SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Das Bewusstsein.

activen und passiven Apperception entgegentrat. Endlich zeigt das ganze Verhältniss, wie es besonders in AA in der in der unterbrochenen Linie angedeuteten Zwischenform ausgeprägt ist, dass es sich hier überall nicht um absolute Gegensätze, sondern um in sich gleichartige Verlaufsformen handelt, die, durch Mittelglieder stetig verbunden, nur in ihren Endgliedern durch gewisse, sonst bloß schwach angedeutete, in besonderen Fällen je- doch stärker ausgeprägte Eigenschaften des Verlaufs zu partiellen Gegen- sätzen auseinandertreten.

Wie bei den Willensvorgängen überhaupt, so bilden übrigens auch hier die Componenten des Thätigkeitsgefühls und seiner Abwandlungen nur die allgemeinsten, die formale Uebereinstimmung der verschiedensten Apperceptionsprocesse bedingenden Elemente, ohne deshalb die einzigen zu sein. Vielmehr pflegen gerade diejenigen Bestandtheile, welche die spe- cifischen qualitativen Unterschiede der einzelnen Vorgänge ausmachen und als Motivinhalte der Apperception auftreten, vorwiegend den Richtungen der Lust-Unlustgefühle und ihren Verschmelzungen mit andern Gefühlen anzugehören (vgl. oben S. 251). Weiterhin tritt aber zu den verhältniss- mäßig gering erscheinenden Differenzen jener formalen Verlaufscomponenten ein anderer, wesentlich materialer Unterschied hinzu. Die Apperception irgend eines unerwarteten Eindrucks oder auch die eines Erinnerungsbildes, das vermöge irgendwelcher Associationsbedingungen die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, vollzieht sich naturgemäß so, dass die appercipirte Vorstellung durch ihre unmittelbare Gegenwart als Motiv wirkt, ohne dass dabei die Anwesenheit anderer Vorstellungen oder gar ein Widerstreit derselben zur Beobachtung kommt. Die passive Apperception ist also im allgemeinen eine Willenshandlung unter der Wirkung eines Motivs oder, nach unserer früheren Bezeichnung, eine Triebhandlung (S. 257). Anders bei der activen. Hier ist schon bei den oben geschilderten Reactionsversuchen, deren Bedingungen, nach der Seite des Willens betrachtet, noch ver- hältnissmäßig einfache sind, das Verhalten ein wesentlich abweichendes. Während nämlich die Aufmerksamkeit auf den qualitativ und eventuell auch zeitlich vorausbestimmten Eindruck gespannt ist, können sich hier gelegentlich andere Reize zur Auffassung drängen: sie bleiben gleich- wohl unbeachtet, so lange eben überhaupt die Reaction auf jenen eine willkürliche bleibt. In noch höherem Maße ist das natürlich unter den meist viel complicirteren Verhältnissen der gewöhnlichen Thätigkeit der activen Aufmerksamkeit der Fall, wo sich unter Umständen zahlreiche associativ gehobene Vorstellungen darbieten können, unter denen dann eine bestimmte, den gegebenen intellectuellen Bedingungen entsprechende stärker gehoben und demzufolge appercipirt wird, aber von dem Gefühl be- gleitet ist, dass neben diesem noch andere Apperceptionsmotive vorhanden 146 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

waren. In diesen Fällen hat also die active Apperception die Merkmale einer Willkürhandlung (S. 257). Wie die Willensvorgänge überhaupt, so sind demnach auch die zwei Grunformen des Wollens in den Formen der Apperception vorgebildet. Hieraus erhellt abermals die Unhaltbarkeit der geläufigen Unterscheidung der Aufmerksamkeit in eine »willkürliche« und »unwillkürliche«. Jeder Act der Aufmerksamkeit ist ein Willensact. Als solcher kann er ein einfacher sein, triebartig einem einzigen Motiv folgen, oder ein zusammengesetzter, aus einem complexen Motivzustand hervor- gehen. Einen Aufmerksamkeitsvorgang aber, der nicht Willensvorgang wäre, gibt es nicht.

