Gilgamesch
Mesopotamisches Epos, das als das erste große erzählende Werk der Weltliteratur gilt und dessen vollständigste Fassung —bekannt als „Standard-babylonische Version“, im Akkadischen um das 12. Jahrhundert v. Chr. verfasst und traditionell dem Schreiber Sin-leqi-unninni zugeschrieben— im 19. und 20. Jahrhundert aus Dutzenden fragmentarischer Keilschrifttafeln rekonstruiert wurde, die vor allem in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive gefunden wurden, wenngleich frühere sumerische Fassungen einen mehr als tausendjährigen Prozess mündlicher und schriftlicher Entstehung und Überlieferung bezeugen. Das Werk erzählt die Abenteuer des Gilgamesch, halblegendärer König der sumerischen Stadt Uruk, eines Herrschers von übermenschlicher Stärke und Schönheit, der jedoch tyrannisch gegenüber seinem Volk auftrat, weshalb die Götter ihm Enkidu als Gegengewicht senden, einen aus Lehm geschaffenen Mann, der zunächst unter Wildtieren lebt, bis er durch den geschlechtlichen Kontakt mit einer Priesterin zivilisiert und in die Stadt gebracht wird, wo er nach einem anfänglichen Kampf zwischen beiden zu Gilgameschs großem Freund und Abenteuergefährten wird. Gemeinsam vollbringen sie Heldentaten —die Tötung des Ungeheuers Humbaba im Zedernwald und die des Himmelsstiers, den die Göttin Ischtar aus Rache für Gilgameschs Zurückweisung entsandt hatte—, doch Enkidus plötzlicher Tod als göttliche Strafe für diese Taten stürzt Gilgamesch in eine tiefe existenzielle Verzweiflung angesichts der Gewissheit seiner eigenen Sterblichkeit, was ihn auf eine verzweifelte Suche nach Unsterblichkeit treibt, die ihn zu Utnapischtim führt, dem einzigen menschlichen Überlebenden einer von den Göttern gesandten Sintflut, der ihm in einer bemerkenswert der biblischen Sintfluterzählung parallelen Episode seine eigene Überlebensgeschichte erzählt. Obwohl er kurzzeitig eine Pflanze erlangt, die Verjüngung verleiht, verliert Gilgamesch sie an eine Schlange, bevor er sie nach Uruk zurückbringen kann, und kehrt schließlich in seine Stadt zurück, wobei er die Grenzen der sterblichen Natur letztlich akzeptiert und im fortdauernden Vermächtnis seiner zivilisatorischen Werke einen gewissen Trost findet. Das Epos stellt eines der frühesten und tiefgründigsten literarischen Zeugnisse universeller menschlicher Reflexion über Freundschaft, Trauer, Sterblichkeit und den Sinn des Daseins angesichts der Unausweichlichkeit des Todes dar.