SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Abstrahirt man von den, wie oben ausgeführt, wahrscheinlich auf den Rhythmus der Apperceptionswellen zurückzuführenden mehr oder minder pe- riodischen Schwankungen, so lässt sich die in Fig. 370 punktirt gezeichnete Linie als die ideale Curve der Reproductionsschärfe betrachten. Ihr Verlauf entspricht, wie Wolfe fand, annähernd der folgenden, das Verhältniss der Fälle r und/ zur Zeit t ausdrückenden empirischen Formel: worin k und c Constanten bedeuten, die für jeden Beobachter aus den Ver- suchen zu bestimmen sind. Eine ähnliche logarithmische Beziehung hat als empirische Formel schon früher Ebbinghaus für complicirtere Gedächtniss- versuche aufgestellt. (Vgl. unten Cap. XIX, 4.) Die folgende Tabelle lässt für die umfassendsten Versuchsreihen der Beobachter Lehmann und Wolfe die Uebereinstimmung zwischen Formel und Beobachtung erkennen.

Zeit in See.

Versuch Berechnung L.

Versuch Berechnung Mit der Tonhöhe änderte sich in Wolfes Versuchen innerhalb der früher (Bd. 2, S. 74 ff.) bemerkten Grenzen, in denen die absolute Unterschieds- empfindlichkeit constant bleibt, die Reproductionsfähigkeit nicht; sie wurde dagegen bei den tiefsten und höchsten Tönen, entsprechend der hier statt- findenden Abnahme der Unterscheidungsfähigkeit, ebenfalls stumpfer1.

Aus andern Sinnesgebieten liegen bis jetzt nur über die Farbenquali- täten einige, von M. Heidenhain ausgeführte Beobachtungsreihen vor, bei denen die Schärfe der Reproduction nach einer mit der oben beschriebenen im wesentlichen übereinstimmenden Methode untersucht wurde, indem man eine gegebene Farbe durch Mischung mit einer andern veränderte und dann bei einer der Unterschiedsschwelle naheliegenden Differenz von Normal- und Vergleichsfarbe die Abnahme der Richtigschätzungen bei zunehmender Größe der Zwischenzeiten verfolgte. Dabei ergab sich, schon um die Störung durch Nachbilder zu vermeiden, die Nothwendigkeit, die untere Grenze der Zeit- intervalle höher, erst bei etwa 15^ zu nehmen. Doch zeigte sich noch bei dieser Grenze eine sehr vollkommene Reproductionsfähigkeit, die dann bei weiterer Zunahme der Zeit erst bei einem Intervall von über 1805 auf einen Werth herabsinkt, bei dem sich die Richtigschätzungen der Grenze — = — zu nähern beginnen. Außerdem zeigten sich aber nicht unerhebliche Ver- schiedenheiten bei den verschiedenen Farbenübergängen. So ist namentlich die Wiedererkennung für die Mischungen von Roth und Gelb viel vollkommener 486 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

als für die von Roth und Blau. Zwischen beiden nehmen Gelb 'zu Grün und Grün zu Blau eine mittlere Stellung ein, wobei jenes sich wieder mehr der Mischung von Gelb und Grün, dieses der von Roth und Blau nähert. Gelb scheint also den Mischungen stets die größte, Blau die kleinste Re- productionsenergie zu verleihen1.

c. Reproduction räumlicher Vorstellungen.

Zur Untersuchung- räumlicher Reproductionen eignet sich aus mehr- fachen Gründen, namentlich aber wegen der sehr viel größeren Schärfe und Constanz des Augenmaßes, der Gesichtssinn mehr als der Tastsinn. Auch sind bis jetzt wohl allein bei ihm Reproductionsversuche ausgeführt worden. Für diese sind die einfachsten Bedingungen dann gegeben, wenn man zum Normal- wie Vergleichseindruck eine einzige lineare »Punkt- distanz« wählt, d. h. zwei, am besten in der Visirebene und in bequemer Sehweite vom Beobachter gelegene Punkte, die durch einen beliebig variir- baren leeren Zwischenraum getrennt sind. Dieses Object ist der einfachste räumlich ausgedehnte Gegenstand. Jedes zusammengesetztere Raumobject führt complicirende Bedingungen mit sich, die auch die Resultate ver- wickelter gestalten können, da bei ihm solche Distanzverhältnisse mehr- fach wiederkehren, wodurch überdies die Auffassung des Eindrucks von einem Versuch zum andern je nach der Apperceptionsrichtung variiren kann. Deshalb wird man aber auch erwarten dürfen, dass bei jenem ein- fachsten Raumobject die allgemeingültigen Gesetze des Verlaufs der Re- production am klarsten hervortreten.

