Bei sicherer Beherrschung der Augenbewegungen lässt sich diese Regel ohne weiteres an jedem hierzu geeigneten Object, namentlich bei monocularer Betrachtung, nachweisen. Doch ist sie auch dem Ungeüb- ten mittelst der Methode der Figurenprojection im Dunkeln (Bd. 2, S. 546) leicht zu demonstriren. So lange man sich des bestimmenden Einflusses von Blickbewegung und Blickrichtung noch nicht bewusst geworden ist, erscheinen aber natürlich die durch sie erzeugten Umkehrungen wie rein zufällige Phänomene. So kommt es, dass sie meist für Aeußerungen des Spiels der »Einbildungskraft« gehalten wurden, oder dass man, wo etwa Spuren der Augenbewegung zur Beobachtung kamen, allenfalls noch dem »Willen« einen Einfluss zuschrieb. Hat man erst einmal an einem dazu geeigneten Object die oben formulirten Regeln in ihrer ausnahmslosen Geltung erkannt, so lässt sich aber diese leicht auch an andern Objecten Associationen.
DJ 31 constatiren, bei denen die Bedingungen verwickelter sind1. Neben den schon früher besprochenen Erscheinungen einfacher perspectivischer Um- kehrung, wie Fig. 235 und 308 (Bd. 2, S. 546 u. 646), bilden hier insbeson- dere auch solche Figuren, die mehr als zwei perspectivische Vorstel- lungen zulassen, instructive Beispiele. Bei ihnen pflegen sich regelmäßig wieder zwei in der gewöhnlichen Weise einander entgegengesetzte Auf- fassungen als die normalen von den anderen, ungewöhnlicheren zu scheiden. Hierher gehört vor allem dasjenige Object, an dem die umkehrbaren Täuschungen zuerst, wie es scheint, entdeckt worden sind, der sogenannte NECKER'sche Würfel2. Er ist das auf die Ebene projicirte Netz eines Würfels, das man am besten weiß auf schwarzem Grunde ausführt (Fig. 377). Fixirt man monocular beim ersten Anblick der Figur einen Punkt der Linie RAT, oder bewegt man das Auge von einem solchen Punkte aus in Richtungen RM, R Q: so tritt eine erste Form der Per- spective mit RN als convex gesehener Kante auf. Fixirt man dagegen zuerst einen Punkt der Linie LP, oder be- wegt man das Auge in Rich- tungen LQ, LM, so wird LP zur convexen, nach vorn ge- kehrten, RN zur concaven, nach hinten gekehrten Kante. Ebenso bewirken Bewegungen in den Richtungen ML, KP u. s. w. die erste, solche in den Richtungen LM, PK die zweite Vorstellung. Eine Ecke, von der aus die Bewegung erfolgt, erscheint also stets dem Beschauer zugekehrt; eine solche, gegen die hin die Be- wegung geschieht, erscheint von ihm abgekehrt. Außer diesen beiden gewöhnlichen kann man aber unter geeigneten Bedingungen auch noch zwei ungewöhnliche perspectivische Vorstellungen zu stände bringen. Fixirt man nämlich vollkommen starr (ohne zu einer Bewegung des Auges überzugehen) einen zwischen den Linien PL und NR gelegenen imaginären Punkt, so sieht man sowohl NR wie PL convex. Die Figur erscheint also jetzt nicht als ein Würfel, sondern als eine Combination von zwei dachähnlichen Formen,, die sich durchkreuzen. Diese Vorstellung springt 1 Vgl. hierzu meine Abhandlung: Die geometrisch-optischen Täuschungen, Abhandl. der math.-phys. Cl. der sächs. Ges. der Wiss. Bd. 24, 1898, Nr. II, Fig. 1 — 5, S. 59 — 68.
