SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Von den oben erwähnten Hypothesen über die Entstehung des Willens betrachten nun sowohl die transcendente wie die intellectualistische, die wir beide auch heterogenetische Theorien nennen können, diejeni- gen Handlungen, die aus der vollständigen Succession eines zusammen- gehörigen reproductiven und impulsiven Apperceptionsactes hervorgehen, als die typischen und ursprünglichen; alle bloß impulsiven Erregungen sind nach ihnen durch die allmählich eingetretene Verschmelzung jener beiden Acte entstanden. Indem sie dann außerdem in dem psychischen Vorgang der Reproduction keinerlei Willenselemente anerkennen, erklären sie eben den letzteren heterogenetisch, d. h. aus Elementen, die ihm selbst disparat sind. Die emotionale Theorie dagegen betrachtet die impulsive Apperception als die primäre; die Reproduction der Bewegungsvorstellung ist nach ihr überall erst auf Grund vorangegangener impulsiver Apper- ceptionen möglich, und zwar entsteht sie dann, wenn durch den inneren Widerstreit verschiedener Impulse die actuelle Bewegung gehemmt wird. Die auf diese Weise latent gewordenen Willensantriebe äußern sich aber als Gefühle, Affecte und Triebe. Demnach ist diese Theorie eine auto- ge netische: der Wille ist nach ihr eine ursprüngliche Energie des Be- wusstseins, die psychischen Elemente, aus denen ihn die vorige Hypothese erst entstehen lässt, sind selbst theils Begleit-, theils Folgeerscheinungen desselben.

Abgesehen von den oben erwähnten Erfahrungen ist es die noth- wendige Abhängigkeit reproducirter von primären Vorstellungen, auf die sich die autogenetische Willenstheorie stützt: die impulsive Bewegungs- apperception hat aber in diesem Fall die Bedeutung eines primären Er- lebnisses. Für ihre Ursprünglichkeit tritt die Thatsache bestätigend ein, dass fortan für das naive Bewusstsein die Vorstellung eigener Bewegungen ohne wirkliche Ausführung derselben schwierig, wenn nicht unmöglich ist, Theorie des Willens.

3n und dass wir uns, wo sie gelingt, im allgemeinen deutlich hemmender Einflüsse bewusst sind. Diesen Erfahrungen steht nur eine Schwierig- keit gegenüber, die in der That wohl ein Hauptmotiv für die Ausbildung heterogenetischer Theorien gewesen ist. Sie besteht darin, dass es auf den ersten Blick unbegreiflich erscheint, wie der Wille die Herrschaft über die eigenen Bewegungsorgane gewinnen kann, wenn nicht durch Erfahrung und Einübung. Auch findet ja ein solcher Vorgang bis zu einem ge- wissen Grade wirklich statt, wie das Automatischwerden zusammengesetzter Bewegungen und die vorhin erwähnte Verdichtung und Verkürzung der Apperceptionsacte beweisen. Aber jene Schwierigkeit schwindet, sobald man die falschen Voraussetzungen beseitigt, welche die gewöhnliche Willenstheorie hinsichtlich der Vorstellungselemente der Willenshandlungen macht. Selbst bei jenen zusammengesetzten Willkürhandlungen, aus denen diese Theorie ausschließlich den Begriff des Willens abstrahirt hat, pflegt sich die vorangehende Vorstellung auf den Effect der auszuführenden Bewegung zu beschränken, womit dann unmittelbar die an die wirkliche Bewegung geknüpften Bewegungsempfindungen associirt werden; ein Bild der Bewegung selbst ist aber höchstens in schattenhaften Umrissen im Bewusstsein. Nur dann drängt sich dieses deutlicher in den Vordergrund, wenn etwa eine vorausgehende Erwägung über verschiedene zum selben Effect dienliche Bewegungen in Frage kommt, oder wenn die Bewegung ungewohnt und schwierig ist, so dass sie eine vorherige Ein- übung ihrer einzelnen Acte erfordert. Gerade dies aber sind Bedingungen, die bei den primitiven Willenshandlungen fehlen. Denn bei ihnen ist stets nur ein einziger Reiz im Bewusstsein, und bei der Ausführung der Bewegung kommen allein diejenigen mechanischen Hülfsmittel ins Spiel, die in der Organisation des Nervensystems vorgebildet sind.

