mit der psychologischen Entstehung der Associationen an sich nichts zu thun hat, sondern lediglich einen praktischen Maßstab für die Vergleichung der individuellen Associationsrichtungen der untersuchten Individuen an die Hand geben soll, so wird man die Anhaltspunkte zu seiner Ausfüh- rung am zweckmäßigsten den Ergebnissen selbst entnehmen. Diese Gesichtspunkte können dann zugleich nach dem Beobachtungsmaterial variiren. Bei Schulkindern werden z. B. zweckmäßig andere als bei Ge- lehrten, bei Geisteskranken andere als bei geistig Gesunden verwendet werden. Mit Rücksicht auf diese Erwägungen ist das folgende Schema nach den von M. TRAUTSCHOLDT an vier dem Gelehrtenstande angehören- den Männern gewonnen worden1.
1 Die nämliche Classification haben auch E. Kraepelin und G. Aschaffenburg mit einigen Modificationen den von ihnen an Gesunden und Kranken beobachteten Associa- tionen zu Grunde gelegt (Kraepelins Psychol. Arbeiten, Bd. 1, S. 223 und 234). Andere Eintheilungen, zum Theil von abweichenden Gesichtspunkten aus, sind von R. Wähle (Vierteljahrsschrift für wiss. Philosophie, Bd. 9, 1885, S. 404), B. Bourdon (Revue philos. t. 16, 1891, p. 609), Offner (Philos. Monatshefte, Bd. 28, 1892, S. 385, 513), Ed. Clapa- rede (Archives de psychol. t. 1, 1902, p. 335), Ziehen (Die Ideenassociation des Kindes, Abh. Bd. 1, 1897, S. 15) u. A. gegeben worden. Marbes Kritik der obigen Classification (Thumb und Marbe, Experimentelle Untersuchungen über die psychologischen Analogie- bildungen, 1901, S. 15) beruht auf der irrthümlichen Meinung, diese Classification der Associationsworte solle eine Feststellung sogenannter »Associationsgesetze« sein. Dass sie dies ebenso wenig ist, wie irgend eine der andern vorgeschlagenen Eintheilungen der Associationsformen, wurde schon in der 4. Aufl. dieses Werkes (Bd. 2, S. 466 ff.) hervor- gehoben.
Associationen.
I. Aeußere Associationen.
A. Association simultaner Vorstellungen.
a. Association, der Theile einer einzigen si- b. Association unabhängig coexistirenderVor- multanen Vorstellung. Stellungen.
i. A. des Ganzen zum Theil. 2. A. des Theils zum Ganzen.
B. Association successiver Vorstellungen.
a. Association successiver Schallvorstellun- b. Association successiver Gesichts- und an- gen (vorzugsweise Wortassociationen). derer Sinnesvorstellungen.
i. A. in der ursprünglichen Ordnung. i. A. in der ursprünglichen Ordnung.
2. A. in veränderter Ordnung. 2. A. in veränderter Ordnung.
II. Innere Associationen.
A. Association nach Ueber- B. Association nach Bezieh- C. Association nach Abhänund Unterordnung. ungen der Coordination. gigkeitsbeziehungen.
2. A. einer untergeordne- 2. A. einer contrastirenden 2. A. nach Zweckbezieh- ten Vorstellung. Vorstellung. ung.
Wie die hier unterschiedenen Kategorien überhaupt, so sollen selbst- verständlich auch die Ausdrücke »äußere» und »innere« Associationen nicht irgend einen Gegensatz in den Bedingungen der Entstehung der Erscheinungen bedeuten, sondern lediglich die Ergebnisse derartiger Ver- suche zunächst nach dem Gesichtspunkte ordnen, dass diejenigen Be- ziehungen zwischen den Reizwörtern und den durch sie ausgelösten Wort- reactionen danach unterschieden werden, ob sich zwischen ihnen nur ein Verhältniss zufälliger Coexistenz oder Zeitfolge in vorangegangenen Wahr- nehmungen, oder aber ob sich irgend ein logisches Verhältniss der durch die beiden Wörter ausgedrückten Begriffe selbst auffinden lässt. Dass eine solche Ordnung in der That in keinerlei Hinsicht, in ihren Haupt- gliedern so wenig wie in deren Unterabtheilungen, irgend etwas über den Vorgang selbst aussagt, erhellt ohne weiteres, wenn man sich nicht damit begnügt, die Schlussresultate statistisch zu sammeln, sondern wenn man dem Beobachter die Aufgabe stellt, die einzelnen Vorgänge von Moment zu Moment in der Selbstbeobachtung zu verfolgen und nach dem Ab- schluss des Processes aufzuzeichnen. Dann ersieht man aus einer Anzahl solcher Beobachtungen sehr deutlich, dass Associationen, deren Anfangs- und Endglieder vollständig übereinstimmen, gleichwohl aus sehr abweichenden individuellen Processen hervorgehen können. Associirt z. B. jemand auf das Wort »Zeit« das andere »Raum«, so kann das im einen Fall eine simultane äußere Association sein (I, A 2, der Beobachter erinnert sich des gelesenen Wortes »Zeitraum«); oder es kann eine äußere successive Associa- tion vorliegen (I, B a, 1, nach akustischer Wortfolge), oder irgend eine der cco Psychische Verbindungen.
