James Mark Baldwin
Amerikanischer Psychologe und Philosoph (1861–1934), dessen Theorie der geistigen Entwicklung von den ersten Nachahmungen des Kindes bis zum Aufbau der Gesellschaft reicht und dessen Einfluss weiter trug als sein Name. Ausgebildet in Princeton sowie in Leipzig und Berlin, gründete er Laboratorien in Toronto, Princeton und an der Johns Hopkins University und mit James McKeen Cattell 1894 die Psychological Review.
Seine beiden Hauptwerke, Mental Development in the Child and the Race (1895) und Social and Ethical Interpretations in Mental Development (1897), beschreiben die Entwicklung als Folge von Stufen, in der das Kind durch die von ihm so genannte zirkuläre Reaktion — eine Handlung, die wiederholt wird, weil ihre eigene Wirkung den Reiz dazu erneuert — und durch Nachahmung die Handlungen anderer aufnimmt und daraus zugleich ein Selbst und eine Vorstellung der anderen aufbaut, die miteinander wachsen in dem, was er den socius nannte.
Er stellte diese Lehre unter dem Titel genetische Erkenntnistheorie dar, der Untersuchung, wie Wissen gebildet wird und nicht, was es rechtfertigt, und sowohl Jean Piaget, der Begriff und Wortschatz von Assimilation und Akkommodation übernahm, als auch Lew Wygotski, der mit seiner These vom sozialen Ursprung des Selbst stritt, arbeiteten auf einem von ihm gerodeten Feld. In der Evolutionstheorie erinnert man ihn wegen des 1896 vorgeschlagenen Baldwin-Effekts: Erlernte Anpassungen können, indem sie ihre Träger in einer neuen Umwelt am Leben halten, die Richtung der späteren natürlichen Auslese lenken, ohne jede Vererbung erworbener Eigenschaften.
Er gab die drei Bände des Dictionary of Philosophy and Psychology (1901–1905) heraus, lange das Standardwerk im Englischen. Seine amerikanische Laufbahn endete 1908 abrupt, als eine Polizeirazzia in einem Bordell in Baltimore ihn zum Rücktritt von Johns Hopkins zwang; die letzten Jahrzehnte verbrachte er in Mexiko und Paris, wo man ihn aufmerksamer las als daheim.