Hiernach werden wir für die primitiven äußeren Willensacte allerdings die nämliche automatische Zuordnung bestimmter motorischer Innervatio- nen zu bestimmten Sinnesreizen anzunehmen haben, die auch bei den Reflexbewegungen wirksam ist. Aber jene einfachen Willens- oder Trieb- bewegungen unterscheiden sich von den eigentlichen Reflexen wesentlich durch zwei Merkmale, durch die sie eben zu psycho-physischen Vor- gängen gestempelt werden: erstens geht der Willensbewegung ein Affect oder zum mindesten eine durch einen äußeren Reiz erregte Sinnesvorstel- lung mit daran gebundenem Gefühl voraus; und zweitens ist die Aus- führung der Bewegung von den Empfindungen und Gefühlen begleitet, welche die impulsive Apperception zusammensetzen. Dem Reflex gehört also hier nur die auf der Verbindung der centralen Leitungsbahnen be- ruhende automatische Zuordnung an; psychologisch ist aber der ganze Vorgang ein Willensact, der freilich unmittelbar und mit mechanischer Sicherheit über seine äußeren Hülfsmittel verfügt. Die so in der psycho- physischen Organisation der Thiere vorgebildeten einfachen Willensacte lassen dann erst in Folge der Entwicklung des Bewusstseins zusammen- gesetztere Willenshandlungen aus sich entstehen, und diese können ihrer- seits wieder vermöge der erwähnten Verdichtungs- und Einübungsprocesse in einfache triebartige Willensacte von verwickelter Form übergehen. Durch jede solche Einübung bilden sich nun neue centrale Verbindungen aus, die, sobald sie sich zureichend befestigt haben, nicht auf das Indivi- duum beschränkt bleiben werden, sondern, indem sie sich forterben, nun- mehr künftigen Generationen als psychoplrysische Anlagen zu eigenthüm- lichen Triebhandlungen zur Verfügung stehen. Auf diese Weise erklärt sich ebensowohl die ungeheure Vielgestaltigkeit thierischer Trieb formen, wie der innige Zusammenhang derselben mit der gesammten inneren und äußeren Organisation.

Man wendet vielleicht ein, der Handlung, deren Entstehung hier ge- schildert wurde, fehle zum Willen das wesentliche Erforderniss, dass sie frei sei von mechanischem Zwang. Solchem Einwände gegenüber ist aber- mals auf den Unterschied des Willens von der Willkür und der Wahl hinzuweisen. Es wird nicht behauptet, dass jenen entwickelten Willens- handlungen, die wir speciell als willkürliche bezeichnen, der reflectorische Charakter einfacher Triebäußerungen zukomme; wohl aber, dass. wer nicht den Willen als einen räthselhaften Deus ex machina ansieht, auf eine Ent- wicklung der complicirteren Willenshandlungen aus einfacheren geführt werden muss. Dann aber erscheinen nicht die Reflexe, sondern die Triebbewegungen als die ursprünglichen Formen zweckthätiger Be- wegungen. Aus ihnen entwickeln sich einerseits durch die Vervielfältigung der Motive die Willkürhandlungen, anderseits durch die Mechanisirung dieser und der Triebbewegungen die Reflexe, nach dem Schema: Triebbewegungen Willkürbewegungen Dieser Entstehung der zusammengesetzten äußeren und inneren Willens- handlungen aus den Triebbewegungen hat nun die früher verfolgte Ent- wicklung der Triebe den Weg vorgezeichnet. Nachdem wiederholt die Triebbewegung impulsiv auf die Einwirkung eines äußeren Reizes gefolgt ist, associirt sich die Vorstellung ihres äußeren Erfolges mit der die Be- wegung einleitenden Empfindung zu einer untrennbaren Complication; und indem sie in dieser Verbindung bald- dominirende Bedeutung gewinnt, er- scheint sie dem Bewusstsein als die treibende Ursache der Handlung.

Theorie des Willens. iji Noch kann aber dabei die letztere eindeutig bestimmt sein. Die Vor- stellung der Willkür und endlich der Wahl zwischen verschiedenen Motiven entsteht erst in Folge jener zunehmenden Vielheit der Willensantriebe, die in dem reiferen Bewusstsein gegen einander wirken, und die entweder, wenn sie im Gleichgewicht stehen, jede äußere Action aufheben, oder, wenn ein Impuls eine überwiegende Stärke gewinnt, schließlich in seinem Sinne den Willen lenken. Hier verbindet sich dann mit der äußeren Handlung das von dunkeln Vorstellungen begleitete Gefühl von Willens- motiven, die neben den entscheidenden Impulsen im Bewusstsein anwesend sind. Dieses Gefühl ist das Freiheitsgefühl oder, wie es gewöhnlich genannt wird, das Freiheitsbewusstsein.

d. Psychische Causalität des Willens.