Psychische Verbindungen.
jedoch sofort in einen der beiden Würfel über, sobald man eine Augen- bewegung ausführt. Schwieriger ist ein zweites, zum vorigen umgekehrtes Relief festzuhalten. Zu diesem Zweck muss man entweder einen in dem Raum zwischen NR und OQ oder einen zwischen PL und KM gelegenen imaginären Punkt vollkommen starr fixiren. In beiden Fällen entsteht abermals die Vorstellung zweier sich durchkreuzender dachähnlicher Ge- bilde, in deren Hohlräume diesmal der Beschauer hineinblickt, so dass PL und NR beide als concave Kanten erscheinen. Bewegung des Blicks lässt auch diese, wegen der weiten Entfernungen der den Fixirpunkt ein- schließenden Linien schwer festzuhaltende Vorstellung sofort in die der Richtung der Bewegung entsprechende Würfelform überspringen.
Ein ähnliches Beispiel bietet die Fig. 378. Die beiden gewöhnlichen perspectivischen Täuschungen bestehen bei ihr darin, dass die Figur als das Bild eines cylindrischen Ringes erscheint. Bei der einen Form des Reliefs sind die Bogen A und B dem Beschauer zu-, die Bogen R und 5 von ihm abgekehrt; bei der zweiten sind umgekehrt R und 5 dem Be- schauer zu-, A und B von ihm abgekehrt. Dort scheint der Ring so gegen den Be- schauer geneigt, dass dieser von oben in den Cylinder blickt; hier scheint er von ihm weggeneigt, so dass er durch die untere Oeffnung in ihn zu blicken glaubt. Die erste Perspective wird durch Fixation irgend eines Punktes der Bogen A oder B, am besten eines mittleren, oder durch eine Blickbewe- gung längs dieser Bogen von der Mitte aus nach rechts oder links hervorgebracht; die zweite entsteht, wenn man einen nahe der Mitte gelegenen Punkt der Bogen R oder £ fixirt, oder wenn man von solchen Punkten aus eine Blickbewegung nach rechts oder links ausführt, — Entstehungsbedingungen, die wieder der oben aufge- stellten allgemeinen Regel entsprechen. Außerdem lässt aber diese Figur noch zwei ungewöhnliche perspectivische Vorstellungen zu, die sich eben- falls wie Umkehrungen zu einander verhalten, und die übrigens offenbar darum ungewöhnliche sind, weil sie bei der Fixation imaginärer, nicht in den Conturen der Figur enthaltener Punkte auftreten. Fixirt man nämlich starr einen in dem Räume zwischen den Bogen A und 5 nicht allzu weit von der Mitte gelegenen Punkt, so können einerseits die Bogen A und 5, anderseits die Bogen R und B als zusammengehörige Conturen eines Ringes erscheinen, der sich auf seiner dem Beschauer zugekehrten Seite AS sehr verschmälert, auf der abgekehrten Seite AB stark verbreitet. Fixirt man dagegen einen in dem leeren Raum zwischen A und R oder in dem Fig. 378. Vieldeutiger perspecti vischer Ring.
Associationen.
zwischen B und 5 gelegenen imaginären Punkt, so sieht man den Cylinder als einen mit den Conturen B und R gegen den Beschauer gekehrten, hier sehr breiten, mit den Conturen A und 5 von ihm abgekehrten, hier sich stark perspectivisch verkürzenden Ring. Beide Erscheinungen sind übrigens nur bei vollkommen starrer Fixation von Punkten in der angegebenen Lage zu beobachten. Sobald man mit dem Blick auf eine der Conturen der Figur übergeht, so pflegen sie einem der beiden ersten Reliefs zu weichen. Die Bedingungen zur Entstehung dieser ungewöhnlichen Täuschungen bestehen, wie man sieht, überall darin, dass in Folge der Art der Fixation solche Conturen als zusammengehörig erscheinen, die bei einer der gewöhnlichen Formen des Reliefs nicht zusammengehören. Dazu ist aber erstens unverrücktes Festhalten der hierzu geeigneten Fixir- stellung des Auges, und zweitens eine Lage des Fixirpunktes zwischen den zu einem gleichsinnigen Relief zu verbindenden Conturen erforderlich. Das Weitere ist dann von der auch für diese ungewöhnlichen Täuschungen gültigen Regel abhängig, dass der fixirte Theil des Objectes dem Be- schauer zugekehrt erscheint. Bei dem ersten der ungewöhnlichen Reliefs der Fig. 378 wird so zunächst durch die Fixirung eines Punktes zwischen A und S die Vorstellung einer Zusammengehörigkeit von A und 5 er- weckt, woran sich dann in Folge der Nahelocalisation des Fixirpunktes das Verhältniss der Bogenpaare AS und RB zu einander von selbst an- schließt. Etwas schwieriger ist wieder die Herstellung des umgekehrten Reliefs; doch wird sie in diesem Fall durch die Analogie der Verschmäle- rung der hier in die Tiefe verlegten Bogen A und 5 mit den gewöhn- lichen Erscheinungen der perspectivischen Verjüngung entfernter Objecte etwas begünstigt.
