SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Mit der größeren Beachtung, die in der neueren Psychologie die Ge- fühlsprocesse gefunden haben, sind endlich mehr und mehr Ansätze zu einer emotionalen Willenstheorie hervorgetreten. So hat sich Th. Lipps, beson- ders in seinen neueren Arbeiten, einer Auffassung zugewandt, die im einzel- nen zwar vielfach von der hier gegebenen Darstellung abweicht und, wie ich glaube, den in der experimentellen Beobachtung hervortretenden Beziehungen der Willensgefühle zu den allgemeinen Gefühlsrichtungen nicht hinreichend Rechnung trägt, in der allgemeinen Tendenz aber mit den obigen Ausführungen übereinstimmt5.

Mehr als billig hat in dem Widerstreit der psychologischen Willens- theorien schließlich der aus ethischen und zum Theil auch religiösen Motiven entsprungene Kampf zwischen Determinismus und Indeterminismus seine Schat- ten geworfen6. In diesem Streit ist meistens von beiden Seiten empirischen Beweisgründen ein allzu hoher Werth beigelegt worden. Der Indeterminismus pocht auf die unmittelbare innere Erfahrung des Freiheitsbewusstseins. Dass 1 Vgl. z.B. Münsterberg, Die Willenshandlung, 1888, S. 7, 56 ff. Dazu Philos.

3 Leibniz, Princ. de la nature, Opera ed. Erdmann, p. 714. Nouv. ess., ebend.

4 Herbart, Psychologie als Wissenschaft, Thl. 2, Werke Bd. 6, S. 76 ff.

5 Grundthatsachen des Seelenlebens, 1883, S. 594 ff- Vom Fühlen, Wollen und Denken. (Schriften der Ges. für psychol. Forschung, Heft 13 u. 14.) 1902, S. 115 ff.

6 Zur Geschichte dieses Streites vgl. J. H. Schölten, Der freie Wille, deutsche Aus- gabe von Manchot, 1874, S. 2 ff., 12 ff.

Theorie des Willens. ->jq hierin ein Beweis für die metaphysische Freiheit des Willens nicht liegen kann, hat schon Herbart einleuchtend dargethan1. In Wahrheit besteht ja übrigens auch jenes Freiheitsbewusstsein nur in der von einem lebhaften Gefühlston begleiteten dunkeln Vorstellung, dass für den Willen statt des gegebenen ein anderer Impuls hätte entscheidend werden können, ein Moment, das man mit ebenso vielem Rechte für den Determinismus benutzen könnte. Anderseits hat man von Seiten des letzteren die statistischen Thatsachen manchmal geradezu in einem fatalistischen Sinne verwerthet2. Was diese Thatsachen in Wirklichkeit beweisen, ist, wie Drobisch3 mit Recht bemerkte, lediglich eine psychologische Determination des Willens. Aber man muss weiterhin zugeben, wie dies von Quetelet selbst späterhin geschehen ist, dass ein zwingender Beweis für die ausschließliche Determination nicht einmal in den statistischen Daten vorliegt. Widerlegt wird durch sie nur jener vulgäre Indeterminismus, dem Freiheit und Causalitätslosigkeit identische Begriffe sind. Es würde aber immer noch die Annahme möglich bleiben, dass neben einer ge- wissen Anzahl regelmäßig wirkender Ursachen, die uns psychologisch in Gestalt der Motive gegeben sind, ein causalitätsloser Wille als begleitender Factor wirke.

Man könnte sich vorstellen, die Impulse dieses Willens verschwänden, ähnlich wie in einer großen Zahl von Beobachtungen die Beobachtungsfehler sich aus- gleichen, so auch in den statistischen Zahlen, da sie. in den einzelnen Fällen nach entgegengesetzten Richtungen wirken. Es bliebe dabei freilich der logi- sche Widerspruch, dass man den Willen gewissermaßen in zwei fundamental verschiedene, Willensformen trennte, von denen die eine determinirt sei, die andere nicht. Immerhin ist zuzugeben, dass ein völlig bindender Erfahrungs- beweis auch für die Determination des Willens nicht existirt, sondern dass dieselbe schließlich ein metaphysisches Postulat ist, durch das sich die Anti- nomie des sittlichen Gefühls, das für die Freiheit, und des religiösen, das für die Gebundenheit des Willens eintritt, entscheidet. Das sittliche Gefühl wird nämlich auf das Gebiet der psychischen Causalität des Charakters verwie- sen; für das religiöse Gefühl bleibt dagegen die metaphysische Abhängigkeit des Willens gewahrt4.

