SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Weise gehobener, so hängt es daher nun wiederum von seinem Ver- hältniss zu den vorausgehenden und nachfolgenden ab, ob die eine oder andere Richtung, die Vor- oder die Nachwirkung überwiegt. Halten sich die objectiven Momente nach beiden Richtungen das Gleichgewicht, Zeittäuschungen.

63 so ist allgemein in der subjectiven Auffassung die Nachwirkung vorherrschend: wir rhythmisiren daher ~f~\~f~, und niemals ~[~f~f~, ebenso ~f~f~f~, nicht ~~f~f~f~; und wo Vor- und Nachwirkung zusammentreffen, da überwiegt ihr Effect über den der bloßen Nachwirkung, wir rhythmisiren also ~f~f~j~? nicht * f~f. In andern Fällen kann der Erfolg je nach den hinzutretenden Bedingungen ein abweichender sein: so, wenn in der Combination ff f~f im allgemeinen die Vorwirkung, in der andern ~f~^ f~~f" umgekehrt die Nachwirkung des ersten und die Vorwirkung des zweiten gehobenen Eindrucks über eine etwa mög- liche Cumulation ihrer beiden Nachwirkungen auf die zeitlich weiter abstehende Gruppe überwiegt. Vor- und Nachwirkungen zusammen machen sich geltend, wenn wir eine Reihe leiserer Taktschläge, auf die wir gespannt die Aufmerksamkeit richten, oder wenn wir bei abwechseln- der Lenkung der letzteren jedesmal Bruchstücke einer Reihe, auf die wir gespannter hinhören, mit größeren Pausen zwischen den einzelnen Eindrücken versehen. Das ähnliche tritt endlich ein, wenn sich eine gleichmäßig ablaufende Taktreihe von selbst in ihrem Verlauf zu be- schleunigen scheint: denn hier ist es der Anfang der Reihe, der die Aufmerksamkeit stärker fesselt. Nach allem dem können die vorliegenden Zeittäuschungen sämmtlich als Wirkungen der Aufmerksamkeits- vorgänge betrachtet werden, bei denen im allgemeinen eine Zunahme der Aufmerksamkeitsspannung eine Intensitätshebung des Eindrucks und je nach den besonderen Bedingungen eine scheinbare Vergrößerung der vorangehenden oder der nachfolgenden, und im Contrast hierzu eine Verkürzung der zugehörigen ergänzenden Zeitstrecke zu erzeugen strebt, unter welchen Wirkungen im allgemeinen die Nachwirkung überwiegt. Wo sich neben diesen fundamentalen Bedingungen der Aufmerksamkeit andere, den concreten Vorstellungsbeziehungen angehörende geltend machen, da sind diese wahrscheinlich durchweg secundärer Art: sie associiren sich ihrerseits erst den Phänomenen der wechselnden Auf- merksamkeitsspannung. So, wenn wir z. B. eine scheinbar an Intensität abnehmende Reihe ~f~f~f~~f~f~f '" als eine beschleunigte Bewegung, oder wenn wir eine Gruppe von der Form * ff als eine zuerst sich beschleunigende und dann wieder sinkende Geschwindigkeit auffassen. Ueberall sind hier die veränderlichen Geschwindigkeits- oder Beschleuni- gungsvorstellungen die Wirkungen, nicht die Ursachen der Aufmerksam- keitsvorgänge. Die Bedeutung der letzteren für das Zeitbewusstsein tritt 5a Zeitvorstellungen.

nun aber noch schlagender bei der zweiten Art von Zeittäuschungen her- vor: bei den Zeitverschiebungen.

b. Zeitverschiebungen bei momentanen Eindrücken.