Hiermit ist von selbst die allgemeine Versuchsanordnung gegeben, deren man sich bei diesen Beobachtungen über räumliche Reproduction zweckmäßig bedient, und bei der sich im übrigen die Methode der Aus- führung im wesentlichen ähnlich wie bei den oben geschilderten Ton- versuchen gestaltet. Man lässt zunächst in einem bestimmten Moment und während einer zur deutlichen Auffassung hinreichenden Zeit die Normaldistanz einwirken, und ihr dann nach einer vorausbestimmten und in verschiedenen Versuchsreihen wechselnden Zwischenzeit die Vergleichs- distanz folgen. Auf die Vergleichung beider sind dann wieder die all- gemeinen psychophysischen Methoden anzuwenden, um die Unterschieds- schwellen, die Präcisionswerthe und die absoluten Unterschiede von dem ursprünglichen Eindruck für jedes Zeitintervall zu ermitteln. Aus den auf diese Weise von Zwetan Radoslawow an mehreren Beobachtern haupt- sächlich nach der Methode der Minimaländerungen, zu einem kleineren 1 Nach noch nicht veröffentlichten Versuchen aus dem Leipziger psychologischen Laboratorium.

Verlauf reproduciiter Vorstellungen.

Theile auch nach der der r- und _/"-Fälle ausgeführten Versuchen geht zunächst hervor, dass die Abweichungen der Reproduction von dem ursprünglichen Eindruck einen ganz ähnlichen Verlauf nehmen wie bei der Reproduction einfacher Sinnesempfindungen. Insofern man nämlich auch hier wieder die Größe, welche die Differenz zwischen Vergleichs- und Normalreiz erreichen kann, ehe sie sicher als solche aufgefasst wird, als ein unmittelbares Maß des Spielraums ansehen darf, innerhalb dessen sich bei jedem Intervall die Abweichungen der reproducirten Vorstellungen bewegen, lässt sich dieser Spielraum nach den Unterschiedsschwellen be- messen, die bei einer gegebenen Normaldistanz nach verschiedenen Zeit- intervallen gefunden werden. Construirt man nun eine Curve der so ge- wonnenen Unterschiedsschwellen, bezogen auf die Zeitintervalle zwischen dem Eindruck und seiner Reproduction als Abscissen, so erhält man eine mm. HO.

O'IO.

Zeif: Zeitlicher Verlauf der Unterschiedsschwellen bei einfachen reproduetiven Raumvergleichungen.

ansteigende Linie, die diesmal im ganzen, wenn man von den in ihr regel- mäßig auftretenden Schwankungen absieht, einer umgekehrten logarithmi- schen Linie sich nähert, wie dies die in Fig. 371 punktirt gezeichnete ideale Curve zeigt. Da die Schwellenwerthe, die die Ordinaten dieser Curve bilden, den als ungefähre Präcisionsmasse benutzten richtigen Fällen in Fig. 370 annähernd reeiprok sind, so erhellt hieraus die allgemeine Ueber- einstimmung des Ganges der Erscheinungen. (Vergl. die beiden Curven Fig. 143 und 144, Bd. 1, S. 497 f., von denen die letztere hier natürlich nur in ihrem positiven Theil in Betracht kommt.) Dabei beziehen sich übrigens diese Versuche auf die für die genaue Auffassung der Distanz günstigsten Werthe von 30 — 40 mm bei einer constant erhaltenen Seh- weite von etwa 75 cm. Sowohl größere wie allzu kleine Distanzen bringen anderweitige Complicationen mit sich, die in den früher (Bd. 2, S. 541 ff.) erörterten allgemeinen Verhältnissen des Augenmaßes begründet sind, 4S8 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