oben als »innere« unterschiedenen Formen sein: jemand erinnert sich z. B. an die Kantische Zeitlehre und dadurch an den Raum (II, B i), oder er denkt an die geometrische Symbolisirung der Zeit durch eine Gerade und durch diese an den Raum (was sich allenfalls der Kategorie II, A 2 subsumiren ließe), u. s. w. Dabei zeigt sich nun zugleich, dass keineswegs in allen solchen Fällen die Association auch nur dem äußeren Anscheine nach eine directe ist. Wenn ich z. B. bei »Zeit« zuerst Kants Anschauungslehre und dann den »Raum« erinnere, so ist dieses Wort selbst nicht direct durch das Reizwort ausgelöst, sondern durch eine dazwischen liegende Vorstellung, die also hier in Wirklichkeit die nächstassociirte ist. Selbst als drittes Glied kann sich aber dies associirte Gebilde wieder verschieden verhalten: bald ist es eine unbestimmte Raumanschauung, die als Ge- sichtsbild vorausgeht, bald ein Gefühl, das in früheren Bewusstseinsacten mit der Vorstellung Raum verbunden war; oder es können Wort, Vor- stellung und Gefühl gleichzeitig auftreten, oder das Wort zuerst und dann ein unbestimmtes Gesichtsbild, u. s. w. Alles das sind mannigfache Nuancirungen, die, wenn man sich der bloßen Antwortsmethode bedient, alle unter der einen Firma der Association »Zeit-Raum« gehen.
Dazu kommt noch ein weiteres Moment, das bei der statistischen Anstellung von Associationsexperimenten um so weniger Beachtung zu finden pflegt, als man bei diesen meist von der festen Voraussetzung ausgeht, auf irgend einen als Associationsreiz angewandten Eindruck müsse auch irgend ein festumschriebenes Erinnerungsbild im Bewusstsein auf- steigen. In Wahrheit trifft das aber durchaus nicht zu, sondern häufig, ja, sobald man nur die Versuche, unter möglichster Vermeidung irgend eines Zwangs, so anstellt, dass bei ihnen die natürlichen Associations- bedingungen annähernd gewahrt bleiben, in der Mehrzahl der Fälle ist das Verhalten ein ganz anderes. Bald tritt nämlich nur ein Gefühl in das Bewusstsein, an das sich erst später, und oft sichtlich erst in Folge des nun einmal nicht ganz zu eliminirenden Zwangs irgend etwas asso- ciiren zu sollen, ein blasses Erinnerungsbild anschließt, das dann nach- träglich willkürlich fixirt wird. Bald kommt es zunächst überhaupt zu keiner eigentlichen Reproduction, nicht einmal zu der eines Gefühls, sondern der Eindruck erweckt eine Articulationsbewegung, die unmittel- bar als ihre Complication das zugehörige akustische oder auch opti- sche Wortbild wachruft. Dieser Fall kann sich natürlich besonders bei Wortassociationen ereignen: das zugerufene oder gesehene Wort wird dann leise nachgesprochen, und daran unmittelbar die Articulation eines zweiten oft damit verbundenen Wortes angeschlossen1. Hier handelt es 1 Wie leicht eventuell von den Beobachtern selbst, wenn sie nicht sehr geübt in Associationen.
sich also gar nicht um eine eigentliche Erinnerungsassociation, sondern um die directe Auslösung einer eingeübten Articulation mit sich an- schließender Complication. Ein Beispiel wie das oben gebrauchte »Zeit — ■ Raum« kann sehr wohl auch in diese Classe bloßer Scheinassociationen fallen.
f. Psychologische Analyse der successiven Erinnerungs- associationen.
