Unter dem Namen der »Hypnose« fassen wir eine Reihe von Zu- ständen zusammen, die dem Schlafe verwandt sind, von ihm aber im allgemeinen dadurch sich unterscheiden, dass nur ein Theil der während des Schlafes ruhenden Functionen gehemmt erscheint. Schon das Schlaf- wandeln zeigt daher einen den hypnotischen Zuständen ähnlichen Cha- rakter, nicht bloß wegen der erhalten gebliebenen Körperbewegungen, sondern auch wegen der größeren Erregbarkeit der Sinne für äußere Ein- drücke, durch welche die eintretenden Vorstellungen den normalen Sinnes- wahrnehmungen mehr gleichen als im gewöhnlichen Schlafe.
Wie nun das Nachtwandeln eine auf wenige Individuen beschränkte Form des Traumes ist, so zeigt auch die Neigung zu hypnotischen Zu- ständen große individuelle Unterschiede. Der Eintritt derselben wird durch gleichförmige oder gleichförmig wiederholte Sinnesreize begünstigt. Leise Tasteindrücke, z. B. wiederholte Bewegungen der Hände über das Gesicht der Versuchsperson, längeres Anstarren eines glänzenden Gegen- standes, gleichförmige Schallreize, wie das Tiktak der Uhr, pflegen so namentlich die erste Entstehung hypnotischer Zustände zu erleichtern, wogegen sie bei öfter hypnotisirten Personen entbehrt werden können. Den wesentlicheren Einfluss üben dagegen psychische Momente aus. So kann bei empfänglichen Individuen, deren Reizbarkeit durch häufige Versuche dieser Art gesteigert ist, der bloße Befehl des Hypnotisators Heerwagen, Philos. Stud. Bd. 5, 1889, S. 301 ff.
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unmittelbar den Eintritt des Zustandes herbeiführen. Nicht minder wirkt die Vorstellung, dass etwas Ungewöhnliches sich ereigne, namentlich aber der feste Glaube an das Gelingen des Versuchs begünstigend; ja die bloße Vorstellung, dass zu einer bestimmten Zeit oder in Folge irgend einer vielleicht nur vermutheten äußeren Einwirkung der hypnotische Schlaf eintreten werde, kann diesen ohne weiteres erzeugen. Alle diese psychischen Beeinflussungen, die theils den Zustand herbeiführen, theils den Verlauf und die Erscheinungen desselben bestimmen, pflegt man unter dem Namen der Suggestion zusammenzufassen.
Die hypnotischen Erscheinungen selbst gestalten sich nun nach dem Grad der stattgehabten Einwirkung und nach der Empfänglichkeit der Indivi- duen verschieden. Es lassen sich so drei Grade unterscheiden, wobei zu- gleich jede in der Regel das Vorbereitungsstadium der folgenden ist, und die übrigens ohne scharfe Grenzen in einander übergehen1. Sie sind als leichter, als tiefer hypnotischer Schlaf und als Somnambulie, der erste zuweilen auch als Lethargie, der zweite nach einzelnen Symptomen als kataleptischer Zustand bezeichnet worden. Die erste dieser Stufen unterscheidet sich wenig von einem gewöhnlichen leichten Schlaf oder Halbschlaf: die Augen schließen sich, Athmung und Herz- schlag werden schwächer, der Körper bleibt meist unbeweglich in der vor dem Schlaf eingenommenen Lage. Völlig verschieden davon ist das Bild der zweiten Stufe. Sie ist sehr häufig durch den Eintritt eines kataleptischen Starrezustandes ausgezeichnet: die Glieder setzen passiven Bewegungen keinerlei Widerstand entgegen, sie nehmen jede, auch die gezwungenste Lage an, in die man sie bringt, und verharren in derselben, so lange der Zustand oder der ertheilte Befehl dauert, unverändert. Der Uebergang aus dem ersten in das zweite Stadium kann unter günstigen Umständen ohne weiteres herbeigeführt werden, wenn man durch Emporziehen des Augendeckels das Auge des Schlafenden passiv dem Lichte öffnet. Auf diese Weise kann sogar, wenn die Manipulation nur am einen Auge geschieht, die Katalepsie halbseitig eintreten, während die andere Körperhälfte in Lethargie verbleibt. Uebrigens kann auch von vornherein der hypnotische Zustand halbseitig erzeugt werden, wenn man 1 Vgl. besonders die Schilderungen von Bernheim, Die Suggestion, deutsch von S. Freud, 1888, S. 21 ff., und von A. Forel, Der Hypnotismus2, 1891. A. Moll, Der Hypnotismus2, 1890. Lehmann, Die Hypnose, 1890. Max Hirsch, Suggestion und Hypnose, 1893. O. Vogt, Zur Kenntni-s des Wesens und der psychol. Bedeutung des Hypnotismus, Zeitschr. für Hypnotismus, Bd. 3 — 6. Th. Lipps, Sitzungsber. der Münchener Akad. 1897. Zeitschr. für Hypnotismus, Bd. 6. S. 94 ff. lieber die hier hereinreichenden pathologischen Zustände vgl. W. Hellpach, Die Grenzwissenschaften der Psychologie, 1902, S. 379 ff. Ueber das Verhalten des Pulses, der Atbmung und der übrigen, phy- siologischen Functionen während des hypnotischen Zustandes siehe H. Beaunis, Etudes physiologiques et psychologiques sur le somnambulisme provoque, 1886, p. 17 ff.
