SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Besitzen die bisher betrachteten Bedingungen der Gedächtniss- leistungen im wesentlichen einen allgemeingültigen Charakter, so machen sich nun aber schließlich neben ihnen stets zugleich gewisse Einflüsse individueller Anlage geltend, die sich, so mannigfach sie variiren, doch wieder auf gewisse Regelmäßigkeiten zurückführen lassen. Derartige individuelle Anlagen bestehen theils in einer specifischen Ausprägung ge- wisser allgemeiner Eigenschaften des Bewusstseins, bei einer verhältniss- mäßig geringen anderer, theils in den eigenthümlichen Unterschieden, die durch das Lebensalter bedingt sind. Dabei lassen sich diese letzteren den ersteren insofern zum Theil unterordnen, als sich manche der indivi- duellen Gedächtnissanlagen Erwachsener den allgemeinen des Kindes mehr als gewöhnlich nähern, also in diesem Sinne als ein Stehenbleiben auf einer früheren Entwicklungsstufe gedeutet werden können. Uebrigens sind die individuellen Unterschiede insofern die allgemeineren, als sie die constanteren sind und die durch das Alter bedingten, wechselnderen zu überdauern pflegen. Sie lassen sich wieder in associative und apperceptive scheiden. Unter den ersteren verstehen wir die vornehm- lich von den ursprünglichen sinnlichen Eigenschaften des Bewusstseins, in geringerem Grade von Gewöhnung und Uebung abhängigen Associationsrichtungen. Solche Richtungen geben sich vornehmlich in dem Vorwalten bestimmter Sinnesgebiete zu erkennen, indem schon bei den simultanen Assimilationen und Complicationen und dann vor allem auch bei den Erinnerungsbildern die Vorstellungen eines bestimmten Sinnes- gebiets prävaliren und sich durch relativ große Empfindungsintensität auszeichnen. Die Beobachtung zeigt, dass in dieser Beziehung vornehm- lich zwei associative Anlagen von ausgeprägt verschiedenem Charakter einander gegenübertreten: der akustisch-motorische und der visuelle Typus. Der erstere dürfte der häufigere sein, und es scheint bei ihm außerdem bald die akustische/ bald die motorische Seite, am häufigsten wohl diese zu überwiegen, während zwar Combinationen zwischen beiden Typen, kaum aber solche vorzukommen scheinen, die man einen visuell- motorischen Typus nennen könnte1. Diese Unterschiede sind nun äußerst versuche während der Einprägung, namentlich solche mit disparaten Sinneseindrücken, wurden mit dem gleichen Erfolg ausgeführt. Aehnlich von A. H. Daniels, Amer. Journ. of Psychol. vol. 6, 1894, p. 558 ff.