und hinter denen dann naturgemäß der gesetzmäßige Verlauf der re- productiven Vergleichung zurücktritt. Die ausgezogene Curve in Fig. 371 bezeichnet den Verlauf der oberen, die unterbrochene den der unteren Unterschiedsschwelle. Der durchweg geringere absolute Werth der letz- teren deutet, gemäß den allgemeinen Beziehungen zwischen Unterschieds- schwelle und Schätzungswerth (Bd. 1, S. 477), auf eine Tendenz hin, das Urbild in der Erinnerung zu vergrößern. Dies ist eine Erscheinung, die uns schon früher als eine Eigenschaft absoluter Größenschätzungen des Gesichtssinnes begegnet ist1, die jedoch, wie der Verlauf der Schwellen- curven zeigt, in keinem irgend regelmäßigen Verhältniss zur verflossenen Zeit steht. Es handelt sich also höchst wahrscheinlich nicht um einen Einfiuss der Reproduction als solcher, sondern um Associationseinfiüsse, die sich zu jeder Zeit, und dabei in etwas schwankender Weise, geltend machen2.

Wie in ihrem allgemeinen Verlauf, so stimmt nun auch in gewissen nie fehlenden und meist im allgemeinen sogar ziemlich regelmäßig bei denselben Zeitintervallen auftretenden Schwankungen des Verlaufs die Reproductionscurve für solche einfache räumliche Eindrücke mit der bei einfachen Empfindungen überein. So bemerkt man zunächst leisere Schwankungen, die namentlich in den ersten Stadien hervortreten und den Rhythmus der Apperceptionsvvellen innehalten; und sodann innerhalb größerer Zeitabschnitte wiederkehrende beträchtlichere Schwankungen. Eine solche findet sich vor allem ganz am Anfang der Curve, etwa 1 See. nach dem Ende der Einwirkung des Urbildes, als plötzliche, rasch vor- übergehende Senkung der Schwelle. Sie signalisirt den kurzen Moment günstigster Reproduction: er liegt, wie bei den Tonversuchen, nicht so- 2 Eine scheinbare Vergrößerung der Erinnerungsbilder quadratischer Figuren be- obachteten auch Baldwin, Shaw und Warren (Psychol. Review, vol. 2, 1895, p. 238 ff.). Binet und Henri meinten urngekehrt, auf Grund von freilich sehr unsicheren Versuchen an Kindern eine Verkleinerung nachweisen zu können. Alle diese Psychologen betrachten die Veränderungen als Wirkungen des »Gedächtnisses«, wogegen, wie oben bemerkt, die Unabhängigkeit von der Zeit spricht. Im Hinblick auf die Bd. 2, S. 650 erörterten Er- scheinungen könnte man wohl auch die hier vorliegende relativ constante Täuschung so formuliren: ein Erinnerungsbild verhält sich ähnlich wie ein Urbild, das von gleichem Gesichtswinkel ist, sich aber in größerer Distanz vom Sehenden befindet. Hier liegt dann die Interpretation nahe, dass die in solchen Versuchen in Frage kommenden Sehdistanzen erheblich kleiner sind als diejenigen, die den Objecten unserer täglichen Umgebung eigen sind. Für alle hinsichtlich ihrer Entfernung unbestimmteren Objecte, zu denen die Er- innerungsbilder immer gehören, bilden aber die gewohnten Sehdistanzen die allgemeinen Beziehungspunkte. Wie wir in der Nähe befindliche Objecte im Erinnerungsbilde über- schätzen, so pflegen wir daher umgekehrt ferne Gegenstände, z. B. die Berge einer Landschaft, in der Erinnerung gegenüber dem Eindruck der Wirklichkeit zu unterschätzen, in- dem hierbei Associationen mit geläufigen verkleinerten Landschaftsbildern wirksam werden. Uebrigens spielen bei diesen Verhältnissen auch die dioptrischen Eigenschaften der Fern- und Nahsichtigkeit e'ne Rolle, daher dies Thema überhaupt noch der näheren Unter- suchung: bedarf.

