SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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wieder eine zunehmende teleologische Tendenz bemerkbar wird. Sofern diese Tendenz bloß darauf gerichtet ist, der nicht zu vermeidenden und darum auch in Wirklicheit niemals vermiedenen Anwendung von Zweck- begriffen zur bewussten Geltung zu verhelfen, wird man ihre Berech- tigung nicht bestreiten können. Sie ist in Wahrheit ebenso berechtigt, wie die entgegengesetzt gerichtete Bekämpfung teleologischer Begriffe, welche die vorangegangene Periode der Physiologie charakterisirte. Denn wie sich diese gegen eine logisch fehlerhafte und darum wissenschaftlich irreführende Ersetzung causaler durch teleologische Gesichtspunkte ge- kehrt hatte, so ist zunächst jene neueste teleologische Strömung aus der Absicht hervorgegangen, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und darum nicht klar durchschaubare Zweckzusammenhänge hinter einer unbestimmt bleibenden mechanischen Causalität zu verbergen, oder teleo- logische Principien mit falschen Namen zu schmücken, um sie in einen angeblich allumfassenden Causalnexus einzugliedern. Aus dieser Be- kämpfung der versteckten und unbewussten durch die offene und bewusste Teleologie erklärt sich zugleich die merkwürdige Erscheinung, dass gerade diejenige Theorie, welche die neue teleologische Richtung eingeleitet hat, nämlich eben die DARWlN'sche, zumeist ein Gegenstand des Angriffs von Seiten der Anhänger der neueren Teleologie gewesen ist, wie denn ja in der That sowohl die Rolle, die in dieser Theorie dem Zufall eingeräumt war, wie die unsicheren Grundlagen, auf die sich die zur Stütze derselben ersonnenen Vererbungshypothesen bewegten, zu mancherlei Bedenken Anlass geben konnten.

War in allem dem die Tendenz der neueren Teleologie eine wohl begreifliche, so überschritt sie nun aber in Folge ihrer durchgängig fehler- haften Auffassung des Zweckprincips wiederum weit die Grenzen ihrer Berechtigung. Denn indem sie die teleologische Deutung der Erschei- nungen als eine von der causalen principiell abweichende einführte, fiel sie in den Irrthum jener alten Teleologie zurück, die den Zweck als eine speci fische Art von Ursachen betrachtete, welche von der sonstigen, physikalischen oder mechanischen Causalität grundsätzlich verschieden sei, da sie entweder diese völlig verdränge oder sich mit ihr zur Erzeugung gemischter Wirkungen vereinige. Mochte man auch, in Erinnerung an das Fiasko, das die alte Teleologie mit dem von ihr gebildeten Begriff einer specifisch zweckthätigen Lebenskraft und ihrer Unterkräfte, dem Ernährungs-, Bildungs-, Wachsthumstrieb u. s. w., gemacht hatte, noch so sehr bemüht sein, die Zweckbegriffe in neue Formen zu kleiden, dem Fehler, Zweck und Ursache als grundsätzlich unvereinbare und höchstens äußerlich verbundene Principien zu behandeln, entging die neue so wenig wie die alte Teleolosrie. Da nun aber Causalität und Teleologie zusammen- Logische Grundlagen der Naturwissenschaft. ÖQI gehörige Anwendungen eines und des gleichen logischen Princips sind, so ergibt sich hieraus von selbst, dass sie nicht nur im Sinne coexi- stirender methodischer Regeln vereinbar, sondern dass sie auf jeden nach dem Princip des Erkenntnissgrundes zu verknüpfenden Erfahrungsinhalt an sich beide anwendbar sind, so dass die Ein- führung des einen die des andern niemals ausschließt. Denn beide sind in Wahrheit nicht, wie die neuere mit der älteren Teleologie annimmt, principiell abweichende, aber gemäß ihrer Aufgabe gleich gerichtete, sondern umgekehrt principiell übereinstimmende, aber entgegen- gesetzt gerichtete Formen der Interpretation. Sie verhalten sich in dieser Beziehung analog wie die zu einander inversen logischen und mathe- matischen Operationen der Deduction und Induction, der Multiplication und Division, der Differentiation und Integration. Insbesondere stimmt das Verhältniss beider mit der Deduction und Induction darin überein, dass die causale Betrachtung, analog der Deduction, progressiv ist und im allgemeinen auf eindeutige Schlussfolgerungen ausgeht, während die teleologische regressiv und mehrdeutig zu sein pflegt. Gleichwohl fallen Causalität und Deduction, Teleologie und Induction keineswegs etwa zu- sammen, wie daraus erhellt, dass beide Verknüpfungen ebensowohl in deductiver wie in inductiver Form möglich sind: dort als eine Ableitung der Wirkungen aus ihren Ursachen und der Mittel aus Zwecken, hier als eine Aufsuchung der Ursachen zu gegebenen Wirkungen und der Mittel zu angenommenen Zwecken. Causalität und Zweck sind eben reale, überall bestimmte Erfahrungsinhalte voraussetzende Principien, während Deduction und Induction formale Methoden sind, die auf jeden Er- kenntnisszusammenhang und demnach auch auf jedes der Principien, nach denen ein solcher Zusammenhang hergestellt werden kann, anwendbar bleiben, wenn auch vermöge der oben erwähnten Uebereinstimmungen im allgemeinen die Deduction das für die causale, die Induction das für die teleologische Verknüpfung adäquatere Verfahren ist.