Mit dem Namen der »Zeitverschiebungen« wurden oben jene Zeit- täuschungen belegt, bei denen gleichzeitige oder zeitlich wenig von ein- ander abweichende Sinneseindrücke derart gegen einander verschoben erscheinen, dass die in Wirklichkeit gleichzeitigen successiv wahrgenommen werden, oder dass eine wirklich vorhandene Succession umgekehrt wird, man also den früheren als den späteren und den späteren als den früheren auffasst. Solche Verschiebungen finden sich hauptsächlich zwischen dis- paraten Sinnesreizen, also zwischen Gesichts- und Gehörs-, Gesichts- und Tast-, Tast- und Gehörssinn. Bei Eindrücken innerhalb des gleichen Sin- nesgebiets kommen sie nur dann vor, wenn sie auf verschiedene Einzel- orsrane oder auf weit von einander entfernte Stellen eines und desselben Organs einwirken, z. B. auf die beiden Augen und Ohren oder auf eine Hautstelle der oberen und der unteren Extremität. Dass Reize auf das gleiche Ohr oder Auge oder auf eine und dieselbe Hautstelle zeitlich gegen einander verschoben würden, lässt sich dagegen niemals beobachten1.

Die Zeitverschiebungen zwischen disparaten Sinneseindrücken sind es, die die Ausdehnung des Begriffs der Zeitschwelle von der Succession gleichartiger auf ungleichartige Sinneseindrücke in seinem eigentlichen Sinne unmöglich machen (S. 46). Stellt man z. B. solche Versuche an, um die Zeitschwelle für einen Licht- und einen Schalleindruck zu bestimmen, die sehr rasch auf einander folgen, so kann es sich ereignen, dass bei einer und derselben zeitlichen Folge im einen Versuch der Schall- vor dem Lichteindruck, im andern dieser vor jenem, und in einem dritten beide gleichzeitig wahrgenommen werden. Dabei ist es aber in jedem dieser Fälle die Richtung der Aufmerksamkeit, welche die Erscheinung be- stimmt: innerhalb eines gewissen kleineren Spielraums der Zeitunterschiede wird derjenige Reiz zuerst aufgefasst, dem die Aufmerksamkeit zugewandt 1 Es existirt allerdings in der Litteratur eine Angabe, die dem zu widersprechen scheint, und über die Fechner (Psychophysik, Bd. 2, S. 433) berichtet. Ein Dr. Hadekamp theilte mit, es sei ihm einigemal begegnet, dass beim Aderlass das Blut scheinbar »aus der Ader hervorsprang, ehe der Schnepper losging«. Da Erscheinungen, die dieser Be- obachtung entsprechen, bei exacter Versuchsausführung niemals vorkommen, auch wenn man die Aufmerksamkeitsbedingungen für den nachfolgenden Eindruck noch so günstig gestaltet, so muss man wohl annehmen, dass es sich bei den Beobachtungen des Dr. H. entweder um eine Erinnerungstäuschung gehandelt habe, oder dass er im Moment der Operation eine Äugenbewegung ausführte, in Folge deren er den einen Act mit dem einen, den andern mit dem andern Auge sah. Da bei Eindrücken auf beide Ohren Zeitverschie- bungen unter günstigen Umständen, namentlich bei sehr schwachen Eindrücken und starker einseitiger Richtung der Aufmerksamkeit, vorkommen können, so wäre immerhin das ähn- liche auch für beide Augen nicht ausgeschlossen.

