SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Zorn und energischen Muth eigen ist, erscheint das Achselzucken, eine ursprünglich wohl dem ängstlichen Verbergen und andern zweifelhaften Gemüthslagen eigenthümliche Geberde, die bei uns zum gewöhnlichen Ausdruck der Unentschiedenheit geworden ist. Wir können es als eine unwillkürliche Rückzugsbewegung, oder, wo es sich, wie oft beim eigent- lichen Zweifel, mehrmals wiederholt, als einen Wechsel zwischen Angriff und Rückzug auffassen. Von ähnlicher Bedeutung sind die Geberden der Bejahung und Verneinung. Bei der ersteren neigen wir uns einem hngirten Objecte zu, bei der letzteren wenden wir uns mehrmals von demselben ab. Endlich fällt unter dieses Princip fast die ganze Mimik des Auges. Bei gespannter Aufmerksamkeit ist der Blick fest und fixirend, auch wenn das Object, dem sich das aufmerksame Nachdenken zuwendet, nicht gegen- wärtig ist. Ferner öffnet sich das Auge weit im Moment der Ueber- raschung; es schließt sich plötzlich beim Erschrecken. Der Verachtende wendet den Blick zur Seite, der Niedergeschlagene kehrt ihn zu Boden, der Entzückte nach oben. Von den Bewegungen des Auges hängt auch der mimische Ausdruck seiner Umgebung ab. So legt sich bei lebhaft geöffnetem Auge die Stirn in horizontale, bei fest fixirendem Blick in verticale Falten. Die senkrechte Stirnfurchung verbunden mit dem gespannten Blick wird durch ihre Uebertragung auf verschiedenartige Vor- stellungen ein sehr verbreiteter mimischer Zug, der angestrengtes Nach- denken, Sorge, Kummer, Zorn ausdrücken kann. Erst die übrigen Aus- drucksbewegungen werfen in diesem Fall Licht auf die besondere Richtung der Stimmung.

Es wurde schon bemerkt, dass sich die drei hier erörterten Formen des Ausdrucks zu einem gemeinsamen Effect combiniren können. So sind denn in der That meistens die Aeußerungen der Gemüthsbewegungen von zusammengesetzter Art und bedürfen daher einer Zergliederung in ihre Elemente. Diese Untersuchung der einzelnen mimischen Formen liegt außerhalb unserer Aufgabe1, bei der es sich bloß um die Nach- weisung der allgemeinen psychöphysischen Gesetze handelt, die hier zur Geltung kommen. Nur auf zwei complicirtere Bewegungen dieser Art sei noch hingewiesen, welche die stärksten Ausdrucksmittel der entgegengesetz- ten Lust- und Leidaffecte sind: das Lachen und Weinen. Der Gesichts- ausdruck des Weinens besteht, wie bei dem sauren Geschmacksreiz, in einer Erweiterung der Mundspalte, die sich zuweilen mit dem bittern Zug mehr oder minder deutlich combinirt. Zugleich werden die Nasenlöcher 1 Man vergleiche hierüber namentlich die angeführten Werke von Darwin und Piderit, meinen Aufsatz über den Ausdruck der Gemüthsbewegungen, Essays, S. 222, und Völkerpsychologie, Bd. 1, I, S. 95 ff. Ferner Hughes, Die Mimik des Menschen auf Grund voluntaristischer Psychologie, 1900.