Wir empfinden in uns die Impulse des Willens bald leiser bald leb- hafter. Deutlicher fassen wir das die Apperception begleitende Thätigkeits- gefühl namentlich dann auf, wenn wir unsere spontanen Denkacte von den Anregungen unterscheiden, welche die Einwirkung der äußern Sinnes- eindrücke und die innere Association der Vorstellungen dem Verlauf der Vorstellungen und Bewegungen darbieten. Vor allem aber werden wir uns der Willensthätigkeit klar bewusst, wenn wir uns zugleich die Möglich- keit einer Wahl vorstellen. Diese psychologische Beziehung hat jene Verwechselung der beiden Begriffe verschuldet, auf der durchaus die ge- wöhnliche Auffassung des Willens beruht. Nach ihr ist jeder Willensact ein Wahlact, und dieser Wahlact soll darin bestehen, dass wir in jedem Augenblick unter den verschiedenen Handlungen, die sich als möglich darbieten, jede beliebige ausführen können. So erscheint hier der Wille zugleich als Ursache und als Wirkung, als das Ich, das bestimmend ist und bestimmt wird. Dies führt zu jenem Begriff der Willensfreiheit, wie ihn die Philosophie weiter ausgebildet hat, und nach dem jeder Willens- act als der absolute Anfang eines Geschehens betrachtet wird.

Das psychologische Motiv, das dieser Auffassung zu Grunde liegt, ist demnach lediglich die Thatsache der Wahl. Wo diese Thatsache in un- serem Bewusstsein vorkommt, da denken wir uns entweder die Möglich- keit, wir hätten statt der wirklich appercipirten Vorstellung oder Handlung eine andere bevorzugen können, oder wir sind uns sogar eines gewissen Schwankens bewusst, das der wirklichen Handlung vorausging. Diese Selbstbeobachtungen beweisen aber nicht im mindesten, dass der Wille »sich selbst bestimme«. Auch das Schwanken vor dem Eintritt der Willensentscheidung zeigt nur, dass diese in vielen Fällen unter der gleich- zeitigen Wirkung mehrerer psychologischer Ursachen steht, die nach ver- schiedenen Richtungen gehen. Wenn solche Ursachen nicht da wären, so würde natürlich ein Schwanken nicht stattfinden können. Aber wenn der Wille schließlich einem Motiv nachgibt, so zeigt dies eben, dass dies Motiv diejenige nächste Ursache war, welche die stärkste Wirkung ausgeübt hat.

Nun leugnet der Indeterminismus nicht, dass der Wille Motiven folge, und er gesteht so in gewissem Umfange psychologische Bedingun- gen desselben zu. Aber das Motiv unterscheide sich, so behauptet er, von der eigentlichen Ursache, die den Naturmechanismus beherrsche, da- durch, dass es den Willen nicht determinire. Die Motive sollen den Willen mehr oder weniger anziehen, sie sollen ihm die Wahl erschweren oder erleichtern; doch was einem Motiv zum Sieg verhelfe, das sei schließlich nur der Wille selbst, und so bethätige sich die Freiheit des- selben in der Wahl zwischen den Motiven. Demnach wird hier dem Begriff der psychologischen Ursache ganz allgemein der des Motivs sub- stituirt. Unter Motiven versteht man aber die in einem eregfebenen Fall in unserm Bewusstsein deutlich wahrnehmbaren Bestimmungsgründe einer Handlung. Wenn z. B. ein Mensch schwankt, ob er eine zwar gewinn- bringende, aber nicht ehrenvolle Handlung begehen soll, so werden einerseits die in Aussicht stehenden Vortheile, anderseits die möglichen nachtheiligen Folgen als äußere Motive wirken, zwischen denen die Ent- scheidung schwankt, und es ist vollkommen richtig, dass alle diese Mo- tive zusammengenommen die Handlung nicht bestimmen. Doch ist dabei nicht in Rechnung gezogen das ganze Gewicht der durch Erziehung, Lebensschicksale und angeborene Eigenschaften ausgeprägten Persönlich- keit des Wollenden, die wir als seinen Charakter bezeichnen. Was eine menschliche Willenshandlung vor den unmittelbar gegebenen Mo- tiven determinirt, ist nun eben dieser Charakter. Je unveränderlicher er ist, und je vollständiger wir ihn kennen, um so sicherer machen wir uns anheischig, vorauszusagen, wie ein Mensch, wenn bestimmte Motive des Handelns an ihn herantreten, unter ihnen wählen werde. Der Charakter birgt aber eine Summe psychologischer Ursachen in sich, über die zwar weder wir noch der Handelnde selbst Rechenschaft geben können, deren Total Wirkung wir jedoch abschätzen, wenn wir die muthmaß liehe Handlungs- weise eines Menschen aus seinem Charakter voraussagen. Der Indetermi- nismus, der die Causalität des Willens leugnet, begeht also den Fehler, die für den objeetiven Beobachter vorhandene Möglichkeit, dass von verschiedenen Handlungen irgend eine geschehe, mit der Wirklichkeit des Wollens selbst zu verwechseln.