1 Vgl. hierzu Metjmann, a. a. O. S. 42 ff. L. G. Whithead, Psychol. Rev. vol. 3, 1896, p. 288. Ch. H. Hawkins, ebend. vol. 4, 1897, p. 289. J. Cohn, Zeitschr. f. Psychol. Bd. 15, 1897, S. 161. E. L. Talbot, Amer. Journ. of Psychol. vol. 8, 1899, p. 414. A. Netschajeff (Ueber Memoriren, Sammlung von Abhandl. zur pädagog. Psychol. Bd. 5, Heft 5, S. 15) unterscheidet 7 Memorirtypen: den visuellen, motorischen, akustischen, visuell-akustischen, visuell -motorischen, motorisch -akustischen und den gleichmäßigen Complexe intellectuelle Functionen. cq-> wichtige associative Grundlagen der Gedächtnissleistungen. Dem visuell Beanlagten reproduciren sich die Vorstellungen, insbesondere auch die Wortvorstellungen, durchweg in Gesichtsbildern, dem akustisch -motorisch Beanlagten in Sprachlauten und Articulationsbewegungen, wobei nament- lich die letzteren auch ganz die ersteren vertreten können. Hervor- ragende Gedächtnissleistungen sind bei jedem dieser Typen möglich, und es ist zweifelhaft, ob in dieser Beziehung einer vor dem andern einen Vorrang einnimmt. So sind namentlich ausgezeichnete Rechenkünstler in beiden Formen beobachtet1. Eher scheint es, dass das unbestimmte, zwischen beiden Richtungen mitten inne stehende Verhalten mit über- normalen Leistungen unvereinbar ist. Vielleicht hängt dies aber auch damit zusammen, dass bei planmäßiger Uebung des Gedächtnisses immer die eine Associationsform, die dann meist zugleich der ursprünglichen Anlage entsprechen wird, einseitig geübt wird. Wichtiger noch für die normale Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses ist die apperceptive An- lage, die nicht minder theils eine ursprüngliche, theils aber und vornehm- lich eine durch Uebung erworbene ist. Sie besteht in der Fähigkeit der Aufmerksamkeit auf die stattfindenden Eindrücke, und in dem sich damit verbindenden Willen sie festzuhalten. Die Gedächtnissschwäche der Imbecillen ist durchaus von dem Mangel dieser Eigenschaft bedingt, die übrigens auch unter normalen Verhältnissen große Abweichungen zeigt. Namentlich hängt damit die bekannte Erfahrung zusammen, dass jeder Mensch für Zusammenhänge, die ihn interessiren, ein besseres Gedächtniss zu besitzen pflegt, als für solche, die ihm gleichgültig sind. Daneben wirkt dann allerdings noch der Umstand mit, dass ihm für solche Gebiete auch reichere Associationen zu Gebote stehen. Dass dieses associative Moment nicht das einzige und nicht einmal das hauptsächlichste ist, ersieht man jedoch daraus, dass Zusammenhänge von an sich völlig interesse- loser Beschaffenheit, wie z. B. sinnlose Silben, ganz ebenso einer plan- mäßigen Einübung zugänglich sind, die nun auch auf künftige Gedächtniss- leistungen ähnlicher Art in hohem Grade fördernd herüberwirkt. So kann es kommen, dass eine Versuchsperson, die ein Erlernen solchen sinnlosen Materials zuerst als unmöglich zurückweist, schließlich darin zu einer ge- wissen Virtuosität gelangt. Diese Einübung ist aber auch hier, wie sich oder unbestimmten. Der letztere kommt ohne Zweifel vor. Ob sich aber der visuell- motorische findet, scheint mir zweifelhaft. Umgekehrt ist dagegen der akustische vielleicht immer mit dem motorischen, und dieser wenigstens sehr häufig mit dem akustischen ver- bunden.

1 Dahin gehören die in neuerer Zeit in dieser Beziehung genauer untersuchten Rechenkünstler, der Savoyarde Inaudi und der Grieche Diamanti. Der erstere rechnete nur akustisch-motorisch, der letztere nur visuell. Inaudi versagte, sobald man seine Ar- ticulationsbewegungen, speciell auch die der Zunge, inhibirte. Vgl. Meumann, a. a. O. S. 44.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl. 3S cqa Psychische Verbindungen.

subjectiv beobachten lässt, mit einer Erhöhung der Aufmerksamkeit auf dieses zuerst zurückgewiesene Material verbunden1.

Mit diesen Verhältnissen hängen offenbar die Unterschiede, die man in den Gedächtnissleistungen der Erwachsenen und Kinder be- obachtet, nahe zusammen. Nach einer weit verbreiteten Meinung soll bei dem gereiften Menschen das »logische«, beim Kinde das »mechanische« Gedächtniss das stärkere sein. In der That dürfte dieser Unterschied in- soweit zutreffen, als jener in der Regel für einen beliebigen mechanischen Memorirstoff kein Interesse besitzt und daher überhaupt keine Mühe darauf verwendet, ihn sich anzueignen, während das Kind hierzu gezwungen wird. An sich ist aber, wie genauere statistische Versuche unter Ein- haltung gleicher sonstiger Bedingungen zeigen, diese Annahme falsch. Vielmehr ist das Gedächtniss des erwachsenen Menschen über- haupt leistungsfähiger als das des Kindes, und dieser Vorzug be- zieht sich ebensowohl auf sinnloses Material wie auf logisch zusammen- hängende Verbindungen2. Der Hauptgrund dieses Unterschiedes ist jedenfalls auch hier wieder die stetigere Aufmerksamkeit und der festere Wille, die dem Erwachsenen jedem beliebigen Material gegenüber zu Gebote stehen. Daneben wird freilich auch das associative Moment nicht fehlen: die Associationen sind reicher, die Assimilations- und Com- plicationshülfen, über die das gereifte Bewusstsein verfügt, sind mannigfaltiger. Doch gerade dem sinnlosen Material gegenüber kommen solche associative Hülfen am wenigsten in Betracht; und so fällt wohl, im Gegensatze zu der geläufigen Meinung, der Hauptantheil der Leistung besonders bei der rein mechanischen Gedächtnissübung der stetigen Auf- merksamkeit zu, indess logische Zusammenhänge weit mehr zugleich durch Associationen gefördert werden3. Nach diesen charakteristischen Unterschieden in den Gedächtnissleistungen der Kinder und Erwachsenen sind nun auch die Unterschiede der letzteren, soweit sie nicht auf den oben erwähnten Sinnesanlagen beruhen, wiederum zu beurtheilen. Ins- besondere spielt hier theils die dem Menschen allgemein eigene Energie der Aufmerksamkeit, theils aber der überaus abweichende Umfang, in dem diese Energie zur Verwendung kommt, die wesentliche Rolle. Die associativen Gedächtnisshülfen sind diesem apperceptiven Factor gegen- über durchweg erst das Secundäre. Denn durch die Energie und Rich- tung der Aufmerksamkeit werden erst die Associationen wirksam, die der Gedächtnissleistung im einzelnen zu statten kommen.