Ausdrucksbewegungen. 2 CK geschlossen, die Nasenwinkel herabgezogen, wie bei der Abwehr unange- nehmer Geruchsreize. Das Auge ist halb geschlossen, als solle ein empfindlicher Lichtreiz ferngehalten werden, und die Spannung der das Auge umgebenden Muskeln wird entsprechend der Stärke des Affectes vermehrt: in Folge dessen legt sich die Stirn in senkrechte Falten. Auch die Stimmmuskeln nehmen, namentlich bei Kindern, leicht an der ver- breiteten motorischen Erregung Theil. Durch directe Innervationsänderung ergießen sich die Thränen, der Herzschlag wird beschleunigt, und die Blutgefäße verengern sich. Wahrscheinlich ist es die dauernde Contraction der kleinen Arterien, die eine Reizung des Centrums der Exspiration her- beiführt. Das Schreien wird daher zu einem natürlichen Begleiter der krampfhaften Ausathmungsanstrengungen, die in Folge der Dyspnoe, die sie herbeiführen, von einzelnen Inspirationsstößen unterbrochen werden. So stellt das Schluchzen als natürliche Folge heftigen Weinens sich ein. Das Lachen unterscheidet sich vom Weinen hauptsächlich durch die ver- schiedene Mimik der Nase und des Auges. Beide Sinnesorgane sind in der Regel weit geöffnet, wodurch die Stirn in horizontale Falten gelegt wird; auch der Mund ist geöffnet, als sollten alle Sinne den erfreulichen Eindruck aufnehmen. Dabei findet auch beim Lachen eine directe Innervation der Gefäße statt. Sie ist aber nicht, wie beim Weinen, eine dauernde, sondern, gemäß der Natur der Lachreize, des Kitzels und des Komischen, höchst wahrscheinlich eine intermittirende1. So tritt denn auch eine intermittirende Reizung des Exspirationscentrums ein. Das Lachen macht sich daher von Anfang an in einzelnen durch Einathmungen getrennten Exspirationsstößen Luft. Bekanntlich kann bei heftigem Lachen die so bewirkte starke Erschütterung des Zwerchfells sehr anstrengend werden. Dann nimmt das Auge die Mimik der Anstrengung an, fest ge- haltenen Blick verbunden mit senkrechten Stirnfalten; daher die merk- würdige Aehnlichkeit, welche Lachen und Weinen in ihren äußersten Graden darbieten.

Die Versuche, zwischen dem Aeußeren des Menschen, namentlich seinen Gesichtszügen, und seinem Innern gewisse Gesetze der Beziehung aufzufinden, sind zwar uralt; doch sind diese Versuche, wie sie namentlich in den früheren Arbeiten über Physiognomik vorliegen, von geringem Werthe. Sie leiden alle an dem Fehler, dass sie bleibende Verhältnisse der Form, die auf dem Knochenbau oder andern Eigenschaften der ursprünglichen Bildung beruhen, als bedeutungsvolle Symbole des geistigen Charakters ansehen, und sie er- gehen sich meistens in einer ganz willkürlichen Vergleichung menschlicher Züge mit Thierformen, indem sie sich für berechtigt halten, daraus auf eine 1 E. Hecker, Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen, 294 Willensvorgänge.