Aus diesen Betrachtungen erhellt deutlich, dass die geläufigen Asso- ciationsexperimente zwar ein ganz brauchbares Mittel sind, um bei statisti- scher Verwendung die Hauptrichtungen des individuellen Gedankenverlaufs in gewissem Sinne quantitativ abzuschätzen, dass sie aber zur Erkenntniss der Associationsvorgänge selbst nichts beitragen. Dazu können sie erst einigermaßen verwendbar gemacht werden durch die individuelle Ana- lyse der bei jedem Versuch sich darbietenden successiven Phänomene unter sorgfältiger Herbeiziehung der Selbstbeobachtung, wozu sich, wie oben bemerkt, allein die »Bildmethode«, unter Ausschließung gleich- zeitiger Zeitmessungen und anderer das Bewusstsein irgend einem Zwang aussetzender Bedingungen, eignet. Führt man die Versuche in dieser Weise aus, so bieten nun die Protokolle der Beobachter im wesentlichen die folgenden Fälle dar z: 1) Der Eindruck weckt, wenn er selbst ein visuelles Wortbild ist, sehr regelmäßig die zugehörige Articulationsbewegung, an die sich ein blasses akustisches Erinnerungsbild des Wortes anschließt. Wenn er ein sonstiges Gesichtsobject ist, so erweckt er dessen sprachliche Bezeichnung, wieder zunächst als Articulationsbewegung, wenn eine solche irgend ge- läufig ist. Der nächste Erfolg besteht also gewöhnlich in einer Com- plication, die meist anscheinend simultan, seltner in merklicher Succession sich einstellt. An diesen ersten Act kann sich dann aber weiterhin nach einem erheblichen Intervall eine der folgenden Associationen anschließen, die entweder von dem primären Eindruck oder von der eingetretenen Wortcomplication ausgeht. Verwandt den erwähnten Fällen sind endlich die bei Worteindrücken zuweilen vorkommenden reinen Lautassociationen, die bald vollkommen sinnwidrig erfolgen, bald in Wortergänzungen (Bil- dung einer Wortzusammensetzung aus einem einfachen Wort oder eines Wortes aus einem sinnlosen Laut) bestehen. Auch diese Associationen der Selbstbeobachtung sind, solche unwillkürliche Articulationsbewegungen übersehen werden, dafür liefern die Beobachtungen von Hansen und Alfe. Lehmann über das un- willkürliche Flüstern (Philos. Stud. Bd. 11, 1895, S. 471 ff.) interessante Belege. % 1 Das Folgende hauptsächlich nach den Versuchen von G. Cordes, Philos. Stud.
552 Psychische Verbindungen.
treten meist anscheinend simultan hervor, so dass Reizwort und asso- ciirter Theil noch gleichzeitig in das Bewusstsein fallen, und mit dem akustischen Wortbild ist die Articulationsbewegung eng verbunden, so dass alle diese Erscheinungen zwischen Assimilation und Complication einerseits und successiver Erinnerungsassociation anderseits in der Mitte stehen, bald mehr der einen bald mehr der andern dieser Formen sich zuneigend.
2) Der Reiz erweckt simultan mit der primären Vorstellung oder in sehr kurzer Zeit ihr nachfolgend und jedenfalls noch eine Zeit lang im Bewusstsein mit ihr persistirend ein ausgeprägtes, bald dem Charakter der primären Vorstellung selbst entsprechendes, bald von irgend welchen zufälligen Nebenreizen ausgehendes Gefühl. Dieses erweckt dann eine von seiner Qualität abhängige secundäre Vorstellung, die noch kurze Zeit neben der primären bestehen kann, in der Regel aber sie rasch verdrängt. So sind namentlich die Farben der als Reize verwendeten Objectbilder in hohem Grade gefühlerregend. Aber auch die Bedeutung des Bildes oder Wortes oder eine Klangbeziehung oder endlich irgend ein Nebenreiz kann eine solche momentane Gefühlsassociation auslösen. So fühlten sich mehrere Personen durch das Reizwort »blenden« geblendet, ein sehr kleines Wort auf einer freien Fläche erweckte das Gefühl der Einsamkeit, ein roth geschriebenes Wort ein erregendes Gefühl, u. s. w. In allen diesen Fällen gestaltet sich die Vorstellungsassociation als solche zu einem successiven Phänomen. Aber als persistirende Theilerscheinung, die Reiz und associirte Vorstellung assimilativ verbindet, ist unverkennbar das durch den Reiz ausgelöste Gefühl wirksam.
