erste Auftauchen eines Eindrucks, dem doch noch kein Erinnerungsbild ent- gegenkommen kann, gar nicht begreiflich machen würde. Auch wurde von allen späteren Beobachtern constatirt, dass die Schwankungen in der Regel der von Lange gefundenen periodischen Regelmäßigkeit entbehren, was Eckener und Pace auf ablenkende Reize zurückführten, unter denen nament- lich auch solche, die von den Muskeln der Sinnesorgane selbst ausgehen, eine Rolle spielen1. Damit ist freilich von selbst gegeben, dass unter be- stimmten Bedingungen die Schwankungen regelmäßig werden können, was denn auch Pace bei Lichtreizen, Lehmann bei Hautreizen nachwies; nicht minder nähern sich die Versuchsreihen von Marbe in einzelnen Fällen einem regelmäßigen Verhalten2. Die Annahme Münsterbergs dagegen, dass die Schwankungen überhaupt nur in Vorgängen im peripheren Sinnesapparat ihre Ursache hätten3, konnte von keinem der andern Beobachter bestätigt werden. Sie alle sind darüber einig, dass der Sitz der Schwankungen jedenfalls ein centraler sei. Nur ließen Marbe, Lehmann, Wiersma u. A. zweifelhaft, ob dieselben auf die Aufmerksamkeit und nicht vielmehr auf sonstige Verhältnisse der centralen Innervation zurückzuführen seien, während Pace und namentlich Eckener auf Grund ihrer Ermittelungen entschieden auf einen Zusammenhang mit den Aufmerksamkeitsprocessen schlössen. Die so entstandene Discussion zwischen den Anhängern einer.»physiologischen« und einer »psychologischen« Theorie der Schwankungen zieht sich bis in die Gegenwart hinein, ohne dass in derselben ein wesentlich neuer Gesichtspunkt zur Geltung gekommen wäre. Von den Bekämpfern der psychologischen Auffassung scheint nicht selten übersehen zu werden, dass wohl kein Vertreter der letzteren jemals angenom- men hat, diese Erscheinungen existirten überhaupt ohne ein psychophysisches Substrat. Nur wird behauptet, eben dieses Substrat falle aller Wahrscheinlich- keit nach mit dem der Aufmerksamkeitsfunctionen selbst zusammen, nicht mit irgend welchen peripheren Organen oder Centren niederer Ordnung, wie z. B. dem Athemcentrum4.
Für die letztere Auffassung treten endlich Beobachtungen ein, die Bertels über dem Einfmss kurz vorangehender Sinnesreize, die dem nämlichen Sinnes- gebiet angehören, auf die Schwankungen der Reizschwelle ausführte. Er ließ einen schwachen Lichtreiz, von x/2 See. Dauer in oft wiederholten Beobach- tungen auf das linke Auge im Dunkelraum einwirken. Ihm ging in einem Theil der Versuche in einem fest bestimmten, aber in den einzelnen Versuchs- reihen variabeln Intervall ein Reiz von etwa der 1500 fachen Stärke auf das rechte Auge voraus. Es wurde dann die etwaige Veränderung der Reizr schwelle aus der relativen Häufigkeit der Fälle, in denen der nachfolgende schwache Reiz wahrgenommen wurde, bemessen. Die Versuche zeigten nun, dass der vorangehende Reiz bei sehr kurzer Zwischenzeit ähnlich wirkte wie nach den Ergebnissen der oben genannten Beobachter ein gleichzeitiger 1 Eckener, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 343 ff. Pace, ebend. S. 388 ff.
3 Münsterberg, Beiträge zur experimentellen Psychologie, Bd. 2, S. 69 ff.
4 Auf Seite der »physiologischen« Theorie der Apperceptionswellen stehen nament- lich W. Heinrich, Die moderne physiologische Psychologie in Deutschland2, 1899. Münsterberg, Psych. Rev. vol. 1, p. 39. Pillsbtjry, Slaughton, Taylor, Amer. Journ. of Psychol. vol. 12, p. 313 ff. Titchener, ebend. p. 595. Gegen Münsterberg traten auf: Hamlin, Psych. Rev. vol. 8, p. 3. Cook, ebend. vol. 12, p. 119.