Indem sich mit den Gefühlen, die an die Apperception als solche gebunden sind, andere, die von den appercipirten Vorstellungen abhängen, zu einem untrennbaren Ganzen verbinden, zeigt sich endlich wiederum, dass die Gefühle nicht Zustände sind, die den Apperceptionsvorgängen unabhängig gegenüberstehen, sondern dass sie untrennbare Bestandtheile dieser Vorgänge selbst bilden. Unter diesen Gefühlen sind vor allem drei von charakteristischer Beschaffenheit: die der Erwartung, der Er- füllung und der Ueberraschung. Sie sind Begleiter von Vorgängen, die als wichtige Modifikationen der oben geschilderten Processe der acti- ven und der passiven Apperception noch eine besondere Betrachtung erheischen.

Die Erwartung ist ein Zustand, in welchem die Aufmerksamkeit nicht auf einen gegenwärtigen, sondern auf einen zukünftigen Eindruck oder eventuell auf eine Mehrheit möglicher Eindrücke gespannt ist. Die einfachsten Bedingungen dieses Zustandes sind dann vorhanden, wenn nur ein Eindruck von bekannter Stärke und Qualität erwartet wird. Die Elemente sind in diesem Fall: 1) Spannungsempfindungen in verschiede- nen Muskeln, namentlich auch in den dem Eindruck entsprechenden Adaptationsmuskeln; 2) ein oscillirendes Schwanken von Erinnerungsbildern des erwarteten Eindrucks, das in einzelnen Momenten, die zugleich mit Momenten der stärksten Spannungsgefühle zusammentreffen, deutlicher wird, um sich dann wieder ganz zu verdunkeln. Diese Erscheinungen machen es wahrscheinlich, dass sich die Erinnerungselemente während der Dauer des Zustandes selbst mehr oder weniger bleibend in den dunkleren Regionen des Bewusstseins befinden, von denen aus sie mit wechselndem Erfolg zur Apperception streben. Dazu kommt 3) ein Gefühl, das sich erstens aus den die Spannungsempfindungen begleitenden sinnlichen Gefühlen und aus einem eigenthümlichen unruhigen Gefühl zusammensetzt, das an das ge- schilderte Oscilliren der Erinnerungselemente gebunden ist. Letzteres ist augenscheinlich der charakteristische Bestandtheil des ganzen Erwartungsgefühls, und es kann in Folge jener oscillirenden Beschaffenheit bei längerer Das Bewusstsein.

Dauer des Zustandes zu einem sehr intensiven Unlustgefühl werden. Schwankt die Erwartung zwischen mehreren Eindrücken, so modificirt sich der ganze Zustand wesentlich dadurch, dass theils die Spannungs- gefühle und die sie begleitenden Empfindungen wechselnder werden, auch meist minder intensiv sind, und namentlich dadurch, dass sich nun jener Vorgang des Oscillirens der dunkel bewussten Vorstellungen auf zahlreiche Erinnerungselemente erstreckt. In Folge dessen wird derselbe veränderlicher, das begleitende Gefühl unruhiger, und bei längerer Dauer, wie alle zwie- spältigen Gefühle, peinvoll. Dieser Zustand der Erwartung kann nun auf doppelte Weise sein Ende finden: durch den Eintritt des erwarteten oder eines der erwarteten Vorgänge, und durch den Eintritt eines andern, nicht erwarteten Ereignisses. Der im ersten Fall sich abspielende Vorgang der Erfüllung ist jenes Lösungsgefühl, das, wie wir oben sahen, auch bei der Apperception nicht fehlt. Dazu kommen dann aber noch die eigen- thümlichen Associationsgefühle, die an die Wiedererkennung und Unter- scheidung des Eindrucks gebunden sind, und auf die hier nur vorläufig hingewiesen werden mag, weil sie uns später, bei der Erörterung der Associationsprocesse, beschäftigen werden (Cap. XIX). Anders bei der Ueberraschung, die übrigens in ähnlicher Weise auch ohne voran- gegangene Erwartung, bei zufälligem Eintritt eines ungewohnten Ein- drucks, entstehen kann. Indem hier weder die Adaptationseinrichtungen in den Sinnesorganen noch die unmittelbar dem Bewusstsein disponiblen und eventuell in ihm in oscillirender Bewegung enthaltenen Erinnerungs- elemente dem Eindruck entsprechen, braucht derselbe längere Zeit zu seiner Auffassung, und diese ist, auch wenn sie zu stände kommt, ungenauer; meist erstreckt sie sich nur auf einzelne, durch ihre Intensität oder durch zufällige Associationsverbindungen ausgezeichnete Bestand- teile. Dies prägt sich zugleich in einer ungewöhnlichen Dauer und Intensität des das erste Stadium der Apperception kennzeichnenden Lö- sungsgefühls aus, das vor allem hier durch seine Verbindung mit Un- lustgefühlen- zu jenem Gefühl des Erleidens wird, gegen das sich nur allmählich und meist in verminderter Stärke das Thätigkeitsgefühl erhebt. Zugleich hat die plötzliche Erfüllung des Bewusstseins mit neuen Vor- stellungen meist noch Affectwirkungen im Gefolge. Man sieht aus allem dem, dass die gewöhnliche Schilderung dieser Vorgänge, die bei der Er- wartung das Festhalten eines Erinnerungsbildes, bei der Erfüllung und Ueberraschung die unmittelbare Vergleichung dieses Bildes mit dem Ein- druck annimmt, gänzlich unzutreffend ist. Sie beruht auch hier auf der Verwechselung einer logischen Reflexion über psychische Vorgänge mit diesen Vorgängen selber. Jene oscillirenden Erinnerungsbilder sind so unbestimmt, dass sie zu einer Vergleichung- absolut nicht dienen können.