3 Aus der sehr reichen Litteratur über die Entwicklung des Gedächtnisses beim Kinde seien hier, außer den schon angeführten -Arbeiten, noch genannt: Bolton, Amer. Journ. of Psychol. vol. 4. 1892, p. 362. Bourdon, Rev. philos. t. 37, 1894. p. 148. NETSCHAJEFF, Zeitschr. für Psychol. Bd. 24, 1900, S. 321.

Complexe intellectuelle Functionen. cqc d. Allgemeine Theorie der Gedächtnissleistungen.

Die individuellen und die Altersunterschiede setzen noch einmal den psychologischen Charakter der Gedächtnissleistungen, wie er schon in allen vorangegangenen Thatsachen zu erkennen war, in ein deutliches Licht. Diese Leistungen sind nicht, wie zumeist angenommen wird, ganz und gar oder höchstens unter nebensächlicher Theilnahme anderweitiger intellectueller Momente Associationen, sondern sie sind in erster Linie apperceptive Functionen. Sie setzen als solche natürlich von Anfang an Associationen voraus, und sie bethätigen sich durchaus nur in der willkürlichen Bevorzugung bestimmter Associationsrichtungen und in der Hemmung anderer, die außerhalb des von der Aufmerksamkeit festge- haltenen Gebietes liegen. Zugleich gehen aber fortwährend, gemäß dem allgemeinen Princip der Mechanisirung der psychischen Zusammenhänge, die ursprünglich durch die Aufmerksamkeit gehobenen Verbindungen in leichter und leichter verfügbare Associationen über, durch welche die Glieder einer Reihe einander folgender Vorstellungen, mögen diese nun in bestimmten Gedankenbeziehungen stehen oder rein äußerlich und zu- fällig einander folgen, immer sicherer fixirt werden. Auf diese Weise ist jede Gedächtnissleistung, von der rein mechanischen Aneignung sinnloser Silben an bis zu der Einprägung eines verwickelten logischen Gedankenzusammenhangs, ein apperceptiv-associativer Vorgang.

Innerhalb dieses Vorgangs ist nun besonders der elementare Pro- cess, auf den die associativen Componenten zurückgehen, nämlich die Reproduction' der früher dargebotenen Eindrücke, abgesehen davon, dass sie hier planmäßig und unter fortwährender willkürlicher Lenkung geschieht, durchaus gebunden an die Association. Wie schon bei den sonstigen, nicht dem specifischen Gebiet der Gedächtnissleistungen zuge- hörigen Reproductionen von Erinnerungsbildern, so gibt es auch hier, wie wir mit größter Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, keine Repro- duction ohne Association. Ist es auch selbstverständlich unmöglich, in jedem einzelnen Fall einen strengen Beweis für die Richtigkeit dieses Satzes zu geben, so enthalten doch wieder gerade die Gedächtniss- functionen mannigfache Thatsachen, die auf denselben hinweisen. So ge- lingt es bei diesen Versuchen um so vollständiger, je kürzer die repro- ducirten Reihen sind, die Reproductionen auch da, wo sie etwa einmal von der aufgegebenen Reihe abweichen, auf bestimmte Nebenassocia- tionen zurückzuführen. Es liegt also nahe anzunehmen, dass dies bei länger zurückliegenden Reihen nur deshalb nicht gelingt, weil uns hier die Nebenbedingungen der Beobachtung naturgemäß mehr entgehen. Nicht minder weist die Thatsache, dass das Memoriren im Ganzen cq5 Psychische Verbindungen.