Verwandtschaft des Temperamentes oder sonstiger Eigentümlichkeiten zu schließen1. Im Mittelalter hatte die Physiognomik, analog der Chiromantik, den Charakter einer geheimnissvollen Kunst angenommen. Lavaters Arbeiten waren nicht geeignet, ihr diesen Charakter zu rauben. Er selbst sagt, mit der Physiognomie sei es wie mit allen Gegenständen des menschlichen Ge- schmacks: man könne ihre Bedeutung empfinden, aber nicht ausdrücken2. Lichtenberg, der gegen die enthusiastischen Ergießungen Lavaters die Pfeile seiner Satire richtete, hat zugleich schon vollkommen richtig die wissenschaft- liche Aufgabe bezeichnet, die hinter jenen physiognomischen Verirrungen ver- steckt lag: die Untersuchung der an die Affecte gebundenen Ausdrucks- bewegungen3. Dieses Ziel fassten denn auch J. J. Engel4, Charles Bell5, Huschke6 u. A. ins Auge, ohne dass sie jedoch zu hinreichend sicheren Re- sultaten gelangt wären, obgleich namentlich die Arbeiten von Engel und Bell manche richtige Beobachtungen darbieten. Die meisten Physiologen und Psychologen verhielten sich aber gänzlich skeptisch gegen solche Versuche, die oft mit der Cranioskopie auf eine Linie gestellt wurden7. Erst in einigen neueren Arbeiten ist mit der Zurückführung der Ausdrucksbewegungen auf bestimmte psychologische Principien ein Anfang gemacht worden. So stellte Harless 8 den Satz auf, die Gesichtsmuskeln führten stets Spannungsempfin- dungen herbei, die dem vorhandenen Affecte entsprechen, ein Satz, der, wie wir sahen, innerhalb gewisser Grenzen richtig und unserm Princip der Association analoger Gefühle zu subsumiren ist. Piderit9 suchte nachzuweisen, dass die durch Geisteszustände verursachten mimischen Muskelbewegungen sich theils auf imaginäre Gegenstände, theils auf imaginäre Sinneseindrücke beziehen, ein Gesetz, das theilweise mit unserm dritten Princip zusammenfällt. Endlich hat Darwin10 alle Ausdrucksbewegungen bei Thieren und Menschen drei all- gemeinen Principien untergeordnet, die jedoch von den oben aufgestellten wesentlich verschieden sind. Das erste nennt er das Princip zweckmäßig associirter Gewohnheiten. Gewisse complicirte Handlungen, die unter Um- ständen von directem oder indirectem Nutzen waren, sollen in Folge von Gewohnheit und Association auch dann ausgeführt werden, wenn kein Nutzen mit ihnen verbunden ist. Das zweite Princip ist das des Gegensatzes. Wenn gewisse Seelenzustände mit bestimmten gewohnheitsmäßigen Handlungen verknüpft sind, so sollen die entgegengesetzten Zustände sich aus bloßem Con- trast mit den entgegengesetzten Bewegungen verbinden. Nach dem dritten 1 Aristoteles, Physiognomica, cap. 4 seq. (Eine unechte Schrift.) J. B. Porta, De humana physiognomia, 1593. Die Vorstellungen über thierische Verwandlungen des Men- schen hängen wahrscheinlich mit diesen Ansichten nahe zusammen. Vgl. Plato, Timäus 44.

2 Lavaters Physiognomische Fragmente, verkürzt herausgegeben von Armbruster.

3 Lichtenbergs vermischte Schriften, Ausgabe von 1844, Bd. 4, S. 18 ff.

4 Ideen zu einer Mimik, 2 Thle., 1785 — &6.

5 Essays on anatomy of expression, 1806, 3, 1844.

6 Mimices et physiognomices fragmenta, 1821.

7 J. Müller, Handbuch der Physiologie, Bd. 2, S. 92.

8 Lehrbuch der plastischen Anatomie, S. 131.

9 System der Mimik und Physiognomik, S. 25.

10 Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen, deutsche Ausg., S. 28. Zur Kritik der DARWlN'schen und. anderer Theorien über Ausdrucksbewegungen vgl. Völkerpsychologie.