1 Herbart, Zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, Werke, Bd. 9, 2 Quetelet, Sur la statistique morale etc., p. 6. Mem. de l'Acad. roy. de Belgique, t. 21, 1848. Buckle, Geschichte der Civilisation in England, deutsch von A. Rüge, 1860, S. 25. Eine historische Uebersicht des ganzen hauptsächlich durch Quetelet angeregten Streites gibt A. von Oettingen, Die Moralstatistik, 1868, S. 118 ff.

3 Die moralische Statistik, und die menschliche Willensfreiheit, S. 103 ff.

4 Vgl. hierzu die Ausführungen in meiner Ethik2, S. 462 ff.

Fünfter Abschnitt.

Von dem Verlauf und den Verbindungen der seelischen Vorgänge.

Achtzehntes Capitel.

Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

i. Das Bewusstsein.

a. Bedingungen und Grenzen des Bewusstseins.

Da das Bewusstsein selbst die Bedingung aller Erfahrung ist, so kann aus dieser nicht unmittelbar das Wesen des Bewusstseins erkannt werden. Alle Versuche, dasselbe irgendwie zu definiren, führen daher entweder zu tautologischen Umschreibungen oder zu Bestimmungen der im Bewusstsein wahrgenommenen Thätigkeiten, die eben deshalb nicht das Bewusstsein sind, sondern dasselbe voraussetzen. Thatsächlich be- steht das Bewusstsein darin, dass wir überhaupt irgend welche psychische Zustände und Vorgänge in uns vorfinden. Dasselbe ist also kein von diesen Vorgängen zu trennender Zustand. Unbewusste Vorgänge aber können wir uns nie anders als mit den Eigenschaften denken, die sie im Bewusstsein besitzen. Ist es daher unmöglich Kennzeichen anzugeben, durch die sich das Bewusstsein von etwaigen unbewussten Zuständen unterscheide, so kann auch eine Definitition desselben, die ja doch in der Angabe unterscheidender Merkmale bestehen müsste, unmöglich ge- geben werden. Das einzige vielmehr was möglich bleibt ist dies, dass wir uns über die Bedingungen Rechenschaft geben, unter denen Be- wusstsein vorkommt. Dabei dürfen wir freilich in diesen Bedingungen nicht etwa die erzeugenden Ursachen des Bewusstseins sehen, sondern begleitende Umstände, unter denen es uns in der Erfahrung entgegentritt. Solcher Bedingungen lassen sich nun zwei Reihen unterscheiden, Das Bewusstsein. -221 von denen die einen der innern, die andern der äußern Erfahrung an- gehören.

Unter den psychischen Vorgängen, die wir, so weit unsere Er- fahrung reicht, an das Bewusstsein gebunden sehen, nimmt einerseits die Bildung von Vorstellungen aus Sinneseindrücken, anderseits das Gehen und Kommen der Vorstellungen eine hervorragende Stellung ein. Jede Vorstellung bietet sich uns als die Verbindung einer Mehrheit von Empfindungen. Jeden Klang stellen wir uns vor als dauernd in der Zeit, wir verbinden die momentane Empfindung mit den ihr voraus- gegangenen; jeder Farbe geben wir einen Ort im Räume, wir ordnen sie in eine Anzahl coexistirender Lichtempfindungen. Die reine Empfin- dung ist demnach eine Abstraction, die in unserm Bewusstsein nie vorkommt; und ebenso verhält sich das einfache Gefühl. Nichtsdesto- weniger werden wir durch eine überwältigende Zahl psychologischer Thatsachen, die in den beiden vorigen Abschnitten erörtert wurden, ge- nöthigt anzunehmen, dass überall die Vorstellungen durch eine psycho- logische Synthese aus den Empfindungen, und dass die wirklichen, zu- sammengesetzten Gefühle und Affecte aus Gefühlselementen entstehen. Diese Verbindung von Elementen dürfen wir deshalb als ein charakteristisches Merkmal des Bewussteins selbst ansehen. Nicht minder gibt sich uns das Kommen und Gehen der Vorstellungen und Gefühle unmittelbar als eine Verbindung zu erkennen, die auf innern oder äußern Beziehungen beruht, und wobei die Wirkung, durch die ein früherer psychischer Inhalt wieder erneuert wird, jedesmal von einem schon vor- handenen ausgeht. Die Reproduction der Vorstellungen und Gefühle und ihre Association ist demnach ebenfalls eine allgemeine Begleiterscheinung des Bewusstseins, da nur unter der Voraussetzung einer Verbindung der zeitlich aufeinander folgenden psychischen Inhalte überhaupt Bewusstsein für uns empirisch nachweisbar ist. So ergibt sich auf psychischer Seite ein Zusammenhang unmittelbarer Erlebnisse als diejenige Be- dingung, unter der Bewusstsein allein vorkommt.