Wenn man demnach die Forderung einer teleologischen Betrachtung der Lebenserscheinungen gelegentlich dadurch mit dem Causalprincip in Einklang zu bringen suchte, dass man behauptete, die Causalität besitze zwar Allgültigkeit, aber keine Alleingültigkeit1, so erhellt aus den vorangegangenen Erwägungen das Unzutreffende dieses Ausdrucks. Denn offenbar wird bei demselben stillschweigend vorausgesetzt, das Zweck- princip besitze weder die eine noch die andere dieser Eigenschaften, sondern es sei lediglich ein Hülfsprincip, welches man überall da herbei- ziehen könne, wo die causale Interpretation nicht ausreiche. Bei dieser 1 P. N. Cossmann, Elemente der empirischen Teleologie, 1899, S. 21 ff.

0Q2 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Auffassung, die einigermaßen an Kants Zugeständnisse an die teleologische Naturerklärung zurückerinnert1, kommen eigentlich beide Principien, und kommt vor allem das Zweckprincip selber zu kurz, indem ihm eine bloß auxiliäre Rolle zugewiesen wird. In Wahrheit besitzen beide Allgemein- gültigkeit und eben darum Allgültigkeit, aber insofern keine Alleingültigkeit, als principiell jederzeit die causale in eine teleologische Form der Verknüpfung umgewandelt, eben darum aber auch zu jeder teleologischen eine causale mindestens gefordert werden kann. Wenn diese Forderung nicht jederzeit erfüllbar ist, und wenn darum in gewissen Gebieten der Erfahrung die teleologische, ebenso wie in andern die causale Interpretation dominirt, so ist das aber von besonderen Bedingungen abhängig, die ihren allgemeinsten logischen Ausdruck in der mehrdeutigen Form der regressiven teleologischen Verknüpfung finden, während im einzelnen dafür die specifischen Erfahrungsmotive maßgebend sind, die je nach den verschiedenen Gebieten und Objecten der Untersuchung zur Geltung kommen. Die Frage, welcher Art diese Motive seien, führt, da dieselben wesentlich dem physiologischen Gebiet angehören, unmittel- bar zu der kritischen Prüfung der beiden Richtungen, die sich hier als die Repräsentanten jener beiden Anschauungen, der causalen und der teleologischen, gegenüberstehen: des Mechanismus und Vitalismus. Diese Prüfung bedarf jedoch einer kurzen Vorerörterung der allgemeineren, schließlich in dem gleichen erkenntnisstheoretischen Gegensatz wurzelnden physikalischen Naturanschauungen, die wir nach den in ihnen zur Herr- schaft gelangten Grundbegriffen mit den Namen der Mechanik und der Energetik bezeichnen wollen. Gehören auch diese Ausdrücke, nament- lich der zweite, erst der neuesten Entwicklung der Physik an, so ist der Gegensatz selbst doch viel älteren Ursprungs, ja der Kampf dieser Rich- tungen bildet beim Lichte besehen einen wesentlichen Theil der Ent- wicklung der gesammten Naturphilosophie von den Zeiten des Demokrit und Aristoteles an bis auf unsere Tagfe.

2. Mechanik und Energetik.

a. Das demokritische Weltbild.

Als den ersten Versuch einer Naturbetrachtung, die sich nicht auf die Hervorhebung universeller Principien des Seins und Geschehens be- schränkt, sondern es unternimmt, diese Principien auf die Fülle der Er- scheinungen anzuwenden, tritt uns in.der Geschichte des abendländischen 1 Kant, Kritik der Urtheilskraft, § 79 — 83, Ausg. von Rosenkranz S. 311 ff.