•348 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Das einzige was daher als ein annähernd genaues Reagens auf die überein- stimmende oder widerstreitende Beschaffenheit des Eindrucks übrig bleibt, ist das unmittelbare Gefühl der Uebereinstimmung oder Nichtüberein- stimmung selbst. Nun muss freilich dieses, wie jedes Gefühl, mit bestimm- ten Vorstellungselementen verbunden sein. Aber gerade hier kommt jene Eigenschaft der Gefühle zur Geltung, dass sie auch dann, wenn ihre Vor- stellungsgrundlage außerordentlich dunkel bleibt, eine relativ große In- tensität gewinnen können (S. 116). Man hat diese Eigenschaft, ohne klar bewusste Vorstellungsgrundlagen wirksam zu werden, zuweilen »Dunkel- heit des Gefühls« genannt. Richtiger wäre es, sie Dunkelheit der mit dem Gefühl verbundenen Vorstellungen zu nennen.

Der Begriff und das Wort »Apperception« sind von Leibniz1 in die Philosophie eingeführt worden. Bei Leibniz vereinigt dieser Begriff zwei Bedeutungen: erstens die einer klaren Vorstellung gegenüber der dunklen, der bloßen »Perceptio«; und zweitens die der Aufnahme einer Vorstellung in das Selbstbewusstsein. Die folgende Philosophie und Psychologie hat den Begriff zunächst ausschließlich in dieser zweiten Bedeutung aufgenommen. So definirt schon Wolff2: »Menti tribuitur apperceptio, quatenus perceptio- nis suae sibi conscia est«. Hieraus hat sich dann bei Kant3 der Begriff der »transcendentalen Apperception« entwickelt, als die an das denkende Selbst- bewusstsein gebundene Einheitsfunction, die von ihm als die letzte Bedingung aller einzelnen apriorischen Erkenntnissfunctionen angesehen wird. Endlich lenkte Herbart4 den Begriff wieder auf das psychologische Gebiet hinüber, transformirte ihn aber zugleich, indem er ihn dem Gesichtspunkt seiner imagi- nären »Mechanik der Vorstellungen« unterstellte. Wie diese überhaupt mit der Associationspsychologie darin einig war, dass sie alles psychische Geschehen auf eine Wechselwirkung von Vorstellungen zurückzuführen suchte, so ver- wandelte sich in ihr auch das Selbstbewusstsein, ganz wie in jener, in ein »Bündel von Vorstellungen«; und die Apperception wurde nun, indem auch hier immer noch die Beziehung auf das Selbstbewusstsein im Vordergrund stand, als die Verbindung einer neu in das Bewusstsein eintretenden Vor- stellung mit einer »herrschenden Vorstellungsmasse« definirt, welche letztere eben bei Herbart das Selbstbewusstsein repräsentirte. Dieser Begriff, in dem so der WoLFF'sche Apperceptionsbegriff mit den simultanen Associationsvor- gängen, die wir unten als »Assimilationen« kennen lernen werden, eigenthüm- lich gemischt war, ist in der HERBART'schen Schule bis in die neueste Zeit meist unverändert festgehalten worden. Nur Steinthal5 suchte ihn in dem Sinne weiter zu entwickeln, dass er ihn descriptiv in eine größere Zahl von Unterformen schied6.