Ausdrucksbewegtingen. 2Q^ Princip endlich werden Handlungen von Anfang an unabhängig von Wille und Gewohnheit durch die bloße Constitution des Nervensystems verursacht. Ich kann nicht verhehlen, dass mir diese drei Principien weder richtige Ver- allgemeinerungen der Thatsachen zu sein, noch die letzteren vollständig genug zu enthalten scheinen. Ein wirklicher oder scheinbarer Nutzen lässt sich bei den Ausdrucksbewegungen natürlich schon deshalb in gewissem Umfang be- obachten, weil sie theils Trieb-, theils Reflexbewegungen und als solche dem Princip der Zweckmäßigkeit unterworfen sind1. Sie sind dies aber, wenig- stens bei dem Individuum, schon vermöge der Constitution des Nervensystems. Hier fließen also Darwins erstes und drittes Princip in einander. Ueber die Ursachen, weshalb solche zweckmäßige Reflexe auch auf andere Sinneseindrücke übertragen werden, wo von einem Nutzen derselben nicht mehr die Rede sein kann, darüber geben jedoch Darwins Sätze keinen Aufschluss. Hier kommt theils das Princip der Verbindung analoger Empfindungen, theils das Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen zur Anwendung, die beide in Darwins Aufstellung nicht enthalten sind. So ist denn auch bei diesem das Gesetz des Contrastes ein offenbarer Nothbehelf. Dafür, dass eine Ausdrucksbewegung als Contrast zu einer andern auftrete, muss doch ein psycho- logischer Grund aufgefunden werden. Ein solcher führt aber immer wieder auf die von uns oben formulirten Principien des Ausdrucks und damit auf positive Bedingungen für die betreffende Bewegung zurück. Wenn z. B. der Hund, seinen Herrn liebkosend, eine Haltung darbietet, die jener, wo er sich einem andern Hunde feindlich naht, gerade entgegengesetzt ist2, so hat dies seinen Grund theils in den Eigenschaften der Tast- und Muskelempfindungen, die das Wedeln des Schwanzes und die Windungen des Körpers begleiten, theils in der Furcht vor dem Herrn, die sich in der gebückten Stellung kund- gibt, also in Bewegungen, die wieder in entsprechenden Gefühlen und in der Beziehung zu Vorstellungen begründet sind. Abgesehen von diesen un- zureichenden psychologischen Ausführungen seiner Theorie hat übrigens Darwin das Verdienst, ein außerordentlich reiches Material von Beobachtungen ge- sammelt und die Bedeutung der Vererbung auch auf diesem Gebiet durch zahlreiche Beispiele wahrscheinlich gemacht zu haben.

Dass die drei oben aufgestellten Principien nicht die eigentlichen Er- klärungsgründe der Ausdrucksbewegungen, sondern lediglich eine allgemeine Unterscheidung und Eintheilung ihrer Hauptformen enthalten sollen, bedarf schließlich kaum der Bemerkung. Ihrem Ursprünge nach besitzen ja diese Bewegungen keine specifische Bedeutung, da sie, wie oben betont wurde, theils den Trieb-, theils den Reflex-, seltener den Willkürbewegungen zu- zuordnen sind. Ihre allgemeine Theorie fällt daher mit derjenigen dieser allgemeinen Bewegungsformen zusammen. Im übrigen entsprechen die drei angeführten Principien den drei thatsächlich zu unterscheidenden Bestand- theilen eines jeden Affectes: das erste der Intensität, das zweite der Qualität der Gefühle, und das dritte den begleitenden Vorstellungen3. Wie bei den Willenshandlungen, so hat man sich aber selbstverständlich auch bei den Aus- drucksbewegungen vor der Einmengung falscher metaphysischer Vorstellungen Siehe oben S. 262 ff.

Vgl. hierzu Völkerpsychologie, Bd. 1, I, S. 84 ff.

2q6 Willens Vorgänge.

in die psychologische Theorie zu hüten. Es kann niemals die Aufgabe der letzteren sein, die physiologische Seite unserer äußeren Willenshandlungen auf ihre letzte Ursache zurückzuführen, theils weil diese Aufgabe der Physiologie zufällt, theils und besonders aber deshalb, weil dieselbe bei der ungeheuren Verwicklung der Mechanik der Centralorgane in jedem einzelnen Falle auf ein unlösbares Problem hinausführt. Die Psychologie muss sich also damit be- gnügen, die einem gegebenen psychischen Act entsprechende äußere Bewegung als psychologisch erklärt anzusehen, sobald die Bewegung einem psychologisch nach seinen Vorbedingungen begreiflich gemachten inneren Vorgange als die zu- gehörige physische Erscheinung sich anschließt. Selbstverständlich würde einer solchen psychologischen Causalerklärung nur dann die metaphysische Voraus- setzung eines »Influxus physicus« unterzuschieben sein, wenn dabei ausdrücklich das Princip der gleichzeitigen physischen Verursachung negirt würde, was allerdings von den Anhängern des Cartesianischen Seelenbegriffs zum Theil noch heute geschieht. Nicht minder unzulässig ist aber natürlich die Vor- stellung eines Influxus physicus von umgekehrter Richtung, wie ihn manche Physiologen ausdrücklich oder stillschweigend vertreten. Während solche Autoren mit Recht gegen die Annahme protestiren, dass der Wille oder ein seelischer Affect die directe physische Ursache einer Körperbewegung sein könne, finden sie kein Arg dabei, aus beliebigen physiologischen Innervations- processen verwickelte seelische Vorgänge unmittelbar entspringen zu lassen1. Unter dem dritten Princip der Ausdrucksbewegungen sind uns bereits Geberden entgegengetreten, in denen nicht bloß ein innerer Affect zur Wir- kung gelangt, sondern wobei sich die Bewegung zugleich auf bestimmte äußere Vorstellungen bezieht. Den Gegenstand, der unser Gefühl erregt, deuten wir an, indem wir auf ihn hinweisen, ihn anblicken oder, wenn er selbst nicht anwesend ist, seine zeitlichen und räumlichen Beziehungen irgendwie durch Bewegungen kenntlich machen. Hierdurch geht die Affectäußerung unmittel- bar über in die Gedankenäußerung, als deren einfachste Form die Ge- berdensprache sich darstellt, und aus der wieder die Lautsprache, als Entwicklungsform einer specifischen Form von Geberden, hervorgeht. Ihre Betrachtung muss, da sie aus dem Gebiet der experimentellen in das der Völkerpsychologie hinüberführt, der letzteren überlassen bleiben2.