Die Verschmelzungen und Associationen psychischer Erfahrungs- inhalte sehen wir nun aber weiterhin zugleich an bestimmte Verhältnisse der physischen Organisation gebunden. Wo durch diese die Mög- lichkeit einer Verbindung von Sinneseindrücken mit Bewegungsreactionen gegeben ist, die wir nach dem Verhältniss zu ihren Wirkungen mit Wahrscheinlichkeit auf Empfindungen und Gefühle zurückführen können, da werden wir auch, die Möglichkeit eines gewissen Grades von Bewusst- sein nicht bestreiten können. In der That zeigt uns die Beobachtung der niederen Thierwelt überall Lebensäußerungen, die wir in diesem Sinne auf Bewusstsein beziehen müssen. Sieht man also ein Merkmal des Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 21 ■122 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

letztern darin, dass ein Wesen auf Eindrücke anscheinend in ähnlicher Weise reagirt wie der Mensch, falls in diesem solche Eindrücke zu Empfindungen, Gefühlen und ihnen entsprechenden Willensäußerungen führen, so wird das Gebiet des Bewusstseins so weit auszudehnen sein, als ein Nervensystem als Mittelpunkt von Sinnes- und Bewegungsapparaten oder aber eine Protoplasmasubstanz zu finden ist, deren Bewegungen nach Analogie der menschlichen Willenshandlungen zu deuten sind. Hierbei lehrt zugleich der Zusammenhang, in dem die auf ein Bewusstsein be- zogenen Lebensäußerungen mit einander stehen, dass an eine einheit- liche Organisation stets auch ein einheitliches Bewusstsein gebunden ist. Eine Thiercolonie, auch wenn, wie z. B. beim Polypenstock, die Einzelthiere in fester Verbindung stehen, ist allem Anscheine nach eine Mehrheit von Bewusstseinseinheiten. Einem Einzelorganismus aber entspricht immer auch ein Einzelbewusstsein. Obgleich sich zumeist schon bei den Wirbellosen und in höherem Grade noch bei den Wirbel- thieren das centrale Nervensystem in eine größere Zahl einander neben- und übergeordneter Centren gliedert, so ist gleichwohl das Bewusst- sein ein einheitliches. Nichts spricht daher dafür, dass bei einem höheren Wirbelthier oder beim Menschen, neben einem etwa an das Vorderhirn gebundenen Centralbewusstsein, noch mehrere Bewusstseinsstufen niedereren Grades in subordinirten Organen, wie in den Hirnhügeln, dem Rückenmark, den Ganglien des Sympathicus, möglicherweise existir- ten. Hier ist vielmehr zu erwägen, dass alle Theile eines individuellen Nervensystems in einem durchgehenden Zusammenhange mit einander stehen. Die physiologische Grundlage der Einheit des Bewusstseins scheint demnach, wie die der Einheit der psychophysischen Organisation über- haupt, der Zusammenhang des ganzen Nervensystems zu sein. Darumist es nun aber auch unzulässig, ein bestimmtes Organ des Bewusstseins in dem gewöhnlich angenommenen Sinne vorauszusetzen. Zwar zeigt die Untersuchung des Nervensystems der höheren Thiere, dass es hier ein Gebiet gibt, das in näherer Beziehung zum Bewusstsein steht als die übrigen Theile, nämlich die Großhirnrinde, da in ihr, wie es scheint, nicht nur die verschiedenen sensorischen und motorischen Provinzen der Körper- peripherie, sondern auch jene Verbindungen niedrigerer Ordnung, die in den Hirnganglien, dem Kleinhirn u. s. w. stattfinden, durch besondere Fasern vertreten sind. Die Großhirnrinde scheint also vorzugsweise ge- eignet, die Vorgänge im Körper theils unmittelbar theils mittelbar einem allgemeinen Zusammenhang unterzuordnen. Nur in diesem beschränkteren Sinne ist beim Menschen und bei den höheren Wirbelthieren die Großhirn- rinde »Organ des Bewusstseins«. Hierbei darf man aber niemals vergessen, dass die Function dieses Organs diejenige gewisser ihm untergeordneter Centraltheile, wie z. B. der Vier- und Sehhügel, die bei der Verbindung der Empfindungen eine unerlässliche Aufgabe erfüllen, voraussetzt. Auch macht es die größere Selbständigkeit, die solchen Centren schon bei den niederen Wirbelthieren und noch mehr bei den Wirbellosen zukommt, nicht unwahrscheinlich, dass auf diesen Stufen auch jenes Substrat des Bewusstseins in der engeren Bedeutung des Wortes eine weitere Aus- dehnung besitzt1.