Dass es sich bei allen diesen sogenannten »perspectivischen Täu- schungen« um Associationen handelt, die den uns schon in der gewöhn- lichen Erfahrung überall begegnenden durchaus entsprechen, ist augen- fällig. Dabei zerlegen sich uns nun aber bei der experimentellen Variation dieser Täuschungen die assimilativen Associationsprocesse fast von selbst in ihre elementaren Factoren. Bezeichnen wir die in dem objectiven Eindruck gegebenen Merkmale und die sich mit diesen verbindenden Spannungs- empfindungen des Auges als inducirende, die reproducirten Vorstellungs- elemente dagegen, die das zur Wahrnehmung gelangende Relief end- gültig constituiren, als inducirte Elemente, so sind, wie man unmittelbar sieht, die Umkehrungserscheinungen dadurch charakterisirt, dass bei ihnen unter den inducirenden Bestandtheilen ausschließlich die Spannungs- empfindungen des Auges die Richtung der Reproduction bestimmen, im Gegensatze zu den normalen räumlichen Verschmelzungen, wo Netzhaut- bild und Stellung- oder Bewegung- des Auges eindeutig und in gleichem 534 Psychische Verbindungen.
Sinne zusammenwirken. Gleichwohl ist auch das so zu stände kommende Associationsproduct ein simultanes, welches inducirende und inducirte Elemente für die unmittelbare Wahrnehmung ununterscheidbar enthält. Nur bedarf die Entstehung eines derart zusammengesetzten Wahrnehmungs- inhaltes allerdings stets einer gewissen Zeit, wie sich namentlich darin verräth, dass zu jeder Umkehrung eines Reliefs eine merkliche Zeit ver- braucht wird, während deren es vorkommen kann, dass der Uebergang in die neue Vorstellung an einem Theil der Figur bereits erfolgt, an einem andern Theile aber noch zurückgeblieben ist1. Ganz ähnliches beobachtet man auch an den durchaus dem gleichen Gebiet angehörenden soge- nannten Vexirbildern, bei denen irgend eine Figur, z. B. eine Katze, ein Porträtkopf, innerhalb eines größeren Bildes, z. B. in dem Baumschlag einer Landschaft, im Umriss angedeutet ist, und wo erst die zufällig einmal mit jenem Umriss zusammenfallende Bewegung der Blicklinie die zuvor unbemerkt gebliebene Figur plötzlich hervortreten lässt. Die um- kehrbaren perspectivischen Täuschungen sind nun aber vermöge der willkürlichen Variation der Bedingungen, die sie zulassen, in besonderem Maße geeignet, die Richtung nachzuweisen, in der bei den Assimilationen die associativen Wirkungen stattfinden. Diese Richtung ist bei ihnen offenbar eine einseitige: die Elemente des Eindrucks, Netzthautbild und Spannungsempfindungen des Auges, sind die inducirenden; die repro- ductiven Elemente sind die inducirten. Zugleich aber finden diese Assimilationswirkungen immer nur zwischen elementaren Empfin- dungen statt, niemals zwischen zusammengesetzten Vorstellungen als solchen. Dass wir z. B. ein Object, wie die beiden Prismen in Fig. 255, mit den bestimmten körperlichen Eigenschaften, die wir ihnen bei einer der