4. Theorie des Willens.

a. Das Willensvermögen und die transcendente Willenstheorie.

Von dem Begriff des »Willensvermögens« sind im Grunde die sämmt- lichen Willenstheorien ausgegangen. Dieser Begriff selbst gehört aber be- reits der vorwissenschaftlichen Psychologie an, die sich hier wie in andern Fällen damit begnügt, Erscheinungen auf Grund gewisser übereinstimmen- der Merkmale, über die man sich keine nähere Rechenschaft gibt, in ein 2 Ueber die Geberdensprache vgl. Völkerpsychologie, Bd. 1, I, S. 131 ff., über den Ursprung der Lautsprache ebend. II, S. 584 ff.

Theorie des Willens. 9Q7 Wort zusammenzufassen. So ist auch der Begriff Wille zunächst nicht mehr als ein Wort. Aber die populäre Psychologie glaubt mit diesem Wort gerade so gut über die Eigenschaften der Willensvorgänge genügend Rechenschaft gegeben zu haben, wie der populären, noch von keinerlei wissenschaftlichen Einflüssen berührten Physik die Wörter Licht und Schwere vollkommen den Begriff dessen zu erschöpfen scheinen, was Licht und Schwere wirklich sind. Der große Unterschied zwischen beiden Fällen besteht freilich darin, dass sich die Physik von jenen vorwissen- schaftlichen Begriffsbildungen längst befreit hat, während diese in den Theorien der Psychologen immer noch fortwirken. Hier ist der Stand- punkt der Vermögenspsychologie von der populären Auffassung des Willens höchstens dadurch verschieden, dass jene zu dem Wort auch noch eine nichtssagende Worterklärung hinzufügt, indem sie etwa mit WOLFF das Wollen als einen »Versuch eine vorausgesehene und als gut erkannte Vorstellung zu realisiren« definirt u. dergl.