Anders steht es mit der Frage, ob nicht niedrigere Centraltheile, wenn die höheren von ihnen getrennt werden, nun für sich einen ge- wissen Grad von Bewusstsein bewahren können. Diese Frage fällt mit der vorhin erörterten keineswegs zusammen. Das Rückenmark z. B. könnte, so lange es in Verbindung mit dem Gehirn ist, als ein bloß untergeordnetes Hülfsorgan des Bewusstseins functioniren, da der ganze Zusammenhang der Empfindungen, der das Bewusstsein ausmacht, erst im Gehirn sein organisches Substrat findet; und doch könnte, wenn das Gehirn getrennt ist, in dem Rückenmark ein niederes Bewusstsein sich ausbilden, das jenem beschränkteren Zusammenhang von Vorgängen entspräche, der durch dieses Centralorgan vermittelt wird. In der That sprechen hierfür durchaus die Erscheinungen, die wir früher (Bd. 1, S. 259 ff. und oben S. 2 70 f.) als Folgen der Abtrennung der höheren Centralorgane kennen lernten. Es ist aber dabei zweierlei zu beachten. Erstens ist ein solches Bewusstsein streng genommen ein erst sich ausbildendes, das daher auch eine allmähliche Vervollkommnung erfahren kann, wie dies die Be- obachtung der enthaupteten Frösche, der Vögel, Kaninchen und Hunde mit über den Hirnganglien abgetragenen Hirnlappen bestätigt. Zweitens wird ein Centralorgan, das vermöge der ganzen Organisation eines Wesens von Anfang an auf selbständigere Function gestellt ist, natürlich in ganz anderer Weise Träger eines Bewusstseins werden können, als ein in viel- facher Beziehung und Abhängigkeit stehendes, wenn auch sonst morpho- logisch verwandtes. Man wird also z. B. das Rückenmark des Frosches mit dem des Menschen nicht ohne weiteres in Parallele bringen dürfen. Nicht minder verkehrt wäre es, wenn man nach der absoluten Compli- cation des Baues die Fähigkeit eines Organs, in sich ein Bewusstsein zu entwickeln, beurtheilen wollte. Diese Complication ist ja gerade bei den niedrigeren Centralgebilden zum großen Theil durch ihre vielfachen Ver- bindungen mit höheren Nervencentren veranlasst. So wird es begreiflich, dass mit der Vervollkommnung der Organisation die Fähigkeit dieser Centraltheile, ein selbständiges Bewusstsein in sich auszubilden, offenbar immer mehr abnimmt, und dass ein solches Bewusstsein, das durch die 2 24 Bewusstsein und Vorstelltingsverlauf.

Zerstückelung des Nervensystems gewissermaßen erst entstanden ist, wenigstens bei den Wirbelthieren nicht einmal entfernt die Stufe des niedersten Bewusstseins erreicht, das bei unversehrter Organisation über- haupt vorkommt. Anders ist dies bei denjenigen Wirbellosen, bei denen die einzelnen Theile des centralen Nervensystems in ihrer Structur und Function einander gleichwerthiger sind, und wo nun die künstliche Thei- lung zuweilen einer natürlichen Fortpflanzung durch Theilung äquivalent zu werden scheint.