beiden Reliefvorstellungen beilegen, jemals früher genau in dieser Beschaffenheit gesehen hätten, ist natürlich undenkbar. In jedem dieser Fälle ist es daher augenscheinlich nicht eine einzelne Vorstellung, sondern eine unbestimmte Menge früherer Vorstellungen, die auf die Entstehung eines bestimmten, der vorhandenen Augenstellung und Augenbewegung entsprechenden Reliefs einwirkt. Außerdem ist aber klar, dass solche frühere Vorstellungen nicht in ihrer Totalität zur Wirkung kommen, sondern dass dies immer nur von gewissen Bestandtheilen derselben gilt, von solchen, die eben dem vorhandenen Eindruck zureichend sich nähern, damit sie dem Netzhautbilde angeglichen werden. Nicht zwischen Vor- stellung und Vorstellung, sondern zwischen Vorstellungselementen vollzieht sich also der Assimilationsprocess, oder mit andern Worten: die 1 Zu diesen Beobachtungen eignet sich besonders die Fig. 255 (Bd. 2, S. $4.6, wegen ihrer gehäuften Motive der Blickbewegung.
Associationen.
Assimilation, wie die Association überhaupt, besteht in jedem einzelnen Falle aus einer Menge elementarer Verbindungsprocesse zwischen den Bestandtheilen der Vorstellungen. Diese Verbindungsprocesse sind ihrem entscheidenden Charakter nach Angleichungsprocesse, die jedoch selbst erst in Folge von gleichzeitig stattfindenden elementaren Ver- drängungs- oder Eliminationspro cessen wirksam werden können. Den direct gegebenen Sinnesempfindungen verdankt so die resultirende Vorstellung den Eindruck unmittelbarer Wirklichkeit, während doch die in ihr enthaltene Tiefenanschauung ganz und gar reproductiven Ursprungs ist. Dieser Charakter der Vorgänge bringt es mit sich, dass die end- gültig entstehende Vorstellung im allgemeinen keiner einzigen der irgend einmal früher dagewesenen Vorstellungen vollständig gleicht, sondern dass sie diesen früheren Vorstellungen gegenüber stets ein neues, ihnen nur mehr oder minder ähnliches Gebilde ist. Auf diese Weise bethätigen die assimilativen Wahrnehmungsvorgänge wiederum die gleiche schöpferi- sche Natur der synthetischen Processe des seelischen Lebens, die uns in einfacheren Formen schon bei den Verschmelzungen begegnet ist. Auch darin aber sind diese Associationen der Sinneswahrnehmung vor- bildlich für die zusammengesetzteren psychischen Vorgänge, dass sie trotz dieser ihrer schöpferischen Natur durch die Bedingungen ihrer Entstehung vollständig determinirt sind. Jenes planlose Walten der so- genannten Einbildungskraft, das man so oft gerade in die umkehrbaren perspectivischen Vorstellungen hineindeutet, weicht hier durchaus fest bestimmten associativen Wechselwirkungen. Eine solche vom Zufall hin- und hergeworfene Einbildungskraft existirt überhaupt nicht. Sie ist nur ein vager Allgemeinbegriff für Vorgänge, von deren wirklicher Natur man sich keine Rechenschaft gibt.
c. Assimilative Erinnerungsassociationen. (Wiedererkennungs- und Erkennungsvorgänge.)