Hypnotische Zustände. 56s die oben erwähnten Bestreichungen nur auf der einen Körperseite vor- nimmt. Bei fortgesetzter Einwirkung, bei sehr reizbaren und oft hypno- tisirten Personen, zuweilen aber auch unmittelbar nach einem kurzen lethargischen Vorstadium erfolgt der Uebergang zur dritten Stufe, der Somnambulie. Sie herbeizuführen gelingt nur bei solchen, die hierzu günstig disponirt sind; namentlich die extremeren Erscheinungen sind nur an hysterischen oder durch häufige Hypnotisirung sehr reizbar gewordenen Personen beobachtet. Dieses Stadium ist dadurch ausgezeichnet, dass in ihm die Sinne wieder functioniren, und die Bewegungsorgane willkürliche Bewegungen ausführen können. Doch geschieht beides in einer einseitig beschränkten, von den Bedingungen des wachen Zustandes wesentlich verschiedenen Weise. Diese Beschränkung verräth sich hauptsächlich in der Einengung der Apperceptionsfähigkeit auf ganz bestimmte äußere Einwirkungen, während für sonstige Sinnesreize völlige Unempfindlichkeit bestehen kann. Unter den erregungsfähigen Sinnesreizen stehen aber die Einwirkungen des Hypnotiseurs oben an. Während der Hypnotisirte die an ihn gerichteten Worte und Zurufe anderer Personen in der Regel völlig unbeachtet lässt, gegen Nadelstiche •'und andere schmerzerregende Reize nicht selten völlige Analgesie zeigt, kommt er den Winken und Befehlen jener einen Person pünktlich nach und bildet sich nach ihren Eingebungen phantastische Vorstellungen, welche die Lebhaftigkeit un- mittelbarer Sinneswahrnehmungen erreichen können. So entwickeln sich die Erscheinungen der von HEIDENHAIN so genannten Befehlsautomatie und der suggerirten Hallucinationen1. Der Hypnotische ahmt die Bewegungen nach, die man ihm vormacht, oder führt widerstandslos ihm gegebene Befehle aus. Das Stattfinden von Illusionen und Hallucinationen in Folge der eingegebenen Vorstellungen spiegelt sich in ausgeführten Handlungen und in dem mimischen Gesichtsausdruck. Gewöhnlich werden diese Suggestionen nach dem Erwachen vergessen; doch gelingt es häufig sie durch Erweckung einer in ihnen vorkommenden Vorstellung wieder in das Gedächtniss zurückzurufen. Objective Eindrücke können in fast beliebig veränderter Weise appercipirt werden. Der Hypnotische isst z. B. auf Befehl eine rohe Zwiebel, die man ihm für einen Apfel ausgibt, oder er trinkt Tinte statt Wein, ohne in seinen Mienen eine widrige Ge- schmacksempfindung zu verrathen. Er sieht auf einem weißen Blatt Papier ein farbiges Kreuz, das man ihm beschreibt, ohne dass es vor- handen ist, ja die eingegebene Empfindung kann das ihr entsprechende Nachbild in der Contrastfarbe zurücklassen2. Endlich ist der Hypnotiseur 1 Heidenhain, Der sogenannte thierische Magnetismus4, S. 47 ff.