ist, und gleichzeitig werden die Reize nur bei diffuser, nicht einem bestimmten Sinnesgebiet zugekehrter Aufmerksamkeit wahrgenommen. Man darf wohl annehmen, dass bei den Versuchen Exners über die »Zeitschwellen disparater Sinnesreize« die letztere Bedingung annähernd erfüllt gewesen ist, da er eigentliche Zeitverschiebungen nicht beobachtete. Er fand nämlich die folgenden Mittelwerthe in Tausendtheilen einer See.: zwischen Gesichts- und Tasteindruck 71 » Geräuschempfindungen der beiden Ohren. 64 » Lichteindrücken auf beide Netzhautcentren. 17 Die Verschiedenheit des Intervalls je nach der Reihenfolge der Ein- drücke erklärt sich hier leicht aus den abweichenden physiologischen Ver- hältnissen der Erregung und namentlich aus der verschiedenen Dauer des Ansteigens und der Nachwirkung der Reizung, welche die bedeutende Verlängerung der Schwelle bei vorangehendem Gesichtseindruck bewirkt. Ebenso erklärt es sich hieraus, dass, wenn ein Lichtreiz gleichzeitig mit einem Schall- oder Tastreiz einwirkt, man geneigt ist, letzteren zuerst zu appereipiren1. Gleichwohl geschieht dies keineswegs ausnahmslos, sondern es können alle diese »Zeitschwellen« wesentliche Veränderungen erfahren, sobald nur die Aufmerksamkeit vorzugsweise einem Reiz zugewandt ist. In diesem Fall ist der bevorzugte Eindruck bei gleichzeitiger Einwirkung scheinbar auch der zeitlich vorangehende, und bei successiver erhält man ganz abweichende Werthe, je nachdem die Aufmerksamkeit auf den ersten oder den zweiten Reiz gespannt ist. In allen diesen Fällen einseitig gerichteter Apperception äußern zugleich die sonst für die Schwelle maßgebenden Verschiedenheiten des Ansteigens und Verlaufs der physiologischen Reizung nur noch einen verschwindend kleinen mit- wirkenden Einfluss, der sich namentlich darin kundzugeben scheint, dass die Zeitschwellen sehr viel größer werden, wenn sich die Aufmerksamkeit vorwiegend den Gesichtseindrücken zuwendet. Doch kommt dabei wahrscheinlich außerdem in Betracht, dass die schneller ansteigen- den Reize, namentlich die des Gehörs, auch günstigere Apperceptions- bedingungen vorfinden. Denn man beobachtet durchweg, dass es bei gleichzeitiger Erregung verschiedener Sinne leichter ist, die Apperception auf den Schall als auf den Lichteindruck vorbereitend einzustellen. So kommt es, dass in diesen Fällen die Unterschiede der Schwellenwerthe 1 Exner, Pflügers Archiv, Bd. 11, 1875, S. 406 ff.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl.

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außerordentlich groß werden, indem sie unter den günstigsten Bedingungen, wenn ein Gehörs- und ein Tastreiz einander folgen, nur wenige Tausend- theile einer See. betragen, unter den ungünstigsten aber, wenn ein Gesichts- einem Gehörseindruck vorangeht und dem ersteren die Aufmerksamkeit entgegenkommt, bis zu I/zo See. und mehr ansteigen können. Außerdem verändern sich die beobachteten Zeitwerthe sehr bedeutend je nach der Richtung der Aufmerksamkeit auf den in Wirklichkeit vorangehenden oder den nachfolgenden Eindruck, wie dies die folgenden, von E. M. Weyer mit- telst des oben beschriebenen Zeitschwellenapparates (Fig. 314, S. 51) unter Anwendung elektrischer Reize (Lichtfunken, Knistergeräusche, elektrische Hautreize) gewonnenen Mittelwerthe bei drei Beobachtern (A, B, C) zeigen. (Die von der Aufmerksamkeit bevorzugten Reize sind cursiv gedruckt.

I. Aufmerksamkeit auf den ersten Eindruck gelenkt: ABC T H (Tast- und Gehörseindruck, Tasteindruck voran; 35,9 29,5 H L (Gehörs- und Gesichtseindruck, Gehörseindruck voran) 47,1 IL Aufmerksamkeit auf den letzten Eindruck gelenkt: ABC H Z (Gehörs- und Gesichtseindruck. Gehörseindruck voran) 74,0 Man ersieht ohne weiteres, dass diese Zahlen schon insofern eine wesent- lich andere Bedeutung als die gewöhnlichen Schwellenwerthe besitzen, als sie keine unter bestimmten Reizbedingungen irgendwie constanten Größen bezeichnen, sondern in erster Linie offenbar Functionen der Energie und Richtung der Aufmerksamkeit sind. Daneben machen sich aber die Eigenschaften der Sinnesgebiete selbst wahrscheinlich in einem doppelten Einflüsse geltend: in einem peripheren, durch den Verlauf der Erregung bedingten, und in einem centralen, der freilich zugleich mit den peripheren Eigenschaften zusammenhängt, indem die rascher verlaufenden Erregungen zugleich diejenigen zu sein scheinen, die am leichtesten und schnellsten appereipirt werden. In Folge dieser Verhältnisse sind die ge- fundenen » Schwellen « zwischen den beiden Eindrücken der mechanischen Zeittäuschungen. £-, Sinne, falls unter ihnen wieder der apperceptionsfähigere Reiz, der Schall, vorangeht, die kürzesten: sie zeigen in einzelnen Fällen sogar kleine nega- tive Werthe, indem bei der Verbindung von Schall und Tastreiz nicht nur bei gleichzeitigem, sondern sogar bei kurz vorangehendem Tasteindruck die Succession Schall — Tastreiz empfunden wird (I, HT). Dagegen sind all- gemein die Schwellen größer, wenn auf den zuletzt kommenden Eindruck die Aufmerksamkeit gerichtet ist, ausgenommen beim Gesichtssinn, wo offenbar in Folge des langsamen Ansteigens der Lichtempfindung nun gerade diese Combination für eine verhältnissmäßig rasche Aufeinander- folge der Empfindungen meist die günstigere ist.