Das Bewusstsein. -272 Sinnesreiz, indem in einer größeren Zahl von Fällen der nachfolgende schwache Reiz nicht bemerkt wurde. Stieg aber das Intervall zwischen den beiden Reizen auf etwa 2 See, so wurde umgekehrt die Auffassung schärfer bis zu etwa 2x/2 See, um von da an wieder zu sinken1. Der vorangehende Reiz kann also offenbar je nach der Größe des Intervalls eine doppelte Wirkung haben: entweder lenkt er die Aufmerksamkeit ab, wodurch er einen ihm fol- genden der Schwelle naheliegenden unter die Schwelle herabdrückt, oder er kann als Signalreiz wirken, wo er den umgekehrten Erfolg hat. Die für die letztere Wirkung günstigste Zeit von 2 — 2x/2 See. stimmt zugleich annähernd mit dem bei den Beobachtungen über die Reaction auf Sinneseindrücke ge- fundenen günstigsten Intervall überein. (Vergl. unten 2.)
f. Entwicklung des Bewusstseins.
Die Anfänge unseres Bewusstseins sind in Dunkel gehüllt. Kurze Zeit nach der Geburt verräth uns das Kind, dass es sich an gewisse Ein- drücke wieder erinnert, dass also jene Verbindung der Vorstellungen, die wir überall als ein Symptom des Bewusstseins betrachten, bei ihm vor- handen ist. Die erste Entwicklung des Bewusstseins geht daher wahr- scheinlich sogar beim Menschen der Geburt voran, wenn sich auch dieses früheste Bewusstsein wohl immer nur auf schnell einander folgende oder oft wiederholte Sinnesreize erstreckt. Auch die Aufmerksamkeit beginnt meistens schon in den ersten Lebenstagen sich deutlich zu äußern. Sie wird vorzugsweise durch lebhafte Sinneseindrücke geweckt, die zunächst eine passive Apperception herausfordern. Erst nach Ablauf der ersten Lebenswochen verrathen sich in der gelegentlichen Bevorzugung solcher Gesichtseindrücke, die durch keinerlei auffallende Eigenschaften ausge- zeichnet sind, Anfänge einer activen Apperception. Noch aber ist der Zusammenhang des Bewusstseins ein äußerst beschränkter. Noch nach Ablauf der ersten Monate vergisst das Kind die Personen seiner täglichen Umgebung, wenn es sie einige Wochen lang nicht gesehen hat. Was wir vor unserm fünften oder sechsten Jahre erlebten, ist aus unser Aller Gedächtniss gelöscht, und selbst von der späteren Zeit bleiben nur einzelne besonders intensive oder ungewohnte Eindrücke. Auf diese Weise stellt langsam die Continuität des Bewusstseins sich her. Niemals aber besteht diese in einem unmittelbaren Zusammenhang aller auf einander folgenden Vorgänge, sondern immer nur darin, dass einzelne unmittelbare Erlebnisse mit andern früher dagewesenen in Verbindung treten können.
Während auf diese Weise die Entwicklung der Continuität des Be- wusstseins an die Verbindung psychischer Inhalte geknüpft ist, sondern sich nun allmählich die so entstehenden Verbindungen in losere und festere, und es entsteht, angeregt durch den Wechsel der objeetiven Bertels, Versuche über die Ablenkung der Aufmerksamkeit, Uiss. Dorpat, ü 3/4 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Eindrücke, und unmittelbar abhängig von dem Wechsel der Apperceptions- acte, weiterhin eine Sonderung der psychischen Inhalte in ihre Bestand- teile. Dem unentwickelten Bewusstsein fließt alles gleichzeitig Vorge- stellte mehr oder minder zusammen. Dem Kinde associirt sich fest das Haus mit dem Platze, auf dem es steht, das Ross mit dem Reiter, der Kahn mit dem Flusse. Erst allmählich scheiden sich theils in Folge der unmittelbar wahrgenommenen Bewegungen und Veränderungen der Ge- genstände, theils in Folge der apperceptiven Ausscheidung der festeren aus den loseren Verbindungen, aus jenen ursprünglichen Complexen die Einzelvorstellungen mit den an sie gebundenen Gefühlen als die constanteren Verbindungen.