1 Opera philos. ed. Erdmann, p. 715. 2 Psychologia empirica, § 25.

3 Kritik der reinen Vernunft. Transcendentale Deduction u. s. w. § 16.

4 Psychologie als Wissenschaft, 2. Tbl. 1. Abschn. Cap. 5. Werke Bd. 6. S. 188 ff.

5 Abriss der Sprach Wissenschaft, Bd. 1, S. 149 ff.

6 Vgl. zur Geschichte und Kritik des Äpperceptionsbegriffs überhaupt O. Staude, Philos. Stud. Bd. 1, 1883, S. 149 ff. Vom HERBART'scben Standpunkte aus, aber einiger- maßen in vermittelnder Tendenz, zugleich mit Rücksicht auf Pädagogik, behandelt den Das Bewusstsein. "^AQ Die oben vertretene Auffassung der Apperception unterscheidet sieh nun von den in dieser Entwicklung hervortretenden Begriffsbestimmungen dadurch, dass sie eine rein empirisch-psychologische zu sein strebt, also von allen metaphysischen oder speculativ-psychologischen Voraussetzungen abstrahirt, und dass sie das seit Wolff und namentlich auch noch bei Herbart und seiner Schule einseitig in den Vordergrund gestellte Merkmal des Begriffs, die Beziehung auf das Selbstbewusstsein, völlig bei Seite lässt, um statt dessen das andere in der LEiBNiz'schen Auffassung enthaltene Merkmal, das der rela- tiven Klarheit der Bewusstseinsinhalte, zum alleinbestimmenden zu machen. Dazu treten dann von selbst die diese Erhebung zur Klarheit be- gleitenden Gefühlsprocesse, die subjectiven »Aufmerksamkeits Vorgänge«, als weitere Merkmale hinzu. Dagegen bleibt die Beziehung zum »Selbstbewusstsein«, als eine durchaus secundäre, zunächst ganz außer Betracht. (Sie wird uns unten bei der »Entwicklung des Bewusstseins« beschäftigen.) Sobald die »Klarheit der Bewusstseinsinhalte« als das einzige in dem oben ausgeführten Sinne »ob- jective« Kriterium der Apperception angesehen wird, liegt nun aber auch keinerlei Rechtsgrund mehr vor, diesen Begriff auf Vorstellungen einzuschränken, da vielmehr offenbar ebenso gut die Gefühle mit den verschiedensten Graden der Klarheit im Bewusstsein gegeben sind, und da ferner jedes zu- sammengesetzte psychische Gebilde, also auch jede Vorstellung, gleichzeitig dunklere und klarere Elemente zu enthalten pflegt, weshalb denn auch in solchen Fällen der Grad der Klarheit im allgemeinen nur auf die dominiren- den Elemente (bei einem Klang z. B. auf den Grundton, bei einer räumlichen Gesichtsvorstellung auf die Lichtempfmdungen) einzuschränken ist. Noch weniger liegt ferner ein Grund vor, den Vorgang der Apperception etwa ausschließlich für den Menschen oder allenfalls noch für einige höhere Thiere zu reserviren, wie das bei der Identificirung der Apperception mit dem Selbstbewusstsein meist geschieht. Vielmehr ist zu bedenken, dass, sobald die »Klarheit« als das ausschließliche Merkmal der Apperception anerkannt ist, darin auch die Relativität dieses Begriffes eingeschlossen liegt. Der »klare« Inhalt eines thierischen Bewusstseins mag mit den klaren Bewusstseinsinhalten eines normalen Menschen verglichen noch so dunkel erscheinen, in seinem Verhältniss zu den Inhalten des betreffenden Bewusstseins selbst ist er ein relativ klarer und manifestirt sich als solcher in seinen psychophysischen Wirkungen. So gut wie Bewusstsein und Wille, gerade so werden wir daher die Apperception und die elementaren Functionen der Aufmerksamkeit schon bei den nieder- sten thierischen Wesen voraussetzen müssen, da in der That diese verschie- denen Seiten des psychischen Lebens untrennbar aneinander gebunden sind.

Mit dem so festgestellten Begriff der Apperception hängt nun zugleich die Unterscheidung der Klarheit psychischer Inhalte von der Intensität derselben auf das engste zusammen, eine Unterscheidung, die dem älteren Apperceptionsbegriff durchgehends mangelt, so dass selbst noch bei Herbart Klarheit und »Stärke« der Vorstellungen fortwährend in einander fließen.