2 Delboeuf, Une visite a la Salpetriere, 1886, p. 7 ff. (Extrait de la Revue de Belgique.)
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im stände durch die Fragen, die er stellt, und durch die Befehle, die er ertheilt, nach Willkür die Vorstellungen auf vergangene Ereignisse zu lenken. Dabei zeigt sich das Gedächtniss vielfach durch die Einengung des Bewusstseins auf die angeregte Vorstellungsreihe in ungewöhnlichem Maße geschärft, und hiermit pflegt sich auch in dem Sinne ein widerstands- loses Hingeben an die angeregten Vorstellungen und Handlungen zu ver- binden, als die Fähigkeit, sich der Antwort auf gestellte Fragen zu ent- ziehen, ganz verloren gegangen scheint. Ebenso wie ein absichtliches Verschweigen der Gedanken ist die absichtliche Lüge, wenigstens in den meisten Fällen, ausgeschlossen.
Bei ausgeprägter Somnambulie kann diese endlich nach eingetretenem Erwachen aus dem hypnotischen Schlaf Nachwirkungen hinterlassen. Der Somnambule führt jetzt erst Befehle aus, die ihm während des Schlafes gegeben wurden, oder er handelt unter dem Einfiuss der ihm früher ein- gegebenen und zu einer bestimmten Zeit reproducirten Vorstellungen. Zu diesen posthypnotischen Wirkungen gehört es namentlich, dass er nach einer gegebenen Zahl von Stunden, manchmal auch von Tagen und Wochen, dem vorausgegebenen Befehl gemäß in neuen hypnotischen Schlaf verfällt oder eine bestimmte Handlung vornimmt, z. B. einen be- stimmten Besuch ausführt, bei dieser Gelegenheit gewissen ihm einge- gebenen phantastischen Illusionen anheimfällt, etwa den Beobachter in blauem Mantel, mit Hörnern auf dem Kopfe erblickt u. dergl. Auch in dem Sinne aber kann die Macht der eingegebenen Vorstellung nach- wirken, dass sie auf die somnambule Person selbst Wirkungen äußert, die dem an und für sich gar nicht existirenden Object der eingegebenen Vorstellung entsprechen. So kann z. B. durch aufgeklebtes Briefmarken- papier die Wirkung eines Zugpflasters erzielt werden, nachdem die Vor- stellung eingegeben war, dass das Papier wirklich ein Zugpflaster sei. Es ist wahrscheinlich, dass manche der vorgeblichen Wundererscheinungen des natürlichen Somnambulismus mit ähnlichen subjectiven Wirkungen zusammenhängen.
b. Psychophysische Grundlagen und Theorie der Hypnose.
Die inneren Ursachen der hypnotischen Zustände sind ebenso wenig wie die des Schlafes mit Sicherheit ermittelt. Auch stand der mystische Zauber, der schon wegen ihrer Seltenheit die Erscheinungen in den Augen Vieler umgab, sowie der betrügerische Missbrauch, der mit ihnen getrieben wurde, einer wissenschaftlichen Prüfung lange Zeit, und steht ihr zum Theil noch gegenwärtig störend im Wege. Bei der nahen Ver- wandtschaft, welche die eintretenden Veränderungen des Bewusstseins mit den im Schlafe stattfindenden darbieten, werden aber jedenfalls hier Hypnotische Zustände. 56 7 ähnliche ursächliche Verhältnisse anzunehmen sein. In der That ist es augenfällig, dass der größte Theil der Erscheinungen sich als eine Hemmungswirkung auffassen lässt, welche sich nach der physischen Seite als eine Hemmung des Apperceptionsorgans, nach der psychischen als eine Willenshemmung zu erkennen gibt. Dass durch äußere Sinnes- reize derartige Hemmungen herbeigeführt werden können, ist eine auch sonst bekannte Thatsache. Die einfachsten Fälle solcher durch Reizung sensibler Nerven hervorgebrachten Hemmungen sind die früher be- sprochenen Reflexhemmungen1. Bei der Hypnose ist nun nicht an eine Hemmung der centralen Reflexorgane zu denken, da im Gegentheil die Reflexerregbarkeit durch das Hinwegfallen der normalen Hemmungsein- flüsse, die von den höheren Centralorganen ausgehen, gesteigert erscheint. Ebenso lässt das Fortbestehen der Bewegungsreflexe des Auges sowie der zusammengesetzten zweckmäßig coordinirten Körperbewegungen auf eine ungehemmte Function der Vier-, Seh- und Streifenhügel zurück- schließen. Die Stätte der Hemmungswirkungen kann also nur in der Hirnrinde gesucht werden. Gleichwohl deuten auch hier die Erscheinungen auf ein Fortbestehen und im Stadium der Somnambulie sogar auf eine Steigerung