3) Ein Objectbild erweckt entweder simultan oder in deutlicher Succession die Vorstellung eines andern früher gesehenen Objectes oder Bildes. Dabei ist dann das Verhältniss zwischen Eindruck und Association wesentlich abhängig von dem thatsächlichen Verhältniss der primären zur secundären Vorstellung. Handelt es sich z. B. um den so oft als typisch angesehenen Fall einer sogenannten Aehnlichkeitsassociation, nämlich um die eines Porträts mit der dem Beschauer bekannten Persönlichkeit, die es darstellt, so ist die Association in der Regel überhaupt keine successive, sondern es liegt ein simultaner Assimilations- oder Wiedererkennungsact vor. Wir sehen in diesem Fall das Erinnerungsbild der Person nicht neben dem Gemälde, sondern wir sehen ihre Züge in dieses hinein, daher ja bekanntlich ein Porträt, wenn es gut ist, bei längerer Betrachtung immer ähnlicher erscheinen kann. Ist es sehr unähnlich, so wird dann allerdings dieser Assimilationsprocess gestört, und es kann nun in einzelnen Momenten vorkommen, dass man sich unabhängig von dem gesehenen Bilde die Person, die es vorstellt, zu vergegenwärtigen sucht. Das sind dann aber immer schon Willens- und Apperceptionsacte, die überhaupt nicht mehr dem Gebiet der eigentlichen Association zugehören. Von solchen übereinstimmenden Fällen, wo primäre und secundäre Vorstellung noch rein assimilativ sich verbinden, bis zu solchen, wo nur ein einzelner Zug des Reizeindrucks, eine Farbe oder irgend ein Nebenobject, die Asso- ciation wachruft, gibt es nun naturgemäß eine große Reihe von Zwischen- stufen bis zur successiven Erinnerungsassociation. Bei dieser kann dann schließlich die Uebereinstimmung so klein sein, dass das Associations- motiv erst nachträglich entdeckt wird, ähnlich wie bei der oben ge- schilderten Association durch Gefühle. Auch hier persistiren aber die Bestandtheile der primären Vorstellung, welche die Association vermitteln, in der secundären; und nicht selten kann es außerdem geschehen, dass mehrere Elemente unabhängig von einander auf das entstehende Product einwirken: so z. B. wenn das Reizwort »Teil« auf blauem Grunde gelesen das früher gesehene Bild einer Landschaft erweckte, Teil bei Küssnacht darstellend, deren tiefblauer Himmel in der Farbe dem Reizhintergrunde entsprach.
4) Hieran schließt sich, ohne dass eine scharfe Grenze zu ziehen wäre, eine Reihe von Fällen, in denen die Beziehung zwischen primärer und secundärer Vorstellung eine entferntere, oft scheinbar sehr entfernte ist, so dass sie meist erst bei näherem Nachsinnen erkannt wird, ja zu- weilen ganz unerkannt bleibt. Es ist jedoch sehr bemerkenswerth, dass diese Fälle, die nun die eigentlich typischen Beispiele der gewöhnlich sogenannten Berührungs- und Aehnlichkeitsassociationen abgeben, im Grunde an Zahl sehr klein sind gegenüber den vorigen, wo irgend eine Continuität der Elemente nachzuweisen war oder gar die angebliche Succession sich in eine simultane Assimilation auflöste. Ja noch mehr, der verbleibende Rest derartiger vollkommen successiver Erinnerungs- associationen reducirt sich weiterhin um so mehr, je genauer man alle einzelnen Phänomene psychologisch analysirt, so dass es schließlich sehr zweifelhaft bleibt, ob es überhaupt eine Association gibt, bei der das primäre Glied vollständig aus dem Bewusstsein verschwunden ist, wenn das zweite in dasselbe eintritt. Vielmehr wird entweder das erste Glied in Wahrheit erst durch das zweite allmählich verdrängt, oder es gehen auch hier übersehene Bestandtheile oder zufällig begleitende Em- pfindungen und Gefühle von der primären in die secundäre Vorstellung über. Ein Beobachter sieht z. B. bei der als Reizobject einwirkenden Abbildung eines Zeltes plötzlich ein früheres Erlebniss, einen polnischen Jahrmarkt vor sich mit aufgeschlagenen Zelten. Näher ergibt sich aber, dass es nicht bloß die auf dem Jahrmarkt aufgeschlagenen Zelte gewesen sind, welche die Association vermittelten, sondern der Beobachter erinnert ct/i Psychische Verbindungen.
