SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Diese Forderung gewinnt nun natürlich ihre specifische Bedeutung vor allem bei jenen Objecten unserer Beobachtung, die selbst zugleich Subjecte, wahrnehmende, fühlende und handelnde Wesen sind, und die wir wegen dieser Vereinigung von Eigenschaften psychophysische Or- ganismen nennen können. Für unsere unmittelbare Auffassung sind bei ihnen Leib und Seele ein Wesen, nicht verschiedene. i\ber indem die 7 68 Principien der Psychologie.

Theilung der wissenschaftlichen Aufgaben auch auf sie übergreift, zerfallen wir ihre Lebensvorgänge in physische und in psychische; und indem nun diese beiden überall in Wechselbeziehungen zu einander treten, ergibt sich für sie ein Gesichtspunkt, der nicht erst neu hinzugebracht wirdr sondern aus eben jenen ursprünglichen Abstractionen mit Nothwendigkeit entsteht, aus denen die naturwissenschaftliche und die psychologische Be- trachtungsweise selbst hervorgegangen sind. Da bei den Naturerschei- nungen und demnach auch bei den physischen Lebenserscheinungen von den psychischen Vorgängen geflissentlich abstrahirt ist, so versteht es sich von selbst, dass aus diesen objectiven Vorgängen, die ihrer subjec- tiven Seite entkleidet wurden, die subjectiven Eigenschaften selbst nimmer- mehr abgeleitet werden können, gerade so wie auch das Umgekehrte,, die Ableitung der physischen Lebensvorgänge aus psychischen Erlebnissen als solchen, unmöglich ist. Leib und Seele sind eine Einheit, aber sie sind nicht identisch; sie sind nicht dieselben, sondern sie sind zusammen- gehörige Eigenschaften lebender Wesen. Wenn schon für die praktische Lebensanschauung keine der beiden Seiten auf die andere reducirbar ist, so ist sie es für die wissenschaftliche erst recht nicht, nachdem diese erkannt hat, dass die Standpunkte der Betrachtung dort und hier grundsätzlich verschiedene sind. So wenig die Objecte, nachdem ihr Begriff unter strenger Abstraction von dem Subjecte bestimmt wurde, nun selbst zu diesem Subject werden können, gerade so wenig kann das Subject seinerseits diese in ihrer unabhängigen Natur erkannten Objecte als seine eigenen Erzeugnisse in Anspruch nehmen. Wohl aber ent- steht in Folge dieser principiellen Scheidung der Aufgaben für die Wissenschaft eine Frage, die der praktischen Lebensanschauung, für die jene Scheidung noch nicht existirt, ferne liegt. Sie lautet: wie sind^ nachdem die Naturforschung die gesammte Erfahrung von ihrem streng objectiven, die Psychologie ebenso von ihrem durchaus subjectiven Stand- punkte aus analysirt hat, nunmehr die Beziehungen zwischen beiden, zwischen jenen bloß objectiv und diesen bloß subjectiv betrachteten Er- scheinungen aufzufassen?

d. Heuristisches Princip des psychophysischen Parallelismus.