Sowohl die psychischen wie die physischen Bedingungen des Be- wusstseins weisen uns demnach darauf hin, dass das Gebiet des bewussten Lebens mannigfache Grade umfassen kann. In der That finden wir schon in uns selbst je nach äußern und innern Bedingungen wechselnde Grade der Bewusstheit, und auf ähnliche bleibende Unterschiede lässt die Beobachtung anderer Wesen schließen. In allen diesen Fällen gilt aber die Fähigkeit der Verbindung psychischer Inhalte als Maßstab des Grades der Bewusstheit. Sobald wir Eindrücke nur mangelhaft in den Zusammenhang unserer Vorstellungen einreihen oder uns ihrer später wegen dieses mangelhaften Zusammenhangs nur unvollkommen erinnern können, schreiben wir uns während der betreffenden Zeit einen geringeren Grad des Bewusstseins zu. Bei den niedersten Thieren, bei denen sicht- lich nur die unmittelbar vorangegangenen Eindrücke bewahrt werden, nehmen wir ebenso ein unvollkommeneres Bewusstsein an. Von diesem Gesichtspunkte aus kann daher auch allein die Streitfrage über die Existenz oder Nichtexistenz von Bewusstsein bei solchen Thieren be- urtheilt werden, deren Centralorgane verstümmelt sind. Nicht die un- mittelbare Beschaffenheit der Bewegungsreactionen auf äußere Reize ent- scheidet hier, wie in der Regel vorausgesetzt wird, über den Grad des zurückgebliebenen Bewusstseins, sondern die Art der Nachwirkung der Reizung. Denn nur diese verräth uns, in welchem Grade jene für das Bewusstsein charakteristische Verbindung der Empfindungen und Gefühle erhalten geblieben ist. Da wir nun aber nicht das Recht haben, solchen Verbindungen innerer Zustände, die sich etwa nur über wenige simultane oder successive Inhalte erstrecken, den Namen des Bewusstseins zu ver- sagen, so entstehen für die Bestimmung der unteren Grenze des letzteren fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Der geläufige Sprachgebrauch macht es sich meistens leicht mit dieser Grenze. Wo das Verhalten eines Men- schen nur einigermaßen unter die Linie des gewöhnlichen bewussten Handelns fällt; da ist man geneigt anzunehmen, dass er ohne Bewusst- sein gehandelt habe. Bald wird so' das Bewusstsein mit dem Selbst- bewusstsein, bald mit der Aufmerksamkeit verwechselt, und in vielen Fällen würde es geeigneter sein, von einem Mangel der Besonnenheit Das Bewusstsein.

statt von einem solchen des Bewusstseins zu sprechen. Da jedoch der Begriff der »Besonnenheit« im Sprachgebrauch die engere Bedeutung eines nicht nur klar bewussten, sondern auch unter der Herrschaft be- stimmter ethischer Motive zu stände kommenden Thuns angenommen hat, so würde man für alle jene Willenshandlungen, die die Praxis fälschlich als »unbewusste« zu bezeichnen pflegt, vielleicht den Ausdruck »unbe- sinnte« gebrauchen können. Denn bei ihnen, z. B. bei »fahrlässigem« Thun, braucht nicht das Bewusstsein überhaupt ein dunkles zu sein, son- dern es fehlt nur an dem »Besinnen« auf gewisse Motive, die bei einer willkürlichen Handlung normaler Weise mitwirken. Psychologisch haben daher solche »unbesinnte Handlungen« in der Regel den Charakter von Triebhandlungen. Sieht man nun aber, wie" es folgerichtig geschehen muss, in jeder Verbindung innerer Zustände irgend einen Grad von Be- wusstsein, so ist anderseits eine sichere Bestimmung der Grenze, wo Be- wusstsein anfängt, überhaupt nicht auszuführen. Denn dürfen wir auch in bestimmten Fällen auf die Existenz eines solchen schließen, so ist doch eine sichere Entscheidung über die Nichtexistenz desselben nie- mals möglich; daher wir uns hier stets mit dem für alle empirischen Zwecke freilich ausreichenden Nachweis begnügen müssen, dass die Merkmale fehlen, die uns nöthigen Bewusstsein vorauszusetzen. Da aber hier das entscheidende Merkmal in der Verbindung psychischer Inhalte be- steht, so werden wir schließlich als untere Grenze diejenige anzusetzen haben, wo die Reactionen eines Wesens auf äußere Einwirkungen weder auf simultane noch auf successive psychische Verbindungen hinweisen.