An dieser Sonderung der psychischen Inhalte betheiligt sich nun vor allem auch e i n Gefühls- und Vorstellungscomplex, der für die weitere Ausbildung des Bewusstseins eine hervorragende Bedeutung beansprucht. Es ist dies die Gruppe derjenigen Gefühle und Vorstellungen, deren Quelle in uns selber liegt. Die Empfindungen und Gefühle, die an unsere unmittelbaren Lebensfunctionen, an die Bewegungen unserer Glieder, die Zustände der Organe geknüpft sind, bilden eine permanente Gefühls- und Vorstellungsgruppe, die zwar in der Regel im dunkleren Blick- feld des Bewusstseins bleibt, aber doch fortwährend auf die allgemeine Gefühlslage einwirkt und in jedem Augenblick bereit steht hervorzutreten. Diese permanente Gruppe von Gefühlen und Empfindungen besitzt da- her die Eigenschaft, dass wir uns derselben als einer solchen bewusst sind, die wir jeden Augenblick zu erzeugen vermögen. So erzeugen wir die an die Bewegungen unserer Glieder gebundenen Empfindungen und Gefühle unmittelbar durch den Willensimpuls, der die Bewegungen her- vorbringt, die Gesichts- und Tastvorstellungen unseres eigenen Leibes mittelbar durch die willkürliche Bewegung unserer Sinnesorgane u. s. w. Auf diese Weise bilden von frühe an die Willensvorgänge oder jene Gefühle der Thätigkeit, des Erleidens, der activen und der passiven Apperception, die wir als die Elemente dieser Vorgänge kennen gelernt haben, die nächsten Substrate der Continuität des Bewusstseins. Zugleich scheiden sie sich aber von den übrigen Bewusstseinsinhalten als die diese Continuität bedingenden Vorgänge, die sich fortwährend in wesentlich über- einstimmender Weise wiederholen und dadurch als ein relativ constan- ter Bewusstseinsinhalt den variableren Gebilden gegenübertreten. Diesen constanten Inhalt, der demnach wesentlich ein Gefühlscomplex ist, dem außerdem noch gewisse minder constante Vorstellungselemente associirt sind, bezeichnen wir als das Ich oder das Selbstbewusstsein oder, im Hinblick auf die individuellen Constanten des einzelnen Ich, als die Persönlichkeit.
Das Bewusstsein.
Das Selbstbewusstsein ist in den Anfängen seiner Entwicklung- allem Anschein nach ein durchaus sinnliches. Es besteht aus einer Reihe sinn- licher Empfindungen, und namentlich aus lebhaften Gefühlen, die sich nur durch ihre Permanenz und durch ihre theilweise Abhängigkeit vom Willen vor anderen auszeichnen. Schon bei den niedersten Thieren sind alle Be- dingungen zur Ausbildung eines solchen einfachen Selbstbewusstseins vor- handen; und selbst bei Kindern und Wilden spielt wohl noch die Per- manenz der sinnlichen Gefühle und der Körperempfindungen die über- wiegende Rolle. In äußere Objecte, die eine entsprechende Constanz ihrer Merkmale darbieten, wird daher auf dieser Stufe meist ein dem eigenen ähnliches Selbstbewusstsein verlegt: sie gelten als belebt und beseelt x.