gewisser Functionen hin. Das Bewusstsein ist sichtlich nicht aufgehoben: Vorstellungen werden vollzogen und theils unter dem Ein- fluss der Suggestion phantastisch assimilirt, theils in entsprechende Be- wegungen umgesetzt. Weder die Nachahmungsbewegungen noch die Reactionen auf zugerufene Befehle lassen sich als Reflexbewegungen auf- fassen, sondern sie sind Handlungen, die von Vorstellungen ausgehen, bei denen aber die hemmende und regulirende Wirksamkeit des Willens ausgeschlossen ist. Die Sinnes- und Bewegungscentren sind also in relativ ungehemmter Thätigkeit, und selbst die Function der Apperception erscheint nicht völlig aufgehoben; aber sie ist ganz auf jene passive Apperception beschränkt, die sich widerstandslos den in den Sinnescentren entstandenen Vorstellungen hingibt und Bewegungserregungen auslöst, die den gebildeten Sinnesvorstellungen conform sind. Die ausgeführten Be- wegungen haben also im allgemeinen den Charakter von Triebbewe- gungen, und der Nachahmungstrieb spielt bei der Erzeugung derselben eine hervorragende Rolle. Uebrigens finden sich in dem Grade der Hemmung apperceptiver Functionen offenbar mannigfache Abstufungen: sie ist im somnambulen Zustand eine geringere als bei der bloßen Nach- ahmungsbewegung und der einfachen Befehlsautomatie, und bei dieser wahrscheinlich wieder eine geringere als bei der tiefen Hypnose, bei der manchmal bloß die Eingebung von Vorstellungen den Fortbestand des 668 Anomalien des Bewusstseins.
Bewusstseins verräth. Bei der eigentlichen Somnambulie ist aber außer- dem unverkennbar eine gesteigerte Erregbarkeit der Sinnescentren gegenüber den assimilirten Eindrücken vorhanden, die den eingegebenen Vorstellungen den Charakter von Illusionen und Hallucinationen verleiht. Diese gesteigerte Erregbarkeit werden wir nun muthmaßlich auf das nämliche Princip neurodynamischer Wechselwirkungen zurückführen können, aus dem der hallucinatorische Charakter der Traumvorstellungen verständlich wird1. Ein je größerer Theil des Centralorgans sich in einem Zustande functioneller Latenz befindet, um so größer wird die Reizbarkeit des functionirenden Restes. Dies vorausgesetzt werden nun die Erscheinungen der Hypnose wesentlich durch zwei Momente, in denen sie von den Bedingungen des gewöhnlichen Schlafes und Traumes abweichen, ihr eigenthümliches Gepräge empfangen: erstens wird die Steigerung der Reizbarkeit voraussichtlich eine größere sein können, weil nicht, wie beim normalen Schlaf, eine Erschöpfung der im Centralorgan vorhandenen disponibeln Kräfte vorausging; und zweitens geht in Folge der besonderen psychophysischen Bedingungen ihrer Entstehung bei der Hypnose die Einengung der Apperceptionsfunctionen in einer bestimmten Rrchtung vor sich, so dass dadurch die Empfänglichkeit für gewisse Sinneseindrücke, vor allem für die Einwirkungen des Hypnotiseurs, ge- steigert, für alle andern aber herabgesetzt wird. Hieraus erklärt sich zugleich das geregeltere, scheinbar dem wachen Zustand ähnlichere Ver- halten des Hypnotisirten. Diesen psychologischen Unterschieden ent- spricht auch die Differenz der physiologischen Symptome, so weit diese sich feststellen lassen. Vermöge der eingetretenen Erschöpfung an Arbeits vorrath scheinen an dem normalen Schlaf die niedrigeren Cen- tralorgane in einem gewissen Grade betheiligt zu sein: die Reactionen des Auges auf Lichtreize, die Reflexerregbarkeit sind daher, ebenso wie Athmung, Herzschlag und Secretionen, namentlich im Anfang des Schlafes herabgesetzt, während sie in der Hypnose in der Regel, soweit diese Functionen nicht direct durch Suggestionen beeinflusst werden, nicht wesentlich verändert sind. Ebenso ist die Pupille in der Hypnose nicht, wie im Schlafe, verengt, sondern erweitert, wras auf eine Erregung sym- pathischer Nervenfasern hinzuweisen scheint2. Erst gegen Ende des Schlafs, wenn seine Tiefe sich bereits ermäßigt hat, lassen sich einzelne 1 Vgl. oben S. 659, sowie die eingehendere Darstellung der hier entwickelten Theo- rie: Hypnotismus und Suggestion, S. 40 fr., Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 29 ff.