Mechanik und Energetik.

Denkens das Weltbild Demokrits entgegen. Seiner das Allgemeine mit dem Einzelnen sinnreich verknüpfenden Gedankenrichtung, im Verein mit der Klarheit und Einfachheit des beherrschenden Grundgedankens, verdankt dieses Weltbild trotz der unvermeidlichen Mängel, die ihm an- haften, seinen Einfluss auf künftige Zeiten. Denn die Geschichte zeigt, dass das System Demokrits nicht bloß eine unter vielen und mannig- faltigen Gestaltungen ist, in denen die Naturphilosophie ihr Streben nach Einheit der Weltbetrachtung zu befriedigen suchte, sondern dass es von den zwei Formen, zwischen denen seitdem alle Versuche einer einheit- lichen Interpretation der Natur sich bewegt haben, die eine ist. Soweit wir nach der lückenhaften, zum Theil durch heterogene Zusätze des späteren Epikureismus verfälschten Tradition beurtheilen können, erscheint das demokritische System als der erste Versuch einer streng causalen Naturerklärung auf der Grundlage der mechanischen Weltanschauung. An dieser Auffassung darf uns der Umstand nicht irre machen, dass von einer Mechanik im heutigen Sinne, d. h. von einer Erkenntniss mecha- nischer Gesetze in der Form quantitativer Beziehungen, auf dem Standpunkt der damaligen Wissenschaft nicht die Rede sein kann. Demokrits Mechanik bewegt sich, so gut wie die ganze ihr vorangehende Naturphilosophie und wie die ihr später entgegentretende aristotelische Physik, lediglich in quali- tativen Anschauungen. Ausschließlich auf die Betrachtung der Bewegungs- phänomene fester Körper gegründet, besteht aber ihr Vorzug in der Con- sequenz, mit der sie alles, das Größte wie Kleinste, dieser Betrachtung unterordnet. Die wissenschaftlichen Motive, von denen diese erste Gestaltung einer mechanischen Weltanschauung ausgegangen ist, sind uns nun freilich ebenfalls nur unvollständig bekannt. Immerhin lässt sich nach den vor- handenen Andeutungen vermuthen, dass schon hier, ähnlich wie bei der Erneuerung der gleichen Anschauungen in der Naturphilosophie der Re- naissancezeit, zweierlei Beweggründe zusammenwirkten, um der Auf- fassung der Natur als eines rein mechanischen Systems Vorschub zu leisten. Einerseits mochten vom empirischen Standpunkte aus die Be- wegungsphänomene als die universellsten und zugleich als die regel- mäßigsten unter den der Beobachtung gebotenen Zusammenhängen er- scheinen. Der Umlauf der Gestirne im Großen und die beim Zusammen- stoß der Körper beobachteten Bewegungen im Kleinen mussten sich einer auf das Gesetzmäßige in dem Wandel der Dinge gerichteten Be- trachtung vor allem als Vorbilder gesetzmäßiger Zusammenhänge auf- drängen. Zudem boten so manche andere, scheinbar unregelmäßigere Er- scheinungen, wie der Zug der Wolken, die Fortpflanzung von Schall und Licht, endlich selbst die Wirkung der äußeren Objecte auf die Sinne des Wahrnehmenden und die auf solche Eindrücke erfolgenden Handlungen 604 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

des letzteren, durch die Möglichkeit, sie alle dem Begriff der Bewegung unterzuordnen, überall Analogien dar. Aber neben diesem ersten, vor- nehmlich entscheidenden empirischen Motiv klingt deutlich noch ein zweites, logisches an. Wenn die äußeren Körper, so etwa lässt sich dasselbe aussprechen, da sie von uns räumlich entfernt sind, nur durch Bewegung auf unsere Sinne wirken, so kann das, was sie hier bewirken, wiederum nur eine Bewegung sein, weil Gleiches nur aus Gleichem, nicht aus Ungleichem begriffen werden kann. Darum bestehen, so schließt man, zunächst die Sinneswahrnehmungen und dann in ihrem Gefolge auch die seelischen Vorgänge ebenfalls 'aus Bewegungen. So führt dieses logische Motiv in Verbindung mit dem philosophischen Einheitstrieb zu einer Ausdehnung der mechanischen Weltanschauung über das Gebiet der astronomischen und der physikalischen Erscheinungen hinaus auf das der Lebenserscheinungen und der geistigen Vorgänge. Diesen Charakter hat das mechanische System bis zum Beginn der Neuzeit bewahrt, wo sich, wie wir sehen werden, zum Theil abweichende Bedingungen für seine weitere Gestaltung geltend machten.