Verlauf reproducirter Vorstellungen. 480 fort nach dem Eindruck, sondern folgt diesem erst nach einem kurzen Intervall. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese kurz dauernde Phase dem entspricht, was FECHNER das »Erinnerungsnachbild« genannt hat1. An ein eigentliches Nachbild ist hier durchaus nicht zu denken. Vielmehr fällt die Zeit, wo ein solches noch vorhanden sein kann, gerade in die dem Eindruck unmittelbar folgende Phase verminderter Reproductions- schärfe. Weitere größere, aber unter sich wieder sehr verschieden starke Schwankungen sind dann bei 10, 20 und 30* Intervall zu beobachten. Für die allgemeinere Bedeutung dieser Schwankungen spricht die That- sache, dass sie mehr oder weniger deutlich ausgeprägt bei allen Beobach- tern zu Tage treten2. Die weitaus stärkste und regelmäßigste unter ihnen ist aber wieder die von 30 See. Dieselbe Erscheinung ist uns bereits bei der Reproduction einfacher Tonempfindungen begegnet, nur dass hier die stärkste Schwankung nach einem etwas kürzeren Intervall von 10 — 2os eintrat. Bei den räumlichen Reproductionen pflegt, außer bei 30% nament- lich noch bei 10, seltener bei 20 s der Herabgang der Schwelle merklich zu sein. Soweit die Selbstbeobachtung über den Zusammenhang dieser Er- scheinung Rechenschaft zu geben vermag, scheint es, dass auch sie in Oscillationen der Aufmerksamkeit ihre Quelle hat, nur in solchen von erheblich langsamerer Periode als die oben erwähnten. Zugleich scheinen diese zu jenen kürzeren, uns aus den früheren Versuchen bei constant ein- wirkenden Reizen bekannten (S. 367) in dem Verhältnisse zu stehen, dass die letzteren bei den Reproductionsversuchen nur unmittelbar nach dem Eindruck zu bemerken sind, später aber verschwinden, während jene länger dauernden erst später hervortreten. Subjective Erscheinungen, die diesem Verhalten entsprechen, kann man in der That auch bei den Reactions- versuchen beobachten, wenn man die Pause zwischen Signal und Eindruck sehr groß macht. Auch hier treten dann zunächst nur kurz dauernde und oberflächliche, und dann längere und tiefere Apperceptionswellen auf. Doch ist in diesem Fall die subjeetiv zu constatirende Erscheinung noch nicht objeetiv nachgewiesen3. Nach allem dem ist es wahrscheinlich, dass die Aufmerksamkeitsschwankungen überall da, wo eine längere Erwartungs- spannung in Frage kommt, einer doppelten Periodik unterworfen sind: einer kürzeren, in oberflächlichen Wellen auf- und abwogenden, und einer längeren, die tiefere und zugleich etwas unregelmäßigere Wellen bildet. Die ersten bilden den Ausdruck des Zustandes o-espanntester 1 Fechner, Elemente der Psychophysik, Bd. 2, S. 491.

3 Dieser Nachweis würde nur durch die Untersuchung der »Streuungscurven« zu liefern sein, die sich bei wachsendem Intervall zwischen Signal und Eindruck ergeben. Sie ist aber in ihrer Abhängigkeit von diesem Intervall noch nicht erforscht.