2 Heidenhain, a. a. O. S. 25. Dagegen wurde bei den auf anderem Wege er- zeugten, dem Schlafe viel ähnlicheren analogen Erscheinungen der Thiere die Pupille, wenigstens in einzelnen Fällen, verengt gefunden: Vgl. Heubel. Pflügers Archiv, Hypnotische Zustände. 6ÖQ Erscheinungen, die der Hypnose gleichen, wie z. B. äußere Traum- eingebungen, hervorbringen1.
Der Ausdruck »Hypnotismus« ist für die oben geschilderten Zustände zuerst 1841 von Braid eingeführt worden, der die Wirkungen des Anstarrens von Gesichtsobjecten ermittelte2. Die Wirkungen des Bestreichens sind haupt- sächlich in den durch Anton Mesmer und seine Anhänger ausgeführten »thie- risch-magnetischen Curen«, freilich untermischt mit mancherlei absichtlichen und unabsichtlichen Täuschungen, zur Geltung gekommen3. In Deutschland gaben die Schaustellungen des Magnetiseurs Hansen, der die Nachahmungs- bewegungen und die Befehlsautomatie sehr auffallend zur Erscheinung brachte, zu Versuchen Anlass, die Weinhold und Rühlmann in Chemnitz, R. Heiden- hain und Berger in Breslau ausführten4. Mehr und mehr ist dann in neuerer Zeit der Hypnotismus zu einem Specialgebiet der Neuropathologie geworden, in der sich Suggestion und Hypnose allmählich als werthvolle therapeutische Methoden eingebürgert haben, die allerdings hauptsächlich auf gewisse, na- mentlich den Gebieten der Hysterie und der krankhaften Triebe angehörende Erkrankungsformen eingeschränkt sind5. Die psychologische Beobachtung und ihre Verwerthung spielt dabei, wenn sie auch manche interessante einzelne Züge zu Tage fördert, doch meist eine secundäre Rolle, oder findet doch nur in einzelnen Arbeiten eine eingehendere Berücksichtigung6. Dagegen bilden in Frankreich die Hypnose, Somnambulie und die an diese angrenzenden Zu- stände einen Gegenstand eifriger Pflege nicht nur der Psychiatrie, sondern auch der Psychologie, so sehr, dass in Frankreich »Hypnotismuspsychologie« und »experimentelle Psychologie« zuweilen als identische Begriffe betrachtet werden7. Man kann leider nicht behaupten, dass, was die Psychologie be- trifft, die erzielten Ergebnisse dieser Forschung den aufgewandten Bemühungen entsprächen. So viele einzelne interessante Thatsachen auch in der reichen französischen Litteratur dieses Gebietes niedergelegt sind, so wiederholen sich doch im wesentlichen immer wieder die gleichen Erscheinungen. Auch be- wegen sich die allgemeinen psychologischen Gesichtspunkte, die der Deutung 1 Ueber verschiedene einzelne während der Hypnose oder als Nachwirkungen der- selben beobachtete Erscheinungen, wie die sog. negativen Hallucinationen, die Amnesie, die Terminsuggestionen, Autosuggestionen u. s. w. vgl. meine angef. Schrift, S. 19,60 fr., Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 18, 54fr. Ueber den Einfluss der Suggestion auf die vaso- motorischen Centren, auf Circulation, Respiration und nutritive Processe vgl. Bernheim, 2 Ueber die Versuche von Braid vgl. Carpenter, Mental physiology4, 1876, p. 601 ff. Preyer, Die Entdeckung des Hypnotismus, 1882.