Die zuletzt aufgeworfene Frage ist, wie man ohne weiteres erkennt,, keine, die von irgend einem metaphysischen Princip aus zu beantworten wäre, sondern sie ist lediglich eine Frage der Erfahrung, genau im selben Sinne, in welchem Naturerscheinungen und seelische Vorgänge selbst schließlich Thatsachen der Erfahrung sind. Für den Standpunkt naiver Lebenserfahrung besteht sie noch nicht, weil für ihn das Körperliche und Seelische genau ebenso coexistirende Eigenschaften gewisser Dinge sind, Der Begriff der Seele. y5g wie etwa die Farbe und das Gewicht eines Körpers. Für die Wissen- schaft aber erhebt sie sich deshalb, weil sie Farbe, Gewicht und andere objective Eigenschaften als solche kennen gelernt hat, die als Erscheinungs- formen eines und desselben objectiven Substrates in der mannigfaltigsten Weise mit einander zusammenhängen oder in einander übergehen können, während sie zu einer Subsumtion der seelischen Vorgänge unter die gleichen Gesichtspunkte einer allgemeinen Naturgesetzlichkeit selbstver- ständlich niemals gelangen kann, weil sie ja, um den Begriff jenes ob- jectiven Substrats zu gewinnen, von vornherein von eben diesen Vor- gängen abstrahirt hat. So ist es denn auch thatsächlich die Erfahrung, die uns von frühe an belehrt, dass gewisse Erscheinungen, die der ob- jectiven Gruppe physischer Vorgänge angehören, zu andern, die für uns unmittelbare subjective Erlebnisse sind, in regelmäßigen Beziehungen stehen. Wenn ein Lichtstrahl unsere Netzhaut trifft, hier gewisse photo- chemische Processe auslöst, die als Reize zum Centralorgan geleitet werden, so empfinden wir Licht und Farbe. Wenn gewisse vasomoto- rische, respiratorische und mimische Symptome eintreten, die auf eine gemeinsame Erregung von irgend einem Centralgebiet aus hinweisen, so erleben wir das was wir einen Affect nennen, u. s. w. In allen diesen Fällen kann nicht davon die Rede sein, dass sich die einen, die sogenannten physischen Glieder der Vorgänge, in die andern, die psychischen, transformirt hätten, da für den streng naturwissenschaft- lichen Standpunkt die psychische Seite des Geschehens gar nicht existirt. Aus der Empfindung Blau als solcher lässt sich also ebenso wenig die Wellenlänge der entsprechenden Farbe und die von dieser erzeugte photo- chemische Wirkung in der Netzhaut, wie umgekehrt aus der Wellenlänge und aus den Nervenprocessen in Netzhaut und Sehcentrum die subjective Empfindung Blau ableiten. So ergibt sich hier für diese Beziehungen der physischen und der psychischen Lebensvorgänge mit innerer Notwendig- keit ein heuristisches Princip, welches in dem Satze seinen Ausdruck findet: überall wo regelmäßige Beziehungen zwischen psychischen und physischen Erscheinungen bestehen, sind beide weder identisch noch in einander transformirbar, denn sie sind an sich unvergleichbar; aber sie sind einander in der Weise zugeordnet, dass gewissen psychischen ge- wisse physische Vorgänge regelmäßig entsprechen oder, wie man sich bildlich ausdrückt, dass beide »einander parallel gehen«. Diese Bezeich- nung, die wir hier, weil sie nun einmal eingeführt ist, beibehalten wollen, ist allerdings nur zur Hälfte richtig. Sie drückt zwar treffend aus, dass die beiden hier in Correlation gebrachten Erscheinungsgruppen nicht identisch, aber sie drückt nicht aus, dass sie auch unter einander unver- gleichbar sind, da die Abstractionen, die den sämmtlichen Begriffen über Wuxdt, Grundzüge. III. s. Aufl. *q nno Principien der Psychologie.

das Substrat der Naturerscheinungen zu Grunde liegen, dies ausschließen. Mit dieser absoluten Unvergleichbarkeit der objectiven Naturbegriffe und der unmittelbaren subjectiven Erlebnisse hängt es denn auch zusammen, dass die Naturwissenschaft durch jene Abstractionen genöthigt wird, den Begriff eines allgemeinen objectiven Substrates der Naturerscheinungen einzuführen, für das sie in freilich völlig verändertem Sinne den vormaligen metaphysischen Begriff der »Substanz« verwerthet, indess er für die Psychologie, eben weil er ganz und gar in die abstracten Objectbegriffe hinübergewandert ist, absolut kein Existenzrecht mehr besitzt1.

Das Princip des psychophysischen Parallelismus ist demnach kein metaphysisches Princip. Dies muss um so mehr betont werden, weil es in der That metaphysische Lehren gegeben hat und noch gibt, auf die man den nämlichen Ausdruck anzuwenden pflegt. Als DESCARTES der mechanischen Weltanschauung die gesammte Naturphilosophie zu er- obern suchte, da zog er hieraus keineswegs diejenigen Consequenzen, die sich ihm aus der bestimmten Vergegenwärtigung der logischen Grund- lagen dieser Abstraction ergeben konnten, sondern er übertrug im Gegen- theil nunmehr die für die materielle Substanz gewonnenen Begriffe der Beharrlichkeit und der Unveränderlichkeit auch auf den überkommenen Begriff der Seelensubstanz, dem er nur dadurch seine specifische Eigenart zu wahren suchte, dass er die Eigenschaften der beiden Substanzen gleich- zeitig conträr und contradictorisch einander entgegenstellte: die Materie wurde zur ausgedehnten und nicht denkenden, die Seele zur denkenden und nicht ausgedehnten Substanz. Für das Verhältniss beider zu einander blieb er dagegen bei der Auffassung einer unmittelbaren Einheit von Leib und Seele stehen, wie er sie in der praktischen Lebensanschauung vorfand, obgleich doch im Grunde diese Vorstellungsweise in die von ihm vollzogene naturwissenschaftliche Abstraction schlechterdings nicht mehr hineinpasste; daher sich denn auch unvermeidlich der Widerspruch heraus- stellte, dass die Seele auf der einen Seite als ein schlechthin unräumliches Wesen definirt, auf der andern aber nicht nur räumlich localisirt, sondern auch in den Mechanismus der materiellen Bewegungsvorgänge verwickelt wurde. Auf diese Weise war sie im Grunde nichts anderes als ein mate- rielles Atom, das ausnahmsweise mit der Eigenschaft des »Denkens« aus- gestattet sein sollte.