Je nach den besonderen Bedingungen, unter denen der Assimila- tionsvorgang stattfindet, kann der Umfang disponibler Gebilde, aus denen Elemente in das Assimilationsproduct übergehen, natürlich bedeutend variiren. Indem hierbei zugleich, je nach der größeren oder geringe- ren Leichtigkeit, mit der sich die Verbindungen vollziehen, die Geschwin- digkeit des Associationsprocesses zwischen einer unteren Zeitgrenze, wo sie unserer Beobachtung ganz entgeht, und einer oberen, wo wir sie deutlich auffassen oder sogar eine Zwischenzeit zwischen dem Eindruck und seiner Assimilation wahrnehmen, mannigfach wechseln kann, ent- stehen eigenthümliche Uebergangsformen zwischen der Assimi- lation und der successiven Erinnerunesassociation. Legen wir 536 Psychische Verbindungen.
wieder die allein einer genaueren Untersuchung zugänglichen Assimila- tionen äußerer Eindrücke zu Grunde, so können hier die bei der Analyse der »zusammengesetzten Reactionen« einander gegenübergestellten Fälle der Unterscheidung und der Erkennung als die Gegensätze eines möglichst beschränkten und eines unbegrenzt ausgedehnten Assimilationsprocesses angesehen werden. Bei der Unterscheidung eines erwarteten Ein- drucks ist die Bewusstseinslage eine solche, dass von vornherein nur eine kleine Anzahl von Vorstellungen disponibel ist. Diese sind, wie die Selbstbeobachtung lehrt, in der zwischen den ursprünglichen Eindrücken und ihrer Wiedererneuerung gelegenen Zeit im allgemeinen nicht im Be- wusstsein, aber die Bedingungen sind solche, dass sie offenbar leicht wiedererweckt werden können. Letzteres tritt ein, sobald ein neuer Ein- druck kommt, der irgend einer dieser leicht disponibeln Vorstellungen gleicht. Im wesentlichen ebenso verhalten sich die im vorigen Capitel (S. 482 ff.) geschilderten reproductiven Wiedererkennungen von Empfindungen oder von einfachen Raum- und Zeitvorstellungen. Mit der Assimilation des neuen Eindrucks ist dann der Act der Unterscheidung desselben von den andern neben ihm zu erwartenden vollzogen. Vermöge der eigen- thümlichen Bedingungen des Vorgangs darf man aber voraussetzen, dass in diesem Fall im allgemeinen nur eine assimilirende Vorstellung, und diese möglichst vollständig, also, falls sie zusammengesetzt ist, mit der Mehrzahl ihrer Elemente wirksam ist. Die Verbindung des assimilirten Eindrucks mit der assimilir enden Vorstellung erscheint dabei als eine ebenso unmittelbare und simultane wie bei allen Assimilationen. Man wird sich daher überhaupt nur des neuen Eindrucks als eines gegebenen Vorstellungsinhaltes bewusst. Wegen der objectiven Identität desselben mit der früheren Vorstellung fehlt nur die Möglichkeit, die stattfindende Assimilation direct nachzuweisen. Gleichwohl verräth sie sich durch ein bestimmtes Symptom, das nur in diesem Fall nicht der Vorstellungs-*, son- dern der Gefühlsseite des Processes angehört: mit dem Act der Unter- scheidung verbindet sich ein Wiedererkennungsgefühl1. Ueber die Qualität dieses Gefühls kann man sich am besten durch sein Verhältniss zu 1 Höffding (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. Bd. 13, S. 427, Psychologie2, S. 163) nimmt an, dass das unmittelbare Wiedererkennen auf der Hinzufügung einer eigenthüm- lichen, wahrscheinlich durch die Erleichterung irgend welcher centraler Molecularvor- gänge entstehenden Qualität zu den sonstigen Empfindungsbestandtheilen des Eindrucks beruhe. Abgesehen von dem hypothetischen Molecularvorgang, der natürlich zu einer Wiedererkennung des Eindrucks nur verhelfen kann, insofern er irgend einen Bewusst- seinsinhalt hervorbringt, weist nun offenbar der Ausdruck »Bekannfheitsqualität«, dessen sich Höffding bedient, zunächst auf die Aufgabe hin, einen solchen Inhalt zu finden. Es scheint mir aber auf Grund der Selbstbeobachtungen bei den Unterscheidungs- und Erkennungsreactionen wie bei den reproductiven Vergleichungen unzweifelhaft, dass dieser Inhalt nur in der oben geschilderten Weise als ein in seiner Qualität und Intensität von der näheren Beschaffenheit des Vorgangs abhängiges Gefühl bezeichnet werden kann.