sich, dass er über jenen Jahrmarkt auf dem Rade fuhr, ganz in der Hal- tung-, die er jetzt in dem Experimentirraum einnimmt. Oder ein anderer associirt zu dem Reizwort »schwierig« die Aphasienlehre. Als Mittel- glied erweist die Selbstbeobachtung die Vorstellung von der Schwierig- keit dieser Lehre. Auch hier ist offenbar durch das Wort schwierig zu- nächst der ihm entsprechende Gefühlston entstanden, und dieser reicht dann in den associirten Begriff hinüber. Auf diese Weise sind wahr- scheinlich überhaupt die Gefühle weit häufiger, als es angenommen wird oder auch mit Sicherheit nachgewiesen werden kann, die Bindeglieder von Associationen. Die Gefühle selbst wirken aber dabei zunächst assimi- lativ. Ein bestimmtes Gefühl versetzt uns in eine Lebenslage, der das gleiche Gefühl entsprach. In solchen Gefühlsassimilationen wurzelt dann auch das so oft vorkommende unbestimmte Gefühl, das uns bei einem be- stimmten Ereigniss überkommt, dasselbe schon einmal erlebt, die gleichen Dinge schon früher gesehen zu haben.
5) Den zuletzt erwähnten Erscheinungen reihen sich schließlich die- jenigen an, in denen inducirende und inducirte Vorstellung auf den ersten Anblick weit auseinander liegen, wo dann aber bei näherer Beobachtung irgend ein zufällig oder absichtlich applicirter Nebenreiz als der die Asso- ciation in Wirklichkeit vermittelnde Eindruck sich ausweist. Die durch Gefühle erzeugten Associationen reichen schon häufig in dieses Gebiet hinein, da gerade die Gefühle bei unaufmerksamer Selbstbeobachtung leicht übersehen werden, während anderseits Vorstellungen, die ihrem Empfindungsgehalte nach weit auseinander liegen, von verwandtem Ge- fühlston sein können, so dass dieser nun unbemerkt die Association zwi- schen scheinbar ganz disparaten Gliedern herstellt. Das nämliche kann aber auch bei begleitenden Nebenvorstellungen vorkommen. Sind die letzteren so beschaffen, dass sie einen dauernden, leicht sich reproducirenden Ein- druck hervorbringen, wie z. B. geometrische Figuren, Farben, so kann es dann leicht geschehen, dass diese begleitenden Eindrücke Associationen selbst zwischen solchen Vorstellungen erzeugen, die durch längere Zeit- strecken und zwischenliegende Vorstellungsreihen getrennt sind. Dabei bleibt ein solches Mittelglied um so leichter unbemerkt, je zufälliger sein Zusammenhang mit dem Haupteindruck erscheint. So associirte z. B. ein Beobachter zu dem Wort »endlos« eine ihm bekannte Persönlichkeit X., mit der er sich über den Begriff des Unendlichen unterhalten hatte. Eine halbe Stunde später associirte er zu dem Reizwort »gewiss« dieselbe Person X., ohne sich irgend Rechenschaft über den Ursprung dieser Association geben zu können. Dieser lag aber darin, dass das Reizwort beidemal von einem gleichschenkeligen Dreieck umrahmt war.