Der Widerspruch dieses latenten Materialismus ist schon den Schülern des großen mathematischen Philosophen nicht entgangen. Sie suchten ihn zunächst in einer sehr unzulänglichen Weise in der Form des sogenannten 1 Vgl. dazu das oben S. 702 über die Motive dieser naturwissenschaftlichen Begriffs- bildung Bemerkte.

Der Begriff der Seele. "in\ »Occasionalismus« zu lösen. Ihn kann man als die erste Form des »metaphysischen Parallelismus« bezeichnen. Leib und Seele sind nach den Occasionalisten völlig' verschieden, und sie können darum nicht auf einander wirken, sondern es bedarf dazu einer »übernatürlichen Assistenz«. Die höchste Substanz, Gott, ist es demnach, der die beiden von ihm geschaffenen Substanzen fortwährend so zu einander in Beziehung- setzt, dass in dem Körper jedesmal das geschieht, was den seelischen Vorgängen adäquat ist, und vice versa. So gehen Seelisches und Körper- liches einander »parallel«; aber dass sie das thun, ist ein fortwährend sich wiederholendes Wunder. Dieses Wunder in ein einmaliges zu verwandeln, und den Begriff desselben zugleich so zu gestalten, dass das Wunder selbst verschwinde und zu einer vernünftigen, ja logisch unvermeidlichen Notwendigkeit werde, darauf ist nun die Tendenz der ganzen folgenden Metaphysik gerichtet. Sie hat das Problem in einer doppelten Form zu lösen versucht: in einer logisch strengeren, die damit freilich zugleich den Boden der Wirklichkeit völlig unter den Füßen verlor; und in einer con- cilianteren, den Ansprüchen des wirklichen Lebens entgegenkommenden, aber auch willkürlicheren und im Grunde phantastischeren. Die eine dieser Lösungen ist die Spinozas, die andere diejenige LEiBNizens. Beide repräsentiren die zweite Form des metaphysischen Parallelismus in äußer- lich verschiedener, an sich aber, was speciell die Stellung zu diesem Problem betrifft, wesentlich übereinstimmender Weise. Bei Spinoza sind Materie und Geist verschiedenartige, jedoch durchgängig unter sich über- einstimmende Attribute einer Substanz: jedem materiellen Sein oder Zu- stand entspricht eine Idee dieses Seins oder Zustandes, und umgekehrt. Darum ist die Seele die Vorstellung des dazu gehörigen lebenden Körpers, dieser die objective Realisirung seiner Idee. Bei Leibniz sind die Seele und die Monaden des Leibes an sich gleichartige Wesen und eben darum in prästabilirter Harmonie mit einander verbunden. In beiden Fällen gehen auf diese Weise Physisches und Psychisches einander »parallel«. Nur die metaphysischen Voraussetzungen, aus denen dies deducirt wird, sind abweichende. Dem Cartesianer Spinoza bleiben Seele und Leib noch unmittelbar gegebene Wirklichkeiten, nur dass sie sich auf dem Hintergrund einer unendlichen übersinnlichen Substanz abheben. Dem bereits auf dem Weg zu einer idealistischen Weltanschauung sich be- wegenden Leibniz sind beide eigentlich geistige Substanzen, Seelen, die gerade deshalb, weil sie innerlich übereinstimmen, auch in der äußeren Erscheinung harmoniren. Hier wie dort ist es ein a priori nothwendiges metaphysisches Weltgesetz, dass allem Physischen ein Psychisches, und dass ebenso umgekehrt allem Psychischen ein Physisches als sein Eben- bild oder als sein prästabilirter Parallelvorgang entspricht. Da aber den 772 Principien der Psychologie.

körperlichen Dingen auf seelischer Seite Vorstellungen entsprechen, so ist die geistige Seite der Dinge ebenso in den Vorstellungen gegeben, wie ihre natürliche Beschaffenheit in den Körpern, deren Bilder jene Vor- stellungen sein sollen.