erfolgreicher ist als das bruchstückweise, deutlich darauf hin, dass die Reproduction um so leichter gelingt, je mehr zu den primären associa- tiven Wirkungen der nächst verbundenen Glieder secundäre der weiter entfernten hinzutreten. Endlich ist der Einfluss des zu jeder irgend erheb- lichen Gedächtnissleistung unerlässlichen Zustandes gespannter Aufmerk- samkeit nur verständlich, wenn man diesen Einfluss als eine hemmende Wirkung auf abweichende Associationen auffasst. Dies setzt aber voraus, dass es fortwährend eine große Zahl associativer Erregungen in unserem Bewusstsein gibt, von denen viele durch diese hemmende Function der Apperception zurückgehalten werden, so dass nun eben hierdurch jene Bevorzugung bestimmter Associationsrichtungen entsteht, die wir beim planmäßigen Memoriren beobachten1. Hätten die sogenannten »Spuren« früherer Vorstellungen an und für sich und ohne jede associative Wir- kung die Eigenschaft, aus ihrem latenten wieder in den actuellen Zustand überzugehen, so würde nicht erklärlich sein, dass die Neigung in das Bewusstsein zurückzukehren offenbar auf das engste mit der Vielseitigkeit der associativen Verbindungen zusammenhängt, wie sie ja besonders in den Assimilationen in einer Weise zum Ausdruck kommt, welche die Aufsuchung der einzelnen zu einer Gesammtwirkung beitragenden Vorstellungen völlig ausschließt. Oft wiedergekehrte Vorstellungen wieder- holen sich also, wie wir annehmen dürfen, deshalb gelegentlich auch ohne ein sicher erkennbares associatives Band, weil gerade für sie solche Asso- ciationsbeziehungen überall und nach den verschiedensten Richtungen hin existiren. Auf diese Weise treten auch die Gedächtnisserscheinungen theils direct theils indirect für den Satz ein: es gibt keine »frei aufsteigen- den« Vorstellungen. In der That war ja übrigens auch meist die An- nahme solcher Vorstellungen, wie dies namentlich die HERBART'sche Psychologie deutlich zeigt, nicht sowohl ein Ergebniss der Beobachtung, als eine Folgerung aus der Substantialisirung der Vorstellungen und den an diese geknüpften Hypothesen2.

Die Psychologie des Gedächtnisses erfreut sich in der neueren Litteratur einer ungewöhnlichen Theilnahme, so dass die Zahl der Arbeiten über dieses Gebiet fast unabsehbar ist3. Während man sich früher auf diesem Gebiet 3 Ich hebe hier von allgemeineren Werken, außer den oben schon gelegentlich er- wähnten, noch hervor: Fauth, Das Gedächtniss, Samml. von Abhandl. aus der pädagog. Tsychol. Bd. 1, Heft 5, 1898. Biervliet, La memoire, 1902. Ribot, Les maladies de la memoire, 1881. A. Lasson, Das Gedächtniss, 1894. Von Einzelarbeiten seien rerner genannt: Münsterberg, Beiträge zur exper. Psycho!. Heft 4, 1892, S. 69 ff. W. G.Smith, Relation of attention to memory, Mind, 1895, -p. 47 ff. Ribot, Memoire affective, Rev. phil. t. 38, 1894, p. 376 Titchener, Affective memory, Philos. Rev. vol. 4, 1895, p. 65. Tannery, Memoire dans le reve, Rev. phil. t. 45, 1898, p. 636.