Ist dieser Willensbegriff nicht mehr als ein Wort für eine unerkannte Sache, so liegt nun aber in dem Wort zugleich die Gefahr, dieses Un- erkannte zum Unerkennbaren zu stempeln. Diesen Schritt hat, von ethischen Beweggründen unterstützt, Kant gethan, als er in dem Willen den »intelligibeln«, jenseits der Sinnenwelt und der Naturcausalität liegen- den Charakter des Menschen erblickte. Von hier sind dann alle jene metaphysischen Speculationen ausgegangen, die mit Schopenhauer den Willen schlechthin als das »Ding an sich« oder mit Ed. VON Hartmann als das »Unbewusste« betrachteten. Sie liegen an sich außerhalb der Psychologie, haben aber nicht verfehlt, auf diese ihre Rückwirkungen zu äußern. Bei manchen Philosophen und bei vielen Vertretern der prakti- schen Wissenschaften kommt ihnen überdies das Vorurtheil zu Hülfe, dass man glaubt, mit der Ueberführung des Willens aus dem Transcendenten ins Immanente werde der menschlichen Freiheit ihre sicherste Stütze ent- zogen. Doch ist uns, auch abgesehen von solchen ethischen Motiven, der gleiche transcendente Willensbegriff schon früher als eine psycho- logische Hülfshypothese in jenen Raumtheorien begegnet, in denen der Wille, einen Gegenstand irgendwo zu sehen, dieses Wunder wirklich voll- bringen soll1. Nicht so ausschließlich zu einem einzigen abstracten Begriff verdichtet erscheint endlich der transcendente Wille meist in den Theorien der eigentlichen Psychologen. Hier werden Empfindungen, Vor- stellungen, Gefühle, je nach dem sonstigen Standpunkt mehr die einen oder die andern, als allerlei Begleiterscheinungen zugelassen. Das entscheidende soll aber auch da ein letztes, in keinerlei sinnliche Bewusstseinsinhalte 2Q8 Willensvorgänge.

aufzulösendes »Fiat« bleiben, hinter welchem Fiat sich doch offenbar wiederum nur der transcendente Wille verbirgt1. Mit dieser Zulassung begleitender Momente pflegen aber solche Auffassungen zugleich in eine der im folgenden zu besprechenden intellectualistischen Theorien überzu- gehen, die somit meist einen gemischten Charakter besitzen.

Da es nun einen abstracten Willen, wie oben gezeigt wurde, that- sächlich überhaupt nicht gibt, so fällt damit auch die transcendente Willenstheorie, die überall auf jenen Begriff zurückgeht; und die nächste Aufgabe der Psychologie kann allein die sein, die concreten Willens- phänomene zu beschreiben und nach ihren Hauptunterschieden zu ordnen. Dabei findet aber die psychologische Analyse nichts anderes als eben wiederum concrete, in Empfindungen und Gefühle aufzulösende Bestand- theile vor. Der zeitliche Verlauf dieser Verbindungen ist ein für die Willensvorgänge specifischer, so dass sich diese durch ihre empirischen Merkmale vollkommen eindeutig von andern complexen psychischen Vor- gängen unterscheiden. Jener abstracte »Wille« zerstiebt also bei dieser Analyse in nichts, in ein bloßes Wort, das die Vermögenstheorie in eine specifische Kraft verwandelt, während die transcendente Theorie aus ihm ein übersinnliches Wesen macht, das abwechselnd in die sinnliche Welt eintritt und wieder aus ihr verschwindet, also im eigentlichsten Sinne des Wortes ein Gespenst ist.

b. Die intellectualistischen Willenstheorien.

»Intellectualistisch« können wir in der weiteren Fassung dieses Begriffs alle diejenigen Theorien nennen, die den Willensvorgang ausschließlich oder vorwiegend auf die intellectuelle Seite des seelischen Lebens ver- legen, sei es nun dass dabei mehr die einzelnen Bestandtheile, die Empfindungen oder Vorstellungen, oder dass die zusammengesetzten in- tellectuellen Processe, wie die Vorstellungsassociationen oder die logischen Denkacte, in den Vordergrund gestellt werden. Danach lassen sich eine Associationstheorie, eine logische und eine sensualistische Wil- lenstheorie unterscheiden, wobei freilich zu diesen Ausdrücken bemerkt werden muss, dass Verbindungen dieser verschiedenen Auffassungen unter einander vielfach stattgefunden haben.