Für die psychologische Unterscheidung der willkürlichen von den unwillkürlichen Handlungen liegt nach allem dem der entscheidende Punkt nicht darin, dass die letzteren aus einem ursächlichen Zusammenhange Theorie des Willens. 2! r folgen, dessen die ersteren entbehrten. Wohl aber ist die Art der Cau- salität hier und dort eine verschiedene; und nicht zum wenigsten ist es das Uebersehen dieser fundamentalen Unterschiede, das den Streit um die Causalität des Willens verschuldet hat. Ueberall nämlich führt diese Causalität wieder auf die zwei nahe mit einander zusammenhängenden Bedingungen zurück, dass erstens die directen Ursachen des Willens psychische sind, und dass zweitens diese Ursachen einen integrirenden Bestandtheil der allgemeinen geistigen Causalität bilden, für die das Princip der quantitativen Aequivalenz von Ursache und Wirkung, das die Naturcausalität beherrscht, keinen Sinn hat. Denn nirgends lässt sich hier der Effect einer Reihe von Ursachen auf eine bloße Transformation quantitativ unverändert bleibender Energiegrößen zurückführen, sondern die Wirkung erscheint als ein neues Erzeugniss, das zwar bestimmte Ursachen fordert, niemals aber zu diesen in ein Verhältniss quantitativer Aequivalenz gebracht werden kann. So besitzt schon die räumliche Wahrnehmung im Vergleich mit den sie bedingenden Localzeichen und Bewegungsempfindungen den Charakter eines schöpferischen Erzeugnisses, und auf den höheren Stufen des geistigen Lebens wiederholt sich dieser Grundzug geistiger Causalität in immer ausgeprägteren Formen. (Vgl.

unten Cap. XXII, 2.)

Zwei Einwände werden gegen diese Betrachtungsweise gemacht, Ein- wände, bei denen man freilich von den Thatsachen selbst abstrahirt, um sich auf das Feld allgemeiner metaphysischer Voraussetzungen zurückzu- ziehen. Der eine beruft sich auf den Inhalt des Causalgesetzes, das an- geblich eben jene Gleichheit von Ursache und Wirkung, die wir für das geistige Geschehen leugnen, in sich schließen soll. Der andere betont die allgemeine Beziehung des Psychischen zum Physischen, welche for- dere, dass auch die causalen Gesetze in beiden Gebieten einander ent- sprechen müssten. Aber der erste dieser Einwände ist hinfällig, weil er in den Causalbegriff eine Bestimmung hineinlegt, die ihm an und für sich fremd ist. Causalität ist nicht Identität. Sie ist es nicht einmal auf dem Gebiet des Naturgeschehens. Das für das letztere bewährte Princip der quantitativen Aequivalenz hat sein Correlat in den Principien der Constanz der Materie und der Constanz der Energie, Principien, die nur so weit der Causalerklärung zu Grunde gelegt werden dürfen, als die Hülfshypo- these der Materie überhaupt ihre Dienste leistet, und als die Reduction der verglichenen Energiegrößen auf Maßeinheiten der mechanischen Be- wegungsenergie ausführbar ist. Anders steht es mit der allgemeinen Beziehung der psychischen zu den physischen Vorgängen. Die Darstellung der vorangegangenen Capitel hat gezeigt, dass solche Beziehungen überall theils direct nachweisbar sind, theils wenigstens mit großer Wahrscheinlichkeit vorausgesetzt werden können. Auch die Willensthätigkeit hat schon in ihren inneren Formen physische Grundlagen, und die äußeren Willenshandlungen vollends gewinnen ihre wesentliche Bedeutung gerade dadurch, dass sie gleichzeitig psychische und physische Ereignisse sind. Der psychologische Grund dieser Wechselbeziehungen liegt aber darin, dass unser ganzes geistiges Leben eine sinnliche Basis hat: wir können nicht denken außer in sinnlichen Vorstellungen, nicht wollen ohne be- stimmte Nervenwirkungen. Alle diese physischen Begleiterscheinungen der geistigen Vorgänge sind darum auch zweifellos dem Princip der materiellen Aequivalenz unterthan. So ist unser Denken an die durch die Entwicklung der Sinneswerkzeuge gebotenen Vorstellungen, unser Wollen an den in unserm Nervensystem bereit liegenden Vorrath von Innervationsenergie gebunden. Weiter als auf diese äußere Seite des geistigen Lebens erstreckt sich aber das Princip der Aequivalenz nirgends. Alle jene Beziehungen der psychischen Elemente, auf denen ihr Werth für unser geistiges Leben beruht, sind dagegen der psychischen Cau- salität unterworfen; und die physischen und psychischen Elemente, die auf jeder Seite einen in sich geschlossenen Causalzusammenhang bilden, sind nicht nur verschiedener, sondern unvergleichbarer Art. Die physischen Größen sind physische Energien und muthmaßlich in letzter Instanz mechanische Bewegungsenergien; die psychischen Größen sind geistige Werthe, die wir nach bestimmten qualitativen Merkmalen ihrem Grade nach abstufen1.