Complexe intellectuelle Functionen. cqj auf die Erscheinungen beschränkte, die sich im gewöhnlichen Leben von selbst bieten, etwa noch ergänzt durch die Schilderung besonders auffallender Gedächtnissleistungen, hat auch hier die Anwendung der experimentellen Me- thode zu manchen exacter formulirbaren oder selbst gänzlich unerwarteten Ergebnissen geführt, wie dies einzelne der oben erwähnten Resultate erkennen lassen. Das nächste experimentelle Verfahren, das namentlich Ebbinghaus in seiner gründlichen und methodisch durchgeführten Arbeit über das Ge- dächtniss anwandte, schloss sich unmittelbar an das gewöhnliche Memoriren an. Diese dann weiterhin von den meisten Beobachtern benutzte Lern- methode besteht darin, dass man den als Untersuchungsmaterial verwendeten Lernstoff (sinnlose Silben, Wörter oder Sätze) entweder so lange wiederholt, bis er fehlerlos hergesagt werden kann, oder dass man nach einer gewissen Zahl von Wiederholungen die Zahl der Fehler bestimmt, die bei der freien Wiederholung begangen werden. Dabei können dann natürlich der Umfang des Memorirstoffs, die Pausen zwischen den Wiederholungen u. a. beliebig variirt, sowie sonstige Nebenbedingungen, rückläufige Wiederholungen u. s. w. untersucht werden1.

Obgleich die Lernmethode, auf diese Weise planmäßig durchgeführt, mannigfache interessante Resultate ergeben hat, so leidet sie doch augen- scheinlich an Uebelständen, die nur durch Herbeiziehung experimenteller Hülfsmittel beseitigt werden können. So ist es namentlich bei ihr kaum möglich, die Bedingungen der Geschwindigkeit der auf einander folgenden Eindrücke vollkommen constant zu erhalten, oder die Complicationen der akustischen, visuellen und motorischen Erregungen zu scheiden, oder endlich die Versuche mit Bestimmungen der Reproductionszeiten zu verbinden. G. E. Müller bildete daher in mit Schumann und Pilzecker unternommenen Ver- suchen eine andere Methode aus, die er als die Treffermethode bezeich- net. Bei ihr wirken sinnlose Laute oder Wörter als visuelle Eindrücke in genau durch instrumentelle Vorrichtungen geregelter Weise, dabei aber zu- gleich in bestimmten einzelnen Verbindungen ein. Zu diesem Zweck wurde in Müllers Versuchen das Gedächtnissmaterial auf einer rotirenden Trommel so angebracht, dass je zwei Silben, die meist im trochäischen Metrum ge- lesen wurden, mit einander verbunden waren. In darauf folgenden Versuchs- reihen wurden dann die betonten Silben allein vorgezeigt und die Versuchs- person aufgefordert, die zugehörige unbetonte zu nennen, oder es wurden, um Hemmungen zu erzeugen, in verschiedenen Versuchsreihen die gleichen Silben in wechselnder Weise combinirt, um dann erst Reproductionsversuche auszuführen u. s. w. Es ergaben sich so aus einer großen Zahl solcher unter gleichartigen Bedingungen vorgenommener Versuche richtige Fälle (»Tref- fer«), falsche und Nullfälle (in denen überhaupt keine Silbe associirt wurde), welches Versuchsmaterial nunmehr nach den Principien der r- und /-Methode (Bd. i, S. 482 ff.) behandelt werden konnte. Dabei ließ sich außerdem die »Associationszeit« messen, die vom Vorzeigen einer Silbe bis zur Reproduction der zu ihr ergänzten verfloss2. Bietet nun diese Methode auch den großen Vortheil, eine genauere Regulation der Geschwindigkeiten und Zwischenzeiten sowie Messungen der Einwirkungs- wie Reproductionszeiten zuzulassen, so 1 Ebbinghaus, Ueber das Gedächtniss, S. 30 ff.

2 Müller und Schumann, Zeitschr. f. Psycho]. Bd. 6, S. 95 ff., Ergänzungsbd. 1, S. 3 ff.

rqg Psychische Verbindungen.