Ist uns von dieser ersten Ausbildung eines solchen Systems in der demokritischen Atomistik nur eine lückenhafte Ueberlieferung erhalten geblieben, so hat dies nun aber seinen hauptsächlichsten Grund darin, dass eine andere, von einer wesentlich entgegengesetzten Betrachtungs- weise ausgehende Naturanschauung sehr bald die Vorherrschaft gewann und während einer langen Zeit behauptete. Dieses neue, ebenfalls nach manchen Seiten schon in der vorangegangenen Speculation vorbereitete System ist die aristotelische Naturphilosophie.

b. Die aristotelische Naturphilosophie.

Die aristotelische Naturphilosophie war in noch ausgeprägterer Weise als die demokritische Mechanik ein rein qualitatives Begriffssystem. Aber ihr Gegensatz gegen diese bestand darin, dass sie der causalen die teleologische, der mechanischen eine energetische Betrachtungsweise gegenüberstellte. Beide Momente hängen auf das engste zusammen. Wie die ausschließliche Anwendung des Causalprincips auf Grund nahe liegender empirischer und logischer Motive zu einer schrankenlosen Ver- allgemeinerung der Bewegungsvorstellungen, so führte umgekehrt die teleologische Auffassung der Naturerscheinungen folgerichtig zur ersten, für ihre Zeit classischen Form eines energetischen Weltbildes. Dabei lässt sich dieser Name nicht etwa bloß durch den äußeren Umstand rechtfertigen, dass ARISTOTELES selbst die Bezeichnung »Energeia« für den herrschenden Begriff seiner Naturphilosophie einführte, sondern er ist auch insofern ein wohl begründeter, als diejenige Richtung der neueren Mechanik und Energetik.

Naturphilosophie, die sich den Namen einer energetischen beizulegen pflegt, thatsächlich eine analoge Fortbildung und Umgestaltung des aristotelischen Begriffssystems ist, wie die mechanische Naturanschauung der Gegenwart in den wesentlichsten Beziehungen immer noch in den Bahnen der demokritischen Atomistik wandelt.

War diese von Anfang an darauf ausgegangen, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen auf ein schlechthin einheitliches und gleichförmiges, einer zwingenden Notwendigkeit gehorchendes Geschehen zurückzuführen, so suchte dem gegenüber das energetische System, das Aristoteles in seiner Physik und Physiologie entwarf, jeder der größeren Gruppen von Naturerscheinungen ihren selbständigen Werth zu wahren, den ganzen Zusammenhang derselben aber in eine Stufenfolge von Zwecken zu ordnen, innerhalb deren aus den niederen höhere, vollkommenere Ge- staltungen hervorgehen. Im Hinblick auf dieses Streben, jedes Einzelne in seiner specifischen Eigenart zu begreifen, konnte Aristoteles schon mit einem gewissen Recht das demokritische System als ein willkürliches Hypothesengebäude betrachten, das der Aufgabe der Wissenschaft, jedes einzelne Ding in seinem individuellen Wesen (seiner oöai'a) zu erfassen, nicht gerecht werde; und in seiner eigenen Physik hatte er darum eigent- lich schon das Ziel einer »hypothesenfreien Naturbeschreibung« im Auge. Freilich aber wollte er damit keineswegs auf eine das Einzelne zusammen- fassende Betrachtung verzichten, sondern er meinte diese vielmehr voll- ständiger, als es seinen Vorgängern gelungen war, zu stände zu bringen. Gerade dazu sollte ihm jene Stufenfolge von Zweckbegriffen verhelfen, deren jeder ein bestimmtes Gebiet von Erscheinungen nach seinen speci- fischen Merkmalen vereinige, während er den unter ihm liegenden als deren Vollendung, den über ihm sich erhebenden als ihre vorbereitende Anlage gegenüberstehe. So ergaben sich ihm die Wechselbegriffe der Dynamis und der Energie oder, wie sie die aristotelische Scholastik später übersetzt hat, des Potentiellen und des Actuellen als das Band, das alle Erscheinungen zu einer zusammenhängenden Entwicklung- ver- knüpfte. Von dem Bilde der zweckvollen Gestaltung eines an sich un- bestimmten Stoffes durch die Handlung des Künstlers ausgehend, be- zeichnet er diese Gegensätze auch als die des Stoffes und der Form. Doch gehören diese letzteren Begriffsbildungen mehr der eigenthümlichen Ausprägung an, die ARISTOTELES seinem System im Anschluss an die pla- tonische Philosophie und zugleich im Gegensatze zu ihr gegeben, während die wahre Bedeutung namentlich seiner physikalischen Grundanschauungen durchaus in jenen Wechselbegriffen der Dynamis und der Energie ihren Ausdruck gefunden hat. Dass diese Begriffe Zweckbegriffe sind, und dass daher die gesammte Naturbetrachtung, die sich auf ihnen aufbaut, 5g6 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