Die Psychologie des Willens ist in viel höherem Grade noch als die der Affecte von frühe an durch Gesichtspunkte, die gänzlich außerhalb der psycho- logischen Beobachtung liegen, ungünstig beeinflusst worden. Abgesehen von der ethischen Werthbeurtheilung hat hier vor allem auch die Stellung zum metaphysischen Freiheitsproblem eine rein psychologische Betrachtung kaum aufkommen lassen. Dazu traten die großen Schwierigkeiten, denen die Selbst- beobachtung der Willensvorgänge begegnet. Zu dem ihnen mit den Affecten gemeinsamen Umstand, dass wir während ihres Ablaufs aus naheliegenden Gründen zur Selbstbeobachtung wenig disponirt sind, kommt noch die weitere Thatsache, dass sich gerade die entscheidenden Momente der Willensacte auf sehr kurze Momente zusammendrängen. Hier vornehmlich ist es daher dringend gefordert, dass man der gewöhnlichen Selbstbeobachtung durch die experi- mentelle Auslösung der Willensvorgänge zu Hülfe komme. Es ist, wie schon oben bemerkt, hauptsächlich das Gebiet der im nächsten Abschnitt eingehen- der zu erörternden Reactionsversuche, die in dieser Beziehung von ent- scheidendem Werthe sind, und deren Ergebnisse daher oben schon vorläufig herbeigezogen werden mussten. Der Umstand, dass die Reactionsversuche in dieser ihrer centralen Bedeutung und namentlich als experimentelle Hülfsmittel Vgl. hierzu die Schlussbetrachtungen des VI. Abschnitts.

Theorie des Willens., j 7 der Selbstbeobachtung gegenwärtig noch wenig anerkannt sind, macht es er- klärlich, dass noch heute selten darauf Bedacht genommen wird, auch nur den Thatbes.tand festzustellen, der bei irgend einem Willensvorgang im Be- wusstsein gegeben ist. Statt dessen sucht man diesen Thatbestand hypothetisch zu construiren, wenn man es nicht vorzieht, seine Existenz überhaupt ab- zuleugnen.