c. Zeitverschiebungen innerhalb einer stetigen Vorstellungsreihe. (Complicationsversuche.)

Verwickelter gestalten sich die Bedingungen, wenn nicht bloß zwei, sondern wenn mehrere disparate Sinneseindrücke gleichzeitig oder in rascher Folge einwirken. Unter den hier möglichen Fällen, in denen begreiflicher Weise die peripheren Bedingungen der Erregung noch mehr als im vori- gen gegenüber den centralen der Aufmerksamkeit zurücktreten, ist bis jetzt nur ein einziger näher erforscht: er besteht in den Zeitverschiebungen, die sich einstellen, wenn in eine Reihe stetig einander folgender Gesichtsein- drücke in regelmäßigen Intervallen disparate Reize eingeschaltet werden. Nennt man die Verbindungen ungleichartiger Vorstellungen nach dem Vor- gang Herbarts »Complicationen«, so lassen sich Versuche dieser Art allgemein als »Complicationsversuche«, und die bei ihnen zur Anwendung kommenden Apparate als »Complicationsapparate« bezeichnen. Einen solchen, in der Astronomie längst angewandten Complicationsapparat stellt z. B. das »Passageinstrument« der Astronomen samt dem mit ihm zugleich benutzten Secundenpendel dar, wenn es bei der sogenannten »Auge- und Ohrmethode« zur Zeitbestimmung von Sterndurchgängen durch den Meri- dian des Beobachtungsortes benutzt wird. Der durch das eingetheilte Ge- sichtsfeld des Fernrohrs hindurchlaufende Stern bildet hier eine Reihe von stetig einander folgenden Gesichtseindrücken, die Pendelschläge der da- neben stehenden Uhr compliciren diese mit regelmäßig sich folgenden einzelnen Schallreizen. Da jedoch bei diesen Beobachtungen nur im all- gemeinen aus den abweichenden Resultaten verschiedener Beobachter auf das Stattfinden einer Zeitverschiebung zu schließen ist, deren Richtung und Größe unbekannt bleibt, so bedient man sich für psychologische Zwecke besser eigens construirter Vorrichtungen, die es gestatten, das wirkliche Zeitverhältniss der Eindrücke mit dem scheinbaren zu vergleichen. Ein Apparat solcher Art ist die »Complicationsuhr«, die in ihrer Con- struction einer großen Gewichtsuhr mit Windflügelregulirung zur Erhaltung 68 Zeitvorstellungen.