von vornherein eine teleologische ist, erhellt ohne weiteres.. Das Potentielle kann ja überall erst im Hinblick auf das Actuelle, auf die im wirklichen Geschehen sich bethätigende Energie bestimmt werden. In diesem Sinne setzen diese Wechselbegriffe eben jene regressive Betrachtung voraus, die wir oben als das Hauptmerkmal der Teleologie kennen lernten. Aristoteles selbst bringt diesen teleologischen Grundgedanken seines Systems noch entschiedener darin zur Geltung, dass er die Energie auf den höheren Stufen der natürlichen Entwicklungen auch als Entelechie, als Zweckerfüllung, bezeichnet. Jene Stoß- und Wurfbewegungen aber, die in der Ausbildung der mechanischen Weltanschauung eine so große Rolle gespielt hatten, werden von ihm, da sie sich nicht in ähnlicher Weise wie die Himmelsbewegungen, die natürlichen Fallbewegungen und die Vorgänge in der organischen Natur einer regelmäßigen Stufenfolge von Zwecken einordnen lassen, in einer eigenthümlichen Hülfskategorie untergebracht, in die dieser größte Teleologe aller Zeiten alle Erschei- nungen verweist, die sich nach seiner Meinung zwar causal, aber nicht teleologisch begreifen lassen: in die des »Zufälligen« ( aujxßsßyjxov ). Denn das Zufällige ist ihm kein Ursachloses, sondern ein Zweckloses, und in diesem Sinne mochte ihm wohl auch die rein mechanische Weltansicht als eine solche erscheinen, die den Zufall zum Beherrscher der Dinge mache.

Am vollständigsten durchgeführt hat ARISTOTELES die von ihm be- gründete energetische Anschauung bei denjenigen Erscheinungen, die seinen eigenen Studien am nächsten lagen, bei den Lebenserscheinungen. Da sind Ernährung und Fortpflanzung, Empfindung und Ortsbewegung, und als höchstes die denkende Thätigkeit die Energien, die sich in der Stufenfolge der lebenden Wesen neben einander, und die sich in dem Menschen nach einander entwickeln, derart dass die höhere Stufe immer die niederen voraussetzt. Auf diese Weise ist der herrschende Begriff dieses Systems der der Vollkommenheit, d. h. der immer größer und vielseitiger werdenden Zweckmäßigkeit. Darum bilden die Energien eine Stufenleiter, die vom Einfacheren, minder Vollkommenen zum Zu- sammengesetzteren, Vollkommeneren überführt, oder in der die Energie mehr und mehr zur Entelechie w7ird. Die Seele als das Princip aller Lebenserscheinungen ist so in der Form der menschlichen Seele die höchste der. uns im Naturlauf entgegentretenden Energien oder Entelechien. Das Ziel, das sich die mechanische Naturanschauung Demokrits gesetzt hatte, sucht, wie man sieht, auch dieses ener- getische System zu erreichen: es umfasst mit der gesammten Natur zugleich die Lebenserscheinungen und die geistigen Vorgänge, ja es hat, während die Atomistik sichtlich zunächst dem Bilde der äußeren Mechanik und Energetik.