Associationen, die dieser letzten Gruppe angehören, pflegt man nach dem Vorgang von W. Hamilton1, der zuerst auf sie aufmerksam machte, als »mittelbare« zu bezeichnen und dabei anzunehmen, dass das Mittel- glied, welches die Verbindung zu stände bringe, »unbewusst« sei, so dass deshalb dem Beobachter die inducirte Vorstellung als eine »frei auf- steigende« erscheine, bis er vielleicht zufällig auf das verschwundene Mittel- glied aufmerksam gemacht werde. Das Vorkommen solcher »mittelbarer« Associationen ist mehrfach bestritten worden2. In der That scheinen diese Associationen eine verhältnissmäßig seltene Erscheinung zu sein. Möglicher Weise sind sie aber auch experimentell schwieriger hervor- zubringen als unter den Bedingungen des gewöhnlichen Lebens, bei denen es eher vorkommen mag, dass unbemerkt gebliebene Bestand- theile des Bewusstseinsinhaltes inducirende Wirkungen ausüben, während die gespanntere Aufmerksamkeit bei dem Experiment leicht auch die Nebenvorstellungen festhält. Immerhin haben sorgfältig ausgeführte Ver- suche auch unter diesen Umständen einzelne Fälle von Association auf- finden lassen, bei deren Vollzug dem Beobachter ein solches, sichtlich die Verbindung vermittelndes Mittelglied vollständig aus der Erinnerung entschwunden war. Noch mehr stellt sich aber bei diesen Experimenten heraus, dass diese seltenen Fälle einer typischen »mittelbaren Association« durch alle möglichen Zwischenstufen mit der gewöhnlichen, directen Asso- ciation verbunden sind, indem ja schon bei dieser es sehr häufig vor- kommt, dass der inducirende Eindruck zwei auf einander folgende Vor- stellungen wachruft, von denen sich eventuell jede an einen andern Be- standtheil des Eindrucks anschließen kann. Die mittelbare Association bildet also augenscheinlich einen Grenzfall dieser dreigliedrigen unmittel- baren Association, der nur dadurch ausgezeichnet ist, dass ein Nebenbe- standtheil des inducirenden Vorstellungscomplexes, der als solcher un- bemerkt bleibt, bei einem folgenden Eindruck, dem er ebenfalls angehört, als inducirender Reiz wirksam wird. Ist dieses Mittelglied, welches so zwei scheinbar gar nicht zusammengehörige Vorstellungen an einander kettet, jedesmal mit appercipirt und in dem zweiten Versuch demnach hinreichend deutlich erinnert worden, so handelt es sich um eine der nicht ganz selten vorkommenden directen, aber dreigliedrigen Associa- tionen. Hat dasselbe schon beim ersten Eindruck einen relativ dunkleren Bewusstseinsinhalt gebildet, der leicht reproducirt werden kann, ohne dabei 1 W. Hamilton, Lectures on Metaphysics, vol. i, p. 352.
2 Vgl. dazu E. W. Scripture, der zuerst mittelbare Associationen planmäßig durch die Anwendung der oben skizzirten Methode der Nebenreize hervorzurufen suchte, und damit in verhältnissmäßig vielen Fällen Erfolg hatte (Philos. Stud. Bd. 7, 1892, S. 76 ff.), während andere Beobachter, wie W. G. Smith (Zur Frage der mittelbaren Association, Diss. Leipzig, 1894), Münsterberg (Beiträge, Heft 4, 1892, S. 7), H. C. Howe (Amer. Journ. of Psychol. vol. 6, 1894, p. 239) im wesentlichen negative Ergebnisse erhielten.
cc5 Psychische Verbindungen.
als der nämliche wiedererkannt zu werden, so entsteht nun das, was man eine »mittelbare Association« nennt. Hieraus erhellt klar, dass die letztere nur einen Grenzfall der gewöhnlichen dreigliedrigen Associationen bildet. Anzunehmen, das inducirende Mittelglied sei in diesem Fall ein »un- bewusstes«, und es sei daher diese Associationsform ein besonderer Be- weis für die Wirksamkeit unbewusster psychischer Vorgänge überhaupt, dazu liegt in Wahrheit nicht der geringste Grund vor. Denn jener in- ducirende Nebeneindruck hat als directer Sinnesreiz eingewirkt und ist darum sicherlich percipirt, und möglicher Weise sogar appercipirt worden. Erfahrungsgemäß können aber im Bewusstsein gewesene Eindrücke re- producirt werden, ohne dass sie gerade als die nämlichen wiedererkannt werden müssen. Nichts spricht daher dafür, dass hier das inducirende Glied anders wirkt, als es bei jeder Association geschieht. Kommen doch zweifellos auch zahlreiche bloß zweigliedrige Associationen vor, bei denen die inducirend wirkenden Elemente unbemerkt bleiben, und wo ebenfalls der Schein einer rein zufälligen Verknüpfung entstehen kann. Außer- dem aber bietet die Beobachtung alle möglichen Zwischenstufen zwischen der unmittelbaren und der sogenannten mittelbaren Association. Von den Fällen, wo wir den inducirenden Bestandtheil in der zweiten Associa- tion deutlich und unmittelbar wiedererkennen, zu jenen, wo er uns erst nach einigem Besinnen wieder einfällt, und endlich zu jenen, wo dies Be- sinnen keinen Erfolg hat, führt eine ganz continuirliche Stufenfolge1. Es würde also vollkommen willkürlich sein, anzunehmen, bis an die Grenze, wo der letzte dieser Fälle anfängt, spielten sich alle diese Vorgänge noch im Bewusstsein ab, von da an beginne aber die geheimnissvolle Werk- stätte des »Unbewussten«, während es doch vielleicht nur auf eine zu- fällige Disposition des Bevvusstseins ankommt, ob sich der Beobachter auf die inducirende Nebenvorstellung noch besinnen kann oder nicht. Man hat daher wohl ein Recht von »unbemerkten« oder von »dunkler be- wussten« Mittelgliedern solcher Associationen zu sprechen, nimmermehr aber von »unbewussten«2.