Merkwürdiger Weise ist die Associationstheorie unter allen diesen intellectualistischen Ansichten diejenige, die sowohl in der geschichtlichen Entwicklung wie insbesondere auch unter den gegenwärtig herrschenden Richtungen der Willenslehre am wenigsten eine Rolle gespielt hat, — eine Thatsache, die angesichts der sonstigen Verbreitung der Associations- Theorie des Willens. 2QQ Psychologie auffallen kann, die aber um so schlagender den Einnuss be- weist, den hier die Vermögenslehre und der transcendente Willensbegrift in ihrer Vereinigung immer noch ausüben. Denn diese besitzen allerdings eine größere Affinität sowohl zu der logischen wie zu der sensualistischen Willenstheorie, daher denn auch, wie wir sogleich sehen werden, die An- wendung des vulgären Associationsschemas auf den Willensvorgang meist in eine dieser andern Theorien oder in eine Vereinigung beider umschlägt. Was aber der Verwerthung der überlieferten Associationslehre in diesem Fall wiederum im Wege steht, das ist der einseitige Zuschnitt derselben auf die Erinnerungs Vorgänge, der dazu verführt, ein und dasselbe Schema mechanisch aneinandergereihter Vorstellungen auf jeden beliebigen in der Zeit verlaufenden Bewusstseinsvorgang anzuwenden. Um das Wollen von andern solchen Verlaufsformen zu unterscheiden, bleibt dann nichts übrig, als im letzten Moment entweder doch noch das wunderthätige »Fiat« des transcendenten Willens oder aber einen zufällig nebenher- laufenden mechanischen Reflexvorgang zu Hülfe zu nehmen. Dieser letztere soll hierbei genau in dem Moment mit einer zweckmäßigen äußeren Bewegung einsetzen, wo auch der zugehörige Associationsverlauf vorüber ist. So definirt z. B. Ziehen den Willensvorgang als »eine intensive, von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung«, die in Folge der engen associativen Verknüpfung mit den vorangegangenen Gliedern der Associationsreihe den Charakter der »Ursächlichkeit« besitze, und die überdies vermöge der begleitenden Bewegungsempfindungen auf das eigene »Ich« bezogen werde. Was die Zielvorstellung vor andern aus- zeichne und zum Sieg führe, das sei aber »ausschließlich der stärkere Gefühlston, die engere associative Verwandtschaft und die Gunst der latenten Erinnerungsbilder«. Diesem Vorgang soll schließlich ein ma- terieller Rindenprocess parallel laufen, dessen motorischer Endeffect, die Handlung, »mehr eine zufällige Zugabe« sei1.

Der Versuch, irgend einmal einen Willensvorgang selbst zu be- obachten, hat wohl bei dieser Schilderung kaum eine Rolle gespielt. Lehrt doch schon die oberflächlichste Selbstbeobachtung, dass es nicht die besondere Stärke des Gefühlstones ist, die den Willensvorgang in irgend einem Stadium seines Verlaufs auszeichnet. Es gibt » Ziel Vorstellungen « von überaus starkem Gefühlston, die nicht im mindesten zu einer Willens- handlung führen, und es gibt Willensvorgänge, deren »Gefühlstöne« sich von Anfang bis zu Ende innerhalb sehr mäßiger Grenzen bewegen. Um hier nachzuhelfen, muss denn auch die »Gunst der Constellation der latenten Erinnerungsbilder« zu Hülfe kommen. Indessen besorgt ohnehin Ziehen, Leitfaden der physiologischen Psychologie5, S. 248 f.

•jOO Willensvorgänge.

der »Rindenprocess« das Erforderliche. Denn er bringt die Handlung gerade im richtigen Moment als eine »zufällige Zugabe« des Associations- verlaufs zu stände. Von der eigentlichen und jedenfalls nächsten Aufgabe einer Analyse der Willensvorgänge ist in dieser ganzen, aus überlieferten schematischen Associationsbegriffen und hypothetischen Rindenprocessen zusammengesetzten Darstellung nicht die Rede: von der Aufgabe nämlich, vor allen Dingen zu ermitteln, was sich denn bei einem Willensvorgang wirklich im Bewusstsein ereignet. Was aber der Versuch einer solchen Analyse ohne weiteres lehrt, das ist die Unmöglichkeit, den specifischen Unterschied des Willensvorganges von irgend welchen andern sogenannten Associationsreihen aus quantitativen Unterschieden der Vorstellungen und ihrer Gefühlstöne abzuleiten. Vielmehr liegen die Eigenthümlichkeiten hier durchaus auf der qualitativen Seite. Sie allein macht den Willens- vorgang zu einem specifischen, — specifisch nicht in den letzten Ele- menten, aus denen er zusammengesetzt ist, und die sich auch sonst mannigfach in Gefühlen und Affecten vorfinden, aber specifisch hinsicht- lich der Art, wie diese Elemente theils simultan verschmelzen, theils sich successiv zu einem Verlaufe ordnen.