constanter Geschwindigkeiten gleicht, aber in ihrer Geschwindigkeit inner- halb weiter Grenzen variirt werden kann und außerdem mit einer Ein- richtung versehen ist, durch die im Moment des Vorüber- gangs des Zeigers an einem bestimmten Theilstrich des Zifferblatts ein Glocken- schlag ausgelöst wird. Zu- gleich ist die Stelle dieser Auslösung beliebig variirbar, so dass sie dem Beobachter, der den Gang des Zeigers verfolgt, unbekannt bleibt (Fig. 315)1. Hierbei ergibt sich nun regelmäßig, dass im allgemeinen der Theil- strich des Zifferblatts, bei dem der Schalleindruck wahrgenommen wird, nicht dem Ort seines wirklichen Eintritts entspricht, sondern bald mit einem früheren bald mit einem späteren Punkte zusammenfällt. Entspricht also z. B. in Fig. 3 1 5 die angegebene Stellung des Zeigers dem wirklichen Ort der Verbindung, so wird der Schall nicht an den ent- sprechenden Punkt der Scale, sondern, wie dies die unterbrochenen Linien andeuten, entweder an einen früheren oder späteren verlegt. Ersteres können wir die negative ( — ), letzteres die positive Zeitverschiebung (+) nennen. Das Verhältniss beider pflegt man auch dahin zu definiren, »im ersten Fall werde zuerst gesehen, und dann gehört, im zweiten zuerst ge- hört, und dann gesehen«. Diese Formulirung ist jedoch thatsächlich un- richtig oder mindestens irreführend. Denn sie beruht auf der falschen Annahme, dass überhaupt Sehen und Hören untheilbare, je auf einen bestimmten Augenblick concentrirte und darum gewissermaßen einander ausweichende Vorgänge seien; und sie hängt daher mit der zuweilen ge- hegten Vorstellung zusammen, es könne in einem gegebenen Moment überhaupt nur ein Eindruck von der Aufmerksamkeit erfasst werden. Dies ist aber durchaus nicht der Fall, wie schon der Umstand beweist, dass zwischen den beiden Gegensätzen der positiven und der negativen Fig. 315. Complicationsuhr, schematisch.

1 Vgl. die Beschreibung der nach diesem Princip construirten Complicationsuhr bei M. Geiger, Neue Complicationsversuche, Philos. Stud. Bd. 18, 1902, S. 349 ff.

Zeittäuschungen, ßq Zeitverschiebung immerhin auch die Verschiebung Null als Grenzfall vor- kommt. Zudem widerspricht jene meist den analogen astronomischen Erscheinungen zu Grunde gelegte Erklärung sowohl der subjectiven Be- obachtung wie den unter verschiedenen Bedingungen eintretenden Modi- ficationen der Erscheinung. Der Thatbestand des Bewusstseins ist nämlich bei diesen Versuchen keineswegs der, dass man etwa in einem bestimmten Moment bloß das Zifferblatt sieht, und in einem andern dieses verschwin- det und der Glockenschlag auftaucht, sondern man hat durchaus die Vor- stellung einer continuirlichen Zeigerbewegung, mit der sich an einer be- stimmten Stelle der Schall verbindet. Diese Verbindung ist also bei der positiven und bei der negativen ebenso gut wie bei der Zeitverschiebung Null eine simultane; und es handelt sich demnach auch nicht im mindesten in den beiden ersten Fällen um eine Succession der Vorstellungen, die im dritten nicht vorhanden wäre, sondern lediglich um eine Zeittäuschung bei gleichzeitig vorhandenen Vorstellungen, die nur dann ver- schwindet, wenn sich die Motive zu positiver und negativer Verschiebung das Gleichgewicht halten. Diese Motive selbst bestehen nun aber, wie die weiteren Variationen der Bedingungen lehren, überall in Verände- rungen der Spannung und Richtung der Aufmerksamkeit. So übt z. B. jedes auszeichnende Merkmal, das man an den Theilstrichen der Scale anbringt, oder eine ausgezeichnete Lage des Zeigers, wie die auf den obersten und untersten Punkt der Scale gerichtete, gewissermaßen einen Reiz auf die Apperception aus, und macht geneigt, den Schall mit dem betreffenden Punkt zu verbinden. Ein Beleg hierfür ist schon der Umstand, dass auch dann, wenn, wie in Fig. 315, die Scale nur aus ganz gleichen Theilstrichen besteht, man nicht leicht zwischen zwei Striche, auch wenn diese ziemlich weit von einander entfernt sind, den Schall verlegt1. Abgesehen von diesen Momenten, die bestimmten Raumpunkten einen Einfluss auf die Complication gestatten, sind aber drei Einflüsse die entscheidenden: die der Geschwindigkeit, der Richtung der Bewe- gung, und die der sogenannten Uebung, d. h., correcter ausgedrückt, die Summe der associativen und apperceptiven Wirkungen, die voran- gegangene Apperceptionen auf folgende ausüben.