3 Eine ausführliche Darstellung der Wirksamkeit Mesmers gibt Eugen Sierke, Schwärmer und Schwindler zu Ende des 18. Jahrhunderts, 1874, S. 70 — 221.
4 Weinhold, Hypnotische Versuche, 1879. Heidenhain, Der sogenannte thierische Magnetismus4, 1880. Berger, Breslauer ärztliche Zeitschr. 1880, Nr. 10 — 12, 1881, Nr. 7.
5 Das Hauptorgan für das ganze Gebiet ist hier die Zeitschrift für Hypnotismus, herausgeg. von O. Vogt, Bd. 1 — 10, 1882 — 1900, an deren Stelle neuerdings das Journal für Psychologie und Neurologie, redigirt von K. Brodmann, Bd. 1, 1903, getreten ist.
6 Neben andern Arbeiten in der oben genannten Zeitschrift vgl. besonders O. Vogt, Die directe psychologische Experimentalmethode in hypnotischen Bewusstseinszuständen, 7 Das hauptsächlichste psychiatrische Organ ist hier die Revue de Psychiatrie, dirigee par Toulouse. N, S. 190Ö ff. Berichte über die zahlreichen psychologischen Arbeiten gibt die Annee psychologique. par A. Binet, seit 1894.
oyo Anomalien des Bewusstseins.
derselben zu Grunde gelegt werden, in Frankreich in der Regel noch in dem alten Bannkreis der Vermögens- und Reflexionspsychologie, wenn sie nicht gar der Telepathie und ähnlichen Verirrungen anheimfallen1.
Bemerkensvverthe Unterschiede der Richtung sind übrigens innerhalb der französischen Hypnotismusforschung in den beiden Schulen von Paris und Nancy hervorgetreten. Die hauptsächlich von Charcot begründete Pariser Schule betrachtet nämlich gewisse äußere, rein physiologische Einwirkungen, wie die Bestreichungen, aber auch manche auf eine räthselhafte Fernewirkung zurückgeführte Einflüsse, wie die von starken Magneten, als die wesentlichen Bedingungen der Hypnose, die sie als einen pathologischen Zustand auffasst, wie sich denn auch die Beobachtungen der Pariser Aerzte meist auf krank- hafte, namentlich hysterische Personen beziehen2. Die Schule von Nancy da- gegen, deren Hauptvertreter Bernheim ist, legt auf die Suggestion als die regelmäßige Entstehungsursache der Hypnose das Hauptgewicht, und sie be- trachtet die sonstigen äußeren Einwirkungen, wie gleichförmige Sinneseindrücke, höchstens als ein unterstützendes Hülfsmittel, das aber im allgemeinen selbst nur durch die Suggestion wirke. Der Zustand der Hypnose wird von dieser Seite nicht oder doch nur in seinen extremen Formen als ein pathologischer angesehen, indem man einerseits auf die nahen Beziehungen zu Erscheinungen des normalen Bewusstseins, anderseits auf die Beobachtung sich stützt, dass nur sehr wenige Menschen, bei wiederholten Versuchen vielleicht gar keine der Suggestion unzugänglich sind3. In Deutschland haben die Anschauungen der Schule von Nancy im allgemeinen die Herrschaft davongetragen. Ihr Vorzug besteht darin, dass sie einen einheitlichen Gesichtspunkt für die Be- trachtung der Erscheinungen abgeben und bemüht sind, dieselben mit sonsti- gen physiologischen und psychologischen Thatsachen in Beziehung zu bringen. An occultistischen Bestrebungen, die an die mystischen und abergläubischen Vorstellungen der Mesmeristen und thierischen Magnetiseure wieder anknüpfen, hat es freilich unter den Anhängern der Schule von Nancy ebenso wenig wie denen der Pariser gefehlt, wenn auch die hervorragenderen Vertreter des wissenschaftlichen Hypnotismus, wie Charcot, Bernheim, Forel, Vogt, sol- chen ferngeblieben sind. Bei aller Anerkennung der praktisch-medicinischen Bedeutung des Hypnotismus kann man aber nicht leugnen, dass er in der 1 Ein für den Zustand der Psychologie in Frankreich in dieser Beziehung belehren- des Document ist der soeben (März 1903) versandte und von einer Reihe hervorragender Gelehrter unterzeichnete Aufruf zur Gründung eines »Institut general psychologique« in Paris. Er sondert die Bestrebungen dieses Instituts in drei Gruppen: Etüde des pheno- menes psychiques, Psychologie zoologique, und Psychologie morale et criminelle. Als Gegenstände der ersten Gruppe, also derjenigen, welche die eigentliche Psychologie um- fasst, werden aufgezählt: L'etude critique et experimentale des phenomenes descrits sur les noms de Suggestion mentale, telepathie, mediumisme etc.« Weiteres wird überhaupt nicht genannt.