Begriff K. Lange (Ueber Apperception6, 1899), vom Standpunkte des psychologischen Materialismus (AvENARius'schen Empiriokriticismus) aus J. Kodis (Zur Analyse des Apper- ceptionsbegriffs, 1893). Zu dem Apperceptionsproblem überhaupt vgl. O. Külpe, Zur Lehre von der Aufmerksamkeit, Zeitschr. für Philosophie, Bd. 110. Kreibig, Die Aufmerk- samkeit als Willenserscheinung, 1897. Th. Lipps, Vom Fühlen, Wollen und Denken, 1902, S. 13 ff. Fr. Jodl, Psychologie2. 1903, S. 74 ff.

3 SO Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Sind Klarheit und Intensität an sich verschiedene, wenn auch in gewissen Wechselbeziehungen stehende Eigenschaften, so kann nun aber die Erfassung eines psychischen Inhalts durch die Aufmerksamkeit unmöglich bloß in der größeren Empfindungsintensität desselben oder in andern zufällig den Act der Auffassung begleitenden Empfindungen, z. B. Spannungsempfindungen der Muskeln u. dergl., bestehen. Diese Hypothese, die mehr oder weniger allen den Ansichten zu Grunde liegt, die des Begriffs der Apperception glau- ben entrathen zu können, widerspricht nicht bloß der Thatsache, dass wir uns schwachen Eindrücken mit starker und starken mit schwacher Aufmerk- samkeit zuwenden können, sondern sie gibt auch über die bei den Aufmerk- samkeitsvorgängen vorhandenen Gefühle und sonstigen Begleiterscheinungen gar keine Rechenschaft. Zudem ist auch hier wieder die experimentell leicht zu constatirende Thatsache hervorzuheben, dass man die in solchen Theorien so freigebig verwendeten »Muskelempfindungen« künstlich in beliebiger Stärke erzeugen kann, ohne dass sich damit irgend welche Aufmerksamkeitsvorgänge oder die diese constituirenden Gefühle verbinden (vgl. oben S. 235 f.). Daraus folgt, dass jene Empfindungen jedenfalls nur eine relativ zurücktretende Be- gleiterscheinung dieser Gefühle bilden. Unter Apperception in der empirischpsychologischen Bedeutung dieses Wortes ist nun selbstverständlich nichts anderes zu verstehen als die Summe eben dieser Gefühle samt den sie that- sächlich begleitenden Veränderungen der Bewusstseinsinhalte. Wenn in den philosophischen Anwendungen der nämliche Begriff Bedeutungen angenommen hat, die sich mit den erörterten empirischen Bestandtheilen nicht decken, so ist also hier vollständig von solchen abzusehen. Wenn wir trotz der ihm von seinem Ursprung an anhaftenden metaphysischen oder hypothetischen Neben- bedeutungen den Begriff in jenem rein empirisch-psychologischen Sinne bei- behalten, so dürfte dies übrigens durch die zweckmäßige Kürze des Ausdrucks sowie durch den Umstand, dass seit Leibniz jene psychologischen Elemente immerhin in ihm mitgedacht worden sind, hinreichend gerechtfertigt sein. Diesem Sachverhalt gegenüber erscheint es jedenfalls angemessener, das nun einmal eingeführte Wort in einem durch das psychologische Bedürfniss ge- gebenen Sinne zu berichtigen, als ein neues zu schaffen, das der Gefahr missverstanden zu werden vielleicht nicht weniger entgehen würde. Billiger Weise darf man aber verlangen, dass einem Begriff nur der Sinn untergelegt werde, in dem er definirt, nicht derjenige, in dem er vielleicht irgendwo anderwärts gebraucht worden ist. Letzteres ist offenbar geschehen, wenn die Apperception in dieser klar definirten empirisch-psychologischen Bedeutung des Wortes ein »metaphysischer« Begriff oder gar ein neues »Seelenvermögen« genannt wurde1. Metaphysische Begriffe bezeichnen nicht Thatsachen, sondern speculative Er- gänzungen derselben und manchmal wohl auch willkürliche Erdichtungen; und unter Seelenvermögen versteht man nicht beobachtete Erscheinungen, sondern mit einer gewissen Willkür handelnde seelische Kräfte, eine Art von Unter- seelen, als deren Handlungen bestimmte Classen complexer psychischer Phäno- mene betrachtet werden. Dagegen verstehe ich hier wie überall unter Apper- ception lediglich die sämmtlichen oben geschilderten einfachen Phänomene selbst: die Veränderungen im Klarheitsgrad der Vorstellungen, die begleitenden 1 Vgl. Münsterberg, Beiträge zur experimentellen Psychologie, Heft 1, 1889, S. 1 ff. Ziehen, Leitfaden der physiologischen Psychologie5, 1900, Vorwort u. S. 355.

