Gregory of Nyssa
Bischof von Nyssa in Kappadokien, mystischer Theologe und einer der drei »kappadokischen Väter« (ca. 335–ca. 395), jüngerer Bruder des Basilius von Caesarea und enger Freund Gregors von Nazianz, zunächst als professioneller Rhetoriker ausgebildet, bevor er sich ganz dem kirchlichen Leben widmete, gemeinhin als der spekulativste und philosophisch anspruchsvollste der drei kappadokischen Väter und als einer der Begründer der christlichen Mystik im eigentlichen Sinne angesehen. Auf Druck seines eigenen Bruders Basilius zum Bischof geweiht, spielte Gregor nach dessen frühem Tod eine entscheidende Rolle bei der endgültigen Festigung der nizänischen Trinitätslehre auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel (381), indem er mit systematischer philosophischer Strenge die Unterscheidung zwischen der einen Substanz (ousia) und den drei Personen oder Hypostasen (Vater, Sohn, Heiliger Geist) der Trinität verteidigte. Sein originellster und einflussreichster theologischer Beitrag ist die Lehre von der »Epektasis«, vor allem in Das Leben des Mose und den Homilien zum Hohelied entwickelt, wonach die menschliche Seele, da Gott unendlich und unerschöpflich ist, weder in diesem Leben noch in der künftigen Ewigkeit jemals einen endgültigen, statischen Zustand geistlicher Vollkommenheit erreicht, sondern sich in einer immerwährenden, stets wachsenden Bewegung auf einen Gott zubewegt, der sich stets jenseits des bereits Erreichten offenbart — eine dynamische Konzeption von Heiligkeit und ewigem Leben, die sich radikal von den in der Tradition üblicheren statischen Vorstellungen kontemplativer Ruhe unterscheidet. Gregor entwickelte auch eine universalistische Lehre der endgültigen Erlösung — die »Apokatastasis«, die schließliche Wiederherstellung der gesamten Schöpfung, einschließlich der Dämonen, in die Gemeinschaft mit Gott —, eine umstrittene Position, die ihn von den meisten späteren patristischen Theologen unterscheidet und bis heute Gegenstand theologischer Debatten bleibt. Sein tiefgreifender Einfluss auf die Entwicklung der apophatischen christlichen Mystik, die die letzte Unerkennbarkeit Gottes jenseits aller menschlichen Begriffe betont, sollte sich entscheidend bei späteren Denkern wie Pseudo-Dionysius Areopagita bemerkbar machen.