AQO Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Aufmerksamkeit, der nie und nirgends in einer absolut constanten, sondern eben nur in einer solchen in schwachen Wogen auf- und abfluthenden Span- nung besteht. Die zweiten sind Ausdruck der nach einer längeren Zeit der Spannung einsetzenden Ermüdung, die stets ein längeres Nachlassen der Spannung und dann dem folgend eine neue Anstrengung derselben im Gefolge hat. Auf diese Weise greifen diese großen Oscillationen be- reits in die Erscheinungen über, die wir unten als regelmäßige Begleiter intellectueller Arbeit kennen lernen werden. Der Zustand dauernder Erwartung, ohne den die Reproductionsversuche überhaupt nicht auszu- führen sind, besteht ja in der That schon in einer, wenn auch sehr ein- fachen Apperceptionsarbeit, die wechselnde Perioden der Ermüdung und Erholung mit sich führt1. Je mehr diese stärkeren Ermüdungs- und Er- holungsoscillationen sich geltend machen, um so mehr verwischen sie aber die schwachen Apperceptionswellen, die lediglich in der natürlichen Perio- dicität der Aufmerksamkeitsspannung ihren Grund haben. Für den Zu- sammenhang der oben geschilderten längeren Apperceptionswellen mit den Ermüdungs- und Erholungsphänomenen spricht endlich noch die Be- obachtung, dass der Reproductionsvorgang von andern, dem ursprünglichen Eindruck disparaten Reizen, die in dem Intervall zwischen Urbild und Repro- duktion einwirken, genau in derselben Weise abhängt, wie sie bei andern, complicirteren intellectuellen Arbeitsleistungen unter geeigneten Bedingun- gen beobachtet wird. Wie bei einfachen Empfindungen, so zeigt es sich auch hier, dass disparate Zwischenreize die Schärfe der Reproduction nicht ver- mindern, sondern erhöhen. Gerade in diesem einfachsten Fall intellectueller Arbeit, bei der Anspannung der Aufmerksamkeit, ist eben eine »reizfreie« Zeit in Wirklichkeit keine arbeitsfreie, sondern es richtet sich dabei jene Spannung in auf- und abwogender Stärke auf den erwarteten Eindruck, der nun ab und zu als schattenhaftes Erinnerungsbild in das Bewusstsein tritt. Je mehr dies geschieht, um so mehr ermüdet aber die Aufmerksamkeit für den Eindruck, und um so leichter kann jenes flatternde Erinnerungs- bild den ursprünglichen Eindruck verwischen und so die durch den Ver- gleichsreiz ausgelöste Reproduction beeinträchtigen.

Nach einer gewissen Zeit, unter den oben gewählten Versuchs- bedingungen wieder nach einem Intervall von annähernd 60 See, geht endlich, wie Fig. 3 7 1 zeigt, die Reproductionscurve auch hier, wie bei den Tonversuchen, in eine der Abscissenlinie parallele Linie über: dies ent- spricht dem Moment, wo die Reproductionsfähigkeit jenen absoluten Werth erreicht hat, der nun weiterhin unabhängig von der Zeit ist, indem er dem entspricht, was man das »absolute« Gedächtniss für die betreffende 1 Vgl. unten Cap. XIX, 4.

Verlauf reprodncirter Vorstellungen. 40 j Art von Eindrücken, in diesem Fall also für Raumstrecken, zu nennen pflegt. Hier zeigen sich dann auch, ähnlich wie bei dem absoluten Ton- gedächtniss, beträchtliche individuelle Unterschiede, die in den Schwan- kungen der Vergleichungsurtheile ihren Ausdruck finden. Indem aber diese Schwankungen innerhalb mäßiger Zeiten constant bleiben, gewinnen sie eben damit den Charakter eines stationären Zustandes, dem der Ver- lauf der Reproductionscurve nach dem verhältnissmäßig nicht sehr großen Zeitwerth von etwa einer Minute zustrebt.