Dass die als Consequenz verschiedener Standpunkte, des naturwissen- schaftlichen und des empirisch-psychologischen, sich ergebende Betrach- trachtung der psychophysischen Lebensvorgänge mit diesem metaphysi- schen Parallelismus schlechterdings gar nichts zu thun hat, und dass vielmehr in allen wesentlichen Punkten jener das gerade Gegentheil von diesem ist, sollte nach dem oben Ausgeführten kaum noch der Hervor- hebung bedürfen. Da aber von solchen, denen der Standpunkt der heutigen Psychologie im wesentlichen fremd ist, und die mehr in der Ver- gangenheit als in der Gegenwart der Philosophie leben, jenes heuristische mit diesem metaphysischen Princip noch fortwährend verwechselt wird, so mögen hier die wesentlichen Differenzpunkte noch einmal hervor- gehoben werden: i) Der metaphysische Parallelismus ist gebunden an die Substanzhypothese, mag er nun dieser in der Form der zwei verschiede- nen Substanzen oder einer einheitlichen Substanz mit verschiedenen At- tributen huldigen; das heuristische Princip des Parallelismus ist umgekehrt mit dem actuellen Seelenbegriff gegeben, da es nichts anderes als die nothwendige Consequenz jener Einheit von Leib und Seele ist, nach welcher die letztere als der Inbegriff der wirklichen seelischen Vor- gänge gedacht wird. 2) Der metaphysische Parallelismus ist kein Princip, das sich irgendwie empirisch begründen, und auf Grund dessen sich etwa die Erfahrung interpretiren ließe. Vielmehr liegt seine Hypothese, dass jedem Physischen ein Psychisches entsprechen müsse, ganz außerhalb der Möglichkeit empirischer Bewährung. Sie ist transcendent, gerade so wie die Substanzbegriffe selbst, aus denen sie abgeleitet ist, transcen- dente Begriffe sind. Der Parallelismus als heuristisches Princip hat da- gegen mit einem solchen überwirklichen Hintergrund der Erscheinungswelt absolut nichts zu thun. Er ist lediglich die Uebertragung der unmittelbar gegebenen Einheit von Leib und Seele auf die in Naturwissenschaft und Psychologie ausgeführte Arbeitstheilung, und erstreckt sich daher weder über die ursprüngliche Einheit noch über die aus ihr hervorgegangenen Sonderbetrachtungen hinaus. Vielmehr ist er eben schlechthin nur die Wiederaufhebung der in jenen beiden Wissenschaftsgebieten nothgedrungen vollzogenen Gebietsscheidung. 3) Der metaphysische Parallelismus führt mit innerer Nothwendigkeit zu einer metaphysischen Psychologie. Will er sich der Erfahrung gegenüber rechtfertigen, so kann dies nur geschehen, indem er wohl oder übel aus seinen Voraussetzungen die psychologische Erfahrung abzuleiten sucht. Dies gelingt ihm aber hinwiederum nur Der Begriff der Seele. ll'h dadurch, dass er an die Stelle der eigentlichen Aufgabe der Psychologie, der Beschreibung und Analyse der unmittelbar erlebten Wirklichkeit, un- wirkliche, rein imaginäre Constructionen setzt, die zu jener erlebten Wirk- lichkeit dann nachträglich in ebenso willkürlicher Weise in Beziehung gesetzt werden. Dies tritt im vorliegenden Fall auf das deutlichste darin zu Tage, dass der metaphysische Parallelismus, welche Form und Färbung er im übrigen haben möge, regelmäßig einer intellectualistisch gefälschten Betrachtung des Seelenlebens anheimfällt. Denn es ist für ihn ein selbst- verständliches Dogma, dass sich nur das in der Seele spiegelt was in der Außenwelt objectiv wirklich ist. Wie die objective Erscheinungswelt in den Körpern, so besteht ihm daher die subjective in den Vorstellungen, als den idealen Abbildern der Körper. Auch in dieser Beziehung steht das heuristische Princip des Parallelismus auf einem völlig andern Boden. Nicht das ist hier maßgebend, was irgend eine metaphysische Hypothese zu glauben befiehlt, sondern was sich unmittelbar als thatsächlich gegeben der subjectiven Beobachtung darbietet1.