leidet sie doch an andern Uebelständen, von denen die Memorirmethode frei ist, so dass sich diese immerhin in den bisherigen Versuchen einer vielseitige- ren Verwendung fähig gezeigt hat. Erstens nämlich ist die Treffermethode auf ein ziemlich eng begrenztes Gebiet von Problemen eingeschränkt, auf alle diejenigen Gedächtnissleistungen nämlich, die der einfachen Reproduction noch verhältnissmäßig nahe liegen, während die Untersuchung zusammen- hängender Reihen, also gerade die Aufgaben, die dem eigentlichen »Lern- problem« entsprechen, bei ihr hinwegfallen. Es hängt dies mit einer gewissen Einseitigkeit zusammen, die sich in den Gedächtnissversuchen überhaupt gel- tend gemacht hat, insofern man bei ihnen nach dem Vorgang von Ebbing- haus durchweg das sinnlose Material bevorzugte. Man beabsichtigte damit, den einfachen Reproductionsbedingungen möglichst nahezukommen. Für diesen Zweck einer Untersuchung der einfachen Reproduction eignen sich jedoch eigentliche Lernversuche überhaupt weniger als die früher geschilderten Me- thoden einfacher und einmaliger Reizeinwirkung unter Variirung der Zwischen- zeit (S, 482 ff.). Handelte es sich aber einmal darum, die Gedächtnissleistungen in dem ganzen Umfang ihrer Bedingungen zu erforschen, so bedeutet hier die Anwendung sinnlosen Materials so zu sagen ein gewaltsames Zurückdrängen eines großen Theils derjenigen Bedingungen, die von der Aufmerksamkeit und den apperceptiven Processen überhaupt ausgehen. Ganz lassen sich nun freilich diese Bedingungen nicht unterdrücken. Dies verräth sich nicht bloß darin, dass diese Versuche ohne fortdauernde gespannte Aufmerksamkeit über- haupt nicht ausführbar sind, sondern auch darin, dass bei sinnlosem Material, wie besonders die Versuche von Müller und Pilzecker gezeigt haben, rioth- wendig eine willkürliche Rhythmisirung zu Hülfe gezogen werden muss, um überhaupt zureichende Gedächtnissleistungen zu stände zu bringen. Solche Rhythmisirungen sind aber eben nur apperceptive Gliederungen einfachster Art, und es schließt sich daher an sie nothwendig die weitere Frage an, wie sich nun die Gedächtnissleistungen verhalten, wenn diese einfachen in zu- sammengesetztere Aufmerksamkeitsprocesse übergehen. Auf diese Frage versagt natürlich die Treffermethode. Auch sind die bei ihr angewandten instrumen- tellen Hülfsmittel nicht geeignet, auf solche zusammenhängende Leseversuche überhaupt ausgedehnt zu werden. Da sich nämlich die Kymographiontrommel, auf der sich das Silben material befindet, stetig mit gleichförmiger Geschwin- digkeit bewegt, so darf diese nicht über eine gewisse ziemlich niedrige Grenze gesteigert werden, wenn sich nicht die aufeinanderfolgenden Schriftzeichen verwischen sollen. Man ist daher nicht im stände, auf diesem Wege eine Bewegung herzustellen, die der normalen Lesegeschwindigkeit entspricht; und wenn man es thun könnte, so würden die Bedingungen immerhin von denen, die beim Lesen zusammenhängender Wortreihen stattfinden, wegen der con- tinuirlichen Eindrücke so sehr abweichen, dass die Versuche dadurch empfind- lich gestört werden müssten. Uebrigens darf nicht verschwiegen werden, dass diese Uebelstände schon bei den mäßigen Geschwindigkeiten, auf die man sich bei der »Treffermethode« und bei der Verwendung zusammenhanglosen Materials beschränken darf, nicht ganz fehlen können. Das Lesen continuir- lich bewegter Lautbilder bleibt unter allen Umständen eine für das Auge ungewöhnlich anstrengende, im Vergleich mit dem normalen Lesen abnorme und bei den meisten Menschen auf die.Dauer Schwindel und Kopfschmerz erregende Beschäftigung.

Complexe intellectuelle Functionen.

Diese Uebelstände haben in neuerer Zeit zur Construction verschiedener Apparate geführt, bei denen die einwirkenden Gesichtsobjecte während einer kurzen Zeit dem Auge ruhend dargeboten werden, um dann in Folge einer momentanen Bewegung einem andern Gesichtsobject Platz zu machen. So wird bei dem von Kraepelin beschriebenen »Kartenwechsler« durch einen Hebeldruck plötzlich eine mit einem Wort beklebte Karte sichtbar, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden1. Speciell für Gedächtnissversuche ist es jedoch zweckmäßig, einen solchen Wechsel des Leseobjects automatisch durch den Apparat selbst und mit variirbarer Geschwindigkeit ausführen zu lassen. Dies geschieht bei einem von Ranschburg angegebenen Apparat dadurch, dass die Bewegung der Schriftbilder ruckweise auf elektromagnetischem Wege aus- gelöst wird, während zugleich die Zeitfolge dieser Auslösungen durch ein mit Vorrichtungen zur Stromschließung versehenes Metronom regulirt ist2. Die Apparate von Kraepelin und von Ranschburg haben nur den gerade bei den Gedächtnissversuchen störenden Nachtheil, dass das Vorspringen der Ge- sichtsobjecte mit einem ziemlich lauten Geräusch verbunden ist. Letzterer Uebelstand ist endlich ganz beseitigt bei dem nach einem analogen Princip construirten »Gedächtnissapparat« von W. Wirth, der überdies durch seine Verbindung mit verschiedenen die Unterbrechungen regulirenden Hülfsappa- raten der vielseitigsten Verwendung sowohl zu Lese- und Memorirversuchen wie zu sogenannten »Trefferversuchen« fähig ist. Die Fig. 379 zeigt diesen Fig. 379. Gedächtnissapparat, nach Wirth. Seitliche und vordere Ansicht.