Allmählich aber gewinnt auf die Selbstauffassung die Thätigkeit des Willens den überwiegenden Einfluss, durch den sich das Selbstbewusstsein mehr und mehr auf den Willen selbst und die von ihm abhängigen psychischen Functionen zurückzieht. Schließlich wird so die Apperception mit den an sie gebundenen Gefühlen die ausschließliche Trägerin des Selbstbewusstseins, der gegenüber unser eigener Körper mit allen Vor- stellungen, die sich auf ihn beziehen, als ein äußeres, von unserem eigent- lichen Selbst verschiedenes Object erscheint. Von nun an nennen wir ausschließlich dieses auf den Apperceptionsvorgang bezogene Selbstbe- wusstsein unser Ich, und die Apperception irgend eines psychischen In- haltes wird daher nun auch nach dem Vorgange von Leibniz als seine Erhebung in das Selbstbewusstsein bezeichnet. So liegt in der natürlichen Entwicklung des Bewusstseins schon die Vorbereitung zu den abstractesten Gestaltungen, welche die Philosophie dem Begriff gegeben hat; nur liebt es diese, den Entwicklungsprocess umzukehren, indem sie das abstracte Ich an den Anfang stellt. Auch darf man nicht über- sehen, dass dieses abstracte Ich zwar vorbereitet ist in der natürlichen Entwicklung des Selbstbewusstseins, in diesem aber nicht existirt. Selbst der speculative Philosoph vermag sein Selbstbewusstsein nicht loszulösen von den Gefühlen und Empfindungen, die fortan den sinnlichen Hinter- grund seines Ich bilden. Dieses selbst ist daher im wesentlichen ein Totalgefühl, dessen dominirende Elemente die Apperceptionsgefühle, und dessen secundäre, variablere Bestandtheile die sonstigen an das eigene Selbst gebundenen Gefühle und Empfindungen bilden.
1 Durchaus nicht von entscheidender Bedeutung ist aber natürlich die häufig hier- her bezogene Beobachtung, dass die meisten Kinder sich zuerst in dritter Person nennen, ehe sie das Wort »Ich« gebrauchen. Das Kind folgt hierin, wie in allen Dingen, dem Erwachsenen: es benutzt den Namen, den ihm dieser beilegt. Eine Minderzahl von Kin- dern lernt überdies von frühe an das Wort Ich richtig gebrauchen, ohne dass in der son- stigen Entwicklung des Selbstbewusstseins irgend eine Abweichung zu bemerken wäre.
376 Bewnsstsein und Vorstellungsverlauf.
Auf kein Problem der Psychologie hat wohl der Widerstreit philosophi- scher Weltanschauungen einen verhängnissvolleren Einfluss ausgeübt, wie aut das Problem des Selbstbewusstseins. Indem der neuere Idealismus das ab- stracte Ich oder das »reine Selbstbewusstsein«, darin weit über die mit einer empirisch-psychologischen Betrachtungsweise noch eher vereinbaren metaphysi- schen Ansichten LEiBNizens hinausgehend, zur Vorbedingung des Bewusstseins überhaupt erhob, verlieh er von vornherein auch den in dieser Richtung sich bewegenden psychologischen Arbeiten einen ganz und gar speculativen Cha- rakter1. Auf der andern Seite verfiel dagegen die empirische Psychologie durch den in ihr vorherrschenden Intellectualismus durchweg in den Fehler, die Lösung des Problems ausschließlich auf die Vorstellungsseite zu verlegen, wie denn schon David Hume das »Ich« als ein »Bündel von Vorstellungen« definirt hatte. Diese Grundauffassung Humes ist daher auch in den modernen Formen der Associationspsychologie im wesentlichen erhalten geblieben, moch- ten sie nun mehr spiritualistisch gefärbt sein, wie der HERBART'sche Vor- stellungsmechanismus, oder materialistischen Neigungen folgen, wie die zugleich unter der Flagge einer imaginären Gehirnmechanik segelnde Abzweigung der Associationspsychologie. Bei Herbart wird das »Ich« zu jener »herrschenden Vorstellungsmasse«, in deren Verbindung mit andern Vorstellungen der Apper- ceptionsvorgang bestehen soll (s. oben S. 348). In der materialistischen Ab- zweigung der Theorie verwandelt sich, ähnlich wie bereits ein Jahrhundert früher in der sensualistischen und materialistischen Umformung des HuME'schen Psychologismus, das Ich in die Vorstellung vom eigenen Körper, die nach der sogenannten »empiriokritischen« Theorie