Seit Leibniz den Begriff des Bewusstseins in der uns heute geläufigen Form in die neuere Psychologie einführte1, sind verschiedene Versuche ge- macht worden, um eine psychologische Definition dieses Begriffs zu gewinnen. Leibniz selbst dehnt den Begriff des Bewusstseins noch über den gesammten, nach seiner metaphysischen Lehre unendlichen Inhalt der Seele aus, unter- scheidet aber von dem dunkeln das klare Bewusstsein, das bei den Thieren ganz fehle, und sich beim Menschen immer nur auf eine relativ kleine An- zahl von Vorstellungen erstrecke; dieses klare Bewusstsein ist ihm identisch mit dem Selbstbewusstsein2. In der neueren Psychologie hat man bald das Bewusstsein als einen inneren Sinn bezeichnet und in ihm eine aufmerkende Thätigkeit gesehen3, bald hat man es auf die Function der Unterscheidung" zurückgeführt4. Man verwechselt aber hier gewisse im Bewusstsein vorkom- 1 Ueber die ältere Entwicklung des Bewusstseinsbegriffs von Aristoteles an vgl. H. Siebeck, Geschichte der Psychologie, Bd. 1, 1884, S. 331 ff.

2 Op. philos. ed. Erdmann, p. 715.

3 Vgl. Fortlage, System der Psychologie, Bd. 1, S. 57. J. H. Fichte, Psychologie, 4 L. George, Lehrb. der Psychologie, S. 229. H. Ulrici, Leib und Seele, S. 274. Bergmann, Grundlinien einer Theorie des Bewusstseins, S. 129 f. Auch die Anschauungen Q2Ö Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

mende Thätigkeiten mit dem Bewusstsein selber, und man übersieht, dass es an der unerlässlichen logischen Bedingung für eine Definition des Bewusst- seins mangelt, an der Möglichkeit nämlich, dasselbe mit nicht bewussten psychischen Vorgängen oder Zuständen zu vergleichen. Die einzige Begriffs- bestimmung, die jenem Einwurfe nicht ausgesetzt ist, diejenige Herbarts, das Bewusstsein sei »die Summe aller wirklichen oder gleichzeitig gegen- wärtigen Vorstellungen«1, ist darum auch keine Definition, sondern ein Hin- weis darauf, dass das Bewusstsein mit der Gesammtheit der inneren Erlebnisse identisch und demnach lediglich ein zusammenfassender Begriff für diese Er- lebnisse selbst ist. Freilich aber leidet Herbarts Definition an dem Grund- fehler seiner Psychologie, nur den Vorstellungen reale Existenz in der Seele zuzugestehen.

Begreiflicherweise hat nun der Umstand, dass wir unbewusste Zustände der Vorstellungen anzunehmen genöthigt und doch über die Natur dieser Zustände nichts auszusagen im stände sind, zu metaphysischen Hypothesen reichliche Veranlassung geboten. Leibniz nahm vermöge des von ihm überall verwertheten Princips der Stetigkeit an, alles scheinbare Verschwinden der Vorstellungen beruhe auf einem Herabsinken auf einen sehr kleinen oder selbst unendlich kleinen Grad der Bewusstheit, und ebenso sollen die inneren Zustände der Wesen nur gradweise sich unterscheiden2. Von dieser Anschau- ung, dass die Vorstellungen unendlich verschieden in ihren Graden, an sich aber unvergänglich seien, entfernte sich schon Chr. Wolff, indem er, dem Eindruck der psychologischen Erfahrung nachgebend, nicht bloß verschiedene Grade der Bewusstheit, sondern auch Zustände ohne Bewusstsein unterschied, wobei er übrigens bemerkte, dass man auf die letzteren nur aus demjenigen schließen dürfe, was wir in unserm Bewusstsein finden3. Diesen Rath hat die moderne Philosophie nicht immer befolgt, daher das Unbewusste nicht selten in einen metaphysischen Gegensatz zum Bewusstsein gerieth und in Folge dessen einen mystischen Charakter annahm, indem ihm die Aufgabe zugewiesen wurde, alle die wirklichen oder vermeintlichen Dinge zu erklären, über die das Bewusstsein keine zureichende Rechenschaft gebe. So vornehm- lich in Schopenhauers Willensmetaphysik, in Ed. von Hartmanns »Philo- sophie des Unbewussten«, und in einer eigenartigen Form, vom Begriff der »Bewusstseinsschwelle« ausgehend, in dem metaphysischen Theil der Psycho- physik Fechners4. Vom empirisch-psychologischen Standpunkte aus glaubte von G. H. Schneider (Die Unterscheidung. S. 37) können hierher gerechnet werden. Doch gibt derselbe dem Begriff der Unterscheidung eine überwiegend physiologische Bedeutung, indem er sie als denjenigen Vorgang auffasst, der allgemein durch Zustandsdifferenzen der Nerven entstehe (ebend. S. 7).