Das Princip des psychophysischen Parallelismus in dem hier fest- gehaltenen Sinne ist hiernach ein heuristisches nicht nur, weil es sich ausschließlich auf die Thatsachen beschränkt, für die es unmittelbar em- pirisch gefordert wird, sondern namentlich auch insofern, als es sich grund- sätzlich auf die unmittelbare Wirklichkeit der Erscheinungen bezieht, nicht auf das metaphysische Wesen der Dinge. Denn es ist lediglich eine Be- trachtungsweise, welche die beiden einander ergänzenden wissenschaft- lichen Standpunkte, den rein objectiven der Naturwissenschaft und den subjectiven der Psychologie, widerspruchslos mit einander zu verbinden erlaubt. Weil nun aber keiner dieser Standpunkte die volle Wirklichkeit enthält, so kann auch das heuristische Princip des psychophysischen Parallelismus keinen Anspruch darauf erheben, mehr zu sein als eben 1 Die Arbeiten über das Problem des sogenannten psychophysischen Parallelismus sind in den letzten Jahren allmählich zu einer ansehnlichen Litteratur angewachsen, die in zahlreichen Aufsätzen und in philosophischen und psychologischen Werken niedergelegt ist; ja die Frage droht bereits zu einem beliebten Dissertationsthema zu werden. Ich gehe hier nicht auf diese Litteratur ein. In den meisten der einschlagenden Arbeiten wird das heuristische mit dem metaphysischen Princip vermengt, für eine inconsequente Abart des letzteren erklärt u. dgl. Gegen diese Auffassung lässt sich nichts sagen, wenn man mit den betreffenden Autoren der Meinung ist, dass der Begriff der Seelensubstanz für die Psychologie unentbehrlich sei, und dass die Psychologie eine metaphysische Grund- legung erfordere. Da ich im Gegensatze hierzu meine, dass die Psychologie nicht nur jenen Begriff nicht bedarf, sondern, so weit sie wirkliche Wissenschaft war, nie von ihm Gebrauch gemacht hat, und dass die Metaphysik in die Psychologie so wenig gehört, wie etwa in die Zoologie oder Geschichte, so bewegen sich die meisten jener Discussionen außerhalb des Gesichtskreises, dem das heuristische Prirrtip des Parallelismus entstammt. Eine treffliche kritische Erörterung der hauptsächlichsten hierher gehörenden Arbeiten vom Standpunkt des letzteren Princips aus gibt übrigens Edm. König in seinen Aufsätzen zur Parallelismusfrage und über psychophysische Causalität, Zeitschr. für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 115, Heft 2, und Bd. 119, Heft 1.

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eine Maxime, die so lange unerlässlich ist, als es sich bloß darum han- delt, die Ergebnisse der empirischen Naturforschung auf der einen und die der empirischen Psychologie auf der andern Seite zu vereinigen. Indem das Princip beide Betrachtungsweisen ruhig neben einander be- stehen lässt, so kann auch keine Rede davon sein, dass es irgendwie den Anspruch erheben könnte, dieselben auszugleichen. Vielmehr gibt es nur zwei Instanzen, vor denen eine solche Ausgleichung möglich ist. Sie liegen aber beide außerhalb der Sphäre des Parallelismusbegriffs. Die eine dieser Instanzen ist die praktische Lebensanschauung, für welche die Einheit von Leib und Seele als eine unmittelbare, nicht erst durch irgend eine Hülfsannahme herbeizuführende, trotz aller unserer wissenschaftlichen Abstractionen und Analysen fortan unangetastet bestehen bleibt. Die andere Instanz ist eine metaphysische Betrachtung, die von dem Gegebenen ausgeht und es auf eine letzte, die in der Erfahrung auseinanderfallenden objectiven und subjectiven Glieder wieder verbin- dende Einheit zurückzuführen sucht. Sie kann, da das Gegebene keine irgendwie beharrende Substanz, sondern der Fluss der Erscheinungen ist, wiederum auf keinen Parallelismus zurückkommen, da dieser als metaphysi- sches Princip an die Substanzhypothese gebunden bleibt. Vielmehr wird jene metaphysische Einheit der in der unmittelbaren Erfahrung gegebenen Einheit des körperlichen und seelischen Geschehens selbst entsprechen müssen, nur dass sie jetzt keine unmittelbare mehr ist, sondern eine wiedergewonnene, die aus der zu der getrennt geführten Analyse der Wissenschaften nothwendig gehörenden Synthese hervorgeht. Diese meta- physische Synthese ist jedoch hier nicht unsere Aufgabe. Denn sie liegt jenseits der Probleme der Physiologie wie der Psychologie, mit deren Ver- hältniss wir es hier allein zu thun haben1.

