Kojiki
Die älteste erhaltene historische und mythologische Chronik Japans, im Jahr 712 n. Chr. im Auftrag der Kaiserin Genmei fertiggestellt und vom Hofgelehrten Ō no Yasumaro anhand des mündlich memorierten Wissens von Hieda no Are zusammengestellt, einer in den Quellen geschlechtlich uneindeutigen Gestalt, der ein außergewöhnliches Gedächtnis nachgesagt wird, das ganze Genealogien und Legenden zu rezitieren vermochte. In einer komplexen Mischung phonetisch und semantisch verwendeter chinesischer Schriftzeichen verfasst —ein frühes Transkriptionssystem (Proto-Man'yōgana), das moderne Philologen bis heute vor Herausforderungen stellt—, gliedert sich das Werk in drei Bücher: Das erste erzählt die Mythologie von der Erschaffung Japans und der Götter (Kami), von den ursprünglichen Gottheiten und dem Schöpferpaar Izanagi und Izanami bis zum Abstieg des Ninigi, des Enkels der Sonnengöttin Amaterasu, auf die Erde; das zweite und dritte Buch schildern, in einem Kontinuum, das die Grenze zwischen Mythos und Geschichte bewusst verwischt, die Herrschaft der frühesten legendären Kaiser, beginnend mit Jinmu, dem ersten Kaiser, bis hin zu Kaiserin Suiko im 7. Jahrhundert. Das Kojiki spielte eine grundlegende politische Rolle bei der Legitimierung der japanischen Kaiserdynastie als direkte Nachfahrin der Shinto-Götter, indem es eine ununterbrochene heilige Genealogie begründete, die das Kaiserhaus bis heute symbolisch trägt, und bildet zusammen mit dem Nihon Shoki (720) die wichtigste Primärquelle für die japanische Mythologie, Religion und frühe politische Geschichte. Es verlor jahrhundertelang an Bedeutung zugunsten des in prestigeträchtigerem klassischem Chinesisch verfassten Nihon Shoki, wurde jedoch von den nativistischen Gelehrten der Edo-Zeit, allen voran Motoori Norinaga, wiederentdeckt und als grundlegender Nationaltext reklamiert, dessen monumentaler Kommentar, das Kojiki-den, es erneut ins Zentrum der japanischen kulturellen und religiösen Identität rückte.