Der Einfluss der Geschwindigkeit lässt sich kurz dahin zusammen- fassen, dass bei langsamer Bewegung die Tendenz zu negativen Zeitver- schiebungen überwiegt, während bei größerer Geschwindigkeit die zu positiven vorwaltet. Dazwischen liegt ein Indifferenzpunkt, bei dem die 1 Für die Untersuchung solcher Modificationen ist es zweckmäßig, eine Reihe ver- schiedener eingetheilter Zifferblätter aus Carton anzufertigen. Bei der Construction des Apparates ist darauf Bedacht genommen, dass solche Hülfsscheiben leicht eingesetzt wer- den können.

Zeitverschiebungen durchschnittlich Null sind. Er findet sich individuell etwa zwischen einer Umdrehungsdauer des 25 cm langen Zeigers von 5 bis 2 See. oder einer Geschwindigkeit von 28 — 48 cm-sec. Bei größeren Geschwindigkeiten wird dann die Verschiebung positiv, erreicht aber bald eine Grenze, bei der wegen der Undeutlichkeit des rasch bewegten Zei- gers eine bestimmte Complication nicht mehr möglich ist. Auf der andern Seite bilden bei einer Umdrehungsdauer von 6 — 8 See. negative Zeitverschiebungen von 0,08 — 0,1 2S die äußerste Grenze, jenseits deren der Werth derselben rasch gegen Null sinkt, indem sich die Bewegung dem Punkte nähert, wo sie langsam genug ist, dass der Ort des wirklichen Schalls unmittelbar wahrgenommen werden kann. Dieser Einfluss der Geschwindigkeit complicirt sich ferner noch mit dem der Richtung der Bewegung in dem Sinne, dass bei aufsteigender Bewegung die Neigung zu negativen, bei absteigender die zu positiven Zeitverschie- bungen vorwiegt. Diese Erscheinung ist, wie die Beobachtung der dem bewegten Zeiger folgenden Nachbilderscheinungen lehrt, durch jenen verschiedenen Energieaufwand bei der auf- und abwärtsgerichteten Blick- bewegung bedingt, wie er sich an gewissen geometrisch-optischen Täu- schungen zu erkennen gibt (Bd. 2, S. 558 f.). Bei der relativ erschwerten Aufwärtsbewegung bleibt nämlich der Blick hinter der Zeigerbewegung zurück, daher das Nachbild des Zeigers verbreitert erscheint, wogegen bei der leichteren Abwärtsbewegung der Blick dem Zeiger unmittelbar fixirend zu folgen pflegt1. Diese Einflüsse der Geschwindigkeit und der Bewegungsrichtung bleiben nun auch bei längerer Fortsetzung der Beobachtungen ihrer allgemeinen Richtung nach bestehen; doch wer- den die Werthe der negativen Zeitverschiebungen kleiner, und diese erreichen schon bei einer geringeren Verlangsamung den Grenzwerth, von dem an sie wiederum sinken. Auf diese Weise nehmen bei fortgesetzter Wiederholung die Zeitverschiebungen überhaupt in ihrer Größe ab. Na- mentlich aber vermindern sich die anfänglich weitaus vorherrschenden ne- gativen Verschiebungen, während sich die positiven über ein weiteres Gebiet von Zeitwerthen ausdehnen2. Die Fig. 316 veranschaulicht diese Verhältnisse an zwei idealen Curven, von denen die an den einzelnen Beobachtern gewonnenen natürlich im einzelnen mannigfach abweichen. Die Abscissen entsprechen den Umdrehungszeiten des Zeigers von 1 bis 8 See. Die ausgezogene Curve enthält die Werthe einer ersten, von 1 Solche Nachbildversuche sind im Dunkeln auszuführen, indem man Zeiger und Theilstriche der Scale bei durchfallendem Licht als leuchtende Linien erscheinen lässt. Der Zeiger erscheint dann in der Phase der Aufwärtsbewegung stark verbreitert. Vgl.

großen zu kleineren Umdrehungszeiten fortschreitenden, die unterbrochene Curve die einer folgenden, unter dem starken Einfluss der Wiederholung- stehenden Versuchsreihe, die umgekehrt von kleineren zu größeren Zeiten übergeht. Die Werthe aller Zeitverschiebungen sind hier vermindert, das Gebiet der positiven ist weiter ausgedehnt, und die negativen erreichen schon bei kleineren Zeiten ihren Maximalwert?!.