3 Chr. Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Men- 4 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, 2. Buch. Ed. von Hartmann, Philosophie des Unbewussten5, 1873, über die psychologischen Fragen be- sonders S. 177 ff Fechner, Elemente der Psychophysik, Bd. 2, S. 437 ff. Vgl. dazu Wundt, G. Th. Fechner, 1901, S. 26, 83 ff. Mit den mystischen Anschauungen Fechners über ein »Ober-« und »Unterbevvusstsein« berührt sich auch die Annahme eines Doppel- bewusstseins, wie sie in neuerer Zeit namentlich aus Anlass der hypnotischen und der Traumerscheinungen gelegentlich aufgetaucht ist. (Vgl. z.B. Max Dessoir, Das Doppel- Ich, Schriften der Ges. für psychol. Forschung, 1890, 2 1896.) Wir werden bei der Das Bewusstsein.

man hauptsächlich aus zwei Gruppen von Thatsachen auf unbewusste psy- chische Vorgänge zurückschließen zu müssen: erstens aus gewissen Wirkun- gen, die unbewusste seelische Inhalte auf das Bewusstsein ausüben, und durch die sie die in diesem enthaltenen Vorstellungen verändern sollen; und zweitens aus der Reproduction früher vorhanden gewesener Vorstellungen oder sonstiger psychischer Inhalte. Das erste dieser Motive wird nament- lich von Th. Lipps vertreten, der mit Rücksicht auf die von ihm be- hauptete Unerklärbarkeit wichtiger Bewusstseinserscheinungen, wie der Ge- fühle, der räumlichen Wahrnehmungen, der Harmonie, des Rhythmus u. s. w., in »unbewussten« psychischen Vorgängen geradezu die Grundbestandtheile aller seelischen Vorgänge erblickt1. Nun wurde in den vorangegangenen Ab- schnitten mehrfach im einzelnen nachgewiesen, dass es sich in diesen Fällen in Wahrheit nicht um unbewusste, sondern überall nur um dunkler be- wusste psychische Elemente handelt (so z. B. bei den Elementen der Klang- farbe, den Harmonie- und Rhythmusgefühlen u. s. w.), und dass, sobald man dies in Rechnung zieht, den hypothetischen unbewussten Vorgängen thatsäch- lich nachweisbare oder jedenfalls minder hypothetische Bewusstseinsvorgänge substituirt werden können. Häufiger wird die Reproduction der Vorstellungen als Beweisgrund für die Existenz unbewusster psychischer Inhalte angesehen; und vielfach erblickt man in diesem Phänomen sogar mit Herbart ein Zeugniss für die unvergängliche Fortexistenz aller einmal entstandenen Vorstellungen in der Seele2. Aber die Annahme, dass sich die Vorstellungen unverändert erneuern, steht durchaus im Widerspruch mit der Erfahrung: jedes Erinnerungsbild setzt sich vielmehr, wie wir sehen werden, aus einer mehr oder minder großen Zahl von Elementen verschiedener früherer Ein- drücke zusammen (Cap. XIX). Daraus ergibt sich aber, dass auch die Vor- stellungen nicht unverändert fortdauern können, sondern dass jede scheinbare Wiedererneuerung in Wahrheit ein neuer Vorstellungsprocess ist, auf den die von früheren Vorstellungen zurückgebliebenen Dispositionen einwirken.