Eine zweite Form intellectualistischer Willenstheorie ist die logische. Sie schließt sich nahe an die aus der Scholastik überlieferte Auffassung der Affecte an (S. 234). Ihr specifisches Gepräge hat sie aber in der neueren Psychologie durch die eigenthümliche Verbindung gewonnen, die in ihr die populäre, refiexionsmäßige WTillensauffassung mit der Physiologie der Bewegungen eingegangen hat. Je nach den Voraussetzungen über den Ursprung dieser Bewegungen nimmt dann die Theorie etwas ver- schiedene Gestaltungen an. Lässt man mit ALEX. Bain j den Process mit einem regellosen Automatismus beginnen, so wird angenommen, allmählich sei unter dem Einfluss des Willens selbst eine Hemmung einzelner über- flüssiger und eine weitere Ausgestaltung anderer, bestimmten Zweckvor- stellungen angepasster Bewegungen erfolgt. Setzt man dagegen mit LOTZE und vielen andern diese Anschauung vertretenden Philosophen2 voraus, der ganze bereits zweckmäßig auf äußere Reize reagirende Reflexmecha- nismus stehe von Anfang an dem Willen zur Verfügung, so wird dadurch die dem letzteren gestellte Aufgabe zu einer einfacheren. Denn die Schwierigkeit, wie überhaupt zweckmäßige Bewegungen entstehen können, ist nun ganz in die Physiologie verlegt. Gleichwohl bleibt der psycho- logische Grundcharakter beider Auffassungen ein übereinstimmender, daher 1 A. Bain, The emotions and the will3, p. 303 ff.

2 Lotze, Med. Psychologie, S. 289. ' Jul. Baumann, Handbuch der Moral, 1879, S. 1 ff. Philos. Monatshefte, Bd. 17, 1881, S. 558. Vgl. dazu die Abhandlung: Zur Lehre vom Willen, Philos. Stud. Bd. 1, 1883, S. 337 ff.

Theorie des Willens. tqj denn auch zuweilen beide vereinigt worden sind1. In der That liegt der Schwerpunkt aller dieser Anschauungen darin, dass man den Willen für eine secundäre, erst aus intellectuellen Bewusstseinsvorgängen entstehende Function ansieht. Die Deutung, die man diesen Vorgängen gibt, ordnet sie aber durchaus in die Reihe der logischen Urtheils- und. Schlussprocesse, sei es nun, dass ausdrücklich »Werthurtheile« als die dem Willensentschluss vorausgehenden Acte anerkannt werden, sei es dass man die logischen Functionen als dunkel bewusste oder als völlig unbewusste bezeichnet. Denn auch in dem letzteren Ausdruck liegt doch nur das Eingeständniss, dass zwar von den logischen Processen, von denen man den Willensvor- gang abhängig macht, in der Beobachtung nichts aufgefunden werden könne, dass man aber die Aufgabe der Psychologie eben auch hier nicht darin sieht, zu beschreiben was wirklich im Bewusstsein vor sich geht, sondern darin, die Erscheinungen so zu construiren, wie sie zu stände kommen könnten, wenn sie das Werk einer logisch reflectirenden Intelli- genz wären. Das ist der Grundfehler der Reflexionspsychologie, wie er sich hier von andern Anwendungen, z. B. im Gebiet der Gefühle, Affecte, Sinneswahrnehmungen und Sinnestäuschungen, principiell nicht unterschei-