der constante Begleiter aller andern Vorstellungen sein soll, ein Gedanke, der wieder zu der FfERBART'schen Apper- ceptionsmechanik eine gewisse Affinität besitzt2. Dass alle diese angeblich empirischen Entwicklungen nicht im mindesten empirisch, sondern von Anfang bis zu Ende stark metaphysisch gefärbte Speculationen sind, erhellt schon aus den Voraussetzungen, auf denen sie sich aufbauen. So ist für den »Empirio- kriticismus« das Axiom, aus dem er alle seine Folgerungen zieht, der Satz, dass die Relation »Subject — Object« als »ursprünglicher Befund« alle Erfah- rung begleite, woran sich dann die weitere angebliche Erfahrung anschließt, das in diese »Principalcoordination« eingehende Subject sei unser eigener Körper. Nun ist aber nichts gewisser, als dass diese beiden Voraussetzungen keine Erfahrungen, sondern speculative Behauptungen, und dass sie, als Er- fahrungen betrachtet, falsch sind. Denn erstens enthält die naive, unbefangene Vorstellung eines Objectes nicht das geringste von einem hinzugedachten Sub- ject, — dieses ist lediglich ein zu der Erfahrung hinzugedachtes Reflexions- product; und zweitens ist die Behauptung, dass das Subject sich selbst als seinen Körper vorstelle, nicht minder falsch. In das, was wir unser »Ich« nennen, mögen zwar da und dort schattenhafte Vorstellungen einzelner Theile des Körpers mit eingehen. Aber diese bilden so zurücktretende und un- wesentliche Bestandtheile, dass man wohl sagen darf: wer da behauptet, die Vorstellung des Ich sei die Vorstellung des eigenen Körpers, der mag sich 1 Vgl. z. B. Jul. Bergmann, Grundlinien einer Theorie des Bewusstseins, 1870.
2 Vgl. z. B. Münsterberg, Beiträge zur experimentellen Psychologie, 1. Heft, 1889, S. 53 ff. Avenarius, Kritik der reinen Erfahrung, 1888, S. 13 ff. Dazu die Abhandlung: Ueber naiven und kritischen Realismus, II, Philos. Stud. Bd. 14, 1898, S. 41 ff.
Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.?jj seinen Begriff vom Ich durch allerlei Reflexionen und Speculationen construirt haben. Aber dass er diesen Thatbestand wirklich beobachtet habe, muss man bezweifeln. Denn es scheint mir, dass es dem ungeübten so wenig wie dem geübten psychologischen Beobachter möglich ist, so etwas wirklich zu beobachten, und dass daher diese angebliche Selbstbeobachtung ledig- lich ein belehrendes Zeugniss für den verderblichen Einfluss ist, den philo- sophische Vorurtheile auf die Beobachtung ausüben können. In einer zweiten, zuweilen mit der vorigen sich verbindenden Version pflegt die Argumentation für die Identität des »Ich« mit den Körperempfindungen auf den Schluss hinauszulaufen: alle Elemente unseres Seelenlebens sind Empfindungen; Empfin- dungen, die sich auf unser Selbst beziehen, gibt es außer unseren Körper- empfindungen nicht: also besteht unser »Ich« aus unseren Körperempfindun- gen1. Nun ist die Behauptung, unser gesammtes Seelenleben bestehe in letzter Instanz aus nichts als Empfindungen, ©der physiologisch gesprochen aus einer Summe von Erregungen sensibler Nerven, ebenso falsch, wie sie zuversichtlich ist, weil diese Behauptung an der Existenz der Gefühle und damit zugleich an der ungeheuren Bedeutung, welche diese als Factoren unseres Seelen- lebens besitzen, nicht achtend vorbeigeht, — wiederum ein bezeichnendes Symptom für den störenden Einfluss speculativer Vorurtheile auf die unbe- fangene Beobachtung. Hat man es erst fertig gebracht, die Gefühle über- haupt zu eliminiren, so wird es dann nicht mehr allzu schwer, sich zu den- ken, das »Ichbewusstsein« bestehe in der Vorstellung des eigenen Körpers oder in einigen Organempfindungen, die sich gelegentlich aus dieser Vor- stellung loslösen mögen. Der Grundfehler aller dieser intellectualistischen Theorien liegt eben darin, dass ihnen von vornherein das Seelenleben aus »Vorstellungen« besteht, während das »Ich« seinem innersten Wesen nach überhaupt keine Vorstellung, sondern ein Gefühlscomplex oder, besser aus- gedrückt, ein Totalgefühl ist2.
