere und des Menschen hinaufreicht. Hier werden wir daher dieselben einerseits zwar durchaus als Phänomene, die in der Constitution der lebenden Substanz und in ihren Wechselwirkungen mit der Umgebung begründet sind; wir werden sie aber gleichzeitig auch als Triebäußerungen einfachster Art betrachten dürfen. Dass beides neben einander bestehen kann, versteht sich von selbst. Denn wenn ich eine willkürliche Handlung ausführe, bei der niemand die Existenz einer psychischen Seite des Vorgangs bestreitet, so bleiben doch die Nerven- und Muskelprocesse auch hier physikalisch-chemische Vorgänge, gerade so gut wie die chemotaktischen oder andere Reizbe- wegungen der niederen Organismen. Die physiologische und die psycho- logische Deutung schließen sich eben nicht aus. Sie schließen sich freilich auch nicht ein, wie die animistische Naturphilosophie annimmt, sondern es bedarf jedesmal besonderer, in letzter Instanz> wie gesagt, dem menschlichen Bewusstsein entnommener Kriterien, um irgend einer Bewegungs- erscheinung zugleich eine psychologische Deutung zu geben. Legen wir diesen Maßstab an, so tragen nun aber die fraglichen Bewegungen der Protozoen und der meisten Wirbellosen durchaus den Charakter eigent- licher Triebbewegungen in dem oben definirten Sinne an sich, das heißt von Bewegungen, die mit Empfindungen und Gefühlen verbunden sind. Dieser Eindruck wird besonders auch dadurch bestätigt, dass eine Scheidung von automatischen und Reflexfunctionen bei den niederen Organismen überhaupt nicht ausführbar ist. Sie lässt nicht nur da im Stiche, wo sich überhaupt noch kein Nervensystem von der reizbaren contractilen Substanz gesondert hat; sondern auch bei den meisten Wirbellosen mit differenzirtem Nervensystem scheinen automatische und reflectorische Centren zusammenzufallen. Die gleichen Bewegungen, die in einem Ganglion refiectorisch ausgelöst werden, können, so lange das- selbe erhalten ist, auch automatisch entstehen. So kommt es, dass sehr oft bei niederen Thieren gar nicht zu entscheiden ist, ob irgend eine