Associationen.
demjenigen Gefühl Rechenschaft geben, das entsteht, wenn der Act der vor- zunehmenden Unterscheidung nicht zu stände kommt, dadurch dass irgend ein fremder, außerhalb der Reihe vorher gegebener Vorstellungen liegender Eindruck einwirkt. Man bemerkt dann, während zugleich meist eine ge- naue Apperception des Eindrucks gehindert ist, ein Gefühl störender Ueber- raschung. Das Wiedererkennungsgefühl erscheint dagegen, wie schon oben (S. 510) bemerkt, als ein rascher und ungehemmt sich vollziehender Wechsel zwischen Spannung und Lösung, der je nach Umständen mit noch andern Gefühls qualitäten verbunden sein kann. Sehen wir das Wesen der Ge- fühle überhaupt in der Rückwirkung der Apperception auf einen gegebenen Bewusstseinsinhalt1, so bietet das Auftreten jener das Gelingen oder Miss- lingen der Unterscheidungsacte begleitenden Gefühle keine Schwierigkeit. Indem eine erwartete Vorstellung leichter als irgend eine andere ausgelöst werden kann, wird ihre Apperception durch die vorbereitende Spannung begünstigt. Für die Bedeutung dieser spricht zudem die Thatsache, dass der Unterscheidungsact erschwert und namentlich auch in Bezug auf seinen Gefühlseffect ungünstig beeinflusst wird, wenn die zu unterscheiden- den Eindrücke verschiedenen Sinnesorganen angehören. Zugleich wird auch der größeren Beweglichkeit der Vorstellungsdispositionen ein Ein- fluss zuzuschreiben sein. Für das Urtheil, dass ein aus einer Unterschei- dungsreihe A, B, C...gegebener Eindruck A und nicht B oder C u. s. w. sei, ist aber offenbar der Act der x^.ssimilation als Vorstellungsprocess nicht maßgebend, da er uns als ein solcher überhaupt nicht zum Bewusstsein kommt; sondern es wird hier wieder zunächst bloß jenes Gefühl des Wiedererkennens zur Geltung kommen, das den Eindruck kennzeichnet. Mit dem hier geschilderten, in seiner reinen Form natürlich nur durch planmäßige Versuchseinrichtungen herzustellenden Unterscheidungsvorgang fallen in allen wesentlichen Beziehungen die gewöhnlichen sogenannten Wiedererkennungsacte zusammen. Der Unterschied besteht bloß darin, dass der vorbereitende Zustand der Erwartung hinwegfallen kann, und dass sich der wiederzuerkennende Eindruck vermöge zufälliger Umstände von andern Gegenständen als einzelne Vorstellung isolirt hat, so dass bei der Erneuerung desselben wieder nur eine Assimilation durch Ele- mente jener bestimmten Vorstellung stattfindet, die nun von einem entsprechenden Wiedererkennungsgefühl begleitet ist. Wenn man einem bisher unbekannten Menschen zweimal nach einander begegnet, so wird der Wiedererkennungsact demnach eine Assimilation sein, die auf eine vorangegangene Vorstellung beschränkt ist. Wenn uns dagegen ein Bekannter, mit dem wir täglich verkehren, begegnet, so wird sich c?8 Psychische Verbindungen.