2. Verlauf der directen Sinnesvorstellungen.
a. Allgemeines über das Problem des Verlaufs psychischer Vorgänge.
Das Problem des Verlaufs psychischer Vorgänge ist von dem Augen- blick an, wo es in der Psychologie zum ersten Mal auftauchte, aus- schließlich als Problem des Vorstellungsverlaufs behandelt worden. Dies hatte seinen inneren Grund zunächst darin, dass die Associations- psychologie und mit ihr übereinstimmend die HERBART'sche Vorstellungs- mechanik, in welcher letzteren jenes Problem eigentlich zum ersten Mal in exacter Form auftauchte, die Vorstellungen überhaupt als die einzigen, 1 So z. B. Münsterberg, a. a. O. S. 26. Meist wird der Beweis allerdings nicht ge- rade mit diesen Worten, sondern mit allerlei Umschweifen entwickelt, doch der Sinn bleibt der gleiche.
2 Unter den neueren, nicht auf sensualistisch-intellectualistischem Boden stehenden Psychologen nähert sich, so viel ich sehe, besonders Th. Lipps (Vom Fühlen, Wollen und Denken, 1902, S. 15 ff.), und in manchen Beziehungen auch Fr. Jodl (Psychologie2, Bd. 2, S. 16 ff.) den oben entwickelten Anschauungen.
278 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
das Seelenleben wesentlich constituirenden Bestandteile ansaheü. Auch wenn man diese Anschauung nicht theilt, bleibt jedoch ein äußerer Grund für die Orientirung der gesammten psychischen Vorgänge nach dem Vor- stellungsverlauf insofern bestehen, als dieser in der That eine solche Orientirung am leichtesten gestattet, namentlich wenn man irgendwie auf experimentellem Wege den Zugang zu dieser Frage zu gewinnen sucht. Dazu kommt, dass wir wegen der engen Verbindungen, die überall zwi- schen Vorstellungen und Gefühlen stattfinden, allen Grund haben an- zunehmen, dass namentlich nach der Seite der formalen Eigenschaften der Vorstellungsverlauf die allgemeinen Verhältnisse des Verlaufs psy- chischer Vorgänge im wesentlichen treu zum Ausdruck bringen werde. Im gleichen Sinne wurden daher schon in den voranstehenden Betrach- tungen über den Umfang der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins die Vorstellungen gewissermaßen als Repräsentanten psychischer Inhalte über- haupt verwerthet, unter der Voraussetzung, dass in jedem einzelnen Fall die zu einem bestimmten Vorstellungsinhalt gehörenden Gefühle in dem jedesmal betrachteten Bewusstseinsfelde mit enthalten seien.