Bewegungen entlehnt ist, gerade in dem Zusammenhang derLebensprocesse und in der Verbindung der geistigen Vorgänge mit diesen seine haupt- sächlichste Grundlage. Aber die Art, wie dieses allumfassende Weltbild gewonnen wird, ist eine völlig andere. Indem das energetische System, im Gegensatze zu der uniformirenden Tendenz des mechanischen, den einzelnen Erscheinungsgruppen ihre specifische Eigenart wahrt, besteht die Naturerklärung desselben nicht in der Zurückführung alles Geschehens auf gewisse einfache anschauliche Vorgänge, sondern in der Subsumtion des Einzelnen unter die zugehörigen energetischen Gattungsbegriffe, und dann in der Ordnung dieser Begriffe nach dem Vollkommenheitsprincip. Insofern dabei die niedereren Energien als die Vorbedingungen zur Ent- wicklung der höheren angesehen werden, liegt dem stillschweigend zu- gleich die Voraussetzung einer Transformation der Energien zu Grunde. Doch gemäß dem qualitativen Charakter dieser frühesten Form eines energetischen Systems ist es kein exactes, auf quantitative Be- ziehungen zurückzuführendes Gesetz, das die Transformationen beherrscht, sondern an seine Stelle tritt jener dem teleologischen Gedankenkreise vor andern sich darbietende Begriff der Vollkommenheit, der aus dem des Zwecks hervorgeht, sobald dieser zu einem System von Zwecken erweitert wird, in welchem gegebene zweckthätige Erfolge als die Mittel zur Erreichung weiterer Zwecke erscheinen.

c. Die mechanische Naturanschauung der Renaissancezeit.

Das aristotelische Begriffssystem hat bekanntlich das wissenschaft- liche Denken fast uneingeschränkt bis zum Beginn der Neuzeit beherrscht. Einem Zeitalter, in welchem sich die Naturanschauung ebenso wie die Auffassung des geistigen Lebens dem religiösen Interesse unterordnen musste, bot dieses System durch seine Einordnung alles Einzelnen in einen allgemeinen und darum schließlich über jedes gegebene Endziel hinausreichenden Zusammenhang von Zwecken ein wirksames Mittel, um die sinnliche Welt selbst als die Vorstufe zu einer höheren, übersinnlichen Welt, die Energien und Entelechien der Natur als die vorbereitenden An- lagen der über ihnen sich erhebenden himmlischen Entelechien erscheinen zu lassen. Dadurch befriedigte dieses, Natur und Geist in eine transcen- dente Zweckordnung eingliedernde System ebenso das Bedürfniss nach einer einheitlichen Weltbetrachtung, wie es die Möglichkeit bot, den in den Grundanschauungen des Christenthums wurzelnden Gegensatz zwischen der sinnlichen Natur und der übersinnlichen Bestimmung des Menschen zum Ausdruck zu bringen. Als vom 16. Jahrhundert an die neu er- wachte selbständige Naturforschung gegen das aristotelische Begriffssystem mit den mächtigen Hülfsmitteln der mathematischen Analyse und des 6g8 Naturwissenschaftliche Vorbegriffe der Psychologie.

Experiments zu Felde zog, da wurde daher dieser Kampf unvermeidlich zugleich zu einem Kampf zwischen Naturwissenschaft und Theologie; und nur sehr allmählich hat dieser, unter dem Eindruck der überzeugenden Kraft der neu gewonnenen Erkenntnisse, einer Sonderung und wechsel- seitigen Anerkennung der Gebiete Platz gemacht.

Kann nun aber auch kein Zweifel sein, dass die neue Naturanschau- ung der Renaissancezeit in allem wesentlichen eine Erneuerung des demo- kritischen Weltbildes ist, so würde doch dies Verhältniss thatsächlich unzutreffend ausgedrückt sein, wenn man sagen wollte, in der Naturphilo- sophie der Renaissance habe Demokrit den ARISTOTELES bezwungen. Zunächst spielt der Rückgang auf demokritische oder epikureische An- schauungen in der Naturwissenschaft selbst gar keine oder höchstens eine secundäre Rolle. Vielmehr hat die neue Naturwissenschaft die neue Welt- anschauung im wesentlichen aus sich selbst hervorgebracht. Eben darum trägt diese aber auch in vielen Beziehungen andere Züge als das demokriti- sche System. Abgesehen davon, dass der rein qualitative Charakter des letzteren nunmehr durch die Aufsuchung exacter quantitativer Gesetze ver- drängt wird, tritt der atomistische Gedanke anfänglich ganz zurück, um erst nachträglich, als eine zur Interpretation gewisser Erscheinungen nützliche, aber auch hier keineswegs unbestrittene Hypothese, eingeführt zu werden. Wenn dann in dieser späteren Entwicklung, namentlich unter dem Ein- flüsse des quantitativen Zeitalters der Chemie und in Folge der naheliegen- den Umdeutung der der mathematisch-physikalischen Analyse dienenden