Der Erste, der dem Problem der Veränderung der Vorstellung von Raum- strecken durch die Reproduction, und zwar beim Tast- wie beim Gesichtssinn, näher trat, war E. H. Weber. Doch beschränken sich seine Versuche auf die Frage, bis zu welcher Zeitgrenze bestimmte Raumunterschiede noch wieder- erkannt werden können, und seine Beobachtungen sind nur approximative und gering an Zahl. In neuerer Zeit wurden dann speciell über die Reproduction von Gesichtsbildern mehrfach Versuche ausgeführt: so von Lewy1, von Bald- win und Shaw2, Binet und Henri3. Bei den meisten dieser Versuche war es nur auf die allgemeine Veränderung eines Erinnerungsbildes gegenüber seinem Urbilde abgesehen. Zur Gewinnung exacter Functionsbeziehungen zwi- schen beiden unter Beziehung auf die verflossene Zeit ist aber selbstverständ- lich die Anwendung einer der psychophysischen Maßmethoden, unter speciel- ler Anpassung an die hier obwaltenden näheren Bedingungen, geboten; und zwar ist in diesem Fall besonders die Methode der Minimaländerungen oder der r- und /-Fälle nahe gelegt. Für die erstere bediente sich Z. Radoslawow des in Fig. 372 dargestellten Raumschwellenapparates. Derselbe besteht aus einem quadratischen Holzrahmen von 70 cm Seite, welcher, auf einem (in der Figur nur theilweise abgebildeten) Schlitten verschiebbar, in verschiedene Ent- fernungen vom Auge des Beobachters je nach der zu wählenden Sehweite ge- bracht werden kann. In den Rahmen ist eine Glasscheibe eingefalzt, der hinten ein weißer Carton anliegt. Die Glasscheibe selbst wird gegen den Beobachter hin durch ein graues Papier überklebt, welches nur ein mittleres Rechteck frei lässt, durch das man den weißen Carton sieht. Auf der einen Seite ist eine quer liegende Mikrometerschraube angebracht, in die der gegen das Glas dicht, aber beweglich angedrückte Carton eingespannt ist, so dass er bei der Drehung der Schraube in horizontaler Richtung gegen die Glas- scheibe verschoben wird und Distanzunterschiede von 1/200 mm noch leicht messen lässt. Gröbere Verschiebungen werden an einem hinter der Mikro- meterschraube horizontal befestigten Metermaß vorgenommen. Auf dem Carton befindet sich inmitten der sichtbaren Stelle ein schwarzer Punkt, ein eben- solcher in bestimmter horizontaler Entfernung von ihm an der Hinterseite der Glasplatte. Demnach können durch die mikrometrischen Verschiebungen 1 Lewy, Zeitschr. für Psychologie, Bd. 8, 1898, S. 331. Die Versuche sind mittelst der r- und /"-Falle angestellt, aber an Zahl zu klein, um sichere Schlüsse zuzulassen.

2 Baldwin find Shaw, Psychological Review, vol. 2, 1895, p. 237. (Nachzeichnen quadratischer Figuren nach dem Gedächtniss oder »Wahlmethode«, d. h. Wiedererkennung eines früher gesehenen Objects aus einer Reihe ähnlicher, neu einwirkender.)

Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

des Cartons gegen die Platte beliebige minimale Veränderungen der Distanz vorgenommen werden. Der ganze Apparat wird auf einem Tisch ungefähr 75 cm vom Beobachter aufgestellt. Als Dauer des Eindrucks wurde die den Beobachtern durchschnittlich bequemste Zeit von 2,5 See. gewählt. Hierbei zeigte es sich nun zugleich, dass diese Auffassungszeiten des Urbildes nicht auch die bequemsten und sichersten für das Vergleichsbild waren, son- dern dass die letzteren größer und größer genommen werden mussten, je länger das Zeit- intervall war. Dies Verhältniss erweist sich als ein so gesetz- mäßiges, dass die Werthe die- ser günstigsten Zeiten bei den verschiedenen Intervallen eine Curve bilden, die der Repro- duetionscurve selbst annähernd entspricht1. Einen bedeuten- den Einfluss auf den Gang der Versuche hat endlich noch die Uebung, indem in Folge derselben nicht bloß die Schwellen überhaupt abneh- men, sondern auch mehr und mehr der Gang der Curve in einen von Anfang an der Abscissenlinie fast parallelen Verlauf übergeht. Doch bleiben auch dabei die oben erwähnten regelmäßigen Schwankungen bestehen2. Uebrigens sind dies Erscheinungen, die bereits in das Gebiet der Gedächtnissübung hinüberreichen, und auf die daher erst unten, im Zu- sammenhang mit den andern complexen Gedächtnissfunctionen, eingegangen werden kann. (Vgl. Cap. XIX, 4.)

d. Reproduction zeitlicher Vorstellungen.