Indem wir nun diese Voraussetzung auch bei dem Verlaufsproblem festhalten, soll sie jedoch nur für diejenige Seite dieses Problems maßgebend sein, die uns hier zunächst beschäftigen wird, nämlich für die formalen Verhältnisse des Vorstellungsverlaufs, während bei den im nächsten Capitel zu behandelnden materialen Beziehungen der gleichzeitig gegebenen oder in einer bestimmten Succession auf einander folgenden Bewusstseins- inhalte die selbständige Bedeutung der Gefühlselemente nicht vernach- lässigt werden darf, aber auch einer Untersuchung weit mehr zugänglich ist. Jenes formale, die allgemeinen Verhältnisse der Aufeinanderfolge psychischer Vorgänge, ohne Rücksicht auf deren qualitativen Inhalt, be- handelnde Verlaufsproblem ist demnach zugleich eine einfache Weiter- führung des oben behandelten Bewusstseinsproblems, bei dem ja ebenfalls die Verhältnisse der Klarheit, des Umfangs, der Aufmerksamkeits- schwankungen u. s. w. nur nach ihren formalen Eigenschaften betrachtet worden sind.
Es gehört zu den großen Verdiensten, die sich Herbart um eine exacte Auffassung der psychologischen Probleme erworben hat, dass er auch das Verlaufsproblem zum ersten Mal nach dieser seiner allgemeinen, rein formalen Seite ins Auge fasste, nachdem sich die seitherige Psycho- logie, insonderheit auch die der seinigen sonst verwandte Associations- psychologie, immer nur auf die qualitativen Beziehungen der Erinnerungs- vorstellungen beschränkt hatte, wie sie denn trotz Herbart dies zumeist heute noch thut. Doch beging Herbart den Fehler, dass er auch dies formale Problem auf die Betrachtung der reinen Erinnerungsvorstellungen Verlauf der dirccten Sinnesvorstellungen. oyq beschränkte. War diese Beschränkung schon der Associationspsychologie verhängnissvoll geworden, weil sie die Aufmerksamkeit von den aller- wichtigsten und lehrreichsten psychischen Verbindungen ablenkte, so blieb doch bei ihr, da sie sich bloß mit den qualitativen Verhältnissen be- schäftigte, immerhin ein dürftiger Zusammenhang mit den Thatsachen der Erfahrung möglich. Formale Verlaufsgesetze aber aufzustellen, Dauer und Geschwindigkeit der psychischen Processe auf Grund der reinen Selbstbeobachtung zu messen, das war natürlich von vornherein ein Ding der Unmöglichkeit, so dass sich hier HERBARTs Darstellung in ganz und gar imaginären Constructionen bewegte. Dabei verfiel er zugleich hin- sichtlich des Verlaufs der unmittelbar durch äußere Reize erweckten Vor- stellungen demselben verhängnissvollen Irrthum, den er in Bezug auf das Verhältniss der Sinnesreize zu den Empfindungen beging. Die Vor- stellung und der äußere Eindruck sollten sich auch hier vollständig decken. Erst in dem Verlauf der von äußeren Einwirkungen unabhängigen Erinnerungsbilder sollten daher die eigensten Gesetze des Vorstellungs- verlaufs zum Ausdruck kommen. Dass diese Meinung, so weit sie sich auf das Verhältniss von Reiz und Empfindung bezieht, irrig ist, hat uns das »WEBER'sche Gesetz« gelehrt; dass sie es nicht minder für den Verlauf der direct erregten Vorstellungen ist, beweisen schon die » Compli- cata nserscheinungen« (vgl. Bd. i, S. 493 ff., und oben Cap. XV, S. 67 ff.). Wenn nicht nur gleichzeitige Eindrücke je nach der Richtung der Auf- merksamkeit als successive erscheinen, sondern wenn sogar bestimmte objective Aufeinanderfolgen, so lange die Zwischenzeit der Reize nicht gewisse Grenzen überschreitet, subjectiv umgekehrt werden können, so leuchtet von selbst ein, dass auch hier die Reize nur als auslösende Mo- mente in Betracht kommen, neben denen in letzter Instanz die allgemeinen Eigenschaften und die augenblicklichen Bedingungen des Bewusstseins für die