Apparat rechts von vorn, links von der Seite gesehen, die Fig. 380 zeigt, nach Entfernung der deckenden Schirmplatte, die elektromagnetischen Auslösungs- 2 Ranschburg, Monatsschrift, für Psychiatrie und Neurologie, Bd. 10. E. Zimmer- manns Preisliste über psychol. und physiol. Apparate, Nr. XVIII, 1903, Nr. 56.

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Vorrichtungen. Ueber die Trommel T von etwa 8 cm Durchmesser ist ein Papierstreifen P von beliebiger Länge geschlungen, auf dem sich die Seh- objecte befinden. Mit der Trommel ist im Innern des Uhrkastens ein an seiner Peripherie mit Stiften versehenes Rad R verbunden (Fig. 380). In diese Stifte greifen die Anker zweier kleiner Elektromagnete ein, um in dem Augenblick, wo durch ein (zur Vermeidung von Geräuschen im Nebenzimmer aufgestelltes) Metronom oder durch eine andere Strom- unterbrechungsvorrichtung die Anker ge- löst werden, eine plötzliche Fortbewegung der Trommel um einen Theilstrich zu bewirken. Die Fortbewegung wird durch das Gewicht G bewirkt. Der eine Pol der Batterie wird mit der Klemme K verbunden, während der andere durch Cj und C2 zu den beiden Elektromagne- ten geht. Durch die Feder F und die Stellschraube U kann die Lage des Papier- streifens auf der Trommel fixirt werden. Zur Beobachtung dient das Diaphragma Z>, das in dem vor der Seitenwand k des Uhrgehäuses stehenden Schirm S ange- bracht ist. Abgesehen von der völligen Geräuschlosigkeit besteht ein Vorzug die- ses Apparates darin, dass er, wenn man den Universal-Contactapparat (Fig. 347, S. 2>6z) statt des Metronoms zur Stromunterbrechung verwendet, jede beliebige Geschwindigkeit, also auch Versuche über zusammenhängendes Lesen gestattet1. Auf ihre nach der »Treffermethode« ausgeführten Versuche gründen Müller und Pilzecker eine allgemeine Theorie des Gedächtnissmechanismus, die in mancher Beziehung an die Aufstellungen Herbarts über die Kräfte, die das Aufsteigen der Vorstellungen im Bewusstsein erklären sollen, zurück- erinnern. Danach soll das ganze Spiel der Gedächtnissphänomene auf zwei Grundtendenzen zurückzuführen sein: auf eine durch die Association bedingte »Reproductionstendenz«, und auf eine an und für sich jeder einmal in das Bewusstsein eingetretenen Vorstellung zukommenden »Perseverationstendenz«. Die letztere soll für kurz vorangegangene Vorstellungen am stärksten sein, hierauf aber mit der Zeit rasch abklingen, und sie soll namentlich dann zur Wirksamkeit kommen, wenn andere, die Aufmerksamkeit auf sich ziehende Bewusstseinsinhalte nicht vorhanden sind. Beide Tendenzen sollen sich nun besonders auch bei verschiedenen Menschen abweichend verhalten, indem bald die eine bald die andere überwiege. Als beweisend für die Existenz einer Perseverationstendenz betrachten die Verff. theils die Beobachtung, dass sich bei manchen Personen gewisse Vorstellungen, z. B. bei den Trefferver- suchen gewisse sinnlose Silben, immer und immer zur Reproduction drängen, theils aber auch die Erscheinungen bei Hallucinationen, beim plötzlichen, scheinbar unmotivirten Auftauchen früher gesehener Bilder u. s. w.2. Es