Aus dem oben 'S. 481) vorangestellten allgemeinen Schema für die Untersuchung des Verlaufs reproducirter Vorstellungen ergibt sich ohne weiteres auch dessen Anwendung auf Zeitvorstellungen. Eine Normal- zeit t wirkt in einem gegebenen Zeitmoment ein, und nach einem be- stimmten Intervall i folgt ihr dann eine Vergleichszeit f. Macht man nun das Intervall i in den verschiedenen Versuchsreihen veränderlich, so lassen sich für jedes der so untersuchten Intervalle z'I? 4, z3...nach den bekannten psychophysischen Methoden die Unterschiedsschwelle, die Präcision der Beobachtungen und die mittlere Abweichung bestimmen, Fig. 372. Raumschwellenapparat.

Verlauf reproducirter Vorstellungen. „n-, die jedesmal die Vergleichszeiten t\, t'2, t'3...gegenüber den Normal- zeiten tIy 4, t3...darbieten. Aus den so gewonnenen Ergebnissen sind dann Rückschlüsse zu machen erstens auf die allmähliche Ver- änderung der Reproductionsfähigkeit mit wachsendem Intervall zwischen Normal- und Vergleichszeit, und zweitens auf die etwaigen Größenände- rungen, die die reproducirte gegenüber der unmittelbaren Zeitvorstelluno- zeigt. Alle diese Verhältnisse haben bereits den Gegenstand mannigfacher Versuche über den sogenannten »Zeitsinn« gebildet. Sie sind aber, wie dieser für die vorliegenden und die andern Probleme der Zeitvorstellungen wenig passende Ausdruck schon andeutet, in der Regel mit der Gesammt- heit der Fragen zusammengeworfen worden, die sich auf die Zeitvorstel- lungen überhaupt beziehen, während sie doch an sich ebenso gut ein von den unmittelbaren Zeitwahrnehmungen zu sonderndes Gebiet bilden, wie etwa die reproducirten von den direct erregten Tonempfindungen oder räumlichen Gesichtsvorstellungen zu scheiden sind.

Gleichwohl ist eine solche Vermengung in diesem Fall nicht nur be- greiflich, sondern sie ist für den ersten Anlauf kaum zu vermeiden. Denn es ist eine Eigenthümlichkeit des Zeitbewusstseins, dass bei ihm unmittelbare Vorstellungen und Reproductionen zunächst ohne deutliche Grenzen ineinander übergehen, und dass solche Grenzen, soweit sie über- haupt mit einiger Sicherheit zu finden sind, erst durch eine experimentelle Untersuchung, die beide Arten der Vorstellung zugleich umfasst, auf- gesucht werden müssen. Schon die unmittelbare Zeitvorstellung ist ja eine fließende Größe, an die sich das zwischen ihr und der Vergleichszeit liegende Intervall als eine durchaus gleichartige anschließt. Bei der Ver- gleichung einer gegebenen Normal- und der nach einem bestimmten Intervall einwirkenden Vergleichszeit sind daher die zwei Fälle möglich, deren schon früher (Cap. XV, S. 5) gedacht wurde: die der unmittel- baren und der mittelbaren Zeitvorstellungen. Von ihnen scheidet sich aber die letztere wieder in zwei in ihren Bedingungen wesentlich ab- weichende Fälle, die wir als mittelbare Zeitvorstellungen erster und zweiter Art bezeichnen wollen. Das folgende Schema veranschaulicht das Verhältniss der Zeitvergleichung in diesen drei Fällen, wie es sich aus den Umfangsbedingungen des Bewusstseins ergibt. Denken wir uns die eine Zeitstrecke begrenzenden momentanen Eindrücke wieder durch Achtelnoten, und die Umfangsgrenze des Bewusstseins jedesmal durch einen Verticalstrich repräsentirt, so stellt das Schema A den Fall einer unmittelbaren Zeitvergleichung, B den einer mittelbaren erster, und C den einer solchen zweiter Art dar: Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

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