Das Bewusstsein. ^j Gefühle und Spannungsempfindungen, endlich, wo sie vorkommt, die an die letzteren gebundene schwache Verstärkung der in ihrem Klarheitsgrad ge- hobenen Empfindungen. Auch bin ich natürlich nicht der Meinung, jene Ge- fühle der Spannung, der Thätigkeit, des Erleidens u. s. w. enthielten an und für sich irgend etwas von den Vorstellungen oder Begriffen, die wir mit diesen Ausdrücken verbinden; vielmehr liegt hier genau der nämliche Fall vor wie bei den elementaren Empfindungen: ihre Namen müssen wir gewissen Vor- stellungsbeziehungen entnehmen, ohne dass damit jemals gemeint sein kann, diese Vorstellungen selbst seien in ihnen enthalten.

d. Umfang der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins.

Die Beantwortung der Frage, wie groß die Zahl der Vorstellungen sei, welche die Aufmerksamkeit in einem Act umfassen oder das Bewusst- sein gleichzeitig beherbergen kann, ist mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Diese sind am größten bei der zweiten dieser Fragen, bei der nach dem Umfang des Bewusstseins, weil unserer directen inneren Wahrnehmung im allgemeinen nur die appercipirten Vorstellungen zu- gänglich sind, während wir uns über die Existenz der im weiteren Blick- feld des Bewusstseins gelegenen meistens erst durch eine nachträgliche Apperception vergewissern. Hieraus erklärt es sich, dass über den Um- fang des Bewusstseins und selbst über den der Aufmerksamkeit sehr ver- schiedene Meinungen geäußert worden sind: bald glaubte man, nur eine sehr beschränkte Zahl, ja nur eine einzige Vorstellung könne jeweils im Bewusstsein gegenwärtig sein, bald sah man diese Zahl als eine unbegrenzt große an und schrieb nur gleichzeitig den Vorstellungen unendlich ver- schiedene Grade der Klarheit zu1.

Selbstverständlich können nun aber diese Fragen nicht durch un- gefähre innere Wahrnehmungen, sondern wiederum nur. auf experimen- tellem Wege entschieden werden. Auf doppelte Weise kann man hier Aufschluss über sie zu gewinnen suchen: erstens indem man, ähnlich wie es oben zur Untersuchung des allgemeinen Verhaltens der Bewusst- seinsinhalte geschehen ist, eine größere Anzahl verschiedener Eindrücke simultan und möglichst instantan hervorbringt, und feststellt, wie viele in einem Acte aufgefasst werden können; und zweitens, indem man successiv eine Reihe von gleichartigen Sinnesreizen einwirken lässt und ermittelt, wie viel neue Eindrücke zu einem zuerst gegebenen hinzutreten können, bis dieser aus dem Bewusstsein verschwindet.

Es ist klar, dass die erste dieser Methoden, die der simultanen und instantanen Einwirkung einer Vielheit von Eindrücken, 1 Ueber die Frage dieser von Herbart sogenannten »Enge des Bewusstseins« siehe Herbart, Lehrb. zur Psychologie (Werke Bd. 5), S. 90. Waitz, Lehrb. der Psycho- ■2 e 2 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