Aus allen den Erscheinungen zusammengenommen, die uns inner- halb der oben unterschiedenen fünf Gruppen entgegentreten, und zwischen denen, wie aus ihrer Schilderung hervorgeht, die mannigfachsten Ueber- gänge und Verbindungen vorkommen, ergibt sich nun ohne weiteres, wenn man an sie die Schemata der geläufigen Associationsformen heran- 1 Vgl. hierzu besonders die sehr belehrenden Beobachtungen von Cordes, a. a. O.
2 Vgl. über einen streitigen Fall dieser Art aus der gewöhnlichen Beobachtung, der freilich kaum ein reines Beispiel »mittelbarer Association« ist, da bei ihm eine fortwährende Reizwirkung des inducirenden Eindrucks auf das Bewusstsein stattfand, W. Jerusalem, Philos. Stud. Bd. 10, 1894, S. 323, und meine Bemerkungen hierzu ebend. S. 326.
Associationen. scn bringt, dass die letzteren gegenüber der hier obwaltenden Verkettung der einzelnen Erscheinungen völlig unanwendbar werden. Klar und deutlich stellen sich eben im Lichte einer solchen ins Einzelne dringen- den psychologischen Analyse jene Schemata als nachträgliche logische Classificationen heraus, die als solche über die wirkliche Entstehung und den Zusammenhang der Vorgänge nicht das geringste aussagen. Aber noch mehr, je tiefer man durch vorsichtig ausgeführte Experi- mente in die Analyse der Erscheinungen eindringt, um so deutlicher zeigt es sich, dass die successiven Erinnerungsassociationen als selbständige reproductive Formen des psychischen Geschehens überhaupt nicht vor- kommen, sondern dass die große Mehrzahl der ihnen gewöhnlich zu- gerechneten Fälle entweder nur aus Assimilationen besteht, bei denen inducirender Eindruck und inducirte Vorstellung in ein einziges Product zusammenfließen, oder wo mindestens wesentliche Bestandtheile des ersteren in die letztere hinüberreichen, so dass Zwischenformen zwischen Assimilation und successiver Association zu stände kommen. Insbeson- dere spielen als assimilative Mittelglieder, die leicht übersehen werden, Gefühle eine sehr wichtige Rolle. Unter Umständen können aber auch Empfindungen oder ganze Vorstellungen als solche auftreten. So bleiben schließlich die reinen successiven Erinnerungsassociationen als ein verhältnissmäßig sehr seltener Grenzfall von Assimilation und Com- plication übrig: als ein Grenzfall, der sich allem Anscheine nach dann ergibt, wenn die assimilativ wirkenden Elemente des Eindrucks durch die auftretende Reproduction völlig verdrängt werden, weil die sonstigen Be- standtheile der letzteren dem inducirenden Eindruck allzu sehr wider- streiten. Mit andern Worten: die Association als ein rein successiver Vorgang entwickelt sich aus der Assimilation und gelegentlich auch aus einer simultanen Complication, wenn die unmittelbare Verbindung der Elemente der auf einander wirkenden Vorstellungen Hemmnissen be- gegnet, die eine vollständige Verdrängung des inducirenden Eindrucks bewirken. Freilich aber wird man auch dann noch in sehr vielen Fällen voraussetzen dürfen, dass irgend welche Elemente der inducirenden Vor- stellung in der inducirten persistiren oder mindestens während einer merklichen Zeit persistirt haben, ehe sie durch die disparaten Componenten der inducirten Vorstellung verdrängt wurden.