Die* älteste jener Constructionen, die in der populären Auffassung des Willens und fragmentarisch in gewissen philosophischen Theorien heute noch fortlebt, ist die Ableitung des Wollens aus einer Verstandeshandlung: der »Syllogismus practicus« der Scholastik. Von Aristoteles * an zieht sich diese Auffassung bis in die Anfänge des neueren philosophischen Rationalismus, wobei dann noch meist der Wille als das von der höheren Vernunftthätigkeit geleitete Vermögen dem Trieb oder Begehren als dem niedereren, bloß von sinnlichen Motiven abhängigen gegenübergestellt wird. An inneren Wider- sprüchen pflegt es freilich hier nicht zu fehlen, wie der neben diesem streng rationalen Willensbegriff zuweilen sich vordrängende emotionale bei Spinoza deutlich zeigt2. Aber indem jener folgerichtig einem strengen Determinismus in die Arme führt, eröffnen sich zugleich zwei Wege, die in verschiedener Richtung aus dem Bannkreis dieser Auffassung hinausführen. Auf der einen Seite sieht man das Urbild jeder strengen Gesetzmäßigkeit in der mechani- schen Gesetzmäßigkeit der Natur. Ihr auch den Willen unterzuordnen er- scheint um so verführerischer, als ja die Willenshandlung selbst einen Bestandtheil der mit mechanischen Mitteln ins Werk gesetzten und mechanische Effecte hervorbringenden natürlichen Bewegungen bildet. So entwickelt sich die materialistische und mechanistische Willensauffassung, mit der theil- weise schon Hobbes hervorgetreten war, und die sich dann von den einseitig naturalistischen Umdeutungen des Spinozistischen Systems an bis in die neueren associativen und sensualistischen Theorien hinein fortsetzt. Auf der andern Seite stellt man diesem doppelten Determinismus, dem logischen und dem mechanischen, eine Willensauffassung gegenüber, die für die indeterministische Freiheitsidee Raum lässt. Dazu bietet der Begriff des »Willensvermögens«, wie ihn die Vermögenspsychologie ausgebildet hat, eine willkommene Hand- habe. Jedes andere »Vermögen« ist durch bestimmte psychische Inhalte, das Erkenntnissvermögen durch Vorstellungen und Begriffe, das Gefühlsvermögen durch Gefühle und Affecte vertreten. Der reine Wille aber, so nimmt man an, kommt nur in seinen Wirkungen, den Willenshandlungen, ins Bewusstsein.

So wird der Wille zu einem transcendenten Vermögen, er gehört, wie Kant es ausdrückt, dem »intelligibeln« Charakter des Menschen an und steht außerhalb der Naturcausalität. Abgesehen von der Metaphysik, in der dieser mystische Willensbegriff bei Schopenhauer und von Hartmann nachwirkt, hat die Annahme der »unbewussten« Natur des Willens auch bei solchen psychologischen Schriftstellern Beifall gefunden, die damit das Unvermögen der populären Psychologie, dem Willen besondere, leicht aufzuzeigende Be- wusstseinsinhalte zuzuordnen, zu erklären suchten3. In anderer Weise suchten 1 Aristoteles, De anima, II, n. Eth. Nicom. III, 3.

2 Vgl. R. Richter, Der Willensbegriff bei Spinoza, Philos. Stud. Bd. 14, 1898, 3 Vgl. z.B. C. Göring, Ueber die menschliche Freiheit und Zurecbnungsfahigkeit, das nämliche die neueren sensualistischen Theorien zu leisten, die hier, wie anderwärts, in sehr ausgiebiger Weise von den »Muskelempfmdungen« Ge- brauch machten. Danach sollten diese zunächst als subjective Complemente der Reflexbewegungen entstehen und hierauf erst in Folge ihrer Anticipation im Bewusstsein die Vorstellung des Wollens erzeugen1. Bei diesem Punkte traf aber die sensualistische zugleich sehr nahe mit jener Form der logisch- scholastischen Theorie zusammen, die sich in der neueren Reflexionspsycho- logie aus einer eigentümlichen Verbindung des transcendenten Willensbegriffs mit der Lehre vom »Syllogismus practicus« und mit der physiologischen Theorie der Reflexe hervorgebildet hat. Nach ihr soll sich jener transcendente Wille der zweckmäßigen Reflexe bemächtigen, um sie nun frei nach seinen Motiven zu vervverthen2. Hiermit sind alle die oben geschilderten Modifica- tionen and Combinationen intellectualistischer Theorien gegeben, die die Psycho- logie und Physiologie der jüngsten Vergangenheit und zum Theil noch der Gegenwart beherrschen, und die sämmtlich darin übereinstimmen, dass in ihren Constructionen die psychologische Beobachtung so gut wie gar keine Rolle spielt. Noch am ehesten hat hier die Associationstheorie, namentlich in der von Leibniz3 schon angedeuteten und dann von Herbart4 näher entwickelten Form einer »Mechanik der Vorstellungen«, wenigstens gewissen unter den empirischen Elementen der Willensvorgänge Rechnung getragen und im ganzen den transcendenten Willensbegriff ferne gehalten. Doch hat es auch bei ihr die einseitig intellectualistische Richtung und das constructive Ver- fahren zu einer irgendwie ausreichenden Beschreibung der Willensvorgänge nicht kommen lassen.