zunächst und verhältnissmäßig leicht über den Umfang der Aufmerk- samkeit unter geeigneten Bedingungen Aufschluss wird geben können. Lässt man nach der oben (S. 334) schon geschilderten Methode mittelst eines Fallapparates eine hinreichend große Zahl distincter Eindrücke, z. B. Buchstaben oder kleine geometrische Figuren, auf die Stelle des deutlichen Sehens einwirken, so bemerkt man, dass die Zahl der klar erfassten, also der appercipirten Eindrücke, eine eng begrenzte ist. Dabei ist man sich zwar bewusst, dass noch andere Eindrücke vorhanden waren; man ist aber nicht oder doch erst mittelst einer wohl bemerkbaren Succession im stände, sich dieselben bestimmt zu vergegenwärtigen. Als störendes Moment kommt bei diesen Versuchen die Möglichkeit in Betracht, dass ein rasches Durchlaufen einer Reihe mit einer simultanen Auffassung verwechselt werden könnte; doch darf diese Gefahr wohl deshalb als ausgeschlossen gelten, weil man sich gerade in Folge der bloß instan- tanen Einwirkung der Eindrücke sehr deutlich des Unterschieds einer wirklich simultanen Auffassung und einer bloß successiven Reproduction bewusst wird. Unter Beachtung der hierdurch geforderten Vorsicht findet sich nun, dass man 4 — 6 unverbundene Gesichtseindrücke (Linien, Buchstaben, Ziffern) noch eben gleichzeitig zu appercipiren vermag. Diese Zahl wird bei den ersten Versuchen meist noch nicht erreicht: die Apper- ception pflegt sich hier auf 2 — 3 Eindrücke zu beschränken. Umgekehrt aber steigert sie sich etwa auf das dreifache ihrer Größe, wenn die Ein- drücke in eine bekannte Vorstellung als Bestandtheile eingehen, wenn also z. B. die Buchstaben Worte bilden1. Man bemerkt übrigens leicht, dass sich die Eindrücke auch dann, wenn sie nicht Bestandtheile einer schon geläufigen Vorstellung sind, doch zu einem zusammengehörigen Bilde vereinigen. Das ähnliche ist noch ausgesprochener bei einer Mehr- heit von Gehörseindrücken wahrzunehmen, die nicht extensiv auseinander- treten, sondern in eine einzige intensive Vorstellung verschmelzen; doch scheint auch hier ungefähr die ~ nämliche Zahl von einfachen Eindrücken noch in einer complexen Vorstellung unterscheidbar zu sein. Ebenso verhält es sich endlich mit einfachen Tastreizen, und es ist daher offenbar nicht zufällig, dass die früher erörterte Punktschrift der Blinden bei der Maximalzahl von sechs Punkten für ein Buchstabenzeichen stehen geblieben ist (Bd. 2, S. 469). Bei den Sehversuchen fällt das appercipirte Feld bei gewöhnlichem Zustand der Aufmerksamkeit stets mit der Mitte der retina- len Region des deutlichsten Sehens zusammen. Doch kann man, wie schon oben (S. 335) bemerkt, diesen natürlichen Zusammenhang durch willkür- liche Ablenkung der Aufmerksamkeit lösen, ohne dass sich dadurch das 1 Cattell, Phüos. Stud. Bd. 3, 1886, S. 121 ff.

Das Bewusstsein. -. c, Resultat wesentlich ändert. Deutlich bemerkt man endlich bei allen diesen Versuchen, in welchem Sinnesgebiet sie auch ausgeführt werden mögen, dass das so ermittelte Feld der Aufmerksamkeit nur einen relativ kleinen Theil von dem im gleichen Moment vorhandenen Umfang des Bewusst- seins ausmacht. Denn stets hat man, sofern überhaupt eine jenes Feld überschreitende Zahl von Eindrücken gegeben wird, die Vorstellung, dass weitere Objecte vorhanden sind; sie bleiben nur in Bezug auf ihre Zahl und Beschaffenheit dunkel. Doch lassen sich selbst in dem Grad dieser Verdunkelung Unterschiede constatiren. Bei den Sehversuchen z. B. bemerkt man außer den deutlich appercipirten Eindrücken zunächst eine Anzahl anderer, die sich als »halbdunkel« bezeichnen lassen: hier ist man im stände, einzelne nachträglich durch angestrengte Aufmerksamkeit auf das reproducirte Bild des Gesammteindrucks zu erkennen. Daneben existirt aber immer noch ein weiteres, »ganz dunkles« Feld, bei dem man nur überhaupt feststellen kann, dass irgend etwas da war. Alle diese Unterschiede beziehen sich natürlich auf Eindrücke in der Region des directen Sehens; sie sind also an sich von den Unterschieden der retinalen Sehschärfe unabhängig, und sie bestätigen sich überdies in der- selben Weise bei Eindrücken des Tast- und Gehörssinns.