Fig. 316. Gang der Zeitverschiebungen an der Complicationsuhr, schematisch.

Bemerkenswerthe Abänderungen dieser Ergebnisse entstehen, wenn die stetige Reihe der Gesichtseindrücke nicht mit gleichförmiger, sondern mit zu- oder abnehmender Geschwindigkeit abläuft. Diese Bedingung wird verwirklicht, wenn man statt der gleichförmig stetigen Bewegung des Uhrzeigers der Complicationsuhr ein »Complicationspendel« anwendet. Auch bei diesem wird an irgend einer beliebig variirbaren Stelle des Vorüber- gangs eines Zeigers vor einer Kreisscala ein disparater Sinneseindruck erzeugt. Die Zeigerbewegung selbst wird aber direct durch die Schwin- gungen eines durch ein Gewichtsuhrwerk im Gang gehaltenen Pendels be- wirkt. (Siehe unten Fig. 319, S. 82.) Hier besteht beim Passiren des Zeigers durch die Mitte der Scala annähernd constante Geschwindigkeit, rechts und links dagegen je nach der Richtung der Bewegung eine nach dem Pendelgesetz ab- und zunehmende. Die nächste Veränderung, die diese Versuchsweise herbeiführt, besteht nun darin, dass die bei der Complica- tionsuhr in so augenfälliger Weise hervortretenden Einflüsse der »Uebung« fast ganz verschwinden, so dass in dieser Beziehung die Bedingungen viel constanter bleiben. Man darf dies wohl ohne weiteres darauf zurück- führen, dass eben der fortwährende Wechsel der Geschwindigkeit und ihrer Veränderungen die Adaptation an eine bestimmte Vorstellungsfolge nicht aufkommen lässt, da mit dem nach jeder Beobachtung vorgenom- menen Ortswechsel des complicirenden Eindrucks jedesmal auch eine Veränderung der Geschwindigkeitsverhältnisse eintritt. So kommt es, dass, während bei der vorigen Einrichtung der Werth und die Grenzen der 72 Zeitvorstellungen.

Zeitverschiebungen in wenigen Stunden beträchtliche, wenn auch im all- gemeinen stetige Veränderungen erfahren, bei dieser variableren Versuchs- weise die gefundenen Werthe zwar hin- und herschwanken, aber in ihrer durchschnittlichen Größe annähernd constant bleiben. Im übrigen stimmen jedoch die Ergebnisse durchaus mit den vorigen überein, nur dass die negativen Zeitverschiebungen fortwährend stark überwiegen, um erst bei den größten Geschwindigkeiten positiven Platz zu machen. Daneben complicirt sich der auch hier auftretende Einfluss der Bewegungsrichtung mit dem der Geschwindigkeitsänderung, indem die bei der aufwärts gehenden Bewegung bestehende Neigung zu negativer Verschiebung, wenn sie mit einer Phase beschleunigter Pendelbewegung zusammentrifft, beträchtlich verstärkt wird, und ebenso umgekehrt bei abwärts gerichteter Bewegung die abnehmende Zeigergeschwindigkeit der positiven Verschie- bung begünstigend entgegenkommt (S. 70). Die folgenden Mittelwerthe, aus einer großen Zahl während eines Monats täglich ausgeführter Versuche an mir selbst gewonnen, veranschaulichen diese Verhältnisse, c bedeutet die Winkelgeschwindigkeit des Zeigers, c' die Geschwindigkeitsänderung, und zwar -\-c' die Beschleunigung, — c' die Verlangsamung. Die Zeit- verschiebungen sind in Tausendtheilen der See. angegeben1.

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