Die heuristische Geltung des Parallelismusprincips führt nun aber schließlich noch eine weitere Frage unvermeidlich mit sich: die nach dem Umfang seiner Geltung. Für den Anhänger jenes metaphysischen Paral- lelismus, der die natürliche Einheit von Leib und Seele zuerst zerstört, um sie dann nachträglich als einen Deus ex machina wieder erstehen zu lassen, existirt natürlich diese Frage nicht. Hier gilt der Satz: jedem Physischen entspricht ein Psychisches und umgekehrt, absolut und unumschränkt, was auch die Erfahrung dazu sagen mag. Als heuristisches Princip dagegen reicht der Parallelismus natürlich genau so weit, als seelische Vorgänge entweder unmittelbar in der subjectiven Erfahrung gegeben sind oder mit 1 Wie eine solche Synthese auf der Grundlage der thatsächlichen Ergebnisse natur- wissenschaftlicher und psychologischer Analyse und im Sinne des Actualitätsprincips aus- geführt werden könne, habe ich im vierten -Abschnitt meines Systems der Philosophie (2 S. 341 ff.) zu zeigen versucht.

Der Begriff der Seele. 77c großer Wahrscheinlichkeit auf Grund objectiver Merkmale angenommen werden können. Für unsere wissenschaftliche Betrachtung der Dinge hat daher der angebliche Parallelismus von Atombewegung und Empfindung, von dem gelegentlich moderne Biologen schwärmen, ungefähr ebenso viel Sinn wie die phantastische Idee des PARACELSUS, dass die Mineralien die Eigenschaft besäßen, in verborgener Weise Nahrung aufzunehmen und Secrete abzusondern. Die psychischen Vorgänge existiren gerade so wie die Naturerscheinungen da, wo sie in der Erfahrung existiren, und selbst die Frage, ob zu jedem psychischen Vorgang ein physischer Cor- relatvorgang in dem lebenden Organismus anzunehmen sei, ist lediglich eine quaestio facti, die nicht a priori, sondern nur empirisch entschieden werden kann.

Die physiologische Psychologie entscheidet aber diese Frage mit einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit dahin, dass es keinen ele- mentaren seelischen Vorgang, also keine Empfindung und keine subjective Gefühlserregung gibt, der nicht ein physiologischer Process oder vielmehr bereits ein Complex physiologischer Processe parallel ginge. Da sich nun alle seelischen Vorgänge aus solchen Elementen zusammensetzen, so ist damit auch gesagt, dass das Princip des psychophysischen Parallelismus für die psychischen Erfahrungsinhalte ein allgemeingültiges heuristisches Princip ist. Für die objectiven oder physischen Erfahrungsinhalte trifft das Umgekehrte natürlich nicht zu, da es zahlreiche Naturvorgänge gibt, bei denen wir nicht den allergeringsten Grund haben anzunehmen, dass sie, wie man zu sagen pflegt, »eine psychische Seite haben«, oder, wie wir es wohl zutreffender ausdrücken, dass sie zugleich die Bedeutung psychophysischer Lebenserscheinungen ihres objectiven Substrates, nicht bloß solcher des sie wahrnehmenden Subjectes besitzen. Aber noch ist mit dieser Allgemeingültigkeit des Parallelprincips für die psychophysi- schen Lebensvorgänge eine andere Frage keineswegs beantwortet: die nämlich, in wiefern der Beziehung aller psychischen Elemente auf begleitende physische Lebensvorgänge auch wieder eine Beziehung der Ver- bindungen jener Elemente zu physiologischen Verbindungen entspreche oder nicht. Selbstverständlich muss ja diese Frage in dem Sinne be- jahend beantwortet werden, dass zu allen den psychischen Elementen, die in einem complexen Erzeugniss vorkommen, auch die zugehörigen physi- schen Processe in gleichzeitiger Verbindung gegeben sein müssen. Aber damit ist doch noch keineswegs gesagt, dass nun auch diese physischen Parallelvorgänge irgend eine einheitliche Resultante besitzen werden, die jener psychischen Resultanten entspräche. Vielmehr handelt es sich in diesem Fall wiederum lediglich um eine quaestio facti. Dem heuristi- schen • Princip. des Parallelismus ist nach dem heutigen Stand unserer 776 Principien der Psychologie.