2 Demarquay et Giraud-Teulon, Recherches sur l'hypnotisme, 1860. Ch. Richet, Journal de l'anat. et de la physiol. par Robin, 1875, p. 348. Richer, Etudes cliniques sur l'hystero-epilepsie ou grand hysterie, 188 1. P. Janet, L'automatisme psychologique, 1889. Nevroses et idees fixes, 1898. A. Binet, Les alterations de la personnalite, 1892. Vgl. außerdem die Berichte der Societe de psychologie physiologique zu Paris, Revue philos. 1885 — 1893, und der Annee psychol.
3 Liebault, Du sommeil et des etats analogues, 1866. Bernheim, Die Suggestion und ihre Heilwirkung, deutsch von S. Freud, 1886. Beaunis, Etudes sur le somnambu- lisme provoque, 1886.
Hypnotische Zustände. 571 heutigen Psychologie mancherlei verworrenen Bestrebungen Vorschub geleistet hat, die von dem Erfolg sogenannter »hypnotischer Experimente« ungeahnte Aufschlüsse über das Wesen der Seele erwarteten1. Solche Erwartungen hat natürlich das Studium der Hypnose ebenso wenig wie das des Traumes erfüllt.
Die Anhänger des »thierischen Magnetismus« pflegten die hypnotischen Erscheinungen auf eine mystische Naturkraft zurückzuführen, über die gewisse Menschen, Medien genannt, ausschließlich oder vorwiegend verfügen sollten. Gewöhnlich wurde angenommen, schon der bloße Wille eines magnetisirenden Mediums genüge, um in einem andern Menschen gewisse Veränderungen her- vorzubringen. Von diesen Annahmen hat sich nichts bestätigt: jeder Mensch ist fähig, als sogenanntes Medium zu wirken, Nachahmungsbewegungen und automatische Handlungen treten aber nur ein, wenn die Bewegungen deutlich vorgemacht und die Befehle zugerufen werden. Nach den jetzt vorliegenden statistischen Ermittelungen zeigen sich nur 7 — 8 °/0 aller Individuen nicht influenzirbar, und auch bei ihnen beruht dies wohl nicht auf einer absoluten Unmöglichkeit, sondern hauptsächlich auf ihrem eigenen absichtlichen Wider- streben. Dagegen sind die höchsten Grade seltener. So beobachtete Beaunis nur in 18,7 von 100 Fällen eigentlichen Somnambulismus. Damit stimmen die Ergebnisse anderer Beobachter sehr nahe überein2.
Der wissenschaftlichen Erklärung der Hypnose sind von selbst zwei Ausgangspunkte gegeben: einerseits die verwandten Erscheinungen des Schlafes und Traumes, anderseits die sonstigen Beobachtungen über centrale Hemmungs- wirkungen. Auf solche ist schon von Heidenhain hingewiesen worden. Er vermuthet eine functionelle Hemmung der Großhirnrinde, während die niedri- geren Centraltheile, Vierhügel, Sehhügel u. s. w., ihre Thätigkeit fortsetzten. Auf diese führt er insbesondere auch die Traumvorstellungen, Nachahmungs- bewegungen und automatischen Befehlshandlungen zurück3. Gerade die letz- teren Erscheinungen dürften jedoch beweisen, dass sich, wie oben ausgeführt wurde, die verschiedenen Rindenorgane in verschiedenem Grade im Zustande der Hemmung befinden, wobei aber vor allem die partielle Hemmung