der Assimilationsprocess schon über eine größere Zahl früherer Vor- stellungen erstrecken, und der Vorgang wird sich hier bereits mehr den Assimilationen mit unbestimmter Begrenzung nähern, bei denen die Wir- kung von vielen Vorstellungselementen ausgeht, die verschiedenen, wenn auch durch die Beziehung auf den nämlichen Gegenstand associativ nahe verbundenen Vorstellungen angehören. In diesen Fällen pflegen zugleich die wirksamen Elemente in wechselndem Grade und manchmal sogar in einer bestimmten zeitlichen Succession ihren Einfluss geltend zu machen, indem die zunächst wirkenden erst andere in das Bewusstsein rufen, die sich dann ebenfalls an der Assimilation betheiligen. Dabei können end- lich die primär wirksamen verhältnissmäßig nebensächliche oder nur in einzelnen Fällen angetroffene Merkmale des Gegenstandes enthalten. Ist letzteres der Fall, so nennt man die Wiedererkennung eine mittelbare, indem nun die den Process primär einleitenden Elemente als die Mittel erscheinen, durch die der eigentliche Wiedererkennungsvorgang zu stände kommt. Es geht dann aber stets die simultane mehr und mehr in eine successive Association über, in welcher der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende Mittelvorstellung und endlich das Wiedererken- nungsgefühl als die Glieder der Associationsreihe auftreten. Uebrigens kann die Geschwindigkeit dieser Associationen eine sehr verschiedene sein, und zuweilen ist sie selbst bei der mittelbaren Wiedererkennung so groß, dass der Vorgang fast als ein simultaner erscheint. Dies ist zu- gleich der Grund, weshalb wir in einem gegebenen Fall oft nicht mit Sicherheit zu entscheiden vermögen, ob die Wiedererkennung eine un- mittelbare oder mittelbare sei. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass wir auf die letztere nur dann mit Gewissheit zurückschließen können, wenn die mittelbar wirkenden Elemente auch zeitlich den andern voran- gehen. Sehr häufig gehören überdies solche Elemente einem andern Sinnesgebiet an, gehören also zu den unten zu besprechenden Compli- cationen. Unter ihnen spielt besonders die Wortcomplication eine große Rolle. Wir sind um so leichter im stände, die einzelnen Glieder einer Reihe nach ihren Unterschieden mit Sicherheit wiederzuerkennen, je fester sie mit specifischen Namenbezeichnungen verbunden sind. So fand LEHMANN1, dass man bei Unterscheidungsversuchen gewöhnlich nur fünf Stufen der farblosen Lichtempfindung im Gedächtniss festzuhalten vermag, indem man dabei zu jeder Stufe eine der in der Sprache üb- lichen Bezeichnungen (Weiß, Hellgrau, Grau, Dunkelgrau, Schwarz) asso- ciirt. Er konnte aber diese Anzahl durch Uebung bis auf neun erweitern, als er willkürlich jede Stufe durch.eine der Ziffern i — 9 kennzeichnete und sich auf diese Bezeichnungen einübte.
1 Lehmann, Philos. Stud. Bd. 5, S. 135 ff.
Associationen.
Jene vervvickelteren Wiedererkennungsacte, die sich auf einen aus vielen und zum Theii verschiedenartigen Erfahrungen bekannten einzelnen Gegenstand beziehen, führen nun unmittelbar zu denjenigen Assimilations- vorgängen über, die man Erkennungsacte zu nennen pflegt. Der mehr- deutige Gebrauch des Wortes »Erkennen« in der Sprache darf hier, eben- so wenig wie bei dem Wiedererkennen, dazu verführen, etwa in diesen einfachen Associationsvorgängen logische Processe zu sehen. Ein asso- ciativer Erkennungsact findet dann statt, wenn ein gegebener Eindruck zu einer Vorstellungsreihe gehört, die uns in zahlreichen einzelnen Exem- plaren bereits bekannt ist, und wenn wir ihn in unserer unmittelbaren Auf- fassung sofort mit dieser Reihe in Verbindung bringen. So erkennen wir den Baum als Baum, den Tisch als Tisch, auch wenn wir das einzelne Object, das Gegenstand unserer Wahrnehmung ist, niemals zuvor ge- sehen haben. Diese Erkennung ist nicht Resultat irgend einer Ueber- legung, sondern sie ist mit der Wahrnehmung zugleich gegeben, so dass wir sie als eine simultane oder in einzelnen Fällen, wenn der Assimi- lationsvorgang eine bemerkbare Zeit braucht, als eine successive Asso- ciation betrachten müssen. Offenbar kann auch dieser Vorgang wieder nur darauf beruhen, dass zahlreiche Elemente früherer, der nämlichen