Erscheinungen bestimmend sind. Das Uebersehen des hier vor- liegenden Problems wurde nun aber vor allem deshalb verhängnissvoll, weil damit der einzig mögliche Weg, der zu einer einigermaßen exacten und zugleich empirischen Behandlung der Verlaufsprobleme überhaupt führen konnte, von vornherein verlegt war. Denn die Frage nach dem Verlauf der Erinnerungsvorstellungen, bei der sich die populäre Psychologie ganz vagen oder überschwänglichen Vorstellungen von der > Ge- dankengeschwindigkeit« hingab, und für die Herbart eine von Anfang bis zu Ende nicht nur zweifelhafte, sondern den Thatsachen zumeist widerstreitende Vorstellungsmechanik ersann, — auch diese Frage kann selbstverständlich nur. auf experimentellem Wege in einem gewissen Um- fange beantwortet werden. Zu diesem Behuf ist aber natürlich wieder, wie bei allen experimentellen Aufgaben, zunächst von denjenigen 380 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Erscheinungen auszugehen, die von der Einwirkung äußerer Sinnesreize und damit in einem gewissen Grade von unserer willkürlichen Variation der Bedingungen abhängen. Nun können wir durch eine solche Einwir- kung äußerer Sinnesreize nicht bloß unmittelbar die von diesen aus- gelösten Vorstellungen, sondern unter gewissen Bedingungen auch mit- telbar den Verlauf von Erinnerungsvorstellungen bestimmen, insofern sich ja der letztere stets auf früher gehabte directe Sinneseindrücke zu- rückbezieht. Demnach ist die Untersuchung des Verlaufs direct durch äußere Reize erregter Sinnesvorstellungen nicht bloß selbst ein psycho- logisches Problem, das durch die physikalische Ermittelung der zeitlichen Aufeinanderfolge der Eindrücke noch keineswegs als erledigt gelten darf, sondern erst auf Grund der Lösung dieses Problems kann auch das andere des Verlaufs reproducirter Vorstellungen mit Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden.
b. Methodik der Reactionsversuche.
Im allgemeinen stehen uns zwei Wege offen, um über die zeit- lichen Verhältnisse des Verlaufs directer Sinnes Vorstellungen auf experimentellem Wege Aufschluss zu gewinnen. Der erste dieser Wege ist der der früher geschilderten Complicationsversuche (S. 67). Wie hier bei den astronomischen Beobachtungen, die auf diese psychologischen Versuche hinführten, überhaupt zum ersten Mal die theilweise Unabhängig- keit des subjectiven von dem objectiven zeitlichen Verhältniss der Ein- drücke entdeckt wurde, so liefert die Complicationsmethode in ihren ver- schiedenen Anwendungsformen vor allem die Hülfsmittel zur Untersuchung der allgemeinen Bedingungen, unter denen die Apperception gleich- zeitiger Eindrücke steht. Dabei bleibt aber diese Methode ihrem allge- meinen Charakter nach wesentlich auf die Erscheinungen der »Zeitver- schiebung« und der diese beeinflussenden Reiz- und Aufmerksamkeits- bedingungen beschränkt. So werthvoll daher ihre Ergebnisse speciell für die Analyse der Zeitvorstellungen sind, so müssen sie doch im Hinblick auf das allgemeinere Verlaufsproblem gegenüber dem zweiten hier ein- zuschlagenden Wege, dem der »Reactionsversuche«, zurückstehen. Diese gehen insofern direct auf das der Untersuchung des Verlaufs psychischer Vorgänge gesteckte Ziel los, als sie sich die Verfolgung desjenigen psychophysischen Vorganges zur Aufgabe machen, der als die complexeste Form typischer Bewusstseinsvorgänge alle andern einschließt: der Willens- handlung. In der besonderen Gestaltung, in der dieser Vorgang zur Be- antwortung der verschiedenen, das Problem des Vorstellungsverlaufes be- rührenden Fragen Anwendung findet, bezeichnen wir ihn, mit einem zuerst von S. EXNER angewandten Ausdruck, als Reactionsvorgang. Als